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Psychologie - Die Suche nach der eigenen Identität (Archiv)

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Namen ✓ Person ✓ Deutschland ✓ Zucchi ✓ Frag ✓ Esken ✓ Menschen ✓ Frage ✓ Beispiel ✓ Jaeggi ✓ Deutscher ✓ Matthew ✓ Sina ✓ Psychotherapieprofessorin ✓ Naika

Zusammenfassung:    

Die Psychologin Eva Jaeggi stellt in ihrem Buch verschiedene – wie sie es nennt – "typisch moderne Identitäten" vor, zum Beispiel die Single-Identität, etwas, das es erst seit wenigen Jahrzehnten gibt: " Es hat immer schon Alleinstehende gegeben, sie wurden ganz anders konnotiert. Als etwas seltsam oder verschroben oder einfach von ihrem sozialen Habitus her unmöglich zu heiraten, also das waren ganz andere Zuschreibungen, und wir sind noch immer in einer Phase, wo dieses Dasein als Single sehr unterschiedlich bewertet wird. " Selbstverständlich sieht der Internetsoziologe auch die Risiken: Dazu gehört, dass jeder zwangsweise identifiziert wird über unzählige Einzeldaten: Bei jeder Nutzung im Netz hinterlässt man Datenspuren, beim Einkaufen, ob online oder im Laden mit der Kreditkarte, werden Profile erstellt.

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Deshalb wurde wissenschaftlich auch besonders die Identitätsentwicklung bei Jugendlichen untersucht, weil man annahm, dass der Entwicklungsprozess irgendwann zu einem Ende kommt – man sprach dann von einer "gefestigten Persönlichkeit". Heute liegt die Betonung auf der lebenslangen Veränderlichkeit. Der Sozialpsychologe Heiner Keupp spricht von der "Patchwork-Identität" des heutigen Menschen, die immer gekoppelt ist an die jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen, auch an eine gesicherte ökonomische Basis. Die Psychologin Eva Jaeggi stellt in ihrem Buch verschiedene – wie sie es nennt – "typisch moderne Identitäten" vor, zum Beispiel die Single-Identität, etwas, das es erst seit wenigen Jahrzehnten gibt: " Es hat immer schon Alleinstehende gegeben, sie wurden ganz anders konnotiert. Als etwas seltsam oder verschroben oder einfach von ihrem sozialen Habitus her unmöglich zu heiraten, also das waren ganz andere Zuschreibungen, und wir sind noch immer in einer Phase, wo dieses Dasein als Single sehr unterschiedlich bewertet wird. " Befragungen zeigen, dass sich Singles in einer Art Übergang zwischen alt und neu befinden, nämlich " dass manche der Singles sich sehr stark noch an alten Begriffen orientieren, also sich selbst auch Schuld zuschreiben, dass sie so seltsam sind, heutzutage sagt man dann 'beziehungsunfähig', und es gibt Singles, die das mit großem Stolz sagen: ' ich brauche niemanden', wobeiman natürlich auch sagen muss, man ist nicht immer Single auf Lebenszeit, aber über längere Zeit alleine zu leben, ist etwas, wo man sein ganz eigenes Spezielles finden will. " Auch im Alter gibt es oft einen Widerspruch zwischen Selbstgefühl und Fremdzuschreibung. Menschen etwa ab fünfundsechzig sehen sich noch vielfach konfrontiert mit früheren Stereotypen – negative wie: alt gleich schwach oder unnütz, aber auch positive wie: alt bedeutet weise und ehrwürdig. Die Psychoanalytikerin hört in ihren Therapiegesprächen viele Fragen: " Wie man sich in diesem Alter zu kleiden hat, kann man sich da noch tätowieren lassen, geht man viel zum Arzt oder joggen und Skifahren, also das sind sehr, sehr unterschiedliche Bilder, und sehr viele Menschen vor allem in der Mittelschicht, die ja auch wirklich oft gesund und kräftig sind, haben das Gefühl, das passt auf mich überhaupt nicht, das Wort Alter, und andererseits müssen sie zugeben, jung bin ich natürlich auch nicht mehr. " Identitätsprobleme dieser "jungen Alten" ergeben sich etwa am Ende der Erwerbstätigkeit: Was kann ich noch Sinnvolles tun, oder in der Rückschau: War ich die Person, die ich hätte sein können? Oft ist es auch notwendig, das Leben anders, neu zu organisieren, etwa wegen eigener Krankheit oder Partnerverlust. " Es geht aber nicht nur um die jungen Alten, auch die älteren, die wirklich alten Menschen werden aufgerufen dazu, und das sind wieder gesellschaftliche Bewertungen, zum Beispiel wie ein berühmtes Buch heißt 'erfolgreich zu altern'. Erfolgreich altern heißt natürlich auch, eigentlich nicht zu altern. Oder das, was man dann doch notwendigerweise eingestehen muss an Altersgebrechen, so in einer Perspektive zu sehen, die zeigt, dass man weise geworden ist, dass man damit umgehen kann. " Insgesamt sind die Menschen heute freier, ihre Identität zu definieren. Doch für viele bedeutet der Wegfall der haltgebenden Strukturen auch eine Überforderung. Sie versuchen sich immer wieder in neuen Rollen und verlieren sich dabei ganz. Richard David Precht spricht in seinem Buch " Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?" sogar von negativer Identität: "Wir haben keine dauerhafte Zugehörigkeit mehr zu etwas. Es gibt natürlich immer noch Menschen, die die haben, aber mehrheitlich entwickelt sich die Gesellschaft in die Richtung, dass wir uns nicht mehr ein Leben lang mit einer bestimmten Rolle identifizieren. Sondern dass wir uns eigentlich vor allem Dingen dadurch identifizieren, dass wir nicht wie alle anderen seien wollen. Ich bin anders – Digitale Identität " Die Menschen wollen ins Internet und wissen, was ihre Freunde machen. Also bau' ich ne Website, die das anbietet. Ich rede davon, sämtliche Erlebnisse im College online zu stellen." - Aus dem Film über Facebook-Erfinder Marc Zuckerberg. Viele User präsentieren heutzutage im Web ihre Identität, ihr Profil. Und das ist meist nicht virtuell im Sinne von künstlich. Dr. Stefan Humer, Leiter des Arbeitsbereichs Internetsoziologie an der Universität der Künste Berlin sagt, das Digitale sei Teil unserer Lebenswirklichkeit " und deswegen gibt es meiner Meinung nach nur die eine Identität, die wir haben als Mensch, die natürlich sehr vielfältig ist, die aus unterschiedlichen Teilidentitäten besteht, man ist Bruder oder Vater oder Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, oder was auch immer, das sind natürlich unterschiedliche Rollen, und genauso ist es mit Digitalisierung auch, das ist ein im Prinzip anderer Bereich, der aber letztlich immer auf uns als Menschen zurückführt. " Manche verstecken sich in der Anonymität, aber viele Aktive im Netz wollen erkannt werden, beschreiben ihre Vorlieben und Abneigungen, präsentieren Selfies und Statusmeldungen aus ihrem Leben. "Eine der größten Chancen, wenn nicht sogar die größte ist tatsächlich, dass man näher an sich selbst herankommt. Also ich kann durch die Gestaltungsmöglichkeiten, die Digitalisierung mir bietet, einfach ganz viele Dinge meines Selbst besser ausleben. Wenn ich zum Beispiel räumlich etwas nicht ausleben kann, einfach weil das in meinem Umfeld nicht geht, also bestimmte Leuten für bestimmte Spiele oder Veranstaltungen zu treffen, dann kann ich das immerhin noch online ausdifferenzieren und mir da meinetwegen anschauen, wie es ist, ein bestimmter Fan von irgendetwas zu sein oder ähnliches. Für Miriam Meckel, Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement der Uni Graz, sind die Chancen der Ich-Findung im Netz dagegen eher gering. Bei der "Internet-Identität" gebe es einen Zwang zur Selbstoptimierung: Nicht "Wer bin ich?, sondern Wer oder wie muss ich sein? , damit mich die Anderen mögen, lautet die Frage. Das führt dazu, dass Menschen im Netz ihr Profil immer wieder den jeweiligen Anforderungen anpassen. Stefan Humer meint allerdings: "Es ist natürlich insgesamt trotzdem immer noch ein Riesenspielraum, und ob das unbedingt so ein Automatismus ist, dass man sich selber mehr nach den Vorgaben oder Erwartungen der Anderen richtet im digitalen Raum, da bin ich mir jetzt nicht so sicher, weil ich eben immer auch Fälle entdecke, wo es Leute gibt, die schon sehr, sehr viel eigene Ideen und Eigeninitiative einbringen und das auch umsetzen können. " Selbstverständlich sieht der Internetsoziologe auch die Risiken: Dazu gehört, dass jeder zwangsweise identifiziert wird über unzählige Einzeldaten: Bei jeder Nutzung im Netz hinterlässt man Datenspuren, beim Einkaufen, ob online oder im Laden mit der Kreditkarte, werden Profile erstellt. Und richtig gefährlich ist Identitätsdiebstahl im Netz. Einen absoluten Schutz gibt es nicht, aber doch einige technische und rechtliche Maßnahmen. Entscheidender sei aber, sich des Neuen erst einmal bewusst zu werden: " Das ist einfach die Frage der Kompetenz, die wir im Rahmen unserer Sozialisation haben, ich muss also fürs Digitale sehr viel eigenständig lernen, man muss das eigentlich im Vorfeld mal so ein bisschen für sich selbst durchspielen, wie man es in anderen Lebenssituationen ja auch macht, beim Auto fahren weiß ich ja auch, wenn jetzt ein Unfall passiert, was ich dann machen muss, womit ich rechnen muss, was das für Folgen hat, das wird aber im digitalen Raum gar nicht gemacht, und damit sollte meines Erachtens so eine eigene Stärkung des digitalen Umgangs immer beginnen. " Wenn ich in der analogen Realität etwas von mir preisgebe, bleibt es im gewünschten Kreis, selbst wenn ein bisschen "rumgetratscht" wird. Im Internet bleibt das Profil quasi für immer – und es ist auch sichtbar für Menschen, die von diesem Teil meiner Person nichts wissen sollen, zum Beispiel Arbeitgeber. " Also noch sehe ich tatsächlich die Möglichkeit, dass man sehr viel Gefahr abwehren kann, das wird natürlich nicht immer so anhalten, da wird's auch sicherlich dieses Hase-und-Igel-Spiel geben. Und deswegen ist es natürlich jetzt hilfreich, sich jetzt damit auseinanderzusetzen. " Bei der Frage "Wer bin ich? " geht es nicht nur um die individuelle, sondern auch um Gruppenidentität – und dabei sehr häufig um die kulturelle Herkunft. Woher kommst Du wirklich? Kulturelle Identität "Wir sind hier geboren, Deutschland, wir sind ein Teil davon. Und ihr wollt uns ständig sagen, dass wir nicht dazu gehören. Eure ganzen Scheißdebatten, das tut diese Jugend stören. " Kamyar und Dzeko mit ihrem Rap und Video "Generation Sarrazin", das zweitausendvierzehn erstmals bei Zeit online erschien. Ihre Eltern kommen aus dem Iran beziehungsweise aus Montenegro, sie haben zwei Staatsangehörigkeiten, sind zweisprachig aufgewachsen, muslimisch erzogen, gut in der Schule – zwei ganz normale Jugendliche aus Fulda eben. "S-Arrazin, geht es heute nicht gut. Guck mal alle meine Freunde, sie sind deutsch so wie du. " Die kulturelle Identität: bestimmt durch das Herkunftsland, durch Sprache oder Religion, auch durch Zugehörigkeitsgefühl und äußere Zuschreibungen. Doch vor allem angesichts der weltweiten Migration verwischen sich Merkmale immer mehr. Die Soziologin Dr. Naika Foroutan ist stellvertretende Direktorin des "Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung" an der Humboldt-Universität Berlin. Sie hat zwei aktuelle Studien gemacht, welche die Wirkungen der Migration auf den Prozess der Identitätsbildung in Deutschland untersuchen. Im Fokus der ersten Studie: muslimische Migranten der zweiten und dritten Generation. "Auf die Frage, als was würden sie sich bezeichnen, kamen immer wieder solche Aussprüche: ' Ich bezeichne mich lokal als Berliner oder Berlinerin', und wenn wir danach gefragt haben: 'Warum bezeichnest du dich nicht als Deutscher oder Deutsche?', kam immer wieder: 'Wenn ich das sage, glaubt mir doch sowieso keiner.'" Menschen mit Migrationshintergrund haben es schwer, eine neue Identität zu finden: entfremdet von der Herkunftskultur, fremd in Deutschland, unter Assimilierungsdruck. Selbst- und Fremdwahrnehmung fallen auseinander. Viele sehen eben anders aus, haben fremd klingende Namen und werden entsprechend auch angesprochen – Woher kommst du eigentlich? Die Studie unter dem Namen "Heymat" – geschrieben mit "Y" – hat gezeigt, dass es sehr verschiedene, sich überschneidende Selbstzuschreibungen gibt,"hybride" Identitäten. Zuerst die"Einheimigkeit": Menschen, die sich eindeutig zugehörig fühlen. "Sie haben dann gesagt: ' Ich bin deutsch, und ich möchte nicht mehr darauf angesprochen werden, wo ich herkomme', andere haben in dieser Eindeutigkeit betont: 'ich bin Türke und bleibe Türke, egal, ob ich hier geboren bin oder nicht', also das war diese Sehnsucht nach Eindeutigkeit. " Die zweite Kategorie nennt die Migrationsforscherin "Mehrheimigkeit": Eine Person beschreibt sich ganz unterschiedlich: mal als Deutscher, mal als Araber, dann als Moslem, als Bayern-Fan oder Vegetarier. "Dann hatten wir welche, die gesagt haben: ' Ich hab lange Jahre damit gehadert, mit meiner Identität, bin ich jetzt Deutsche oder bin ich jetzt Türkin, bin ich jetzt Deutscher oder bin ich jetzt Araber, aber daraus möchte ich mich jetzt befreien, ich habe eine neue Identität, und die heißt: Ich bin Muslima'. Und dann hatten wir auch noch diejenigen, die sich vollkommen verweigert haben irgendeiner Form nationaler oder religiöser oder ethnischer oder kultureller Kategorisierung, die haben dann einfach gesagt: 'Ich bin ich. Ich bin Weltbürger. Und ich bin einfach Mensch'. " Letztere sind eine eher kleine Gruppe. Die Mehrheit zeigt Sehnsucht nach eindeutiger Zugehörigkeit. Dies hat offenbar vor allem damit zu tun, dass in Deutschland die Kombination muslimisch und Migrantenkind negativ besetzt ist – mit der Folge zunehmender Desintegration gerade bei Jugendlichen. Oft führt dies auch zu einer bewussten " Gegenidentität".Dabei wird auf eine muslimische Tradition zurückgegriffen, die zunächst gar nicht existierte, sagt Naika Foroutan. " Ein Patchwork aus dem, was man weiß, aus dem, was zugeschrieben wird und aus dem, was man selbst neu erfindet, und wir konnten bei unseren Interviewpartnern feststellen, dass sehr viele über äußere Zuschreibungen erst zu dem Moment gefunden haben, sich selbst als muslimisch zu bezeichnen. Dass sie in der Schule als Muslime angesprochen wurden, und sich dann angefangen haben zu bilden oder in irgendeiner Form der Religion zuzuwenden.
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