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Entfremdung

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Todeszeit

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Wir ubrigen brachten diese Stunden wach und in grosser Unruhe zu, und ich stieg mehr als einmal zu meiner verehrten Nachbarin, der Baronin von Engelhardt hinauf, um bei ihr, die als sehr gescheite Frau, als Gemahlin eines Militars, und welche die Belagerung von Mainz mitgemacht hatte, mir ganzlich Unerfahrenen zu Rat und Trost sein konnte. Nicht ohne erhebendes Gefuhl liest man in die ser Schilderung neben allen den entsetzlichen Ereignissen die einzelnen Beweise von Mut, Aufopferung, Pflichtgefuhl - das Schicksal der Furstin von Schwarzenberg, die ein Opfer ihrer Mutterliebe ward, und das Betragen des Kaisers Napoleon selbst, das sich ebenso besonnen und wurdig, als voll [376] Rucksicht auf seine eben angetraute Gemahlin aussprach. Hier soll die ungluckliche Konigin Margarethe, die Schwester Friedrich des Streitbaren, gelebt haben, nachdem sie fruh schon Witwe des romischen Konigs Heinrich von Hohenstaufen gewesen, mit dem sie seine Gefangenschaft in S. Felice geteilt, dann gezwungen, den viel jungern Bohmenkonig Ottokar zu heiraten, und von ihm verstossen, sich wieder auf dies Schloss zuruckgezogen hatte.

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Er tat es abermals auf und ausser der Buhne. Eine verheiratete Dame wurde diesmal der Gegenstand seiner Aufmerksamkeit, nachdem er schon langere Zeit der der ihrigen gewesen war. Bald zog sich dies Verhaltnis noch fester. Eberl wurde der Hausgenosse der Grafin und, was gewiss fur den Wert seiner Denkart burgt, zugleich der warmste Freund des Grafen, ihres Gemahls. In diesem Hause stand er eine bedeutende Krankheit aus, und wahrend derselben besuchte ihn Fraulein L.., seine Freundin, fleissig und pflegte seiner nach Moglichkeit. Dies alles zusammengenommen stellt wirklich ein seltsames Verhaltnis und eine ungewohnliche Richtung der Charaktere dar. Von diesen Personen starb das Madchen, das so treu, so aufopfernd geliebt hatte, zuerst, die Grafin folgte nicht lange darnach. In ein paar Jahren darauf, als ich schon langere Zeit verheiratet war, starb auch Eberl, und, wie es bei seinem Tode erst kund ward, an einem unheilbaren Ubel, das er bis dahin verheimlicht, und das ihn wahrscheinlich bestimmt hatte, nie sich in eine ernste oder gar eheliche Verbindung ein zulassen. Ich bin etwas weitlaufiger, als es gerade die Beziehungen forderten, in denen ich mit diesen Personen stand, fur die Geschichte meines Lebens in diesen kleinen Begebenheiten gewesen; aber sie dunkten und dunken mich noch in psychologischer Hinsicht nicht unmerkwurdig, und ich brachte nach so vielen Jahren[156] mit diesen wenigen Zeilen den Manen jener schatzbaren Menschen gern noch den Tribut einer achtungsvollen Erinnerung. * * * Noch muss ich mir gestatten, an dieser Stelle, wo so vieler Vorfalle gedacht wird, die sich damals ereigneten, und so vieler Personen, die uns zunachst umgaben, dieser letzteren, die spater mehr oder minder in meine Verhaltnisse verflochten wurden, mit fluchtigen Worten ausfuhrlicher zu erwahnen. Harings Familie war mit der unsrigen verwandt, darum dauerte das gegenseitig freundschaftliche Verhaltnis mit ihnen sowohl als dem Schwabschen Hause, mit dessen Chef Harings Schwester seit langen Jahren verheiratet war, trotz jenes Bruches zwischen unsern jugendlichen Herzen fort. Ebenso alt und herzlich war unsere Verbindung mit der Kurlanderschen Familie, die damals ausser den Eltern aus zwei Tochtern und drei Sohnen bestand, wovon die ersten mir ungefahr an Alter glichen. Spater geschlossen, aber darum nicht minder warm, war unsere Freundschaft zur Familie von Mertens, des beruhmten Arztes, aus der aber nur eigentlich zwei Tochter, Sophie und Henriette mir und meinem Bruder naher standen und sehr oft bei uns waren, ja im Sommer oft mehrere Wochen bei uns auf dem Lande zubrachten. Dann waren mir auch jenes Fraulein v. Born und eine ihrige Kusine und ein Fraulein von Hackher, v. Moter, ein Fraulein v. Ravenet, deren schon Erwahnung geschah, die Kempelensche Familie und einige andere, recht werte und liebe Gefahrtinnen auf den heitern Pfaden der Jugend. Ein Haus muss ich noch erwahnen, mit [157] dem das meiner Eltern, schon wie ich noch ein Kind war, in sehr freundschaftlichen Beziehungen stand. Es war die Familie des beruhmten Freiherrn v. Jacquin, die schon damals vor 60-70 Jahren, ein helleuchtendes Augenmerk fur die wissenschaftliche Welt in und ausser Wien war, und die auch ihrer angenehm geselligen Verhaltnisse wegen von vielen gesucht wurde. Wenn die Gelehrten oder gelehrt sein Wollenden den beruhmten Vater und den ihm nachstrebenden Sohn (den erst vor wenig Jahren verstorbenen Josef Freiherrn v. Jacquin aufsuchten, so sammelte sich die junge Welt um den jungeren Sohn Gottfried, den ein lebhafter, gebildeter Geist, ein ausgezeichnetes Talent fur Musik, mit einer angenehmen Stimme verbunden, zum Mittelpunkt des heitern Kreises machte, und um seine Schwester Franziska, die jetzt noch lebende Frau v. Lagusius. Franziska spielte vortrefflich Klavier, sie war eine der besten Schulerinnen Mozarts, der fur sie das Trio mit der Klarinette geschrieben hat, und sang noch uberdies sehr hubsch. Da wurden nun an den Mittwochabenden, die, seit ich denken kann, in diesem Hause der Geselligkeit gewidmet waren, auch selbst im Winter, wann die Familie Jacquin, wie jetzt Professor Endlicher, im Botanischen Garten wohnte, in den Zimmern des Vaters gelehrte Gesprache gefuhrt, und wir jungen Leute plauderten, scherzten, machten Musik, spielten kleine Spiele und unterhielten uns trefflich. Schone Zeit der heitern, sorglosen Jugend! Liebliche Bilder langstentschwundener Freuden! Noch jetzt im Greisenalter beschwort euch mein Geist gern herauf aus dem Dunkel der Vergangenheit und ergotzt sich an euch und gedenkt gar manches scherzhaften Vorfalls, so [158] z.B. des Erstaunens, ja der Betroffenheit, mit der ich als Kind von 9-10 Jahren einst auf meines Vaters Tische ein dunnes Buchelchen fand, das unser ernsterer Spielgefahrte, der altere Jacquin, der damals 12-13 Jahre zahlte, uber irgendeinen naturhistorischen Gegenstand geschrieben hatte, und das gedruckt wurde. Es kam mir wie eine Zauberei vor, und ich konnte es kaum begreifen, wie man noch fast ein Kind sein und ein Buch schreiben konne. Von nun an betrachtete ich unsern Josef mit einer Art Ehrfurcht. Viel lieber aber unterhielt ich mich mit seinen jungern Geschwistern und ihrer gleichgestimmten Gesellschaft, mit der ich denn allmahlich, wie es diese Blatter zeigen, aus dem Kindesalter in das jugendliche, beweglichere und bedeutendere getreten war, in dem nun statt heiterer Kinderspiele lebhaftere Empfindungen, abwechselnde Hoffnungen und Schmerzen uns beschaftigten. * * * Es ist Zeit, nunmehr nach Erzahlung vieler kleinen Begebenheiten den Faden der allgemeinen, an dem sich ja das Leben der einzelnen auch mit abspinnt, aufzufassen, da jene Ereignisse doch nie ohne Einwirkung auf deren Schicksal bleiben konnen. Als Kaiser Josef gestorben war, hofften viele mit Grund ungemein viel Gutes von seinem Nachfolger und Bruder Leopold II. Es war nicht bloss jenes unbestimmte Hoffen auf einen Wechsel, auf ein Anderswerden so mancher Dinge, die im Laufe der Zeit druckend geworden waren, es waren bestimmte und gerechte Erwartungen von dem Herrscher, der sein kleines Toskana zu einem der bestgeordneten, glucklichsten [159] Staaten gemacht und den Namen des Weisen mit Recht erworben hatte. In unserm Hause sah man seiner Thronbesteigung mit grosser Freude und lebhaftem Anteil entgegen. Mein Gemut wurde durch alles, was ich uber Kaiser Josef hatte sprechen horen, was ich selbst gedacht und gefuhlt hatte, durch die Begriffe der Zeit endlich, welche jeden Tadel der bestehenden Regierungen begunstigten, ebenfalls auf eine Weise angeregt, dass ich mir von dem kommenden Herrscher unendlich viel Gutes versprach, und da meine Seele sich bei vieler Liberalitat meiner politischen Gesinnungen (welche ich fast mit allen jungen Leuten teilte) stets mit innerem Widerwillen von den gar zu freien und nuchternen religiosen sowohl als moralischen Grundsatzen abgewendet hatte, die mit jenen meist Hand in Hand gingen, so hoffte ich denn von Kaiser Leopolds Familientugenden, von seiner Achtung fur hausliches Gluck, das er auf fast burgerliche Weise in Florenz genossen hatte, Wiederherstellung der alten guten Zeit, vermehrte Sittlichkeit, Achtung fur Religion usw., und feierte seine Ankunft mit einem herzlich gemeinten Gedichte, worin ich jene Ansichten aussprach. Doch die Zeit fur eine solche Verbesserung war damals noch nicht gekommen. Schwere Regentensorgen empfingen den neuen Monarchen. Die Erblander waren in furchtbarer Aufregung, aus Frankreich drohte die Revolution sich heruber nach Deutschland zu verbreiten. So viel nahe Gefahren mochten den Kaiser erschreckt haben. Er eilte, den Turkenkrieg nach so vielen glanzenden Siegen und gerechten Hoffnungen durch einen, vielleicht ubereilten Frieden zu schliessen, der Osterreich wenig oder gar keine Vorteile von dem [160] liess, was es durch Anstrengung und Tapferkeit erworben. Belgrad, Orsova usw. wurde abgetreten, der greise Held Loudon starb gleich darauf, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Gram uber diesen Friedensschluss, der nicht allein die Frucht aller seiner fruhern Kampfe dahin gab, sondern ihn auch um die neuen Lorbeern betrog, welche zu erkampfen er bereits den Feldzug wieder begonnen und sich ins Lager begeben hatte, seinen Tod herbeigefuhrt hatte. Genug, der Friede ward geschlossen, Preussen erwies sich wie fruher immer aufs feindseligste gegen Osterreich, und Kaiser Leopold wandte nun seine Sorgen auf die Koalition, welche denn auch zu Pillnitz zwischen den grossen Machten Europas und den franzosischen emigrierten Prinzen zustande kam. Ihr Zweck war, die Greuel der Revolution zu hemmen, das Haus des Konigs auf dem Throne zu erhalten und die Fortschritte der neuen Ideen auch in Deutschland soviel wie moglich zu unterdrucken. Eingeleitet waren diese Plane; die Ruhe im Innern war ziemlich hergestellt, manches Druckende, aber auch dort und da etwas Gutes aufgehoben oder verandert. Noch wusste man nicht recht, wessen man sich zu dem neuen Herrscher zu versehen habe, als auch ihn ein fruhzeitiger und schneller Tod plotzlich abrief, und der Staat, noch stets in unruhiger Bewegung von innen und aussen, in diesen bedenklichen Zeitlauften von der Vorsicht in die Hande eines dreiundzwanzigjahrigen Junglings gelegt wurde. Wohl glaubten viele, eben darum manches befurchten und nicht viel hoffen zu konnen. In unserm Hause herrschte ebenfalls Trauer uber diesen Todfall in einer so verhangnisvollen Epoche; aber mein Herz hatte sich im stillen zu dem gleichalterigen Prinzen gewendet. [ 161] Ich sah in ihm das Bild der Hoffnung, und mein Gefuhl sprach sich in einem Gedichte aus, das ich zum Teil bei der Leichenfeier des Kaisers Leopold an unsern Fenstern dichtete, von wo man den Zug um die Kapuzinerkirche, in der sich die k.k. Gruft befindet, sehen konnte. Wir flehn zu Dir gleich fruhverwaisten Kindern,O tu an uns wie altre Bruder tun! Du kannst allein des Volkes Leiden mindern, Du, Du warst uns Bruder; - sei uns Vater nun! Und Kaiser Franz wurde uns Vater, im schonsten, besten Sinne des Wortes. Meine Hoffnung hatte mich nicht getauscht, meine poetische Vorhersagung war wahr geworden, und mit grossem Vergnugen erinnere ich mich noch jetzt des lebhaften und frohen Eindrucks, den dessen Silhouette auf Goldgrund auf einer Tabatiere und mit der hubschen AufschriftO decus, o patriae per te florentis imago!auf mich machte. Im Sommer eintausendsiebenhundertzweiundneunzig ruckten nun die kombinierten Armeen der Osterreicher und Preussen (zum erstenmal in friedlicher Vereinigung) ins Feld; an den Rhein und uber den Rhein. Den ungunstigen Erfolg dieses Feldzugs kennt die Welt. Statt den Konig zu retten, war sein Tod beschleunigt worden, und statt die Greuel zu unterdrucken, die den Thronen den Umsturz drohten, zogen sie sie gleichsam erst recht nach Deutschland heruber, wo ohnedies schon langere Zeit vorher Freimaurer und Illuminaten diesen Ideen vorgearbeitet hatten: wie wenn sich jemand unvorsichtigerweise einer Feuersbrunst naht und von den Flammen, die er loschen wollte, ergriffen, diese im Fliehen mit sich forttragt [162] und so das Feuer in die vorher noch ruhige Gegend bringt. Gebe Gott, dass von dieser Erinnerung gewarnt, die Fursten Europas den unheilschwangern Vulkan in Frankreich am besten in sich selbst vergluhen und sich verzehren lassen! * * * Wahrend der Krieg am Rheine begann und der unselige Brand entzundet wurde, der noch fast ein Vierteljahrhundert lang Deutschland verwustete, hatten meines Vaters Geschafte und auch sein Wunsch, Oberosterreich, das er zehn Jahre fruher mit meiner Mutter schon einmal besucht, wieder zu sehen, die Veranlassung zu einer Reise in diese Provinz gegeben, wo meinen Eltern viele werte Freunde lebten, vor allen der Bischof Gall, eben jener wurdige Priester, der mich in meiner Kindheit unterrichtet und von seinem eigenen grossen Verdienst und einem glucklichen Zusammentreffen der Umstande gehoben, diesen bedeutenden Platz erreicht hatte. Kaiser Josef fand es seinem, dem Adel nicht sehr geneigten Systeme zusagend, wurdige Geistliche burgerlicher Herkunft zu solchen hohen Stellen zu erheben, die bisher dem langeingefuhrten Gebrauche gemass nur Adeligen zuteil und gleichsam ihr Eigentum, auf das sie Anspruch zu haben meinten, geworden war. Mit Erstaunen, mit Freude und auch wohl mit Missbilligung, je nachdem die Parteien gesinnt waren, wurde die Besetzung mehrerer Bischofstuhle, wie des von Linz, von Brunn usw. durch Burgerliche angesehen; aber wer Gall naher kannte, musste sich seiner Erhebung erfreuen, die in religioser und sittlicher Rucksicht ein Segen fur das Land ward. [ 163] Bischof Gall hatte meine Eltern eingeladen, ihn in Linz und mit ihm seine schone Besitzung Mondsee (welches jetzt dem Fursten Wrede gehort, demselben, der am Tage der Wagramer Schlacht unserer Armee den schon errungenen Sieg entriss, indem er um elf Uhr Vormittag mit seinen Bayern den bereits weichenden Kolonnen der Franzosen zu Hilfe eilte! zu besuchen. Acht Tage ungefahr lebten wir in Linz im bischoflichen Palast ein sehr angenehmes, aber etwas gerauschvolles Leben, dann trennten wir uns von meinem Vater, welcher in seinen Geschaften die Kreisamter bereiste, wahrend wir, meine Mutter, mein Bruder und ich, nach Mondsee gingen, woselbst er uns in acht bis zehn Tagen abzuholen verhiess. Wunderschon war diese kleine Reise, auf der ich zum erstenmal in meinem Leben das Hochgebirg (denn eine Fahrt nach Mariazell, als ich sechs bis sieben Jahre zahlte, hatte mir keine bleibenden Eindrucke hinterlassen) und den weit ausgegossenen Attersee erblickte. Durch tiefe Waldungen, auf ziemlich beschwerlichen Wegen, wo oft die Tannenaste auf und in unsern Wagen schlugen, gelangten wir an Sagemuhlen, Hammer- und Sensenschmieden mit ihren rauschenden Wassern und dampfenden Schornsteinen vorbei, am Abend eines meist truben und oft von mit Schnee gemischtem Regen gekuhlten Tage, plotzlich aus dem Walddunkel hervor in ein weites Tal. Vor uns lag breit, klar und tiefgrun ausgegossen der Spiegel des Mondsees, und ringsum starrten uns himmelhohe Berg- und Felsenkuppen an, die ihn in ihrem sichern Schoss halten und mit Schnee bis an den Fuss bedeckt waren. So viel Schnee, solche Kalte, und der erste Juni! Das kam mir wie ein Marchen vor, und ich wurde mich mehr an dieser, [164] mir, der Flachenbewohnerin, so seltsamen Abnormitat ergotzt haben, wenn der Gedanke, statt der landlichen Freuden, Spaziergange, Wasserfahrten usw., denen ich schon im voraus entgegengesehen hatte, mich durch Schnee und Kalte auf einem einsamen Schloss im Gebirge durch mehrere Tage eingesperrt zu finden, nicht angstigend vor meinen Geist getreten ware. Am andern Tage war alles anders. Aller Schnee von Hohe und Tal verschwunden, die Berge herrlich mit ihren Waldern und Felsen und dem spiegelnden See im Fruhlingssonnenstrahl, der zwar noch nicht mild erwarmte, aber doch der freien Natur zu geniessen erlaubte. Was waren das fur kostliche Tage in dieser wild-schonen Gegend, im Umgange mit zwar an Jahren von mir sehr verschiedenen, aber hochst gebildeten, geistreichen Mannern, dem Bischof und einigen seiner Domherren, die uns begleitet hatten, und deren einer, Vierthaler, der Bruder des damals schon beruhmten Professors der Geschichte in Salzburg war! Freundlich waren die Herren beflissen, uns die Zeit aufs angenehmste zu verkurzen. Wir machten Spaziergange und Fahrten zu Land und auf dem See. Bei diesen letzten war es unterhaltend und wunderbar, den Effekt der Musik, des lauten Rufens oder wohl gar einer abgeschossenen Pistole zu beobachten, wie die vielen nahern und fernern Echos in den Gebirgen den Schall bald vollkommener, bald unvollkommener zuruckgaben, und wenn das erste donnerahnliche Getose voruber war, alles im Schiffe still wurde, die Ruderknechte ihre Ruder in die Hohe hoben, dass ja kein Laut die Stille unterbreche, und nun nach zwei oder drei Minuten der Donner des Echos sich noch einmal, der Himmel weiss von welchem fernen Berge, horen liess. [ 165] Auf dieser Reise kam ich auch in das, damals ganz unberuhmte Ischl, das aber in seiner heimlichen Lage zwischen waldgrunen Bergen, von der lautbrausenden Traun der Lange nach durchrauscht, deren Getose mich oft des Nachts in Schlummer wiegte, mir so wohl gefiel, mich so anheimelte, dass ich beinahe gewiss bin, es wurde mir jetzt, wo es von Badegasten, Fremden und prachtigen Erscheinungen belebt, von Eleganz und stadtischen Bequemlichkeiten verherrlicht ist, schlechter als damals vor ungefahr einem halben Jahrhundert gefallen. Uberhaupt hat mir dies Ergiessen der Stadte hinaus aufs Land, diese Sucht, an jedem freundlichen oder romantischen Platzchen die Komforts eines Kaffee- oder Wirtshauses aufzuschlagen, schon eine Menge hubscher Gegenden verleidet, und wie oft sind mir Schillers Worte im Wallenstein eingefallen: >> Dies Geschlecht kann sich nicht anders freuen als bei Tisch. << Freilich ass und trank man damals auch; denn das ist Gebot der Natur; aber man ass zu Hause, nachdem man sich vorher auf einem Spaziergang erheitert und ermudet hatte, oder bei einem Freunde, den man auf dem Lande besuchte, und so fand das Familien- und gesellige Leben seine Rechnung neben dem Genuss der Naturfreuden, dahingegen der Genuss in den Wirtshausern nur die egoistische Bequemlichkeit unserer Tage und die Vergeudung des Geldes begunstigt, in denen er auch seinen Ursprung hat. Von Ischl aus sahen und befuhren wir auch den dustern Hallstatter See, an dessen Ende man umkehren muss, weil keine Strasse weiter fuhrt, und zuletzt trug unser schwebendes Schiffchen uns uber den prachtigen Traun- oder Gmundner See bis zu diesem Ort, der [166] sich, so an der Krummung des Ufers hingebaut, wo seine besten Hauser beisammen stehen, ganz stattlich ausnimmt. Ubrigens enthalte ich mich jeder Beschreibung dieser Gegenden; denn seit es Mode geworden ist, sie zu besuchen, sind sie >>in Wort und Tat, in Bild und Schall<< so oft gepriesen, geschildert, gemalt und von allen Seiten dargestellt worden, dass noch eine Beschreibung ganz uberflussig ware. Das glaube ich aber behaupten zu konnen, dass ihre teils reizenden, teils erhabenen Schonheiten von unserer kleinen Karawane mit tieferem Gefuhl aufgefasst wurden, als es jetzt wohl bei der Mehrzahl der Ischler Kurgaste der Fall sein mag, welche nur Zerstreuung, Veranderung und das, was Mode ist, aufsuchen. Die Masern, eine eigentliche Kinderkrankheit, die uns fruher verschont hatte, ergriff jetzt plotzlich meinen Bruder, der sie sich in einem Hause geholt, wo wir fur den Abend gebeten waren und wo ein krankes Kind, dessen wahres Ubel wir nicht kannten oder das man uns verheimlichte, auf dem Sofa neben uns lag und sie meinem Bruder mitteilte, der ihm zunachst sass. Erst am achten Tage ergriff die Krankheit auch mich; sie war, wie bei Xaver, sehr gutartig, dennoch fuhlte ich mich sehr ubel, und besonders bei der Eruption, indem ich zwar nirgends am Korper einen Schmerz, aber in jedem Fleckchen der Haut ein unnennbares Unbehagen fuhlte. Nach 8-10 Tagen war alles voruber, und wir kehrten beide in die gewohnte Lebensweise unsers vaterlichen Hauses zuruck. Wahrend dieser Zeit hatten unsere jugendlichen Freunde und Freundinnen uns ohne alle Scheu an unsern Betten besucht, was uns hochst willkommen war. - Sei es nun, dass die meisten diese Krankheit schon gehabt[167] hatten oder sich nicht davor furchteten. Uberhaupt erinnere ich mich recht wohl, dass dazumal (etwa die Kinderblattern ausgenommen, deren Verheerungen indessen die Inokulation schon machtig entgegengearbeitet hatte) diese Scheu vor moglicher Ansteckung nicht so gross, so allgemein, so - ich mochte sagen, kindisch war wie jetzt, da man, wenn es nur angeht, das Haus nicht betritt, in welchem bei irgendeiner Partei eine Kinderkrankheit: Scharlach, Masern usw. herrscht, oder es kaum wagt, einen Bedienten nach Erkundigung hinzusenden. Waren wir damals unbesonnener oder weniger egoistisch? Ich komme nun zu einem wichtigen, wohl dem wichtigsten Abschnitt in meinem Leben, zu den kleinen Ereignissen und Verkettungen scheinbarer Zufalligkeiten, welche mich zu der Bekanntschaft mit meinem Gemahl, und somit zu dem Ursprung meines Lebensgluckes fuhrten. In dem Bureau meines Vaters arbeiteten nebst meinem Bruder noch mehrere junge Manner, welche alle von ausgezeichneten Fahigkeiten und sittlicher Wurde waren, wie denn, ich darf es mit Stolz sagen, um meine Eltern sich von jeher stets ein Kreis vorzuglicher Menschen sammelte und unser Haus (der edle Heinrich von Collin sagte uns das zwanzig Jahre nachher noch oft) das Augenmerk besserer junger Leute war, die nach feinerer und hoherer Bildung strebten. Auch haben die ausgezeichneten Platze im Staate, zu welchen jene Manner spaterhin meist gelangten, bewiesen, dass sie bedeutenden Wert hatten. Diese Herren waren alle genaue Freunde meines Bruders und besuchten beinahe taglich unsere Abendgesellschaften. Einer aus ihnen, der denn auch, seiner ausserordentlichen [168] Geschicklichkeit sowie seiner Sittlichkeit wegen meines Vaters Liebling war, zog bald, eben durch das viele Gute, das mein Vater von ihm sprach, meine Aufmerksamkeit auf sich. Aber eine grosse Schuchternheit, eine Ungewohntheit, sich in den Kreisen der grossern Welt zu bewegen, gaben ihm eine etwas gezwungene Haltung, und dies schadete ihm, ich muss es zu meiner Beschamung sagen, in meinen Augen im Anfange unserer Bekanntschaft. Ich glaubte wohl das Gute, das andere von ihm sagten, doch ich liess es auf sich beruhen, ohne ihn naher kennen lernen zu wollen. Aber mein Vater suchte ihn selbst, immer mehr in unser Haus zu ziehen. Er war bei allen unsern Ballen und kleinen Unterhaltungen gebeten, und hat mir spater gestanden, wie peinlich ihm dies war, da er nicht gern unter vielen Menschen sich befand, und doch auch seines Hofrats Einladungen nicht wohl ausschlagen konnte. Allmahlich nun, im often Zusammensein, fingen seine vortrefflichen Eigenschaften an, Eindruck auf mich zu machen, wozu wohl die Bemerkung beitragen mochte, dass auch ich ihm nicht gleichgultig war, und sein Gefuhl, trotz seiner Schuchternheit oder vielleicht eben dadurch, sich unwillkurlich zuweilen verriet. Meine Eitelkeit war durch die Eroberung dieses vorzuglichen, und trotz seiner Steifheit sehr hubschen Mannes geschmeichelt, und obwohl nur mein Verstand und noch nicht mein Herz fur ihn sprach, so war ich doch sehr zufrieden, wenn er oft kam und ich mich seines gehaltvollen Umganges sowie der kleinen Spruhfunken seiner nur schlecht verhehlten Empfindung fur mich erfreute. Ich halte es fur Pflicht, bei einer Selbstbiographie ganz aufrichtig zu sein, insoweit es die Klugheit, welche [169] zwar nie eine Luge, aber Stillschweigen gebieten kann oder die Schonung erlaubt, welche man noch lebenden Personen oder nahen Verwandten Verstorbener schuldig ist. Daher dunkte mich der Titel von Goethes Werke: Wahrheit und Dichtung aus meinem Leben, eine Art von Beleidigung fur den Leser, der sich nun weder eine psychologische Beobachtung noch eigentliche Belehrung versprechen kann, weil er bei keiner Beschreibung, keiner Begebenheit oder Gefuhlsausserung weiss, ob sie sich wirklich so in Goethes Geist oder Leben zugetragen hat oder bloss von ihm zur anziehenderen Unterhaltung seiner Leser erfunden worden ist. In dieser Ansicht habe ich mich bestrebt, in der Schilderung meines, ubrigens unbedeutenden Lebenslaufes stets so vor dem Leser zu erscheinen, wie ich mir selbst bei strenger Prufung vorkam, und so bekenne ich also, dass ich gegen den jungen Mann, von dem ich eben gesprochen, mich durch kindische Eitelkeit im Anfange unserer nahern Bekanntschaft manchmal versundigt und mich im stillen auf unerlaubte Weise daran erfreut habe, ihn oft an einem Abend mehr als einmal bald in stilles Entzucken, bald in Trauer zu versetzen, je nachdem ich ihm gutig begegnete oder einen seiner gefurchteten Nebenbuhler auszeichnete, deren er - manche wahrlich oft mit Unrecht - in den ubrigen jungen Leuten zu sehen glaubte, die unser Haus besuchten. Mein Bruder hatte um diese Zeit mit seinen Gefahrten im Bureau, mit Herrn Eberl und noch ein paar jungen Mannern den Plan zu einer Art von literarischem Verein entworfen, in welchem Aufsatze uber mancherlei Gegenstande geschrieben, diese gegenseitig [170] vorgelesen, beurteilt und auch bei Gelegenheit Reden aus dem Stegreife gehalten werden sollten; denn die franzosische Revolution, das Reprasentativsystem und die offentlichen Reden beschaftigten die Geister der meisten und gerade der bessern jungen Leute. Der Plan war sehr lobenswert, sowie der Zweck desselben: gegenseitige Ausbildung und Vervollkommnung zu ihrer kunftigen Laufbahn. Da nun bei keinem der ubrigen Mitglieder das Lokal und die Umstande sich so dazu eigneten, den Platz fur die Versammlungen anzubieten als bei meinem Bruder, so wurde beschlossen, die Zusammenkunfte jeden Sonnabend nach geendigten Bureaugeschaften bei diesem zu halten. Meine Mutter begunstigte gern einen Plan, der ihrem Sohn Nutzen und Vergnugen versprach, aber es verstand sich von selbst, dass die Herren nicht in unser Zimmer, sondern in das meines Bruders kamen und wir nicht dabei erschienen. Doch konnten wir uns die kleine Befriedigung unserer Neugier nicht versagen, uns von dem Bruder manchmal die Aufsatze der Herren mitteilen zu lassen, wenn er sie zur Beurteilung bei sich hatte (was von jedem Mitglied mit jedem Aufsatz der andern geschah). Die Gegenstande der Aufsatze waren teils philosophischer, teils moralischer, teils politischer Art, und da die Gesellschaft sich gegen drei Jahre erhielt und sie sich regelmassig jede Woche versammelte, wo dann stets einmal die Aufsatze und das nachste Mal die Beurteilungen in Gegenwart aller Mitglieder vorgelesen wurden, so kann man leicht ermessen, dass der Ausarbeitungen eine bedeutende Zahl und von den verschiedensten Arten werden mussten. Die Gegenstande wurden von den Mitgliedern nach der Reihe aufgegeben. [ 171] Meine Mutter und ich hatten also einige der Aufsatze gelesen und viel Vergnugen daran wie uberhaupt an der ganzen Anstalt gefunden. Allmahlich stieg in mir der Gedanke auf, mich ebenfalls auf dieser Bahn zu versuchen, und ohne, wie es sich versteht, personlich zu erscheinen, ja auch ohne meinen Namen zu nennen, uber einige der Aufgaben, die meiner Fassungskraft sowie meinem Geschlecht zusagten, ebenfalls kleine Aufsatze zu schreiben. Diese ubergab ich meinem Bruder, der sie nebst den seinigen vorlas, wenn die jungen Herren sich bei ihm versammelten, und ein paarmal liess sich sogar meine Mutter herbei, ungenannterweise an dieser Geistesubung teilzunehmen. So erinnere ich mich bestimmt, dass sie uber die Todesstrafen mitschrieb, eine Wahl des Gegenstandes, die schon zeigt, wie ernst und mannlich ihr Geist war und worin sie gegen Beccaria sich fur die Todesstrafe, aber aus dem Grunde erklarte, weil sie lebenslanglichen Kerker fur etwas subjektiv viel Qualenderes und objektiv minder Abschreckendes hielt, wodurch also die Menge nicht von Begehung ahnlicher Verbrechen abgehalten und der Gesellschaft nur ein unnutzes oder schadliches Glied erhalten wurde. Die Gegenstande, welche ich mir zur Bearbeitung wahlte, waren die Aufgaben philosophischer oder moralischer Art, und da deren die grosste Anzahl war, so war ich eine sehr fleissige Teilnehmerin, und kann wohl sagen, dass ich diesem Verein zu gemeinschaftlichen Ubungen der Denkkraft und den strengen, aber meist gerechten Beurteilungen der ubrigen Mitglieder einen grossen Teil meiner Fortschritte in der Leichtigkeit verdanke, meine Gedanken uber irgendeinen Gegenstand zu sammeln, zu ordnen und soviel moglich[172] logisch richtig und in angenehmer Schreibart vorzutragen. Aber es sollte aus dieser Geistesubung, die nur unsere gegenseitige Ausbildung zum Zwecke zu haben schien, ein anderer und fur mich viel wichtigerer Vorteil, der uber das Gluck meines Lebens entschied, hervorgehen. Unter den Mitarbeitern befand sich namlich jener junge Mann, der in meines Vaters Bureau arbeitete, langst von mir mit Auszeichnung war bemerkt worden und mich zum Gegenstande einer stillen, ehrfurchtsvollen, aber innigen und edlen Zuneigung erwahlt hatte. Sonderbar genug fand es sich, dass, wenn die sechs bis sieben Mitglieder jenes Vereins ihre Meinungen uber denselben Gegenstand meist sehr verschieden, ja oft entgegengesetzt ausserten, Pichlers (dies war der Name jenes jungen Mannes) Aufsatze mit denen des Unbekannten (unter welcher Bezeichnung ich schrieb) in Ansicht und Beurteilung meist vollkommen zusammen trafen. Dass vorher daruber zwischen uns nicht gesprochen wurde, versteht sich von selbst; denn ich sollte ja mein Inkognito behalten; es war also wirklich Ubereinstimmung der Seelen, die sich durch dieses Mittel wahrhaft und offen zeigte. Wie sehr die Bemerkung dieses Zusammenklanges uns beiden auffallen, und wie sehr sie den Anteil, den wir bereits aneinander nahmen, erhohen musste, ist leicht zu erachten. Pichler wurde mir immer werter, und ich fuhlte wohl, wie sehr mit seiner vermehrten Achtung fur meinen Geist, auch seine Empfindung fur mich lebendiger wurde. So entwickelte, vermehrte und starkte sich unsere wechselseitige Neigung und ward zuletzt zum unaufloslichen Seelenbande, das [173] unsere Gemuter auch nach mehr als 40 Jahren treu und innig zusammenhielt. Wohl habe ich viele Jahre darnach (1808) aus dem Munde des geist- und gemutreichen Dichters F.Z. Werner, der, als er noch Protestant und weltlich war, wahrend seiner ersten Anwesenheit in Wien unser Haus sehr oft besuchte, eine Ausserung vernommen, welche, wenn sie gegrundet ware, bewiese, dass die Liebe, welche nur nach und nach aus Achtung und Wohlwollen erwachst, nicht die rechte, echte Liebe sei. >> Diese muss<<, so druckte der schwarmerische Dichter sich aus, >>wie der Blitz auf einmal in zwei Herzen schlagen, sie entzundend reinigen und ewig dauern. << Ich horte das mit an, erwiderte dann, dass ich auf diese Weise freilich nie recht geliebt hatte; dachte aber im stillen daran, wie bei Wernern selbst der Blitz, der nur einmal furs ganze Leben entzunden sollte, zwei- oder dreimal eingeschlagen habe, und liess den Streit auf sich beruhen. Es nimmt sich eine Sache, besonders ein Gefuhl, in einem Romane oder Gedichte ganz anders aus als in der wirklichen Welt. Manches, was dort glanzt und strahlt, ist hier unbrauchbar, wo nicht gar schadlich, und manches, das sich in der Wirklichkeit unendlich begluckend und segensvoll bewahrt, wurde in einem Gedichte wenig oder gar keine Figur machen. So sehr ist Dichtung und Wirklichkeit verschieden, und so gefahrlich ist es, die erste aus Romanen und Gedichten zur Fuhrerin auf der Lebensbahn zu wahlen, was indessen sehr vielen jungen Leuten begegnet, und vor Zeiten, wo man sentimentaler dachte, noch viel mehreren begegnet ist. Wahrend diese Neigung in unser beider Herzen wuchs und erstarkte, knupften sich neben uns unter[174 ] den Freunden auch allerlei Bandchen und Bande an. - Unter den jugendlichen Gefahrtinnen, mit denen ich am meisten zusammen kam, war mir wohl jenes Fraulein Ravenet die nachste, weil sie mir noch am langsten und genauesten bekannt, und meine eigentliche Vertraute war. Ausser ihr aber schatzte und liebte ich sehr die beiden Fraulein von Mertens, Sophie und Henriette, und ein Fraulein Therese Hackher. Alle drei sehr hubsch, schon darf man wohl sagen, viel reizender als ich, aber alle drei so gut, verstandig, gebildet und liebevoll, dass eine herzliche Zuneigung und gegenseitige Achtung uns verband. Mein Bruder, dieser ausgezeichnete junge Mann, entschied sich fur Henrietten, deren ruhiges, anstandsvolles Betragen ihm sehr zusagte. Sophie, die altere Schwester, viel lebhafter und geistvoller als jene, aber vielleicht minder besonnen und ruhig, wurde von einem der edelsten, besten Menschen, dem jungen Grafen Chorinsky, einem innigen Freund Pichlers und meines Bruders, und nicht dem unbedeutendsten in diesem seltenen Kleeblatt guter Menschen und treuer Freunde, geliebt; und Therese Hackher, eines der liebenswurdigsten und schonsten Madchen Wiens, stand durch mehrere Jahre in einem sehr treuen Verhaltnis mit einem vorzuglichen jungen Mann, meinem Jugendgespielen und vertrauten Freunde, dem Sohne des Hofrats Durfeld. Diese drei Paare, sowie Pichler und ich, waren nun oft und viel beisammen; wir kannten uns alle genau, und liebten uns herzlich untereinander, und ich mag wohl sagen, Durfeld und Graf Chorinsky waren ebenso sehr meine Freunde, als ihre Geliebten meine Freundinnen. Es war ein schones Leben damals - das Jugendleben guter Menschen, wie Iffland[175] in der Elise Valberg so wahr sagt; wir genossen es mit Innigkeit, Treue und Massigung, und unsere gegenseitige Vertraulichkeit war ein schones Band mehr in diesem Kreise. Mein Bruder indessen loste sein Verhaltnis zu Henrietten bald oder vielmehr, sie tat es. Es war ein braves, sittsames, aber heiteres und lebensfrohes Madchen, von sehr bedeutender Lieblichkeit der Gestalt; meines Bruders Begriffe von weiblicher Wurde waren hoch, ja uberspannt, darf ich wohl sagen, und seine Forderungen an das Wesen, das er sich erwahlt hatte, allzustrenge. Henriette hatte sich in allen Schranken des Anstandes und der Rucksicht auf den Geliebten gehalten; dennoch fand mein Bruder stets etwas in ihrem Betragen gegen andere Manner zu tadeln, und das reizte sie gegen ihn auf. Zudem glaubte sie in der Art, wie er mir zuweilen, wenn seine Strengheitsprinzipien lebhaft hervortraten, begegnete - die mich aber minder verletzte, weil ich den Bruder und seine gute Meinung genau kannte - etwas zu finden, das ihr Besorgnisse fur ihr zukunftiges Gluck an seiner Seite geben konnte, und so trennten sich diese beiden Herzen, die vielleicht mit etwas mehr Geduld und Nachsicht von beiden Seiten sich einander begluckt haben wurden. Lange hatte der Verbindung zwischen der schonen Therese Hackher und ihrem Freunde kein gunstiger Stern geleuchtet. Meine innige Teilnahme an ihrem Schicksal sprach sich in einem kleinen Gedichte aus, welches ich ihr zu ihrem Geburtstag dichtete. Endlich ebnete spater sich ihnen der Pfad, der sie zu ihrem Glucke fuhren sollte, und im Mai 1795 sprach der Priester den Segen uber diesen Bund, den auch wir alle mit unsern besten Wunschen begleiteten. [176] Auch dieses Ereignis feierte ich durch ein kleines Gedicht, wie denn uberhaupt meine Gedichte minder freie Ergiessungen eines poetischen Gefuhls waren, sondern meist irgend einer Veranlassung bedurften, die den Funken in mir weckte, und das Gedicht ins Dasein rief. Wahrend dieser Zeit hatte Graf Chorinsky viele Muhe und Kummer um seine Liebe zu Sophien getragen. Sie war ihm nicht ebenburtig, und so trefflich sie an Herz und Geist, so hubsch sie von Gestalt, und so gut und liebevoll gegen den Sohn auch der alte Graf gesinnt war, dennoch liessen sich, besonders damals, die Standesvorurteile oder Ansichten nicht leicht uberwinden. Der Vater wollte seine Einwilligung nicht geben, der Sohn das Madchen nicht lassen. Es war eben noch eine Liebe und Treue aus jener Zeit, wo man im allgemeinen warmerer Gefuhle und eines hohern Schwunges in den Lebensansichten fahig war. Indessen hatte Chorinsky zum Schein sich dem Befehle seines Vaters gefugt und Sophien entsagt, die er mit seines Vaters Einwilligung nie hatte besitzen konnen. Wir bedauerten ihn alle recht herzlich, und gaben uns Muhe, dem unglucklichen Paar unsere warmste Teilnahme zu beweisen. Im stillen aber wahrte, uns allen, selbst Sophiens Mutter und Chorinskys besten Freunden, meinem Bruder und Pichlern verborgen, diese Verbindung fort. Die Zusammenkunfte wurden mit Klugheit und Vorsicht eingeleitet. Ein gemeinsamer Freund, der gar zu gern Geistestatigkeiten dieser Art ubte, wurde ins Vertrauen gezogen. Er vermittelte die geheimen Besuche, und erst lange darnach, als eben dieser allzu tatige Vertraute wegen anderer Verhaltnisse Gefahr fur sich selbst furchtete, und seine[177 ] Mitwirkung aufgeben musste, erfuhren wir ubrigen Freunde, nicht ohne Schrecken und inniger Missbilligung, den wahren Stand der Dinge, dass namlich Graf Chorinsky fest entschlossen sei, sich mit seiner Geliebten auch heimlich, auch wider den Willen seines Vaters, zu verbinden. Zu tun, abzuwarten, zu hindern war nichts mehr; das sahen seine Freunde klar ein. Man liess also die Sache ihren Weg gehen, nachdem man beiden noch einmal allen Kummer und alle Missverhaltnisse, denen sie sich unausbleiblich durch jenen Entschluss aussetzten, vorgestellt hatte. * * * Wir standen jetzt im Jahre eintausendsiebenhundertvierundneunzig Die franzosische Revolution hatte indessen alle ihre Greuel entfaltet, der Konig und die Konigin waren ermordet, Strome von Blut in der Hauptstadt sowohl als den Provinzen geflossen; viele bessere Herzen, die im Anfang warm fur die neuen Ideen geschlagen hatten, wandten sich mit Abscheu ab, als statt der jugendlichen Gottin der Freiheit ihnen eine bluttriefende Manade entgegen taumelte. Klopstock sandte dem Konvent das Burgerdiplom zuruck, das er fruher als eine ehrende Anerkennung angenommen hatte); der edle Georg Forster, den wir bei seiner Anwesenheit in Wien oft in unserm Hause gesehen, und den meine Eltern sehr liebgewonnen hatten, war vor Gram uber seine getauschten Erwartungen in Paris gestorben. Der Krieg, den die verbundeten Machte gegen Frankreich begonnen hatten, brachte mit den Heeren der Republik, die die Angreifenden zuruckdrangten und ihnen auf dem Fusse folgten, ihre Vorstellungen von Freiheit, [178] Gleichheit, Menschenrechten usw. mit sich heruber; der Schwindel ergriff die Geister jenseits wie diesseits des Rheins und entzundete verwandte Gemuter auch in Osterreich und Ungarn. Es waren geheime Verbindungen geschlossen, Katechismen der Freiheit unter den Mitgliedern verteilt, und noch sonst allerlei bedenkliche Bewegungen versucht worden, welche die Regierung aufmerksam machten. Plotzlich brach das Geheimnis hervor. In einer Nacht wurden sowohl hier in Wien als hier und dort auf dem Lande viele Personen ergriffen, ihre Papiere in Beschlag genommen, sie selbst in strengere oder gelindere Haft gebracht. Dasselbe geschah in Ungarn. Wie ein Donnerschlag aus heiterm Himmel wirkte diese Nachricht auf die lebensfrohen Wiener, die plotzlich aus ihrer Mitte eine bedeutende Zahl wohlbekannter und mit vielen befreundeter Manner gerissen, diese als Staatsverrater beinzichtigt, und einem sehr ungewissen, vielleicht schrecklichen Schicksal entgegengefuhrt sahen. Die Ergriffenen gehorten meist dem gebildeten Mittelstande an, es waren Beamte, Kaufleute, Advokaten, Gelehrte - mit einem Worte, jenen Kategorien, aus denen auch in Frankreich viele bedeutende Manner der Revolution hervorgegangen waren. Im ersten Schreck wurden noch gar viele als arretiert genannt, die es nicht waren; denn die Besturzung war gross und allgemein. Eine Kommission aus Mitgliedern des Hofkriegsrates, der Polizeihofstelle und der Justizkollegien wurde zusammengesetzt, um uber die Schuldigen zu erkennen, und nachdem die Untersuchung ziemlich lange gewahrt hatte, wurden einige zum Tode, andere zur Festung, wieder andere zu langerer oder kurzerer Haft verdammt, einige verwiesen.[179] Einer oder ein paar hatten sich im Gefangnisse selbst das Leben genommen. Worin ihr Verbrechen eigentlich bestanden, was sie bezweckt, wieviel ihnen davon schon gelungen, blieb stets mit dichtem Schleier bedeckt. Manche, die sehr angstlich oder entschiedene Widersacher aller neueren Ideen waren, uberzeugten sich bald von der ungeheuern Strafbarkeit dieser Verschwornen und ihren staatsgefahrlichen Planen, wahrend andere, echte Frondeurs, denen alles missfiel, was immer die Regierung tat, an gar keine oder nur hochst geringe Vergehen glauben wollten und der Meinung waren, man habe Schuldige finden wollen, um Schrecken zu verbreiten, und die Demokraten einzuschuchtern. Gemassigte hielten dafur, dass zwar allerdings eine geheime Verbindung, die in Wechselwirkung mit der ungarischen unter Martinovich stand, existiert, und dass sie bedenkliche, wohl auch staatsgefahrliche Absichten gehabt habe, dass es notwendig, und der Gerechtigkeit, ja der burgerlichen Ordnung und Sicherheit gemass war, diese nicht zu dulden und streng zu bestrafen; dass man aber doch mit zu grossem Larmen und unnotiger Strenge verfahren sei, weil einige der Hauptentdecker und Mitglieder jener Kommission sich gern recht in die Augen fallende Verdienste erwerben wollten, und daher dem Monarchen die Sache im gefahrlichsten und nachteiligsten Lichte zeigten. So dachten viele, und meine Ansicht stimmte schon damals damit uberein, weil ich a priori unserm Kaiser Franz keine Unbilligkeit zutrauen konnte und die spatere Erfahrung, ja das eigene Gestandnis manches damals Verurteilten, und dann nach der Strafzeit wieder Freigegebenen bestatigten vollkommen diese Meinung. [ 180] Von diesem Zeitpunkte an sprach sich der Parteigeist recht laut und gehassig in Wien aus. Da fing man an, die Benennung Jakobiner oft und vielmals zu horen, und mit diesem Worte wurden nicht allein jene bezeichnet, welche allerdings Grundsatze hegten gleich denen des franzosischen Konvents, sondern leider ward sie von den ubertrieben loyalen und orthodoxen Gegnern jedem als Brandmal aufgedruckt, der nur irgendeine freisinnige Idee ausserte; c'est le mot pour perdre les honnetes gens, wie einer unserer Hausfreunde sagte. Im Gegenteil wurde wieder von der andern Partei jeder ein Aristokrat, ein Bigott, ein Feind aller Aufklarung gescholten, der seine kirchlichen Vorschriften befolgte, seinem Herrscherhaus treu ergeben war und offentliche Ruhe und Sicherheit wunschte. Dieser Geist der Parteiung verbreitete ich bald uber alles, ja auch uber die heterogensten Gegenstande. So kamen damals oder bald darnach Herr und Madame Vigano nach Wien und fuhrten eine neue Art von pantomimischen Tanz, mit ganz neuer Art sich zu kleiden, ein. Die romischen und andern steifen Kostums, die Reifrocke usw. usw. verschwanden vom Theater; die Natur wurde aufs treueste nachgeahmt; fleischfarbe Trikots umhullten Arme und Beine, die Tanzer und Tanzerinnen waren kaum bekleidet; ja in dem sogenannten rosenfarben Pas de deux hatte Madame Vigano uber dem Trikot, der ihren ganzen Leib umgab, nichts an, als drei bis vier flatternde Rockchen von Krepp, immer eins kurzer wie das andere, und alle zusammen mit einem Gurtel von dunkelbraunem Band um die Mitte des Leibes festgebunden. Eigentlich also war dies Band das einzige Kleidungsstuck, das sie bedeckte, denn der Krepp [181] verhullte nichts, im Tanze flogen auch oft noch diese Rockchen oder eigentlich Falbalas hoch empor und liessen dem Publikum den ganzen Korper der Tanzerin in fleischfarbem Trikot, der die Haut nachahmte, also scheinbar ganz entblosst, sehen. Mir kam das emporend frech vor; dennoch musste ich gestehen, dass die Bewegungen dieser Kunstlerin hinreissend anmutig, ihr Mienenspiel voll Ausdruck (sie war noch uberdies sehr hubsch), ihre Pantomime meisterhaft waren. Die Sensation, welche diese Frau und die Ballette, welche ihr Mann auffuhrte, hier machten, war ungeheuer; sie waren aber auch zugleich der Wendepunkt der alten und neuen Kunst sowie des alten und neuen Geschmackes. Scharf und gehassig trennten auch hier sich die Parteien. Der Ballettmeister Muzzarelli reprasentierte mit seiner Art und Kunst die alte Zeit, die Viganos die neue, und in diesem Sinn teilten sich die Anhanger dieser beiden Fuhrer, nur mit der einzigen Ausnahme, dass manche altere Herren, die sonst ihrer Geburt und Sinnesart nach sehr wohl zu den Verteidigern des Alten gehorten, Aristokraten im vollen damaligen Sinne des Wortes, den Reizen der wollustatmenden Vigano doch nicht vollig zu widerstehen vermochten und so gleichsam eine Versohnung zwischen dem Alten und Neuen zu machen strebten. Auch auf die Mode in der Frauenkleidung geschah jetzt eine auffallende Einwirkung. - Unsere steifen, faltenreichen Anzuge machten leichteren Formen Platz, die langen Taillen mit den Schnabelspitzen vorn und hinten verschwanden samt den Bouffants und Siebrocken, welche schon nach und nach eine Annaherung vorbereitet hatten. Der Gurtel des Kleides [182] wurde nicht mehr an den Huften, sondern unter der Brust gebunden; der Puder wurde allmahlich abgeschafft, die Hackenschuhe abgelegt, die ganze Kleidung naherte sich mehr der Natur und eigentlich dem griechischen Geschmacke, in welchem Sinne man in den folgenden Jahren immer weiter und weiter schritt, bis zu Knappheiten in der Kleidung, die kaum eine Falte ubrig liessen, so dass die genaueste Bezeichnung der darunter befindlichen Korperform der eigentliche Zweck und Ruhm dieser Mode zu sein schien. Dazu gehorten denn die wirklich oder scheinbar unter Trikots entblossten Arme, entblosste Schultern, geschnurte Schuhe, die den Kothurn nachahmten, reiche Armbander, nicht bloss am Vorderarm wie sonst, sondern uber dem Ellenbogen; abgeschnittenes und in kurze Locken gelegtes oder, wenn es lang blieb, in einen Knoten am Hinterkopf geschlungenes Haar - kurz ein, soviel es moglich war, griechisierendes Kostum. Die Manner stutzten ihre Haare ebenfalls, kein Zopf, kein Haarbeutel, keine Seitenlocken wurden mehr gesehen; der Puder verlor sich ebenfalls, und bei vielen traten ungeheure Backenbarte hervor. Hierin aber genierten sich doch viele, und gerade die sittlichsten, geregeltsten der jungen Manner; denn so ein Schwedenkopf, wie man sie zuweilen nach den Portraten Karls XII. nannte, und ein starker Backenbart galt bei Loyalgesinnten oft fur das wahre Abzeichen eines Jakobiners und mancher, der die Mode als Mode mitmachte und vielleicht ganz rechtlich gesinnt war, musste sich mit diesem Namen brandmarken lassen, der nicht ohne ubeln Einfluss auf die Gunst seiner Vorgesetzten und somit auf sein Fortkommen in der Welt blieb. Es ist naturlich, dass die jungen Manner unserer [183] Sozietat die Einwirkung dieser offentlichen Ereignisse ebenfalls fuhlen mussten, und obwohl sie in Kleidung, Ausserungen und Betragen sich alle in den Schranken des Anstandes und der gebrauchlichen Formen hielten, so beschlossen doch diejenigen, die zu der gewissen Samstagsgesellschaft gehorten, diese nun aufzulosen, um der Regierung und offentlichen Meinung keinen Anstoss zu geben; besonders da einer unter ihnen, Graf Chorinsky, der Neffe jenes hohen Staatsbeamten war, der sich am tatigsten in der Verfolgung der Verdachtigen und Verschwornen bewiesen hatte. Die meisten vertilgten also ihre Aufsatze sowie die Beurteilungen, besonders jene, welche politische Gegenstande behandelten und worin freisinnige Meinungen ohne Scheu, weil bloss vor Freunden, waren ausgesprochen worden. Man furchtete damals nicht ohne Grund sogar Haussuchungen, und diejenigen, welche noch ihre Karriere in der Welt zu machen hatten, durften keinen solchen Makel auf ihren Ruf laden. So hatten denn die angenehmen Samstagsvereine ein Ende; es tat mir ungemein leid; aber eine gute Folge war mir doch davon geblieben. Pichler und ich hatten uns einander nicht bloss genahert, sondern wirklich vereinigt. Wir liebten uns herzlich und waren ernstlich entschlossen, uns fur das ganze Leben zu verbinden. Mitten unter politischen Garungen und Dissonanzen wuchs und erstarkte die Harmonie unserer Seelen, und da meine Eltern, denen wir kein Geheimnis aus unserer Liebe machten, ihren Segen dazu sprachen, so beseligte uns ein stiller Frieden, und wir sahen mit Geduld, obwohl mit recht innigem Verlangen, einer glucklichen Wendung von Pichlers Geschick entgegen, die ihm eine Beforderung verschaffen, [184] und ihn dadurch in den Stand setzen sollte, mir seine Hand anzubieten. Er selbst besass kein Vermogen, aber meine Eltern konnten und wollten uns gern unterstutzen, und Pichlers Geschicklichkeit, Fleiss und Rechtlichkeit waren so bei allen Behorden, die zu der politischen Branche gehorten, anerkannt, dass wohl an seinem baldigen und glucklichen Fortkommen nicht zu zweifeln war. * * * Der Krieg mit Frankreich ging seinen Gang mit dem bekannten Erfolge fort. Im Jahre eintausendsiebenhundertfünfundneunzig machte Preussen seinen Separatfrieden, und liess Osterreich allein den furchtbaren Kampf fortsetzen. Dafur ruckte es, unter dem Vorwande, die Gefahr jakobinischer Gesinnungen zu beseitigen, welche ihm von Polen aus drohte, mit Russland vereint in dies ungluckliche Land ein, und es ward zum drittenmal geteilt. Genau habe ich die Folge dieser, nach meiner Ansicht hochst widerrechtlichen Eingriffe in die Freiheit eines selbstandigen Volkes nicht behalten. Immer aber hat mir geschienen, diese Zerstuckelung und die Ungerechtigkeit, deren sich die Hofe dabei schuldig machten, sei der Giftkeim gewesen, der in dem europaischen Gemeinwesen, erst verborgen, dann immer offener wie ein Krebsschaden um sich gegriffen hat. Jene Gewaltschritte mogen wohl dem furchtbaren Eroberer zum Vorbild wie zur Rechtfertigung gedient haben, als er spater, nachdem der Wille der Vorsicht das Schicksal der Nationen in seine ubermachtige Hand gelegt hatte, mit Landern und Volkern wie mit Spielmarken umging, die man heute diesem, morgen jenem zuteilen kann, um eine Weile [185] damit zu glanzen und sie bei dem nachsten Wechsel der Herrscherlaune wieder zu verlieren. Seitdem hat ein ungeheures Ungluck dies bedauernswerte Land ganz um jeden Schatten der Selbstandigkeit und Nationalitat gebracht, den Kaiser Alexanders milde Gesinnungen ihm noch gelassen. In mir aber lebt der feste Glaube, dass es so nicht bleiben wird und kann, und die Vorsicht solche schreiende Ungerechtigkeiten nicht durch ihren Beistand sanktionieren kann. Polen wird einst, - ob bald, ob spater weiss nur der Lenker unsrer Geschicke, und in der Weltgeschichte zahlen ja die Jahre nur wie Tage - also Polen wird und muss sich wieder erheben, es muss wieder ein eignes, selbstandiges Reich werden, das die kultivierten Staaten Europas als ein machtiges Bollwerk gegen die Horden des nordischen Riesenreiches schirmen, den Weltteil vor einer zweiten Volkerwanderung und die Nationen germanischen und keltischen Stammes vor einer Unterjochung durch Slaven bewahre, die das k, welches in ihrem Namen ausgelassen ist, durch ihre Denkart immer mit hineinbringen, drucken, wo sie konnen und kriechen, wo sie mussen. Und nur dann, wenn Polen hergestellt, die Nemesis gesuhnt und Recht befriedigt ist, wird auch rechte Ruhe in Europa wieder. Immer erfullt es mich mit einer stolzen Beruhigung, dass schon vor sechzig Jahren (it is sechzig years since) bei der ersten Teilung dieses unglucklichen Reiches, als Preussen und Russland ihren schlimmen Plan entwarfen, Osterreich, d.i. die Kaiserin Maria Theresia, diese wahrhaft grosse und christlichgesinnte Monarchin, nicht einwilligen wollte, wie ihr Billett an Furst Kaunitz beweist, welches uns Baron Hormayr im historischen Taschenbuch bei Gelegenheit von Kaunitz Leben [186] mitteilt. >> Ich furchte, es werde ein ubles Beispiel geben<<, schrieb die weise Furstin in prophetischem Geiste, und sie hatte richtig gesehen, wie der Erfolg bewiesen. Nur gezwungen gab sie endlich nach und schamte sich bitter dieser harten Notwendigkeit. Damals also, mehr als zwanzig Jahre spater, fiel bei der dritten Teilung das sogenannte Westgalizien mit Krakau an Osterreich. Viele Beamte fanden dort Anstellungen, und Graf Chorinsky ward zum Kreishauptmann in Kielce ernannt. Fast zu gleicher Zeit gingen auch hier grosse Veranderungen vor. Graf Saurau, Graf Chorinskys Oheim, wurde Regierungsprasident, mehrere altere oder missfallige Rate und Sekretare wurden jubiliert, und, wie denn das so oft in der Welt geht, das Missgeschick jener (an dem wir ubrigens auch nicht die entfernteste Schuld hatten) wurde der Grund unseres Gluckes. Pichler erhielt die Stelle eines Regierungssekretars und war durch den damit verbundenen hohern Rang und Gehalt imstande, an unsere Verbindung zu denken, da meine Eltern (um mich nicht aus ihrer Nahe zu verlieren) uns eine sehr ausgiebige Unterstutzung versprochen hatten. Es wurde also eine kleine, aber sehr nette Wohnung, welche gerade an die meiner Eltern, >>auf der Mehlgrube<<, grenzte, und mit jener das ganze Stockwerk ausmachte, fur uns gemietet, die wir im nachsten Herbst beziehen sollten. Unsere Vermahlung aber war auf den Fruhling 1796 festgesetzt und sollte in unserer Gartenwohnung zu Hernals gefeiert werden, wo wir auch den Sommer uber leben wollten. Chorinsky nahrte dieselben Hoffnungen und Plane wie Pichler. Auch er war entschlossen, das Madchen, das er liebte, Sophie Mertens, zu heiraten, da aber[187] sein Vater diese Verbindung nicht zugeben wollte, sollte die Trauung ganz in der Stille sein, acht Tage vor der unsrigen, und so sahen denn wenigstens zwei Paare der Jugendfreunde froh dem Ziele ihrer Wunsche entgegen, wie vor zwei Jahren Durfeld mit seiner Therese, nur dass leider dies Band seitdem schon wieder zerrissen worden war. Therese hatte ein ubergluckliches Jahr, vom Mai eintausendsiebenhundertvierundneunzig bis zum Juni 1795, mit dem trefflichen Gatten gelebt; sie hatte Hoffnung, bald Mutter zu werden. Wir sahen uns oft bei meinen Eltern im Garten oder auch in Theresens Wohnung in der Stadt. Gegen den Zeitpunkt, wo jene Hoffnung erfullt werden sollte, bemerkten ich und viele, welche die junge schone Frau sahen und Anteil an ihr nahmen, dass sich ihre Zuge in etwas geandert hatten, ohne dass man eben sagen konnte, sie sehe krank aus. Erfahrene Matronen wollten daraus Besorgnisse schopfen; aber Therese ward glucklich von einem schonen und gesunden Madchen entbunden, die noch jetzt als Mutter von neun Kindern und Gattin des Vizeprasidenten von Hauer lebt. Indessen hatte man bei der Taufe des Kindes oder nach derselben die schone Wochnerin zierlich geputzt, eine Menge Besuche bei ihr eintreten lassen, und diesem, freilich verkehrten Verhalten ward es zugeschrieben, dass Therese plotzlich sehr krank wurde, ihr Ubel von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag stieg, und das bluhende, edle, liebenswurdige Weib, die gluckliche Gattin und Mutter noch vor dem Ende der neun Tage eine Leiche war. Ich fuhlte diesen Verlust sehr tief und schmerzlich, nicht bloss um der Verblichenen selbst, sondern auch um ihres untrostlichen Mannes, meines teuern Freundes [188] willen, und ich sprach mein Gefuhl in einem Gedicht aus, das dieses traurige Ereignis besang und in der Sammlung meiner Gedichte enthalten ist. * * * Als mein Hochzeitstag heranruckte, den meine Eltern auf den fünfundzwanzig des schonsten Monats, des Mai, festgesetzt, wunschte ich, dass meine wertern Jugendfreunde daran teilnehmen und mich an diesem Tage umgeben sollten. Fraulein Ravenet bat ich, meine Kranzjungfrau zu werden, ihr Pflegevater, der Regierungsrat von Hess, wurde zu meinem einen Zeugen oder Beistand erwahlt, und mein lieber Durfeld, dem ich es kaum zuzumuten wagte, ein Jahr nach seinem unendlichen Verlust bei meiner Hochzeit gegenwartig zu sein, ubernahm doch aus freundschaftlicher Gute fur mich die Stelle des zweiten. Pichlers Beistande waren der damalige Hofrat von Sonnenfels, dessen Name in Osterreich in dankbarem Andenken lebt, und ein junger Baron von Lederer, der denn nun auch so gut wie die beiden alteren Beistande und Durfeld langst schon hinubergegangen ist und die Brautleute dort erwartet, wo wir uns wahrscheinlich in nicht langer Frist alle zusammenfinden werden. Dieser fünfundzwanzig Mai 1796, ein Mittwoch, war von dem herrlichsten Fruhlingswetter begunstigt und in unserm Hause vom fruhen Morgen an ein geschaftiges Treiben und Drangen, das mich in innerer und ausserer Unruhe und Spannung erhielt. Gegen Abend erschienen die Hochzeitsgaste und unsere nachsten Freunde und Bekannten; denn wir beide, Pichler und ich, wunschten kein rauschendes Fest, und es sollte doch eines werden! Meines Mannes Bruder, der wurdige Pfarrer, [189] traute uns, und mit tiefbewegter Seele kam ich von der Trauung zuruck, wo ich zwar nicht geweint, aber desto mehr gezittert hatte, wie denn uberhaupt meine Tranen nicht bei jenen Anlassen fliessen, die sie sonst bei meinem Geschlechte hervorzurufen pflegen, wohl aber bei Regungen und Ausserungen offentlicher Erhebung oder Freude. So haben sie spater die Landwehrlieder meines Freundes Collin und die Anstrengungen und Siege der Jahre 1813-14 reichlich fliessen gemacht. Wir waren also nach Hause gekommen, ein sehr elegantes Gouter war eingenommen, und es fing an zu dunkeln, da bemerkten einige von der Gesellschaft, die zufalligerweise an ein Fenster, welches in den Garten sah, getreten waren, dass es im Garten von Menschen wimmle, und in der Entfernung der Schein von Lichtern zu sehen sei. Meine Mutter lachelte bei dieser Bemerkung ganz geheimnisvoll; aber sie schwieg, denn sie allein wusste von der Uberraschung, welche liebe Freunde uns bereitet hatten, namlich das Fraulein von Paradis, deren unglucklicher Blindheit und ihres seltsamen Geschicks schon erwahnt worden ist. Ihr Vater war ein vieljahriger Bekannter und Freund des meinigen, Fraulein Therese, obwohl viel alter als ich, trug von jeher eine lebhafte Neigung zu mir, die ich herzlich erwiderte, und die Musik, welche sie, mit so vielem Gluck als Freude, als den vorzuglichsten Trost in ihrer Lage trieb, wurde zu einem neuen Band zwischen uns. Wir hatten bereits kleine Komodien, auch einige Oratorien und Opern, meistens ohne Theater und Spiel miteinander auffuhren geholfen; >> Cora<< und >> Amphion<< von Naumann und viele andere, auch einige Kompositionen von Fraulein Paradis [190] selbst; doch fand ich, dass weder ihre noch die Kompositionen des Frauleins von Martinez (die einzigen Werke von weiblichen Kompositeurs, die mir bekannt geworden) von grossem Belange waren. Es ist uberhaupt eine seltsame Bemerkung und sie moge hier stehn, weil sie eine Veranlassung gefunden hat, dass es noch nie einer Frau gelungen ist, sich als schaffende Musikerin auszuzeichnen. Es gibt gluckliche Malerinnen und Dichterinnen und wenn gleich nie eine Frau es in irgend einer Kunst oder Wissenschaft so weit wie die Manner gebracht hat, so haben sie doch bedeutende Stufen erstiegen. In der Musik nicht. Und dennoch sollte man glauben, dass diese Kunst, welche die wenigsten Vorstudien erheischt und viel eigentlicher Sache des Gemuts und der Phantasie ist als die andern Kunste, das rechte Organ ware, in dem sich der weibliche Geist aussprechen konnte. Doch ich kehre zu Fraulein v. Paradis und meiner Hochzeitsfeier zuruck. Gleich nachdem jene Bewegungen im Garten bemerkt worden waren, ertonte Musik, die sich immer mehr naherte; es kam die Treppe herauf, und ein Zug landlich gekleideter Gestalten trat, einen Chor singend, den Instrumente begleiteten, in den Vorsaal. - Alles eilte ihnen entgegen, und mit lebhaftem Vergnugen erkannte ich in den Bauern und Bauerinnen des Zuges meine Schauspiel- und Operngefahrten aus dem Paradisschen Hause. Ein Paar nach dem andern trat nun vor Pichler und mich hin und uberreichte uns in kleinen Korbchen niedliche Spielsachen, die in verkleinertem Massstabe eine ganze Hauseinrichtung vorstellten, und sangen eine Strophe des Chors, der also begann: [ 191] Wir kommen mit Gaben und Steuer, Zu ehren die ehliche Feier, Die heute das glucklichste Parchen vereint; Und scheinen gering auch die Gaben,Die wir zum Geschenke hier haben,So denkt nur, wir haben es redlich gemeint, usw. Als alle vier Paare ihre Korbchen, jedes mit andern, auf den Inhalt des Korbes bezuglichen Versen ubergeben hatten, wurden wir gebeten, dem Zuge in den Garten zu folgen. Hier standen am Fusse der Treppe vier weissgekleidete Madchen, die einen Baldachin von Zweigen und Blumen hielten, unter den der Brautigam treten und sich von ihnen fuhren lassen musste. Ebenso erwarteten mich vier junge Herren mit ihrem grunen Dache, und nun stromte die ganze zahlreiche Gesellschaft uns nach durch die langen Alleen bis zu dem Platze, wo eine Art von naturlichem Theater aus lebendigen Hecken und Spalieren gebildet, ein passendes Lokal fur einen Altar des hauslichen Gluckes bot, an welchem Fraulein Therese v. Paradis als Priesterin der Freundschaft stand, noch andere Mitspielende in verschiedenen Attituden umher gruppiert waren (das Ganze von unzahligen Lampen geschmackvoll erleuchtet) und uns mit einem Chorgesange empfingen. Es war ein schones und ruhrendes Fest herzlicher Freundschaft, das mich damals ungemein erfreute, die Bande wechselseitiger Zuneigung zwischen uns und der Paradisschen Familie fester zuzog, und wofur ich noch jetzt, nach langen Jahren, den Manen der langstvorangegangenen Freunde einen Zoll dankbarer Erinnerung entrichte. So ward unser Hochzeitfest, das nach unserer Meinung still und gerauschlos hatte voruber gehen sollen, doch unvermutet durch die Mitwirkung wohlwollender [192] Freunde glanzend gefeiert, und >>so vieler Geister wohlgemeintes Streben<< konnte nicht anders als Segen uber diese Verbindung bringen, die sich denn in dem langen Zeitraum, in Gluck und Ungluck als eine der zufriedensten und vergnugtesten Ehen bewahrt hat. * * * Wir waren vermahlt und lebten mit meinen Eltern nicht bloss in einem Hause, sondern assen auch mit ihnen an einem Tische, und machten nur eine Haushaltung aus, obgleich wir junges Ehepaar ein ganz separiertes Appartement, sowohl auf dem Lande in meiner Eltern Haus als in der Stadt, neben ihnen bewohnten. Hier sei es mir erlaubt, eine Bemerkung und Erfahrung einzuschalten, die ich an meinem eigenen - Schicksal gemacht, und dadurch angeregt, noch so oft und vielmal bei andern zu machen, Gelegenheit gehabt habe, dass ich sie wohl als untruglich aussprechen darf. Es taugt nicht, und stort das hausliche Gluck beider Teile, wenn Schwiegerkinder mit den Eltern auf eine solche Art beisammen wohnen, dass sie nur einen Haushalt ausmachen. Wenn auch Grundsatze und Lebensverhaltnisse der Kinder und Eltern sich ziemlich gleichen, so bringt schon der Unterschied der Jahre und die daherruhrende Verschiedenheit der Ansichten und des Geschmacks einen notwendigen Zwiespalt hervor. Uberdies gibt es Eigenheiten, Angewohnungen, Hausbrauche, die an sich vollig gleichgultig sind, aber der Schwiegersohn, die Schwiegertochter bringt solche aus dem vaterlichen Hause mit, und findet hier ganz andere. Uber vieles setzt sich wohl ein wohlgeordnetes Gemut hinaus aus Liebe zu dem Gatten, aus Liebe zum [193] Frieden. Auch werden zwei junge Gemuter, sich selbst uberlassen, sich leichter ineinander finden und schicken. Schroffer, kalter, starrer stehen die Ansichten der Schwiegereltern, ihre Eigenheiten dem fremden Teil gegenuber, und es kommt dann darauf an, ob die alten Leute nachgeben und in ihren spaten Jahren sich eine Art von Unterordnung gefallen lassen oder ob die jungen Leute sich willenlos hingeben sollen? Immer muss ein Teil, die Alten oder Jungen, geopfert werden, und wer das Leben kennt, wird hier nicht von Nachgeben, Ausweichen usw. sprechen. Im engen Zusammenleben treten solche Verschiedenheiten grell und immerwahrend hervor, und die jungen Leute mussen sehr gut sein, und sich sehr lieben, wenn sich nicht durch dies Zusammensein mit den Eltern des einen Teils ein Keim der Unzufriedenheit erzeugt, der in der Folge bittere Fruchte tragt. Und hier ist nur von Verschiedenheit der Angewohnungen, der Lebensweise die Rede. Wie aber, wenn heftige Leidenschaften, bedeutende Unarten, Zanksucht usw. bei einem oder andern der Mitglieder eines so eng verbundenen, doppelten Haushalts hervortreten; wenn grosse Verstimmungen entstehen und sich argerliche Auftritte, emporende Zankereien daraus entwickeln? Bei uns war dies, Gottlob! nie der Fall, und dennoch machte uns dies Zusammenleben nicht glucklich. Es totete manche unserer jugendlichen Freuden im ersten Keim und sate manchen bosen Samen, der spat bittere Fruchte trug. Hier ist wohl der Ort, wo ich nach einer glucklichen Ehe von mehr als vierzig Jahren meinem vortrefflichen Gatten den innigsten Dank fur die Gute, Nachsicht, Liebe und Geduld sagen kann, mit welcher er sich durch [194] die ersten ganzen neunzehn Jahre unserer Ehe in ein solches schwieriges Verhaltnis gefugt, und mich nie mit einem Worte oder auch nur mit einem Blicke hat fuhlen lassen, wie viele Opfer es ihn gekostet, wie viele seiner und meiner besten Freuden auf diesem unerbittlichen Altar des notwendigen Zusammenlebens mit den Schwiegereltern geschlachtet wurden. Gott segne ihn dort dafur; denn nie werde ich es ihm vergelten konnen. * * * Meine Lebensweise im Hause meiner Eltern erlitt wenig Veranderung, nur schlief ich und kleidete mich in einem andern Zimmer; denn so wie mein Mann in sein Bureau ging, und selbst wenn er zu Hause war, forderte meine Mutter alle die Dienstleistungen und Pflichten von mir, die mir als Madchen obgelegen hatten. - Das war schon ein sehr schwerer Punkt fur uns beide; denn da wir mit den Eltern auch fruhstucken, zu Mittag und Abend essen sollten, blieben uns kaum einzelne Augenblicke, in welchen wir uns angehoren durften. Mein Vater zeigte mehr Nachsicht und Achtung fur mein neues Verhaltnis, und obgleich auch er nicht auf die Leistungen und Aushulfen ganz verzichtete, welche er von mir zu erhalten gewohnt war, so fuhlte ich doch wohl, dass er mir mehr Freiheit liess. Er erkannte als Mann die Rechte seines Schwiegersohnes an, wo hingegen meine Mutter bei ihrer oben geschilderten Denkart gegen das mannliche Geschlecht von keinem Rechte desselben etwas wissen wollte. Wir fuhlten wohl beide den Druck, der auf uns lag, und fuhlten ihn manchmal schmerzlich, mir aber half die Gewohnheit des Gehorchens und mein heiterer[195 ] Sinn uber manche holprige Stelle meines Lebensweges hinuber, und mein Mann liebte mich so sehr, dass er auch nicht oder nur selten sich beklagte, und so verging der erste Sommer unserer Ehe ziemlich vergnugt. Mit dem Herbste bezogen wir unsere neue kleine, aber sehr angenehme Stadtwohnung, welche in demselben Stockwerke wie die meiner Eltern gelegen, mit der ihrigen eigentlich eine ausmachte, und zu der sie mir spater noch ein daranstossendes Zimmer der ihrigen einraumten. Voll Freuden, unser eigenes Nestchen fur uns zu haben, bezogen wir es vielleicht zu fruh; denn die Ofen waren noch nicht alle gesetzt, und die frisch geweisst und gemalten Wande feucht. In einer der ersten Nachte wurde ich von einer heftigen Kolik befallen, aber wenig bekannt mit Krankheiten und meiner guten Natur vertrauend, wollte ich weder meinen Mann noch unsere Magd im Schlafe storen, und erst gegen Morgen, als ich es nicht mehr vor Schmerzen aushalten konnte, weckte ich Pichler, der sogleich um den Arzt schickte. Dieser, ein treuer Freund unseres Hauses, der nachmalige k.k. Leibchirurgus v. Herbek, ein als Arzt und Mensch gleich schatzbarer Mann, erschien sogleich, erklarte meinen Zustand fur entzundlich und nicht ohne Gefahr. Denselben Tag kam er noch dreimal, um nachzusehen, man wendete mit Sorgfalt und Liebe alle verordneten Mittel an, und nach einigen Tagen konnte ich bereits das Bett verlassen. Doch zeigte sich von jener Zeit an ofters eine grosse Reizbarkeit der Eingeweide, und ich musste mich vor Verkuhlung sehr in Acht nehmen. Im folgenden Karneval, dem ersten, den ich als vermahlte Frau zubrachte, und mich sehr wohl unterhielt, fing ich an, die ersten Anzeichen einer sehr erwunschten [196] Veranderung zu bemerken, und die Hoffnung bestatigte sich immer mehr, dass ich wahrscheinlich bis zum Herbst das Gluck Mutter zu sein geniessen wurde. Von diesem Augenblicke an beobachtete ich mich sorgfaltig, tanzte nicht mehr so viel, und befand mich ubrigens sehr wohl. Oftere kleine Unbehaglichkeiten waren alles, was ich in den ersten Monaten von diesem Zustand zu leiden hatte, und meine gesunde, kraftige Natur bewahrte sich auch hierin. Desto angstlicher wurde mir diese Zeit durch politische Vorgange und Schrecken. Die franzosische Armee unter General Bonaparte ruckte aus Italien immer naher heran, eine Schlacht nach der andern ging fur uns verloren, und die Feinde standen endlich im Marz bereits in der Steiermark. Ein allgemeiner Schrecken bemachtigte sich der ganzen Hauptstadt. Die wilden Scharen der jungen Republik hatten in Deutschland und Italien auf eine Art gehaust, dass alles vor ihnen zitterte und an Flucht, Rettung und moglichste Verteidigung dachte. Dazumal erfuhren die Wiener zum erstenmal die Schrecken, welche einer Invasion vorausgehen, sie sollten jene noch einmal fuhlen, bis endlich die Wirklichkeit ebenfalls zweimal im Jahre 1805 und 1809 eintraf, und uns lehrte, was bei so vielen grossen Ubeln der Fall ist, dass Erwartung, Angst und aufgereizte Phantasie uns das wirkliche Ungluck ungebuhrend vergrossern, dass die Furcht etwas Ansteckendes hat, dass sie sehr oft die Vernunft ausschliesst, und dass die bose Wirklichkeit leichter zu ertragen ist, als die grundlosen Schreckbilder, welche die Angst in uns aufregt. Was wurde damals im Fruhlinge eintausendsiebenhundertsiebenundneunzig nicht alles erzahlt, gefurchtet und mit dem verkehrtesten Sinn entworfen [197] und ausgefuhrt! Alles wollte fliehen; alles nur fort, nur fort aus der, von allen moglichen Schrecken bedrohten Stadt! Wie schlecht die Wege, wie schwer die Pferde zu haben, wie elend die Unterkunft auf den uberfullten Poststrassen nach Bohmen und Ungarn sein mochten; was den Gefluchteten an den, zum Aufenthalte erwahlten Orten bevorstehen konnte, wenn der Sieger seine Eroberungen verfolgen, sie vielleicht auch von jenen Zufluchtsstatten vertreiben wurde, und sich dann ohne Geld, ohne Schutz, unter Fremden befanden, - das alles wurde nicht bedacht. Man wollte nur fort, und die unsinnigsten Erzahlungen fanden Glauben, wenn sie zu der ruhelosen Angst stimmten, die damals die Bevolkerung von Wien grossenteils ergriffen hatte. Wir haben in unserer Zeit bei der ersten Annaherung der Cholera eine zweite Erfahrung dieser Art gemacht, und auch sonst sehr vernunftige Menschen kopflos, verderblich und oft lacherlich handeln gesehen, wenn es anders erlaubt ware, uber etwas, was andere qualt, zu lachen. Indessen muss man zur Entschuldigung der damals Lebenden auch sagen, dass die Sachen um uns herum ernst und drohend aussahen. Es wurden Anstalten zur Verteidigung der Stadt gemacht, und im Anfange davon gesprochen, die Linien zu verteidigen. Als aber erfahrene Militars aussprachen, dass, um diesen weiten Umkreis zu beschirmen, eine Besatzung von einhundertfünfzigtausend Mann notig sein wurde, so gab man den Plan auf und wollte sich auf die innere Stadt, die eigentliche Festung beschranken. Ein Aufgebot aller waffenfahigen Mannschaft in der Stadt und den Vorstadten wurde beschlossen, und diese dazu in verschiedene Bezirke eingeteilt. Die jungern Beamten der Landesregierung[198] wurden zur Organisation dieser Scharen verwendet, und auch meinem Mann ein Bezirk, namlich die Jagerzeile, angewiesen. Wahrend alles dies uns in steter angstlicher Bewegung aufregte, erhielt mein Vater Befehl, sich mit den Zoglingen des k.k. Theresianums, dessen Oberleitung ihm damals anvertraut war, von Wien wegzubegeben, um die Sohne der angesehenen Hauser, die sich in jener Anstalt befanden, nicht den Gefahren eines feindlichen Uberfalls preis zu geben. Erwunscht erschien meinen Eltern diese Gelegenheit, um sich mit ihrer Familie dieser Reise anzuschliessen, und ich war zu gewohnt, meinen Eltern in allem unbedingt zu gehorchen, als dass ich es gewagt hatte, zuruck zu bleiben und mich im Zustande der Schwangerschaft den Schrecken und Gefahren auszusetzen, welche, wie doch die Mehrzahl der Wiener befurchtete, uns bei der Eroberung der Stadt durch die Truppen der damaligen Republik drohten. Es wurde also in einem Familienrate beschlossen, dass ich mit meinen Eltern nach Durnholz (einem Schlosse an der mahrischen Grenze, welches dem Theresianum gehorte) reisen sollte, und mein Bruder vermochte meine Eltern dahin, auch seine Geliebte und kunftige Braut, ein Fraulein v. Kurlander, die Tochter einer mit uns durch alte Freundschaftsbande verbundenen Familie, mitzunehmen, um auch sie vor den moglichen Gefahren, die sich ereignen konnten, zu sichern. Freilich musste ich mich nun von meinem Manne trennen, und das tat mir unendlich leid; aber ich glaubte in dem ausgesprochenen Befehl meiner Mutter ein Gebot zu sehen, wider welches keine Appellation stattfand; und so trat ich denn mit recht schwerem Herzen diese an sich freilich unbedeutende Reise an, die unter andern [199] Umstanden allerlei Angenehmes und selbst Komisches hatte haben konnen. Auf bequem eingerichtete, lange Wagen, nach Art der >> Zeiselwagen<<, wurde eine ziemliche Anzahl junger Leute, wovon viele noch im Knabenalter standen aufgepackt; bei weitem nicht alle Zoglinge, denn diejenigen, fur die ihre Eltern sorgen konnten und wollten, wurden ihnen ubergeben. Einige Patres Piaristen (welchen das Theresianum damals wie einst den Jesuiten ubergeben war) begleiteten sie. Dann folgten unsere beiden Kutschen, mit unsern eigenen Pferden bespannt, und so bewegte sich der Zug ziemlich gemachlich und langsam auf der Brunnerstrasse fort und wir erreichten unser Ziel, das mit Postpferden kaum eine Tagereise weit war, erst am folgenden Tag. Ein altertumliches Schloss, einst ein Besitztum des letzten Barons von Teuffenbach, der es zu einer Stiftung bestimmt hatte, nahm uns auf. Wir bewohnten ein paar hohe, grosse Stuben, deren weisse Wande und wenige Mobel keine grossen Bequemlichkeiten versprachen. Die Zoglinge des Theresianums mit ihren Hofmeistern waren auf einem andern Flugel einquartiert und nur die zwei angesehensten der geistlichen Herren assen mit uns an demselben Tische. Es gestaltete sich ein, im Ganzen ziemlich angenehmes Leben, obwohl die unbedeutende, flache Gegend, welche erst kurzlich von der, hier in der Nahe fliessenden Thaya war uberschwemmt worden, und auf Feldern und Wiesen noch genug Spuren davon in Schlamm, Sumpf und toten Fischen zeigte, verbunden mit der fruhen Jahreszeit im Anfange des April wenig landliche Freuden bot. Aber die beiden Geistlichen waren gebildete, welterfahrene Manner und meine Eltern sowohl als [200] wir jungen Leute fanden in ihrer Unterhaltung, in Lekture, Arbeit und einigen Spaziergangen Stoff genug, unsere Zeit leidlich zu verbringen. Aber mein Herz war nicht ruhig. Mir standen die Gedanken nach Wien zu meinem Manne, und je langer unser Aufenthalt in Durnholz dauerte, je unbestimmbarer seine Dauer uberhaupt und unsere ganze prekare Lage war, je schwerer wurde mir die Trennung von Pichler. Mich uberfielen dustere Einbildungen, die ich fur sichere Ahnungen hielt, dass ich hier in Durnholz krank werden und fern von meinem Manne sterben wurde, ohne den Trost, in seinen Armen mein Leben zu endigen und ohne die Freude, mein Kind zu gebaren. Vielleicht war dieser korperliche Zustand, verbunden mit dem naturlichen Weh der Trennung, die sehr begreifliche Ursache meiner melancholischen Vorstellungen, die ich indessen niemand, selbst nicht den Briefen an meinen Mann anvertraute und nur mit gespannter Angst auf jede Nachricht von Wien wartete, die uns uber die Lage der Dinge, das Vorrucken der Feinde und die Anstalten, welche in Wien getroffen wurden, etwas Zuverlassiges berichten konnte. Beinahe vierzehn oder noch mehr peinliche Tage waren auf diese Art fur mich langsam dahingeschlichen. Meines Mannes Briefe waren meine einzige Freude. Aus ihnen schopfte ich den nachsten Trost, dass es ihm wohl ging und er gesund war; aus ihnen auch den entferntern, dass sich Friedensgeruchte in Wien zu verbreiten anfingen, und General Bonaparte, der mit seinen sieggewohnten Scharen bis Leoben gedrungen war, sich zu friedlichen Unterhandlungen geneigt zeige und man hoffen durfe, die Praliminarien bald abgeschlossen zu sehen. Das war eine freudige[201] Botschaft fur alle; aber vielleicht unter unserer Gesellschaft fur niemand mehr als fur mich; denn nieman von uns hatte etwas so Liebes in Wien zuruckgelassen als ich. Wirklich kam die Nachricht von diesem Abschluss der Praliminarien bald mit Zuverlassigkeit, und ein Brief meines, nun auch schon lange verstorbenen Schwagers Schweiger, der damals Konsistorialkanzler des Bischofs von Leoben war, meldete uns noch die genauern Details und manchen interessanten Zug von dem jugendlichen Helden, dessen Ruhmes-Morgenrote eben uber Europa zu leichten begann, und der den Lorbeer, welcher damals seine Schlafe schmuckte, noch mit keiner Ungerechtigkeit und Gewalttat befleckt hatte. Uberhaupt hatte er sich in Leoben und Goss (dem eigentlichen Sitze des Bischofs) viele geneigte Herzen erworben und ein ruhmliches Andenken an seine Gegenwart hinterlassen, das noch lange zu seinen Gunsten nachwirkte. Der Bischof (ein Graf von Engl) empfing ihn bei seiner Ankunft ehrfurchts-, aber auch angstvoll; Kranklichkeit und Alter hatten dem Greise nicht erlaubt, sich, wie es andere getan, vor der Ankunft der Franzosen zu entfernen. Bonaparte begrusste ihn mit Anstand und der freundlichen Bemerkung, dass er sich sehr freue, ihn auf seinem Bischofssitze anzutreffen; er sei wirklich der einzige seiner Kollegen, den er bis jetzt zu Hause gefunden. Auch entsprach das nachfolgende Betragen des jungen Helden ganz diesem ersten Anfange; denn er benahm sich mit beinahe kindlicher Schonung gegen den Greis, und ritt nie aus oder kam nie nach Hause, ohne seinen Wirt ehrerbietig zu begrussen. In einem Pavillon des Schlosses Goss, in der Nahe von [202] Leoben, der als ein neutraler Ort erklart wurde, versammelten sich die Abgesandten unsers Kaisers und die franzosischen Machthaber, die Praliminarien wurden unterzeichnet, und die Tinte, welche dazu gebraucht worden war, nach einer sonderbaren Etikette, sodann auf den Boden geschuttet, wo man mir nach acht Jahren, als ich dahin kam, noch das schwarze Mal zeigte. Es war also, wenigstens fur jetzt, Waffenruhe, Wien hatte nichts von der Annaherung der Feinde zu furchten, welche sich bald darauf aus Steiermark zuruckzogen, und wir durften mit den, meines Vaters Obhut anvertrauten jungen Leuten wieder nach der Residenz zuruckkehren. Nun war ich wieder glucklich; wir brachen auch bald auf, und mit Entzucken umarmte ich meinen Mann, der uns, von unserm Eintreffen benachrichtigt, schon jenseits der Donau in den Auen entgegen kam. Freudig kehrten wir in unsere kleine, heimliche Wohnung zuruck, aber eine neue Sorge begann sogleich, denn Marie, die Braut meines Bruders, welche uns nach Durnholz begleitet hatte, befand sich schon den Abend vor unserer Abreise unwohl, kam noch viel kranker hier an und lag mehrere Wochen hindurch an einem bedeutenden hitzigen Fieber darnieder. Die militarischen Vorkehrungen, welche schon vor unserer Abreise begonnen, waren wahrend derselben fortgesetzt worden, indem wirklich einige ausgezeichnete Militars (unter andern General Mack) an die Moglichkeit einer dauernden Verteidigung geglaubt hatten, und ein gewisser General Zopf oder Zapf, der mit dem Kommando in der Stadt beauftragt war, sich geaussert hatte, er werde die Wiener schon lehren, Pferdefleisch essen; die Stadt trug wirklich bei unserer Zuruckkunft noch manche Spuren dieser Anstalten und sah [203] etwas verandert aus. Aber bald verschwand dieser fremdartige Schein, der denn auch, nach der Meinung aller vernunftigen, vorurteilslosen Menschen, nur ein Schein war, und keine Realitat und Dauer haben konnte, wenn es wirklich zu einer Belagerung oder nur zu einer kurzen Verteidigung kam, wie es die Erfahrung im Jahre eintausendachthundertneun bewies. Am 17. April wurde das ganze Wiener Aufgebot, welches ziemlich zahlreich, und, wie man allgemein bemerkte, von einem guten Geiste beseelt war, auf dem Glacis aufgestellt und feierlich entlassen, wobei denn jede Abteilung von ihren Kommissaren mit einer kleinen Rede haranguiert wurde, und auch Pichler eine recht hubsche an seine Truppe von der Jagerzeile hielt. So hatte denn unsere Angst und Not fur diesmal ein Ende, und ich fing sogleich eine Beschaftigung ganz anderer Art an, namlich die Vorbereitungen fur den Empfang des unbekannten, teuren Wesens, das ich erwartete, und das, meiner Rechnung zufolge, etwa in der Halfte des Oktober erscheinen sollte. Der Sommer war sehr trocken und sehr heiss, ich fuhlte das durch meine korperliche Lage doppelt, doch war ich im ganzen sehr wohl und hatte eben keine grossen Beschwerden zu ertragen. Dennoch betrachtete ich den Zeitpunkt, welcher mir bevorstand, mit sehr ernsten Blicken, und gewohnt, den Gedanken an den Tod mir oft zu vergegenwartigen, entwarf ich, wenige Wochen vor meiner Entbindung, mein Testament. Mit Ende des Septembers verliessen wir unsere Gartenwohnung, um die bevorstehende Katastrophe in der Stadt abzuwarten, und diese erfolgte denn unter sehr glucklichen Umstanden am elf Oktober eintausendsiebenhundertsiebenundneunzig spat gegen Mitternacht, nachdem ich schon die vorhergehende [204] Nacht sehr unruhig zugebracht hatte. Denn zu den korperlichen Vorempfindungen, welche mir den Schlaf verkummerten, gesellte sich auch noch eine moralische Angelegenheit, die mir die Ruhe nahm, und das war, so seltsam dies klingen mag, das Schicksal des Generals Lafayette. Dieser Mann war von seinem ersten Auftreten in der Revolution von eintausendsiebenhundertneunundachtzig an, durch sein Benehmen in der Nationalversammlung (wo er einer der ersten seine Adelsvorrechte und den wohlerworbenen Ruhm seiner Ahnen willig auf dem Altar des Vaterlandes opferte), auf dem Marsfelde, bei der Flucht des unglucklichen Konigs, kurz bei jeder Gelegenheit mir so gross und edel erschienen, dass er meine ganze Bewunderung erworben hatte, und wahrlich, sein Lebenslauf und die Weise, wie er nach vierzig Jahren wieder als Retter und Schirmer des Vaterlands auftrat, hat meine Ansichten vollkommen gerechtfertigt. Damals nun war die Nachricht von seiner hochst unbilligen Gefangennehmung und Einkerkerung in Olmutz entweder erst in Wien oder wenigstens mir bekannt geworden. Genug, sie beschaftigte meine Einbildungskraft unaufhorlich, und Lafayette, seine Frau, die ihn begleitete oder besuchte, und uberhaupt seine Lage auf der unfreundlichen Festung war in der Nacht vor meiner Niederkunft das Bild meiner Traume und der Gegenstand meiner wachen Gedanken. Aber die Erscheinung eines gesunden, wohlgebildeten Tochterchens, die Leiden und Freuden, die Unruhe und Geschafte, welche eine solche Epoche begleiten, loschten wenigstens fur den Augenblick Lafayettes Andenken in meiner Phantasie aus, und ich war ganz glucklich und beruhigt im Besitz des lieben, kleinen Wesens, [205] das ich selbst zu stillen beschlossen hatte und es auch sogleich ausfuhrte. Die Kleine bekam den Namen ihrer Mutter und Grossmutter und hiess Karoline wie wir. Mein Wochenbett war glucklich und ware auch vergnugt gewesen, wenn nicht ein hausliches Missverstandnis den Frieden meiner Eltern, hierdurch die Laune meiner Mutter und folglich die Heiterkeit unsers Zusammenlebens gestort hatte. Ich habe schon erzahlt, dass mein Bruder seine Neigung einem Fraulein von Kurlander zugewendet hatte, ein Madchen von unstreitig vielen vorzuglichen Eigenschaften, deren Wuchs majestatisch, deren Anstand edel, ihre Gesichtszuge aber nicht schon und ihr Betragen nicht gewinnend waren. Unter uns Madchen hatte sie keine eigentliche Freundin oder Vertraute gefunden. Es lag etwas Kaltes, Stolzes in ihrem Benehmen, und so fein und artig ihr Umgang war, fuhlten wir uns doch nicht befriedigt in ihrer Nahe. Meinem Bruder gefiel sie ausserordentlich. Ihr edler Anstand bezauberte ihn, ihre Kalte gegen die ubrigen verhiess ihm eine ausschliessende Warme fur ihn, und je weniger sie sich den andern mitteilte, je fester und unumschrankter hoffte er in ihrem Herzen zu herrschen. Wir ubrigen konnten seine Uberzeugung nicht teilen; wer aber von uns recht behalten hatte, das hatte nur die Zeit entscheiden konnen, und hierzu lebte die arme Marie nicht lange genug. Doch ich darf meiner Erzahlung nicht vorgreifen. Auch meine beiden Eltern, obwohl sie keine bestimmte Einwendung gegen das Madchen machen konnten, freuten sich dieser Schwiegertochter nicht sehr, und auch hierin war ich glucklicher gewesen als mein Bruder; denn meine beiden Eltern, vorzuglich aber mein Vater, waren ganz zufrieden, ja vergnugt durch meine [206] Ehe. Endlich aber erhielt mein Bruder doch die Einwilligung zu seiner Vermahlung, und nun kam es darauf an, in unserer Wohnung in der Stadt sowohl als auf dem Lande eine Moglichkeit auszumitteln, damit wir beide junge Paare, ohne den Eltern eine neue Ausgabe aufzuburden, in demselben Quartiere mit ihnen wohnen konnten; denn ohne eine grossmutige Unterstutzung von Seite meines Vaters hatten weder Pichler und ich, noch mein Bruder mit Marien anstandig leben konnen. Hier nun traten grosse Schwierigkeiten ein. Meine Mutter trug auf Einschrankungen an, die meines Vaters Hang zu geselligen Freuden und einem gewissen Glanz seines Hauses sehr zu beschranken drohten. Er versagte seine Zustimmung, es gab unangenehme Auftritte und die Heiterkeit und Ruhe unseres hauslichen Lebens war sehr dadurch gestort. Ich ertrug das in meinem Wochenbette gar ungern, es verbitterte mir meine Mutterfreuden, und so gab ich mir alle erdenkliche Muhe, um hier eine Auskunft, welche alle Parteien zufrieden stellen konnte, wenigstens fur den Aufenthalt auf unserm Landhause, zu ersinnen. Ich uberlegte, ich verglich, ich rechnete und fand endlich, dass mit einer ziemlich geringen Summe ein Teil der Wirtschaftsgebaude, der uberflussig geworden war, zu einer kleinen, aber niedlichen Wohnung fur meinen Bruder umgeschaffen werden konnte. Meine Eltern und wir behielten unverandert die Zimmer, welche wir jetzt in dem Landhause inne hatten, alles war in einem Hause vereinigt, und da der Bau nicht kostspielig sein konnte, alle Wunsche befriedigt. Diesen Vorschlag trug ich denn meinen Eltern und dem Bruder vor, er wurde gepruft, genehmigt, und ich sah nach ungefahr vierzehn recht truben Tagen wieder heitere Gesichter [207] und gute Laune um mich - eine Lebensbedingung, die mir von jeher Bedurfnis meines eigenen Gluckes gewesen und es fortwahrend geblieben ist; mich aber dadurch oft sehr abhangig von denen gemacht hat, deren guten Willen ich mit Opfern zu erkaufen bereit war. Auch in dieser Angelegenheit erprobte sich, was ich seitdem so oft in meinem langen Leben durch Erfahrung bestatigt gefunden habe: wie kurzsichtig unser Blick in die Zukunft ist, wie oft wir uns ohne Not mit Sorgen qualen, deren Abwendung dann gar nicht mehr statt hat, und wie manchen Kummer man sich ersparen konnte, wenn man, nach den eigenen Worten des Heilands, nicht immer fur den kommenden Tag sorgen, sondern jedem Tag seine eigene Sorge uberlassen wollte. Der Bau in unserm Landhaus in Hernals war also beschlossen und die streitenden Parteien befriedigt. Ruhe und Heiterkeit kehrte in unsere Familie zuruck, mein Kind gedieh an meiner Brust, und ein paar Monate vergingen ganz angenehm. Der Fasching war mittlerweile herangekommen; mein Mann, mein Bruder, seine Braut und meine ubrigen Gespielinnen genossen seine Freuden, mich schloss meine Pflicht als Amme von diesen Unterhaltungen aus, die ich nur mit grossen Einschrankungen hatte geniessen konnen, und ihnen daher lieber ganz entsagte. Aber noch im Laufe des Karnevals fing mein guter Vater an, zu krankeln. Es war dem Anscheine nach nur sein gewohnliches Ubel, Heiserkeit und Husten, aber es zeigte sich so hartnackig, es sanken die Krafte des Leidenden so merklich bei einer an sich unbedeutenden Krankheit, dass dies alles uns sehr aufmerksam und besorgt machte, und der Arzt, eben jener Dr. Herbek, ein Schuler des grossen [208] Stoll und unser Hausfreund, jetzt beinahe taglich erschien, um nach dem Papa zu sehen. Die Hochzeit meines Bruders war auf den nachsten Fruhling festgesetzt, und im Hause der Eltern der Braut, so wie in dem unsrigen, wurden bereits Voranstalten getroffen. Aber meines Vaters Kranklichkeit und zunehmende Schwache breitete einen dustern Schleier uber diese herannahende Verbindung, und wahrlich, das Schicksal dieser Ehe hielt der dustern Stimmung Wort, in welcher sie bereitet und vollzogen wurde! Auf eine wunderbare, aber uns alle sehr beunruhigende Weise fing meines Vaters Geschmack und Sinnesart an, sich in dieser Periode ganz zu verandern. Was ihm fruher und noch bis vor wenigen Wochen sehr angenehm, ja sein liebster Wunsch und sein Streben war - namlich stets viele Leute um sich zu sehen, wurde ihm jetzt lastig, ohne dass er doch uber ein bestimmtes korperliches Leiden zu klagen gehabt hatte, ja ohne weder das Bette noch das Zimmer huten zu mussen. Er fuhr selbst noch oft aus, und wenn er auch sein Bureau nicht mehr so fleissig besuchte, so zeigte er sich doch bisweilen dort oder arbeitete zu Hause mit seinem Personal und machte hier oder dort einen Besuch. Ebenso fing der Kaffee, sonst sein Lieblingsgetrank, von dem er taglich eine, vielleicht fur seine Gesundheit zu grosse Portion zu sich nahm, an, ihm zu widern, und diese auffallende Umstimmung war es, welche uns alle beunruhigte und, wie der Erfolg zeigte, leider mit Recht. Denn wie allmahlich der Fruhling herannahte, alles Leben in der Natur erwachte, alles neu zu erstehen und Kraft zu gewinnen anfing, nahm nur meines teuren Vaters Kraft und Leben taglich[209] mehr und mehr ab, und doch war, wie schon gesagt, keine eigentliche Krankheit bei ihm vorhanden, welche ein so schnelles und ganzliches Hinwelken hatte begreiflich machen konnen. Ja sein Geist war ganz heiter, und eine seiner liebsten Unterhaltungen war es nun, wenn ich ihm vorlas; denn auch die Musik, ehemals seine Lieblingsleidenschaft, war ihm gleichgultig geworden, und wenn es ihm auch nicht zuwider war, wenn ich neben seinem Zimmer wie sonst spielte oder sang, zog er es doch vor, lesen zu horen. Gegen den Anfang des Maimonats erklarten die Arzte plotzlich, es ware sehr heilsam, wenn mein Vater sogleich aufs Land gebracht wurde, und wir sollten daher, sobald wir konnten, unsere Gartenwohnung beziehen, wo die reinere Luft gunstig auf den Kranken wirken werde. So willkommen mir jeden Fruhling der Ruf tonte, dass wir aufs Land gehen wurden - denn ich war nie gern in der Stadt und kehrte jeden Herbst mit Widerwillen dahin zuruck - so schien mir, bei der Unstetigkeit unseres Fruhlingswetters und der grosseren Luftigkeit einer Sommerwohnung, dieser Befehl doch ein bisschen zu voreilig. Damals namlich, wo die Menschen minder empfindlich gegen Rheumatismus, Luftzug oder gahe Abwechslungen der Temperatur waren, fiel es niemand ein, so wie jetzt fast allgemein, die Landhauser wenigstens mit einigen Ofen und allenfalls auch mit Doppelfenstern zu versehen, ebensowenig als man in der Stadt oder den Vorstadten alle Treppen, Vorhauser oder Korridors mit Glasfenstern und Turen zu verwahren und die Wohnungen so kompakt zu machen, wie jetzt geschieht, bedacht war. Ein offener Gang, auf dem man im Winter durch den Schnee hindurch musste, eine Treppe, ein Vorzimmer, das dem [210] kalten Luftstrom ausgesetzt war, fiel niemanden beschwerlich, und man bemerkte diese Unbequemlichkeiten entweder gar nicht oder ertrug sie als etwas, was nicht zu andern war, mit Gleichmut. In unserm ganzen, sehr geraumigen Landhause, in dem man wohl uber zwanzig Zimmer zahlte, war nur ein Ofen, und dieser mehr aus Vergesslichkeit oder um sich keine Ungelegenheit mit dem Abbrechen zu machen, als aus Bedurfnis stehen geblieben. Das Kabinett, in dem mein Vater schrieb und in den letzteren Jahren seines Lebens auch schlief, lag gegen Norden, genoss zwar der schonsten Aussicht uber Felder und Weingarten bis zum Gebirg, war aber eben deswegen der Kalte sehr ausgesetzt. Indessen ging es die ersten Tage unseres Aufenthalts noch leidlich. Mein Vater fuhlte sich etwas besser; hoffen konnte ich nicht, denn die Abnahme der Krafte war zu sichtbar und zu schreckend; aber es wurde doch moglich, an meines Bruders Vermahlung zu denken, welche auf den zehn Mai bestimmt war. Welches traurige Fest! Es wurde, wie naturlich, im Hause der Braut, aber sowohl des Zustandes meines Vaters wegen, als auch weil beide Verlobte keine Freude an rauschenden Vergnugungen hatten, ganz in der Stille gefeiert. Ach! noch jetzt, nach so langen, langen Jahren, schwebt mir dieser Tag und das Bild meines Vaters, dessen gesticktes Galakleid und stattlicher Hochzeitsputz einen noch schmerzlichern Gegensatz mit seinem kranken, hinfalligen Aussehen bot, vor Augen. Mit Anstrengung brachten wir ihn in den Wagen, von da in die Kirche und endlich ins Hochzeitshaus, wo wenige Freunde nebst uns versammelt waren, und der Abend bei einem zwar sehr glanzenden Gouter, aber in der Vorahnung [211] dessen, was uns allen nahe drohte, trub und still verfloss. Dieser trube Hochzeitstag war gleichsam der Vorbote eines noch trubern Schicksals dieser Ehe, und zwei gute, sich liebende Menschen, die von diesem Tage das Gluck ihres Lebens mit gerechten Hoffnungen erwarteten, sollten beide in wenigen Jahren - doch ich will der Zukunft nicht vorgreifen. Mein Bruder war nun nach seinem Wunsche vermahlt, er bezog das kleine, niedliche Quartier, was meine Eltern ihm nach meinem Vorschlag aus einem Teil der Wirtschaftsgebaude hatten zurichten lassen, und wir hatten wohl alle vergnugt und still neben einander leben konnen, wenn nicht meines Vaters immer mehr sinkende Gesundheit diese hausliche Zufriedenheit zerstort hatte. Bisher hatte er es vermocht, die Treppe hinab in den Garten zu gehen, bald aber erlaubten dies die schwindenden Krafte nicht mehr, und unglucklicherweise trat, wie ich es gefurchtet hatte, eine jener gahen Witterungsveranderungen ein, die bei uns wohl das ganze Jahr hindurch nicht selten, im Fruhling aber sehr gewohnlich sind. Es kam anhaltendes Regenwetter mit kalten Sturmen, wir wussten uns nicht zu helfen, um des Vaters Kabinett und ihn selbst hinlanglich mit Flaschen von heissem Wasser, Wachholderfeuer usw. zu erwarmen. Diese schadliche Einwirkung der aussern Kalte offenbarte sich nur zu bald. Zwar horte der Regen und mit ihm der Frost auf, die Sonne schien wieder hell und warm, aber mein Vater welkte sichtlicher dem Grabe zu, und am 2. Juni verschied er sanft, fromm und liebend fur uns alle besorgt, wie er gelebt hatte! Fussnoten 1 Vielleicht machte der Umstand, dass dies Regiment den Namen des Geschlechts der Kaiserin Elisabeth, der Mutter Theresias trug, sie demselben geneigter. 2 Ein ziemlich naher Verwandter und Landsmann des Dr. Gall, des Kranologen. 3 Jene oben Seite 35 angefuhrten Verse wurden einige Jahre spater gemacht. Zweites Buch 1798-1813 [ 212] Zweites Buch1798-1813 [ 213][215 ] Der Tod meines Vaters machte eine wichtige Epoche in unserm hauslichen Zusammenleben. Nicht bloss der zartliche, treffliche Vater war uns allen entzogen, sondern mit ihm horten auch die bedeutenden Einkunfte auf, welche mit seiner Stelle, als der eines altern Hofrats, verbunden waren, und meine Mutter, nebst uns beiden jungen Paaren, war nun auf die aus unserm Stammvermogen entfallenden Einkunfte, und die noch sehr massigen Besoldungen meines Mannes und meines Bruders beschrankt. Es wurden Einschrankungen notig, besonders da wir jungen Paare keine bedeutenden Einkunfte hatten, und einer Vermehrung der Ausgaben entgegen sehen mussten. Es wurde also uberlegt, Rat gehalten. Eine Wohnung in der Stadt, wie wir alle sie bisher gewohnt waren und nicht gern entbehrt hatten, und ein Sommeraufenthalt auf dem Lande, der uns allen seit Jahren zum Bedurfnis geworden, erforderten einen Aufwand, der unsre damaligen Krafte uberstieg. Wir beschlossen also - ein Vorsatz, der damals viel bedenklicher und schwerer zu fassen war, als es jetzt scheinen mochte - nur eine Wohnung furs ganze Jahr, aber diese, um die Annehmlichkeit eines Gartens zu geniessen, in einer schonen, nahen Vorstadt zu suchen. Unsere Bekannten und Freunde erstaunten uber diesen Entschluss und die meisten missbilligten ihn hochlich; denn damals standen die Vorstadte ungefahr in dem Verhaltnis zur Stadt, in welchem sich jetzt die Dorfer befinden, wo nun auch nur wenige Familien [215] aus den angesehenen Standen sich entschliessen, Winter und Sommer zu wohnen, und eine solche Wahl immer Verwunderung und Tadel erregt. Da wir alle wenig Anspruche auf ein Leben in grossen und glanzenden Gesellschaften machten, und unser Gluck in zufriedner Hauslichkeit fanden, so liessen wir die Leute sagen, was sie wollten, suchten fleissig nach einem Hause, wie wir es in unsern damaligen Verhaltnissen brauchten, und fanden endlich dasjenige, welches wir seit jener Zeit bis auf diesen Tag noch bewohnen. Zur Ausfuhrung dieses Planes gehorte denn auch, dass das Landhaus, das wir besassen, und in dem wir zur Zeit des Verlustes unsers teuern Vaters und noch den ganzen Sommer von eintausendsiebenhundertachtundneunzig lebten, verkauft wurde. Es tat mir sehr weh, denn in diesem Landhause hatte ich die Zeit meiner Kindheit und Jugend zugebracht, und in den Schattengangen des grossen, schonen Gartens waren die ersten Anregungen zur Poesie in meinem Gemut erwacht. Wie oft hatte ich im dichtesten Gebusche an meinem Lieblingsplatzchen gesessen, wo ein kleiner Quell uber nette Steine hinabrieselte, und dem Gefluster der Blatter uber mir, dem Gesang der Vogel, dem Gemurmel des Wassers horchend, mich still und selig gefuhlt. Von solchen Stunden sagte ich spater in einem ungedruckten Liede: Ich war allein, doch einsam war ich nie; Ich war bei Blumen, Buschen, Gras und Bachen,Ich horte sie in ihrer Sprache sprechen, Und tief im Innersten verstand ich sie. Dort lagen Saiten, die bei jedem Ton In der belebten Schopfung mit erklangen,Sie sind's, woraus mir reine Freuden sprangen,Sie tauscht' ich nicht um eines Fursten Thron. [ 216] In diesem Garten waren meine Gleichnisse und viele meiner fruhern Gedichte entstanden, hier waren mir sehr angenehme Stunden verflossen, und diese Baume hatten auch oft meine Tranen gesehen. Ich schied ungern von diesen Erinnerungen meiner Kindheit und ersten Jugend, aber es musste sein, das erkannte ich, und so fasste ich mich mit Ernst und gutem Willen, und ergab mich in das Unausweichbare. Das Landhaus wurde verkauft. Wir bewohnten es, dem Kaufkontrakte gemass, noch bis zum Winter, und mit wehmutigem Gefuhl genoss ich die zwei oder drei letzten Monate, welche es mir daselbst zuzubringen vergonnt war. Kaum aber waren wir weggezogen, so ging auch eine gewaltige Veranderung mit dem Garten vor. Der Strahl des reinsten Quellwassers, das - durch eine, meinem seligen Vater von dem Magistrat in Wien bewilligte Seitenleitung aus der grossen Wasserleitung, welche das frische Quellwasser in die Rohrbrunnen der Vorstadte und der Stadt fuhrt - in unserm Gartenbassin lustig in die Luft sprang, unser Haus und oft die Nachbarschaft mit kostlichem Trinkwasser und den Garten mit hinreichender Feuchtigkeit versorgte, dieser Wasserstrahl wurde sogleich von dem Magistrat zuruckgenommen und das Bassin in unserm ehemaligen Garten stand leer. Der Sinn der neuen Besitzer war auch ein ganz anderer, die Anlagen wurden vernachlassigt, die Gebusche verwilderten, die kleinen Partien - eine Einsiedelei, ein Wasserfall, zierliche Brucken usw. - verfielen, und oft mahnte mich dieses Zurucksinken einer vormals lieblichen Schopfung in einen Zustand der Verwilderung durch den Tod eines einzigen vorzuglichen Mannes an jene Episode in Wielands Oberon, wie das kleine Paradies, das Titania [217] um des greisen Alphons willen in der Wuste hervorgezaubert hatte, nach seinem Tode sich wieder in eine Wuste verwandelt. Der Winter verging uns in seinem Beginne bis nach dem Karneval ziemlich angenehm. Meine Kleine gedieh sichtlich, und es wurde beschlossen, sie nachsten Fruhling, den wir schon in unserm neuen Hause in der Alservorstadt zuzubringen gedachten, dort einimpfen zu lassen. Dies Haus, das kurzlich seinen Besitzer, einen der beruhmtesten Arzte Wiens und einen guten Bekannten von uns, durch den Tod verloren hatte, war von ihm, der damals noch in der Blute seiner Jahre stand, aufs zierlichste eingerichtet worden. Hunczovsky (das war sein Name, der gewiss bei manchem in Wien in lebhaftem und dankbarem Andenken sein wird) war ein sehr gebildeter Mann, ein grosser Kunstfreund, und, was noch mehr sagen will, und was sein Tod bewies, ein edler Menschenfreund. Die meisten und schonsten Zimmer seines Hauses hatte er seinen Sammlungen gewidmet. Da war eine ansehnliche Bibliothek, ein ganzes Zimmer voll Handzeichnungen, die an den tiefblauen Wanden desselben in prachtigen Goldrahmen prangten, ein anderes mit den schonsten Kupferstichen, in dem sich uberdies eine zahlreiche Mineraliensammlung in 10-12 hochst eleganten Glasschranken befand; endlich ein eigens dazu eingerichteter Saal mit Gemalden. Hier lebte der Besitzer mit einer hubschen, jungen Frau, die er kurzlich geheiratet, umgeben von seinen Kunstschatzen und in der nahen Erwartung, bald Vater zu werden. Da entriss ihm zuerst der Wille Gottes die Frau, welche, wenn ich nicht irre, bei der Geburt eines Knaben blieb. Kaum ein oder anderthalb Jahre darauf hatte Hunczovsky einen [218] Kranken zu behandeln, der an einem sehr bosartigen Geschwure litt. Es sollte geoffnet werden, Hunczovsky war Arzt und ein sehr beruhmter Wundarzt zugleich; er schickte sich an, die Operation zu machen und vollendete sie auch glucklich; aber er verwundete sich dabei in der Hand, und zwar so, dass er blutete, und zwar in dem Augenblicke, als die Lage seines Kranken ihm nur die Wahl liess, entweder die Wunde, die er diesem gemacht hatte, fahren zu lassen, wodurch der Kranke aufs Ausserste gefahrdet worden ware, oder zuzugeben, dass die giftige Jauche seine eigene verwundete Hand beruhre und in sein Blut ubergehe. Hunczovsky wahlte das letzte. - Er besorgte und verband seinen Kranken, der wahrscheinlicherweise genass. Er selbst aber fuhlte bald die Folgen seiner grossmutigen Aufopferung. Seine Wunde verschlimmerte sich, die Hand schwoll, endlich der Arm; - das Ubel verbreitete sich mit ungeheurer Schnelligkeit im ganzen Korper, und er starb als ein Opfer seiner Menschenfreundlichkeit. Friede sei seiner Asche! Vielleicht wird manchem, der einst diese Blatter liest, diese kleine Anekdote unbedeutend, uberflussig erscheinen. Ich habe sie mit Vorbedacht erwahnt, weil ich erstlich gern das Andenken eines braven Mannes, den ich wohl kannte, feiern mochte; zweitens aber, weil solche Beispiele von pflichtmassiger Aufopferung in unserer selbstischen Zeit immer seltener werden, und daher nicht sorgsam genug bewahrt werden konnen. Nach seinem Tode musste, den Verordnungen Kaiser Josefs in Vormundschaftsdingen gemass, alles, was er besessen hatte, verkauft, zu Gelde gemacht, und dies in offentlichen Papieren fur seinen Knaben hinterlegt werden, obwohl damals der Kredit jener Papiere [219] schon sehr gesunken war, und jedermann das Schadliche dieser Massregel einsah. Das Haus, freilich seiner kostbaren Einrichtung beraubt, aber auch so noch immer sehr elegant und bequem zugerichtet, nebst dem Garten, kaufte meine Mutter, und wir gedachten es im Fruhling zu beziehen und angenehm zu bewohnen, da auch die Eltern meiner Schwagerin sich eine Wohnung in demselben vorbehielten. Aber schon nach dem Karneval fing meine Schwagerin an, zu krankeln. Wir hielten es fur Folgen irgend einer Erkuhlung; denn es gestaltete sich wie ein Katarrhalfieber, und sie konnte nach wenigen Tagen das Bett wieder verlassen. Doch war eine auffallende Mattigkeit und vollige Entkraftung zuruckgeblieben, die uns allen und selbst dem Arzte nach einer so unbedeutenden Krankheit beunruhigend vorkam. Er beschloss, ihr China zur Starkung zu geben; denn er glaubte, da sie in ihrer ersten Jugend schnell in die Hohe geschossen, und mit dreizehn Jahren bereits so gross und stark war wie mit zwanzig, die Natur habe ihre Krafte in der Bildung der aussern Form erschopft und das Innere zu schwach gelassen. Bald aber zeigte sich die Folge oder Ursache dieser auffallenden Schwache auf eine fur meinen armen Bruder und uns alle sehr erschreckende Weise. Ich wurde eines Morgens mit der Nachricht geweckt, Marie (so hiess meine Schwagerin) habe in der Nacht stark Blut gehustet und sei ausserordentlich entkraftet. Diese Nachricht oder vielmehr diese Erscheinung war gleichsam die Totenglocke von meines Bruders hauslichem und uberhaupt von dem Glucke seines Lebens. Es war eine Lungensucht, und wenn auch in den ersten Monaten zwischen jedem neuen Anfall ein Zwischenraum tauschender Besserung eintrat, [220] in dem die Kranke, und alle, die sie liebten, wieder hofften, so musste doch, wer hier klar und ungeblendet beobachten konnte, den wahren und unheilbaren Grund des Ubels erkennen. Indessen war uns das Haus in der Alservorstadt eingeraumt worden. Wir bezogen es im Fruhling und versprachen uns viel von der reinen Luft, von dem Leben im Garten fur unsere Kranke. Dieser Garten war aber in einem Zustande volliger Verwilderung, obgleich reich mit schonen exotischen Baumen und Strauchern und mitunter auch edlem Obst besetzt. Der vorige Besitzer hatte den Vorsatz gehabt, ihn auf moderne Art geschmackvoll zuzurichten. Er hatte deswegen die alten, steifen Gange kassiert, den Boden geebnet, die schonen Pflanzen hineingesetzt, aber sein fruher Tod hatte diese Schopfung in ihrem Werden auf gehalten, und wer einen Garten hat, weiss, was zwei Jahre ohne alle Aufsicht und Pflege fur eine Wildnis daraus machen konnen. Vorderhand musste alles so bleiben, wie es war, der nachste Winter und Fruhling war dazu bestimmt, alles dies in Ordnung zu bringen. Sehr angenehm, heiter, luftig und anstandig war die Wohnung, und wir richteten uns mit Vergnugen daselbst ein. Sobald es die Witterung erlaubte, sollte auch mein kleines Madchen geimpft werden. Eben um diese Zeit fing die, seitdem so viel besprochene Vakzine an, bekannt zu werden. Der dadurch beruhmt gewordene Doktor de Carro, der mit der Tochter eines uns freundschaftlich verbundenen Hauses vermahlt war, schickte mir Jenners Werk uber diesen Gegenstand. Aber unser Hausarzt, Doktor Herbek, war nicht der Meinung, von dieser, damals noch so wenig konstatierten Entdeckung Gebrauch zu machen. Mein[221] Lottchen wurde mit Menschenblattern geimpft und uberstand die Krankheit leicht, indem sie, nach der damals gewohnlichen Behandlungsart, den ganzen Tag in der freien Luft gehalten, selbst ihre Fieber in einem mit Betten ausgelegten Wagelchen im Garten uberstehen musste, wobei nur die Vorsicht gebraucht wurde, den Platz und also die umgebende Luft zu wechseln, und so ging mit Gottes Hilfe diese wichtige Periode glucklich voruber. Weniger gunstig wirkte der kuhle, regnichte Sommer vom Jahre 1799, wo sogar die Trauben am Spalier in unserm neuen Besitztum nicht recht reif wurden, auf meine arme Schwagerin. Die Anfalle von Fieber mit Blutauswerfen und heftigen Brustschmerzen traten in kurzeren Zwischenraumen und mit grosserer Starke ein, und mit dem Blatterfall, wie denn das so oft geschieht, war die Verschlimmerung so gross geworden, dass sie das Bett nicht mehr verlassen, und mein armer Bruder sich mit keiner Hoffnung mehr tauschen konnte. Welche Tage tiefer Trauer und herzzerreissender Schmerzen traten nun an dem Krankenbette der, so heiss von ihrem Manne und ihren Eltern geliebten Frau ein, die mit jeder Woche dem Grabe sichtlicher zuwelkte! Was wurde nicht versucht, um ihr Leben zu erhalten! Welche Arzte nicht gerufen, welche Heilmittel nicht angewendet! Es war vergebens. Am zwölf Dezember sass ich eines Nachmittags, wo eben der letzte Schimmer des Tages in den truben Winternebeln erstarb, an ihrem Bette. Kurz vorher hatte sie noch gesprochen, dann lag sie still, wie fast immer. Mein Bruder brachte ihr einen Trank, der ihr einige Labung zu geben pflegte. Er hielt ihr die Schale an den Mund, sie nahm sie nicht; er redete sie an, sie antwortete[222] nicht. Ich erschrak; denn die Wahrheit trat auf einmal furchtbar vor meine Seele - ich kniete am Bette nieder, ich sah ihr in die Augen -, sie schienen mir gebrochen; die Warterin wurde gerufen - ein Spiegel gebracht - kein Hauch farbte ihn mehr; - sie war verschieden! Mehr als dreissig Jahre sind seit dieser Szene uber mich hingegangen, das Bild dieses Augenblicks und der Schmerz meines Bruders steht noch so lebhaft vor mir, als waren erst Monate daruber verflossen. Er sturzte fort aus dem Zimmer, wie er die furchtbare Gewissheit seines Verlustes erkannt hatte, und mir trug er auf, bei der Toten zu bleiben und mit Bursten, Warmen und allen andern Mitteln zu versuchen, das fliehende - entflohene Leben festzuhalten. Dass es uns nicht gelang, war vorzusehen. Ein paar Stunden darauf kam er wieder, und sah aus dem Nebenzimmer auf die Leiche hin, die noch eben in der Stellung, wie er sie verlassen hatte, in warme Tucher eingeschlagen, im Bette lag. Das ist mein Weib! schrie er nun mit einem Tone, dessen zerreissender Wehlaut noch in meinen Ohren klingt, und eilte aufs neue fort, einem Anblick zu entfliehen, den er auszuhalten nicht vermochte. Spater kamen die armen Eltern. - Ich gehe uber alles das, uber die Abreise meines Bruders, der am folgenden Tage Wien verliess und mitten im Winter nach Linz zu einem Jugendfreunde reiste, uber die Beerdigung und alle Anstalten und Vorkehrungen, die dieser Todesfall notig machte, und die mir aufgetragen waren, schnell hinweg. Es war eine traurige Zeit, ein sehr trauriger Auftrag; aber ich schien immer bestimmt, diese peinlichen Geschafte zu ubernehmen, denen sich gern jedes andere entzog. [ 223] Nach sechs Wochen kam mein Bruder wieder. Die Reise, die Neuheit, die Verschiedenheit der Gegenstande hatten gunstig auf ihn gewirkt. Der Zufall wollte es, dass gerade in diesem Winter die russische Armee durch Oberosterreich zog, um sich nach der Schweiz, wenn ich nicht irre, zu begeben. Die Kreisbeamten hatten ausserordentlich viel mit ihnen zu tun, und dem Freunde meines Bruders, jetzt Gubernialrat Barchetti, war es daher sehr erwunscht, in dem Ankommenden einen ebenso tatigen als geschickten und geschaftskundigen Gehilfen zu finden. Meines Bruders Tatigkeit wurde sofort in Anspruch genommen, und mit Einquartierung, Etappen machen, Marschrouten ausmitteln, Handel schlichten, Ordnung halten, ward sein Geist von der steten Beschauung seines Schmerzes, der allerverderblichsten Verfassung eines Unglucklichen, abgezogen und auf wirkliche, aber ganz heterogene Gegenstande gelenkt, deren Beschaffenheit keinen Aufschub, keine Zogerung, und daher kein Versinken in Traumereien gestattete. Wohl erwachte der heftigste Schmerz wieder beim Anblick und Eintritt in das Haus, wo er so glucklich mit ihr gelebt, wo er sie so schmerzlich und so neuerlich verloren; aber er bezwang das wunde Herz als Mann und ernster Denker, und nur in vertrauten Stunden mit mir allein ergoss sich zuweilen sein Schmerz in Klagen und wohl auch in Tranen. Diese ganze Zeit vor und nach meiner Verheiratung, da Krankheiten, Todesfalle und uberhaufte hausliche Angelegenheiten aller Art meinen Geist, mein Gefuhl und meine ganze Musse streng und gebieterisch in Anspruch nahmen, dachte ich beinahe an keine Poesie, und auch die Zeitumstande waren durch die Kriegsbegebenheiten [224] und die daraus entspringenden teils angstenden, teils druckenden Verhaltnisse, der Poesie nichts weniger als gunstig. Meine Phantasie schwieg ganz, und mein Geist lag im eigentlichen Sinne brach. Auch war unser Leben ziemlich einsam geworden. Wir brachten den Winter fast ohne allen Umgang zu; denn wenn jetzt noch die meisten Bewohner der innern Stadt den Weg in die Vorstadte scheuen, und das Glacis fur viele ein nicht zu uberschreitender Ozean ist, dessen Sturmen und Fahrlichkeiten sie sich im Winter kaum auszusetzen wagen, wenn nicht eine sehr lockende Unterhaltung sie dazu reizt und fur die Beschwerlichkeiten einer solchen Fahrt entschadigt, so kann man sich vorstellen, wie das vor mehr als vierzig Jahren war. Wenn wir nicht nach der Stadt gingen, um einen Abend im Theater oder bei Freunden zuzubringen, sassen wir meistens ganz allein, und unsere Unterhaltung bestand darin, dass Pichler, wenn er abends nach Hause kam, uns vorlas, bis es Zeit zum Souper war, wahrend meine Mutter strickte und ich spann, nachdem ich meine Kleine schlafen geschickt hatte und mein Bruder ausgegangen war. Dennoch hatte auch dies sehr stille Leben, so auffallend es gegen das gesellige Gerausch in meines Vaters Hause abstach, und vielleicht eben des Kontrastes wegen, einen grossen Reiz fur mich. Pichler brachte uns die neuesten Erscheinungen im Fache der schonen Literatur, und wir genossen recht tief und innig die damals hochst beliebten und bewunderten Romane von Lafontaine. Kam dann manchmal ein unvermuteter Besuch aus der Stadt, so wurde er mit grosser Freude empfangen, nach Neuigkeiten befragt, wenn es ein Freund war, mit Pichler politisiert, und so verstrichen die sturmischen [225] Abende wie auf dem Lande still und behaglich, bis endlich der Winter, in jenem Jahre etwas spat, dem Fruhlinge wich, und nun die Arbeiten im Garten, um ihn neu anzulegen, beginnen konnten. Unter der Leitung eines Bekannten, welcher das, von den Schwiegereltern meines Bruders im Winter nicht bewohnte Quartier gemietet hatte, und der sich trefflich auf Gartenkunst verstand, wurde die Wildnis geordnet, die schonen Baume und Straucher an passende Platze gesetzt, der schon erwachsenen so viel wie moglich geschont und so nach dem Geschmacke jener Zeit ein Garten voll Gebusche, durch welche sich viele kleine, schmale Gange schlangelten, hergestellt. Damals fand ihn jedermann schon, seitdem hat sich auch hierin, wie in allem, die Welt und der Geschmack verandert, und er musste spaterhin eben solchen Wechsel wie alle Dinge erfahren. Um diese Zeit ungefahr fand mein Mann, als er eines Tages in meinen Schriften herumsuchte, das Manuskript meiner Gleichnisse, welche ich viele Jahre fruher bei verschiedenen Anlassen gedichtet, meiner Jugendfreundin Josefine gewidmet, in einer reinlichen Abschrift ubergeben, und seitdem nicht viel mehr daran gedacht hatte, ausser dass ich gelegentlich, wie ein Gegenstand solche Betrachtungen in mir erweckte, wieder ein neues Gleichnis schrieb, und zu der Sammlung legte. Sie gefielen Pichlern, und zwar so sehr, dass er mir den Vorschlag tat, sie der Welt durch den Druck zu ubergeben. Vor diesem Gedanken erschrak ich im eigentlichsten Sinn; denn wenn gleich einzelne kleine Gedichte von mir gelegentlich allein oder in Almanachen erschienen waren, so hatte ich doch nie daran gedacht, als Schriftstellerin mit einem eigenen Werke [226] aufzutreten. Vielmehr hatte ich solche Offentlichkeit immer gefurchtet, und warnend trat ein Wort eines unserer Freunde, eines sehr gelehrten Mannes, vor meine Erinnerung, der, als ich ihn einst befragte, warum er denn der Welt nichts von den gelehrten Schatzen, die er gesammelt, mitteilen wollte, mir mit vieler Heftigkeit sagte: >> Mein Fraulein, das werde ich nie tun. Ein Mann, der ein Buch herausgibt, ist wie ein Narr, der die Hand zum Fenster hinausstreckt; jeder Vorubergehende kann ihn darauf schlagen. << Jetzt, als mein Mann eine ahnliche Aufforderung an mich ergehen liess, fiel mir der gelehrte Abbe Br. und seine, wie mir schien, sehr treffende Bemerkung ein, und ich vertraute meinem Manne meine Angst. Er missbilligte sie nicht ganz; aber er schlug mir vor, das Manuskript, ehe wir jenen grossen Schritt vor die offentliche Meinung taten, einigen vertrauten und durch ihre Gelehrsamkeit sowohl als ihr Wohlwollen gegen uns bewahrten Freunden zu zeigen und ihr Urteil zu vernehmen. So wurde es denn nacheinander Herrn Haschka, der ohnedies so vielen Teil an meiner Geistesbildung genommen, Herrn Otto Wieser, einem Freund meines Mannes und Professor am Piaristenkollegium, Herrn Hofrat von Sonnenfels, der sich von jeher als einen vaterlichen Freund Pichlers erwiesen, und dem Hofrat Denis, dessen Name schon Autoritat genug ist, zum Durchlesen gegeben. Das einstimmige Urteil dieser Herren fiel gunstig und ermunternd aus, und so erschienen denn, obgleich von mir noch immer mit Angst und Sorge aus dem schutzenden Schatten der Unbekanntheit entlassen, die Gleichnisse, und ich trat offentlich vor der Welt als Schriftstellerin auf. [ 227] Zu meiner grossen Freude und noch grosserem Erstaunen fand das Buchelchen eine sehr gunstige Aufnahme, und wurde von dem, damals mit Kotzebue gegen die Schlegelsche Schule bewaffneten Merkel - Herrn Garlieb Merkel, der aber vielen Leuten gar nicht lieb war - vermutlich, weil er meine Gleichnisse in ihrer Einfachheit der neumodischen Verkunstelung und widernaturlichen Verdrehung der Schreibart entgegensetzen wollte, sehr gutig angezeigt; so ungefahr, wie Tacitus in seinen Sitten der Deutschen diesen damals sehr rohen Volkern und ihren einfachen Tugenden wohl nur darum so warmes Lob spendet, um seinen entarteten Mitburgern einen strengen Spiegel vorzuhalten. Genug, die Gleichnisse wurden sehr gut aufgenommen, und dieser unverhoffte Erfolg, verbunden mit der lebhaften Freude, welche mein geliebter Mann - ganz im Gegensatze von dem Manne einer beruhmten Frau in Schillers Epistel - an meinen Schopfungen empfand und zeigte, munterte mich auf, dem innern Drang meines Gefuhls, den ich stets empfand, nachzugeben, und wieder auf eine neue Dichtung zu sinnen. Ein Traum - denn zu manchen meiner Erzahlungen hat ein lebhaftes Bild, eine Situation, ein Charakter, von dem mir traumte, die erste Veranlassung gegeben - erregte in mir den Gedanken, zu schildern, wie in einem edlen weiblichen Gemute die Trefflichkeit eines Mannes, ungeachtet eines widerlichen Ausseren, einen tiefen Eindruck machen, und ihm selbst unbewusst, ja wider dessen Willen, eine Leidenschaft erregen konnte. Wohl war eben damals Krates und Hipparchia von Wieland erschienen; aber meine Idee war eine ganz andere; jenes Bild war zu ruhig, zu klassisch. - Ich sann, ich bildete, und es entstand eine [228] Erzahlung - Olivier, die im ersten Entwurf romantisch, ja eigentlich ein Marchen war. Um diese Zeit fing der politische Himmel uber uns sich wieder sehr zu truben an. Die Schlacht von Marengo hatte die Angelegenheiten unsers Vaterlandes sehr drohend verschlimmert, und zum zweitenmal in vier Jahren mussten wir mit angsterfullten Herzen der Annaherung der franzosischen Armeen, entweder von Italien oder von der Seite des damals noch bestehenden deutschen Reiches entgegen sehen. Der Sommer und Herbst vergingen in bangen Erwartungen, und zwei Todesfalle in unserer Familie, welche schnell aufeinander folgten, vereinigten sich mit jenen Ereignissen, um uns alle recht trub zu stimmen, und die Verluste, die wir vor kurzem erlitten, uns mit neuer Wehmut fuhlen zu lassen. Binnen vierzehn Tagen starben in unserm Hause und fast in unsern Armen beide Eltern meiner seligen Schwagerin, bei denen wohl der Schmerz uber den Verlust des trefflichen Kindes alten Ubeln, an welchen beide litten, bedeutenden Vorschub geleistet, und sie der vorausgegangenen Tochter nachgefuhrt hatte. Auf meines Bruders Gemut wirkte dies sehr schmerzlich ein; aber es diente auch dazu, seine Tatigkeit zum Nutzen und Frommen der, nun im Junglingsalter stehenden und ganz verwaisten Bruder seiner verstorbenen Frau aufzufordern, die ausser ihm keine oder wenigstens keine hinreichende Stutze hatten; denn eine in Mahren an einen Arzt verheiratete Schwester und ein Bruder, der als Hauptmann im Felde stand, waren nicht zu rechnen. Mein Bruder war schnell entschlossen, er nahm die beiden jungen Leute zu sich, und sie gehorten fortan zu unserer Familie. Der altere, Franz, der seitdem als Schriftsteller [229] und Verfasser vieler wohlgelungenen Ubersetzungen franzosischer Lustspiele sich in Deutschland einen Namen erworben, wurde bald hierauf bei den hiesigen Landrechten angestellt, den jungern, Karl, brachte mein Bruder durch die freundschaftlichen Verhaltnisse, in welchen unsere Familie seit vielen Jahren mit dem Hause des Barons von Puthon gestanden hatte, als Kommis in dies Comptoir, und beide junge Manner zeichneten sich fortan als geschickte und in jeder Beziehung wurdige Menschen aus. Den altern aber zog sein Hang zur grossen Welt bald in die Stadt, der jungere blieb in unserm Hause, und war uns durch zwanzig Jahre ein treuer Freund und lieber Hausgenosse. Im Herbst bezog eine sehr wurdige Familie, die Witwe eines ungarischen Hofrates, Frau von Wlassics mit ihren Sohnen und einer, bereits an einen Cousin, der sich ebenfalls Wlassics nannte, verheirateten Stieftochter, die Wohnung im obern Stocke unsers Hauses, und ganz in unserer Nahe mietete sich ihre Schwester ein, die an den, nachmals durch verschiedene seltsame Schicksale bekannt gewordenen Baron von Geramb verheiratet war. Jetzt bildete sich fur uns ein recht angenehmes, geselliges Leben. So wie es Abend wurde, kamen die beiden Frauen, welche bei uns wohnten, mit ihrer Arbeit zu uns herab, etwas spater kehrten Herr von Wlassics und mein Mann aus ihren Bureaus nach Hause, und nun lasen uns die Herren, oder vielmehr meistens Pichler, die neuesten Erscheinungen der damaligen Literatur vor, Lafontaines Romane, eine zu jener Zeit sehr geschatzte Lekture, oder wenn etwas noch Hoherstrahlendes, aus Schillers oder Goethes Feder geflossen, vor ganz [230] Deutschland neu erglanzte. Die Knaben der Witwe, ihre Neffen, die Kinder eben jenes Barons Geramb und meine kleine Lotte spielten neben uns, und so vergingen uns die Abende still und genussreich. Mein Bruder und sein Mundel Karl (denn er war nach der beiden Eltern Tode zum Vormund seiner Schwager ernannt worden), die selbst sehr gut und gern vorlasen, fanden aber ihre Rechnung zu wenig beim blossen Zuhoren, und so brachten diese ihre Abende meist in der Stadt zu. Recht angenehm ware uns allen der Winter auf diese Weise verflossen, hatten nicht ungluckliche Kriegsereignisse das ganze Land, und somit auch uns, mit Furcht und Angst erfullt. Die franzosischen Armeen ruckten nach den Siegen in Italien und am Rhein immer naher heran, und man sprach, wie vor drei Jahren, von der drohenden Gefahr einer Invasion. In unserm stillen Abendkreise teilten wir uns unsere Besorgnisse mit, und eine wahrscheinliche Trennung, die unserm zufriedenen Beisammensein ein nahes Ende machen sollte, stellte sich ganz dicht vor unsere Augen; denn Frau von Wlassics dachte sehr ernstlich daran, sich samt ihrer Schwester und ihren beiderseitigen Kindern nach Ungarn zu fluchten, was denn auch im Laufe des Winters noch geschah, und seitdem - es sind nun beinahe vierzig Jahre - habe ich diese liebenswurdige Frau nicht mehr gesehen, und nur wenig und Unbefriedigendes, ja Schmerzliches von ihr vernommen. Sie hatte ein neues Eheband in Ungarn geschlossen, das unglucklich ausfiel und ihr Leben verbitterte. Doch ich kehre zu meiner Erzahlung zuruck. Wahrend wir noch alle beisammen, und alle voll Besorgnisse vor den Dingen, die da kommen konnten, waren, [231] trat Baron Geramb zum erstenmal aus der Unbekanntschaft seines bisherigen Privatlebens mit einem Projekte hervor, das Aufsehen genug erregte, um die Blicke der Stadt auf ihn zu lenken. Er wollte namlich ein Freikorps errichten und es dem Kaiser in dieser bedrangten Zeit zur Disposition stellen. Geramb wohnte, wie ich oben gesagt, nicht weit von uns, der Zudrang der Leute in seinem Hause, die Unruhe, welche dieses Werbgeschaft in der Nachbarschaft verbreitete, das Aus- und Einmarschieren der regellosen, meistens zerlumpten Truppe mit Musik, die durch die ganze Strasse schallte, das alles schien mir bei der wenigen Zuversicht, die man in einem, auf solche Weise zusammengerafften Haufen setzen konnte, das Unheimliche unserer Lage noch zu vermehren. Indessen hatte unsere Armee sich ander Grenze von Oberosterreich aufgestellt; die ungluckliche Schlacht von Hohenlinden, auf die man die letzte Hoffnung der Rettung gesetzt hatte, ging verloren, der Damm war durchstochen, welcher die verheerenden Kriegsfluten von unserm Vaterlande hatte abhalten sollen, und nun ergossen sich die feindlichen Scharen unaufgehalten uber Salzburg, Passau und Osterreich ob der Enns. Vor ihnen her retirierte unsere Armee und eilte durch die, bald dem Feinde zu uberlassenden Provinzen bis gegen Wien. Dieses Ereignis bereitete auch mir ein unverhofftes Wiedersehen einer Person, die mehrere Jahre vorher einen zu tiefen Eindruck auf mein Gemut gemacht hatte, als dass die Aufregung eingeschlafener Erinnerungen selbst jetzt, wo ich glucklich verheiratet und uber jene Ereignisse langst ein beruhigender Schleier gezogen war, nicht dennoch eine vorubergehende Erschutterung in meinem Innern hatte verursachen [232] sollen, und weil es so war, so stehe es hier, zur Steuer der Wahrheit. Fernando, der junge Offizier, dessen sich die Leser wohl noch erinnern werden, war indes zum Major im Generalstab vorgeruckt, und befand sich, ohne dass ich es ahnte - denn ich hatte in Jahren nichts mehr von ihm gehort und geflissentlich nicht nach ihm gefragt - bei dem retirierenden Armeekorps, dessen Ruckzug er unter vielen Beschwerden mitgemacht und leiten geholfen hatte. Eines Abends trat er plotzlich und vollig unerwartet bei uns ein. Ich leugne es nicht, dass dies Wiedersehen mich erschutterte, dass ich einige Minuten bedurfte, um meine ruhige Fassung zu erhalten; aber es ging. Das Bewusstsein meines jetzigen Standpunktes in einer glucklichen Ehe und Fernandos feines Gefuhl halfen uns uber diesen Moment hinweg. Ich empfing ihn als einen werten alten Freund und er gab sich auch so. - Er besuchte uns nun oft, erzahlte uns, was er bei dieser Retraite ausgestanden, erinnerte uns an manches vergangene Ereignis, und wir besuchten ihn wieder im Hause seines Oheims, des Hofrates, wo er sich aufhielt und noch eine Weile an den Folgen der Winterkampagne zu leiden hatte. Kurz, das Verhaltnis ordnete sich zu unserer beiderseitigen Zufriedenheit. Alles Leidenschaftliche hatte sich lauternd abgesondert und nur gegenseitige Achtung und Wohlwollen waren zuruckgeblieben. Nach dem bald erfolgten Waffenstillstand trat er als Obristleutnant aus dem Generalstab in ein Husarenregiment, produzierte sich in seiner prachtigen, reich mit Gold besetzten Uniform, und schied endlich unter herzlichen Freundschaftsbezeugungen und unsern warmsten Wunschen von uns. [233] Bald darauf verheiratete er sich mit einem sehr jungen polnischen Fraulein, und hat, so viel ich weiss, in einer glucklichen Ehe mit ihr gelebt. So hatte sich denn durch Zeit und veranderte Verhaltnisse ein Eindruck wie ein fluchtiger Schatten aus meinem Gemute verloren, der durch viele Jahre stark genug gewesen war, um mir manche trube und bittere Stunde zu verursachen, und dessen ehemalige Gewalt ich erst recht dadurch erkennen konnte, dass sich unter ganz veranderten Umstanden doch die letzten Spuren desselben bei dem unvermuteten Wiedersehen in meiner Seele regten. Wichtigere und tiefer gehende Gedanken und Sorgen bemachtigten sich in dieser Zeit meiner wie aller Menschen. Die franzosische Armee stand auf osterreichischem Boden und man zitterte in Wien vor den Ereignissen, die kommen konnten. Viele dachten abermals auf Flucht wie im Jahre 1797, und die Ungewissheit und Ratlosigkeit dieser Lage, in der niemand mit Sicherheit einen Entschluss zu fassen wusste, und wobei die Einbildungskraft freies Spiel hatte, alle moglichen Gefahren und Unfalle von den noch sehr wilden republikanischen Horden zu furchten, waren unaussprechlich peinigend. In diesen drangvollen Umstanden ertonte plotzlich wie eine Stimme vom Himmel die Nachricht, dass der Erzherzog Karl, der fruher schon einmal als Retter Germaniens1 von der ganzen Welt war erkannt und verehrt worden, das Kommando wieder ubernommen und sich an die Spitze der Armee gestellt habe. [ 234] Alles fing an zu hoffen; nicht auf Sieg und Gluck, das war nach der Lage der Dinge nicht moglich; aber auf Rettung, und diese erfolgte denn auch durch unsers teuern Helden Karl Vermittlung. Am siebenundzwanzig Dezember kam er unvermutet in Wien an und brachte selbst die Nachricht des abgeschlossenen Waffenstillstands. Das Verderben war fur diesmal nicht ganz abgewendet, aber aufgehalten, und bei der Vorstellung der mannigfachen Ubel, die uns so nahe drohen konnten, schien schon diese Waffenruhe uns ein wahres Heil. Mit lautem Jubel empfing das Volk unsern Retter, ein freudiger Taumel bemachtigte sich aller Gemuter, und ihm folgte, wie man sich zu verstandigen und zu besinnen anfing, die schone Hoffnung auf den Frieden, der denn auch ein paar Monate spater zu Luneville geschlossen wurde. In Wien atmete alles neu auf. Mit der Hoffnung kehrten Ruhe und Frohsinn wieder, unsere Abendunterhaltungen wurden wieder still und genussreich wie zuvor. Baron Geramb liess sein Freikorps auseinander gehen, das ihm indessen den Titel und Rang eines kaiserlichen Obersten verschafft hatte, und beschaftigte sich jetzt wieder mit etwas neuem, namlich ein Gedicht uber die Geschichte des Habsburgischen Hauses von irgend jemand verfassen und in alle europaischen Sprachen, die turkische nicht ausgenommen, ubersetzen, mit stattlichen Vignetten auszieren, und in einer Prachtausgabe in Folio erscheinen zu lassen. Auch dieses Unternehmen erregte Aufsehen, und wahrscheinlich war dies ein Hauptzweck des Unternehmers, der bald nachher durch ein Duell, dessen Kampfplatz der Atna oder Vesuv sein sollte, in allen Zeitungen bekannt [235] wurde, und seine unruhige Lebensbahn im Kloster La Trappe endete. Erzherzog Karl, an dem das Volk mit grosser Liebe hing, war im Anfange des Jahres eintausendachthunderteins zum Chef der ganzen Armee und zum Hofkriegsprasidenten ernannt worden. Bald darauf ergriff ihn sein gewohntes Ubel mit ausserordentlicher Heftigkeit, er wurde nach Wien und ins Batthyanische Haus in der Schenkenstrasse gebracht, das von nun an den ganzen Tag von Haufen Volkes umlagert war, welches Nachrichten von dem Befinden des allgeliebten Erzherzogs zu haben wunschte. Man zitterte allgemein fur sein Leben, denn der Anfall war ungewohnlich stark gewesen, und tausend Gebete und Wunsche stiegen fur ihn zum Himmel. Endlich erhorte dieser unser einstimmiges Flehen, die Krankheit wich und man durfte mit Zuversicht auf Genesung hoffen. Auch ich gehorte unter die Zahl seiner warmsten Verehrerinnen, obgleich ich ihn nie anders als von weitem gesehen, aber schon seit seiner joyeuse entree in Brussel, so viel Edles, Schones und Grosses von ihm gehort und miterlebt hatte, dass in meiner Seele immer ein Altar fur diesen Fursten stand und noch steht, auf welchem eine nie verloschende Flamme der Verehrung lodert, und mit allem, was ich Edles und Grosses von ihm vernahm, genahrt wird. So war es naturlich, dass mein Gefuhl der Freude uber die Genesung dieses Helden sich in einem Gedichte aussprach, von dem ich wunschte, dass es vor seine Augen kommen und ihm zeigen sollte, wie sehr und wie aufrichtig er von dem Volke geliebt werde, das ihm so viel zu verdanken hatte. Graf Chorinsky, der Gemahl meiner Freundin, befand sich damals gerade in Wien, er hatte durch [236] einen Verwandten oder durch seine eigene Personlichkeit, die so ausserst schatzbar war, leichten Zutritt zu dem Erzherzog, ihn bat ich also, es einzuleiten, dass der konigliche Held das Gedicht bekomme, und in ihm den Ausdruck nicht bloss meiner, sondern der Verehrung des ganzen Volkes lese, dass er aber ja nicht glaube, es ware auf ein Ehrengeschenk dabei abgesehen; denn damals und spater noch mehr wurde der Erzherzog mit Dedikationen von Buchern und Lobgedichten, fur die alle ein barer Lohn erwartet wurde, vollig besturmt, bis er spater dies formlich verbat und verbot. Wie ich gewunscht hatte, so ward es mir auch. Graf Chorinsky hatte mit feinem Gefuhl sich der Sache angenommen, und ich erhielt das, was mir das Liebste war, ein Handbillett des allverehrten Helden, begleitet von einem verbindlichen Briefe seines, damals viel genannten und von der ganzen Welt beachteten Hofoder Staatsrates Fassbender. Das Schreiben des Erzherzogs Karl ist schon an sich und zu teuer fur mich, um ihm nicht einen Platz in diesen Blattern einzuraumen, die ja doch nur der Erzahlung der an sich unbedeutenden Begegnisse meines Lebens fur sich, und in Verbindung mit den offentlichen Ereignissen, so wie den Fortschritten auf meiner schriftstellerischen Laufbahn gewidmet sind. >> Ich bin ausserst geruhrt uber die schone und gefallige Art, womit Sie mir Ihre Teilnahme an meiner Genesung bezeugen, und freue mich, dass Wien eine Dichterin besitzt, die reine Empfindung, lebhafte Darstellung und richtige Sprache in so vollkommenem Masse verbindet. Sehr willkommen wurde es mir sein, Ihnen etwas Angenehmes zu erweisen, so wie ich mit Vergnugen die gegenwartige [237] Gelegenheit nicht unbenutzt lasse, Sie meiner aufrichtigsten Ergebenheit und ganz vorzuglichen Wertschatzung zu versichern, womit ich stets verharre Ihr aufrichtigst ergebener E. Carl. << 23. Marz 1801. Ich war ganz glucklich durch diese hochste Huld und gnadige Anerkennung, und mir schien es, als hatte ich nun eine Ursache, ja ein Recht mehr, mich der Verehrung und Bewunderung so vieler furstlichen, kriegerischen und menschlichen Tugenden zu uberlassen. Diese Empfindung stromte auch uber in eine Idylle: die Geretteten, in der ich die gesicherte Ruhe der Bewohner des Landes unter der Enns, welche sie dem Helden Karl zu danken hatten, im Vergleich mit den Schrecken und Leiden schilderte, unter welchen die vom Feinde besetzten Provinzen seufzten und jene Ekloge Virgils nachzuahmen suchte, worin der Dichter den Augustus preiset, der sein (des Dichters) Vaterland vor ahnlicher Verwustung schutzte. Die Stelle:O Meliboee, Deus nobis haec otia fecit. Namque erit ille mihi semper Deus; schien mir recht geeignet, um auf unsern Helden angewendet zu werden, und ich freute mich, ihm wieder offentlich meine tiefe Verehrung bezeugen zu konnen. Diese Idylle sandte ich dem Staatsrate von Fassbender, von dem ich, wie oben gesagt worden, bereits einen Brief erhalten hatte, und er dankte mir wieder schriftlich im Namen seines Herrn. Der Friede von Luneville schloss indessen auf kurze Zeit die Pforten des Janustempels fur uns und einen Teil von Europa, aber das Feuer glimmte unter der Asche fort, und bei der immer wachsenden Macht[238] Frankreichs und dem Weitergreifen seines kriegslustigen Oberhauptes, das zwar damals noch einen bescheideneren Titel trug, war wohl niemand, der ein bisschen weiter zu sehen vermochte, imstande, sich uber die Gefahr, in der wir alle schwebten, und die prekaren Bedingungen unserer damaligen Ruhe zu tauschen. Unser Leben ging indes still fort und im ganzen ziemlich einsam; aber es knupften sich nach und nach gesellige Verhaltnisse in unserer Nahe an, welche uns viel Annehmliches versprachen. Die Familie des Hofrats von Kempelen entschloss sich, wohl durch meines Bruders Zureden vermocht, sich in der Alservorstadt gegenuber von uns anzusiedeln. Zu den fruher erwahnten Gliedern derselben gehorte nun die wunderschone und sehr interessante Frau des Sohnes. Da seit langen Jahren, wie der Leser dieser Blatter sich erinnern wird, eine genaue Freundschaft unsere beiden Familien verband, so war uns diese Nachbarschaft etwas sehr Erwunschtes, und wirklich begann auch von diesem Punkte an ein angenehmes geselliges Leben fur uns, indem unser Kreis sich nach und nach erweiterte und durch bedeutende Mitglieder verschonte. Zwar verloren wir die Familie Wlassics aus unserer Nahe, die Glieder derselben zerstreuten sich, wie das zu gehen pflegt, da- und dorthin; aber durch die Nachbarschaft des Kempelenschen Hauses ward unser Verlust mehr als ersetzt. Diesen Winter von eintausendachthunderteins auf eintausendachthundertzwei wurde auch ein noch sehr junger Mann bei uns durch Herrn Haschka eingefuhrt, der eine, besonders in der Folge zu merkwurdige Erscheinung war, um seiner nicht hier zu erwahnen. Es war der Verfasser der Tirolergeschichte, Baron von Hormayr, ein Jungling von vielleicht nicht mehr als zwanzig Jahren, vor[239] welchem aber schon ein bedeutender literarischer Ruf vorausging, und dessen sehr vorteilhaftes Ausseres den Eindruck angenehm verstarkte, welchen jener Ruf verbreitete. Damals kam er indessen nur selten zu uns, und erst eine spatere Epoche brachte uns in nahere Beziehungen. Um diese Zeit ungefahr, da durch die Unfalle des Krieges, durch ungunstige Witterung, die Preise der Lebensmittel sehr gestiegen und viele Menschen in Wien sowohl als anderswo mit Mangel zu kampfen hatten, bildete sich hier aus menschenfreundlichen Mannern ein Verein, an dessen Spitze der verstorbene Furst Josef von Schwarzenberg stand, und dessen Geschaft es ward, auf Mittel zu sinnen, um den untern Klassen, die damals am meisten litten, zu Hilfe zu kommen. Allerlei ward da erfunden und manches ausgefuhrt, was wenigstens eine Zeitlang seiner Bestimmung entsprach. Unter diese Hilfsmittel gehorte denn auch die Rumfordsche Suppe, und einer unserer genauesten Freunde, Herr von Perger, dessen lebhafter Geist sich leicht fur alles neue interessierte und dessen kraftiges Gemut das Ergriffene mit ungewohnlicher Heftigkeit festhielt, war der eifrigste Beforderer dieses neuen Planes. Ja, er liess mit grosser Uneigennutzigkeit seine eigene Kuche zu diesem Behufe einrichten. Da wurde nun taglich nach der Vorschrift eines Herrn von Voght aus Hamburg, der auch in seiner Vaterstadt ein Beforderer, ja ein Stifter solcher Anstalten war, Rumfordsche Suppe nach den besten Rezepten gekocht, und gegen sehr massige Preise von zwei bis drei Kreuzern (Kupfergeld von geringer Valuta) unter die Armen verteilt. Mehrere junge Beamte von Pergers Bekanntschaft, unter ihnen auch mein Bruder, [240] nahmen wechselweise das Geschaft uber sich, bei dieser Austeilung gegenwartig zu sein und uber dieselbe die Aufsicht zu fuhren. Perger, der uns sonst sehr fleissig, selbst in den rauhesten Winterabenden, besuchte, ja bei sturmischem oder schlechtem Wetter fast unser sicherer Gesellschafter war, kam nun ausserst selten, und ich schrieb ihm deswegen eine komische Epistel in Knittelreimen, welche also begann: O du, der jetzt mit kraft'ger Bruhe Wiens Leckermauler taglich speist,Und weder Ungemach noch Muhe,Noch Kuchenruss und Arbeit scheu'st, - - - - - - - - - -- - - - - - - - - -Wenn durch das Lob von tausend ZungenDich noch mein Wort erreichen kann,So neig', o hochberuhmter Mann, Dein Ohr mir wenig Augenblicke,Und kehre dann ans grosse Werk zurucke. - - - - - - - - - -- - - - - - - - - -Sind denn die stillen Abendstunden,So manche finstre Regennacht,Wo doch dein Herz den Weg zu uns gefunden,Dir ganz aus dem Gemut verschwunden? usw. usw. Kurz, ich beklagte mich uber seine Vernachlassigung auf eine lustige Weise. Perger las das Gedicht in einer Sitzung des Wohltatigkeitsvereins, es erregte Lachen, und ward, vermutlich durch den Fursten von Schwarzenberg selbst, vor die Augen des Kaisers gebracht, dem der heitere Scherz gefiel, wie denn uberhaupt alles Gemutliche Anklang in seiner ebenso erhabenen als einfachen Seele fand. Aber es schien mir, als verdiene diese Erfindung der Rumfordschen Suppe, wenigstens fur Lander und[241] Orte, die mit weniger Fruchtbarkeit und Wohlleben als unser Osterreich gesegnet sind, eine ernsthaftere und wurdigere Anerkennung. Dies gab mir die Idee zu der Idylle: Die Rumfordsche Suppe, die aber vielleicht nicht halb so viel Aufmerksamkeit erregte als jene komische Epistel. Indessen, trotz aller aufrichtigen und edlen Bemuhungen jener Herren vom Wohltatigkeitsvereine, gedieh das Suppekochen und Spenden in unserm gesegneten Wien, wo damals und noch lange nachher der Burgermeister selbst, sehr bedeutsam, Wohlleben hiess, nicht recht. Den armern Klassen, so viel sie auch sonst jammerten und schrien, behagte die Nahrung eines bloss aus Erdapfeln, Graupen und Erbsen gekochten Breies, der nur durch etwas gerauchertes Fleisch eine Annaherung an eine Fleischspeise erhielt, nicht lange. Sie holten keine Billette auf eine oder mehrere Portionen mehr ab, die man ihnen an Almosen statt hatte austeilen lassen. Das Kochen der Suppe horte auf, und Rumford mit allen seinen gutgemeinten Anstalten, seinen gespannten Betten, Bruhen, Kochofen usw., die gewiss fur armere Gegenden wohltatig gewesen waren, fand keine entsprechende Aufnahme in dem Lande der Phaaken, wie uns die sehr massigen Norddeutschen nennen, die sich indes, wenn sie in Wien sind, unsere Schnitzel und Rostbratel trefflich schmekken lassen, auch ganze Abhandlungen daruber ihren Reisebuchern einverleiben. Schon damals also zeigte sich, was die neuere Zeit noch viel ofter und auffallender ans Licht stellt, dass es, trotz des Jammerns der niedrigen Klassen, und trotz der menschenfreundlichen Klagen so vieler wohltatigen Seelen, welche jenen alles aufs Wort glauben [242] und von Mitgefuhl fur ihre Not durchdrungen sind, dass diese Not in den allermeisten Fallen nur eine relative, nicht absolute war. Ware wirklich Not im allgemeinen vorhanden gewesen, wie in der Schweiz und in Hamburg damals, so hatte die Suppe Abnehmer und Liebhaber gefunden. Es gehe jemand an Sonntagen oder Feiertagen ins Lerchenfeld, in den Wurstelprater, nach Hietzing zum Domayer, nach Tivoli, ins Krapfenwaldel usw.; kurz, wo moglich an einem Tage an alle Erlustigungsorte der hoheren und besonders der gemeinen Klassen, und er wird sie alle zum Erdrucken voll finden, er wird diese gemeinern Klassen in Anzugen sehen, die durchaus keine Not auch nur vermuten lassen. Aber in den Briefen eines Verstorbenen steht eine Stelle, welche, wie mich dunkt, ein helles Licht auch auf unsere Bevolkerung und ihre Klagen wirft. Der Verfasser namlich redet auch von den Klagen des englischen Volkes, von seiner Unzufriedenheit mit den Massregeln der Regierung, besonders von dem ungestumen Jammern der Fabriksarbeiter. Aber er setzt uns sogleich auseinander, dass diese Klassen durch fruheren reicheren Erwerb sich an ein solches Wohlleben gewohnt haben, dass sie uber Mangel und Not schreien, wenn sie nicht taglich ein- bis zweimal Fleisch und Kuchen zum Tee haben konnen. So weit haben wir es noch nicht gebracht; denn es ist bei uns nicht so viel Geld in Umlauf wie in England, ich halte mich aber fur uberzeugt, dass die zunehmende Teuerung ebenso sehr von dem steigenden Luxus der untern Klassen als von den erhohten Steuern, welche die Regierung auferlegt, herruhrt, und dass in den allermeisten Fallen, wie oben gesagt, von keinem Mangel an eigentlichem Lebensunterhalt, sondern nur an feinern Lebensgenussen [243] die Rede ist, an welche sich der gemeine Mann immer mehr und mehr hat gewohnen lernen. Viel hat bei uns die Zeit der Bankozettel zu dieser Steigerung der Genusse und somit der Bedurfnisse in den arbeitenden Klassen beigetragen, indem diese im Verhaltnis viel besser daran waren als die kleinern, ja selbst die etwas hohern Staatsbeamten. Ob nun dies ein Gluck fur die Nation zu nennen ist, wie viele Statistiker und Nationalokonomen behaupten, oder ob es zum sittlichen Verderben fuhrt, wage ich nicht zu entscheiden. Kluge und erfahrene Manner stehen auf beiden Seiten und ich denke, dass nochsub judice lis est. * * * Pichler war in diesem Jahre eintausendachthundertzwei bei der sogenannten Wohltatigkeitskommission unter der Leitung des Grafen Mittrowsky angestellt. Es sollte diese Kommission der immer steigenden Teuerung der notwendigsten Bedurfnisse steuern so wie der obenerwahnte Wohltatigkeitsverein; aber sie erreichten beide ihren Zweck nur in sehr geringem Masse, weil, wie ich glaube, in solchen Umstanden, welche sich frei und organisch aus der jedesmaligen Lage der Dinge entwickeln, ebensowenig durch partielle Einwirkung abzuhelfen, als gegen den Strom zu schwimmen ist. Die Zeitverhaltnisse, die langen und unglucklichen Kriege, die Finanzverwirrungen, die Devaluation des Papiergeldes aller Art, der steigende Luxus der untern Stande und einige unfruchtbare Jahre hatten jene Not herbeigefuhrt, und ihr zu wehren oder sie aufhoren zu machen, lag ausser dem Bereich menschlicher Krafte. Teilweise wurde hier und dort nachgeholfen, so z. B.[244 ] dem immer fuhlbareren Mangel an Brennholz fur den ungeheuren Bedarf der Hauptstadt teils durch vorsichtige Vorkehrungen hier auf dem Platze selbst, teils durch Eroffnung neuer Zuflusse aus den reichen Waldungen von Unter-, Oberosterreich und Steiermark. Zu diesen beiden Arten von Tatigkeit verwendete Graf Mittrowsky meinen Mann. Er musste im Bureau uber die Austeilung des Holzes an die Parteien wachen und von Zeit zu Zeit Reisen in die Gebirge unternehmen, um dort mit Zuziehung der Kreisbeamten, Wasserbaukundigen, herrschaftlichen Beamten usw. fur Fallung des Holzes in noch unbenutzten Waldungen, Herausschaffung desselben durch Riesen, Wehren, Rechen usw. und Verfuhrung nach der Hauptstadt zu sorgen. Diese Reisen wurden noch durch mehrere Jahre fast jeden Sommer wiederholt und boten uns spater die erwunschtesten Gelegenheiten, die schonsten Gegenden dieser Provinzen zu besuchen, uns an ihren malerischen Ansichten, ihren geschichtlichen Merkwurdigkeiten zu erfreuen und gaben mir die Veranlassung und Szenerie zu manchen meiner Romane und Erzahlungen. Aber noch bedeutender und angenehmer wirkten diese Dienstverhaltnisse auf Pichlers und somit auf mein Leben ein. Es war damals die Kreishauptmannsstelle in Korneuburg nach dem Abgang des Baron von Lederer erledigt. Pichler bewarb sich mit mehreren darum - er war nahe daran, sie zu erhalten, das hatte ihn und mich sehr glucklich gemacht, denn wir liebten das Land oder das stille Leben in einer kleinen Stadt, wo wir einen Garten und ein bequemes Wohnhaus gefunden hatten. Hier aber erhob sich ein peinlicher Widerstreit. Meine Mutter erklarte geradezu, sie wurde nicht mit uns ziehen und ihr Haus in Wien nur[245] mit ihrem Tode verlassen. Ich aber zitterte vor dem Gedanken, die hochbejahrte und fast ihres Augenlichts beraubte Frau allein unter Dienstboten zu lassen; denn das wusste ich im voraus, dass einen ihrer Entschlusse zu beugen oder zu andern, ein fruchtloses Unternehmen sein wurde. Da half mir Gottes Fugung durch Graf Mittrowskys Dazwischentreten. Er erklarte namlich, dass er Pichler bei der Kommission nicht entbehren konne und verlangte daher und erhielt es auch, dass er hier in Wien bei der Landesstelle, deren Chef damals Graf Mittrowsky war, als Regierungsrat angestellt wurde. Nun hatte Gott geholfen. Pichler hatte eine sehr ehrenvolle Stufe in verhaltnismassig sehr kurzer Zeit - er war erst sechs Jahre Sekretar gewesen und erst uberhaupt seit 17-18 Jahren angestellt - er stiegen; eine Schnelligkeit der Beforderung, die jetzt wohl selten einem Burgerlichen zuteil wird. - Der Zwiespalt in unserm Hause war geschlichtet, wir blieben hier und bei meiner Mutter, und so loste sich alles in Freude und Beruhigung auf. * * * Mein Bruder hatte sein geliebtes Weib verloren, aber er war ein bluhender Mann von 28-29 Jahren, der bereits einen nicht unbedeutenden Posten, als Hofkonzipist, bekleidete, und der einiges Vermogen besass, welches durch das Gerucht wie gewohnlich viel grosser ausgeschrien wurde. Es konnte daher nicht fehlen, dass allerlei Plane auf seine Hand gemacht wurden, welche aber meist spurlos von seinem Herzen abglitten. Nur ein Madchen, die Tochter eines uns weitlaufig verwandten Hauses, gewann ihm durch grosse Herzensgute, noch mehr aber durch die sichtlichen Bemuhungen [246] ihrer Familie, dieses Band zu knupfen, und es vor der Welt als ein schon geknupftes erscheinen zu lassen, einige Aufmerksamkeit ab. Sie liebte ihn gewiss sehr und aufrichtig. - Sei es aber, dass das Bild seiner Verlorenen, die durch ein imposantes und wirklich wurdiges Aussere, bei einer kuhlen und mehr verstandigen als liebevollen Gemutsart ganz das Widerspiel Theresens (so hiess jenes Madchen) gewesen war, ihm zu lebhaft vorschwebte; sei es, dass eben jene zu auffallenden Bemuhungen der Familie ihm widersagten: genug, nachdem einige Monate zwischen Hoffen und Verzagen, Annahern und Entfernen hingegangen waren, entschloss sich mein Bruder, diese Verbindung, welche ihm kein Gluck, wie er es forderte, zu versprechen schien, lieber mutig zu brechen, als sich in unbefriedigenden Verhaltnissen eine Weile hinzuschleppen, das Madchen immer tiefer in eine, am Ende hoffnungslose Leidenschaft sich verwickeln zu lassen, und nach einem halben oder ganzen Jahre doch endlich zu dem Resultate zu kommen, das jetzt schon vor ihm lag, namlich, dass sie beide nicht fur einander passten. Mir tat dieser Entschluss sehr weh. Ich war Theresen herzlich gut und hatte gehofft, an ihr eine liebevolle, teilnehmende Verwandte zu erhalten. Auch sie empfand diesen Riss schmerzlich, sie hatte meinen Bruder innig geliebt, wie er es auch in jeder Rucksicht verdiente; denn er war unstreitig einer der vorzuglichsten Manner, die ich je gekannt, aber in seiner Phantasie, die nun einmal von dem Bilde seiner Verstorbenen erfullt und beherrscht wurde, war Anstand und hohe Wurde im Ausserlichen von dem Ideal eines vollkommenen Frauenzimmers untrennbar, und diese besass Therese, bei vielen andern guten Eigenschaften, nicht. Es [247] war ihr trostend, dass wenigstens ich mich nicht von ihr entfernte; wir blieben einander gut, aber ich musste es hochlich missbilligen und widerraten, als sie ein halbes Jahr darnach, vermutlich aus Depit amoureux, den dringenden Wunschen ihrer spekulierenden Verwandten nachgab und einen reichen, verstandigen, aber unliebenswurdigen Mann heiratete, der um dreissig Jahre alter als sie war. Als ich auf die erhaltene Nachricht zu ihr eilte, um, so weit es moglich ware, ihr von diesem Schritte abzuraten, fand ich sie mit jugendlich madchenhaftem Vergnugen beschaftigt, an ihre Aussteuer zu denken und sich der neuen Equipage zu erfreuen, die ihr vorgefuhrt werden sollte. - Ich dachte:the best repenting in a coach of six!sagte ihr zwar redlich, was ich zu sagen notig fand, gab aber gleich jede Hoffnung auf, eine Verbindung zu hindern, welche von der ganzen Familie heftig gewunscht wurde, und die dennoch, wie ich es vorhergesehen, das arme Wesen in eine Kette von Schmerzen, Fehltritten und Ungluck verwickelte. Aber dieser Versuch, meinen Bruder zu einer zweiten Heirat zu vermogen, so ungunstig er ausgefallen war, blieb nicht der einzige. Indessen brachten uns diese Plane doch auch manches Angenehme, indem wir dadurch mit mehreren Familien in nahere Beziehungen kamen, und uberhaupt unser geselliger Kreis auch durch andere Mitglieder, die gerade nicht in jener Absicht unsere Bekanntschaft suchten, auf recht genugende Art vermehrt wurde. Zu diesen muss ich vor allen die Familie eines Majors Baron v. Richler rechnen, die aus seiner Frau und ihren beiden unverheirateten Schwestern bestand. Der Major hatte wahrend des Krieges in Heidelberg [248] diese, damals noch sehr hubsche, lebhafte und gebildete Frau geheiratet. Sie war ihm spater nach Osterreich gefolgt, und nach dem Tode ihrer kranklichen Mutter zogen auch die beiden jungern Schwestern der verheirateten nach. Da sie in derselben Vorstadt wie wir wohnten, lernten wir sie zu unserm grossen Vergnugen im Kempelenschen Hause kennen, wo mein Bruder sie zuerst sah und uns auf sie aufmerksam machte. Auch ein Herr Unger, ein zierlicher Dichter und recht gebildeter Mann, der in unserer Nachbarschaft lebte, schloss sich unserm Kreis an. Seine Frau, eine geborne Baronesse Karvinsky, war ihrer Entbindung nahe - sie baten mich, ihr Kind zur Taufe zu halten, ich tat es gern; es war ein Madchen, sie erhielt meinen Namen, und wurde die beruhmte Sangerin Carolina Ungher. In dem Hause dieser Heidelbergerinnen machten wir bald die Bekanntschaft noch anderer, sehr ausgezeichneter Personen vom Militarstande - und aus allen diesen ganz gewohnlich begonnenen Verbindungen erwuchsen uns treue, lebenslangliche Freunde, die, so lange sie auf der Erde oder wenigstens in unserer Nahe weilten, verlasslich und unveranderlich an uns hingen, und mit welchen, insofern sie noch leben, noch jetzt warme Bande gegenseitiger Achtung uns verbinden. Nebst jenen drei Schwestern muss ich vor allen den damaligen Hauptmann Baron v. Rothkirch, jetzt Graf Rothkirch und Feldmarschalleutnant, und das Haus des Obersten Baron v. Engelhardt nennen. Seine Frau, eine der vorzuglichsten ihres Geschlechts, deren Schwester, und ihre beiden Bruder, alle vier hochst ausgezeichnete Menschen, trugen sehr viel zur Annehmlichkeit unsers kleinen Kreises bei, und noch jetzt verbindet Achtung und gegenseitige Wertschatzung uns [249] mit den noch lebenden, aber entfernten Gliedern dieser Familie, und macht uns ihr Wiedersehen, wenn es einmal unvermutet stattfindet, zum frohen Feste. Ich ergreife gern diese Gelegenheit, um allen diesen hochgeachteten Freunden, die einen grossen Teil meines Lebensweges mir verschonerten, noch jetzt nach mehr als dreissig Jahren meinen Dank dafur abzustatten, und uberhaupt jener schonen, an so manchen geistigen Genussen reichen Periode ein kleines dankbares Denkmal zu errichten. Unser Haus wurde bald der allgemeine Vereinigungspunkt dieses ganzen Kreises, da die andern Familien teils durch die Beschaffenheit ihrer kleinern Wohnungen, teils durch Kranklichkeiten eines oder des andern Mitgliedes, teils endlich durch eigenen Geschmack sich nicht dazu geneigt fanden, jeden Abend zu Hause zu bleiben und Gesellschaft bei sich zu empfangen. Das war aber meine Mutter, sie, welche durch lange Jahre gewohnt gewesen war, jeden Abend in ihrem grossen und ganz dazu geeigneten Appartement zahlreiche Gesellschaft sich versammeln zu sehen, und die es so ganz verstand, durch geist- und sinnvolle Unterhaltung, so wie durch Benutzung kleiner gesellschaftlicher Talente in ihrer nachsten Umgebung, ihren Abendzirkeln einen lebhaften Reiz zu geben. Ein paar Jahre her war durch Umstande und hauptsachlich durch unsere Umsiedlung in die Vorstadt diese Lebensweise unterbrochen worden, jetzt bot sich die Moglichkeit wieder dar, da wir Bekanntschaften in unserer Nahe geschlossen hatten, und nun ward das Haus der Frau von Greiner wieder der Mittelpunkt eines ziemlich zahlreichen, gebildeten und freundschaftlichen Kreises. Wir jungern Leute unterhielten uns mit gesellschaftlichen [250] Spielen, mit Musik, welche manche in dem Kreise verstanden, wie denn z.B. mein Bruder sehr hubsch sang, die junge Kempelen und ich Klavier spielten, usw. Wir arrangierten im Fasching Picknicks, wozu unsere grossen, hohen Zimmer passend waren, und machten im Sommer gemeinschaftliche Spaziergange und Landpartien. So ging das angenehme Leben ein Jahr oder zwei hin, als mein guter Bruder plotzlich von rheumatischen Schmerzen in der Seite befallen wurde, die er anfangs wenig achtete und durch den Gebrauch der Badner Bader zu heilen hoffte. Aber trotz der vorubergehenden Linderung, welche ihm diese Kur verschaffte, stellten sich die Schmerzen wieder ein, und Gott weiss, welche sonderbare Ansicht seines damaligen Arztes, des beruhmten Doktors Closet, diesen veranlasste, meinem Bruder zu raten, alles warme Verhalten, welches er bisher beobachtet, fahren zu lassen, sich mit kaltem Wasser zu waschen usw. Mein Bruder befolgte den Rat dieses sonst sehr erfahrenen Mannes, und nach einer scheinbaren Besserung von wenigen Tagen stellten sich die Schmerzen in der Hufte heftiger als je ein. Sie waren so stark, dass mein Bruder das Bett huten musste, und wie ein Martyrer litt. Von diesem Augenblicke an ging sein Ubel mit Riesenschritten vorwarts. In der vielleicht sehr wohlgegrundeten Meinung, dass Closets Ansicht unrichtig gewesen, berief er nun andere Arzte, und endlich, da aller Kunst hier an einem unheilbar gewordenen Ubel zu schanden wurde, einen damals sehr jungen, aber seines Scharfblicks und seiner seltenen Kenntnisse wegen schon sehr ausgezeichneten Arzt, den Freiherrn v. Turkheim. Er war der Arzt einer unserer Freundinnen, die ihn meinem Bruder [251] empfahl, ein Mann von seltenem Genie, von unbesiegbarer Liebe zu seiner Wissenschaft, der er sich, gegen den Willen seiner Familie, mit beispielloser Anstrengung und Aufopferung gewidmet hatte; ausser seiner arztlichen Laufbahn mit der Literatur und allen schonen Kunsten vertraut und uber dies alles mit einem Herzen begabt, das warmen Anteil an den Leidenden zu nehmen, und denen, welche es einmal seiner Achtung wurdig gefunden, durchs ganze Leben unveranderlich treu zu bleiben fahig war. Turkheim ubernahm, durch jene Freundin vermocht, meinen Bruder als seinen Patienten. Er kam an, verordnete; es besserte sich nichts; bald darauf erfuhr ich durch eine andere gemeinschaftliche Bekannte, gegen die er sich offen geaussert, dass er wenig oder gar keine Hoffnung hege, meinen Bruder wiederherzustellen. Ich erschrak aufs heftigste, indessen schien mir die Sache so unglaublich, dass eine Krankheit, die hochstens ein schmerzhaftes chronisches Ubel genannt werden kann, einem jungen Mann von dreissig Jahren, in aller Blute seiner Kraft und bei sonst ungeschwachtem Korper todlich werden sollte, dass ich mir meine Angst selbst mit allen Vernunftgrunden ausredete, und die Ausserung des Arztes, den ich damals nur wenig kannte, fur jenen gewohnlichen Kunstgriff hielt, den Fall fur bedenklicher auszugeben, als er wirklich war, um die Ehre der Kur zu vergrossern. Taglich versammelte sich nun, so lange der Gesundheitszustand meines Bruders noch leidlich war, weil er es wunschte, und er in dem Umgang mit unserm gebildeten Freundeskreise seine einzige, aber auch recht tiefgefuhlte Freude fand, dieser Kreis in seinem geraumigen Zimmer. Wir schwatzten, spielten Karte, andere [252] kleine Gesellschaftsspiele, die sich sitzend und ruhig spielen liessen, lasen, kurz wir hatten diese Art von geselligem Leben sehr genussreich nennen konnen, wenn nicht die Leiden meines armen Bruders, welche sich mit jeder Woche vermehrten, und einen immer erschreckenderen Charakter annahmen, mir vor allen, aber auch den ubrigen Freunden, welche warmen Anteil an ihm nahmen, diesen Genuss verbittert hatten. Bewundernswurdig war die Geduld, ja der Starkmut, mit dem er selbst, dieser treffliche und von so vielen Schmerzen gequalte Mann, diese Leiden ertrug. Mitten in den heftigsten Qualen, wenn seine Gesichtszuge den Schmerz, den er litt, aufs schrecklichste zeigten, blieb sein Geist ruhig, und unmittelbar nach einem solchen Sturm, dergleichen sich nur zu oft erneuerten, kehrten seine Mienen zu ihrer vorigen Ruhe, sein Geist zu derselben Fassung, ja Heiterkeit zuruck, die uns in manchen Augenblicken vergessen machten, dass wir um das Lager eines gefahrlich kranken Freundes versammelt waren. Nie wird der dreißig November im Jahre eintausendachthundertdrei aus meinem Gedachtnisse schwinden. Es war der Namenstag meines Mannes, und der gute Bruder wollte ihn, so gut er es vermochte, feiern. Aber gerade einen oder zwei Tage zuvor trat eine grosse Verschlimmerung in seinem Zustande ein. Ein Konsilium wurde fur notig erachtet. Sein Ausspruch lautete erschreckend fur uns; nur der Kranke allein, obwohl vollig bekannt mit dem Inhalte desselben, blieb ganz ruhig. Die Arzte hatten erklart, das Ubel habe sich aufs Ruckenmark geworfen. Mein Bruder sah dies als eine Krisis an, die entweder zur Genesung oder zum Tode, und somit in jedem Fall zum Ende seiner schweren Leiden fuhren[253] musste, und zeigte sich gerade an diesem Tage in einer Ruhe, ja in einer Heiterkeit des Geistes, die uns allen, welche nach dem Ausspruche der Arzte nur an einen von diesen zwei Ausgangen - namlich an den traurigen glauben konnten, unendlich schmerzlich war, indem wir in diesem heldenmutigen Betragen des Kranken einen neuen Beweis seiner edlen Denkart und seines kraftigen Geistes erkannten. Mit frommer Erhebung wunschte er meinem Manne zu seinem Festtage Gluck, ermahnte uns beide zu unseren gegenseitigen Pflichten, und sprach von der baldigen Wiedervereinigung mit seiner Marie, der er in dem Fall, dass er nicht genesen sollte, mit Freuden entgegen sah. So verging dieser Tag in schmerzlicher und doch erhebender Stimmung; aber ihm folgten bald traurigere. Das Ubel nahm zu, die Krafte des Kranken schwanden sichtlich. Seine Geduld, seine Geistesruhe blieben dieselben, und selbst seine Heiterkeit zeigte sich manchmal, wenn an einem Tage, wo die Schmerzen nicht gar zu heftig waren, die Freunde sich um sein Bett sammelten, und lebhafte Gesprache oder ein gesellschaftliches Spiel ihn zu zerstreuen fahig war. In den einsameren Stunden war ich, so viel es meine hauslichen Verrichtungen zuliessen, bei ihm, ich las ihm vieles vor, unter anderm auch Gibbons Geschichte vom Verfall des Romischen Reiches. Allmahlich aber sanken seine Krafte so sehr, dass er sich jenes Vergnugen, die Gesellschaft bei sich zu sehen, versagen musste, und nur einzelne durften dann und wann ihn besuchen oder wir spielten an seinem Bette ein Kartenspiel, und er dirigierte das meinige, da ich ohnedies jedes solche Spiel sehr schlecht spielte. Bald war er auch dieser armen Erholung nicht mehr fahig, und die Lekture blieb seine einzige Zerstreuung. [254] Gibbon interessierte ihn sehr, und mit einer bewundernswurdigen Aufmerksamkeit und Geistesruhe liess er sich von mir die d'Anvilleschen Landkarten der alten Welt vor sein Bette bringen, suchte die vorkommenden Orte auf denselben, zeigte sie mir, und ich mag wohl sagen, unterrichtete mich auf seinem Todbette mit eben der Klarheit und Ruhe der Seele, mit welcher er fruher bei jeder Gelegenheit gehandelt hatte. Mich emporte indessen die Art, wie Gibbon sich uber die christliche Religion in jenem, ubrigens beruhmten Werke aussert, aufs Tiefste, und ich sammelte schon damals die Ideen, Ansichten und Beweggrunde fur das Christentum im Gegensatz des Polytheismus, die ich spater im Agathokles verarbeitete. Es vergingen zwei und endlich drei Monate auf dieselbe stille und schmerzliche Art. Mit dusterer Gewissheit sahen wir, wenn wir alles recht erwogen und die Ausspruche der Arzte bedachten, dem Augenblicke entgegen, der dies achtungswurdige Leben endigen, und einem Geiste, welcher inmitten schmerzlicher Leiden alle seine Wurde und Kraft bewiesen hatte, die Freiheit geben wurde, sich zu seinem Schopfer aufzuschwingen. Mein Bruder hatte auch mit der Ruhe und Besonnenheit, als wenn es jemand andern betrafe, alle Anordnungen fur diesen Fall gemacht und mir ubergeben. Ich wusste seine Andenken an seine Freunde, was ich jedem zu geben, zu senden hatte, die Anordnungen uber sein Vermogen waren getroffen - ich zwar zu seiner Erbin ernannt, aber er hatte die Jugendfreunde, die er in beschrankten Verhaltnissen wusste, so grossmutig bedacht, als es der Umfang seines Vermogens erlaubte, und gewiss auch keines von seinen [255] Dienstleuten vergessen, welches er einer Unterstutzung oder auch nur eines Andenkens wert hielt. Dennoch, so nahe mir die Vorstellung sei nes Verlustes dadurch in manchen Augenblicken geruckt wurde, war doch die Hoffnung, diese unermudliche Gefahrtin des Sterblichen, nie ganz in meinem Herzen zu vertilgen, und wenn wieder, wie ofters geschah, ein paar bessere Tage eintraten, die Schmerzen ausblieben und sein Geist sich mit besonderer Heiterkeit erhob, ja dann erhoben sich auch die Moglichkeiten, dass das Ubel von der unverdorbenen Korperkraft des jungen Mannes dennoch besiegt werden, und eine, wenn auch langsame Genesung eintreten konne, wieder in meiner Seele, sie wurden zu Wahrscheinlichkeiten, und ich glaubte an das Gluck, den trefflichen Bruder zu behalten. Diese hellere Aussicht schloss sich indes nach ein paar Tagen wieder, wie die Schmerzen und ubrigen bosen Symptome wieder eintraten, die Hoffnung wurde aufgegeben, und dennoch abermals nach einiger Zeit gefasst, um neuerdings verloren zu werden, bis endlich mit dem Anfange des Marzmonates tagliche Fieber anfingen, und sogar mehr als ein Paroxismus in einem Tage eintrat. Nun ging es mit furchtbarer Schnelligkeit abwarts - sein Aussehen war auf eine Art verandert, dass, wer ihn lange Zeit nicht gesehen, ihn nur mit Muhe erkannt haben wurde; mir aber schwebt dies Bild mit allen seinen Schmerzen und den Empfindungen, die es damals in mir erregt, mit allen Szenen, die dabei vorfielen, nach viel mehr als dreissig Jahren noch immer hell vor den Augen meines Geistes. Am siebzehn Marz 1804, an einem Sonnabend, machte endlich der letzte Tod, wie der romische Schriftsteller sagt: [256] Mors non ultima venit, quae rapit ultima mors est - nach einem siebenmonatlichen Leiden und langem Todeskampfe diesem edlen, nur mit Gutem beschaftigten Leben ein Ende. Er fand die Ruhe, die er so lange schmerzlich entbehrt, und auch ich dachte nun, nach so manchen Anstrengungen, Sorgen und Kummer, doch wenigstens einiger Stille zu geniessen, in der die aufgeregten Krafte, die sturmisch bewegten Empfindungen zur Ruhe gelangen sollten. Aber der lange getragene und verhaltene Kummer meiner Mutter, der ihre Ansichten, sei es aus philosophischem Stolz oder einer andern Regung, nicht erlaubt hatten, die Erleichterung einer Klage oder einer freundschaftlichen Teilnahme zu suchen, hatte nun, nachdem der letzte Schlag gefallen war, auch sein Werk in ihr vollendet. Am Tage, nachdem mein Bruder verschieden war, befiel auch sie ein Unwohlsein, welches sogleich in seinen ersten Symptomen viel Bedenkliches zeigte. Auch brach wirklich eine Lungenentzundung aus, die ihr Leben in Gefahr setzte, und mich nach einem erst so schmerzlichen Verlust in neue Angst und Bekummernis sturzte. Baron Turkheim wurde gerufen; denn uns allen hatte der Tod meines Bruders nicht allein das Vertrauen auf ihn nicht benommen, sondern sein zweckmassiges und teilnehmendes Betragen wahrend dieser langen Zeit hatte unsere Achtung fur ihn noch vermehrt. Er rechtfertigte dies Zutrauen vollkommen, da er sogleich erklarte, obwohl ich es, der gewohnlichen Erfahrung gemass, wunschte, dass der Kranken zur Ader gelassen werde, dies sei eine Krankheit, welche durch langen Kummer und Erschopfung der Kraft erzeugt worden, und daher durchaus nicht wie eine gewohnliche Entzundung zu behandeln. Trotz meiner Achtung fur Turkheims [257] Wissenschaft im allgemeinen, vermochte ich doch meine Angst nicht ganz zu beschwichtigen; ich wollte ganz beruhigt sein, und mit Turkheims Erlaubnis berief ich den Doktor Closet, der schon fruher fur wichtigere Falle unsere Zuflucht gewesen war, und sein Ausspruch bestatigte vollkommen das Urteil, welches Turkheim mit seinem Scharfblick, der ihn vor so vielen Arzten auszeichnete, erkannt hatte. Er nannte die Krankheit eine nervose Lungenentzundung, und fand bei der vorliegenden Ursache derselben und den hohen Jahren der Patientin eine Aderlass nicht nur nicht anwendbar, sondern schadlich. Wirklich besserte sich meine Mutter zu meiner unbeschreiblichen Freude bald wieder, die Heftigkeit der Krankheit brach sich an der zweckmassigen Behandlung und ihrer trefflichen Konstitution, und nach drei Wochen vermochte die mehr als sechzigjahrige Frau bereits, von uns unterstutzt, in ihren Garten zu gehen, wo denn der eben eintretende Fruhling und die vereinte Bemuhung aller unserer Freunde und Freundinnen, die sie fleissig besuchten, ihre Genesung, Erheiterung und Beruhigung nach und nach bewirkten. * * * Es war im Mai dieses Jahres eintausendachthundertvier ungefahr, als uns durch einen unserer sehr gebildeten Freunde, einen gewissen Herrn Koderl, der ein sehr geist- und kenntnisreicher Mann war, und bei dem Revisionsamte angestellt, sich in Beruhrung mit den meisten Literatoren Wiens befand, der nachmalige Professor und Geschichtschreiber Schneller vorgestellt wurde. Damals war Schneller ein junger Mann von einigen zwanzig Jahren, hatte wohl noch nicht die Bedeutung und den Ruf, [258] den ihm spater seine Arbeiten wie seine Schicksale erwarben, aber er war auf jeden Fall eine interessante Erscheinung, und wurde bald einheimisch in unserm Kreise. Etwa um diese Zeit oder vielleicht etwas fruher trat hier in Wien ein junger Dichter mit einem Trauerspiele auf, das bei der ersten Erscheinung im Publikum die hochste Aufmerksamkeit erregte. Es war der Regulus, und der Ruf dieses Stuckes sowohl als der Name seines Verfassers, des Herrn Heinrich von Collin, flog bald durch ganz Deutschland, erregte die schonsten Erwartungen, und in unserm Hause den lebhaften Wunsch, die Bekanntschaft desselben zu machen, da es ja von fruhen Zeiten her bei uns zur Hausordnung gehorte, die ausgezeichneten Geister Wiens oder auch des Auslandes, wenn sie sich hier befanden, um uns zu versammeln. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, die Bemerkung beizufugen, dass, so merkwurdig solche Manner auch oft als Gelehrte oder Kunstler in der Welt durch ihre Werke erscheinen, nur sehr wenige sich im nahern Umgange auch als Menschen achtungs- und liebenswurdig bewahrten. Noch weniger liebenswurdig aber, mit sehr seltenen Ausnahmen, fand ich von jeher die weiblichen ausgezeichneten Geister, die femmes superieures, wie Frau v. Stael sie nannte und wich ihrer Annaherung immer gern aus, da sie mir als Frauen im Umgange fast nie zusagten. Bei unserm Collin hingegen traf zu unserer grossen Freude diese Bemerkung nicht ein. Ein anspruchsloseres, einfacheres, herzlicheres Betragen lasst sich bei einem so ausgezeichneten Talente kaum denken, und mit dieser offenen Herzlichkeit verband sich ein grundlicher Verstand, eine ausgezeichnete Geschaftskenntnis [259] (er war Beamter und damals Konzipist oder Sekretar bei der Hofkammer) und hohe klassische Bildung. So warm und herzlich wir ihm entgegen kamen, ebenso warm und herzlich wurde diese Empfindung von ihm erwidert, und ich darf es mit stolzem Gefuhle sagen, der edle Collin, der in so vieler Hinsicht uber seine Mitburger hervorragte, war unser aller warmer, treuer Freund geworden, der meine Mutter, meinen Mann und mich herzlich achtete, und selbst meine Tochter, damals ein Kind von 8-9 Jahren, mit gutiger Zuneigung und oft - denn er hatte nicht die Freude, Vater zu sein - mit einer Art von liebevoller Wehmut betrachtete. Haschka lebte damals noch, und Collin, ebenso wie der fruher genannte Baron von Hormayr, schlossen sich mit Achtung an den gelehrten und viel erfahrnen alten Herrn, der seinerseits gern jedes junge Talent aufmunterte und mit Rat und Tat zu unterstutzen liebte. Damals bildete sich gar ein schones geistiges Leben um uns. Collin, Hormayr, Haschka, Koderl, Schneller und noch einige andere schriftstellernde Herren besuchten fleissig unser Haus, in welchem sich jeden Abend auch jene gebildeten Frauen mit ihren Familien einfanden, deren ich fruher erwahnt. Gemeinschaftliche Lekture der besten, eben damals erscheinenden Stucke von Goethe, Schiller, Werner usw. mit ausgeteilten Rollen, Musik, gesellschaftliche Spiele, im Fasching auch wohl zuweilen ein Tanzchen, das bei uns oder einer unserer Freundinnen statthatte, fullten unsere Abende aufs angenehmste aus. Vor allem aber war uns eine Art geistiger Unterhaltung, die wir freilich nur selten genossen, vielleicht mitunter schon deswegen, ungemein wert. Es waren die eben damals in [260] Schwung kommenden Deklamationen, das gesteigerte und mit eigentlich theatralischer Betonung belebte Hersagen schoner oder bedeutender Gedichte. Collin und Hormayr waren es, die uns diesen Genuss kennen lehrten und verschafften, indem sie manchmal einen Abend bestimmten, wo sich unser ganzer kleiner Zirkel bei uns versammelte, und die beiden Herren nun abwechselnd die vorzuglichsten Produkte unserer vaterlandischen Schriftsteller mit meisterhaftem Ausdrucke vortrugen. * * * Es war ein wunderschoner Sommerabend im August 1804, als eines Abends Schneller einen jungen Dichter, Herrn Karl Streckfuss, auf dessen Bekanntschaft uns einige in Almanachen und Journalen erschienene, hochst liebliche Gedichte begierig gemacht hatten, bei uns einfuhrte. Karl Streckfuss, jetzt preussischer Oberregierungsrat, Ordensritter, Lehrer und Freund des Kronprinzen, Ubersetzer des Ariost und Dante, war damals ein schlanker, hochgewachsener Jungling von 24-25 Jahren, mit blondem Ringelhaar und blauen Augen, Hofmeister in einem Bankierhause hier in Wien - eine fur uns alle erwunschte, angenehme Erscheinung; aber in der Welt noch kaum durch einige Klange seiner Leier bekannt. Unserm Kreise wurde er es bald, wurde es auf der Stelle mochte ich sagen; denn er gehorte zu den wenigen Menschen (Korner war ebenso), die uns beim ersten Blick wie befreundet ansprechen - jede Spur der Fremdheit abstreifen, und uns das Bewusstsein geben, als sprachen wir mit einem alten Bekannten. Vielleicht ist es auch so. - Wer kennt die Geheimnisse der Geisterwelt und die Bedingungen [261] einer vielleicht fruhern Existenz unserer Seele, in welcher sie sich an andere Seelen anzuschliessen Gelegenheit hatte? Genug, Streckfuss ward sogleich einer der Unsrigen. Unter dem Schatten unserer hohen Lindenbaume, durch die die Abendsonne schimmerte, sagte er uns auf unsere Bitten einige seiner Gedichte, namentlich die Harmonien her, und wirklich waren diese Verse Harmonien - und harmonisch fuhlten alle Freundinnen und Freunde, die zugegen waren, sich dem Sanger verbunden. Was der erste Abend verheissen hatte, hielt die Folge. Streckfuss wusste durch seine anziehende Personlichkeit wie durch einen gebildeten Verstand und ein wurdiges, hochst rechtliches Betragen, aller Achtung und Zuneigung zu erwerben, und er wurde bald meiner Mutter so wert wie meinem kleinen Madchen, das mit kindlicher Warme an ihm hing und das er sein Brautchen nannte. Es ist naturlich, dass der stete Umgang mit Mannern wie Collin, Hormayr, Schneller, Koderl, Streckfuss, Rothkirch und andern auf mein Gemut erregend und erhebend wirken musste. Ich hatte fruher bereits einige Idyllen geschrieben. Haschka, dem ich so vieles verdanke, was meine literarische Ausbildung vervollkommnete, und bei dem ich mir uber meine Arbeiten gern Rats holte, hatte mir, mit sehr triftigen Grunden, vorgeschlagen, den Stoff zu einigen Idyllen aus der Bibel, das heisst, aus der Zeit der Patriarchen zu nehmen, deren Lebensweise den eigentlichen Forderungen der Idylle, wie Haschka meinte, vollkommen entsprache, indem sie ein landliches und in seiner Ausbildung einfaches Leben mit Wohlstand und Sorglosigkeit verbunden, darstelle, gleichweit von stadtischer Verfeinerung und baurischer Roheit entfernt, und [262] durch religiose Gesinnung und innigen Verkehr mit Gott dem Gemalde einen eigenen anziehenden Charakter gebe. Mir leuchtete diese Behauptung sehr ein, denn fromme Empfindungen und Schilderungen hatten mir von jeher zugesagt. Ich hatte zufallig damals Jahns biblische Archaologie bekommen; diese studierte ich, verschaffte mir eine Luthersche Bibel, der kraftigen Diktion wegen, und wahlte mir nun einige Stucke, die mir zu solcher Bearbeitung am dienlichsten schienen. Vor allem nahm ich mir vor, das Buch Ruth auf diese Weise zu behandeln; dann sollten Stucke aus Abrahams Leben kommen, und recht mit Lust uberdachte und durchsann ich diese Gegenstande. Eines Abends, als wir alle wie gewohnlich beisammen waren, und Literatur und Poesie auch wie gewohnlich den Gegenstand unserer Gesprache ausmachten, ausserte Streckfuss, dass er gesonnen sei, das Buch Ruth als Idylle oder kleines erzahlendes Gedicht zu behandeln. Das klang mir sehr unangenehm; aber ich schwieg, und vertraute nur meinem Manne, als wir allein waren, meinen Verdruss, weil ich nun glaubte, meinen Vorsatz aufgeben zu mussen, denselben Stoff zu bearbeiten, wie ich mir fruher vorgesetzt. Aber Pichler war nicht dieser Meinung, er brachte diese Ansicht eines andern Tages in unserm Kreise vor, und Haschka, Schneller, ja Streckfuss selbst munterten mich auf, meinen fruher gefassten Plan nicht aufzugeben, und die Ruth doch zu bearbeiten, wenngleich ein anderer Kampfer sich in derselben Bahn einfinden sollte. So ward denn beschlossen, dass wir beide - Karl Streckfuss und Karoline Pichler - um dieselbe Palme laufen und unsern poetischen Wettstreit in herzlicher Freundschaft beginnen sollten. Nun gab das recht [263] kostliche Abende alle Sonntage, wenn wir jedes, was wir in dieser Woche gearbeitet hatten, vorlasen; es versteht sich, dass der, der weiter gediehen war, und das war gewohnlich Streckfuss, nicht weiter las, als der andere, meist ich, gekommen war. Seltsam und fur den kleinen Kreis, der an uns beiden lebhaften Anteil nahm, anziehend waren dann die Beobachtungen, wie derselbe Stoff unter zweierlei Bearbeitung etwas so ganz Verschiedenes wurde, so dass die Ruth von Streckfuss in Wendung der Fabel, in Kolorit, Schilderung der Charaktere, Haltung des Tons usw. sich ganz anders gestaltete als die meinige. Fast mochte ich nach der jetzigen Klassifikation der poetischen Produkte sagen, Streckfuss's Ruth war romantisch, die meinige klassisch. Auf ihn hatte die damals beginnende Zeitrichtung als auf einen noch sehr jungen Mann mehr gewirkt, so wie denn seine ganze Poesie damals mehr musikalisch als rhetorisch war, und ihm die Sonette ganz vorzuglich gelangen. Auf mich, die altere, hatte die neue Gestalt der Dinge weniger Einfluss gehabt, und durch eigentlich klassische Literatur gebildet, mit den Werken romischer und griechischer Schriftsteller (den erstern in der Ursprache) wohl bekannt, hatte mein Gedicht mehr einen antiken Ton und einen Anklang homerischer Art angenommen. Das sah ich wohl, dass auf die Damen unseres Kreises die Streckfusssche Bearbeitung mehr Eindruck machte, wie ihnen denn uberhaupt die damals moderne Poesie zusagte, und einiges mochte wohl des jungen, hubschen Dichters Personlichkeit beitragen. Doch gonnte ich dem Freunde gern diesen Vorzug, und war - gewiss nicht mit Unrecht, uberzeugt, wie es auch der Erfolg bewiesen hat, dass auch meine Bearbeitung ihren Wert habe. [ 264] So verging der Winter hochst angenehm und auch Tanz, Musik und andere gesellschaftliche Freuden kamen wieder an die Reihe, es war eine liebliche Zeit! Im Fruhling verliess uns Schneller, der eine Professur in Linz erhielt; dafur aber hatte Streckfuss, der seine Hofmeisterstelle aufgegeben, meine Mutter ersucht, ihm eine hubsche, aber von uns nicht gebrauchte Stube, das Zimmer meines seligen Bruders, das wir nicht benutzten und selten und ungern betraten, zur Miete zu uberlassen. Meine Mutter willigte mit Freuden ein. Sie hatte es ihm am liebsten unentgeltlich uberlassen; aber dies nahm Streckfuss naturlich nicht an, und so wurde er denn unser lieber Hausgenosse und jeden Abend (den Tag uber ging er seinen Geschaften oder Arbeiten nach) nebst Karl Kurlander, der auch bei uns wohnte, unser Gast bei dem massigen Souper. Nachtraglich muss ich noch erzahlen, was der Faden der Geschichte im Sommer eintausendachthundertvier mich uberspringen machte, dass ein Zufall, ich weiss nicht welcher, mitunter aber waren es auch Streckfuss lebendige Schilderungen schoner Gebirgsgegenden, die er uns mundlich mitteilte, in Pichler und mir den Vorsatz weckte, eine Gebirgsreise, und zwar nach Maria Zell zu machen. Pichler hatte in amtlichen Geschaften schon ofters die Gebirgsgegenden in Osterreich ob und unter der Enns durchstreift. Er kannte die Wege, die Gegenden, die Distanzen genau, und so wurde denn beschlossen, dass wir uns auf den Weg machen und Maria Zell besuchen sollten, das, wie Pichler sagte, in einer sehr massigen Entfernung von anderthalb Tagen, bei trefflichen Strassen und bequemer Unterkunft, grosse Schonheiten darbiete. [ 265] Nachdem wir uns hierzu entschlossen, nahm sich mein Mann vor, noch einen Zweck mit dieser Reise zu vereinigen und eine ihm sehr teure Schwester, die nur eine Tagereise noch weiter als Maria Zell in Steiermark lebte, zu besuchen. Auch dieser Vorschlag ward gern angenommen; meine Mutter, obwohl damals schon hoch in Jahren, erklarte, uns gern begleiten zu wollen, und so brachen wir denn an einem sehr schonen Augusttage im Sommer 1804, nebst unserm damals sehr kleinen Lottchen, auf, und fuhren uber Modling und Heiligenkreuz die etwas unbequemere, aber nach Pichlers richtiger Ansicht viel schonere Wallfahrtsstrasse bis Lilienfeld. Nur in meiner Kindheit, beinahe dreissig Jahre fruher, hatte ich mit meinen Eltern dieselbe Reise, aber uber St. Polten gemacht, und ausser den Leuchtkaferchen, welche auf dem Annaberg, den wir damals abends erreichten, zu beiden Seiten der Strasse in den Gebuschen schimmerten, so, dass es mich bedunkte, als sei der gestirnte Himmel hier auf die Erde gesunken, hatte ich von jener ersten Fahrt kaum eine Erinnerung behalten. Daher war mir jetzt alles neu und alles wunderschon, und auch die Leuchtwurmchen fanden sich wieder ein und stickten das Ufer der Traisen, die uns hier rauschend durch die nachtliche Dunkelheit entgegenstromte, mit hellen grunlichen Funken. Wir fuhren das Stift, das in grossen dunkeln Massen in der Nacht halb sichtbar dalag, voruber und zu dem sogenannten Steg-Wirtshause, das eine Viertelstunde aufwarts vom Stift am Ufer des Flusses lag. Freundliche Menschen, reinliche Zimmer und Betten, eine einfache aber schmackhafte Abendkost fanden wir hier, und blieben, weil es uns hier so wohl gefiel, auch noch [266] den folgenden Tag, gingen in der Gegend spazieren, weideten uns an dem saftigen Grun der Wiesen und Walder, an den tausend Blumen, die hinter jedem Zaun hervorguckten, und tranken abends im Schimmer der sinkenden Sonne im Garten des Wirtes, an dem die Traisen hinabrauscht, einen deliziosen Kaffee - lauter Genusse, die ich in der Stadt entbehren musste und die ich allen Freuden des glanzendsten Balles oder der recherchiertesten Mahlzeiten in den elegantesten Zimmern vorzog. Mir war kostlich wohl zwischen diesen Bergen, an diesem hellen, wilden Waldwasser, unter diesen einfachen Menschen und den Einwirkungen der grossen, freien Natur, die ich recht mit Lust in mein Innerstes dringen liess. Am andern Morgen fuhren wir dem Laufe der Traisen entgegen, tiefer in die immer hoher steigenden Berge hinein. Ein wunderschoner Weg, der bald an den Seiten der Berge hoch uber dem, unter Fichten und Tannen dahinrauschenden Wasser fuhrte, bald sich durch enge, wilde Taler schlangelte, zwischen deren himmelanstrebenden Felsenwanden nur fur diesen Weg und den Strom daneben Raum war; jetzt sich durch eine schone, grune Gegend zog, wo die zuruckweichenden Berge einen freundlichen Talgrund, mit landlichen Hutten besetzt, einschlossen, und dann wieder an rauchenden Essen und pochenden Hammern und weissbeschaumten Wehren vorbeiging, wo das Eisen, welches diese Berge enthalten, zu allerlei, dem Leben unentbehrlichen Geratschaften verarbeitet wird. So gelangten wir nach dem freundlichen Turnitz, wo den Wallfahrtern sogleich Frauen und Manner mit grossen Korben voll niedlich aus verschiedenem Holze gedrechselter Kleinigkeiten, Heiligenbilder und Rosenkranze [267] entgegenkommen. Wahrend die Pferde getrankt werden, kauft man allerlei solcher Spielsachen, Bilder usw. und dann geht es wieder weiter durch eben solche Taler, bis dahin, wo der Annaberg mit seinem ganzen machtigen Umfang alles Weiterkommen, ausgenommen uber seinen Rucken, versperrt. - Betroffen blickten wir hinan - da zeigten sich, halb im Tannenschatten versteckt, ein Kirchlein und ein paar Hauser auf dem Gipfel des Berges, und dahin richtete sich nun unser Weg, nachdem wir den Wagen verlassen hatten, von dem man unsere Pferde ausgespannt und andere, die schon zu diesem Behuf stets hier warten, vorgelegt hatte. Nicht ohne Sorge dachte ich an die Beschwerlichkeit, jetzt in der Mittagsstunde (es war elf Uhr) den nicht unbedeutenden Berg hinanzuklimmen. Es ging viel besser, als ich gedacht. Bald nahmen uns Waldesschatten auf, bald ruhten wir an einem kuhlen Quell, und jeder Blick zuruck auf die besonnten Saatfelder, in denen ein frisches Luftchen wuhlte, das auch unsere erhitzten Wangen fachelte, jedes Einatmen der reinen Bergluft bei kurzem Stillestehn erquickte uns so sehr, dass wir nach einer guten Stunde zwar erhitzt, aber durchaus nicht ermudet, gerade unter dem heimisch klingenden Mittagsgelaute auf den kleinen Platz vor der Kirche traten, wo der Brunnen mit einem quellenden Wasser platschert und ein einfaches, aber reinliches Wirtshaus uns und unsern Tieren Erholung und Labung verhiess. Seit jenem Male haben wir in den folgenden Jahren diesen Weg noch ofters gemacht, und einmal kam mir der Wunsch oder vielmehr meine Kleine bat darum, mir ein Pferd mit jenem bequemen Sattel, der wie ein kleines Bankchen gestaltet, eigens fur wallfahrtende[268] Frauen bestimmt ist, zu mieten, und so den Berg hinan zu reiten. Die Kleine hatte ich auf dem Schosse, und Pichler, der nicht reiten wollte, folgte zu Fuss. Da kamen einige junge, wohlgekleidete Manner in bequemem Fusswandereranzug, ihre Rocke an Stocken uber den Schultern tragend, den Berg herab, uns entgegen. Sie betrachteten uns und lachend riefen sie mir zu: >> Gruss dich Gott, Maria! << und wirklich mochte der Anblick einer jungen Frau mit einem Kinde auf dem Schoss, auf einem Tier, das durch seine Haltung dem Esel vielleicht mehr als einem Pferde glich, und dem ein Mann, der Vater und Gatte, zu Fusse folgte - wohl die Vorstellung einer Flucht nach Agypten in den Wanderern erregt haben. Einen hohen Berg hat man erstiegen, aber so wie man zu dem Brunnen hintritt, erhebt sich vor dem erstaunten Blick ein noch viel hoherer Riese, der machtige Otscher, der uns hier mit seiner seitwarts, wie an einer Mannernachtmutze, geneigten Spitze gegenuber steht. Nun ist man recht in der Gebirgswelt darin, und immer folgen schonere Naturszenen. Wir uberstiegen nun auch den Joachims- und Josefsberg; denn alle Bergspitzen tragen hier Namen aus der heiligen Sippschaft, und der letzte ist der hochste und schonste. Auf jedem Gipfel dieser Berge stehen Kapellen, und uberall knien betende Wallfahrter und werden Heiligenbilder u. dgl. zum Verkauf ausgeboten. Auf der Spitze des Josefsberges findet man seine Kutsche und Pferde wieder, die Vorspann wird zuruckgesandt, und nun geht es uber noch zwei, aber minder hohe Berge nach Maria Zell. Durch Waldesschatten, an raschen Bachen, in engen Talern, neben Eisenwerken fuhrt auch dieser Teil des [269] Weges hin, bis sich plotzlich das weite Tal offnet, in welchem der Wallfahrtsort liegt. Jetzt, nach dem grossen Brande, der vor mehreren Jahren den ganzen Ort in Asche legte, soll alles ganz anders sein; aber wie mich manche Reisende versichern, zwar stattlicher und moderner, doch bei weitem nicht mehr so heimlich und ansprechend als ehemals aussehen. Ich bin seit 16, 17 Jahren ungefahr nicht mehr dort gewesen, und schildere also bloss, wie ich es damals gefunden und empfunden. Aus engen Wegen, die durch Waldesdunkel und Felsen fuhren, kommt man heraus - und nun liegt ein weites freundliches Tal vor uns, ringsumher von begrunten Bergen umschirmt, mit einzelnen Wohnungen belebt, die hier und dort aus Buschen hervorschauen, und im Hintergrunde glanzt uns auf der halben Hohe des Berges die Wallfahrtskirche, das Ziel unserer Wanderung, im Abendschein, der an den Turmen spielt, entgegen. Kann das nicht recht zum Bild der ganzen Reise dienen? Muhsam windet sich der Pilger, der Abhilfe seiner geistigen oder korperlichen Schmerzen am Gnadenorte sucht, durch die engen Wege und beschwerlichen Berge wie durch die Leiden, welche ihm Gott auferlegte, hindurch. - Der letzte Teil der Reise ist der beschwerlichste, so wie fortwahrende Leiden dem Ermudeten immer druckender werden. Aber nun hat er den Gnadenort erreicht, nun weichen die einengenden Walder und Felsen zuruck, nun ebnet sich der Pfad, der vorher muhevoll uber Berge fuhrte, Heiterkeit im weit offenen Talgrund und Ruhe im Goldschimmer des Abends empfangt ihn, und der helle, Schein glanzt von der Kirche her, woher er eben seinen Trost oder seine Heilung zu hoffen hat. [ 270] Das waren die Empfindungen und Betrachtungen, die sich in mir regten, wahrend wir auf gutgebahnter Strass ein den reinlichen, freundlichen Marktflecken hineinfuhren, und an einem der vielen guten und mitunter stattlichen Wirtshauser stille hielten. Wahrend dessen war die Sonne langst hinab hinter die hohen Berge (es war in der ersten Halfte des August, wo sie nach sieben Uhr unterzugehen pflegt), die Dammerung lagerte bereits uber den fernern tiefern Talern, nur die Turme der hochgelegenen Kirche fassten noch die letzten Strahlen, und als jetzt das Abendgelaute von ihnen herab zu erklingen begann, um die ganze, nach den Lasten des Tages in Stille und Frieden daliegende Gegend zum Gebet aufzufordern, da drangte es auch uns, in die stille, einsame Kirche einzutreten, die ubrigens, meinem Geschmack nach, gar nichts Schones und Erhebendes in ihrem Aussern hat, und wo bloss der kleine mittlere Turm und ein altes Schnitzwerk uber der ebenfalls alten, laubenahnlichen Pforte an jene langstverflossene Zeit erinnert, wo die beiden Fursten Ludwig, Konig in Ungarn und Heinrich, Markgraf von Mahren, deren Statuen am Eingang der Kirche stehen, den Gnadenort entdeckten und begrundeten. Desto uberraschender und ergreifender wirkte das Innere der Kirche auf mich. Es war bereits dunkel in dem hohen geraumigen Gewolbe - nur wenige Beter knieten hier und da auf den Banken oder lagen ausgestreckt auf der Erde. Aber tiefer darin, dort, wo mitten in der grossen Kirche die kleine Felsenkapelle und in ihr das Bildnis der heiligen Jungfrau steht - dort stromte ein heller Lichtglanz aus und wir folgten dem Schimmer, der uns anzog und leitete. Er kam von diesem Bild oder eigentlich von dem hellerleuchteten Altar, dessen Lichter [271] und Lampen sich in dem Glanz des Goldes und Silbers, der ihn schmuckte, noch verdoppelten, und um die Kapelle her standen Engelgestalten aus Silber geformt auf hohen Fussgestellen, deren jede eine Lampe trug und ihr Licht mit den blendenderen in der Kapelle vereinigten. So stromte also aller Glanz, alle Herrlichkeit gleichsam von der Hochgebenedeiten aus, und unwillkurlich ergriff ein erhebendes, andachtiges Gefuhl jedes Herz, das sich hier dem Heiligtum nahte. Ich habe spater die Empfindungen, welche auf dieser ganzen Reise und in der Kirche selbst mein Herz beschaftigten, in der Romanze: Maria Zell, welche der Legende gemass den Ursprung des Gotteshauses erzahlt, beschrieben. Von Zell fuhren wir dann noch weiter in die Steiermark hinein, einen reizenden Weg durchs Murz- und Murtal bis Leoben, wo eine Schwester meines Mannes mit ihrem Gatten, dem Konsistorialkanzler des Bistums, und einer bluhenden, recht liebenswurdigen Tochter von 17-18 Jahren lebte. Aufs Liebevollste empfangen, brachten wir ein paar Tage dort zu und gewannen diese Nichte so lieb, dass wir beschlossen, die Eltern zu bitten, sie uns fur einige Zeit nach Wien zu geben, was denn auch im nachsten Winter geschah, und sehr zu der Annehmlichkeit unsers hauslichen und geselligen Lebens beitrug. Der Winter von eintausendachthundertvier auf eintausendachthundertfünf war auf die oben geschilderte Weise dahin gegangen. Im nachstfolgenden Sommer fuhrten wir, ebenfalls uber Maria Zell, das uns so sehr angezogen hatte, die gute Nichte, unsere liebe Charlotte (denn in unserm Hause regierte dieser Name vor allen, und nebst meiner Mutter, Nichte, Tochter, hiessen ich, Streckfuss und Kurlander, folglich alle Glieder [272] des Hauses, Pichler allein ausgenommen, nach einem Namen) wieder zu ihren Eltern zuruck, nachdem sie beinahe ein Jahr mit uns gelebt hatte und uns allen lieb geworden war. Nun sind nicht allein ihre beiden Eltern, sondern auch sie bereits lange tot, und nur in unsern Erinnerungen leben ihre Bilder noch. Der Herbst von eintausendachthundertfünf fing an, sich wieder ernst und furchtbar zu gestalten. Der Krieg war aufs Neue ausgebrochen. Grosse Zurustungen wurden gemacht, aber, was man allgemein gehofft und gewunscht hatte, geschah nicht. Dem Erzherzog Karl wurde das Kommando nicht ubergeben, sondern dem General Mack, der freilich in fruhern Feldzugen sich als einen verdienstvollen Feldherrn bewiesen, dennoch aber in dem italienischen Kriege und bei der Annaherung der Feinde im Jahre 1797, wo er zur Verteidigung von Wien geraten hatte, der Welt Ursache zu gerechtem Misstrauen, nicht sowohl in seine Kenntnisse oder seine Bravour, als eigentlich in die Klarheit und Unbefangenheit seines Geistes, gegeben hatte. Denn seine heftigen Nerven- und Kopfleiden erregten nicht ohne Grund die Mutmassung, dass seiner Ansicht oder seinem Urteil nicht allemal unbedingt zu vertrauen sei, und der Erfolg hat diese angstliche Besorgnis nur zu sehr bestatigt. Ein abscheuliches Herbstwetter, mit Kalte, Nebel und unaufhorlichem Regen, der den ausmarschierenden Truppen unendlich beschwerlich fiel, war schon das erste ungunstige Vorzeichen kommender Unglucksfalle. Des (damaligen) Kurfursten von Bayern Widerspruch, der unsern Truppen, dem Heere seines Kaisers, den Durchzug durch sein Land weigerte, unter dem Vorwand, dass sein Kurprinz (der jetzige[273] Konig) sich in der Macht der Franzosen, und folglich, wenn des Vaters Teilnahme an den Feindseligkeiten ihnen missfiele, in Gefahr befande, war der zweite Schlag, und mit angstlich besorgtem Gemute blickte man einer Zukunft und der Entscheidung eines Feldzuges entgegen, welcher schon unter so ungunstigen Umstanden begann. Napoleon hatte indessen schnell das Lager bei Boulogne aufgehoben, und seine Armee marschierte mit Sturmeseile nach Deutschland. Es fand die Affare bei Ulm statt, Mack ergab sich mit der ganzen Armee, das Kavalleriekorps ausgenommen, mit welchem sich der Erzherzog Ferdinand mitten durch die franzosische Armee durchschlug, und nun war das Ungluck des Feldzugs und Osterreichs entschieden. Die Reste unserer Armee, die noch nicht ganz hinausgelangt waren, zogen sich mit der grossten Schnelligkeit zuruck, verfolgt von dem siegreichen, ungestum nachsetzenden Feind; denn was unsere Armee getan hatte, um Bayerns spaterklarte Neutralitat zu respektieren, taten die Preussen nicht oder Napoleon achtete nicht darauf, und so durchzog seine Armee das Anspachische Gebiet und drang bis nach Osterreich, bis Krems, wo der wackere General Schmidt ihnen noch mit der letzten Kraft tapfern Widerstand leistete und seinen Heldenmut mit seinem Tode besiegelte. Mit Angst, mit bangem Zweifel und peinlicher Erwartung sah die Bevolkerung der Hauptstadt der Annaherung der Feinde entgegen. Wieder wie eintausendsiebenhundertsiebenundneunzig wogten die Gemuter im Sturme der Empfindungen auf und ab. - Dableiben oder fluchten? nach Bohmen oder Ungarn? auf wie lange? mit welchen Mitteln? welche Vorkehrungen hier zu treffen? Vergraben der [274] Habseligkeiten? Absendung des Kostbarsten nach Ungarn? das waren die angstlichen Fragen und Zweifel, welche sich der meisten Geister mit unwiderstehlicher Gewalt bemeistert hatten, und sie wie auf emporten Wogen herum und oft gerade zum Widersinnigsten trieben, das sie dann mit Hast ergriffen und zu ihrem Schaden durchsetzten. Von Tag zu Tage, ja von Stunde zu Stunde liefen beunruhigende Nachrichten ein, und im steten Hin-und Herschwanken zwischen Gehen und Bleiben und allen oft widersprechenden Massregeln, die man zu treffen dachte, vergingen einige hochst bange Tage. Wir teilten indes diese grosse Unruhe nicht ganz, durch Erfahrungen anderer, besonders sogenannter Reichsglieder, belehrt, und durch eigene Uberlegung hatten meine Mutter und wir bald die Uberzeugung gewonnen, dass, selbst bei einer wirklichen Invasion des Feindes, da zu bleiben, wo unsere Hauser, unser ganzes Hab und Gut gelegen ist, gewiss das Sicherste und Ratlichste sei. Wir hatten also unsern Entschluss gefasst und liessen nun mit Ergebung in den Willen der Vorsicht uber uns kommen, was kommen sollte, fest uberzeugt, wie es denn auch der Erfolg bewies, dass jene, welche sich von Wien entfernten, ohne durch ihre Dienst- oder andere Verhaltnisse dazu bestimmt zu sein, gewiss ein schlimmeres Los erwahlt hatten. Es wurden also einige Vorrate angeschafft, mit Mobeln und Zimmern die notige Einrichtung getroffen, um die ungebetenen Gaste aufzunehmen und bewirten zu konnen, und so vernahmen wir nach und nach mit Bangigkeit, aber ohne eigentlichen Schrecken, wie das gefurchtete Ungetum des feindlichen Heeres sich uns immer naher walzte. An eine Verteidigung der Stadt [275] wurde damals nicht gedacht, und nur der Ubergang uber die Donau sollte durch Abbrennen der Brucken dem Feinde erschwert werden; dazu war, durch Anhaufung brennbaren Stoffes auf denselben, alle Anstalt getroffen worden, und Furst Auersperg war mit Vollziehung dieser Massregel beauftragt. Der Hof und die Dikasterien hatten die Stadt bereits verlassen und sich nach Ungarn begeben. Es lagen nur wenige Truppen mehr in Wien, und diese wenigen waren mit jeder Minute des Befehls zum Aufbruch gewartig. Die Familie Richler lebte seit einiger Zeit in der Kaserne der Alservorstadt, nicht weit von uns, wo der Major das vierte Bataillon organisierte. Da aber, so wie dies den Befehl zum Ausmarsch erhalten wurde, die Frauen keinen Augenblick langer in der Kaserne hatten bleiben konnen, welche sogleich von den feindlichen Truppen besetzt werden musste, hatten diese sich eine Wohnung in der Nahe gemietet und nach und nach alle Mobel, bis auf die allerunentbehrlichsten, dorthin bringen lassen. Sie selbst aber wollten den Gemahl und Schwager in diesem verhangnisvollen Momente nicht verlassen, und wir ubrigen wunschten denn auch die Abende in dem gewohnten Kreise zuzubringen, und in so kritischen Tagen, wo jedes sich nach Mitteilung und Freundestrost sehnt, des Umgangs der werten Freunde nicht zu entbehren. Da also Richler die Kaserne nicht verliessen, so brachten wir die Abende, auf Koffern und Packkorben sitzend oder auf einigen Stuhlen, die jede Familie sich von ihren Bedienten nachtragen liess, bei ihnen zu, und gerade dies Zigeunerartige, Seltsame unseres Beisammenseins wurzte die Abendunterhaltungen. Damals auch trat Herr von Weingarten, der sich spaterhin in unsern geselligen Kreisen und in der literarischen [276] Welt als ein zierlicher Dichter zeigte, mancherlei Aufmerksamkeit erregte, und vor ein paar Jahren als Major in einem traurigen Zustande starb, als ein Jungling von 17-18 Jahren ins Militar, und zwar in dem vierten Bataillon des Baron Richler ein, und niemand von uns ahnte die Auszeichnungen, die ihm einst von geistreichen Damen werden sollten. Indessen waren die Feinde der Stadt ganz nahe gekommen. Die Truppen erhielten Befehl, schleunig auszumarschieren - der Augenblick der Trennung war da - das Bataillon und alles, was sonst noch von Militar in Wien lag, eilte uber die Brucken hinuber aufs andere Ufer; dem anruckenden Kaiser der Franzosen wurde eine Deputation des Magistrates und der Burgerschaft entgegengeschickt (ich glaube bis Sieghartskirchen) und ihm die Schlussel der Stadt und diese selbst seinem Schutze ubergeben. Am 14. November, dem Vorabende des Schutzheiligen unsers Landes, ruckten - ein bitteres Zusammentreffen! - die Feinde in die Stadt ein und eilten sogleich durch und um dieselbe an den Strom. Hier, glaubte man allgemein, wurden sie durch die Vernichtung der Brucken sich aufgehalten finden, und dieses Hindernis, indem es ihren Zorn reizte, konnte vielleicht sturmische Auftritte wenigstens in jenen Teilen der Vorstadte veranlassen, welche der Donau zunachst lagen. - Ach! es lief alles ganz und gar anders und sehr friedlich ab, denn die Brucke blieb stehen! Ein Faktum, das man schwer begreifen kann, das aber leider doch wahr war. Furst Auersperg hatte sich unbegreiflicherweise vom General Murat (Konig von Neapel) tauschen lassen, als ware das Nichtabbrennen der Brucke in den Bedingungen der Ubergabe der[277] Stadt mit eingeschlossen gewesen. Der Furst nahm das Wort des feindlichen Befehlshabers als unbezweifelbare Wahrheit an; die franzosische Armee eilte mit Sturmesschnelligkeit auf das andere Ufer, und alle Familien, welche teure Angehorige unter den zuletzt entfernten Truppen hatten, zitterten mit Recht fur diese, deren Gefangenschaft und vielleicht uble Behandlung sie bei der damaligen Sitte oder Unsitte der noch halbrepublikanischen Armee furchteten. Einige Tage vergingen, wahrend welcher die Feinde in Wien einruckten, sich in der Stadt und den Vorstadten ausbreiteten, und dann erst vernahm man, dass die zuletzt ausgeruckten osterreichischen Truppen in Sicherheit waren. Es war Abend, der fünfzehn November, eine heitere, kalte Winternacht, als man uns, wie wir im kleinen Freundeskreise beisammen sassen, die erste franzosische Einquartierung meldete. Alles stand fur ihre An kunft vorbereitet, meine Mutter schickte mich hinab, sie an der Tur zu empfangen. Unwillkurlich schuttelte mich ein krampfhafter Schauer - es war nicht Furcht, denn was hatte ich im menschenvollen Hause, wo sich viele Manner befanden, von ihnen zu besorgen gehabt? es war die Vorstellung dieser schmerzlichen Lage, die Demutigung meines Patriotismus, das gehassige Gefuhl gegen diese Ubermutigen, die nun den Fuss auf unsern Nacken setzen durften! Zwei Offiziere, Manner von mittleren Jahren, deren einer Derue, der andere Trembly hiess, jener Kapitan, dieser Major war, von ihren Bedienten begleitet, welche vor der Ture die Pferde hielten, standen vor mir. Ich begrusste sie franzosisch und bemerkte sogleich, wie der heimatliche Klang gunstig auf sie wirkte. Sie benahmen sich artig, der [278] Major sogar mit Feinheit, und so lief denn die erste Bewillkommnung ziemlich gut ab. Beim Nachtessen erschienen die Offiziere, ein nicht unangenehmes, recht lebhaftes Gesprach entspann sich. Sie kamen unmittelbar von Boulogne nach Deutschland in Eilmarschen und hatten kaum die notige Wasche und Fussbekleidung, weil alles auf dem forzierten Marsche zugrunde gegangen war. Derue, ein Funfziger, wahrscheinlich von gemeiner Abkunft, war mit Leib und Seele Republikaner. Der gebildetere Major schien heller zu sehen. Jener nannte, als die Rede auf Napoleon kam, ihn: notre premier magistrat. - Il a au moins de belles gages! erwiederte der Major. So hatten wir denn das Schmerzliche erlebt! Unsere Residenzstadt, der Wohnort der Kaiser, der zweimal den Angriffen der Turken widerstanden hatte, war in die Macht eines fremden Volkes gefallen, und diese Blauen, die Kinder einer Nation, gegen welche ich von Kindheit an stets eine fast angeborene Abneigung empfunden hatte, waren nun unsere Sieger und Herren! Als ich ein paar Tage darauf in die Stadt kam - wie bitter war mir dieser Anblick! Zwar an den Stadttoren stand kein franzosisches Militar, die Wachtposten hier so wie uberall waren dem Burgerkorps, unserer Nationalwache, ubergeben; aber diese verhassten Blauen schwarmten uberall herum, und - ich muss es bekennen, wenn man es an einer Frau auch tadelnswert finden wurde, der Wunsch des Kaisers Nero, dass sie doch alle nur einen Hals haben und ich ihnen den abschlagen konnte, stieg in mir auf. Ich hasste sie aufs Bitterste. Man erzahlte dann spater, dass es sie sehr befremdet und ihnen zugleich imponiert habe, zu sehen, wie an dem Tage ihres Einmarsches, am 14., kein [279] Kaufladen geschlossen, die Burgerwachen uberall auf ihrem Posten waren und die Einwohnerschaft still und gemessen, hochstens von Neugier sichtlich bewegt, dem Durchmarsch des fremden Heeres wie einem Spektakel zusah. Unsere Einquartierten verliessen uns nach einigen Tagen um, au dela du Danube, das heisst, nach Mahren zu eilen; denn bei der wirklich unbegreiflichen Unbekanntschaft der damaligen Franzosen mit der Geographie fremder Lander hiess ihnen Korneuburg und Brunn, der Manhartsberg und das Riesengebirge bloss au dela du Danube. Es kamen nun andere Truppen, und in unsere Vorstadt ein hollandisches Regiment, dessen Oberster, mit Namen Bruce, bei uns einquartiert wurde. Nichts war auffallender als der Kontrast der franzosischen und hollandischen Gestalten, so wie das Benehmen der Franzosen und Hollander selbst. Jene leichten, schlanken, dunklen Manner, mit dunklen, lebhaften Augen und sprechenden Zugen, wenn gleich das, was diese Zuge aussprachen, nicht immer etwas Gutes oder Vertrauenerweckendes war, hatten grossen, starken Figuren mit blonden Haaren Platz gemacht, deren Ehrlichkeit und Phlegma, Wohlsein und Arglosigkeit aus den freundlichen Augen und den bluhenden Gesichtern schaute. Wir waren wohl mit dem Tausche zufrieden, und hatten an dem Obersten einen bescheidenen, ruhigen Hausgenossen und einen hochst gebildeten und artigen Gast bei Tische und in unserm Abendkreise gewonnen. Von ihm erfuhren wir, dass seine Familie ein Zweig des ehemaligen schottischen Konigshauses war, der sich - per varios casus - in Holland, zu Leyden, niedergelassen; dass aber fortwahrend ein Zusammenhang zwischen ihnen und den [280] Bruces in Schottland erhalten und jede Geburt eines Knaben dort gemeldet werden musse. Wie oft sprach der rechtliche, teilnehmende Mann uber die Zeitumstande offen mit uns, und uber den Druck, den er willenlos uber ein fremdes Land bringen helfen musse, indes daheim in Holland derselbe Druck auf ihm und den Seinigen laste! Gegen drei Wochen erfreuten wir uns seiner angenehmen Gesellschaft, wahrend seine Leute mit grosser Bonhomie und Freundlichkeit unsern Dienstleuten uberall hilfreich an die Hand gingen. Endlich musste auch er uns verlassen, die Schlacht von Austerlitz wurde inzwischen geschlagen, das Schicksal des Krieges und somit das unsers Vaterlandes war entschieden - Tirol, das edle, treue Land, schnode abgerissen und an Bayern, zum Lohne der Abtrunnigkeit, womit das: Munchner Kabinett den Fursten Schwarzenberg, der an dasselbe gesendet worden war, hingehalten, und den Truppen unsers Kaisers, des damaligen Reichsoberhauptes, den Durchzug verwehrt hatte, hingegeben. Wohl erinnere ich mich noch mit bitterm und wehmutigem Gefuhl jener fur Osterreich und somit fur uns alle hochst traurigen Epoche. Es war an dem Tage, als die Nachricht von jener Unglucksschlacht (bei Austerlitz) in Wien bekannt wurde, dass ich zu einer Freundin (eben jener Therese V.d.N., die einst meines Bruders Frau hatte werden sollen) gebeten war, um mit zwei merkwurdigen Mannern jener Zeit, mit dem Tonsetzer Cherubini und dem lieblichen Sanger des Romeo, Crescentini, bei ihr zu speisen. Die trube Nachricht, welche sich allmahlich in der Stadt verbreitete, verbitterte uns zwar alles Vergnugen einer [281] geistreichen Unterhaltung, dennoch blieb mir die Erinnerung an die Personlichkeit und das Betragen dieser beiden merkwurdigen Kunstler lebhaft eingepragt und sehr wert. Cherubini war ein junger Mann von etwa dreissig Jahren. Ein feiner Wuchs von mittlerer Grosse und geistreiche Zuge, welche den Italiener kenntlich machten, zeichneten sein Ausseres vorteilhaft aus. Im Gesprache zeigte er Verstand und Bildung - mehr, wie gewohnlich Kompositoren besitzen. Er erzahlte uns viel von der Schreckenszeit in Frankreich, die er als sehr junger Mensch mit erlebt, und in allem, was und wie er es sagte, zeigte sich ein richtiger Verstand und feines Gefuhl. Aber viel mehr und tiefer fuhlte ich mich von Crescentinis Wesen angesprochen. Auch sein Ausseres war vorteilhaft; etwas grosser und bedeutend starker als Cherubini, sprach sich in allem, was und wie er es sagte, ein zartes Gefuhl und ein tiefes Gemut aus, dem ein Anstrich von Melancholie, welche uber sein ganzes Wesen verbreitet war, noch mehr Reiz erteilte. Mit warmer Teilnahme ausserte er sich uber das Ungluck, welches Osterreich bereits getroffen hatte und uns noch bevorstand, und wenn uns Cherubini nur als ein feinfuhlender Mensch von der feindlichen Partei schonend und billig gegenuber stand, so schien Crescentini unsere Sache zu der seinigen gemacht zu haben, und mit uns tief und schmerzlich zu fuhlen. Das gewann ihm denn ganz meine Dankbarkeit, und noch jetzt denke ich, nach dreissig langen Jahren, mit Vergnugen jener beiden interessanten Bekanntschaften. Die Einquartierungen wechselten nun ofters in unserm Hause, in welches man, so wie uberhaupt in die[282] benachbarten Hauser, gern die Rekonvaleszenten verlegte, welche in den Affaren verwundet, im nahen Spital geheilt, und nun zu besserer Pflege bei den Einwohnern einquartiert wurden - ein Verfahren, welches man auch im Jahre eintausendachthundertneun beobachtete. Nur einer von diesen Blessierten, ein Stabsoffizier, Guy mit Namen, zeichnete sich unter den ubrigen durch ein feineres Betragen aus, und wurde denn auch wie der hollandische Oberst in unsern Abendzirkeln einheimisch. Er war jung, wohlgebildet, artig; seine Verwundung am Arme, die ihm fremde Gefalligkeit notwendig machte, und ein etwas dusterer Sinn, gaben ihm in den Augen unserer jungen Damen einen hoheren Wert, und besonders zeichnete ihn eine unter uns, die selbst durch Schonheit und Geist vor allen strahlte, Frau von Kempelen, beifallig aus, indes zu gleicher Zeit unser Freund und Hausgenosse Streckfuss ebenfalls von ihr angezogen wurde. Ich besass ein seltenes, aber sehr vorzugliches Instrument, organisiertes Fortepiano genannt, das zugleich Klavier und Positiv war, und das man auf jede dieser Arten einzeln oder auch zusammen benutzen konnte, was denn einen sehr angenehmen Effekt machte, wenn der melodische Hauch der Orgelpfeifen sich mit den Saitenklangen des Fortepiano verband. Frau von Kempelen, die Gemahlin des Sohns jener alten Freunde unsers Hauses, welche schon lange in unserer Nahe lebten, spielte sehr schon Klavier; Streckfuss sang angenehm, noch einige Mitglieder unseres Kreises und ich selbst waren musikalisch, es wurde also abends die Zeit sehr oft mit Musik verkurzt; denn damals waren die Forderungen an die Leistungen der Dilettanten nicht so hoch gespannt als jetzt, und man [283] konnte sich mit Beifall unter seinen Freunden horen lassen, wenn man auch nicht imstande war, eine Bravourarie zu singen oder sich im Theater auf dem Fortepiano zu produzieren. Unser Franzose liebte Musik, er forderte uns oft auf, welche zu machen, und mancher Faden mag sich damals aus den Augen der schonen Frau und aus ihren Tonen um sein Herz geschlungen haben. Doch der Friede wurde in Pressburg geschlossen - die feindlichen Truppen bekamen Befehl, aufzubrechen - und eines Morgens war auf den Theateraffichen (vielleicht nur aus Zufall) eben der Tag der Erlosung! von Ziegler angekundigt, wo denn auch die Last der feindlichen Besatzung von uns genommen ward. * * * Allmahlich kehrte wieder alles in sein gewohntes Geleise zuruck. Im Janner des Jahres eintausendachthundertsechs kam der Hof aus Ungarn zuruck und der Kaiser hielt einen feierlichen Einzug in die wieder gewonnene Stadt. Die Burgerkorps, alle diejenigen, welche sich wahrend der feindlichen Besitznahme als unsere naturlichen Beschutzer erwiesen hatten, genossen auch der Ehre, den Monarchen zu empfangen. Ihre zahlreichen Scharen waren bis in die Leopoldstadt aufgestellt, und ein herzliches und lautes Jubelgeschrei verkundete und begleitete den Einzug des Monarchen, dessen erster Weg nach der St. Stephanskirche zum Tedeum war. Es war ein schoner Tag - dieser Tag der feierlichen Ruckkehr! - Meinem Gefuhle nach wurde er von einem ahnlichen, aber viel merkwurdigern, am siebenundzwanzig November eintausendachthundertneun weit ubertroffen. Doch davon spater. - Unser Leben gestaltete sich, seit die Feinde entfernt waren, [284] wieder auf seine gewohnte Weise, aber im Innern einiger Gemuter waren bedeutende Veranderungen vorgegangen. Die Neigung, welche Frau v. K. zuerst fur unsern liebenswurdigen Dichter gefuhlt, hatte antwortende Flammen in seiner Brust entzundet. Zu seinem und ihrem Glucke hatte diese Leidenschaft seinem klare Besonnenheit und den redlichen Ernst seiner Gesinnung nicht uberwaltigen konnen. Er empfand die Gefahr, die ihm und ihr drohte, er ehrte ihr hausliches Gluck, ihren Ruf, und er beschloss, sich loszureissen, Wien zu verlassen und nach seiner Vaterstadt Zeitz zuruckzukehren. Wer den jungen Mann so kannte wie ich und einige wenige in unserm Kreise, wer wusste, wie angenehm er hier in der grossen Stadt in mannigfachen geselligen und literarischen Beziehungen, geliebt und geachtet von allen, die ihn kannten, so recht nach seinem Sinn gelebt hatte, der konnte die Grosse des Opfers, das er dem anerkannt Rechten brachte, ermessen. Freilich, nach der damals beginnenden und jetzt allgemein gewordenen Mode war es nicht. Dann hatte er bleiben, die unuberwindliche Leidenschaft hegen und pflegen, Szenen veranlassen, die Ehe zerreissen machen, und vielleicht am Ende durch einen Selbst- oder Wechselmord das moderne Trauerspiel beschliessen sollen. Davon tat nun freilich Streckfuss nichts; - aber er handelte als rechtlicher Mensch. Uns ubrigen tat sein Entschluss sehr wehe. Wir hatten uns mit Liebe an ihn gewohnt; wir hatten gehofft, er sollte hier in Wien sich mit seinen bedeutenden Talenten eine ehrenvolle Bahn eroffnen, wie er es spater in Dresden und Berlin wirklich getan, und auf diese Weise bei seinen hiesigen Freunden bleiben. [ 285] Aber keines von uns konnte ihm seinen Entschluss verdenken, wir mussten ihn darum nur hoher achten, und so sahen wir denn mit schmerzlichem Vorgefuhl der nahen Abreise des werten Freundes still gefasst entgegen. Es war der elf April 1806, ein Freitag. Ich weiss es noch, als ware es gestern gewesen, da sassen wir alle, die Freundinnen, welche uns taglich besuchten, und ich um meine Mutter her, neben deren Kanapee Streckfuss seinen gewohnlichen Platz einnahm, in stiller, banger Erwartung des kommenden Augenblicks, der uns, wie wir nicht mit Unrecht dachten, den Freund fur immer zu entziehen bestimmt war. Es schlug sieben Uhr - da sprang Streckfuss auf - umarmte uns alle mit einzelnen Lauten von Lebewohl - und verschwand. Erst acht Jahre darauf sahen wir ihn ganz unvermutet im Kongresswinter wieder. In unserm Kreise war nun eine grosse Lucke gelassen. Sie hat sich auf diese Art, in diesem Sinne nie mehr ausgefullt, wie denn kein Mensch, und ware er auch nicht so ausgezeichnet wie Streckfuss, je ganz durch einen andern ersetzt wird. Dieser Remplacant kann manche bessere, angenehmere Eigenschaften haben, der Abgegangene ist er doch nicht. Hier fehlt etwas - dort ist etwas zu viel. Das merkt man im Anfange gleich und oft schmerzlich. Nach und nach gewohnt man sich an diese neue Personlichkeit, und beruhigt sich uber das, was nicht mehr so ist wie das fruher Dagewesene. Ist aber der Entrissene ein Ausgezeichneter, sind uns seine trefflichen Eigenschaften im nahern Umgange recht klar geworden, haben wir uns mit Liebe an ihn gewohnt, und sind wir versichert, dass auch er uns liebevoll in sein Herz geschlossen, dann [286] handelt es sich beim Verluste nicht um die oder jene einzelne Eigenschaft, die der Freund besass und die wir fortwahrend vermissen, sondern die Lucke bleibt ganz unausfullbar, und nach dreissig Jahren lebt in dem Entfernten wie in dem Zuruckgebliebenen noch dieselbe Uberzeugung wie dieselbe Freundschaft fort. * * * Mein Mann hatte durch die Art seiner Geschafte ofters Veranlassung, kleine Reisen in den Gebirgen von Unter-Osterreich und Steiermark zu machen, wo er die Walder zu besehen, von Kreis- und Forstbeamten begleitet, die Lokalitaten zum Fallen, und zur Transportation des Brennholzes fur den Bedarf der Hauptstadt und die notigen Vorrichtungen und Vorkehrungen zu diesem Zwecke anzuordnen hatte. Auch in diesem Sommer von eintausendachthundertsechs fiel eine solche, etwas langere Reise vor, und diesmal nahm Pichler auch mich, meine Mutter, die sich nicht gern von uns trennen mochte, und fur ihr Alter noch sehr rustig war, und unser kleines Tochterchen mit. Auch eine liebenswurdige Freundin, Frau v. S-l, die aus Ober-Osterreich geburtig war, seit ihrer Verheiratung in Wien gelebt hatte, und im vergangenen Winter Witwe geworden war, wollte mit uns zu gleicher Zeit einen Teil dieser Reise machen. Eine Unpasslichkeit hinderte unsere gleichzeitige Abreise, ich traf sie erst in Linz wieder, und wir hielten uns, wahrend Pichler seine Exkursionen machte, bei dem Lehrer meiner Jugend, jenem Bischof von Linz, den ich das erstemal vierzehn Jahre fruher mit meinen Eltern und meinem Bruder besucht hatte, auf seinem Schlosse Gleink, unfern von Enns, auf. Ein stiller, einsamer Aufenthalt, der uns ein gewisses[287] wehmutiges Gefuhl gab. Bischof Gall war wohl noch ganz derselbe treue Freund und gutig aufmerksame Wirt fur uns, der er in jener Epoche gewesen; aber seine Geistesheiterkeit und seine korperliche Gesundheit hatten durch die Zufalle, Schrecken und Befurchtungen der langen Kriegsjahre, welche fruher seine Familie in Schwaben, und ihn nun selbst bei zwei Invasionen in Oberosterreich getroffen hatten, so sehr gelitten, dass wir uns die traurige Uberzeugung nicht verhehlen konnten, der verehrte Freund wanke dem, Grabe zu, und wir sehen ihn obwohl sein Alter noch vieles hatte konnen hoffen lassen (er hatte die Funfzig kaum uberschritten), diesmal zum letzten Male. Diesem Manne hatte und habe ich viel zu verdanken. Er war mein Lehrer in der Religion und der nahe damit verwandten Naturlehre; er pflanzte Keime in mein Herz, die spat noch mir segensreiche Fruchte der Gottergebenheit und Zufriedenheit trugen. Dort - wo er schon lange ist und ich ihm wohl bald nachfolgen werde, wird ihn Gott dafur belohnt haben; denn er hat nicht bloss an mir, sondern an vielen Gutes geubt, und das Land segnet noch sein Andenken. Auf jener Reise kamen wir auch nach Stift Florian, wo ich vierzehn Jahre fruher ebenfalls gewesen war, als eben der Pralat Michael Ziegler, der uns jetzt eintausendachthundertsechs wieder aufnahm, zu seiner Wurde erhoben wurde. Hier lernte ich auch den, nachmals durch seine historischen Forschungen so sehr ausgezeichneten Chorherrn Franz Kurz kennen, wie denn uberhaupt in diesem Stifte Manner von hoher Geistesbildung und mannigfacher wissenschaftlicher Richtung lebten und zum Teil noch leben, so dass es mich oft bedunkte, ich befande mich nicht in einem Kloster, sondern in einer[288] Akademie, in der mehrere Gelehrte oder sonst gebildete Manner sich in ihren Bestrebungen zu hohern literarischen Zwecken vereinigt hatten. Auch fur die schonen Kunste geschah manches - Dichtkunst und Musik wurde hier getrieben, und die Stiftsbibliothek hat vor andern ihresgleichen den Ruhm einer musterhaften Ordnung und eines steten Fortschreitens mit der Zeit. Mit Herrn Kurz, dessen lebhafte, geistreiche Unterhaltung mich sehr anzog, war ich indessen in ewigem Streite, da seine klaren, aber wohl etwas nuchternen Ansichten vom Mittelalter und der Poesie uberhaupt, den meinigen gerade entgegengesetzt waren. Den wurdigen Pralaten, einen ebenso gelehrten als hochst verehrungswerten Mann, belustigte unsere Opposition. Er veranlasste daher fast bei jeder Mittagstafel eine solche Erorterung unter uns, und ging im Scherze so weit, zu fordern, ich sollte meinen Streit nach allen Regeln der Dialektik, nach den Schlussformeln des Barbara celarent usw. fuhren. Das gab denn allen vielen Spass, und so verflossen in geistreicher Unterhaltung, in musikalischen Genussen (jeden Abend nachdem Souper, das schon um 7 Uhr statt hatte, wurde in unsern Zimmern Musik gemacht) und den einfachen Freuden des Landlebens mir einige kostliche Tage. Ich hatte damals eben angefangen, an meinem Agathokles zu arbeiten. In Stift Florian erzahlte man mir, dass der Schutzpatron desselben, jener geharnischte Heilige mit dem Wasserkruge, den er uber ein Haus in Flammen ausgiesst, und sich so als ein Retter in Feuersgefahr kund gibt, und den man in Osterreich besonders auf dem Lande vielfach abgebildet und vermehrt findet - dass dieser Heilige ein romischer Zenturio gewesen, und hier bei der Verfolgung unter Kaiser [289] Diokletian in den Fluten der Enns den Martertod erlitten habe. Das gefiel mir, mein Plan zum Agathokles war noch nicht ganz ausgearbeitet. Ich konnte die vaterlandische Legende recht wohl in denselben verweben. Ich fragte also naher nach, und Herr Kurz hatte die Gute, mir folgendes zu erzahlen: Florianus stand bei einer der romischen Legionen, die ihre Kastelle an den Ufern der Donau hatten, und war wahrscheinlich in dem alten Laureacum - Lorch -, das sich von dem heutigen Asten bis Enns erstreckt haben mag, stationiert. Seine Weigerung, den Gotzen zu opfern, hatte ihm den Tod in den Fluten der Enns zugezogen. Eine fromme, christliche Witwe, Valeria mit Namen, liess den Korper aus dem Strom ziehen und auf einen Wagen legen, der, von Ochsen gezogen, die teuren Reste bis in diese waldigen Hugel, wo jetzt das Stift liegt, zur christlichen Beerdigung bringen sollte. Aber der Weg war weit, der Tag heiss, die muden Tiere, nach Wasser lechzend, erlagen fast der Erschopfung. Da entsprang plotzlich am Eingang der Waldschlucht eine Quelle, die Ochsen wurden getrankt, und gelangten nun ohne weiteres Hindernis bis an den bestimmten Ort. Hier wurde der christliche Held durch Valeriens fromme Sorge, und spater auch sie begraben, und es erhob sich endlich ein bewohnter Ort und ein Stift daselbst, das noch jetzt keinen andern guten Brunnen, als den durch jenes Wunder entstandenen, unten im Markte besitzt; denn fur das Stift bringt eine kunstliche und kostspielige Wasserleitung den Bedarf aus einem eine Viertelstunde entlegenen Orte, Hohenbrunn genannt. In den Katakomben des Klosters sind eine Menge Gebeine kunstvoll aufgeschichtet, und die Sage lasst[290] glauben, dass es Gebeine der in dieser Christenverfolgung umgekommenen Martyrer sind. Auch eine Statue der Valeria findet sich, hier, und das Wunder des plotzlich entspringenden Wassers, welches dem Heiligen zugeschriebn wird, mag wohl die Veranlassung zu seiner Anrufung in Feuersgefahr gegeben haben; denn sonst kommt, wenigstens so viel mir bekannt wurde, nichts vom Feuerloschen in dieser Erzahlung vor. Mit grossem Vergnugen verfolgte ich nun den Vorsatz, diese Legende in den Stoff des Agathokles zu verweben, und zugleich eine kleine Neckerei gegen eben den verehrten Mann, dem ich die Erzahlung dankte, auszufuhren, und gleichsam ihm zum Trotze, der alle Vermischung der Poesie und Geschichte als strenger Wahrheitsfreund hasste, und der neueren Dichtkunst, Ossian ausgenommen, uberhaupt abhold war, den Schutzheiligen seines Klosters und die Gegend umher als Episode in einen Roman zu verflechten. Uberhaupt war es oft, ja meistens etwas also Zufalliges, welches mir die erste Anregung zu irgend einer Ausubung meiner innern Anlagen darbot; wie denn z.B. der ganze Agathokles durch die Lesung Gibbons und meinen Unwillen uber dessen Gesinnung gegen das Christentum, die Gestaltung desselben aber durch einen sehr schonen englischen Kupferstich, den Tod des heiligen Stephanus vorstellend, veranlasst worden war. Auf diesem Bilde, das in dem, damals von unserm beruhmten Schreyvogel errichteten Industriecomptoir zu sehen war, liegt der Martyrer, ein Jungling von der edelsten Bildung, tot im Kreise einiger trauernden Christen, die ihn umgeben, und die Schonheit dieser Gestalt, die selige Verklarung, welche seine Zuge zeigten, und die ganze Idee, welche diesem Bilde zugrunde [291] lag, bestimmten mich, den Helden meines Romans einen christlichen Martyrer sein zu lassen, der aus einem erhabenen Begriff von der Wurde und Gemeinnutzigkeit seiner Religion sich fur dieselbe aufopfert, und alle Guter des Lebens, selbst die, welche bessern Menschen ewig teuer bleiben, fur diese Idee hingibt. Wenn mich irgend ein Gedanke auf diese Art ergriffen hatte, ging es wunderbar in meinem Innern zu. Ich war mir keines eigentlichen Nachsinnens, keines Erfindens bewusst; ja ich mochte sagen, mein Denken, mein ganzer Zustand war etwas Passives. Es war mir stets, als lage das Ganze meines Planes oder kunftigen Werkes bereits fertig in meiner Seele. Da bedurfte es denn nur des Wiedererkennens, des Deutlichmachens, und ich kann das, was in meiner Seele vorging, mit nichts passender als mit der Wiederherstellung eines alten Bildes vergleichen. Dies ist auch schon ganz vorhanden, und man hat nichts anders zu tun, als es durch zweckmassige Mittel aufzufrischen, damit es erkennbar werde. Wie zuerst die Hauptmotive anschaulich werden, dann allmahlich die kleinern Formen deutlich hervortreten, nach und nach sich die Farben sichtbar zeigen, bis endlich das ganze Bild in allen seinen Umrissen, in Zeichnung, Kolorit usw. vor unsern Augen steht, so enthullte sich, ohne ein bewusstes ferneres Nachsinnen, das Ganze wie von selbst allmahlich in meiner Seele, und es kam mir stets wie etwas Gegebenes, nie wie etwas Erfundenes vor. Dieser Prozess, der in der Seele jedes Kunstlers - seine Idee mag nun >>in Wort oder Tat, in Bild oder Schall<< ins Leben treten - in den Momenten der geistigen Empfangnis vorgeht, hat fur mich stets etwas Geheimnisvolles, Ratselhaftes gehabt, das mir auf die [292] hohere Abkunft unserer Seele, auf ihren Zusammenhang mit der gesamten Geisterwelt zu deuten scheint. Jene Menschen, denen die Natur Anlagen anderer Art; gegeben hat, konnen sich keine Vorstellung von dem machen, was in der Seele eines Dichters vorgeht, und es ist dem Ahnliches, was Fenelon in einer seiner Betrachtungen uber das innerliche Leben einer frommen Seele sagt, dass namlich die Weltmenschen das, was in derselben vorgeht, fur einen Traum, einen Wahn hallten werden. Es gibt viel solcher Ratsel, und eines derselben, vielleicht eines der wunderbarsten, ist die Anlage zur Musik und Komposition. In einem Aufsatze, den ich fur irgend einen Almanach vor mehreren Jahren geschrieben, habe ich meine Ansichten daruber geaussert. Ich erinnere mich des genauern Details nicht, aber ich wiederhole im allgemeinen, was ich damals daruber dachte, und was nachfolgende Erfahrungen bestatigt haben. Es liegt etwas Wunderbares, Geheimnisvolles in diesem Sinn fur Harmonie, und noch in der Fahigkeit, selbst Harmonien und Melodien zu schaffen. Sie findet sich oft bei Menschen, die ausser dieser Himmelsgabe wenig geistige Fahigkeiten oder doch wenig Bildung besitzen. Sie selbst haben keine deutliche Vorstellung weder von ihren Anlagen noch weniger von dem Prozesse, der in ihrem Innern vorgeht, wenn sie sich bestreben, die Schopfungen, die in ihnen garen, durch Tone deutlich zu machen oder irgend ein fremdes poetisches Produkt in diesen Tonen Auszusprechen. Mozart und Haydn, die ich wohl kannte, waren Menschen, in deren personlichem Umgange sich durchaus keine andere hervorragende Geisteskraft und beinahe keinerlei Art von Geistesbildung, wissenschaftlicher oder hoherer Richtung zeigte. [ 293] Alltagliche Sinnesart, platte Scherze, und bei dem ersten ein leichtsinniges Leben, war alles, wodurch sie sich im Umgange kundgaben, und welche Tiefen, welche Welten von Phantasie, Harmonie, Melodie und Gefuhl lagen doch in dieser unscheinbaren Hulle verborgen! Durch welche innere Offenbarungen kam ihnen das Verstandnis, wie sie es angreifen mussten, um so gewaltige Effekte hervorzubringen, und Gefuhle, Gedanken, Leidenschaften in Tonen auszudrucken, dass jeder Zuhorer dasselbe mit ihnen zu fuhlen gezwungen, und auch in ihm das Gemut aufs tiefste angesprochen wird? Auch Schubert habe ich gekannt. - Auf ihn passte, was seine ubrigen Fahigkeiten betrifft, genau dasselbe, was ich von jenen beiden grossen Genien sagte. Auch er brachte das Schone, das Ergreifende seiner Kompositionen fast unbewusst hervor, ja, ich darf mich hier auf eine Anekdote berufen, die ich aus unsers beruhmten Sangers Vogl eigenem Munde habe. - Das, was er vor vor einigen Wochen aus der Tiefe seines Gefuhls hervorgestromt hatte, ein sehr schon komponiertes Lied, kannte er nicht mehr, als es ihm Vogl zeigte, und lobte den Satz, wie etwas aus einer fremden Seele Entsprungenes, ganz aufrichtig. So bewusstlos, so unwillkurlich sind diese Hervorbringungen, und man kann nicht umhin, hier an magnetische Zustande und jene geheimnisvollen Fahigkeiten der Psyche zu denken, die in ihr, wie die Schmetterlingsflugel in der Puppe verschlossen und zusammengewickelt liegen, bis sie sie einst, wenn die Puppe zerbrochen wird, entfalten darf. Hier in ihrem beengten Zustande ahnt sie nur in einzelnen Augenblicken, in Wahrnehmungen etwas davon, und diese Augenblicke sind es wohl, [294] von denen Fenelon spricht, und die der Weltmensch verlacht, weil er sie nicht kennt. Nachdem ich dies vor einigen Tagen geschrieben, geriet ich in Eckermanns Gesprachen mit Goethe auf eine Ausserung dieses grossen Mannes, dass namlich >>dem echten Dichter die Kenntnis der Welt angeboren sei<<, dass er selbst seinen Gotz geschrieben, ohne das, was er schilderte, erlebt oder gesehen zu haben, und dass er spater uber die Wahrheit dieser Darstellung erstaunt sei, er musse also diese Anschauungen durch Antizipation besessen haben, ja er behauptete, dass, >>hatte er nicht die Welt durch Antizipation in sich getragen, alle seine Erforschung und Erfahrung ein totes, vergebliches Bemuhen gewesen ware<<. Sollte man, indem ein so mysterioses Verfahren der Seele angedeutet wird, nicht lieber die Bezeichnungen aus der gewohnlichen Welt mit denen aus einer hohern vertauschen durfen, und, was Goethe klar und trocken - aber wie mir scheint, nicht erschopfend Antizipation nennt, lieber mit Inspiration bezeichnen? Inspiriert sind diese Anschauungen, sie sind dem Dichter, ohne dass er weiss woher oder wozu, zugekommen, und auf ihrer Starke, Deutlichkeit und ihrem Umfang beruht, wie ich glaube, die grossere oder geringere Kraft des Dichters. Im Grunde ist es wohl gleichgultig, ob man nun, dies geheimnisvolle Wirken in der Seele des Dichters zu bezeichnen, sich des Wortes Antizipation oder Inspiration bediene; aber selbstzufrieden und vergnugt war ich durch die Entdeckung, dass dieser grosse Mann ahnliche Wahrnehmungen hatte und mit mir darin ubereinstimmt. Noch muss ich, bei Gelegenheit des Sinnes fur Musik und Komposition eine Bemerkung anfuhren, die ich [295] vor langer Zeit bereits gemacht, und auch manchen gebildeten Menschen mitgeteilt habe, ohne von ihnen eine genugende Erklarung uber eine, wie mir es scheint, sonderbare Erscheinung zu erhalten, diese namlich, dass unter so vielen Frauenzimmern, die sich mit exekutiver Musik auf dem Klavier, auf andern Instrumenten oder im Gesang mit vielem Gluck beschaftigten, unter so vielen geistreichen Kunstlerinnen, die sich in der Malerei oder Dichtkunst auszeichneten, auch nicht eine ist, die mit bedeutendem Erfolge etwas in der musikalischen Komposition geleistet hat. Nur zwei habe ich in meinem langen Leben und bei besonders in meiner Jugend haufigen Beruhrungen mit der musikalischen Welt gekannt, die sich mit Komposition beschaftigten, ein Fraulein von Martinez, Schulerin des beruhmten Metastasio, der bei ihren Eltern lebte und sich die Ausbildung dieses, in vieler Hinsicht ausgezeichneten Frauenzimmers zum angenehmen Geschaft machte; und meine Freundin, das blinde Fraulein von Paradis. Beide leisteten Artiges, aber es erhob sich nicht uber - ja kaum an das Mittelmassige, wahrend doch in Malerei und Poesie Frauen, wenn auch nichts den Werken der ersten Meister in diesen Fachern zu Vergleichendes, doch vieles auch an sich und ohne Rucksicht auf das Geschlecht Schatzbare hervorgebracht haben. Sollte man aber nicht glauben, dass gerade dies Bewusstlose, bloss auf innern Regungen, auf Gefuhl und Phantasie Beruhende der Musik, dem weiblichen Charakter besser zusagte als die Leistungen im Gebiete der Malerei und Dichtkunst, welche Vorkenntnisse, deutliche Begriffe, technische Fertigkeiten usw. voraussetzen? Es muss doch nicht also sein, weil wir bis jetzt wohl eine Sirani, Rosalba, Angelica Kauf mann, [296] Lebrun usw. - aber keine nur einigermassen bedeutende Tonsetzerin erlebt haben. Doch ich nehme den Faden meiner Erzahlung wieder auf. * * * Im nachsten Winter wurden unsere gewohnlichen Abendunterhaltungen fortgesetzt, und es fiel uns ein, uns doch einmal wieder im Komodienspielen zu versuchen. Zuerst wahlten wir kleinere Stucke, Kotzebuesche, ein- oder zweiaktige Lustspiele: Den Mann von vierzig Jahren, die Brandschatzung usw.. Endlich schlug uns Hormayr vor, uns an ein bedeutendes Stuck zu wagen. Der Mann von Wort, von Iffland wurde gewahlt, und auf eine Weise besetzt und gespielt, wie man es auf Haustheatern selten finden wird. Mein Mann, der uberhaupt seine Rollen stets mit vieler Kraft und Wurde und einem guten Anstande gab, wobei ihm seine vorteilhafte Gestalt sehr zu statten kam, gab den Archivar Lestang, die Titelrolle, vortrefflich; der Verfasser des Regulus, Collin - den blodsinnigen Oheim; der Verfasser des osterreichischen Plutarchs, Hormayr, den Hofrat Wallner; Frau von Kempelen, jene interessante und schone Gemahlin des Jugendfreundes von meinem seligen Bruder, welche schon dem dichterischen Freunde Streckfuss so gefahrlich gewesen war, und in deren Nahe auch Hormayr sich nicht gleichgultig erhalten konnte, hatte die Rolle der Julie, der Pflegetochter des Hofrats; mir ward die der Frau des Archivars zuteil, und auch die ubrigen Personen machten ihre Sachen gut. Wir hatten geschlossen, das Stuck zum Namenstage meiner Mutter zu geben, der auch der meinige und der meines Tochterchens war, welche einen, von unserm alten Freund [297] Haschka gedichteten Prolog sprach, und so geschah es auch. Wer das Stuck kennt, wird sich erinnern, dass jener blodsinnige Oheim seiner Nichte, der Frau des Archivars, den Brillant schenken will, der aus einer, durch sieben Jahre eingesperrten Kreuzspinne entstehen soll und an dessen Existenz und Besitz er festiglich glaubt. Es ist dies eine wirklich ruhrende Szene, denn der gute Alte will sich seines vermeinten unermesslichen Schatzes willig entaussern, um nur seine Nichte zu vermogen, ihrem Manne die schuldige Treue zu halten. Collin hatte, wie gesagt, die Rolle des Oheims, die er trefflich durchfuhrte. Ich, als Frau seines Neffen, war mit ihm auf dem Theater, und er zog nun das Schachtelchen mit der kostbaren Spinne hervor, auf welches ich, wie es im Stucke angegeben ist, das Jahr und den Tag, wann sie eingefangen worden war, geschrieben hatte, um Collin das Auswendiglernen dieser Worte zu ersparen. Man stelle sich meine Verwunderung und Verlegenheit vor, als der unvergessliche, teure Freund nun statt des in dem Stucke benannten Tages den vierten November nannte, und mit einer hochst verbindlichen Wendung einen Gluckwunsch fur drei Karolinen, Grossmutter, Mutter und Enkelin sprach. Der Beifall war allgemein, und nie werde ich diese kleine Szene, in welcher sich die Freundschaft des teuern Mannes fur uns alle und seine wahrhaft kindliche Verehrung fur meine treffliche Mutter so deutlich aussprach, vergessen. Dieser Winter und der nachstfolgende Sommer vergingen in gleich angenehmen Verhaltnissen. Unter verschiedenen Fremden, welche bei uns eingefuhrt wurden, zeichnete sich bald, durch seinen innern Gehalt sowohl als seinen warmen Anteil an uns, ein Baron [298] von Merian-Falkach aus, der in der Staatskanzlei angestellt und ein genauer Freund Hormayrs war, welcher ihn auch bei uns einfuhrte. Dieser Mann war ganz klassische Literatur, scharfsinnig, gelehrt, wahrhaft freundschaftlich, aber auch hochst eigen, ja bis zum Paradoxen seltsam in seinen Ansichten, denen er ubrigens im praktischen Leben nicht immer treu blieb. So war es sein Lieblingsthema, dass eine Frau nichts oder nicht viel lernen soll, weil ihre Liebenswurdigkeit, ihre Kindlichkeit usw. darunter leiden wurde; dass eine Frau ganz willenlos dem Geliebten anhangen und gleichsam nur durch seinen Geist den ken, nur durch und fur ihn leben solle. Er hasste deswegen weibliche Schriftstellerei, ging aber vorzugsweise gern mit meiner Mutter, welche eine der geistreichsten und selbstandigsten Frauen war, die nur je vorgekommen und mit mir, einer Schriftstellerin, um. Er gefiel sich uberhaupt sehr in unserm Kreise, ward bald einheimisch darin und blieb mir durch viele Jahre ein verlasslicher, treuer Freund, dessen Warme eine langjahrige Abwesenheit (ich sah ihn, seit er uns eintausendachthundertzehn verliess, nie wieder, und er starb erst vor einigen Jahren) nicht erkaltet hatte, und die ein eifriger Briefwechsel, durch immerwahrende Streitigkeiten belebt, stets aufrecht erhielt. Ihn band seit vielen Jahren ein zartliches Verhaltnis an eine Frau, von der er stets den Ausdruck Petrarcas: Che sola a me par donna, brauchte. Ich kannte sie nicht, aber ihren Briefen nach zu urteilen, womit sie mich auf Merians Veranlassung beehrte, musste sie wenigstens eine sehr verstandige, gebildete Person sein. Im Jahre eintausendachthundertneun kam sie endlich nach Wien, und man denke sich unser aller Erstaunen! Diese Laura, diese sola Donna war eine - nicht sehr hubsche, nicht [299] ganz junge Frau, von kleinem Wuchse, unendlicher Beweglichkeit und Lebendigkeit, eine wirklich sehr gebildete, aber auch so positive Frau, dass unser guter Merian zu unser Aller Verwunderung und Leidwesen ganz unter ihrem Pantoffel stand, und solange sie in Wien war, es auch nicht ein mal wagen durfte, ohne sie bei uns zu erscheinen. So auffallend wie dies Beispiel sind freilich nicht viele; dennoch ist mir die Erscheinung zum oftern vorgekommen, dass gerade jene Manner, welche so viel von der Sanftmut, Unterordnung, Hingebung des Weibes sprechen, wenn sie einmal wahlen, ziemlich gehorsame Liebhaber und Ehemanner werden; ja, dass sie schon von vornherein nicht leicht an einer Geschmack finden, welche nicht etwas Herrisches an sich hat. Im Gegenteile aber sind es gerade die Haus- oder Liebestyrannen und die sich einer unumschrankten Herrschaft nicht bloss uber die Handlungen, sondern uber die Gedanken und Ansichten ihrer Geliebten oder Frauen bemachtigen, welche vor der Ehe die schmiegsamsten, ehrerbietigsten scheinen und stets die sanfte Oberherrschaft der Frauen anzuerkennen bereit sein wollen. Ich konnte mehrere anfuhren, aber Exempla sunt odiosa. Schon seit einigen Jahren kannten wir in Wien die Trauerspiele F.Z. Werners. Seine Sohne des Tales hatten ungeheures Aufsehen erregt und alles, was sich mit schoner Literatur beschaftigte, aufmerksam auf den, wie es hiess, noch jungen Dichter gemacht. Es war die Zeitepoche, in welcher auch die Schlegel, Tieck u.a. aufgetreten waren, das sogenannte Romantische sich zuerst und zwar mit grossem Beifalle zeigte, die poetische Poesie im Gegensatz der bisher geubten und geschatzten aufgestellt, und viele Autoritaten, [300] die wir bisher verehrt hatten, durch: die neue Schule, wie sie genannt wurde, von ihren Altaren herabgesturzt werden sollten. Gar viele glaubten auch diesem neuen Evangelium; ungleich mehrere aber liessen sich in ihrer billigen Verehrung fur Schiller, Herder, Wieland, Klopstock usw. nicht irre machen. Es gab manche, die sogar behaupteten: Die Gebruder Schlegel hatten gar zu gern eine grosse Rolle in der gelehrten Welt gespielt, da sie aber fuhlten, und - weil sie wirklich treffliche Kopfe waren - auch deutlich einsahen, dass sie auf produktivem Wege neben den schon bestehenden Matadoren in der schonen Literatur doch nur einen untergeordneten Platz einnehmen wurden, hatten sie sich auf die Kritik geworfen, und, indem sie das bisher Verehrte von seinem Standpunkt herabzuziehen bemuht waren, Raum fur sich und ihre Anhanger zu gewinnen gesucht, wie das Vaudeville sagt: Les arbustes sont des chenes,Quand les chenes ne sont plus. Nur einen unter den Lebenden liessen sie gelten, Goethe, und indem sie ihn zu ihrem Koryphaus wahlten und ihn mit einer ungeheuern Portion Weihrauch dazu gleichsam installierten, suchten sie sich durch seinen Ruhm, sein Ansehen in Deutschland, seine Autoritat zu schutzen, sie fluchteten unter den Schatten seiner Flugel. Zugleich mit diesen Bestrebungen, die neue Poesie und Ansicht auf Kosten alles Alten geltend zu machen, dammerte auch ein gewisser hyperreligioser Sinn in den neuen Erzeugnissen auf. Es war nicht eigentliche Frommigkeit, Gottesfurcht, Hinblick aufs Ewige; es war ein krampfhaft wunderglaubiges Unterordnen unter veraltete Ansichten, das sich mit krasser Sinnlichkeit und [301] unlautern Trieben ganz nachbarlich vertrug. Unlangst war die Lucinde, das beruchtigte Buch von Friedrich von Schlegel erschienen, ihm waren nicht so grelle, aber hochst seltsame Geburten: Lacrymas und Alarcos, gefolgt. Staunend betrachtete sie die Welt und wusste nicht recht, ob sie sie bewundern oder belachen sollte. Zum ersten bekannten sich die Anhanger der neuen Schule; denn das Neue findet jederzeit geneigte Gemuter, die es gern in sich aufnehmen, um es nachstens mit etwas noch Neuerem zu vertauschen. Die meisten, welche von diesen Werken Notiz nahmen, missbilligten sie, und bedauerten einen reichbegabten Geist auf Irrwegen zu sehen. Diese frommelnde Tendenz griff immer mehr um sich. Das zweite Stuck Werners: Die Templer auf Cypern, trug schon in seiner ersten Form etwas Mystisches, Ratselhaftes in sich, und jene Erzahlung oder Mythe von Phosphor liess die Leser in Ungewissheit, ob hier ein tiefgeheimer, wirklicher Sinn verborgen liege oder der Verfasser der Welt nur ein schwer zu losendes Ratsel habe aufgeben wollen. Das dritte Stuck: Das Kreuz an der Ostsee, in dem der heilige Adalbert, der bereits den Martertod erlitten hat, als Spielmann auftritt, auf dessen Haupt sich von Zeit zu Zeit eine Feuerflamme sehen lasst, und die Brautnacht zwischen Warmio und Malgona sprechen noch deutlicher den mystisch-asketischen und dabei lusternen Sinn aus, der in so vielen Werken jener Zeit auftauchte. Endlich erschien seine Weihe der Kraft. Dass der Protestantismus in seiner nuchternen Kalte den Kunsten verderblich sei, ging wohl deutlich daraus hervor, und Werners Lieblingsthema, dass die Liebe ein Blitzstrahl sein musse, der zugleich in zwei Herzen [302] einschlagt und sie verzehrend reinigt, wurde sichtbar durch Katharinas freudiges Erschrecken, als ein dicker Augustiner vom Wagen steigt, und sie ihn als ihr Urbild erkennt. Ich gestehe, dass mir ein dicker Augustiner nicht eben sehr idealisch scheint, aber Fraulein von Bora war von anderm Geschmacke. Auch dieses Werk machte grosse Sensation und erregte viele widersprechende Urteile. Nicht lange darnach verbreitete sich die Nachricht, dass der Verfasser aller dieser genialischen Stucke nach Wien kommen solle, und wir hoffen durfen, seine Bekanntschaft zu machen. Der Tag, wo er kam und die Weise, wie er sich bei uns einfuhrte, war gewiss merkwurdig und mir daher sehr lebhaft im Gedachtnisse geblieben. Es war ein schoner Abend im Anfange des Sommers von 1807, wenn ich nicht irre, und ich hatte einen kleinen Kreis gebildeter Freundinnen und literarischer Freunde gebeten. Der Erwartete kam, von unserm Freunde Collin eingefuhrt - ein ziemlich junger, wohlgebildeter Mann, damals Kammersekretar in Warschau oder Posen und im ganzen eine nicht unangenehme Erscheinung. Auch er schien sich nicht ubel in der Gesellschaft zu gefallen, die ihn umgab, und in welcher sich einige hubsche, junge Frauen befanden. Bald gingen wir zum Gouter, bei welchem denn nebst Tee und Backwerk nach der Jahreszeit auch Obst herumgeboten wurde. Werner protestierte hochlich gegen dies letztere und versicherte uns laut - >> die schonste Frau durfte ihm, wenn sie zuvor einen Apfel oder anderes Obst gegessen hatte, keinen Kuss anbieten<< - eine Ausserung, die uns allen etwas sonderbar und befremdend klang; denn obgleich Werner nicht eben hasslich war, hatte doch nur allenfalls sein Dichterruhm, wie in der alten Gellertschen [303] Erzahlung, eine Frau, und zumal eine schone Frau, bewegen konnen, ihm einen Kuss zu bieten. Ubrigens benahm er sich in den gewohnlichen Formen und ausserdem, dass er ungeheuer viel und oft Tabak schnupfte und mit einer eigentumlichen Bewegung des Daumens den Tabak stets zuletzt auf die rechte Wange hinuberstrich, so, dass es bald wie ein Schnurrbart aussah, war nichts Aussergewohnliches an ihm zu bemerken. Als sich die Gesellschaft hierauf im Garten zerstreute, fand ich ihn mit einer unserer Bekannten in ein eifriges Gesprach uber die Liebe vertieft. Ich trat hinzu, und bald wusste Werner mich so hineinzuziehen, dass jene mich verliess und er nun mit mir, auf und ab gehend, sein voriges Thema fortsetzte und sich erklarte, dass er eigentlich den Beruf habe, uber Liebe zu sprechen, sie zu suchen, zu verbreiten usw., Reden, deren eigentlichen Sinn ich nicht ganz verstand. Von der Liebe gerieten wir auf den Glauben, auf Religion, auf sein letztes Werk: Die Weihe der Kraft. Auch hier ubersprach er viel, was ich nicht recht fassen konnte, doch schien mir der Hauptsinn dahin zu zielen, dass der Protestantismus die Kunste totgemacht habe, was er denn auch durch den Tod jener Therese oder wie sie heisst, habe andeuten wollen. Zuletzt fragte er mich geradezu: was ich von der Transsubstantiation halte? Diese Frage kam mir hochst unerwartet. Ich wusste wirklich nicht, was ich sagen sollte; denn es schien mir hier gar nicht der Ort, noch die Gelegenheit, um solche Dinge zu erortern. Ich antwortete also bloss: Ich sei Katholikin, und folglich konnte er denken, dass ich uber diesen Punkt mich nicht von dem Dafurhalten meiner Kirche entfernen wurde. Ubrigens scheine mir der Gegenstand nicht[304 ] geeignet, um in geselligen Kreisen abgehandelt zu werden. Er liess darauf das Gesprach fahren, aber er kam oft zu uns, las uns manche seiner Arbeiten vor, unter andern die sehr veranderte zweite Auflage seiner Sohne des Tales, in welchen ein Madchen - Astralis - eine mystische Person, vorkommt, und der verstorbene Marschall Eudo, der in der ersten Auflage so unubertrefflich schon als Pilger eingefuhrt wurde - vielleicht die schonste und wirksamste Geistererscheinung, die mir in der neuen Literatur vorgekommen - nun als ein ziemlich materieller Geist auftritt, Brot bricht, Astralis unterrichtet usw. Noch recht lebhaft erinnere ich mich, dass meine Mutter ihn fragte: Lebt denn der Marschall Eudo? weil dieser Geist sich gar so korperlich benimmt, und Werner ihr antwortete: Er lebt und er lebt nicht, wie man es nimmt. Dann fragt Eudo die Astralis, ob sie gebetet habe? und sie antwortet: Ja! gegluht fur Robert (ihren Geliebten). Diese wenigen Zuge bezeichnen, wie mich dunkt, die ganze mystische, exaltierte, seltsame Richtung, welche Werners Geist damals schon genommen, und welche spater solche Schopfungen wie Kunigunde, Wanda, Attila ins Leben rief, von denen meine Freundin Therese Artner spater sagte: >> Es ist zu bedauern, dass ein solcher Geist sich also verirren konnte; aber er wird zusehends mit jedem Stucke toller. << Dennoch waren selbst in diesen Geburten einer verirrten Einbildungskraft grosse Schonheiten und offenbare Beweise von Genialitat. Diese Geistesrichtung erstreckte sich auch in sein Leben, er glaubte das, was er schrieb, selbst, und war ganz mit diesen Ideen erfullt. Daher nahm auch meist das Gesprach, wenn er an unserem Abendkreise teilnahm, [305] wieder dieselbe sonderbare Richtung nach seinen Lieblingsideen. Spaterhin zog sich Werner von unserm Kreise zuruck; er hielt sich viel zu Stoll, dem jungen und ebenfalls exaltierten Dichter, und zu andern ahnlichen Geistern. Endlich bekam ich einen Brief von ihm, in welchem er mit sehr herzlichen Worten von mir, von meiner Familie und von seinem lieben, lieben, lieben Wien Abschied nimmt. Er ging nach Italien, nach Rom und kam erst nach mehreren Jahren als Katholik und Priester von dorther zuruck. Sein zweites Auftreten unter uns, in den letztgenannten Eigenschaften, erregte beinahe mehr Sensation als das erste; aber wir sahen ihn sehr selten unter uns. Er lebte bald in diesem, bald in jenem Kloster; bei den Serviten, Liguorianern, Franziskanern und zuletzt bei den Augustinern, wo er bis an seinen Tod verblieb. Sein Wirken als Prediger werden wir spater zu schildern Gelegenheit haben. Die Gestaltung der damaligen Zeit, in welcher das Deutsche Reich zusammengesturzt war, Napoleon durch den Rheinbund ins Herz aller deutschen Staaten, ins Herz der ganzen Nation mit eisernen Handen griff, das Schwankende, Unsichere aller politischen und somit auch aller sozialen Verhaltnisse, das stets kuhnere und gewaltsamere Ausbreiten der franzosischen Macht: dies alles drangte die Geister aus der freudenlosen, zerrutteten Gegenwart in die feststehende Vergangenheit zuruck, an der wenigstens ein Eroberer und Unterdrucker aller politischer wie aller literarischen Freiheit nichts mehr andern konnte, so gern er auch in den romischen Klassikern die Stellen, welche die Sache der Freiheit gegen Anmassungen der Gewalt verteidigen, [306] weggewunscht hatte. Das Studium der Geschichte fing an, bei der damaligen Generation ein lebhaftes Interesse zu erregen. Viele Gelehrte verlegten sich darauf, und man suchte Halt und Trost in der Betrachtung der Vergangenheit. Diese allgemeine Stimmung und der haufige Umgang mit Hormayr, Ridler, Vierthaler regten auch in mir eine lebhafte Teilnahme fur die Geschichte im allgemeinen und besonders fur die meines Vaterlandes auf. Osterreichs Plutarch erschien damals und erregte lebhafte Teilnahme. Mit Grund und uberzeugenden Nachweisungen ward von Sachverstandigen vieles an dem Werke getadelt, indes erreichte es den einen Zweck, den sich der Verfasser vielleicht vorgesetzt hatte, es weckte bei vielen wie bei mir den Sinn fur vaterlandische Geschichte und sprach Phantasie und Gefuhl an, weil es mit Warme und dichterischer Auffassung geschrieben war. Auch sonst noch suchte Hormayr auf seine Freunde und durch sie aufs Publikum nach dieser Richtung zu wirken. Er wusste die beiden Collin fur seine Absicht, Dichtung und Kunste mit vaterlandischen Gegenstanden zu beschaftigen, zu gewinnen, er regte noch mehrere andere Geister an, die sich um ihn willig sammelten; er suchte Kunstlern denselben Sinn einzuflossen, und vieles geschah damals und auch spater fur die osterreichische Geschichte, was den ersten Impuls durch Hormayr erhielt. Dies Verdienst muss man ihm zugestehen, obgleich er zwanzig Jahre spater dieser Gesinnung in der Hauptsache ungetreu wurde. Im Herbste des Jahres 1807, in der Nacht des Michaelistages, erhob sich jener denkwurdige Orkan, der in Wien Hauser abdeckte, den Turm der Augustinerkirche [307] herabwarf - glucklicherweise ohne jemand zu beschadigen - Fenster eindruckte und im Augarten und in der Brigittenau die grossten Baume entwurzelte und niederwarf, so dass der Garten und die Au am folgenden Tage einem grossen Verhaue glichen, durch den man kaum durchkommen konnte. Mein Name fing damals an, durch die Gleichnisse, Olivier, Leonore usw. in Deutschland bekannt zu wer den. Ich erhielt Aufforderungen von Buchhandlern, ihnen Beitrage zu Almanachen, Journalen usw. zu liefern. Die beachtenswertesten Aufforderungen der Art waren die von Fleischer in Leipzig fur die Minerva, eines der besten damals erscheinenden Taschenbucher, und von Cotta in Stuttgart fur den Damenkalender mitzuarbeiten. Der erste wies sich durch seine Briefe an mich, durch sehr hubsche Geschenke an Buchern, die er teils meiner Tochter, teils mir selbst noch uber das sehr bedeutende Honorar verehrte, als ein wohlwollender Freund, und zeigte sich auch im Umgang so, als er eintausendachthundertzehn eine Weile in Wien war und uns oft besuchte. Spater scheinen hausliche Missverhaltnisse und eine, wie mich dunkte, etwas zu jugendliche Neigung zu einem Schweizer-Landmadchen, das er heiratete, ihn bewogen zu haben, Leipzig und seine Geschafte zu verlassen und sich in die Schweiz zu begeben. Seitdem habe ich nichts mehr gehort und dies aufrichtig bedauert; denn Fleischer war mir sehr wurdig und wohlwollend zugleich erschienen. Cottas Aufforderungen brachten mich in ein noch werteres Verhaltnis; Madame Huber, Heynes Tochter und Witwe von zwei ausgezeichneten Gelehrten: G. Forster und Huber, redigierte damals das [308] Morgenblatt. Sie schrieb mir bei Gelegenheit einer Sendung fur den Damenkalender. Von da entspann sich zwischen uns ein fleissiger und nach und nach so herzlicher, zusagender Briefwechsel, dass wir zwei Matronen, die sich nie gesehen hatten und auch nie sahen, uns unsere hauslichen und innersten Angelegenheiten mitteilten, und dies wahrte bis an Therese Hubers Tod im Jahre eintausendachthundertneunundzwanzig So hat mir meine literarische Bekanntschaft manches sehr angenehme Verhaltnis, manches Wohlwollen und herzliche Teilnahme von unbekannten Menschen, und nur ausserst selten etwas Unangenehmes gebracht. Wohl aber hutete ich mich stets aufs sorgfaltigste, mich ja nie zu Redaktionen, Rezensionen usw. gebrauchen zu lassen, und mit den gelehrten Herren in eine nahere Beziehung zu kommen. Therese Huber, der ihre finanziellen Verhaltnisse vermutlich jene Redaktion aufgedrungen haben mochten, hat dadurch, und namentlich mit dem Verfasser der Schuld, Mullner, Verdruss genug gehabt. Mit dem Herbste dieses Jahres begann eine lebhafte, interessante Zeit. Unser geliebter Kaiser wollte sich das drittemal mit Marie Luise von Este, seiner Cousine, vermahlen, und die Vorbereitungen, sowie die Vermahlungsfeierlichkeiten dieser hochst anmutigen Prinzessin gaben Veranlassung zu allerlei Festen und ruhrigem Leben. Auch traf die Ankunft der beruhmten Frau von Stael, welche mit A.W. v. Schlegel aus Weimar nach Wien kam, gerade auf diesen Herbst. Die Statue des Kaisers Josef, von Zauner in Erz gegossen, war auch eben fertig und aufgestellt worden. Die Enthullung derselben wurde eine Art von Feier und Festlichkeit, welche das kindlich dankbare[309] Gemut des Neffen seinem grossen Oheim zu Ehren veranstaltet hatte. Es war ein milder Herbsttag zu Ende Oktobers oder Anfang Novembers. Auf dem Josefsplatze, wo die kolossale Bildsaule unter ihren Umhullungen wie ein kleiner Berg dastand, waren in freier Luft Tribunen errichtet, auf welchen man mittelst Billetten Platz erhielt. Frau von Stael war ebenfalls zugegen, ich sah oder kannte sie wenigstens damals nicht, und nebst ihr eine grosse Menge elegant geputzter Damen und Herren, die dem Schauspiel entgegen harrten. Um die angesetzte Stunde (wenn ich nicht irre zwölf Uhr mittags) donnerte das erste Geschutz auf dem Walle der Stadt, ihm folgten bald die andern ringsherum auf den Basteien, denn - so wollte es des Monarchen liebevolle Dankbarkeit - seines vaterlichen Oheims Bild sollte auf dieselbe feierliche Weise wie die personliche Ankunft eines regierenden Herrn bei seinen Untertanen empfangen und begrusst werden. Durch eine geschickte Vorrichtung fielen plotzlich die Decken, welche die Statue verhullt hatten, das majestatische Bild ward sichtbar, und fast in demselben Augenblick zerriss auch, wahrscheinlich durch die Kanonenschusse zerteilt, die Nebeldecke, welche den Himmel umhullt hatte. Rein und blau lachelte er hernieder auf das Bild des grossen Josefs, der mitten im Kreise der Seinen erschien, und die mildesten Sonnenstrahlen spielten auf dem glanzenden Metall und auf den edlen Zugen. Es war ein schoner, erhebender Augenblick, in welchem der Himmel selbst an dem Dankbarkeitsgefuhle unsers Monarchen und an unser aller Freude segnend Anteil nahm. * * * [ 310] Die Anwesenheit der Frau von Stael, was sie tat, sagte, wie sie aussah, sich kleidete usw. war von nun an das allgemeine Gesprach in den Salons. Man hatte sich eine Menge von ihr zu erzahlen, wovon vieles, ja das meiste, ungunstig war. Wenn ihr einige nicht verzeihen konnten, dass sie eine Femme superieure war (und das war sie denn doch gewiss!), so beleidigte andere ihr Umgang mit dem hochsten Adel, zu dem eigentlich ihre Geburt sie nicht berechtigte; andere fanden zu viel Anmassung in ihrem Betragen, und wieder andere hielten sich an die ubelgewahlte Toilette, welche denn auch wirklich bei ihren vorgeruckten Jahren (sie war damals schon jenseits der Vierzig) und einer unvorteilhaften Gestalt oft zu anspruchsvoll war, und eine Meinung von ihrer Schonheit voraussetzte, welche doch jeder Spiegel hatte Lugen strafen sollen. Ich hatte sie damals noch nicht gesehen, aber ich hatte kurz vorher einen kleinen Aufsatz ins Morgenblatt einrucken lassen, in welchem ich, ohne der grossen Achtung Abbruch zu tun, die ihr ausserordentliches Talent mir wie jedem ihrer Leser einflosste, meine Verwunderung daruber ausserte, dass sie sowohl in der Corinne als in der Delphine ihre Helden so schwach, inkonsequent und leicht beweglich geschildert habe, indes ihr doch selbst ein wahrhaft weibliches Gefuhl an mehreren Stellen das Gestandnis entlockt hat, dass ein Weib sich nur in einer gewissen Unterordnung unter den kraftigen Mann recht wohl und glucklich fuhlen konne. Ich wusste nicht, ob sie diesen Aufsatz kannte, aber ich scheute mich nicht, das, was ich schriftlich geaussert, auch in ihrer Gegenwart zu behaupten. Ich hatte sie gern kennen gelernt, aber ich glaubte es nicht schicklich, dass ich, die Einheimische, [311] zuerst zu ihr ginge und mich gleichsam bei ihr einfuhren liesse. Unsere gelehrten Freunde hatten dies zwar getan - aber Collin, Steigentesch, Hormayr waren Manner, und daher konnten sie, ohne sich etwas zu vergeben, der fremden Dame ihre Aufwartung machen. A.W. von Schlegel, der die beruhmte Frau auf ihrer Reise begleitete, hatte sich bei uns vorstellen lassen. Er kam ofter zu uns und schien ein sehr eleganter Gelehrter, der im Gegensatz zu den meisten seinesgleichen sich hochst fashionable kleidete, aber auch im Gegensatze zu jenen mit seiner Toilette selbst in Gesellschaft beschaftigt war, und wenn ihm, wie es bei uns ein paarmal der Fall gewesen, andere etwas von ihren Werken vorlasen (ich nicht, wie ich denn uberhaupt dies nur hochst selten und unter sehr guten Freunden tat), wahrend der ganzen Lesung am Busenstreif, am coup de vent und den Schleifen seiner Unterkleider zu zupfen und zu richten hatte. Man hat mir, zwanzig Jahre nach jener Zeit, erzahlt, dass er diese Zierlichkeit und Sorgfalt fur sein Ausseres auch jetzt noch als Greis beibehalten habe. Damals war er ein Mann von mittleren Jahren und wirklich angenehmer Gestalt, dennoch hatte ich um seiner selbst und seines verdienten literarischen Ruhmes willen gewunscht, dass er diese Schwache nicht an sich gehabt hatte. Im Umgange war er sehr artig, sehr geistreich, aber nicht ohne eine merkliche Beimischung von Selbstgefuhl, die sich oft geltend machte, und mit allen diesen Eigenschaften und einem angenehmen Aussern, das durch einen vorteilhaften Anzug gehoben war, der Liebling vieler geistvollen, gebildeten Frauen, sowohl einheimischer als fremder, mit denen ich damals umging. Man erzahlte, und ich selbst hatte spater [312] Gelegenheit, es zu bemerken, dass er von Frau von Stael nicht mit der Achtung und Auszeichnung behandelt wurde, die sie wohl einem Manne seines Talentes schuldig gewesen ware. Es erschien ofters ein befehlender Ton wie gegen einen Untergeordneten in ihrem Betragen ihm gegenuber, und das erregte nun bei jenen Damen seiner Verehrung das tiefste Mitleid. Man war aufgebracht uber Frau von Stael, man wollte in Schlegels ganzem Wesen einen Schatten von Gedrucktheit, von Melancholie bemerken, den man auf die Rechnung jener Behandlung schrieb, und der den interessanten Unglucklichen nur noch teurer machte. Mir erschien die Sache anders, und ich erklarte mich dahin, dass Herrn v. Schlegel die Existenz im glanzenden Hause der reichen und beruhmten Frau doch angenehm sein musse, weil es einem Manne von seinem Rufe, von seinen ausgezeichneten Gaben nicht fehlen konne, auf jeder deutschen Universitat durch eine Professorstelle, durch Privatvorlesungen, literarische Arbeiten usw. sich eine zwar nicht so bequeme, aber unabhangige Existenz zu verschaffen, und dass also, weil er dies nicht tue, jenes Verhaltnis ihm nicht so gar druckend erscheinen konne. Damit fand ich nun freilich vielen Widerspruch, es war aber schon einmal meine Weise, die Poesie von der Wirklichkeit stets scharf zu scheiden, jene in Buchern und Kunstwerken hoch zu verehren, im gewohnlichen Leben aber die Dinge so klar als moglich zu betrachten und so einfach als moglich zu behandeln. Ich hatte gegen A.W. von Schlegel mehrmals den Wunsch geaussert, Frau von Stael personlich kennen zu lernen. Er forderte mich auf, zu ihr zu gehen. Das wollte ich nicht, und so ging einige Zeit hin. - Endlich [313] ubernahm es eine gemeinschaftliche Bekannte, die Sache vermittelnd einzuleiten. Frau von Nuys, eine geistreiche, artige Frau aus Bremen, welche unter uns nur die schone Grossmama hiess, weil sie bereits einen Enkel von ihrer Tochter hatte, und noch immer nicht bloss beaux restes, sondern wirkliche Schonheit besass, ubernahm es, Frau von Stael mit mir, mich mit der hochberuhmten Frau bekannt zu machen. Wir wurden beide zu einem Tee bei ihr gebeten, und ich konnte, da es gerade der Wochentag war, an welchem meine Mutter selbst Gesellschaft zu empfangen pflegte, erst spat abkommen. Als ich eintrat, war der Kreis schon eine Weile versammelt, und ich sah neben einer meiner Freundinnen, die eine grosse Kunstlerin auf dem Klavier war, am Fortepiano eine Frau sitzen, welche ich nach allem, was ich bereits gehort - fur die beruhmte Dichterin erkennen musste. Ich werde den Eindruck nicht vergessen, den mir ihre Gestalt machte. Sie war eine ziemlich grosse, starke Frau, uber alle Jugend hinaus, mit bedeutenden, aber nicht angenehmen Zugen, deren Ausdruck - in dem vortretenden Mund und Kinne, in der ganzen etwas mohrischen Bildung mir eine uberwiegende Sinnlichkeit zu verkunden schien, und deren auffallender, ich mochte sagen gewagter Anzug Anspruche anzeigte, welchen sowohl die Jahre als die ganze unanmutige Erscheinung nicht entsprachen. Ich grusste allseitig, aber fluchtig, wurde der Frau von Stael ebenso fluchtig genannt, und ging ins Nebenzimmer, weil kein Vorzimmer vorhanden war, wo man die Uberkleider ablegen konnte, um Schal und Uberrock auszuziehen. Gleich darauf kam Frau von Stael mir nach, trat vor einen Spiegel, der sich hier befand, fing an, ihren Kopfputz zu ordnen und richtete aus [314] dem Spiegel die Rede uber jenen Aufsatz im Morgenblatt an mich. Ich antwortete freimutig, aber bescheiden; das Gesprach dauerte nicht lange, andere traten dazwischen, die Unterhaltung wurde allgemein, und Frau von Stael verliess die Gesellschaft bald in Begleitung ihres Cavaliere servente, des Herrn von Schlegel. Die Art, wie sie ihn fragte, ob ihre Leute da waren? und ihm mit einer blossen Kopfneigung andeutete, sich darnach umzusehen, missfiel mir um sein-und ihretwillen gleich sehr. Sie erregte bei den Verehrerinnen des anziehenden Unglucklichen aufs neue inniges Bedauern, worein ich nun freilich nicht einstimmen konnte; aber sie diente nicht dazu, den Eindruck zu mildern, den die ganze Personlichkeit seiner Prinzipalin auf mich gemacht hatte. Bald darauf wurde ich von ihr zu Tische gebeten. Der Kreis war klein und bestand nur aus unserm wurdigen Freund Heinrich von Collin, dem Baron Steigentesch, der Frau vom Hause, ihrem jungeren Sohn, einem bildschonen Knaben von etwa zwölf Jahren, ihrer noch etwas jungeren und ebenfalls sehr hubschen Tochter Albertine (der verstorbenen Duchesse de Broglie), aus Schlegel und mir. Hier aber, gleichsam im hauslichen Kreise, wo keine Pratension, keine Absicht zu glanzen, keine Koketterie sie zu einem Betragen verleitete, das sie nicht wohl kleidete, kam sie mir ganz anders und viel liebenswurdiger vor. Vor allem bestach mich der ungemein schone, weiche Ton ihrer Stimme, und diese Stimme trug so geistreiche Dinge mit so gewahltem Ausdruck vor, dass ich wenigstens ihr mit dem grossten Vergnugen zuhorte, und nur einen Stenographen ins Nebenzimmer wunschte, um schnell zu Papier zu bringen und so der Vergessenheit [315] zu entreissen, was sie so bedeutend als schon sagte. Nach Tische musste Collin ihr etwas von seiner Arbeit deklamieren - sie uberlas es vorher, denn sie las und verstand das Deutsche wohl, nur sprach sie es nicht gelaufig. Sie horte dem Dichter mit sichtbarem Anteil zu, und fasste lebendig jede Schonheit auf. Dann holte sie ein franzosisches Gedicht, das eine schweizerische Dame gedichtet und das wirklich voll tiefer Empfindung war, und las es uns mit innigem und lebendigem Ausdruck vor, indem sie mit liebenswurdiger Warme uns jede schone Stelle bemerklich machte. So wusste sie fremdes Verdienst freundlich geltend zu machen, und erschien mir in diesem Verfahren und in ihrer einfacheren Naturlichkeit weit angenehmer als in der anmassenden Rolle einer hochberuhmten Frau, der alles huldigen soll, in welcher ich sie bei Frau von Nuys gesehen hatte. Nun kam der Fasching und mit ihm eine glanzende Reihe von Festen und Unterhaltungen, denn unser Kaiser feierte seine Vermahlung mit der anmutigen Marie Luise von Este. Diese Prinzessin war von ihrer Mutter fruher, wie man sagte, zum Kloster bestimmt (welche Bestimmung ihre bald nachher sich aussernde Kranklichkeit wohl zu rechtfertigen schien); aber sie hatte eine so sorgfaltige Erziehung genossen, und fand in ihrem Geiste so viel Gewandtheit und Kraft, dass sie sogleich bei ihrem ersten Auftreten am Hofe sich mit ebensoviel Majestat als Anmut in die neue Herrlichkeit und die Rolle einer hochgestellten Monarchin zu finden wusste. Der Kaiser hatte sie aus wirklicher Liebe gewahlt, er hatte gesagt: Seine erste Frau, Elisabeth von Wurttemberg, habe ihm sein Oheim gegeben; die zweite, Therese von Neapel, [316] sein Vater; diese dritte nehme er sich selbst, und er schien auch, wenigstens im Anfange, sehr vergnugt. Spaterhin soll sie ihm zuviel Eleganz und zu sehr den Ton der grossen Welt angenommen und ihn daher nicht so glucklich gemacht haben, als er es wunschte und hoffte. Denn er liebte ein hausvaterlich burgerliches Leben und wusste, wie es sich im Kongresswinter zeigte, sehr wohl den Patriarchen seiner zahlreichen Familie mit der Majestat und Wurde eines der ersten europaischen Monarchen zu vereinigen. In jenem Fasching eintausendachthundertacht dauerten indessen noch die Flitterwochen dieser Ehe, und alles bestrebte sich, der jungen, reizenden und liebenswurdigen Monarchin zu huldigen. Auf einer glanzenden Freiredoute, in welcher alles in moglichster Pracht erschien, zeigte sich auch ein uberaus herrlicher Maskenzug, die Huldigung oder ich weiss nicht, welche Feierlichkeit eines indostanischen Sultans vorstellend. Personen des hochsten Adels bildeten den Zug, und alles strahlte von Gold und Edelsteinen. Die verstorbene Furstin Colloredo-Mansfeld, eine sehr edle Gestalt, welche die Rolle der Sultaninmutter hatte, war ganz mit Diamanten bedeckt, ja, es schien, als ware ihr das Stutzen auf eine ihrer Begleiterinnen nicht bloss des Anstandes, sondern der Last von Diamanten wegen notwendig, unter welcher sie kaum das Haupt gerade tragen konnte. Der Sultan selbst war, ich weiss nicht warum, noch ein Kind und wurde von dem, damals bildschonen und kaum zehn- oder zwolfjahrigen Grafen Arthur Woyna vorgestellt, der auf einem Palankin getragen, vor welchem die Mutter herging, in seiner kindlichen Schonheit und asiatischen Herrscherpracht den interessantesten Teil des Zuges bildete. [ 317] Dieser Maskenzug (aber ohne Larven) schritt langsam, zum grossen Vergnugen der versammelten Menge, durch die Sale bis an den Platz, wo der Hof sich befand, und hier uberreichte der Sultan oder seine Mutter der neuvermahlten Kaiserin einen Strauss aus Blumen, nach den Anfangsbuchstaben ihres Namens gewunden und ein Gedicht unsers Heinrich Collin dazu, das die Blumen auf eine ebenso sinnreiche als schmeichelhafte Weise erklarte. Diesem offentlichen Feste folgten noch mehrere; es war, wie gesagt, eine glanzende Zeit, und als sie zu Ende war, dachte Frau von Stael, der man sich alle Ehre zu erweisen und sie an allem Sehenswurdigen Anteil nehmen zu lassen bemuhte, auch daran, mir einen Gegenbesuch - den ersten und letzten - am Aschermittwoch zu machen, und die Weise, wie sie mich im Zirkel meiner gewohnlichen Abendbesuche fand, sowie die Zeit und ganze Art ihrer Erscheinung war darnach, um ihr und mir deutlich zu zeigen, wie wenig Zusammenstimmendes sich zwischen uns fand. Als die zahlreichen Damen, welche die gewohnliche Abendgesellschaft meiner Mutter ausmachten, vernahmen, dass Frau von Stael an jenem Mittwoch abends kommen wurde, wollte jede sie sehen, wie man etwa ein fremdes Tier ansieht; denn nur wenige unter ihnen waren gebildet genug, um sich in eine Konversation mit dieser Frau einzulassen, und unter diesen, welchen es wohl nicht an Geisteskultur und Artigkeit mangelte, war doch keine der franzosischen Sprache so machtig, um ein Gesprach mit Frau von Stael hinlanglich gewandt zu fuhren. Auch ich fuhlte mich in diesem Punkte geniert, obgleich ich mich ziemlich gelaufig auszudrucken geubt [318] war; aber es ist ganz etwas anderes, eine Sprache zu reden, in der man zu denken gewohnt ist, und sich eines Idioms bedienen zu mussen, dessen Ausdrucke sich nicht freiwillig und sogleich unserm Geiste darbieten. Am schwersten ist es dann, sich uber Gedanken, Meinungen, literarische Gegenstande usw. auszusprechen, besonders einem so brillanten Geiste wie Frau von Stael gegenuber, welche, wie sie sich in ihren spater erschienenen Lettres sur l'Allemagne aussert, unsere Konversation stets unbeholfen und zu langsam fand, und die Ursache sogar in dem Genius unserer Sprache sieht, weil wir stets das Zeitwort zuletzt setzen, und es daher unmoglich sei, jemand nach den ersten Worten zu unterbrechen. In dieser Hinsicht hat ihr Frau von Fouque sehr richtig in einer kleinen Schrift, die bald nach jenem Buche sur l'Allemagne erschien, geantwortet: dass Frau von Stael nie vergessen sollte, wenn sie uber den Mangel an lebhafter Konversation in Deutschland klagt, dass die Deutschen so artig waren, als sie sich unter uns befand, ihre Sprache mit ihr zu sprechen, in welcher wir freilich ihr an Leichtigkeit und Reichtum des Ausdrucks nicht gleichkommen konnten; dass sie aber bei einem nochmaligen Besuche die Gefalligkeit haben mochte, sich im Gesprach mit uns unserer Sprache zu bedienen; dann wurde man erkennen, auf wessen Seite der Vorteil sei. Doch wieder auf jenen Aschermittwoch zu kommen, an den ich nach fast dreißig Jahren nicht ohne Verlegenheit denken kann, so sassen denn unsere Damen, - unter welchen sich leider viele befanden, von denen ich noch nicht begreife, wie meine so geistvolle, hochgebildete Mutter sie fast taglich um sich dulden konnte - in dichtgedrangter Reihe um den Teetisch, jede mit [319] einem Strickstrumpf bewaffnet, jede fest entschlossen, und viele wohl auch, wie ich oben sagte, bemussigt, eine stumme Rolle zu spielen. Es wurde sieben (die damals gewohnliche Versammlungsstunde), es wurde halb acht Uhr, die Erwartete erschien nicht. - Von Mannern, welche man Frau von Stael mit Ehren vorstellen konnte, hatte ich nur Herrn von Hammer und unsern Collin fur diesen Abend bekommen, und dies waren, nebst meiner Mutter, die vortrefflich franzosisch sprach, die einzigen Personen, auf die ich zahlen konnte, um Frau von Stael zu unterhalten, wenn sie kame. Dies geschah denn endlich um acht oder nach acht Uhr, wo sie von der Grafin Wrbna, ganz nahe bei uns, auf eine kurze Zeit zu mir heruber kam. Sie trat ein, und aller Blicke wendeten sich nach ihr. Ein Kleid von silbergrauem Atlas und ein Schal oder Tuch von schwarzen Spitzen daruber, war ein recht passender Anzug fur eine Frau von ihren Jahren, aber ein, auf orientalische Art gewundener Wulst von schwarzem Samt, mit hochroten Grains d'Inde vielfach umschlungen, gab ihr etwas Hochstauffallendes, Kuhnes, und kleidete sie, meiner Meinung nach, bei ihren starken, mannlichen Zugen und braunem Teint durchaus nicht. Sie sass neben meiner Mutter auf dem Kanapee, ich nahm meinen Platz an ihrer Seite, Schlegel, Hammer und Collin naherten sich ebenfalls, die Frauen rings um den Tisch hatten ehrerbietig gegrusst und sich jetzt wieder niedergesetzt, um - zu stricken, wie das altenglische Lied sagt:Phillis, ohne Sprach und Wort,Sass und strickte ruhig fort. Mich uberfiel eine Art von Bangigkeit, so oft ich auf diese schweigsame Gesellschaft sah, die die hochberuhmte [320] Frau lautlos umgab, sie nur dann und wann mit neugierigen Blicken musternd, und mir dachte, welche Vorstellung sich Frau von Stael wohl nach diesem Abend von dem Kreis machen mochte, in dem ich lebte. Dass es nicht eigentlich meine, sondern meiner Mutter Bekannte waren, konnte ich nicht sagen und sie nicht erfahren, da ich, solange meine Mutter lebte, in diesen wie in so manchen andern Stucken mich ganzlich nach ihr richten musste. Indes unterhielten eben meine Mutter und die Herren, welche zugegen waren, das Gesprach mit Frau von Stael sehr lebhaft und angenehm; sie schien wenigstens sich nicht zu ennuyieren, sie sprach ausserst geistreich und sagte unter andern von Chateaubriand: il est croyant par imagination - eine, wie mich dunkt, sehr passende Bezeichnung. Dann forderte sie mich auf, sie mein organisiertes Fortepiano horen zu lassen. Ich spielte ihr etwas vor, das Instrument gefiel ihr wohl, wie es denn auch wirklich, manche kleine Gebrechen abgerechnet, vielen Genuss gewahrte. Sie Beruhrte es hierauf selbst, aber ich kann nicht sagen, dass sie eigentlich gespielt hatte, und bald darauf ging sie weg. Ich fuhlte mich vollig erleichtert, als sie fort und diese so heterogene Erscheinung aus dem Gesellschaftskreise, fur den sie und der nicht fur sie passte, verschwunden war. Nun war das Siegel von dem Mund der Damen gelost, und sie ahnten wohl nicht, wie sie so nach ihrer Art diese Frau beurteilten, dass sie, zwei Hauser weit von un, bei der Grafin von Wrbna, zu der sie wieder von uns ging, sie die Tricoteuses de la tribune genannt hatte. Die Visite war denn also abgetan und ich froh, dass sie nicht wiederholt wurde. Indes blieb Frau von [321] Stael sehr artig gegen mich, und lud mich durch ein freundschaftliches Billett bald darauf zu einer theatralischen Vorstellung ein, welche bei der Grafin Zamoyska statthaben, und wo Frau von Stael in einem, von ihr selbst gedichteten kleinen Schauspiel Hagar, und dann in einer kleinen Komodie: Le legs auftreten sollte. Die Versammlung war sehr glanzend, es war die Creme de la Societe, obwohl sie damals noch nicht so genannt wurde; das Appartement, nach dem damaligen Geschmack auf griechische Art drapiert, von den ebenfalls unlangst modegewordenen argantischen Lampen erhellt, und eine Menge kleinerer oder grosserer Etablissements mitten im Salon, so dass die Gesellschaft ohne allen eigentlichen Mittelpunkt nach allen Richtungen, wie es gerade jedem beliebte, sass, stand, ging, lehnte usw. Mir war dies damals etwas Neues, denn in den Gesellschaften des Mittelstandes herrschte noch die altere Sitte; aber ich fand das Neue wo nicht hubsch, doch bequem, und jetzt ist es wohl schon uberall verbreitet, wo man auf Eleganz Anspruch macht. Endlich begann die Vorstellung. Wir wurden in einen andern Salon gefuhrt, wo ein kleines Theater aufgeschlagen war. Das erste Stuck, Hagar, war von Frau von Stael selbst. Die Szene stellte die Wuste vor. Frau von Stael, in sehr einfachem orientalisierenden Anzug, trat, ihre Tochter (die Herzogin von Broglie, damals ein zehnjahriges Kind) als Ismael an der Hand, auf, und gab wirklich mit vieler Wahrheit und Lebhaftigkeit die Rolle dieser leidenschaftlichen, unglucklichen Mutter, wobei ihr ihre ausdrucksvolle Physiognomie und ihre schone Stimme sehr zu statten kam. Mich und vermutlich alle meine gegenwartigen[322] Landsleute befremdete wohl das sehr heftige, tragierende Spiel der franzosischen Schule, aber nie werde ich des Tones vergessen, der ihren bebenden Lippen entfloh, als sie in ihrer ungestumen Heftigkeit den Wasserkrug, in dem sich ihr letzter Vorrat und das letzte Mittel, des verschmachtenden Kindes Leben zu fristen, befand - umgestossen hatte, und sie nun den Inhalt desselben gleichsam mit dem Leben des Kindes verrinnen sah. Es war kein Schrei, kein Ruf, aber es war ein unartikulierter Naturlaut, der, tief aus der Seele kommend, wieder in die Seele drang, und den ich gern mit jenem, ebenfalls halblauten Schmerzenston Crescentinis vergleichen mochte, wenn der Sargdeckel abgehoben wurde, und er nun Juliens Gestalt als Leiche vor sich erblickte. Doch nun erschien der Engel - der jungere Sohn der Frau von Stael - ein Knabe von zwolf bis vierzehn Jahren, weiss gekleidet und mit himmelblauem Krepp drapiert, wirklich einem Engel an Schonheit gleich, obwohl sein Spiel, wie das bei Knaben in solchen Jahren gewohnlich ist, ziemlich steif und unbedeutend war, und das Stuck endete froh und trostvoll unter lebhaften Beifallsbezeugungen der Menge. Hierauf folgte das franzosische Lustspiel Le legs. Ein Testament verbindet einen jungen Kavalier, seine Hand der Erbin eines grossen Vermogens zu geben, wenn er dessen teilhaftig werden will. Aber er liebt einde andere und zieht diese der reichen Erbin vor. Ein fataler Zufall wollte, dass das Frauenzimmer, eine nicht ganz junge Person, wie man sagte, welche die verschmahte Erbin hatte machen sollen, denselben Tag krank wurde, und nun die Frau vom Hause, Grafin [323] Zamoyska selbst, eine junge und sehr hubsche Dame, aus Gefalligkeit und um die Darstellung moglich zu machen, die Rolle der Verschmahten ubernahm. Freilich las sie selbe nur aus der Schrift herab, aber sie stand doch leibhaft in ihrer Jugend und Schonheit vor uns, wahrend Furst Clary, der den jungen Mann mit ebensoviel Anstand als Lebhaftigkeit gab, ihr die Frau von Stael, die jetzt in modernem Kostum, weiss angezogen und das Uberkleid mit einem ungeheuern Bukett am Knie trussiert, nichts weniger als schon aussah, vorziehen sollte. Es lag etwas gar zu Widersprechendes und daher Storendes in dieser Rollenbesetzung, die denn auch zu manchem Witzworte uber die, ohnedies nicht beliebte Schriftstellerin Anlass gab, sowie man ihre Hagar, la justification d'Abraham nannte. Nicht lange darnach wurde bei Furst Liechtenstein auf seinem Haustheater im Palast in der Herrengasse ein zweites Stuck von Frau von Stael: Genevieve de Brabant gegeben. Sie war Genovefa; Furst Clary Sigefroi, ihr Gemahl; Schlegel ein Eremit des Ardennerwaldes; Albertine (ihre Tochter) hatte die Rolle des Schmerzenreich (l'enfant de la douleur), und ihr Sohn gab einen, von ihr hinzugedichteten alteren Sohn Genovefens und Siegfrieds, der seinen Vater auf die Jagd begleitet. Von Golo und allen Begebenheiten, die ihrer Verstossung vorausgehen, wurde nur gesprochen, und das Stuck begann in ihrer Hohle, in der sie schon sieben Jahre mit ihrem Knaben lebt. Auch in diesem Stucke zeigte sie sich als eine sehr geschickte Schauspielerin; aber ihre Gestalt nahm sich durchaus unvorteilhaft in der Kleidung von Tierfellen, mit herabhangenden Haaren, ohne allen Putz, aus, [324] ihr Spiel war zu heftig, und die Dichtung selbst nicht sehr bedeutend. In der nachstfolgenden Fastenzeit hielt uns A.W. Schlegel im Janischen Saale Vorlesungen uber Dramaturgie. Diese Kollegien, in den Vormittagsstunden gehalten und von allen besucht, welche mit Recht oder Unrecht Anspruch auf Geistesbildung oder Eleganz machten, boten eine recht angenehme Versammlung interessanter Personen dar. Frau von Stael erschien fleissig, man war sicher, viele Bekannte und ausgezeichnete Menschen zu treffen oder kennen zu lernen; was Schlegel sagte oder las, hatte naturlicherweise viel Gehalt, wenn es gleich zuweilen Paradoxen enthielt und sein Vortrag nicht gerade hinreissend war. So bildeten diese Vorlesungen eine sehr angenehme Unterhaltung und einen Vereinigungspunkt fur die schone Welt auch nach dem Karneval. Eine Freundin meiner Eltern, Frau von Flies, Schwester des Barons von Eskeles, war nach einer langen Abwesenheit im Jahre eintausendachthundertzwei oder eintausendachthundertdrei wieder nach Wien zuruckgekommen. Sie war Witwe und bejahrt, aber ein reger Geist, eine Liebe zu hoheren geistigen Genussen und eine unendliche Gutmutigkeit und Freundlichkeit machten ihr Haus, so klein es war, zu einem angenehmen Sammelplatz fur einen beschrankten, aber gewahlten Kreis gebildeter Menschen. Man versammelte sich an einem bestimmten Wochentage und manche, die schon zu den Auserwahlten gehorten, blieben nach der Soiree bei einem massigen, aber niedlichen Souper. Mich hatte Frau von Flies liebgewonnen, ich war die Tochter langbewahrter Freunde, sie hatte mich als halbgewachsenes Madchen verlassen und fand mich als Frau von [325] mittleren Jahren, als Schriftstellerin, die schon einigen Namen erworben hatte, wieder; so war ich ihr wert, und ich achtete sie als eine mutterliche Freundin. Viele angenehme Stunden habe ich in ihrem Hause verlebt, viele anziehende Bekanntschaften dortge macht; durch sie ward unsere Familie dem Arnsteinschen Hause, mit dem schon meine Eltern wohlbekannt waren, dem mich aber wie vielen andern die Entfernung meiner Wohnung entfremdet hatte, wieder genahert, und ich kam nun sehr oft in diese glanzenden Hauser von Arnstein, Pereira und Eskeles. Doch am meisten fuhlte ich mich verpflichtet, Frau von Flies fur ihr Wohlwollen und ihren herzlichen Anteil an mir zu danken. Bei ihr sah ich denn auch A.W. von Schlegel, die schone Grossmutter und viele bedeutende Fremde. Schlegel las uns Ubersetzungen aus Calderon und andere Gedichte, teils von ihm selbst, teils von seinem Bruder Friedrich vor, dessen Ankunft in Wien man furs nachste Jahr erwartete, und auf welchen, sowie auf den schon anwesenden Bruder, ihre Fehden mit Kotzebue und Merkel, sowie ihre Vergotterung Goethes und die neuen Theorien von Poesie hochst aufmerksam gemacht hatten. Jene Abende bei Frau von Flies waren mir sehr angenehm, und in solchen lebhaften geselligen Verbindungen ging der Winter von 1807 auf 1808 genussreich hin. Im Fruhjahr dieses Jahres erschien mein Agathokles, an dem ich fast drei Jahre gearbeitet hatte, und erregte im Anfange wenig Teilnahme. Auf mich sturmte in derselben Periode manches hausliche Leiden ein und wurde mir zum Prufstein meiner innerlichen Kraft. Ich ertrug und ich kann sagen, ich uberwand [326] es. Waren doch meine Lieben, mein Mann, mein Kind, meine Mutter mir geblieben. Ich war an manchem Schonen, mancher jugendlichen Tauschung armer, aber an Mut, Erfahrung und Geduld reicher geworden. Im nachsten Herbste traf also Friedrich von Schlegel mit seiner Frau, einer gebornen Mendelssohn, in Wien ein. Alles war sehr gespannt auf dieses Paar; denn nachst dem wohlverdienten literarischen Ruhm, der Friedrich von Schlegel voranging und ihm schon langst die Achtung der Gelehrtenwelt erworben hatte, gesellte sich noch ein pikanterer Reiz dazu. Man freute sich, den streitfertigen Gegner Merkels und Kotzebues, den Mann, der als Grunder einer neuen poetischen Schule so viele langverehrte Autoritaten von ihren Altaren sturzen wollte und in Vieler leicht beweglicher Meinung auch gesturzt hatte - endlich auch den Verfasser der vielberuchtigten Lucinde von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Dieses Buch, sowie das meiste, was ungefahr 5-6 Jahre fruher aus der Feder dieser beiden Bruder geflossen war, hatte Deutschland in Erstaunen gesetzt; war aber doch von den meisten zwar mit Anerkennung der grossen Gelehrsamkeit, im ganzen aber mit Missbilligung aufgenommen worden. Uberdies erwartete man in Frau von Schlegel das Urbild der Lucinde zu erblicken, und so sah man ihrer beiderseitigen Erscheinung begierig entgegen. Hatte aber schon A.W. Schlegel durch sein zierliches, fashionables und fast ubertrieben sorgfaltiges Ausseres die allgemeine Erwartung getauscht, welche auf einen tuchtigen Renommisten und rauhen, scharfen Kritiker, dessen Sitten der Umgang mit den schonen [327] Kunsten nicht gemildert hatte, vorbereitet war, so fand sich bei seinem Bruder noch weniger von diesem, durch die Phantasie entworfenen Bilde. Friedrich Schlegel war ein Mann gegen Vierzig - mit einer ziemlich angenehmen Bildung, der aber in Wuchs, Gesicht und Benehmen viel eher einem einfachen, redlichen Burgersmann als einem schlag- und streitsuchtigen Gelehrten glich. Noch auffallender war der Kontrast zwischen dem Bilde, das wir uns hier von seiner Frau entworfen, in der jedermann das Urbild der schonen, lusternen, freien Lucinde zu finden dachte, und dem Eindrucke, den die wirkliche Erscheinung dieser Frau machte. Es war eine, langst uber alle Jugend und alle Schonheit - wenn je eine dagewesen war - hinausgeruckte Gestalt, von mittlerem, etwas starkem Wuchse mit geistreichen, aber beinahe mannlichen Zugen, wie denn manche, die ihren beruhmten Vater gekannt, behaupteten, sie sahe ihm ganz ahnlich. Dennoch war in diesen nicht reizenden Formen ein solcher Ausdruck von Geist und hoherer Natur, in diesen wirklich schonen schwarzen Augen so viel Leben, Feuer und Gute, in dieser ganzen Personlichkeit so viel echt weibliche Wurde, sittsamer und feiner Anstand, dass es unmoglich war, auch nur einen Augenblick langer an jenes schlupfrige, unsaubere Bild zu denken, und dass man sich mit machtigen Banden der Achtung und des Wohlwollens zu dieser merkwurdigen, geistvollen und doch so anspruchslosen, zu dieser vielbesprochenen, vielgepruften und doch so einfachen Frau hingezogen fuhlte. Wenigstens ging es mir so, und die allgemeine Achtung, deren sie wahrend eines vieljahrigen Aufenthaltes in Wien sowie spater in Frankfurt genoss, die warme Freundschaft, mit welcher alle, [328] die sie naher kennen gelernt, an ihr hingen, beweist, dass diese meine Empfindung, welche mich nun auch schon seit beinahe dreissig Jahren fur diese Frau belebt, keine individuelle Ansicht oder wohl gar Tauschung gewesen sei. Genug, die Schlegel waren nun in Wien. Bald erhielt Friedrich eine diplomatische Anstellung, die ihn an Osterreich band, und ihr Haus ward ein Vereinigungspunkt fur hohergebildete Menschen, interessante Fremde und Kunstler. Sehr angenehm verflossen dann die Abende in diesem Kreise, und gerade die Beschrankung der Glucksumstande, welche der Familie keinen Aufwand, keine oft lastige Eleganz und pratenziose Fashionablitat erlaubte, gab diesen Zusammenkunften einen eigentumlichen Reiz von hausvaterlichem Ton und herzlichem Wohlwollen. Man fuhlte, dass man wirklich willkommen war, und dass das einfache, aber schmackhafte Gouter uns mit aufrichtiger Wohlmeinung geboten wurde. Ich war ungemein gern da, und zahle jene Stunden, bei Frau von Schlegel zugebracht, zu den angenehmsten meines Lebens. So verging das Jahr 1808 unter wechselnden, aber bedeutenden Ereignissen, und das ungleich wichtigere 1809 brach an. Schlegel hatte eine Zeitung begonnen. Es war der Osterreichische Beobachter, der damals zuerst erschien, und so wie jetzt unter der Agide und mithin unter der Aufsicht der Staatskanzlei oder eigentlich des Fursten (damals Grafen) Metternich stand. Grosse Bewegungen schienen sich vorzubereiten und auf noch grossere Ereignisse hinzudeuten. Napoleon dehnte in Krieg und Frieden seine Macht immer weiter aus. Er eroberte durch seine Armeen und seine uberraschende [329] Taktik, die damals noch immer das Erstaunen und eben deswegen auch den Ruin der feindlichen Armeen verursachte, grosse Landerstrecken. Was er erobert, behielt er beim Friedensschlusse und wusste nach dem Frieden oder eigentlich wahrend des Friedens unter allerlei der nichtigsten Vorwande, womit er der Welt gleichsam spottete, mehr Lander zu besetzen, zu behalten und als direkte und indirekte Staaten seinem, bereits nach der Universalmonarchie strebenden Reiche einzuverleiben, als ihm das Gluck der Waffen verschafft hatte. Die Freiheit der Presse war durch ihn vernichtet, ein ungeheures Lugensystem in den Zeitungen eingefuhrt und in der Absicht, den englischen Handel zu zerstoren, ganz Europa mit der Kontinentalsperre unter dem unertraglichsten Drucke gehalten. Alles seufzte unter diesem Joche, die alten Throne wankten, und mit Bangigkeit sahen Volker und einzelne dem Los ihrer kunftigen Tage entgegen, dessen Bestimmung einzig und allein von dem Willen eines Mannes, dieses Napoleon, abhangig war, den jetzt so viele mit unbegreiflicher Vergessenheit alles einst Geschehenen als einen Verfechter der Volkerfreiheit und liberaler Ideen betrachten. In ganz Deutschland, besonders nach dem Unglucke Preussens, garte und kochte Hass gegen diesen - jetzt so geruhmten Freiheitshelden, und geheime Verbindungen knupften sich an, um wo moglich eine Reaktion hervorzubringen. Es mag nun wohl sein, dass englisches Gold unter der Hand zu diesem Zwecke tatig gewesen war, so viel aber ist gewiss, und jeder Zeitgenosse, der jene Epoche mit erlebt, wird es zugeben mussen, dass ganz Deutschland sowie Osterreich die Last jener Verhaltnisse mit Schmerzen fuhlte und[330] einer Moglichkeit, sie abzuschutteln, mit banger Sehnsucht entgegensah. Ein schonerer Geist fing an, sich zu regen. Durch Bucher, durch Dichtungen, durch die Richtung, welche Kunst und Literatur auf vaterlandische Gegenstande nahmen, bekamen diese hoheren Wert fur jeden, als sie vormals gehabt hatten. Die Idee des Vaterlandes, die Nationalehre erwachte in den, durch lange Gewohnheit und bequemes Hinleben im behaglichen Friedensstande der letzten Dezennien erschlafften Geistern, und es ist nicht zu leugnen, dass auch die romantische Poesie, indem sie eine bis dahin unbeachtete Vergangenheit aus ihren Grabern aufrief, und die alten Schatze deutscher Dichtkunst uns vor Augen fuhrte, diesen Geist erhohte und verstarkte. Man fing an, das alte Deutschland zu lieben, man studierte seine Sitten, man erwarmte sich an dem ritterlichen, frommen Sinne des Mittelalters und gewann das Land und die Landsleute lieber, denen man fruher gern alles Auslandische vorgezogen hatte. So war die allgemeine Stimmung, als Osterreich den Krieg an Frankreich erklarte. Unser Freund Collin dichtete fur diesen Zweck seine Landwehrlieder, welche mit Musik von Weigl am Ostersonntag vor einer gedrangten Versammlung von mehreren tausend Menschen im Redoutensaale gesungen wurden und in welche das Publikum, wo es anging, mit voller Seele und unter allgemeinem Jubel einstimmte. Welch ein Tag war das! Welche Stimmung unter meinen Mitburgern, und wie - - doch ich will mir nicht selbst vorgreifen. Die Regimenter fingen an, sich zu ruhren. Die sechs Landwehrbataillone von Wien wurden organisiert. Viele angesehenere junge Leute nahmen [331] Dienste, darunter B. Steigentesch, und andere ausgezeichnete Offiziere schatzten es sich zur Ehre, sich an die Spitze eines der Bataillone zu stellen; Graf Hoyos (der Oberstjagermeister) bewaffnete seine Bergbewohner, die Untertanen seiner Guter, und zog selbst als ihr Oberst mit ihnen aus, jedes Ungemach, jede Entbehrung, jede Gefahr mit ihnen teilend. Sie begleitete als Feldkaplan ein ausgezeichneter Geistlicher, Baron Somerau-Beeckh, ein Jugendbekannter von mir, mit dem ich mehr als zwanzig Jahre fruher manchen Walzer getanzt hatte. Damals dachte wohl niemand an eine solche Umstaltung seiner Laufbahn; denn aus jenem frohlichen Studentenleben trat Somerau ins Militar, und es vergingen mehrere Jahre, wahrend welcher niemand - kaum seine Mutter und Schwester - etwas von ihm wussten. Plotzlich, kurz vor meiner Verheiratung, verbreitete sich das Gerucht, Baron Somerau habe sich dem geistlichen Stande gewidmet, und bald darauf kam er nach Wien, besuchte uns freundlich, zeichnete sich sofort in seiner neugewahlten Laufbahn als Seelsorger und Prediger aus, war Kaplan in mehreren Pfarren nacheinander, zog dann mit der Landwehr aus, der er als ehemaliger Militar von grossem Nutzen war; erwarb sich auch in dieser Laufbahn Ehre und Achtung, wurde dann Domherr in Olmutz, und ist jetzt (ich schreibe dies im Dezember 1836) erwahlter Furst-Erzbischof von Olmutz! Per tot discrimina rerum! Nicht ohne stilles Vergnugen weilt mein Geist bei den Erinnerungen an diesen Mann, dessen Laufbahn so sonderbar, dessen Geist und Gemut stets ausgezeichnet waren, dessen endliche Erhebung auf den Furstenstuhl fur seinen gediegenen Wert beweist, und ich denke gern an die[332] langstvergangene Zeit, zwischen die und jetzt sich ein halbes Jahrhundert drangt, wo ich mit ihm jugendliche Freuden teilte oder zehn Jahre spater, als er schon Priester war, mich an seinem geistreichen Umgang ergotzte oder an seinen Predigten erbaute, die wirklich sehr gut waren und ein zahlreiches Publikum hatten. Das beruhmte Kurassierregiment Hohenzollern (vor zweihundert Jahren Dampierre, spater Grossfurst Konstantin, oder wie es jetzt heissen mag) marschierte durch Wien, und wie es sich dies Vorrecht durch die Befreiung Kaiser Ferdinands II. im Jahre eintausendsechshundertneunzehn verdient, zog es durch die Stadt, durch die kaiserliche Burg, und schlug sein Werbgezelt auf dem Burgplatze auf, wo sich sogleich zwei Fursten Liechtenstein anwerben liessen. Mich regte das alles ungemein auf, und ich dichtete eine Romanze, deren Inhalt diese Rettung des Kaisers und das von diesem Regimente erworbene Vorrecht waren. Die Romanze erschien, wenn ich nicht irre, an dem Tage selbst, wo der Einmarsch statthatte, und ich sah die ganze Zeremonie mit wahrhaft klopfendem Herzen und unter frommen, aber zitternden Wunschen fur den glucklichen Ausgang aller dieser Bestrebungen aus den Fenstern des k.k. Archivs an Hormayrs Seite an, der voll stolzer Hoffnungen war und sich anschickte, als Generalintendant nach Tirol zu gehen und dort den Landsturm gegen die Bayern und Franzosen zu organisieren. Es war wohl nur Zufall, aber doch ein boses Omen, dass er gerade am Karfreitag zu dieser Mission von hier abging. Die Wurfel waren geworfen, die Regimenter marschierten gegen den Feind. In unserm Kreise befanden sich mehrere Familien von Offizieren; die Frauen, die[333] Verwandten sahen mit noch bangerem Gefuhl als wir ubrigen dem Schicksale der kommenden Tage entgegen; denn manche traurige Erfahrung von 1797, 1800, 1805, Preussens Schicksal in den Jahren eintausendachthundertsechs bis eintausendachthundertsieben hatten uns die frohe Zuversicht in das Gluck der osterreichischen Waffen im Konflikt mit jenen bis dahin unuberwindlichen Armeen sehr geschwacht. Jedoch lebte noch manche freundliche Hoffnung in uns, gestutzt auf die Grosse und Wirksamkeit der Anstalten, auf den Ruhm des Erzherzogs Karl, der zum Generalissimus ernannt war, und den neuen patriotischen Geist, der die ganze Nation beseelte. So vergingen einige Tage. Es waren, um den Schutz des Himmels fur unsere wirklich gerechte Sache anzuflehen, Bittgange angeordnet, an denen der Hof und die ganze Stadt teilnahmen. Ehe der Tag zu diesen Prozessionen erschien, ereilten uns schon trube, ungluckverkundende Botschaften. Der Unfall bei Regensburg war eingetreten. Von einem Vorrucken oder Angreifen keine Rede mehr. Die Armee des Erzherzogs zog sich nach Bohmen. Mit welchen Gefuhlen der Angst und inbrunstiger Andacht um Abwendung der abermals drohenden Gefahr wurde diese Prozession begangen! Mit welchen schmerzlichen Gefuhlen betrachtete ich den Dom von St. Stephan, wahrend die Prozessionen der Vorstadte laut betend und den Herrn der Konige, der >> ihre Herzen wie Wasserbache lenkt<<, um Schutz und Segen fur den Monarchen, fur das Vaterland, fur jeden einzelnen anrufend, in denselben einzogen! Ach, dieser Dom! welche Schicksale hatte er nicht schon gesehen, was hatte er nicht mit Osterreich mitgemacht! Ruhm und Glanz, Not und Gefahr, Elementarsturme und Belagerungen![334] Es kam mir in dem Augenblick das ehrwurdige Gebaude mit seinen kolossalen Dimensionen, mit seiner altertumlichen Pracht, mit seinen, durch funf Jahrhunderte dauernden Mauern wie ein Symbol, wie ein Reprasentant von Osterreich und von seinem Kaiserhause vor. Waren es denn nicht einige der ersten Herzoge aus diesem Hause, welche den, von den Babenbergern gegrundeten kleinen Bau nach einem grossern Plan erweitert und in der Pracht hergestellt hatten, in der wir ihn noch sehen? Gerade wie auch das Haus Habsburg die anfangs kleine Macht der Ostmark endlich zu der Grosse von Bedeutenheit und Gewalt gebracht hat, deren sich Osterreich jetzt erfreuen durfte. Durch unsern werten Freund, Baron, jetzt Graf Rothkirch, der als Major vom Generalstabe mit der Armee fortgezogen war, bekam ich die erste ausfuhrlichere Nachricht von jenen Unglucksfallen. Sein Brief, in sehr dusterm Ton geschrieben, war aus einem kleinen Flecken an der bohmischen Grenze datiert. Er schickte mir durch einen vertrauten Menschen einen Teil seiner Barschaft, seine Karten und eine Kassette mit Papieren, um es zu verwahren. Wahrend aber jene Truppe sich nach Bohmen gezogen hatte, war die feindliche Armee uns schon ganz nahe gekommen. Der Hof, die Kanzleien gingen fort, die kaiserlichen Schatze, Galerien usw. wurden eingepackt und entweder fortgesandt oder an verlasslichen Orten verborgen. Zum vierten Male hatten wir eine Invasion des Feindes mit allen ihren Schrecken zu befurchten, zum zweiten Male sollte sie wirklich uber uns kommen, und um so furchtbarer, da man nicht bloss wie anno 1797 daran dachte, die Stadt zu verteidigen, sondern wirklich alles Ernstes [335] die Anstalten dazu getroffen, die Basteien mit Kanonen besetzt, die Zugbrucken an den Stadttoren in Gang gesetzt wurden, und die Vorstadte folglich dem Feinde oder dem Pobel preisgegeben werden sollten. Das war keine freundliche Aussicht, zumal fur uns, die die Lerchenfelder Bevolkerung von der ersten Hand zu erwarten hatten. Meine Mutter, damals schon hochbetagt, uberlegte, was zu tun sei. Viele rieten uns, von hier wegzugehen und taten es selbst; andere zogen, der personlichen Sicherheit wegen vor, sich lieber in die zu belagernde Stadt einschliessen zu lassen. Unter diesen war eine Familie, welche aus einer hochbetagten Mutter, zwei verheirateten, aber von ihren Mannern getrennten Tochtern und deren Kindern bestand. Diese trieb die Angst vor Volksaufstanden in die Stadt hinein, und es war auch wirklich zu verwundern, wie man, da eine Belagerung bevorstand, so viel unnutzes Volk in den Umkreis der Stadt aufnehmen mochte. Doch die eine der Tochter, eben jene schone und geistreiche Frau von Kempelen, welche mit unserm Freunde Streckfuss und dann noch mit mehr andern zartliche Verhaltnisse gehabt hatte, und die nun in unserm Hause einen neuen Magnet an einem sehr braven und interessanten Manne gefunden hatte, Frau von K. entschied sich, in der Vorstadt zu bleiben, und wenn wir sie aufnehmen wollten, die Tage der Gefahr mit uns und unsern Hausgenossen zu teilen. Meine Mutter hatte schon fruher, teils aus eigener Ansicht, teils auf den Rat eines sehr wurdigen Freundes, des Waisenhausdirektors Vierthaler, sich entschlossen, in ihrem Hause zu bleiben. Vierthaler hatte ihr namlich gesagt: wo Gott sie hingestellt habe, wo ihr liegendes Eigentum sei, das sie [336] ohne grossen Schaden nicht verlassen konne, dort sei ihr Platz bei Gefahren; und so blieb sie denn, und wir fingen an, fur die ersten Tage der Unruhe und Verwirrung einige Vorrate an Mehl, Hulsenfruchten, gerauchertem Fleisch, Schmalz usw. einzuschaffen und einstweilen auf dem Hausboden zu verwahren. Komisch war es, bei aller Angst und Besorgnis, die uns druckten, das Benehmen mancher von den alten Frauen, den Gesellschafterinnen meiner Mutter, zu beobachten, und ich habe einige Zuge aus jener Zeit in dem Charakter der Frau v. Volkersdorf in meinem Roman: Die Belagerung Wiens, aufbewahrt, wie sie von jeder Hockerin, jeder Magd sich Nachrichten holten, an die sie fest wie an offizielle Berichte glaubten; wie jedes ungewohnliche Getose sie in Angst versetzte, weil sie es fur Schusse hielten, und als die Feinde noch bei Linz standen, das Holzabladen in einer nahen Strasse fur fernen Kanonendonner gehalten wurde. Zum Gluck fur mich waren aber auch klugere Frauen in unserem Kreise, welche doch selbst, als Offiziersfrauen, eher ein Recht gehabt hatten, angstlich zu sein. Die Baronin Richler mit ihren beiden Schwestern, deren Mann an der Spitze eines Landwehrbataillons ausgezogen war, und die Baronin von Engelhardt samt einer Schwester, die fur den Mann, den Sohn und den Bruder zu zittern hatten, welche beim Regiment Deutschmeister standen. Und gerade diese waren die Ruhigsten, die Vernunftigsten, an deren Haltung und Fassung ich mich oft aufrichtete. Es war eine schone Fruhlingszeit im Anfange des Mais, und unser stiller Garten in der Alservorstadt jeden Abend und oft auch wahrend des Tages der Sammelplatz [337] des kleinen Kreises der Freundinnen und einiger hiergebliebener Freunde, welche die Nachrichten, die jedes vernommen, ihre Mutmassungen, dustern Besorgnisse oder geringen Hoffnungen einander mitteilten. Indessen ruckten die Feinde immer naher heran, und drangen endlich bis in die Vorstadte. Jetzt horte man wirklich ihre Schusse ziemlich nahe; die Tore der Stadt wurden gesperrt, unsere Burgerregimenter marschierten auf die Walle und bedienten das Geschutz. Wie in der letzten turkischen Belagerung geschah der Angriff von Seite der ungarischen Garde und der k.k. Stallungen gegen die Burgbastei und den kaiserlichen Palast. Hier stand einer unserer Freunde, der Hauptmann beim zweiten Burgerregiment, Barchetti, ein schoner, junger Mann mit seiner Kompagnie. Eine franzosische Kugel riss ihm den Schenkel weg, er wurde in die Stadt hinabtransportiert, sein Bruder (der jetzige Gubernialrat) geholt; er starb aber noch diese Nacht - vielleicht nebst wenigen Unbekannten das einzige Opfer von Bedeutung, welches diese Beschiessung gekostet hatte; denn er war ein hoffnungsvoller Mann in der Blute seiner Jahre und Vater von mehreren Kindern. Am Abend wurde das Schiessen von beiden Seiten starker. Lange bewahrten die Mauern der k.k. Stallungen die Spuren mancher Kugeln, welche von der befreundeten Stadt hinaus auf die Vorstadte flogen. Mit dem Einbruch der Nacht schien die Beschiessung der Stadt ernstlich zu werden, und in dem Masse, wie die Schusse naher, dichter fielen, wuchsen naturlicherweise unsere Besorgnisse. Man berichtete uns, dass wir vom Garten aus die Richtung und den Weg der Kugeln [338] sehen konnten. - Wir eilten in das Zimmer, welches in den Garten sieht, und das uns, freilich hinter Baumen und von andern nahern Gebauden versteckt, dennoch ziemlich richtig die Lage der Vorstadte, in denen die Franzosen mit ihrem Geschutze standen, und die Gegend der Stadt beurteilen liess, wohin sie ihre Schusse richteten, und woher die der unserigen kamen. Mit bangem Mute standen wir, Frau von K * * , der jungere Kurlander, ich und mein Mann, am Gartenfenster da, und sahen von der rechten Seite herein (von der Gegend des Spittelberges) die Haubitzen der Franzosen als weissglanzende zitternde Schlangen in fast horizontaler Bewegung gegen die Stadt hinfliegen - furchtbare Vogel, die Graus und Flammen dahintrugen, wo sie hintrafen, wahrend aus der Stadt linksheruber in majestatischem Bogen rotlodernde Bomben sich erhoben und sich auf die, vom Feinde besetzte Gegend herabsenkten. Das Krachen, der Donner des eifrig spielenden Geschutzes, das in solcher Nahe auch bald uns selbst zu erreichen drohte, hatte schon an und fur sich etwas sehr Beangstigendes; noch beangstigender aber war es fur uns, als wir rechts hinuber, also in der befreundeten Stadt, eine Lohe um die andere auflodern sahen und unsere Phantasie freien Spielraum hatte, sich jeden oder jede unserer liebsten Freunde jetzt in Feuers- oder Lebensgefahr zu denken! Es war eine furchtbare Nacht - durch die Menschen dazu gemacht! wahrend der Garten mit seinen Blumen und Baumen, vom hellen Monde beglanzt, im tiefsten Frieden der Natur vor uns lag! Pichler ging mit einer Seelenruhe, die ich mir wohl wunschen, aber nicht erlangen konnte, gegen zwolf Uhr von uns weg, legte sich zu Bette und schlief richtig [339] wahrend des Kanonendonners, der bis gegen drei Uhr morgens wahrte, ruhig ein. Wir ubrigen brachten diese Stunden wach und in grosser Unruhe zu, und ich stieg mehr als einmal zu meiner verehrten Nachbarin, der Baronin von Engelhardt hinauf, um bei ihr, die als sehr gescheite Frau, als Gemahlin eines Militars, und welche die Belagerung von Mainz mitgemacht hatte, mir ganzlich Unerfahrenen zu Rat und Trost sein konnte. Aber Trost gaben mir ihre Reden nicht, vielmehr gingen aus denselben grossere Besorgnisse hervor; denn es wurde mir klar, dass die heutige Nacht nur erst der Anfang bedrangterer Tage sein konne. Endlich horte der Kanonendonner auf, ich legte mich zu Bette und schlief ein paar Stunden. Als ich nach sechs Uhr in den Garten hinabging, und unserm alten Gartner, der in seiner Jugend Kanonier gewesen war, von den Schrecken dieser Nacht sprechen wollte, sagte der alte Soldat ganz ruhig: Gnadige Frau! Das wird und muss noch ganz anders kommen. Jetzt werden die Franzosen die Dacher der nachsten Hauser am Glacis abdecken und die Kanonen dort hinaufpflanzen, dann wird das Schiessen erst recht angehen. Des Mannes Meinung traf zu genau mit dem zusammen, was meine Freundin mir in der Nacht gesagt hatte, um mir nicht die lebhafteste Angst einzuflossen. Indessen - kein Schuss liess sich mehr weder aus der Stadt noch aus der Vorstadt vernehmen, und wie wir uns auf der Gasse umsahen, bemerkten wir zu unserer Beruhigung, dass auf den Dachern des Universalspitales, Findelhauses usw. schwarze Sicherheitsfahnen aufgesteckt waren, um diese frommen Anstalten vor den feindlichen sowohl als freundlichen Kugeln zu schirmen; denn das durften wir unsern Siegern wohl[340 ] zutrauen, dass sie solche Hauser, welche der leidenden oder der hilflosen Menschheit gewidmet waren, respektieren wurden. Und sie taten es auch bei jeder Gelegenheit, sowie sie sich, als sie spater die Stadt schon besetzt hatten, bei Unordnungen willig und gehorsam von unserer Burgergarde arretieren liessen, und so manchen >> Staberl<< als das Organ der offentlichen Ordnung und Sicherheit ehrten. Das sind eben die zwar seltenen, aber erfreulichen Zuge, an denen der unparteiische Beobachter das langsame, aber sichere Vorrucken der echten Sittigung wahrnehmen kann. Gegen acht Uhr uberraschte uns, und wahrlich nicht ganz angenehm, die unerwartete Nachricht, dass die Stadt ubergeben sei und die Franzosen sogleich Besitz davon nehmen wurden. So waren denn alle die Anstrengungen, so manches Leben, welches fur die Idee der Stadtverteidigung gefallen war, so viele Vorbereitungen und Entschlusse vergeblich - und das ganze eigentlich eine leere Ostentation gewesen! Da hatte man nicht bedurft, die Einwohner zu schrecken, sie so manchen Plackereien zu unterwerfen, so manches Haus den Flammen zu uberliefern, so vieler Menschen Gesundheit und Leben, die in der Nacht des Bombardements gelitten, aufs Spiel zu setzen, wenn der Widerstand nicht langer als vierundzwanzig Stunden dauern sollte. Wohl hatte die Vorstellung einer langern Belagerung und dessen, was die Vorstadte hatte betreffen konnen, viel Furchtbares fur uns; aber vieles, was nur im ersten Augenblick schreckte, war schon uberwunden, vieles hatte die Notwendigkeit ertragen gelehrt, zu vielem war ja jeder Osterreicher freudig entschlossen, wenn es das Wohl des Vaterlandes galt, um den Feind aufzuhalten und dem geliebten Erzherzog Karl die Moglichkeit [341] zu verschaffen, sich mit seiner Armee von der Nordseite her der Donau zu nahern und vielleicht der bedrangten Stadt glorreichen Entsatz zu bringen. Was hatte man nicht gern dafur ausgestanden? Das war nun alles vorbei! Von dem Bombardement, von dem Abdecken unserer Hauser und dem Auffuhren des Geschutzes - waren wir befreit. Kein Burgerblut brauchte mehr vergossen zu werden; aber das Ganze, so wohltatig und schonend es aussah, missfiel doch den meisten. Die Verbindung mit der innern Stadt war nun eroffnet, die feindlichen Truppen zeigten sich hier und dort und wurden nicht aufs beste empfangen, wie denn einer ihrer Offiziere, und was die Sache schlimmer machte, ein Parlamentar oder sonst Beauftragter auf der Laimgrube vom Pobel misshandelt und schwer verwundet wurde; denn der Hass gegen die Franzosen war ungemein gross unter dem Volke und fruher geflissentlich genahrt worden. Nun ruckten die feindlichen Scharen formlich ein, und die Einquartierungen nahmen ihren Anfang. Der erste Besuch derselben im Jahre eintausendachthundertfünf hatte uns mit der Idee, dergleichen Gaste aufnehmen zu mussen, vertrauter, und ihr anstandiges Betragen sie ertraglicher gemacht. Aber nun trat eine andere Bedrangnis ein. Der Hof hatte sich samt allen Kanzleien, Schatzen, Kassen usw. nach Ungarn begeben, und mit Osterreich, als einem vom Feinde besetzten Lande, sollte aller Verkehr aufhoren. Wir wurden also von Ungarn, woher die Hauptstadt den grossten Teil ihres Lebensunterhaltes bezogen hatte und noch bezieht, abgesperrt. - Nun brach der Mangel an Brot, Fleisch usw. sogleich aus. An den Backerladen standen die[342] Kunden oft halbe Nachte lang, um am Morgen, so wie geoffnet wurde, wenn auch selten ihren ganzen Bedarf, doch wenigstens einen Teil davon zu erhalten, und bei diesen druckenden Umstanden hatte jede Haushaltung beinahe noch einige fremde und oft sehr fordernde Gaste an ihren Einquartierten zu bewirten. Noch schmerzlicher indes als diese leiblichen Entbehrungen druckte uns alle der Mangel an zuverlassigen Nachrichten von dem offentlichen Stande der Dinge, von dem, was unsere Armeen machten, wo sie standen, wie es den beiden Erzherzogen Karl und Johann erging, was wir fur unser Geschick in diesen so wichtigen Verhaltnissen zu hoffen oder zu furchten hatten? Mit eifersuchtiger Strenge wussten die Feinde, die uns unter ihren eisernen Krallen hielten, jede Nachricht abzuhalten, und was unter der Hand einer dem andern mitteilte, hatte keine Autoritat und erwies sich auch fruher oder spater als unwahr. Das wusste man, dass der Erzherzog Karl am jenseitigen Donauufer lagerte, und Erzherzog Johann in Eilmarschen nach der Schlacht von Caldiero uber die steierschen Gebirge heranzog, um dem Feinde von hier entweder in den Rucken zu fallen, oder den Umweg durch Ungarn nehmend, sich mit seinem Bruder auf dem jenseitigen Lande zu vereinigen. So dauerte unsere bangliche Lage einige Tage fort, wahrend welchen unser einquartierter Offizier, ein artiger, selbst ein schoner, ubrigens aber unbedeutender Mann, uns benachrichtigte, dass wir ihren Kaiser in Schonbrunn bei einer Revue, die auf der Schmelz (den weiten Feldern zwischen Schonbrunn und der Lerchenfelder Linie) gehalten wurde, sehr gut sehen konnten. [ 343] Ich fuhr also mit meinem Schwager Kurlander und Frau von K * * nach Schonbrunn . Hier, sowie wir uns durch die Allee dem Schlosse naherten, war alles voll Menschen, Wagen und Pferden, herbeigezogen wie wir durch die Neugier, den ausgezeichnetsten Mann von ganz Europa zu sehen. Mir war schmerzlich zumute, ich kann es nicht leugnen, denn mein Gemut ertrug nur mit Widerstreben das Gefuhl des Fremdlingsjoches, und meine Erinnerungen fuhrten mich in die Zeiten meiner schonen Kindheit und Jugend zuruck, wo ich oft mit meinen Eltern hieher gekommen war und die edlen Gestalten der Glieder unsers Herrscherhauses in diesem Schlosse, in diesen Garten gesehen hatte. Jetzt wimmelte es im Schlosshof und vor demselben von den kaiserlich franzosischen Garden in den geschmackvollsten, reichsten Kostumen - obwohl etwas von den gewohnlichen Formen unsers Militars abweichend - Husaren z.B. in Pantalons; nie aber hatte ich auf einem verhaltnismassig kleinen Raum so viele schone Mannergestalten gesehen, als sich hier bei jedem Blicke zeigten, und es hatte das Ansehen, als ware die Wahl bei der Aufnahme in diese Korps nach den Vorschriften eines Winckelmann oder solcher Meister bestimmt worden. Eine gute Weile mussten wir mit unserm Wagen in der Allee halten und warten. - Endlich kam Bewegung in die uberall verstreute Menge der Zuseher sowohl als des franzosischen Militars, und nun erschien eine grosse Schar prachtig gekleideter Offiziere zu Pferde, die aus dem Schlosshofe uber die Brucke sich der Allee naherten. Sie kamen uns nahe - Gold- und Silberstickereien bedeckten die dunkeln Uniformen, Federbusche von allen Farben schwankten auf den[344] reichgallonierten Huten, Mutzen, Tschakkos usw. Es war die franzosische Generalitat, und in der Mitte der glanzenden Schar - der kleine Mann in schlichter gruner Uniform, mit dem dreieckigen kleinen Hutchen auf dem Kopfe!! Er war es - ich sah ihn ziemlich nahe, und kann mir seine Gestalt, seine Zuge noch jetzt vergegenwartigen. Da ritt er, der fremde Eroberer - der Usurpator, der Feind unserer Nation - aus demselben Schlosse, uber dieselbe Brucke, wo so oft die verklarte Theresia, der Kaiser Josef, unser Kaiser Franz herausgefahren oder geritten waren! Mein Herz wandte sich mir in der Brust um bei diesem Anblicke, mit diesen Erinnerungen vergesellschaftet, und ich konnte mich in jener tief emporten Stimmung des Wunsches nicht erwehren, dass doch auf irgendeinem Baume dieser Allee ein Tiroler Scharfschutze verborgen sitzen und einen Tellsschuss auf diesen mehr als Gessler tun mochte. Wieder vergingen einige schwergefuhlte Tage auf die vorige Weise, und ein trubes Ereignis in unserm Hause diente nur dazu, den Eindruck, den unsere ganze Lage auf die Gemuter ubte, zu verstarken. Ich habe schon ofters meiner verehrten Freundin und Hausgenossin, der Baronin Engelhardt, erwahnt. Ihr Gemahl war Oberst vom Regiment Deutschmeister. Bei Ebelsberg an der Traun, wo ein heftiges Gefecht vorgefallen war, wurde er, wie es schien, nicht gefahrlich unter dem Knie verwundet. Er liess sich nach Wien zu seiner Frau bringen, obwohl er hierdurch, da die Feinde sogleich einruckten, ihr Kriegsgefangener wurde. Niemand glaubte hier an Gefahr fur den Verwundeten, er war vielmehr sehr heiter, und seine Frau nahrte schone Hoffnungen einer frohen Zukunft. Da trat [345] plotzlich der Starrkrampf ein, und keine Rettung war moglich! Seine Frau hatte ihn unendlich geliebt, ihr Schmerz war grenzenlos, dennoch wusste sie ihn mit einer Kraft zu beherrschen, die uns alle in Erstaunen setzte und meine hohe Achtung fur die Ungluckliche sehr vermehrte. Die Anwesenheit der Feinde, die banglichen aussern Verhaltnisse machten es uns unmoglich, dem Verstorbenen die Ehre eines, seinem Range angemessenen Leichenzuges zu verschaffen, und er musste in der Stille begraben werden, was uns alle, besonders in jenen betrubten Tagen, noch eine Vermehrung unserer Leiden schien. Indessen war Pfingsten herangekommen (die Franzosen waren am Christi Himmelfahrtstage eingeruckt). Es war ein wunderschoner Fruhlingssonntag (21. Mai), als plotzlich ferner und doch lauter Kanonendonner an unsre Ohren schlug - das Kanonieren dauerte fort, wurde immer starker, haufiger - es war eine Schlacht - es war die unvergessliche Schlacht von Aspern, in der unser Erzherzog Karl zuerst den bisher Unbesiegten zum Weichen zwang. Zwar wussten wir von nichts mit Zuverlassigkeit und alles, was man sich von Nachrichten zu verschaffen vermochte, bestand in der Bespahung jener Donaugegend, woher die Schusse ertonten, namlich bei der Insel Lobau, deren Namen man bei dieser Gelegenheit erst kennen lernte, von den Turmen der Stadt. Was uns aber noch mehr als der ununterbrochene Donner der Kanonen von der Wichtigkeit des Gefechtes, welches in unserer Nahe vorging, und dessen Entscheidung so viel Einfluss auf unser Schicksal haben konnte, uberzeugte, waren die ungeheure Anzahl blessierter Franzosen, welche in den beiden Schlachttagen 21. und 22. Mai und noch mehrere [346] Tage nachher zu Fuss oder auf Wagen durch die St.-Marxer-Linie und bei der Leopoldstadt herein kamen. Sie alle aber verrieten wenig oder gar nichts von dem, was jenseits der Brucken vorgegangen. Sei es, dass strenge Gebote ihrer Vorgesetzten, sei es, dass eigene Nationaleitelkeit sie an Bekanntmachung ihrer misslichen Lage hinderte. Den zweiten Tag dauerte die Schlacht fort bis gegen Abend, wo endlich das Geschutz verstummte; aber erst spat oder vielleicht (ich erinnere mich dessen nicht mehr) am andern Tage verbreitete sich heimlich und flusternd das Gerucht von der Niederlage der Feinde, von der gesprengten Brucke, von dem zahlreichen Korps der Franzosen, das auf der Lobau abgeschnitten stand, von der heimlichen und einsamen Ruckfahrt des machtigen Heerfuhrers in demselben Kahne mit einem unserer kriegsgefangenen Generale (Weber) und nun erst wagte man, sich zu Hause und unbelauscht von seiner Einquartierung, angenehmen Hoffnungen und trostlichen Erwartungen hinzugeben. Es ward uns mehr als wahrscheinlich, dass der Erzherzog einen mehr als glanzenden Sieg uber unsere Unterdrucker erfochten hatte, und was im seinsollenden Spotte vom General Danube in den franzosischen Blattern stand, bestatigte eben, statt sie zu entkraften, unsere Vermutungen. Nun fingen wir an, auf nahe ganzliche Befreiung zu hoffen, und das Betragen der Feinde selbst half diese Hoffnungen vermehren. Ja man hat spater erzahlt, dass General Andreossy, der Kommandant der Stadt (vorher hier Gesandter), schon Befehl hatte, mit aller Mannschaft, die hier lag, die Stadt zu raumen und den Ruckweg nach Oberosterreich anzutreten. [ 347] Aber es verging ein Tag nach dem andern, und es geschah nichts. Noch immer liegt ein undurchdringliches Dunkel uber den wahren, aber geheimen Beweggrunden, welche damals den Erzherzog abhielten, seinen Sieg zu verfolgen, uber die Donau zu setzen und unsere Peiniger aus Wien zu verjagen. Ebenso unaufgehellt sind auch die eigentlichen Ursachen des spatern Ungluckes bei Wagram, und was die Veranlassung der nicht erfolgten Ankunft des Erzherzogs Johann mit seiner Armee aus Steiermark war. Doch hiervon an seinem Orte. Wir hatten indes unaufhorlich franzosische Einquartierung, die denn, wie das erstemal im Jahre 1805, mit uns wenigstens zu Mittag an einem Tische ass. Im ganzen durften wir uns nicht beschweren. Es ware meist artige, bescheidene Leute und manche darunter, wie z.B. ein sogenannter aide-major und Chirurg, Mercier geheissen, sehr gebildete Leute, mit denen man ganz angenehm hatte umgehen konnen, wenn der Gedanke, in welchen Verhaltnissen sie zu uns standen, mich wenigstens nicht immer gewaltig von dem Franzosen, dem Feinde abgestossen hatte. Zu unserer grossen Erleichterung wurde endlich die Sperre zwischen Ungarn und Osterreich aufgehoben. Es kamen wieder ungehindert Lebensmittel nach Wien, die Not und das Gedrange an den Backerladen horte auf, und unsere Lage war dadurch merklich gebessert. Ubrigens glich unsere Alservorstadt einem grossen Spital. Sowohl in der Kaserne als im eigentlichen Zivil- und Militarspitale lag alles voll Blessierter, und wenn sie so weit genesen waren, dass sie auf sein konnten, schlichen oder humpelten sie auf den Strassen umher und wurden bis zu ihrer volligen Heilung in die Privathauser verlegt. [ 348] So bekamen wir einen Halbkranken nach dem andern, konnten uns aber mit Grund uber keinen beschweren, und die stark vermehrten Ausgaben, die Beschrankung in wenige Zimmer ausgenommen, da wir z.B. einmal siebzehn Personen im Hause hatten, hatten wir im einzelnen wenig Verdruss; nur litt wohl jeder, der Gefuhl fur das allgemeine Wohl hatte, durch die Vorstellung von dem, was uns alle als Osterreicher noch bedrohte. So kam der Monat Juli und mit ihm die Schlacht von Wagram heran. Kanonendonner, obwohl ferner als bei der ersten Schlacht, verkundete uns abermals einen wichtigen Tag der Entscheidung. Aber diesmal war es unsern Mitburgern nicht mehr gegonnt, von Kirchturmen oder andern hohen Platzen ferne Zeugen des Kampfes zu sein. Die Franzosen hielten alle diese Orte mit Wachen besetzt, die niemand hinaufzusteigen erlaubten und nur, wenn sich hier und da in einem Privathause zufalligerweise ein solcher hochgelegener Raum, ein Turm, ein Belvedere usw. befand, war es einigen Personen moglich, etwas zu beobachten. Aber schon das Gehor belehrte uns, wie oben gesagt, dass diesmal der Schauplatz des Gefechtes viel weiter entlegen sei. - Dennoch horchten wir mit banger Erwartung, ob der Schall des Geschutzes sich nahere oder entferne. Das erste ware uns ein gunstiges Zeichen vom Zuruckweichen der Feinde und dem Vordringen des Erzherzogs gewesen. Wirklich horten wir mit unaussprechlicher Freude den Kanonendonner sich nahern. Man fing an zu hoffen - da sandte Napoleon den bayerischen Truppen, die denn wie alle abtrunnigen Rheinbundler ihre Schwerter gegen ihre Landsleute gezogen hatten und in der Gegend herumlagen, Befehl, uber die Donau hinuber, der franzosischen Armee, [349] die der Erzherzog zum Weichen gebracht hatte, zu Hilfe zu eilen. Gegen elf Uhr marschierten die Bayern unter demselben Furst Wrede, der nun eine so schone Besitzung in unserm guten Osterreich inne hat, uber die Brucken hinaus, und nicht lange darnach entfernte sich der Schall des Geschutzes wieder. Mit truber Ahnung sahen wir, was geschehen wurde - die gehoffte Vereinigung des Erzherzogs Johann mit dem Heere seines Bruders erfolgte nicht. - Auch uber diesem Faktum ruht jetzt noch, nach beinahe dreißig Jahren, ein undurchdringliches Dunkel, aus welchem verschiedene, je nachdem sie zur einen oder andern Partei gehoren, eine Schuld auf der Seite eines der beiden hohen Bruder herausdeuteln wollen, das aber vielleicht erst die Folgezeit, wenn ira et studium aufgehort haben, richtig entratseln wird. Genug, die Schlacht ging, trotz ungeheuren Anstrengungen von Seite unserer Armeen, verloren. Unzahlige Blessierte wurden wieder nach Wien und in die umliegenden Ortschaften verlegt, von wannen sie, wenn sie ein bisschen hergestellt waren, wieder in die Privathauser einquartiert wurden. Auch wir verloren in dieser Schlacht einen Verwandten. Der Hauptmann Kurlander, Schwager meines verstorbenen Bruders, blieb in dieser Schlacht, und es war uns bei diesem Verlust eine Art von Trost, dass eine Kanonenkugel seinem Leben und seinen Leiden ein schnelles Ende gemacht hatte. Nun gab es wieder halbgenesene Offiziere bei uns, und uberhaupt war die Stadt angefullter als je. Alles wimmelte von kranken und gesunden Franzosen, und jetzt kam auch der unangenehme Nachtrab einer Armee - eine zahllose Menge sogenannter Employes, welche weit schlimmere Gaste waren als die [350] eigentlichen Combattants. Unter diesen aber erwiesen sich im ganzen - Ausnahmen gibt es uberall - meiner Erfahrung nach die Unteroffiziere, Sergents majors u. dgl. grossenteils als bescheidene, ordentliche Leute, bei denen man noch den Vorteil hatte, dass man ihnen das Essen auf ihre Zimmer schicken, und sie nicht gerade an dem Familientisch haben durfte. Sie waren meistens Burgerskinder, Sohne stiller, achtbarer Familien, und nicht selten diejenigen, welche ihre wilderen Offiziere zu beschwichtigen und Ruhe und Ordnung im Hause zu erhalten verstanden. Mit freundlicher Empfindung erinnere ich mich eines Reiterunteroffiziers - Brigadier du logis war sein Titel - eines hochgewachsenen Mannes von gesetzten Jahren und wurdigem Aussehen, der, als meine Mutter ihn nebst sei nen drei Gefahrten nicht aufnehmen wollte, weil das Haus schon uberlegt war, sagte: Gardez nous toujours Madame, nous sommes des bons enfants. Und wirklich erwiesen sie sich als solche. Sie fuhrten z.B. morgens ihre Pferde, wenn sie zur Revue sollten, am Zugel uber den Hof und sassen erst vor dem Tore auf, um uns durch das Getrappel auf dem Hofpflaster nicht im Schlaf zu storen, und verhielten sich uberhaupt sehr anstandig. Wer weiss, auf welchen Schlachtfeldern sie nun begraben liegen? Ob sie von denen sind: Und die im kalten NordenWohl unter Schnee und Eis,Und die in Welschland liegen,Wo ihnen die Erde so heiss. (Nachtliche Heerschau.) Noch eines Einquartierten muss ich gedenken, der uns merkwurdig war. Ein sehr junger Leutnant, Raymond mit Namen, ein Zogling der polytechnischen Schule, ein wahres Kind der Revolution. Mit einem[351] erstaunenswurdigen Wissen in den meisten Fachern und einer umfassenden Belesenheit in den alten Klassikern und in denen der neueren Zeit, verband er eine Gleichgultigkeit gegen alle aussern Formen und eine stoische Kalte gegen alles, was ihn umgab. So bin ich uberzeugt, dass er beinahe nie wusste, was er ass, weil er stets und uber lauter interessante Dinge mit uns stritt und den Disput, wenn wir ihm nur ausgehalten hatten, bis zum Nachtessen fortgefuhrt haben wurde. Als meine damals zwolfjahrige Tochter, mit der er sonst jeden Mittag gegessen hatte, freilich ohne an sie einmal ein Wort zu adressieren, an der Ruhr erkrankte, welche damals der vielen Soldaten wegen epidemisch war, fragte er nie nach dem Kinde, ja, ich glaube, er hatte gar nicht bemerkt, dass sie durch viele Tage nicht am Tisch erschienen war. Auch dieser Mensch lebt wahrscheinlich nicht mehr; denn ihm standen noch die Tage an der Beresina, bei Leipzig und Hanau bevor. Friede seiner Asche! Vielleicht hatte er ihn mit seiner Gemutsart auf Erden ohnedies nicht gefunden. Eines Tages muss ich an dieser Stelle erwahnen, der in seiner Art merkwurdig ominos und hochst unangenehm war: Napoleons Geburtsfestes am fünfzehn August, an welchem allen Bewohnern Wiens geboten wurde, in der Stadt und in den Vorstadten abends ihre Fenster zu illuminieren. Eine befohlene Freudenbezeugung, die sonst gewiss unterblieben ware, und uns ahnen liess, dass gar manchmal die Zeitungen uns ein ahnliches Fest als Ausdruck der allgemeinen Volksfreude berichtet haben mochten, das ahnlichen gebotenen Ursprunges war. Schon am Tage zuvor ereignete sich ein schreckender Zufall, herbeigefuhrt durch die Praparativen [352] zu dem sehr brillanten Feuerwerk, das den folgenden Abend in den Donauinseln statthaben sollte, und zwar durch den Leichtsinn der Franzosen. Auf der Schottenbastei, nicht weit von dem kaiserlichen Zeughause, hatten sie eine Hutte errichtet, in welcher sie die Zubehor zu dem Feuerwerk bereiteten, und, sowie uns unsere einquartierten Offiziere selbst erzahlten, mit dem Pulver hochst unvorsichtig umgingen. Da geschah nun am Vormittag des Vorabends eine heftige Explosion, die Hutte sprang in die Luft, mehrere Arbeiter wurden getotet, und nicht ohne Grund furchtete man Gefahr fur das Zeughaus, in dem viele gefullte Bomben lagen, und somit fur die ganze Stadt. Ominos schien uns Wienern diese Vorbereitung zur Feier des Geburtstages unsers Drangers, aber es war uns befohlen, uns zu freuen, und so stellte denn jedermann einige Kerzen vor die Fenster. In der Stadt waren selbst einige Transparente mit - ich erinnere mich nicht mehr - welchen Vorstellungen oder Sinnbildern zu schauen. Nur eines schien mir sehr merkwurdig, das sich, wenn ich nicht irre, in einer von den, in die Karntner- oder Bischofsstrasse ausmundenden Gassen bei einem kleinen Kramer fand. Es war ein massig grosses Transparent mit folgenden Zeilen: Zur Weihe An Napoleons GeburtS FEST. und hiess eigentlich, wenn man die grossen, mit anderer Farbe gezeichneten Buchstaben zusammen las: ZWANGSFEST. - Ein kostlicher Einfall! Er enthielt keine Schmahung uber den Dranger, und druckte [353] doch die Stimmung dieses Mannes, welche wohl die allermeisten Bewohner Wiens mit ihm teilten, auf sehr sinnreiche Weise aus. Eine Marter eigener Art begann nun fur uns Osterreicher, die mit warmen Herzen an unserm Kaiserhaus und Vaterland hingen, und das waren die sukzessiven Nachrichten und Erzahlungen von den Friedensartikeln, welche jetzt, da nach der unglucklichen Schlacht bei Wagram, Waffenstillstand geschlossen worden, zwischen Champagny und dem damaligen Grafen Metternich abgehandelt wurden. Da uns alle verlasslichen Nachrichten unmittelbar von unsern Leuten fehlten, so mussten oder sollten wir alles glauben, was die Franzosen aus eigener Ansicht oder Rodomontade uns aufheften wollten. Dazu kam noch, dass gar viele hier lebten, die es im Herzen mit den Feinden hielten, und alles, was uns nachteilig klang, als das Wahrscheinlichste begierig auffassten und eifrig verbreiteten. Dass Tirol, das edle, treue Land, nachdem es durch unsagliche eigene Anstrengungen sich selbst vom Joche der Feinde befreit hatte, doch wieder an Bayern, das sich so undeutsch in jeder Rucksicht gegen Osterreich bewiesen hatte, verloren werden sollte, war schon ausgemacht und erregte den tiefsten, unwilligsten Schmerz bei allen echt osterreichischen Herzen; aber die Grenzlinie der abzutretenden Lander wurde im Anfange, wenigstens durch das Gerucht, so nahe gezogen, dass man hatte daruber verzweifeln konnen. Allmahlich erweiterte sich aber diese Schranke, ging uber die Steiermark hinaus und uber Ungarn, und schloss sich zuletzt an dem illyrischen Konigreiche. Ich will auch glauben, dass dies nicht bloss Gerucht, sondern wirklich der Gang der Unterhandlungen war,[354] und dass der Sieger im Beginne seine Forderungen nicht hoch genug spannen zu konnen glaubte. Haben es seine Leute doch mit allen ihren Forderungen also gemacht, und wenn sie schrieben: Je vous invite (das war der Ausdruck) de nous fournir 10,000 rations de pain oder de foin usw., so waren sie zuletzt mit 4000 oder 3000 auch zufrieden. So kam endlich der Herbst heran, und mit ihm ein Anfang des geselligen Lebens. Bei meiner treuen mutterlichen Freundin Flies lernte ich zwei sehr ausgezeichnete Manner kennen, welche dem franzosischen Kaiser nach Wien gefolgt waren, den beruhmten Reisenden Denon und den Grafen Alexandre De la Borde. Der erste war wahrscheinlich jetzt wahrend der Unterhandlungen berufen worden, um sich hier in Bibliotheken und Kunstsammlungen umzusehen und zu nehmen, was ihm und seinem Kaiser gefiel; der zweite, De la Borde, war mit der Direktion der kaiserlichen Domanen beauftragt, und der Tiergarten wurde damals ziemlich von Baumen entblosst, welche die Franzosen fallen und verkaufen liessen. Denon, ein ansehnlicher Mann von sechzig Jahren ungefahr, dessen bedeutende Zuge und halbkahler Scheitel an die Darstellungen des Apostels Petrus erinnerten, war im Umgange hochst angenehm und ganz so, wie ein echter Gelehrter, der zugleich Welt hat, sein sollte. Sein vieles Wissen, seine zahlreichen Kenntnisse traten in der Gesellschaft nie ungerufen hervor. Nur ihr Resultat, eine geistreiche Unterhaltung, und ein gebildetes, grundliches Urteil uber jeden vorkommenden Gegenstand gab sich im Gesprache kund. Brachte man ihn aber geflissentlich auf irgendeine Sache, eine Begebenheit, die in sein Fach einschlug, [355] fragte man ihn geradezu um irgend etwas der Art, dann gab er auch mit Redseligkeit Bescheid, und wusste die Gesellschaft mit Anekdoten und einzelnen Zugen seiner Erlebnisse geistreich und belehrend zu unterhalten. Er liess sich auch bei uns vorstellen, zeichnete meine Mutter sehr aus und lieferte mir durch seine Erzahlungen Stoff zu ein paar Novellen, um deren Bearbeitung er sich hochlich interessierte. Meine Tochter, damals noch fast ein Kind, spielte schon ziemlich artig Fortepiano, in welcher Kunst ich sie selbst unterrichtet hatte. Es kam die Rede darauf; Denon hatte gern das organisierte Piano, das ich damals noch besass, gehort; Lottchen wurde aufgefordert, zu spielen und machte es recht artig, wofur ihr denn der galante Denon die Hand kusste. - Das war dem Madchen noch nie widerfahren, und es war komisch anzusehen, wie Freude und Verwirrung, Respekt vor dem ubergelehrten Herrn, den sie als etwas Aussergewohnliches betrachten gelernt hatte, und Gefuhl der eigenen Wichtigkeit, die ihr dieser Handkuss zu geben schien, sich in dem lieblichen Gesichtchen malten. Wenn nun Denon durch Geist und Kenntnisse sowie durch sein von aller Pedanterie entferntes Betragen einen vorteilhaften Eindruck auf die Gesellschaft machte, so flosste De la Borde ein Interesse ganz verschiedener Art ein. Ohne Anspruch auf Schonheit zu machen, waren Figur und Zuge dieses Mannes, der kaum sein vierzigstes Jahr erreicht haben mochte, sehr angenehm. Vor allem hatte der ernste, beinahe dustere Ausdruck seiner blauen Augen etwas Anziehendes, sowie uberhaupt sein ganzes Wesen durch diesen Ernst und eine gewisse ruhige Wurde mehr etwas Deutsches als [356] Franzosisches verkundigte. Auch hatte er fruher, wie ich erfuhr, wahrend der Revolution, in der sein Vater und seine Bruder unter der Guillotine starben, eine Weile in osterreichischen Kriegsdiensten als Rittmeister unter Kinsky Chevauxlegers gestanden, und wahrend seines damaligen Aufenthaltes in Wien sich viel auf der kaiserlichen Bibliothek aufgehalten, wo er sich wissenschaftlich beschaftigte und Deutsch erlernte, was er denn auch ziemlich gelaufig sprach. Ich habe De la Borde viel seltener gesehen als Denon, und eben deswegen, sowie auch seines ernsten, weniger mitteilenden Sinnes wegen nicht soviel mit ihm als mit jenem gesprochen, aber die Erinnerung an ihn wird mir stets werter bleiben, weil in dem, was und wie er sprach, z.B. in seinen Ausserungen uber Chateaubriand, den er seinen Freund nannte und mit schoner Warme von ihm redete, sich mir ein viel tieferes Gemut und ein ernsterer Geist zeigte, als bei dem zwar liebenswurdigen, aber durchaus franzosischen Denon. Spater las ich den Roman der Frau von Fouque: >> Das Madchen aus der Vendee<<, und in diesem ist ein Franzose Sombreuil (wenn ich nicht irre) geschildert, von dem ich immer dachte, er musse ausgesehen und sich gezeigt haben wie Graf De la Borde. Allmahlich kam es nun zum Friedensschluss, und wie ungunstig dieser fur Osterreich ausfiel, wie das teure Tirol, die Lombardie, Venedig, Dalmatien, Karnten mit Krain, Salzburg usw. verloren gingen, weiss die Welt ohnedies. - Es war eine schmerzliche Zeit fur jeden, dem sein Vaterland teuer war. Der franzosische Kaiser hielt sich nun meistens in Schonbrunn auf, wohin er abwechselnd das deutsche Schauspiel und die Oper kommen liess, um dort auf[357] dem kleinen Theater des Palastes zu spielen. Denon hatte versprochen, uns einmal Billetten zu verschaffen, und er hielt Wort. Mit Frau von Flies fuhr ich in einem Postzug, mit vier Maultieren bespannt, nach Schonbrunn. Die Equipage gehorte einem ihrer Bekannten, einem franzosischen General, und ich fand zu meinem Erstaunen, dass diese vier sehr wohlgebildeten braunen Tiere mit uns so schnell davon liefen, als waren es englische Hengste gewesen, und also durch nichts als die langeren Ohren an ihre Zwitterabkunft erinnerten. Im Theater, das sehr niedlich und wohlgebaut ist, angekommen, fanden wir die Galerien mit lauter franzosischer Generalitat in strahlenden Uniformen besetzt, und Frau von Flies nannte mir einige ihrer Bekannten. Der Vorhang war noch zugezogen, man wartete auf den Kaiser. Nachdem dies eine feine Weile gedauert und mir Zeit gelassen hatte, einen vergleichenden Ruckblick auf unsern vaterlichen Monarchen zu werfen, der stets die Ordnung selbst war, punktlich die Stunden einhielt und nie das Publikum oder die Behorden warten liess, erschallte plotzlich gegen acht Uhr ein gaher und lauter Trommelwirbel, der die Ankunft des Kaisers verkundete, und ich konnte abermals nicht umhin, dies unfreundliche Getose mit dem unheimlichen Gerolle zu vergleichen, womit bei uns eine Feuersbrunst, folglich ein Ungluck, angekundigt zu werden pflegt. Ach, ein Ungluck, und ein grosses fur uns war ja die Anwesenheit dieses Mannes im Lustschloss unserer Monarchen! Er kam und setzte sich, ein Komodienbuch in der Hand, in der Loge nieder; hinter ihm standen seine Adjutanten oder wer die Herren waren, einen darunter, [358] General Duroc, nannte mir meine Freundin. Da war er nun, der Erderschutterer, der Mensch, der an allen Thronen Europas geruttelt, manchen schon umgesturzt, manchen seiner besten Grundfesten beraubt hatte! Was konnte er noch tun wollen, er, dem, wie es schien, nichts unmoglich war, und in dessen absoluten Willen unser aller Geschick gegeben schien? Das waren meine Gedanken, wahrend ein Akt des Sargines, und dann ein kleines Divertissement vor uns aufgefuhrt wurde, auf welches meine Seele viel weniger achtete, als auf den Furchtbaren da oben in der Loge - den ein Schuss von geschickter Hand, so wie er sorglos da sass, herabsturzen und somit allen seinen welterobernden Planen und dem Elend, das er uber die Menschheit gebracht hatte und noch bringen konnte, ein Ende hatte machen konnen. Jener Erfurter, der bald darauf bei einer Revue in Schonbrunn ergriffen wurde, mochte Ahnliches gedacht haben. - Viele - viele Menschen in Deutschland dachten damals ebenso, und jetzt - wo dies unheilbringende Meteor schon lange vor seinem wirklichen Tode einsam erloschen ist, jetzt sehen so viele einen Verfechter der Freiheit, einen Helden der Humanitat in ihm, und scheinen alles vergessen zu haben, was sie selbst oder ihre Eltern durch ihn gelitten. Wohl mag sein tragisches Geschick viel zu dieser versohnenden, mildern Ansicht beigetragen haben. Auch bin ich weit entfernt, das Mitgefuhl zu tadeln, das jeden wohlgesinnten Menschen ergreifen muss, wenn er sich diesen Mann, dem einst ganz Europa gehorchte, der nutu tremefecit olympum, dessen Willen durch 12-15 Jahre das Gesetz der Welt war, als Gefangenen und als hartgehaltenen, [359] despotisch behandelten Gefangenen seiner erbittertsten Feinde dort auf dem einsamen Eiland, von Weib und Kind getrennt, denkt. - Niemand hat wohl dies sein Geschick und sein Ende mit echterm christlich philosophischem Blick erschaut und geschildert, als Manzoni in seinem Cinque maggio. - Ebensowenig konnte oder kann ich in das Urteil derjenigen einstimmen, welche in Napoleon einen grausamen Tyrannen, einen fuhllosen Krieger sahen. Jene Befehle de balayer le pont (namlich von den Donaubrucken die Verwundeten mit den Toten ins Wasser zu werfen), jene Vergiftung der Pestkranken in St. Jean d'Acre usw. mussen - wenn sie je wahr waren - ihm gewiss nur durch eine zwingende Notwendigkeit, die sein militarisches Genie als solche erkannte, aufgedrungen worden sein. Aber grosse, unbeschrankte Macht ist eine der gefahrlichsten Gaben fur den Menschen, und die Klippe, an der meist sein sittliches Gefuhl scheitert. Wer tun kann, was er will, tut selten, was er soll - pflegte meine sehr verstandige Mutter zu sagen. Das war Napoleons Sunde, und er machte sich ihrer im vollen Masse schuldig; obwohl manche mit dem geistreichen Franzosen Villers glauben, dass er noch mehr wegen des Guten, was er hatte tun konnen und sollen, und aus selbstsuchtigen Rucksichten zu tun unterliess, anzuklagen sei. Wie immer diese Beschuldigungen gestellt werden mogen - so viel ist sicher, dass sein Ubermut ihn leitete und endlich verleitete, Russland in seinem furchtbaren Klima aufzusuchen und bezwingen zu wollen. Damals, wie ich ihn so im Theater in der Loge unserer Kaiser sitzen sah, fasste wohl weder ich noch sonst jemand die Moglichkeit, dass es dahin kommen sollte,[360] und ich betrachtete ihn, solange ich dort war, immer mit dem Gefuhl innerlichen Hasses. Im ganzen war auch seine Erscheinung nicht ansprechend. Zu klein und zu stammig, um fur gutgewachsen zu gelten, hatte seine Gestalt auch nichts Edles oder Imposantes. Seine Zuge - das was eigentlich die Physiognomie bildet, Augen, Stirn, Nase und Mund - waren regelmassig, das Kinn besonders schon, ganz antik aufgebogen wie an einem Antinouskopfe. Aber diese edlen Lineamente verloren durch die breite Fleischmasse des allzuvollen Gesichts, die sie umgab, und nicht einmal durch einen Backen- oder andern Bart begrenzt wurde, den grossten Teil ihres Adels und ihrer Bedeutung. So bekam das Ganze - Gesicht und Figur zusammen - nach meinem Gefuhle etwas Gemeines, und ich bedauerte, dass ich die Idee der tiefen und dustern Zuge auf dem Kupferstiche, wie er in der Schlacht von Arcole die Fahne ergreift, gegen dieses wohlgenahrte Pralatenantlitz vertauschen musste. Der Friede war abgeschlossen, die Feinde sollten nun bald abziehen, und schon begann ein, obgleich noch seltener Verkehr zwischen der Stadt und der noch fernen Armee. Eines Abends trat ich bei Frau von Flies ein. - Welche Freude! Eine osterreichische Offiziersscharpe hing uber die Lehne des Sofa, und ein kaiserlicher Degen mit dem goldenen und schwarzen Portepee lehnte daneben. Mir ging das Herz in wehmutiger Freude auf. Wie lange hatte mein Auge diese, eben durch die Entfernung so wertgewordenen Abzeichen nicht gesehen! Ohne zu wissen, wem sie gehorte, druckte ich, da ich mich allein im Zimmer befand, die vaterlandische Scharpe an meine Lippen, und begrusste so [361] im Geist das befreundete tapfere Heer in dem unbekannten Einzelwesen. Ins Kabinett der Frau vom Hause getreten, erblickte ich dieses bald in voller Uniform und erfuhr, dass es ein als Schriftsteller sowie uberhaupt als geistreicher Mann ausgezeichneter Preusse, Herr Varnhagen war, der, wie so manche seiner Landsleute, osterreichische Dienste genommen und den gegenwartigen Feldzug mitgemacht hatte, wie denn auch ein Aufsatz von ihm uber die Vorfalle desselben erst neuerlich in einem historischen Taschenbuche erschienen ist. Damals war er ein junger Mann, und noch nicht durch seine eigenen und seiner nicht minder beruhmten Frau geistspruhende Schriften merkwurdig geworden; aber schon damals war seine Unterhaltung sehr lebhaft und geistvoll, und schon damals sprach sich sein eminentes Talent, Charaktere zu schildern, freilich nur erst in hochst charakteristisch aus Papier ausgeschnittenen Figurchen aus. Denselben Abend waren auch De la Borde und Denon zugegen, und die Stunden verflossen angenehm im Kreise so hochgebildeter Personen. Endlich verliessen die fremden Truppen die Stadt und das Land, und nur wenige blieben in Wien, welche durch irgendein noch zu berichtigendes Geschaft hier aufgehalten wurden. Nun durften wir endlich der Ankunft unsers Kaisers, des Hofes und der langabwesenden Freunde entgegensehen. Welches Wiedersehen nach so vielen Leiden, nach so viel Ungluck und Verlust im Vaterlande! Und wie geschah es so ganz anders, als wohl jedermann geglaubt hatte! Es war am siebenundzwanzig November eintausendachthundertneun an einem truben Herbstabend, wie sie in dieser Jahreszeit zu sein pflegen, als unser geliebter Kaiser, vermutlich um auf keine [362] Weise Aufsehen zu erregen, in der Husarenuniform seines Regimentes, wie man ihn hier nicht gewohnlich zu sehen pflegte, nur vom einzigen Grafen Wrbna begleitet, in einer unscheinbaren und, wie man erzahlte, sogar bepackten Chaise zum Stubentor, etwa um vier Uhr nachmittags, in die Stadt hereinfuhr. Aber sein Volk erkannte auf der Stelle den geliebten Vater. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht durch die Strassen. - Alles lief zusammen, bald ward der Wagen umringt, und unter lautem Vivatrufen und dem Freudenjubel des Volkes in die Burg begleitet. Ein Franzose von den wenigen Zuruckgebliebenen, der am Stephansplatze auf einem Eckstein stehend, dieses Schauspiel mit ansah, soll sich nicht haben enthalten konnen auszurufen, indem er einem Burger auf die Achsel klopfte: Braves Volk! In der Burg angelangt, wo sich schon eine zahllose Menschenmenge zusammengefunden hatte, war das Gedrange an und auf der Treppe so gross, dass sie ihren geliebten Monarchen, wenn er es nur gestattet hatte, auf den Schultern bis in seine Gemacher getragen hatten. Binnen einer Stunde wusste man im ganzen Umkreis der weiten Vorstadte die frohe Kunde, und so wie es ganz dunkel ward, entbrannte - wie in allen Herzen - so auch in allen Fenstern der Stadt und Vorstadte eine - nicht gebotene, nicht vorbereitete, eine wahrhaft aus Liebe und Treue improvisierte Illumination. - Die Leute waren ganz freudetrunken - der Kaiser war wieder da! die Feinde abgezogen - das alte Osterreich konnte wieder ins Leben treten! Schwarmer und Raketen, Poller und Freudenschusse knallten den ganzen Abend und die Nacht durch die dunkle Luft! Es war ein grosser, ein herrlicher Tag - um so grosser, [363] um so herrlicher, weil er nicht auf Sieg und Triumph folgte, sondern im Ungluck, nach Verlust und Schmerzen die alte Liebe und Treue nur desto glanzender sich erwies. * * * Das ungluckliche und doch fur Osterreich in so vielem Sinne ehrenvolle Jahr eintausendachthundertneun war nun voruber. Unsers geliebten Kaisers heldenmutiger Bruder hatte den bisher Unbesiegten in einer grossen Schlacht uberwunden, und unser Osterreich hatte, wie Korner in der Schlacht von Aspern bald darauf sang: Einen Tag und einen Mann! Es hatte sich starkmutig und kraftig gegen den Feind, in ruhrender Treue gegen sein Herrscherhaus, und mitten in Bedrangnissen mildtatig und menschenfreundlich auch gegen leidende Feinde gezeigt; es hatte endlich den unerschopflichen Reichtum seines von Gott gesegneten Bodens durch die Menge von Lebensmitteln bewiesen, welche trotz allem, den Sommer uber notwendig gewordenem Verbrauche, bei so zahlreichen Heeren, die in Osterreich lagen, und bei der nicht zu vermeidenden Verschwendung, welche dabei statt hatte, jetzt, da die Feinde abgezogen waren, auf unsern Markten erschienen, gleich als waren gar keine ungebetenen Gaste dagewesen. Aber aller dieser trostlichen Betrachtungen ungeachtet, blutete es aus zu vielen Wunden, als dass seine Bewohner sich nicht gebeugt, entmutigt und von gerechter Furcht und Sorge fur die nachste Zukunft in Rucksicht des Allgemeinen, und somit auch des einzelnen hatten erfullt sein sollen. Was war nicht schon geschehen! Tirol - das nie zu verschmerzende Tirol - die Lombardie und Venedig, Triest, das Littorale [364] und sogar auch Innerosterreich waren vom Staatskorper abgerissen, und der ubriggebliebene Teil musste bei jedem eroberungslustigen Einfall, der den Ubermachtigen und Ubermutigen anwandelte, um seine direkten und indirekten Staaten zu vermehren, gewartig sein, fruher oder spater in diesen Abgrund einer Universalmonarchie verschlungen und Gott weiss welchem rheinbundischen Fursten oder welchem Napoleoniden als leichte Beute zugeworfen zu werden! Das waren unsere Aussichten, das waren wenigstens die Moglichkeiten, die - was wohl niemand mit Grund bestreiten konnte - nachstens zu Wahrscheinlichkeiten und dann auch zu Gewissheiten werden konnten. Das war das Schicksal, welches der alten, durch 500 Jahre langsam aus kleinem Anfange aufgekeimten und durch lauter rechtlichen Erwerb, nicht durch blutige Eroberungen zu solcher Grosse und Macht emporgewachsenen Monarchie, wie sie unter Maria Theresia und Kaiser Josef und bis ans Ende des achtzehnten Jahrhunderts gewesen, bevorstand. Wie das alles in mein Herz eingriff, wie es mir alle menschliche Grosse und Hoheit, alles menschliche Gluck uberhaupt als unstet, nichtig und durchaus ungenugend darstellte, kann ich nicht mit Worten ganz erklaren. Es war ein tiefes, elegisches Gefuhl, das sich nach und nach meiner bemeisterte, mich die Welt mit allen ihren Hoffnungen, Freuden und Bestrebungen wie ein Schattenspiel betrachten machte und an gar kein bleibendes Gluck mehr glauben liess. Dazu kam noch eine andere Bemerkung, welche jenen Betrachtungen einen Tropfen Bitterkeit mehr beimischte. Obgleich selbst nicht von altadeliger Geburt, hatte doch diese Institution - die Idee des Adels, [365] fur mich immer etwas sehr Poetisches und Wurdiges gehabt. Gerade weil eine altadelige Geburt etwas war, was keine Industrie, kein merkantilisches Bestreben, keine noch so hochsteigende Eitelkeit den Ringenden geben konnte; weil sie - wie man gewohnlich zu sagen pflegt - vom Zufall, eigentlich aber von der Hand der Vorsicht jenen geschenkt und diesen auf ewig verweigert wurde, erschien sie mir wie die Gunst der Musen, von der Tasso sagt:- das, was die Natur allein verleiht,Was jeglicher Bemuhung, jedem StrebenStets unerreichbar bleibt, was weder Gold,Noch Schwert, noch Klugheit, noch Beharrlichkeit Erringen kann. Auch fand ich fur die Nachkommen etwas Erhebendes, Anregendes in der Betrachtung der Verdienste ihrer Ahnen. Es schien mir begeisternd zum Guten, so in einem Saale, in dem die Familiengemalde dem Enkel von den Wanden herab entgegenblickten, und er gleichsam vor den Augen seiner Vater wandelte, sich die Beispiele wurdiger Menschen, deren Blut auch in des Enkels Adern wallt, zur Nacheiferung vorzustellen. Und wenn von unsrer Marmorsale Wanden Die Ahnenbilder auf uns niederschaun, Wie konnten wir ihr Angedenken schanden? - - - Dass es dennoch oft geschieht, dass so viele Nachkommen grosser oder wenigstens wurdiger Vater unwurdig und klein handeln, weiss ich wohl, auch dass nicht alle die Herren in Harnischen und Allongeperucken, welche hier und dort in solchen Galerien abgemalt sind, ehrenwerte Manner und nachahmungswurdige Beispiele gewesen; aber das andert nichts an der allgemeinen Idee des Adels, und benimmt ihm nach meinem Gefuhl nichts von dem Poetischen, was er von jeher [366] fur mich hatte. Es ging mir in der romischen Geschichte ebenso, und sei es nun die Darstellungsart des Livius, oder eine angeborne Weise zu empfinden - bei mir hatten die Patrizier immer recht gegen die Plebejer. Ich konnte jener Schwester einer Konsulsfrau ihren burgerlichen Hochmut nicht verzeihen, der im Grunde kein besserer war als der Adelstolz ihrer Schwester, und welcher die Veranlassung gab, dass kunftig der eine Konsul stets aus den Plebejern gewahlt werden musste. Auch sah und sehe ich noch nicht ein, dass das stets mehr aufkommende demokratische Prinzip, welches allmahlich in Rom immer machtiger wurde, dem Staate oder der Stadt par excellence (Urbi) zu grossem Nutzen gewesen ware. Es war eben der Gang der Vorsicht mit dem Menschengeschlechte, es musste so kommen, weil der Zeitgeist sich allmahlich mehr entfaltete; aber besser, schoner wenigstens ist es, glaube ich, nicht dadurch geworden. Es war eben auch dieser Zeitgeist, der bei uns in Osterreich durch die langen Kriege, durch die ungeheure Menge des Papiergeldes, durch die Verluste, welche viele hohergestellte Familien an Gutern und Einkunften erlitten, diese bewog, ja zwang, das Ubrigbleibende zu veraussern, das dann in die Hande der Industrie, des Handelsstandes, des Gewerbefleisses kam. Besonders fiel mir dies in Oberosterreich, das ich vor nicht langer Zeit besucht hatte, unangenehm auf. Jenes stattliche Haus, das zur Zeit meiner ersten Reise dahin mit meinen Eltern, irgendeiner hochangesehenen Familie gehort hatte, war jetzt das Eigentum eines Gewerbsmannes geworden. Der Herr Fleischer oder Tischlermeister bewohnte nun die prachtigen Gemacher, in welchen fruher Freiherrn oder Grafen gehaust hatten, [367] und etablierte einen gewiss nicht geringern Stolz als diese. Jenes grafliche Schloss gehorte nun einem reichen Kaufmanne, ein anderes war zu einer Fabrik eingerichtet. Aus den Treibhausern waren die freilich nutzlosen, aber lieblichen Orangenbaume und seltenen Pflanzen verschwunden, und ihre Raume hatten Zuckersiedereien oder Spinnmaschinen aufgenommen. In den Garten, wo keine mannigfaltigen Blumen mehr das Auge mussig ergotzten, lagen allenfalls die bedruckten Kattunstucke zum Ausbleichen der Krappfarbe am Boden hingebreitet usw. Alles hatte seinen Zweck, seinen Nutzen, alles trug etwas ein. Aber - das Schone war hinweg aus diesem Leben! Zu diesen truben Betrachtungen, welche die am Schonen und Edeln verarmte Gegenwart mir aufdrang, gesellte sich auch noch manches andere Trube. Werte Freunde, welche sehr oft unser Haus besuchten, wie Herr v. Kirchstattern, Vater vieler Kinder, die er in dieser bedrangten Zeit nur kummervoll ernahrte, ubrigens ein gebildeter, rechtlicher Mann, den eine lange gegenseitige Achtung mit uns verband, starb um diese Zeit, wohl mitunter aus Sorge und Gram. Bald darauf erfuhren wir aus Ungarn, wohin er mit dem Kriegsarchiv dem Hofe gefolgt war, den Tod des General Gomez, eines sehr wurdigen und gelehrten Mannes, der in Wien unser naher Nachbar gewesen war, dessen Haus wir oft besuchten. Noch tiefer aber krankte uns alle der Verlust eines gar werten, vielseitig gebildeten und unserm ganzen Kreise mit Liebe und Achtung zugewendeten Mannes, eines gewissen Herrn Koderl, der in dem Bucherrevisionsamte angestellt, durch seine rechtliche Gesinnung, durch seinen vielfach gebildeten Geist, durch seine heitere Unbefangenheit, und selbst [368] durch seine offizielle Stellung, die ihn au courant der neuesten Literatur erhielt, uns ungemein wert geworden war, und dessen fruhzeitiger Tod, er hatte kaum das dreissigste Jahr uberschritten, in unserm ganzen Kreise schmerzlich gefuhlt wurde. Endlich noch erhielt Baron Merian, dessen ich schon ofters erwahnt, eine diplomatische Anstellung am Dresdner Hofe und kam daher nicht mehr nach Wien zuruck. Ich vermisste seinen so angenehmen als lehrreichen Umgang schwer, und kurz - dies alles trug bei, meine trube Stimmung zu vermehren. Dieser Abstand zwischen dem Einst und Jetzt, dies Umsichgreifen und der Ubermut der niedrigern Stande, die wachsende Macht ihres eigentlichen Hebels, des Geldes, fing in jener Zeit zuerst an, recht bemerklich zu werden, und hat sich seit diesen funfundzwanzig Jahren noch unendlich vermehrt. Fur meine Art zu denken und zu empfinden, hatte dies alles etwas sehr Niederschlagendes, und diese Stimmung gab sich in meinen damals entstehenden Schriften kund. In dieser Stimmung entwarf ich den Plan zu den >> Grafen von Hohenberg<<, wozu ich die Szenerie auf vielfaltigen Reisen in Ober- und Unterosterreich gesammelt hatte. Pichler hatte namlich in dieser Epoche fast jahrlich eine grossere oder kleinere Geschaftsreise in die Gebirge und Walder unseres Vaterlandes zu machen, er nahm uns alle, meine Mutter, mich und unser Tochterchen mit, und wir genossen so sehr oft das heitere Landleben in den schonsten Gegenden. So sah ich St. Florian, Kremsmunster, den Albensee, Scharnstein, Spital am Pyhrn, Mariazell, Lilienfeld, Hohenberg, Guttenstein usw., und die Bilder dieser Gegenden hatten sich meiner Seele tief eingedruckt. Sie wurden nun der Schauplatz, [369] auf welchem sich die, von mir teils selbstgeschaffenen, teils der vaterlandischen Geschichte entnommenen Gestalten sowohl in den Grafen von Hohenberg als in andern meiner Novellen bewegten, und wozu eben diese Geschichte den Hintergrund bildete. Eine unglucksvolle Epoche hatte ich mit Fleiss gewahlt, die Zeit, wo die Kinder K. Albrecht des Ersten, vor allen die ungarische Konigin Agnes Blutrache wegen der Ermordung ihres Vaters an vielen edlen Familien nahmen, und diese dustere Farbung, sowie sie uber jener Epoche und jetzt auch in meiner Seele waltete, verbreitete sich uber das ganze Gedicht. Keine Neigung blieb verschont, kein noch so zufriedenes Verhaltnis ungestort. Es hatte sich mir aus den Erfahrungen jener traurigen Zeit der Glauben aufgedrungen, dass es hiernieden kein wahres Gluck gebe; dass unsere edelsten Freuden nur Tauschungen seien und alles uns auf Jenseits hinweise. Dieses Glaubensbekenntnis sprach sich am vollstandigsten in dem Liede aus, welches Agnes singt: Was weinst du Pilger dieser Erden,Druckt dich des heissen Tages Last? - - O blick' auf dich, auf deine Bruder, Wer ist denn glucklich? frag ich dich. - - - - Und dennoch schwebt im Sonnenscheine Ein reizend Bild vor unserm Blick. - - In der Gestalt der schonsten Triebe Schwebt es der heitern Jugend vor, Es zeigt als Freundschaft sich, als Liebe, Es lockt uns noch durch heisse Triebe, Und zieht uns von der Erd' empor. Wie mutig folgen wir den Winken,Wie reich an innrer Seligkeit! Wir sehn im Tau die Blume blinken, Wir pflucken sie - die Blatter sinken Zerstort vom Hauch der Wirklichkeit. [ 370] Verblichen ist die Glut der Farben, Entflohn des Duftes zarter Geist - O murre nicht - nicht zum Geniessen Sind wir in diese Welt gesandt. - Dorthin, dorthin geht das Verlangen,Dort wird uns unser Wunschen klar,Dort sehn wir unsre Blumen prangen,Dort wird kein Hoffen hintergangen,Wo alles ewig ist und wahr. In diesem Liede sprach sich mein damaliges innerstes Gefuhl aus, und es ist der rechte Schlussel zu dem ganzen Roman. Ahnliche Ansichten, nur in einer etwas veranderten Richtung, gaben mir die Idee zur Erzahlung: Alt und neuer Sinn. Es war der grelle Kontrast zwischen der treuherzigen, frommen, einfachen Vorzeit und der rastlos strebenden, unglaubigen, nie gesattigten Gegenwart. Die wirklichen Ereignisse, dass so manche unserer Guterbesitzer bei dem Aufrufe der Landwehr ihre Untertanen bewaffnet und sich an ihre Spitze gestellt hatten, boten mir willkommene Verflechtungen. So entstand jene Erzahlung, in welcher Cacilie die neue Sinnesart gegenuber der alten Blankenwerths darstellte und beide in dem Konflikt zugrunde gehen, wo denn zuletzt Gewerbefleiss und Fabrikswesen sich das Besitztum ritterlicher Vorganger aneignen. Ohne es zu ahnen, hatte ich mit dieser Novelle das Wohlwollen und hohere Interesse einer verdienstvollen Dame, der Grafin C**y, gewonnen. Ihr Gemahl, ein schoner, jugendlicher und zufalligerweise wie Blankenwerth blonder Mann, dessen Besitzungen tief im Gebirge lagen, war ebenfalls in jenem verhangnisvollen Jahre eintausendachthundertneun zur Landwehr gegangen, hatte sich sehr wacker gehalten, und war bei Raab geblieben. Als ich ein paar Jahre [371] darauf nach Lilienfeld und Mariazell reiste, lernte ich diese Frau kennen, welche in jener Erzahlung eine Art Verklarung ihres tapfern Gemahls gefunden hatte und mir darum recht gut geworden war. Auf diese und ahnliche Weise hatten mir meine Schriften manches wohlgeneigte Herz in der Nahe und Ferne gewonnen, und was mich stets am meisten freute, es war sehr oft nicht sowohl die Schriftstellerin als das weibliche Gemut, die Frau selbst, was man in meinen Schriften achtete und mit Wohlwollen auffasste. Das war und ist ein schoner Gewinn, der mir durch Gottes Gnade, nebst dem unsaglichen Vergnugen, welches mir die Ausubung meines Talentes gewahrte, noch daruber zuteil ward. Wahrend ich noch, zwischen Wehmut uber die Vergangenheit und Sorge fur die Zukunft befangen, an den Grafen von Hohenberg arbeitete, und eine schwermutige Freude darin fand, mich in die Leiden und Schmerzen, Entsagungen und Enttauschungen dieser Geschopfe meiner Einbildungskraft zu versenken, zugleich die Bilder jener himmlisch schonen Gegenden von Guttenstein, Scharnstein, Lilienfeld, dem Albensee usw. wieder lebhaft zuruckzurufen und den Eindruck zu schildern, mit dem ihre halbwilden, halbdustern Reize mich selbst beruhrt hatten, als ich sie das erstemal sah, erschutterte plotzlich eine ebenso folgenreiche als unerwartete Neuigkeit ganz Wien, ganz Osterreich, ja wohl ganz Europa. Napoleon liess um die Tochter unsers Kaisers werben. Marechal Berthier war auf dem Wege nach Wien, und mit Erstaunen, mit angstlicher Freude und furchtsamer Hoffnung sah jedermann diesem Ereignisse und seinen moglichen Folgen entgegen. [ 372] General Berthier kam an - die Werbung geschah in aller Form. Feste folgten bei Hofe auf Feste. Die damalige Kaiserin Maria Ludovica wusste durch ihren Geist, ihre Anmut und durch die sorgfaltigsten Toiletten den Marechal so zu bezaubern und zu stimmen, dass er bei seiner Abreise soll gesagt haben: Es sei Zeit, dass er von Wien wegkomme. In der Augustinerkirche geschah die feierliche Trauung, wobei unser hochverehrter Erzherzog Karl statt des entfernten Brautigams, die Hand der Braut, seiner Nichte, empfing. - Er, der Sieger von Aspern, der zuerst den Nieuberwundenen zum Weichen gezwungen hatte, sollte nun das Band besiegeln helfen, was jenen Gewaltigen an das Erzhaus binden, und diesem entweder Frieden und Gluck oder noch argere Sklaverei bereiten konnte!! Vergeblich wurde ich es versuchen, die gemischten, streitenden, ja peinlichen Empfindungen zu schildern, welche mich ergriffen, als ich bei dem freien Ballfeste, das bei dieser Gelegenheit in den k.k. Redoutensalen mit grosser Pracht gegeben wurde, zuerst wieder in diesen Saal trat, wo vor zehn, elf Monaten, vor dem Ausbruch des unseligen Krieges, die Landwehrlieder unsers Freundes Collin bei gedrangt vollem Hause waren gesungen und in jeder osterreichischen, jeder deutschen Brust Hass und mutiger Widerstand gegen Frankreichs Ubermacht und Ubermut war entflammt worden. Jetzt war eben dieser Saal auf einer Seite mit Fahnen und Drapperien in Osterreichs Farben, auf der andern Seite mit Trikolor verziert. Dieses Zeichen, das Erfahrung, Nachdenken und jeder Blick um uns her uns Jahren als das ungluckbringendste fur uns und die ganze Welt hatte ansehen gelehrt! Nun schwebten diese Farben uber unsern Hauptern, dicht neben den verehrten [373] vaterlandischen, und wie lange? - wie lange? - wird uns, so konnte man wohl, ohne eben allzu grosse Furchtsamkeit, mit Recht denken, wie lange wird uns der Allgewaltige wohl noch gestatten, diese Farben zu verehren und als das Palladium des Volksglucks unter dem Szepter unserer angestammten Fursten zu behalten? Dass solche Betrachtungen nicht sehr geeignet waren, um jene frohliche Stimmung zu erzeugen, die sich fur einen Ball schickte, ist wohl naturlich. Indessen, sowie ich bereits uber die Jahre hinaus war, in denen man zu tanzen pflegt, so war auch uberhaupt das Tanzen auf der Redoute nicht mehr Sitte, und man betrachtete ein solches Fest nur als eine grosse Reunion, wo man in zierlich geschmuckten und erleuchteten Salen wahrend einer Tanzmusik, auf die ubrigens niemand oder nur wenige achteten, herumspazierte, seine Bekannten sah, Anzuge betrachtete und musterte, Glossen machte, und sich gut oder nicht gut unterhielt, je nachdem es sich traf. Eine der besten Unterhaltungen bot bei solchen Gelegenheiten die Erscheinung des kaiserlichen Hofes mit seinem Gefolge von Kavalieren und Damen. Diesmal fuhrte unser geliebter Kaiser den Zug an, an seinem Arme die jugendliche Braut des Helden der Zeit; ihnen folgte an Erzherzog Karls Arme die Kaiserin Maria Ludovica; hinter diesen die ubrigen Prinzen des Hauses, den Patriarchen desselben, Herzog Albrecht von Sachsen-Teschen, mitten unter ihnen. Auch diesmal war, wie ich es schon bei der ersten Vermahlung unsers Kaisers mit der Prinzessin Elisabeth von Wurttemberg bemerkt hatte, die Braut, welche doch an diesem Tage die grosste Aufmerksamkeit erregen musste, durchaus nicht die anziehendste Gestalt. Damals verdunkelte die zwar nicht mehr jugendliche, [374] aber durch ihre edlen Formen und den geistvollen Ausdruck derselben, sowie durch einen sehr wohlgewahlten Anzug, noch immer sehr schone Erzherzogin Christina die blasse und viel unscheinbarere Braut. Bei dem gegenwartigen Fest ubertraf die Kaiserin, obwohl nicht regelmassig schon und alter, kranklicher als die bluhende Braut, diese doch durch Anmut der Bewegungen, vorteilhaften Anzug und eine Majestat der Haltung, welche bei dieser nicht grossen Gestalt doppelt uberraschend war. Dass der mindere Glanz der Braut grossenteils von einer unvorteilhaften Art sich zu kleiden und ihrer Schuchternheit herruhrte, erwies sich spater. Man erzahlte allgemein, dass, wie sie in Braunau, wo das ihr entgegengesandte franzosische Gefolge sie erwartet hatte und sie von den franzosischen Zofen in einem Nebengemach umgekleidet worden war, in dem von Paris mitgebrachten Anzug und Schmuck wieder heraustrat, sie als eine ganz andere Person erschien. Wohl mochte die innere Sicherheit, der Gedanke: nun die erste und hochste Monarchin in Europa zu sein, viel beitragen, die jugendliche Gestalt zu erheben und den bluhenden Kopf aufzurichten; dass aber an der Wahl und Umsicht beim Anzug gar viel gelegen ist, wird keine Frau bestreiten. Spater - nach dem Zusammensturz ihres so blendenden Gluckes - sah ich diese Prinzessin in Lilienfeld wieder und musste gestehen, dass sie in Haltung und Anstand ungemein gewonnen hatte. Doch ich kehre zu dem Faden der Erzahlung zuruck. Unser Vaterland war also mit Frankreich verbundet - die Tochter unsers Kaisers sass an des machtigsten Monarchen, an Napoleons Seite, auf dem Thron dieses Reiches, und nach den gewohnlichen Berechnungen [375] hatten wir uns nun Ruhe und ungestorten Genuss im Besitz dessen, was dem osterreichischen Kaisertume nach so vielen Losreissungen geblieben, und allerdings eine bedeutende Macht zu nennen war, versprechen konnen. Aber war sich bei Napoleons rastlosstrebendem Eroberungsgeist, bei dem militarischen Genie, das er besass und welches ihm das Kriegfuhren und Uberwinden zu einer Lieblingsbeschaftigung machen musste, und bei den ungeheuern Mitteln, die ihm zu Gebote standen, wohl Ruhe und bleibende Sicherheit zu versprechen! Ungluckverkundend und im Ruckblick auf das traurige Geschick der Konigin Antoinette hochst ominos war der Brand des Tanzsaales bei dem Fest, das unser Gesandter Furst Karl von Schwarzenberg dem kaiserlichen Paare mit grosser Pracht und ausgesuchtem Geschmack gab. Schon bei Gelegenheit jener Hochzeitsfeierlichkeiten unter Ludwig XVI. war ein ahnliches Ungluck entstanden, und diese Wiederholung desselben Zufalls bei gleicher Veranlassung warf ahnungsvolle Besorgnisse in manche Herzen. Sehr lebendig und schon geschildert hat eben jener Herr Varnhagen, dessen weiter oben Meldung geschehen, dieses Fest mit allen seinen Schrecken und einzelnen erhebenden Momenten im Raumerschen Taschenbuch. Varnhagen war damals Adjutant des Fursten, daher ein glaubwurdiger Augenzeuge all dieser Auftritte. Nicht ohne erhebendes Gefuhl liest man in die ser Schilderung neben allen den entsetzlichen Ereignissen die einzelnen Beweise von Mut, Aufopferung, Pflichtgefuhl - das Schicksal der Furstin von Schwarzenberg, die ein Opfer ihrer Mutterliebe ward, und das Betragen des Kaisers Napoleon selbst, das sich ebenso besonnen und wurdig, als voll [376] Rucksicht auf seine eben angetraute Gemahlin aussprach. Der folgende Sommer verging wie mancher fruhere fur mich in stillem Genuss hauslicher Zufriedenheit, im Umgang mit werten Freunden und kleinen Reisen in die schonen Gebirgsgegenden. So waren wir noch im Anfange des Oktobers zum zweitenmal in Guttenstein, und ich sah mit Vergnugen die Platze wieder, die ich schon ein paar Jahre fruher besucht und wo ich einen grossen Schrecken bei dem Muckendorfer Wasserfall erlebt hatte. Dieser Auftritt, bei welchem nur Gottes sichtbar einwirkende Gnade mich vor dem furchtbaren Jammer, Gemahl und Kind in einem Augenblicke zu verlieren, bewahrt hatte, ist mir von jeher zu entsetzlich, zu ergreifend gewesen, als dass ich auch jetzt noch, nach mehr als dreissig Jahren imstande ware, ihn in diesen Blattern zu schildern. Erzahlen konnte ich ihn nur mit der grossten Erschutterung des Gemutes, tat es daher fast nie, und nur meine innige Freundin, die mir nun auch schon lange ins bessere Leben vorangegangen ist, Fraulein Therese von Artner, hat in einer schonen Romanze, welche ihr die Liebe fur mich eingegeben, diesen entsetzlichen Vorfall geschildert. Man hat - wenn es erlaubt ist, so Kleines, wie meine Erlebnisse, mit den Ereignissen in dem Leben eines der glanzendsten Monarchen in Vergleich zu stellen - man hat ofters schon die Rettungsgeschichte unsers Kaisers Max I. auf der Martinswand fur ein Marchen, eine poetische Sage usw. erklaren wollen, weil sie sich unter den Abenteuern des Kaisers, welche er selbst im Teuerdank erzahlt, und in welchem seine bosen Gesellen, der Neidthart Furwittig und Unfalo [377] ihn in allerlei Gefahren bringen, nicht vorfindet. Dies ist wahr; aber ist es wohl erlaubt, aus der Nichtberuhrung dieses Abenteuers auf das Nichtvorhandensein desselben notwendig zu schliessen? Kann nicht ein Schauer, der den hochst gemutsreichen letzten Ritter bei der Erinnerung an jene Gefahr ergriff, die Ursache dieses Verschweigens sein? Kann nicht - ich glaube, Baron Hormayr hat Ahnliches irgendwo geaussert - eine Art heiliger Scheu ihn abgehalten haben, dies geheimnisvolle Begegnis profanen, vielleicht unglaubigen Ohren mitzuteilen; es moge nun jenes rettende Wesen ein wirklicher, von Gott gesendeter Engel - denn die Erhaltung dieses Fursten war allerdings dignus vindice nodus - oder ein auf wunderbare Weise auftretender Bergknappe gewesen sein. Wie gesagt, ich glaube in meiner Scheu vor dem Er zahlen jenes Vorfalls am Muckendorfer Wasserfall eine naturliche Erklarung von Kaiser Maxens Schweigen uber den so ungleich wichtigern und verhangnisvollern Vorfall an der Martinswand zu erkennen. Aber unsere Zeit ist so uber alle Massen skeptisch und nuchtern, hat so ausschliessend nur fur das Reelle, Handgreifliche, Nutzbare Sinn, dass alles, was sich nicht in diese Kategorien bringen lasst, fur sie nicht allein keinen Wert hat, ja, dass es von ihr gar nicht mehr erfasst werden kann. In dieser Tendenz zum Realen ubt sich nun auch die historische Kritik mit schonungsloser Scharfe, verdachtigt Uberlieferungen, an deren erhebendem, menschlich schonem Inhalt seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden die Welt mit Liebe und Glauben hing, z.B. in den ersten Buchern der romischen Geschichte, oder zieht den trojanischen Krieg - wie ich aus einer Rezension in den >> Blattern[378] fur Literar. Unterhaltung, Dezember 1836<< gesehen - von seiner glanzvollen Hohe, auf der er der Welt geleuchtet, herunter, und sucht ihn zu einer unbedeutenden, halb wahren, halb erlogenen Expedition einer oder einiger kleinen griechischen Volkerschaften zu machen. Ebenso, nur weit verderblicher und darum verabscheuungswurdiger mag auch das, jetzt in vielen kritischen Blattern besprochene Leben Jesu von Strauss sein. Ich habe es so wenig als Uscholds trojanischen Krieg oder Herrn von Niebuhrs romische Geschichte gelesen. Aber ich habe in meiner Jugend das Buch des beruhmten oder beruchtigten Dr. Bahrdt: Die Bibel im Volkston, wohl gekannt, welches sich mit vielem Scharfsinn und grosser Anstrengung Muhe gibt, alles Wunderbare, Gottliche aus der Person und den Taten Jesu Christi hinweg zu deuteln und alles ganz naturlich zu erklaren. Zu welchen abenteuerlichen, teils lacherlichen, teils ganz unstatthaften Voraussetzungen und Erfindungen Bahrdt deshalb seine Zuflucht nehmen musste, leuchtet wohl jedem unbefangenen und christlich gesinnten Menschen ein; aber das Buch machte gewaltig viel Aufsehen. Mir schien es aber schon damals, dass jene sogenannten Erklarungen und Vernaturlichungen der Wunder etwas noch viel Wunderbareres als die wirklichen Mirakel, namlich ein ganz unwahrscheinliches Zusammentreffen der seltsamsten Umstande, eine unbegreifliche Betorung und Befangenheit der Zuseher, und endlich einen Grad von Geistesgewandtheit, Schlauheit und Bildung voraussetzen, der sich bei einfachen Fischern und Leuten aus den niedrigsten Standen gar nicht denken lasst. Es ist - so dunkt es mich - mit diesem Wegerklaren des Wunderbaren wie mit der Beobachtung der drei dramatischen Einheiten [379] auf der Buhne, wo denn auch, um ja dem Zuseher keine Versetzung seiner Gedanken an einen andern Ort, oder keinen Glauben an eine langere vergangene Zeit zuzumuten, man ihm aufburdet, zu glauben, dass z.B. eine Verschworung auf offentlicher Strasse entsponnen werde, der Vater sich uber die innersten Angelegenheiten seiner Familie in einem Vorsaale aussprechen oder die totale Sinnesanderung eines verkehrten Menschen binnen 24 Stunden stattfinden konne. * * * So ging denn das Jahr 1810 zu Ende, und das, in so vieler Hinsicht merkwurdige von 1811 brach an. Schon im Marz ward es durch zwei folgenschwere, obgleich unter sich sehr verschiedne Ereignisse bezeichnet, die Geburt des damaligen Konigs von Rom, bei uns spater der Herzog von Reichstadt genannt, und die unselige Skala, die zwar mit einem Gewaltstreich vielen Verlegenheiten der Staaten abhalf, auch das Los der Beamten und aller vom Staate Salerierten bedeutend verbesserte, aber auch manche rechtliche Familie zum Teil oder ganzlich um ihr Vermogen brachte. Auch das unsrige litt bedeutenden Verlust, sowohl damals als spaterhin, da selbst Kapitalien, die lange vor jeder Entwertung der Bankozettel in den Jahren eintausendsiebenhundertsiebenundneunzig oder eintausendsiebenhundertachtundneunzig angelegt worden waren, uns zwanzig Jahre spater in Einlosscheinen zuruckgezahlt wurden, wogegen dann keine Protestation geholfen hatte, weil das Patent ausgesprochen hatte: Einlosscheine sind Konventionsmunze. Doch uber das alles ist damals genug geklagt, rasonniert, gebeten, versucht worden, die Anspruche blieben [380] stehen - das Geld war verloren und nun haben einige zwanzig Jahre jene Wunden vernarbt oder die verletzten Herzen ruhen langst im kuhlen Grab. Bei Hofe und uberall war bedeutende Freude uber die Geburt jenes Prinzen, und Baron Tettenborn, der im forcierten Kurierritt diese frohe Nachrichten in 8 oder 9 Tagen von Paris nach Wien brachte, war mit seiner Neuigkeit und dem Erstaunen uber seine kuhne Reise durch mehrere Tage der Gegenstand aller Gesprache. Der heisse Sommer kam nun und brachte mir allerlei Angenehmes und Unangenehmes, ja Schmerzliches. Die innig von mir verehrte Frau von Schlegel hatte sich fur den Sommer eine Gartenwohnung in unserer Nachbarschaft genommen; wir sahen uns oft, und unsere Kinder, Philipp Veit, damals ein hubscher Junge von etwa 16-17 Jahren, und meine Tochter, ungefahr dreizehn oder vierzehn Jahre alt, trieben sich im Garten spielend und scherzend umher. Welche Veranderung bis jetzt! Veit ist ein beruhmter Maler geworden und ist Vater von sechs Kindern - meine Tochter ist Witwe und Mutter von funf Kindern, von denen ihr Gott drei liess, welche unser Alter verschonern. - Unsere Freundinnen, Baronin Richler und ihre Schwestern, brachten den Sommer in Dobling zu. Die jungste, Nanette, hatte schon lange gekrankelt - als Folge einer schwachlichen Konstitution und mancher geheimen Krankung, welche ihr die Untreue eines Mannes verursacht, der um mehrere Jahre junger als sie, sie im Anfang mit jugendlicher Leidenschaft umfasst, und endlich um einer jungeren und sehr schonen, genauen Freundin Nanettens willen verlassen hatte. - Es war eben auch eine Sapphogeschichte, wie sie nur zu gewohnlich vorfallen; wo die Verirrung einer [381] jugendlichen Phantasie mit der Zeit der naturlichen Wirkung der Jugend und Wohlgestalt weichen muss. Noch wahrend Nanette mit ziemlich schnellen Schritten dem Grabe zueilte, entriss ganz unvermutet eine heftige plotzliche Krankheit uns einen andern bewahrten und unvergesslichen Freund, Heinrich von Collin, der seit seinem ersten Auftreten in der literarischen Welt in dieser sowohl als in seinen amtlichen Beziehungen eine glanzende Karriere gemacht hatte, Hofrat und Leopoldordensritter geworden war. Der amtliche Fleiss, die Geistesanstrengung, welche durch doppelte Richtung - als Dichter und Geschaftsmann - seine Krafte in zu grossen Anspruch nahm, hatten seine Natur erschuttert, und einer gefahrlichen Krankheit, einem Nervenfieber, das ihn im Juli dieses Jahres befiel, nur zu leichtes Spiel gemacht. Es war ein heisser Sommernachmittag, als er von Schlegel - die damals unweit von uns in einem Garten wohnten - zu uns heruber kam und sich Wasser in einem gewissen glasernen Kruge, den er wohl kannte und ofters bei uns daraus zu trinken pflegte, ausbat. Ich goss es ihm mit Himbeersaft ab, er ruhte eine Weile bei uns, erfrischte sich mit dem Tranke, klagte aber sehr uber Unbehaglichkeit und Mattigkeit. Es war das letzte Mal, dass wir ihn sahen. In einigen Tagen ergriff ihn die Krankheit mit voller Macht, und am 29., wenn ich nicht irre, trat die gute Schlegel mit sehr ernster Miene Nachmittag in mein Zimmer, und bereitete mich schonend und vorsichtig auf die schmerzliche Nachricht seines Todes vor. So hatte ich, wie alle, das Vaterland den trefflichen Mann, den ausgezeichneten Dichter, den tuchtigen Staatsbeamten, den teilnehmenden, treuen, rechtlichen Freund verloren! Er wurde allgemein bedauert; [382] die Lucke, welche er in unserm Kreise gelassen, ist nicht mehr ausgefullt worden, wie denn uberhaupt nie ein Mensch durch einen andern, der an seine Stelle tritt, im rechten Sinne ersetzt werden kann. Bald nach Collins Tode endete denn auch Nanette Porta, und hinterliess ihre beiden altern Schwestern in tiefer Trauer und uns alle in Wehmut um sie. Es war ein ausgezeichnetes Madchen, voll Geist und Lebhaftigkeit, und ihr Verlust in unserm geselligen Kreise sehr empfunden. Indessen ging die Welt draussen um uns her ihren vielbewegten, sturmischen Gang fort; denn an ihrer Spitze stand der gewaltigste und unruhigste Geist dieses Jahrhunderts, Napoleon, der alles mit der Macht seines Genies und Ehrgeizes aufregte und durcheinander trieb. Mit Recht sah man taglich neuen Gewittern und Sturmen entgegen, die zwar noch nicht an unserm Horizonte aufgestiegen waren, auf die aber jeder, der die Zeit kannte und nur etwas Voraussicht hatte, sich mit der grossten Wahrscheinlichkeit vorbereiten durfte, und vor welchen - so glaubten auch die Vernunftigsten - uns selbst weder die Vermahlung mit der Tochter der Casaren noch die Geburt des Enkels unsers Monarchen schutzen wurde, wenn es dem gewaltigen Geiste gefiele, Osterreich zu einem seiner direkten oder indirekten Staaten zu machen. In einem Sinne hatten diese Propheten richtig geraten; dass es gerade der entgegengesetzte war, liess damals in Osterreich, ja in Europa sich kein Mensch traumen, vielleicht selbst Talleyrand nicht, der den Marsch nach Russland im folgenden Jahre: Le commencement de la fin genannt haben soll. * * * [ 383] In diesem Sommer, der uns so manchen Verlust gebracht und in Rucksicht der unausstehlichen Hitze so manche Freude verdorben hatte, fehlte es doch an kleinen Unterhaltungen nicht. Ich hatte Gelegenheit, interessante Fremde kennen zu lernen - Wilhelm v. Humboldt mit seiner Frau, einer hochst geistreichen Dame, die ich bei Schlegel kennen lernte, die sich aber, weiss Gott warum? gegen mich ausserst schroff benahm, und, so wie auch ihr Mann, in dem ubrigens sehr kleinen Kreise desselben Abends, unter hochstens 8-10 Personen, mich auf eine auffallende Art ignorieren zu wollen das Ansehen hatte. Nie habe ich erfahren, woher diese ubersehende, ja ganz unfreundliche Behandlung kam, da ich sonst (ich darf das sagen, ohne dass man es mir als Ruhmredigkeit auslege) gewohnt war, wenigstens, wenn man mich nicht kannte, mit der gegen Unbekannte gewohnlichen Hoflichkeit, und wenn ich genannt wurde, mit Auszeichnung behandelt zu werden. Diesmal war es anders, und vergebens habe ich nachgesonnen, was wohl die Ursache davon habe sein konnen, da ich Herrn und Frau von Humboldt jenen Abend zum erstenmal in meinem Leben gesehen hatte. Zur selben Zeit wohnte auch eine Freundin der Frau von Schlegel, eine Madame Herz aus Berlin, auf einige Zeit bei ihr, eine sehr majestatische, und hatte man sie durch ein Verkleinerungsglas betrachten konnen, wirklich schone, dabei geistvolle, freundliche, gebildete Frau, mit der ich manche vergnugte Stunde zugebracht. Durch sie erfuhren wir eine sehr komische Anekdote von dem beruhmten Romandichter Lafontaine, der auch dazumal im Sommer eintausendachthundertelf nach Wien gekommen war, den wir aber, Schlegel und ich, nicht[384] kennen lernten, weil er sich bei keinem von uns auffuhren liess. Seine Lieblingsbeschaftigung war es, sich im sogenannten Wurstelprater bei den Schenken, Schaukeln, Pulcinellen usw. herumzutreiben, das Volk in seiner Frohlichkeit dort zu betrachten, und vielleicht manche psychologische Bemerkung zu machen. In die feinen Gesellschaften ging er nicht, in keinem von allen mir bekannten Hausern hatte er Zutritt gesucht. Aber ein paar Damen, welche seine Romane mit grosser Erhebung und Ruhrung (wie mehr oder minder wohl wir alle vor 30-40 Jahren) gelesen hatten, und nach ihrem Ton und ihrer Tendenz in dem Autor einen zarten, feinen, vielleicht zierlichen, gewiss aber sehr anziehenden Gesellschafter zu finden glaubten, liessen ihn zum Tee bitten, und freuten sich schon sehr auf den genussreichen Abend mit dem Verfasser so ruhrender, zartlicher Dichtungen. Es war ein heisser Tag in Mitte des heissen Sommers - es wurde 7, halb 8, acht Uhr - eine fur jene Zeit viel zu spate Stunde, um zum Tee zu erscheinen. - Lafontaine liess sich noch immer erwarten. Endlich um halb neun Uhr trat ein mittelgrosser, sehr korpulenter, sehr abgeschwitzter Herr ein, es war der erwartete Dichter, der sich in einemfort den Schweiss abtrocknete, uber die Hitze klagte, sich statt des Tees und der Konfituren - ein Glas Bier ausbat, und mit grosser Lust statt von zarten und erhabenen Dingen, wie wohl erwartet worden war, von dem Vergnugen sprach, das ihm der obengenannte Wurstelprater geboten. Wie waren die Damen von ihrer atherischen Hohe herabgesturzt! Bald darauf erschien, nicht hier auf Erden, aber am nordwestlichen Himmel, ein schimmernder und merkwurdiger Fremdling, der grosse Komet von eintausendachthundertelf -[385] und eine ubermassige Hitze ging seiner Erscheinung bevor, begleitete sie und dauerte mit verhaltnismassiger Abstufung bis gegen den November. Viele Brunnen versiegten, die Ernte war mittelmassig, der Wein aber trefflich. Mir war die Hitze peinlich, ubrigens aber der Anblick des fremdartigen und schonen Gestirns, das seinen lichthellen Schweif uber einen bedeutenden Teil des Abendhimmels erstreckte, und das ich aus meinem Fenster oft mit Vergnugen betrachtete, anziehend und angenehm zugleich. Nicht alle Menschen teilten dies Vergnugen mit mir. Es gab ihrer, und sehr geistreiche, welchen der Anblick des Sternes Ungluck weissagend erschien, und die sich daher vor ihm furchteten. Zu streiten ist uber solche Ansichten nicht, denn Grunde finden hier keinen Eingang. - Hatte aber jener Himmelskorper wirklich ein allgemeines Ungluck bedeuten sollen, so waren wenigstens wir Deutsche es nicht; denn die Schrecken des bald darauf unternommenen Feldzugs von 1812 trafen uns nur in wenigen einzelnen, welche sich eben unter der franzosischen Armee befanden, und vielmehr wurde das Ungluck jener Campagne der Grund und die Wurzel, aus welchen sich die Befreiung unseres Vaterlandes im Jahre 1813 entwickelte. * * * Im Anfang dieses Winters erhielt ich von unserm Freunde Merian in Dresden, mit dem ich fleissig korrespondierte, einen Brief, welcher mir die baldige Ankunft eines jungen und sehr bedeutenden, sehr hoffnungsvollen Dichters, Herrn Theodor Korners, verhiess, und mich mit vielem Lobe auf diese neue Erscheinung aufmerksam machte. Korner sollte sich[386 ] mittelst eines andern Briefes von ihm bei mir einfuhren; aber er kam nicht. - Ich horte von andern Leuten, dass er hier und sehr viel mit Schauspielern sei, wie denn auch einige kleine Stucke von ihm: Die Braut, der grune Domino usw. aufgefuhrt wurden. Ich hatte ihn noch nicht gesehen, so sehr ich es wunschte, und nur in einer der Vorlesungen uber die neuere Geschichte, welche Friedrich Schlegel damals im Saale beim >>romischen Kaiser<< hielt, zeigte mir ihn Frau von Weissenthurn von weitem. Es war eine hohe, schlanke, kraftige Junglingsgestalt, nicht eben mit schonen, aber sehr bedeutenden Zugen, lebhaften blauen Augen bei ganz dunklem Haar und in einem etwas vernachlassigten Anzug. Nicht lange darauf erzahlte man sich, dass er ein zartliches Verhaltnis mit einer unserer damaligen ersten Schauspielerinnen, Mlle. Adamberger habe, welche mit einer schonen Gestalt, einem liebenswurdigen heitern Umgang und einem grossen theatralischen Talent, eine so strenge Sittlichkeit, eine so hochst vorsichtige Auffuhrung verband, dass man sie allgemein eben so sehr bewunderte als hochachtete, ja, die jungen Herren, welche sich ihr, als einer Schauspielerin, ohne grosse Umsicht nahern zu durfen glaubten, wurden auf eine Art von ihrer Tante, bei der sie mit ihren Geschwistern lebte, empfangen, dass man ihr den Titel: le dragon de vertu gab. Dieses Madchen nun, das in so vieler Rucksicht glanzend vor den Bewohnern Wiens dastand, liebte der junge Mann, der ebenfalls eine leuchtende Erscheinung in seiner Art, nun zum erstenmal so bedeutend im Publikum auftrat. Hedwig wurde gegeben - Toni (Fraulein Adamberger) gab diese Hauptrolle, und man konnte wohl erkennen, dass die Liebe des Dichters diesen [387] Charakter mit einer Verklarung von Kraft, weiblicher Wurde, Geist und Edelmut umgeben hatte, die eigentlich das Werk seiner Leidenschaft und Phantasie war; dennoch aber mit dem Charakter Antoniens - wie er damals vor der Welt erschien - viele ahnliche Grundzuge hatte. Das Stuck, etwas grell und ans Schauderhafte streifend - welcher Geschmack schon zu jener Zeit sich hier und dort in Dichterwerken wie die Schuld, der vierundzwanzigste Februar usw. zu zeigen anfing - fand sehr viel Beifall, und Antonie erntete fur ihr Spiel wohl eben so viel Lob, als ihr Dichter fur sein Werk. Alles dies hatte mich denn ebenso gespannt auf die personliche Bekanntschaft des jungen Mannes, als wirklich ungehalten auf seine Vernachlassigung meiner gemacht. So liess ich ihm denn einmal durch Kurlander, der als Theaterdichter in mannigfachen Beruhrungen mit Korner stand, sagen: Wenn er mich nicht besuchen wolle - so musste ich es mir gefallen lassen; aber ich bate ihn nur, mir durch Kurlander den Brief meines Freundes Merian zu schicken, den ich nicht missen wollte. Das wirkte endlich - und an einem regnerischen Fruhlingsnachmittag, wo ich mit meiner Tochter und noch einem jungen Madchen, das ich damals als ein Mittelding zwischen Gesellschafterin und Kammerjungfer ins Haus genommen hatte, beisammen sass, meldete man mir Herrn Korner. Die Madchen, welche einem Gelehrten nicht gern begegneten, flohen ins andere Zimmer, und liessen mich allein den Besuch eines Mannes annehmen, von dessen Dichtergeist ich wohl eine gunstige Vorstellung, dafur aber eine geringere von seiner Lebensart uberhaupt oder wenigstens von seiner Achtung fur mich hatte. Dennoch kam es ganz anders, [388] und nur selten in meinem langen Leben hatte die erste Stunde des Beisammenseins mit einem vorher ganz Unbekannten so schnell alles Fremde von beiden Seiten abgestreift, eine sehr gemutliche Annaherung bewirkt wie zwischen Korner und mir, ungeachtet des grossen Unterschiedes im Alter. Er blieb lange, er erzahlte mir eine Menge aus seinem Leben, seinen hauslichen Verhaltnissen; er brachte komische Anekdoten vor, ich musste herzlich lachen, Korner lachte mit, und die Madchen im Nebenzimmer verwunderten sich uber den seltsamen Besuch, bei dem es so viel zu lachen gab. Von nun an war er heimisch bei uns geworden. Er kam oft, er blieb lange bei den kleinen Madchen in der Alservorstadt, wie er Lotte und Theresen nannte, und sagte spater einmal zu einer gemeinschaftlichen Bekannten, dass auch er bei seinem ersten Besuche gleich so viel Wohlwollen und Vertrauen zu mir empfunden habe, dass er mir alle seine Geheimnisse gesagt haben wurde, wenn ich darnach gefragt hatte. Ja, es war eine verwandte Seele, die diesen jungen Mann belebte, und die auch spater mich seiner Familie, die im nachsten Sommer nach Wien kam, und sie mir schnell und bleibend befreundete. Korner las nun jedesmal seine neuen Schopfungen vor, und mit grossem Erstaunen konnte ich die Leichtigkeit und Sicherheit seiner Arbeiten an dem, von Korrekturen reinen Konzepte bemerken, wo oft auf einer ganzen Folioseite kaum ein Gedanke zuruckgenommen oder ein paar Verse gestrichen waren. So floss es ihm aus der reichen Seele, und so stromte es aufs Papier, obwohl ich nicht zweifle, dass, hatte er langer gelebt, er manches damals Geschriebene geandert, verbessert - vielleicht manches vertilgt haben wurde. [ 389] Lebhaft erinnere ich mich der Lesung der Rosamunde. Er hatte zu Mittag bei uns gegessen, und las uns nach Tische das Trauerspiel vor, das voll hochst effektreicher Szenen war, und den nicht ganz zuchtigen Gegenstand mit einer Zartheit und Rucksicht fur seine Geliebte, welcher die Titelrolle bestimmt war, behandelte, wie sie nur in einem reinen Junglingsherzen wohnen konnte. Auch bei diesem Stucke waren oft auf einer Seite kaum drei oder vier Korrekturen - und sowohl meine Mutter als ich ganz erhoben und entzuckt von dem Werke. Am andern Tage schrieb ich ihm mutterlich dankend fur die Freude, welche mir gestern nicht bloss sein Dichtertalent, sondern der Blick in sein schones Gemut gegeben. Ein allerliebstes Sonett, in dem er mich, wohl etwas zu hoch, als eine Priesterin im Tempel des Ruhmes gestellt hatte, erhielt ich dafur; bewahrte es - es war das einzige Blatt von seiner Hand - als kostbares Andenken, und habe es dennoch nicht mehr! Verloren im eigentlichen Sinn kann ich es nicht haben; denn es hatte seinen angewiesenen Platz bei ahnlichen Gedichten und Briefen an mich; aber wahrscheinlich wurde es mir abgeborgt unter irgend einem Vorwande, und nicht mehr zuruckgegeben oder aus der Sammlung entwendet. Zriny las er bei Frau v. Weissenthurn, mit der ich damals haufiger als jetzt umging, da unsere Tochter sich herzlich gut waren und dutzten. Meine Mutter war ebenfalls gegenwartig, und wir alle, auch die Madchen horten mit dem grossten Interesse zu; als er an die Szene kam, wo Juranitsch seine Helene ohne weiteres ersticht, schrie meine Mutter auf, und sie sowohl als Frau v. Weissenthurn wollten ihn bereden, die Szene zu andern, weil dieser kaltblutige Mord gar zu grasslich, [390] zu unnaturlich sei, sagte meine Mutter. Unnaturlich? erwiderte Korner mit seiner Naivitat. - Es hat mir eben so in der Hand gelegen. Wir mussten alle uber diese Antwort lachen; er aber liess die Szene stehen, und bei der ersten Auffuhrung, bei der ich zugegen war, bestatigte sich die Richtigkeit der Empfindung meiner Mutter, denn die Zuschauer waren ebenso emport wie sie durch diesen Auftritt; ein allgemeines Zischen beurkundete das allgemeine Missfallen, und hatte, ohne den hochst effektvollen funften Akt, besonders bei der ungebuhrlichen Lange des Stuckes, diesem beinahe den Untergang gebracht. Mit seiner Liebe zu Toni nahm auch Korners Tatigkeit fur das Theater zu. Furst Lobkowitz, der damalige Direktor des Theaters, der Kornern schatzte und Toni sehr wohl wollte, bestimmte ihm mit der Zeit die Stelle eines Theatersekretars, und eroffnete ihm somit die Aussicht, sich dann vermahlen und in Wien etablieren zu konnen. Man sprach davon, dass seine Eltern den nachsten Sommer ebenfalls nach Wien kommen sollten, um diese Stadt und die Geliebte ihres Sohnes kennen zu lernen, und so dauerte ein lebhaft bewegtes Leben in literarischen, geselligen und politischen Verhaltnissen - so angenehm und so ungestort als es die damaligen Zeitereignisse gestatteten, noch eine Weile fort. Korners Eltern, Fraulein Stock, die Schwester seiner Mutter, und Emma, seine Schwester, kamen diesen Sommer von eintausendachthundertzwölf nach Wien. Er fuhrte sie sogleich zu uns, und nun sahen wir diese wurdige Familie sehr oft. Mancher Abend an den Tagen, wo wir ohnedies Besuch erwarteten, der oft sehr zahlreich ausfiel, ging aufs angenehmste hin, wenn die jungen Leute entweder tanzten oder Korners verehrter Vater am Klavier den [391] Gesang seiner beiden vortrefflich unterrichteten Kinder und meine Tochter begleitete. Das waren sehr schone Stunden! - Wo sind die Menschen hin, welche sie mir so genussreich verfliessen machten? Wie viele leben noch? Solche wehmutige Betrachtungen mischen sich nur zu oft in die Erinnerungen an jene Zeit. Bald sollte ich auch damals einen empfindlichen Verlust dieser Art haben. Frau v. Flies, die mir mit einer Art von mutterlichem Wohlwollen zugetan war, erkrankte mit sehr bedenklichen Zufallen, welche auf eine Brustentzundung oder so etwas schliessen liessen. Ich besuchte sie den dritten oder vierten Tag, und fand sie zwar sehr angegriffen und leidend (sie klagte hauptsachlich uber Mangel an Atem), doch hegte sie selbst keine Vorstellung von Gefahr. Sie hatte sich vielmehr fur denselben Abend eine Spielpartie bestellt, und redete mit mir uber eine projektierte Fahrt nach Hietzing zu ihrer Schwagerin Baronin Eskeles, welche nachsten Sonntag hatte statthaben sollen, und wo wir mit Korner zusammen gebeten waren. Voll guter Hoffnung fur ihre Besserung, verliess ich sie um ein Uhr mittags - um drei Uhr machte ein Schlagfluss ihrem Leben ein Ende, und in ihr verlor ich - was jedermann gewiss als einen bedeutenden Verlust anerkennen wird - eine teilnehmende, verstandige und warme Freundin. Friede sei mit ihrer Asche! Wenige Wochen nach ihrem Tode kam ein Brief Goethes an die Verstorbene an, der eigentlich mich betraf, und den ihre Schwagerin, die nun auch verstorbene Baronin Eskeles, mir mit vieler Gute zusandte. Fruher schon hatte ich durch die Vermittlung eben dieser Freundin, der Frau v. Flies, einen Brief von dem Hochbewunderten erhalten, der direkt an mich lautete. [ 392] Er sammelte namlich Handschriften, gab Frau v. Flies, mit der er fast jahrlich in Karlsbad zusammentraf, den Auftrag, ihm deren in Wien zu verschaffen, und sie, die gern jedermann verpflichtete, und in ihrer isolierten Stellung als kinderlose Witwe hierin einen Lebenszweck fand, nahm denn Goethes Auftrag willig an, gab auch mir die weitere Weisung, mich um Autographen bedeutender Menschen in Wien umzusehen, und als ich einige, namentlich von Mozart und Haydn, erhalten hatte, riet sie mir, sie Herrn v. Goethe mit einem Briefe selbst zu ubersenden. Dies geschah denn alles wie meine mutterliche Freundin in ihrer liebevollen Geschaftigkeit angeordnet hatte, und ich erhielt durch sie Goethes sehr hofliche, aber diplomatisch steife, umsichtige Antwort, in der er sich, wie es schien, vorgesetzt hatte, ja nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig zu sagen, und die mich darum sehr wendig freute. Ganz anders war der zweite - jener Brief an meine bereits verstorbene Freundin. Hier hatte er sich gehen lassen, und war eben dadurch recht liebenswurdig erschienen. Der ganze Brief betraf meinen Agathokles. - Er hatte ihn gelesen, das Buch hatte ihm gefallen, aber - sehr begreiflicherweise hatte ihn Calpurnia viel mehr als Larissa angesprochen, so dass er sich versucht fuhlte, den Roman so umzuarbeiten, dass jene, nicht Agathokles die Hauptperson sein sollte - und, schrieb er, die Pichler kann es mir als Verdienst anrechnen, dass mir ihr Buch so wohl gefiel, obwohl die Grundsatze, welche darin triumphierend auftreten, nicht die meinigen sind, und meiner heidnischen Sippschaft im Kaiser Hadrian ubel mitgespielt wird. Kurz, der Brief freute mich sehr, denn er sprach ein unaufgefordertes, unparteiisches Lob uber ein Buch aus, das denn auch nun allmahlich [393] bekannt zu werden, und sich in Deutschland und Frankreich, in dem es Frau v. Montolieu durch ihre Ubersetzung einfuhrte, Bahn zu machen anfing. Viel Ehre und Auszeichnung hat mir dies Werk erworben, mehr noch, als jedes folgende einzelne, es war gleichsam die Ehrenpforte, durch welche die ubrigen in die Welt einzogen. Aber mehr als alle diese Auszeichnung und Aufmerksamkeit hat mich jederzeit die gute Meinung, das Zutrauen, das Wohlwollen so vieler, mir ganz unbekannter, in entfernten Landern lebender Menschen erfreut, die durch den Agathokles und meine andern Schriften, hauptsachlich aber durch jenen bewogen - sich entweder brieflich oder auf Reisen personlich an mich gewendet, und ofters mich um Rat, Empfehlungen, Trost oder Beruhigung angesprochen haben. Wie manches edle Herz wurde mir auf diese Weise zugewendet, wie manches Gute gewirkt oder Nutzliche verbreitet! Das alles erkenne ich nun freilich mit dankbarer Demut als ein Geschenk und gnadige Fugung Gottes, welche nicht allein jene Gabe der Dichtkunst in meine Seele gelegt, sondern auch mein Geschick durch edle Eltern und wurdige Freunde so geleitet hat, dass dies Talent sich aufs Rechte und Gute gelenkt, und mir so jene Freuden erworben hat, aber ich muss mit Tassos Sanvitale sagen: Am Ende bist du's doch, und hast es doch -es kam mir doch vielfaltig zu Guten und ebnete und verschonte meinen Lebensweg. In der Mitte des Sommers hatte Pichler abermals eine Reise in die Gebirge hinter Lilienfeld bis Maria-Zell usw. zu machen. Er ging allein, denn meiner Mutter Jahre erlaubten ihr nicht mehr, so wie fruher geschehen, [394] wo sie mit uns in Steiermark und Oberosterreich gewesen war, uns durch mehrere Wochen zu begleiten, und ich durfte auch nicht daran denken, sie auf so lange Zeit zu verlassen; aber funf, sechs oder acht Tage konnte ich mich doch entfernen, da ich damals jenes junge Madchen, ein Fraulein Kirchstettern, nach dem Tode ihres Vaters ins Haus genommen hatte, welche meiner Mutter Gesellschaft leisten, ihr vorlesen, und im Hause an die Hand gehen konnte. So wurde denn verabredet, dass ich Pichler in St. Polten abholen, und mit ihm einen, mir noch ganz neuen Weg uber Waidhofen, Gaming und Lunz nach Maria-Zell machen und von dort uber Lilienfeld nach Hause kehren sollte. Ein sehr werter, nun auch schon vorausgegangener Freund, der Regierungsrat Ridler, ein Mann, der als Gelehrter und Mensch mir gleich schatzbar, und ein Liebhaber von Berggegenden war, entschloss sich, uns zu begleiten, und die kleine Tour mit uns zu machen, da er die Lunzerseen noch nicht gesehen hatte. Schon ehe wir abreisten, schrieb mir mein Mann aus Lilienfeld sehr viel von einem Geistlichen daselbst, dem damaligen Prior P. Ladislaus, den wir mehrere Jahre fruher als Bibliothekar dort getroffen, und schon damals eine Geistesbildung, wie sie in den Klostern nicht sehr gewohnlich ist, in ihm erkannt hatten. Dieser Mann, der jetzt, wie gesagt, Prior, und bei der bevorstehenden Pralatenwahl nahe daran war, diese Wurde zu erlangen, hatte sich meinem Manne als ein sehr wertvoller Dichter gezeigt, und Pichler mir einige seiner Gedichte in Briefen mitgeteilt. Ihn naher kennen zu lernen, war mir daher eine angenehme Aussicht, und so trafen wir denn, Ridler, meine Tochter und ich mit Pichler, der von ein paar Kreisbeamten begleitet war, an einem [395] schonen Sommerabend in St. Polten zusammen, und freuten uns herzlich des Wiedersehens nach einer Trennung von mehreren Wochen. Sogleich den andern Tag traten wir unsern fernern Weg an, aber das Wetter begunstigte uns nicht. Regenstrome sturzten nieder, und nur immer durch wenige heitere Stunden konnten wir uns des Anblicks der wunderschonen Gebirgsketten erfreuen. So kamen wir nach Gaming, eine jetzt zerstorte Kartause in einem eng umschlossenen stillen, melancholischen Tale, eine Stiftung Albrecht des Lahmen oder Weisen von Osterreich, aus dem vierzehnten Jahrhundert; gegrundet, wie man sagt, infolge eines Gelubdes, welches Albrecht fur die Befreiung seines unglucklichen Bruders Friedrich aus der Haft zu Trausnitz gemacht hatte. Das Portrat Albrechts war hier zu sehen - eine edle Gestalt mit sehr angenehmen Zugen, da aber das Gemalde offenbar einer spatern Zeit angehort, so lasst sich uber die Treue nichts sagen, als dass Albrecht der Weise, der als Furst und Mensch die Achtung seiner Zeitgenossen besass, wohl so ausgesehen haben konnte, und die Habsburgische Familienahnlichkeit auch zu bemerken war. In dieser Hinsicht war es mir auffallend, als 1809, wahrend der Anwesenheit der Franzosen, Professor Fischer (der damals noch lebende beruhmte Bildhauer) auf Befehl des Kronprinzen von Bayern (jetzt Konig Ludwig) die Buste eben jenes unglucklichen Friedrich des Schonen nach noch vorhandenen Denkmalern arbeiten musste, dass diese Zuge besonders um den Mund herum, einige Ahnlichkeit mit denen unsers hochverehrten Erzherzogs Karl trugen. Unter Regenstromen fuhren wir von Gaming nach Lunz. Auf dem Wege, noch voll von den Bildern und[396 ] Empfindungen, welche Gaming und die Geschichte der beiden edlen Bruder in mir erregt hatte, dichtete ich die Romanze: Gaming, welche jene Geschichte besingt und so beginnt: Der Regen stromt, die Walder brausen, Die Nebel hangen tief ins Tal - Ein einsamer Wanderer kommt in diesem Unwetter in das stille Gaming - er ist unglucklich - er findet hier Frieden, und vernimmt von einem der Klosterbruder, der das Gelubde des Schweigens zuweilen brechen darf, die Geschichte Albrechts und Friedrichs. Uber Lunz, den Zellerrain und noch manche andere sehr hohe Berge setzten wir, teils im Wagen, teils zu Fusse, wie es die Witterung erlaubte, unsern Weg fort, und gelangten endlich nach Neuhaus, das ganz auf der Spitze eines Berges liegt, zu Fusse dritthalb Stunden abwarts steigend nach Maria-Zell, das mir auch dies wie alle ubrigen Male, so oft ich es betreten, wie ein Hafen der Ruhe und stillen Freude in Gott erschien. Am zweiten Tage kamen wir nach Lilienfeld, das ich nun schon mehrere Jahre nicht gesehen hatte, und wo eine gewaltige Uberschwemmung das schone Tal indessen verheert, die bluhenden Wiesen mit Schutt bedeckt, und eine ebenso zerstorende Feuersbrunst das Gebaude grossenteils in Asche gelegt hatte; das Dormitorium, dieses schone Uberbleibsel des Mittelalters, war vernichtet, und somit die meisten Urbilder aus dieser Gegend, welche mir bei der Dichtung der Hohenberge vorgeschwebt, verandert oder ganz zerstort worden. Der Herr Prior, eben jener Dichter, und ein paar andere Geistliche, deren ich mich aus fruheren Besuchen erinnerte, empfingen uns gastfreundlich. Die [397] Unglucksfalle, welche das Stift indessen getroffen, und die nahe bevorstehende Pralatenwahl waren die Gegenstande unserer lebhaften Gesprache, und mir schien immer, wenn ich P. Ladislaus betrachtete, als sahe ich schon die goldene Kette mit einem Kreuze an seiner Gestalt, welche durch einen feinen Anstand und ein sehr gebildetes Benehmen sich gar wohl dazu qualifizierte. Was wir damals dachten, geschah auch bald - und noch denselben Herbst besuchte uns der neue Herr Pralat, der seitdem noch ganz andere Stufen geistlicher Wurden erstiegen hat, in Wien, und von dieser Zeit an besuchten auch wir ihn ofters in seinem Stifte, dessen romantische Lage sehr einladend ist, und wo wir von ihm immer mit der grossten Gastfreundlichkeit aufgenommen wurden. Pichler hatte stets warmen Anteil an allen meinen literarischen Arbeiten genommen, sie immer zuerst gelesen, wie ich sie am Morgen niedergeschrieben und oft selbst noch nicht uberschaut hatte. Nun hatte er schon seit langerer Zeit den Wunsch geaussert, dass ich mich einmal im Dramatischen versuchen und etwas fur das Theater schreiben sollte. Ich tat es nicht gern. Meine ganze Geistesrichtung war nicht fur das Lebhafte, Anschauliche, welches eine wichtige Handlung mit allen ihren Motiven und Folgen in schneller Entwicklung vor Augen stellt. Ich liebte es vielmehr, langsam und wohlberechnet die Fortschritte der Empfindungen, die unmerklichen Ubergange in den menschlichen Gemutern mit beobachtendem Auge zu verfolgen und darzustellen, wozu sich denn der Roman, vorzuglich der in Briefen, ganz besonders eignet. Doch wollte ich Pichlers Wunsch nicht abweisen, und so fing ich denn an, [398] mich nach einem Stoff zu einer Tragodie (denn dass ich kein Lustspiel schreiben konnte, war ich uberzeugt) in der Geschichte umzusehen. Unsers verewigten Freundes Collin Beispiel leuchtete mir hell vor, die ganze Richtung meiner Bildung, die eigentlich das war, was man jetzt im Gegensatze mit dem Romantischen klassisch nennt, stimmte dazu. - Tacitus war stets ein mir sehr zusagender Autor gewesen, und Germanicus' Charakter und Schicksal vor vielen Helden des Altertums wurdig, edel und hochtragisch erschienen. Uberdies lag in diesem Geschick und Charakter noch eine nahe und geheime Beziehung, welche mich diesen Helden vor vielen andern zu wahlen bestimmte. Ich fand namlich in der militarischen Grosse desselben, in seiner menschlichen Wurde, und in manchen amtlichen und vom bosen Willen anderer herruhrenden Verfolgungen viel Ahnlichkeit mit unserm, von mir stets so innig geachteten Erzherzog Karl. Dies machte mir den Neffen des Tiberius noch teurer - und mein Stoff war gewahlt. Nun sah ich mich noch in der romischen Geschichte etwas genauer nach der Epoche um, in welche ich meine Handlung verlegen wollte, und so trat denn allmahlich aus dem Dunkel meiner Seele der fertige Plan zu dem Stucke hervor, und die Liebesgeschichte, welche ich hineinverweben zu mussen glaubte, schien mir damals anziehend, passend, und ein glucklicher Gedanke. Viele Ausdrucke im Tacitus weisen darauf hin, dass Agrippinens Charakter ernst, wurdig, aber nicht angenehm gewesen sein musste. Leidenschaftliche Heftigkeit und unweibliche Scharfe mogen sie oft uber die zarten Schranken gerissen haben, die Sitte und Pflicht der Frau vorschreiben. Ihr Gemahl selbst warnt sie noch [399] auf dem Todbette davor, und empfiehlt ihr, ihr Rachegefuhl zu bemeistern. Dieser achtungs-, aber nicht liebenswurdigen Frau musste nun - so entwarf ich, wie ich jetzt wohl einsehe mit zu modernem Sinn, den Plan - Germanicus nur aus Familienrucksichten die Hand gereicht, doch auf jeden Fall eine zufriedene und von der Welt geachtete Ehe mit ihr gefuhrt haben. Seine schonern Jugendempfindungen waren seiner ersten Liebe, eben jener Plancina zugewendet, die er in Asien nach langer, ganz hoffnungsloser Trennung als die ungluckliche Gattin seines bittersten Feindes, des Prokonsul Calpurnius Piso wiederfindet. Plancina hat ebenfalls den Jugendgeliebten nicht vergessen, und da ihr die Racheplane ihres Gemahls bekannt werden, wagt sie es, als Sklave verkleidet, den Feldherrn zu warnen. Er erkennt sie - ihre Herzen offnen sich gegeneinander; aber die Pflicht gebeut, sie sind getrennt und bleiben es, bis der Tod durch Gift, den Calpurnius dem Germanicus bereitet, und ihm Plancina aus Eifersucht oder Rache voraussendet, sie vereinigt. Das zu Moderne, und daher der Wurde der Tragodie nicht Entsprechende leuchtete mir spater wohl ein, aber es stand nicht mehr zu andern; denn das hatte ein ganzliches Umarbeiten des Planes erfordert, und da ich wohl berechnen konnte, dass das Stuck auch dann kein grosses Gluck machen wurde, so liess ich es, wie es war. Das Stuck wurde ohne meinen Namen aufgefuhrt. Es missfiel eben nicht, aber es erlebte - was vorauszusehen war - nur wenige Vorstellungen. Ich verstand das Theater, und das, was man theatralischen Effekt nennt, zu wenig, und ich glaube, dass uberhaupt die heroische Tragodie etwas ist, dessen gluckliche Bearbeitung uber den Horizont weiblicher Krafte geht. [ 400] Indessen mein hauptsachlichster Zweck, Pichlers Wunsch zu erfullen, und ihm Freude zu machen, war erreicht. Er war zufrieden auch mit dem wenigen Sukzess, den dieser erste Versuch seines Weibes erlangt, und feuerte mich an, ferner auf dieser Bahn fortzuschreiten. Es war dies im Winter von zwölf auf dreizehn geschehen. In dieser Zeit, die uberhaupt sehr angenehm war, kam ich auch oft in das Haus des Fursten von Lobkowitz, der sich, so wie seine vortreffliche Gattin (sie beide sind auch langst dahingegangen) lebhaft fur meine Arbeiten interessierte, und bei dessen Abendgesellschaften, theatralischen Vorstellungen oder Konzerten ich mich sehr oft mitten unter dem hochsten Adel, ja in Gegenwart eines oder des andern unserer kaiserlichen Prinzen fand. Nie aber, ich musste unwahr sein, wenn ich es anders behaupten wollte, wurde ich durch irgend eine Unart oder Zuruckweisung von Seite der Damen an den Unterschied unsers Standes in der Gesellschaft erinnert. Sei es nun, dass meine Stellung als Schriftstellerin, die mich gleichsam mit Kunstlern in eine Reihe zu ordnen schien, oder ein bescheidenes, zuruckhaltendes Betragen von meiner Seite, welches stets danach eingerichtet war, diesen Damen zu zeigen, dass ich mich ebensowenig als ihresgleichen betrachtete, als ich fern davon war, mir ihre Artigkeiten als Gnaden anzurechnen - mir diese recht angenehme Stellung zu der haute volee verschaffte, genug, ich hatte sie, und die Erinnerung an die genussreichen Abende, die ich in diesem Hause zubrachte, und wo ich auch den seligen Erzherzog Rudolf mit seltener Fertigkeit Beethovensche Tonstucke auf dem Fortepiano vortragen horte, wird mir stets wert bleiben. [ 401] Es war eine lebhaft bewegte Zeit damals - eine Zeit, in der die Geister grosser Begebenheiten ihnen schon ahnungsvoll in Deutschland vorangingen, und dadurch eine Stimmung erzeugten, welche auch auf die Literatur grossen Einfluss hatte. Im Jahre eintausendachthundertelf war unser Hof in Dresden mit Napoleon zusammengekommen und der Feldzug gegen Russland verabredet worden, wozu unser Kaiser ein Hilfskorps unter dem Kommando des Fursten von Schwarzenberg zu geben versprochen hatte. Im Jahre eintausendachthundertzwölf fand dieser Feldzug statt, und seine Geschichte, der Brand von Moskau, der Untergang des franzosischen Heeres, und das Non plus ultra, welches die gottliche Vorsicht auf Russlands Eisfeldern dem kuhnen Eroberer setzte, sind noch lebhaft in jedermanns Gedachtnisse. Wohl erinnere ich mich der sehr verschiedenen Sensation noch, welche die Nachricht jenes Brandes in Wien erregte. Mir brachte sie eines Morgens meine, in diesem wie in vielen andern Dingen gleichgesinnte Freundin, Frau von Schlegel, und ich fuhlte mich so wie sie begeistert, erhoben von diesem zwar grausamen, aber heldenmutigen und notwendigen Entschlusse Rostoptschins. - Wir gaben uns die Hande, wir dachten an Sagunt, Numantia, Saragossa - und freuten uns, in unsern Tagen noch solche wahre, antike Grosse zu erleben. Andere, z.B. meine Mutter, unser Freund Hofrat Buel, ein sonst durchaus deutschgesinnter Mann, schauderten darob, und nannten diesen Brand eine grassliche, barbarische Tat. Ebenso verschieden fielen auch die Urteile der Menge aus; aber wir, die gleich vom Anfange dafur gestimmt hatten, erlebten die Genugtuung, dass der Erfolg die Zweckmassigkeit dieses Mittels vollkommen gerechtfertigt hat. [ 402] In der Literatur, auf welche der Zeitgeist jedesmal einen unausweichlichen Einfluss ubt, hatten der Fremdendruck, die Unsicherheit aller Lebensstellungen, die stets erneuerten Sturme, denen auch der ruhigste, unbefangenste Burger nicht zu entgehen imstande war, eine Ansicht des Lebens hervorgerufen, welche dem Fatalismus sehr ahnelte, und mir nach meinem Dafur halten, obwohl der erste Impuls dazu von dem christlichen, ja katholischen Z. Werner in seinem vierundzwanzigsten Februar ausgegangen war, sehr unchristlich schien. Dies waren die sogenannten Schicksalsdichtungen: Die Schuld, jener vierundzwanzigste, und der neunundzwanzigste Februar u.a., und diese Richtung verbreitete, wie jede Mode, sich schnell und weit. Es erschienen Novellen, Theaterstucke, Gedichte, alle in diese truben Schleier gehullt, wo der - oft willenlos, oft im Sturm der Leidenschaft ausgesprochene Fluch des Schwergereizten - oft eine Familiensage, ein unschuldiges Werkzeug, an welches sich Ungluck knupfte, hinreichte, um das Lebensgluck guter harmloser Menschen zu zerstoren, und wo also die Vorsehung, dieser Ansicht nach, zur Vollstreckerin des Willens und Ausspruchs der Rache, des Hasses, oft der Dummheit gemacht wurde. Wie ganzlich dies der christlichen Moral zuwiderlauft, leuchtet wohl jedem ein, der es unparteiisch betrachtet; damals aber fanden, durch die Modetendenz hingerissen, auch die Besten und Frommsten keinen Anstoss daran. Was mich betrifft, so verfehlte wohl die Auffuhrung der Schuld ihres gewaltigen dramatischen oder eigentlich theatralischen Eindrucks auf mich nicht. Ich war sehr ergriffen, besonders von der Szene, wo Hugo und Elvire sich uber Carlos Tod, ihre fruher schon genahrte Leidenschaft mit geheimen [403] Schauern besprechen, das Theater sich allmahlich verdunkelt, und nun plotzlich, von dem Lichte, das der Knabe vortragt, hell beleuchtet, ihnen das Bild des Verratenen, Ermordeten in der Gestalt und den Zugen seines Vaters entgegentritt. Im Traume der folgenden Nacht qualten mich Erinnerungen an die Schreckensszenen, die ich angesehen, dennoch erkannte ich das hochst Unmoralische, ja Antichristliche dieses Stuckes, und musste dem Urteil eines sehr verstandigen alten Herrn, des Grafen von Chotek beipflichten, der mir beim Herausgehen sagte, es sei ein gottloses Stuck. Korners reine, gesunde Seele wurde von dem Hauche der Modetheorie nur leicht gestreift. In seinen Stucken ist wenig Spur davon, wenn nicht vielleicht ein kleines, nicht eben sehr gluckliches Trauerspiel in einem Akte: Die Suhne, zu dieser Gattung zu rechnen ist. Ihn bewahrte Schillers - des Freundes seiner Eltern - Genius, und es ist klar zu erkennen, wie grossen Einfluss dieser uberhaupt auf des jungen Mannes Geist hatte. * * * Unter solchen Beschaftigungen, Ansichten, Lekturen und mitunter sehr truben Aussichten in die nachste Zukunft fur das Allgemeine ging das Jahr 1812 zu Ende, und mit dem folgenden traten wir und ganz Europa in eine Periode des Umschwungs, der Veranderung, der Umstaltung darf man wohl sagen, von der noch ein Jahr vorher wohl niemand etwas geahnt, und selbst als die ersten Zeichen der kommenden Dinge sich sehen liessen, noch niemand das Ende vorhersehen oder sich versprechen konnte, das wirklich erfolgte. Die franzosische Armee war durch den Winter auf russischen Eisfeldern, durch die Affaren an der Beresina, [404] durch den Brand von Moskau so gut wie vernichtet, und so wie die letzten Reste dieser Unglucklichen durch die preussischen und deutschen Lande ihrer Heimat zuzogen, schien es, als richtete, dicht hinter ihnen, der deutsche Geist, der deutsche Mut, die Hoffnung besserer Tage sich empor. Man sprach von den Rustungen der Preussen. Hier und da liessen sich Stimmen horen, die einen frischen kriegerischen Klang hatten, und bei dem Worte empor denkt man gleichsam unwillkurlich an Ruckerts geharnischte Sonette, worunter eines die Etymologie des Wortes Emporung eben von Empor, vom Aufrichten unterm Druck, vom Erheben des Geistes aus der Schmach ebenso wahr als sinnig herleitet. Auch Korner liess seine Saiten erklingen, und eines Abends wurde, trotz der Anwesenheit des, ubrigens sehr liebenswurdigen und uns allen werten Freiherrn von der Malsburg - damals bei der westfalischen Gesandtschaft angestellt - Korners Jagerlied nach Schubarts Melodie: Auf, auf, ihr Bruder und seid stark! beinah im Chorus bei uns gesungen. Solchen Anklang, solchen tiefempfindenden Widerhall fanden die Worte des Liedes. Bald darauf war es entschieden, dass Preussen die Waffen gegen Frankreich ergreifen, sich, wie es Napoleon nannte, emporen wurde, und Mut und Todesverachtung, Vaterlandsgefuhl und bange Sorge, Hoffnung, und Furcht regte sich in allen Teilen Deutschlands, und so auch bei uns. Was unser Hof beschliessen wurde, war unbekannt. War doch die Kaisertochter mit dem allgemein Gefurchteten, Gehassten, aber Allmachtigen vermahlt, und ein Kind - ein Sohn hatte dies Band fester gezogen und heiliger geknupft. Dies Band, das Napoleon, der Wahrheit zur Steuer muss es gesagt werden, [405] selbst sehr zart und treu hielt, seiner Gemahlin mit Liebe und Achtung begegnete, und als bei ihrer schweren Entbindung die Arzte einige Augenblicke zweifelhaft waren, ob sie Mutter oder Kind retten sollten - schnell entschied, dass man die Mutter erhalten solle, obwohl ihm unendlich viel an der Geburt eines Kindes, das eigentlich seine neue Dynastie grunden und besiegeln sollte, gelegen sein musste. Immer lebhafter ward die Bewegung um uns her. In jungen Leuten regte sich kriegerischer Sinn, und Korner war einer der ersten, welcher sich erklarte, preussische Dienste nehmen zu wollen. Dieser rasche Entschluss befremdete in vieler Hinsicht das Publikum, dem der junge Mann durch sein schones Talent und besonders durch dessen Anwendung auf die Buhne schon gleichsam angehorte. Noch war, trotz des druckenden Gefuhles der Unterjochung und des gluhenden Franzosenhasses, der fast in jedem Herzen lebte, und trotz des lebhaften Wunsches vieler Bessern, das schmahliche Joch auch mit grossen Aufopferungen abzuschutteln, die Zuversicht auf einen glucklichen Erfolg dieses Versuches nur gering. Es war mehr ein begeisterndes Ehr- und Nationalgefuhl, als eine klare Vorstellung von dem moglichen Gang der Dinge, was die meisten aufregte. Uberdies waren Korners Eltern in Dresden angesiedelt, und der Vater stand im Dienste des Konigs von Sachsen, der sich fest an die franzosische Partei angeschlossen hatte. Des Sohnes Schritt konnte und musste also den Vater kompromittieren. Dazu kam noch das allbekannte Verhaltnis Korners zu Fraulein Adamberger, welches seinen Entschluss, die Waffen in einer Zeit zu ergreifen, wo ihm das Gluck der Liebe und Hauslichkeit an der Seite eines ausgezeichneten Madchens [406] winkte, sehr uberraschend machte, da Korner hier sehr geachtet war, und bei den truben Aussichten, der in jeder Hinsicht so achtungswerte Jungling doch allen viel zu gut fur Kanonenfutter dunkte. Dies war namlich der Gesichtspunkt, aus dem damals die meisten seinen Entschluss und den wahrscheinlichen Erfolg des Unternehmens der Preussen betrachteten. Allmahlich anderte sich diese Stimmung. Die Furcht, die Verzagtheit, erzeugt durch ein Ungluck vieler Jahre und durch die niederschlagenden Erfahrungen, wie ubel uns Osterreichern in den Jahren eintausendachthundertfünf und 1809, so wie Preussen eintausendachthundertsechs der Versuch bekommen war, sich der Riesenmacht Napoleons entgegenzusetzen - fing nach und nach an, sich aus den allzu gedruckten Gemutern zu verlieren. Sicher war nach den Ereignissen des Winters eintausendachthundertzwölf die franzosische Armee nicht mehr das, was sie vor dieser Epoche gewesen. Und hatten wir Osterreicher nicht die erhebende Erfahrung gemacht, dass jene Armee in ihrer ganzen fruhern Starke und Macht im Angesicht unserer Vaterstadt eintausendachthundertneun durch den Erzherzog Karl war geschlagen und in eine Lage versetzt worden, welche, wenn die Umstande - oder andere uns verborgene Triebfedern nicht entgegengewirkt, und die Verfolgung dieses glanzenden Sieges gehindert hatten, den furchtbaren Feind vielleicht von seiner, bis dahin glanzenden Siegesbahn schon damals zuruckgedrangt haben wurde? Diese Erfahrung hatten wir fur unsere beginnenden Hoffnungen, und so manches historische Beispiel, wo ernster Entschluss und verzweifelter Mut Unglaubliches bewirkt, und kleine Haufen zu Siegern uber grosse Heere gemacht hatten, konnte jeder sich selbst ins Gedachtnis rufen. Sie wurden uns aber auch in Gedichten und andern Schriften in Erinnerung [407] gebracht, und trugen das Ihrige bei, um die Hoffnung auf glucklichen Ausgang zu erheben, oder im schlimmern Fall den mutigen Entschluss zum letzten entscheidenden Kampf zu stahlen. Von verschiedenen Seiten kamen nun insgeheim oder mehr offentlich Nachrichten von Bewegungen, die sich an mehreren Punkten zu gestalten anfingen, ahnlich den ersten Tropfen des schmelzenden Eises nach der starren, stummen Winternacht, wenn der erste noch schwache Strahl der Sonne es beruhrt, und das leise Gerausch, das die fallenden machen, auch der erste Lebenslaut der bis dahin toten, erstarrten Natur scheint. Man flusterte sich von Tirol, von einigen deutschen Fursten zu, und die Hoffnung regte die jungen Flugel starker. In den geselligen Kreisen waren diese Hoffnungen sehr oft der Gegenstand der Gesprache und die Dichtungen unserer vorzuglichen Geister - Schillers, Collins, Raupachs - dessen Name dazumal genannt zu werden begann - deren ganzer Geist ernst, wurdig und dahin gerichtet war, den Kampf der Freiheit mit der Naturnotwendigkeit zu begunstigen, machten sehr oft, von einem oder mehreren, nach den Rollen verteilt, vorgelesen, ein Hauptvergnugen unserer Abendunterhaltungen aus. Langst schon hatten wir in unserm Hause Goethes, Schillers und anderer Stucke auf diese Weise mit grossem Genusse vorgetragen. Jetzt - im Marz eintausendachthundertdreizehn - war es beschlossen worden, bei der Baronin von Matt, einer sehr gebildeten, sogar gelehrten Dame, welche sich mit Astronomie beschaftigte und eine Sternwarte in ihrem Hause hatte errichten lassen, die Braut von Messina vorzulesen. Bei dieser Frau hatte sich wochentlich einmal derselbe Kreis von gemeinschaftlichen [408] Freunden, worunter sich sehr gebildete Frauen und mehrere ausgezeichnete Gelehrte, wie Hammer, Schlegel, Adam Muller usw. befanden, versammelt, der fruher im Hause meiner verstorbenen Freundin Flies zusammenkam. Baron Hormayr und ein Herr Rupprecht, der selbst ein artiger Dichter war, hatten die Rollen der beiden Sohne ubernommen; eine sehr hubsche Frau, der man ein sehr lebhaftes Interesse fur den einen dieser Herren zuschrieb, sollte die Beatrice, und ich die Rolle der Mutter lesen. Ich war in jener Zeitepoche sehr oft unwohl und litt haufig an aufgereizten Nerven, an Migrane, Krampfen usw., eine sehr begreifliche Folge der Zeitensturme, die seit ungefahr zehn, zwolf Jahren uber uns alle ergangen waren, und vielleicht auch meiner Beschaftigung mit Poesie. Eben an dem Montag, wo jene Vorlesung statthaben sollte, es war der sieben Marz, und wenn ich nicht irre, der Geburtstag von Hormayrs alterer Tochter, der sehr verdienstvollen jetzigen Baronin v. Kress, uberfiel mich eine so heftige Migrane, dass ich unmoglich ausser dem Bette bleiben, Toilette machen und vorlesen hatte konnen. Sehr unzufrieden, die verabredete Unterhaltung storen zu mussen, blieb mir dennoch nichts ubrig als zur Baronin Matt zu senden und mich entschuldigen zu lassen. Weder ich noch sonst jemand von uns allen hatte auch nur von fern eine Ahnung von der Katastrophe, welche, auch wenn ich gesund geblieben und bei Matt gewesen ware, unsere projektierte Lesung auf eine schreckhafte Art zu nichte gemacht haben wurde. Es war noch fruh am andern Morgen, als man mir, die an nichts so Schreckendes, und uberhaupt fur den gegenwartigen Augenblick an nichts Arges dachte, einen - Sekretar, oder was der Mann eigentlich war,[409] des Grafen von Szecheny meldete, dieses ausgezeichneten Mannes, in dessen Hause ich eben mit Hormayr, der (wenn ich nicht irre) den Grafen bei mir eingefuhrt hatte, oft zusammen getroffen und genussreiche Stunden im Kreise hochst wurdiger und gebildeter Menschen, wie es die ganze Szechenysche Familie war, genossen hatte. Dieser Beamte des Grafen trat ein, und erkundigte sich mit verlegener, besturzter Miene, ob ich den vorigen Abend bei der Baronin von Matt gewesen, und welche Auskunft ich dem Grafen uber die beunruhigende Nachricht geben konne, dass gestern Abend Baron Hormayr in seiner Wohnung arretiert und von Wien weggefuhrt worden sei? Ich war aufs hochste erstaunt und sogleich besturzt. Hormayr gehorte zu den nahern Freunden unsers Hauses; ihm verdankte ich manche genussreiche Unterhaltung, manche belehrende Nachweisung in der Geschichte meines Vaterlandes, in welche ich durch ihn eigentlich eingefuhrt worden war, so wie in die Geschichte uberhaupt, und manche bedeutende Gefalligkeit, die er mir und den meinigen, denen er allen wert war, erwiesen hatte. Noch gestern Abend sollte ich mit dem verehrten Freund eine gemeinschaftliche Lesung unternehmen; wie wenig dachte ich, wie wenig mag wohl er selbst an die Moglichkeit gedacht haben, dass unser Projekt auf diese Art gestort werden sollte! Bevor er sich zur Lesung einfinden wollte, beging er mit einigen Freunden zu Hause den Geburtstag seines Kindes, und hier ereilte ihn sein Schicksal! Ich war unaussprechlich von diesem Ereignis ergriffen, dessen mogliche Folgen mir schauderhaft in jenem ersten Augenblicke des Schreckens vorschwebten. [ 410] Da ich ganzlich unwissend uber alles war, konnte ich auch dem Grafen Szecheny nichts antworten lassen, was das verworrene Dunkel dieser Gefangennehmung erklart hatte; bald darauf vernahm ich, dass ein dumpfes Gerucht von dem, was in jenem Augenblicke mit Baron von Hormayr geschehen war, sich schon gestern bei der Baronin von Matt verbreitet hatte, dass alle besturzt waren, vorzuglich aber der damals als Diplomat und Gelehrter, als eifriger Freund des deutschen Vaterlandes bekannte und geruhmte Freiherr von Gagern. Dieser ausgezeichnete Mann war ein Freund Hormayrs und mit ihm von einerlei Gesinnung, einerlei Streben, den niedergedruckten Geist seiner Landsleute aufzurutteln und sie zu mutigen Entschlussen zu begeistern. Zu diesem Behufe hatte er damals die Nationalgeschichte der Deutschen zu schreiben begonnen, wovon der erste Band, mit typographischer Eleganz ausgestattet, in Quarto zu Wien noch im Jahre eintausendachthundertdreizehn herauskam. Sie war in ernstem, edlem Geist, aber in einem Stile geschrieben, der fast zu sehr an Tacitus und Johannes Muller erinnerte. Baron Gagern besuchte auch unser Haus, wie denn damals die in der Literatur ausgezeichneten Manner haufig und gern die Gesellschaften besuchten, wo gebildete Personen verschiedener Stande, Geschlechter und Lebensbedingungen sich zu heiterm Gesprach oder Lekture oder andern geselligen Vergnugungen zusammenfanden. So war es von meiner Kindheit an in meiner Eltern und spater in meinem Hause gewesen, so waren die Abende bei Frau von Flies und Baronin Matt, bei Baronin Pereira, bei den trefflichen Piquot und bei andern; fur mich eine Quelle stiller, aber tiefempfundener geistiger Genusse. Das ist nun jetzt anders geworden; [411] aber ich glaube nicht, dass das gesellige Leben dadurch gewonnen hat. An jenem verhangnisvollen Abend wollten nun die bei Baronin Matt Gegenwartigen eine unverkennbare Betroffenheit an Baron Gagern bemerkt haben, und durchaus nicht unwahrscheinlich ist es wohl, dass er entweder im Ganzen fur die Erfullung seiner patriotischen Wunsche viel von Hormayrs Tatigkeit erwartet hatte, die nun, wie durch einen Blitzstrahl, plotzlich gelahmt war, oder dass er vielleicht nicht ganz fremd in den Planen und Unternehmungen war, welche seinem Freunde diese erschutternde Katastrophe zuzogen. Vergebens bemuhte man sich, zu erraten, von welcher Art diese Unternehmung gewesen oder welche Verraterhand sie mitten im Entstehen schon vereitelt. Vage Geruchte und Mutmassungen wiesen auf Unterhandlungen mit den Tirolern hin, die im Jahre 1809, nachdem ihre Tapferkeit allein sie von der Knechtschaft der Franzosen befreit hatte, dennoch im Friedensschluss abermals abgetreten werden mussten. Man erzahlte sich, dass mehrere dieser seiner unglucklichen Landsleute Umgang und Verkehr mit Hormayr gepflogen, dass neuerdings Entwurfe zur Abschuttelung des fremden Joches gemacht worden, und dass Hormayr hier im stillen tatig gewesen sein sollte. Andere erzahlten Unglaublicheres, das an Rittermarchen grenzte, und das mir und vielen allzu romantisch, gewagt und - dass ich es frei sage - zu unrecht und toricht schien, um vernunftige und sogar sehr hochgestellte Manner, die die Lage der Dinge und die Menschen kennen mussten, solcher chimarischen Plane fahig zu halten. Wie dem immer gewesen sein mag, Hormayr ward[412 ] gefangen von hier weggefuhrt, niemand wusste warum? und wohin? bis es nach einiger Zeit bekannt wurde, dass man ihn nach Munkacs gebracht, und seine Freunde waren voll Trauer um ihn besorgt, ohne etwas fur ihn tun zu konnen. Indessen hatte der Gang der allgemeinen Ereignisse manche ausgezeichnete Menschen nach Wien gefuhrt, mit welchen ich in nahere oder fernere Beruhrungen kam. Mein Zusammentreffen mit Alexander von Humboldt bei Schlegel, wo ich schon dessen Bruder und Schwagerin langere Zeit vorher getroffen, hatte mir wohl den bedeutendsten Genuss gewahrt, wenn es etwas mehr als ein blosses von Gesicht Kennenlernen gewesen ware. Aber er teilte - und noch weiss ich durchaus nicht warum? - die Nichtachtung, ich mochte sagen Geringschatzung gegen mich, welche mir seine Verwandten bewiesen hatten, so dass, da der Kreis, in dem wir uns bei Schlegel befanden, sehr wenig zahlreich war, ich bald ohne alle Ansprache, wie verloren, da gesessen hatte, indes Herr und Frau vom Hause mit ihren ausgezeichneten Gasten beschaftigt waren, wenn nicht ein sehr schones und interessantes Madchen, Fraulein Nina, die Nichte des Hofrats von Hartl, nachmalige Frau von Overbeck, sich meiner angenommen, und ein Gesprach mit mir angeknupft hatte. Eine zweite, gegen mich viel freundlicher gesinnte Erscheinung war der damalige osterreichische Hauptmann, jetzt, wie ich glaube, General Baron von Pfuel in preussischen Diensten. Ihn hatte, so wie Varnhagen und andere, der Zeitensturm nach dem Ungluck seines Vaterlandes in den Jahren 1806-1807 nach Osterreich gefuhrt, das ja auf dem Festlande, Spanien vielleicht ausgenommen, allein noch in Waffen gegen den allgemeinen [413] Unterdrucker stand. Baron Pfuel war der erste Errichter oder Einrichter der, nachher durch ihre Nutzlichkeit so bewahrten Schwimmschulen hier und in Prag. Bei nicht angenehmen, fast hasslichen Gesichtszugen machte ihn eine schone Figur und ungemeiner Anstand, eine Klarheit des Geistes, die ganz aufs Praktische zu gehen schien, und dennoch das Ubersinnliche, das Unbegreifliche mit grosser Gewalt erfasste, sowie ausgebreitete Kenntnisse und der feinste Ton im Umgang zu einer hochst bedeutenden Personlichkeit. Bei Frau von Flies und auch in unserm Hause sah und sprach ich ihn oft, und eine homogene Art uber die allgemeinen Ereignisse zu denken und zu empfinden, machte ihn uns allen wert. Ein anderer ausgezeichneter Mann war Adam von Muller, spater osterreichischer Konsul in Leipzig und zuletzt Hofrat in der Staatskanzlei. Er war mit seiner sehr angenehmen Frau und zwei damals kleinen Madchen nach Wien gekommen, um, wie es schien und sich auch bewahrte, hier Dienste zu suchen. Er schrieb politische Aufsatze fur ein Journal, welches Schlegel damals herausgab, und hielt in den Seitenzimmern der Redoute Vorlesungen uber >>die schonen Redekunste<<. Bei diesen Vorlesungen zeigte er sich wahrlich als einen Redekunstler. Sein Vortrag war gewahlt, stets zierlich, zuweilen kraftig, ja ergreifend. So z.B. als er jene beruhmte Parlamentssitzung schilderte, in der Fox und Burke, die sonst Freunde gewesen waren, um ihrer verschiedenen, ja entgegengesetzten politischen Ansichten willen, sich offentlich und auf immerdar trennten. Mit Vergnugen und Erschutterung horte man diese Schilderung, indes will ich nicht behaupten, dass jene nicht [414] recht hatten, welche Mullern einige Koketterie im Vortrage vorwarfen. Sichtlich war er viel mehr als Friedrich von Schlegel bei seinen Vorlesungen bemuht, sie angenehm zu machen. Er las mit gemassigter, nicht ganz von Manier freier Stimme, zusammenhangend, in geregeltem Flusse aus seinem Manuskripte, das vollkommen vor der Lesung geordnet zu sein schien. Schlegel hingegen, obwohl sein Vortrag lebendig und naturlicher als der Mullers war, musste oft in seinen Blattern den Zusammenhang nachsuchen, die Einschiebsel nachholen, manchen Satz wiederholen. Das war nun freilich etwas storend, und dies wusste Muller zu vermeiden. Doch war manches, worin ich mit Muller durchaus nicht ubereinstimmen konnte. Auch er nannte Schiller - nach der Weise der neuen Schule - einen rhetorischen Dichter oder vielmehr eigentlich gar keinen Dichter, sondern bloss einen Rhetor. Er erzahlte uns in einer Gesellschaft die Geschichte des grasslichen Kleistschen Wechselmordes auf eine Art, welche mir genugsam zu zeigen schien, dass ihm das Verbrecherische, Verkehrte, ja Widersinnige einer solchen Handlung vor dem sogenannten Grandiosen der Gesinnung, welche sich uber alle bisher gewohnten und anerkannten Schranken hinauszusetzen wagt, verschwand. - Uberhaupt schien sich, seitdem diese neue oder romantische Schule ihre Lehren verbreitet, so manche fruher verehrte Autoritat in der literarischen Welt vom Altare gestossen, so manches fruher allgemein anerkannte Verdienst zu bezweifeln und zu benagen angefangen hatte, dieser Geist der Neuerung, dies Herabziehen alles fruher Verehrten, dieser Kampf gegen so viele konventionelle Schranken - auch auf die gesellige Welt und die sittlichen Begriffe zu erstrecken. Man schalt [415] Kotzebue und Lafontaine als unsittlich, weil sie das Laster oder die Sinnlichkeit in tauschender Hulle und unter versohnenden Formen in ihren Werken einfuhrten, und man hatte hierin recht; obgleich man mit diesem allerdings gerechten Tadel das ubrige Verdienst dieser beiden Literaturen nicht ganz niederschlagen konnte, wie man wohl gewollt; denn Kotzebues Stucke, erhalten sich nach 40-50 Jahren noch auf unsern Buhnen, ebenso viele von Iffland, uber dessen spiessburgerliche Charaktere, uber dessen beschrankte, allzu hausbackene Ansichten man sich ebenfalls zu lachen und zu spotten erlaubte. Was wollte denn die neue Schule nun eigentlich, da ihr der eine zu locker, der andere zu beschrankt war? Das glaube ich, wusste niemand, selbst die Koryphaen derselben nicht. Sie rissen nur ein, ohne aufzubauen, sie brachten nur eine Verwirrung der Begriffe hervor, und nannten Worte oder Darstellungen oder auch wohl Handlungen sittlich, schon, erhaben, welche gegen alle bisher bekannten Vorschriften der Sittlichkeit und Wurde stritten. Eheliche Treue, Gehorsam gegen Eltern, Fugen in hausliche Verhaltnisse, Achtung fur eingefuhrte Sitte usw. wurden als beengende Schranken, die einen starken und unabhangigen Geist nicht abhalten durfen, dargestellt, und das Hinwegsetzen daruber war eben jenes Grandiose, wie das da mals in Mode gekommene Wort hiess, womit man jeden Verstoss gegen hergebrachte Formen, jedes Auflehnen gegen Pflicht, ja, jede Ubertretung derselben beschonigen zu konnen glaubte. So verwirrten sich die Begriffe von Recht und Unrecht, von Erlaubt und Verboten, ja von Wahrheit und Luge, und es lassen sich vielleicht in den Grundsatzen und Beispielen, welche diese Schule in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts [416] aufzustellen begann, die Keime und ersten Wurzeln der widrigen und verderblichen Geistesrichtungen nachweisen, die in der literarischen und geselligen Welt zu Extravaganzen, Zerruttung der Familien, Untergang schoner Talente, ja oft zum Selbstmorde fuhrten. Damals fielen diese Ungewohnlichkeiten wohl auch auf, aber wichtigere, aufs Allgemeine - von dem doch das Einzelne stets abhangt - gerichtete Sorgen liessen jene kleinen Ereignisse aus unsern Blicken verschwinden. Preussen erhob sich machtig und laut, und es blieb kein Zweifel mehr, dass es das Joch zerbrechen wolle, unter dem Frankreich es gefangen hielt. Auf Russlands tatige Mitwirkung war seit den Ereignissen von eintausendachthundertzwölf und dem Brand von Moskau zu zahlen; was die deutschen Rheinbundfursten tun wurden oder eigentlich, was sie tun durften, war ungewiss. In vielen edlen Herzen, wie z.B. in dem des damaligen Kronprinzen, jetzigen Konigs von Bayern, regte sich die deutsche Gesinnung, der Wunsch, das fremde Joch abzuschutteln, mit Macht; aber keiner wollte oder durfte einzeln hervortreten. So richteten sich vieler Augen sehnsuchtig und gespannt auf Osterreich, welches durch enge Verwandtschaftsbande an Napoleon gebunden, und von den deutschen Fursten mehr als einmal im Stich gelassen, allein zu bluten und zu weichen gezwungen worden war. Aber nichts verlautete von seinen Gesinnungen, und trub und angstlich standen wir, mitten in der frisch aufbluhenden Natur des Fruhlings von 1813, unruhig in die so nahe und so dichtverhangene Zukunft blickend. Preussen hatte den Krieg offen erklart. Die Feindseligkeiten begannen; die Schlachten von Lutzen und Bautzen waren voruber. Mit welcher Spannung hatte[417] man diese Nachricht erwartet, und wie wenig war sie geeignet, unsere Hoffnungen aufzurichten. O, ich erinnere mich noch wohl eines wunderschonen Abends, wo wir im Garten mit einer sehr werten Freundin Henriette Ephraim und der liebenswurdigen Marianne Saaling unter Bluten und Blumen beisammen sassen, die truben Ereignisse der Gegenwart, die noch dusterere Zukunft mit schwerem Herzen erwagend, und wie gerade das unaufgehaltene Entwickeln der Natur in ihren festgezeichneten Kreisen, wahrend in der moralischen Welt solche Sturme tobten, mir so schmerzlich erschien: diese frommen Bluten, diese stillen Lenzesfreuden, welche uns Segen und Fulle verhiessen, gegenuber gezogenen Schwertern, angeschlagenen Feuergewehren und erbittertem Hass! Um diese Zeit fuhrte sich der beruhmte Bruder einer spater noch viel beruhmtern Schwester, Herr Clemens von Brentano, mittelst eines Briefes von Tieck, wenn ich mich recht entsinne, bei mir ein. Tieck war im Jahre eintausendachthundertacht oder eintausendachthundertneun mit seiner Schwester ofter bei uns gewesen, und ich darf wohl nicht erst sagen, dass diese Bekanntschaft fur mich sehr grossen Wert hatte und noch hat, und dass ich stolz darauf bin, dass Tieck meiner noch ofter freundlich gedacht, und mir die Bekanntschaft bedeutender Personen, wie z.B. noch viel spater des edlen, unvergesslichen Carl Maria von Weber verschaffte. Damals, wie ich ihn sah, war Tieck ein hubscher, schlank, obwohl nicht hochgewachsener Mann von etwa dreißig oder zweiunddreißig Jahren, an dessen gefalliges Aussere mich ebenfalls im Ausserlichen der Dichter Nikolaus Lenau, den ich erst vor kurzem kennen gelernt, lebhaft erinnert hat. Seine Schwester war als Frau viel weniger hubsch, aber sie war eine Dichterin, eine geniale Frau, [418] die ihrem Gemahl Bernhardi, wie man sagte, davon gegangen war, und mit einem Herrn von Knorring, den sie spater auch heiratete, herumreiste. Das war so damals die Art, wie geistreiche Frauen die Lehren der romantischen Schule aufs Leben anwandten. * * * Doch ich kehre zum Faden der Geschichte im Jahre eintausendachthundertdreizehn und Herrn von Brentano zuruck. Auch er gehorte dieser neuen Geistesrichtung an, und obwohl seine sehr markierte Originalitat, sein poetisches Talent und seine geistreiche Unterhaltung mir manche angenehme Stunden machte, so fand ich doch auch vieles so heterogen in unserer beiderseitigen Denkart, dass ich ihn oft mit Erstaunen sprechen horte, und ebenso oft ganz und gar nicht begriff, was er meinte und sagte. Dies Nichtbegreifen der Reden und Schriften anderer, oft sehr gelehrter oder sinnreicher Manner, begegnete mir damals schon zuweilen, seitdem aber immer ofter. Ich habe mich schriftlich daruber ausgesprochen, und erlaube mir nun die Frage zu wiederholen, ob denn nur an mir - die auch fruher ernste Bucher gelesen und verstanden hatte - oder nicht vielmehr an der Vortragsweise dieser Schriftsteller die Schuld davon liege? - Brentano las uns in drei Abenden, sein grosses dramatisches Gedicht: Die Grundung von Prag, das bei vielen einzelnen Schonheiten sehr barokke, sehr grelle Auftritte und Redensarten und manches mir eben auch Unverstandliche hatte; wie ich denn uber eine mystische Person, ein Madchen, Trinitas, wenn ich mich recht erinnere, genannt, nicht recht ins Klare und zu dem eigentlichen Verstandnis des Dichters gelangen konnte. Indessen verbreitete sich die lange und angstlich ersehnte [419] Nachricht: Osterreich sei den andern gegen Frankreich oder vielmehr gegen Napoleon verbundeten Machten beigetreten. Unser edler Kaiser hatte sein Vatergefuhl das zweitemal bezwungen, wie es bei der Vermahlung seiner Tochter zum erstenmal geschah, und ihrem Gemahl und dem Lande, dem sie nun angehorte, den Krieg erklart. - Am 17. August wurde der Waffenstillstand aufgekundigt und die Furie des Krieges entfesselt. Schon fruher hatten Dichter und andere Schriftsteller, gedrangt von der traurigen Lage des gemeinsamen Vaterlands, sich erhoben und gluhende Wunsche ausgesprochen, dass die Deutschen sich ermannen, den alten Zwiespalt vergessen, sich vereinigen und mit gesamten Kraften das fremde Joch abschutteln mochten. So hatte der kraftige Ruckert sein >>geharnischten Sonette<< gedichtet. So rief der edle Schenkendorf den Deutschen zu, sich unter ihrem ehemaligen Haupte zu sammeln, in dem schonen Gedichte: Deutscher Kaiser! deutscher Kaiser! Komm zu rachen, komm zu retten, Lose deines Volkes Ketten, Nimm den Kranz, dir zugedacht! usw. Beinahe noch schoner und in ganz prophetischem Geiste gesungen war sein anderes Gedicht: Die Preussen an der kaiserlichen Grenze. Wir grussen dich mit Waffentanzen, Wir neigen uns an deinen Grenzen,Du klangreich Bohmerland! O Herr! im Schmuck der grunen Reiser, Wir rufen: Heil und Sieg dem Kaiser! Der deinen Sinn erkannt. - - - - - - - - Der Geister Zorn versank in Aschen,Des Rachers Hand hat abgewaschen,Was widers Recht geschehn. [420] Nicht mehr nun trennt uns Sud und Norden, Ein Lied, ein Herz, ein Gott, ein Orden! Ein Deutschland stark und schon. Und dann in der funften so wie in der letzten Strophe die genau erfullte prophetische Vorempfindung: Wo halten wir die Siegesfeier? Wo wir die Lese halten heuer, Dort, bei des Rheines Kraft.- Im Herbst kamen die verbundeten Heere an den Rhein, und spater nach Frankreich und der Schweiz, ans Ufer der Rhone. Wir sprengen Kette kuhn auf Kette, Und hangen an des Rhodans BetteDen deutschen Eichenkranz. Punktlich erfullte sich diese Voraussicht und bestatigte in mir den Gedanken oder das Gefuhl, das manche Sprachen auch durch das Wort bezeichnen, dass im echten Dichter etwas Prophetisches lebe; so nennt ihn der Romer: Vates. * * * Ich hatte einen schatzbaren Freund, den schon erwahnten Baron von Merian, der in fruherer Zeit auch Hormayrs Freund gewesen, und von diesem bei uns eingefuhrt worden war. Seit eintausendachthundertzehn hatte er Wien verlassen, und war in Dresden bei der kaiserlichen Gesandtschaft angestellt. Wir wechselten fleissig Briefe, und Merian, der ebenfalls Deutschland und seine Freiheit mit warmem Herzen umfasst hatte, und dem es sehr leid tat, dass Osterreich im Jahre eintausendachthundertzwölf ein Hilfskorps zu der franzosischen Armee gestellt hatte, verliess die kaiserlichen Dienste und nahm eine russische Anstellung an, weil er, wie er mir schrieb, von Scythen und Gelonen das hoffte, was ihm die Deutschen nicht tun zu wollen [421] schienen. Jetzt war auch er zufrieden gestellt, und da der Kurierwechsel in jener Periode sehr lebhaft zwischen Wien und Dresden war, hatte ich sehr oft, ja in manchen Perioden taglich einen Brief von Merian; aber auch manchmal was fur wunderliche! Eines Morgens z.B. weckte man uns zeitig, und uberreichte uns ein ziemlich konsiderables Paket, das ein russischer Kurier gebracht hatte. Pichler, den naturlicherweise jede Nachricht aus Dresden in jenem Zeitpunkte interessierte, erbrach schnell den Brief. - Was enthielt er? Einen kurzen, ziemlich gleichgultigen Brief und einen sorgfaltig zusammengelegten Bogen Loschpapier, auf dem von Merians Hand das Wort >> Ballast<< geschrieben stand. Merian hatte, wie er spater schrieb, nicht Zeit gehabt, mir ausfuhrlich zu schreiben; wollte doch ein Lebenszeichen, und dem Kurier nicht ein blosses Billet mitgeben; so verfiel er auf jenen wunderlichen Gedanken des Ballasts, der aber im ganzen nicht wunderlicher war, als mancher andere, den er in seinen Briefen, und wohl auch in seinem Leben ausgefuhrt. Wie oft bekam ich, eben auf dem Kurierwege, dicke Pakete, die denn kaum in einigen Zeilen Nachricht von dem fernen Freunde, hingegen grosse Auszuge oder Notaten aus Buchern enthielten, wie sie Merian eben damals las. Bei allen diesen Sonderbarkeiten waren mir seine Briefe oder Blatter stets eine erwunschte Erscheinung, und mit warmem Andenken ruf ich dem Langedahingegangenen einen herzlichen Scheidegruss in jene Welt nach, in welcher wir uns bald begegnen werden. Es war im August 1813, schon gegen das Ende des Monats, und ich hatte mit einer Punktlichkeit, die ich mancher Offiziersfrau an meiner Stelle gewunscht hatte, beinahe taglich einen Brief von Merian aus Dresden erhalten. [422] Nicht als ob diese Nachrichten von dem fernen Freund mir nicht erwunscht gewesen waren, aber weil ich sie doch mit sehr grosser Ruhe erwartete, und wenn sie einmal ausblieben, ohne lebhafte Unruhe vermissen konnte. Auch war bis gegen Ende des Monats noch nichts Entscheidendes vorgegangen, und nur von kleinern Gefechten Nachricht gekommen, bei deren einem schon etwas fruher Korner verwundet worden war, und sein so frommergebenes, so heldenkraftiges Sonett: Die Wunde brennt, die bleichen Lippen beben - gedichtet hatte; worauf er sich zu seiner Heilung nach Karlsbad begab, wo damals sich seine Eltern aufhielten; dann aber wieder zu seinem Korps stiess, um mit dem Schwerte zu streiten, wie er es fruher mit der Leier gegen den allgemeinen Feind getan. Eines Tages gingen wir eben zu Tische, und ich fand, wie es damals fast jeden Tag der Fall war, einen Brief von Merian auf meinem Teller. Es war ein kurzer Zettel - wie gewohnlich. Ohne weitere Aufschrift oder Einleitung enthielt er ein Gedicht auf Korners Tod, von Apel - und unten bei Korners Namen die Note: Geblieben in einem Gefecht bei Gadebusch im Mecklenburgschen den 26. August 1813. Das war die Weise, wie der sonderbare und nur zu originelle Mann einer Frau, die er gewiss achtete und der er wohl wollte, den Tod eines Junglings verkundete, den er selbst vor anderthalb Jahren mit warmer Empfehlung an sie gewiesen, und die sich seitdem in ihren Briefen so oft und mit so herzlicher Teilnahme uber den talentvollen, edlen Theodor ausgesprochen hatte. Ich war aufs Ausserste betroffen, doch hatte ich die Gewalt uber mich, meiner Mutter und meinem Manne, denen der Verstorbene ebenfalls sehr wert gewesen, und [423] die mich nach dem Inhalt von Merians Briefe befragten, weil diese Nachrichten unter uns Gemeingut waren, die trostlose Botschaft zu verschweigen, um ihnen nicht das Mittagsmahl zu verderben, wie es mir verdorben war. Ubrigens glaube ich, dass ich ziemlich die erste in Wien war, die diesen grossen Verlust erfuhr - aber auch auf welch unpassende Weise! Bald verbreitete sich die Kunde durch die ganze Stadt, und das bedeutende Opfer, das in Theodors Person, auf welchen ganz Deutschland mit Achtung blickte, der guten Sache ohne Nutz und Forderung bis dahin gefallen war, diente nicht dazu, unsere Hoffnungen zu beleben oder unsern Mut zu erhohen. Brentano fuhrte in diesen Tagen oder etwas fruher, bald nach der Kriegserklarung, ein paar fremde Damen aus Breslau, wenn ich nicht irre, bei mir ein. Es war von dem beginnenden Kriege, von unsern Aussichten, Anstrengungen usw. die Rede. Mit jener liebenswurdigen Naivitat, mit welcher West- und Norddeutsche (diese ganz vorzuglich) sich berechtigt glaubten, Osterreich nicht allein tief unter sich zu sehen, sondern es uns bei jeder Gelegenheit ins Gesicht zu sagen, rief Brentano, in seiner Lebhaftigkeit aus: Mein Gott! wie konnen sich die Wiener Hoffnung machen, Napoleon zu schlagen, da sie so viel Wohlgefallen an (ich weiss nicht mehr, welchen mittelmassigen Schauspieler er hier nannte) finden! Dann begannen die Damen mit derselben Ungeniertheit mir ihre Ansichten zu demonstrieren; denn naturlich war aller in Deutschland vorhandene Verstand das Erbteil der Preussen und Norddeutschen, und fur uns arme Osterreicher und Katholiken nichts ubrig geblieben. Derlei Verbindlichkeiten erlaubten sich die Fremden sehr oft, uns ins Gesicht zu [424] sagen; aber wir berechtigten sie auch dazu durch den gar zu grossen Mangel an allem Nationalgefuhl, den wir leider mit allen Deutschen teilen, aber sie in diesem Stucke noch ubertreffen. Ware ich so unzart gewesen wie diese Personen, so hatte ich mit Fug und Recht diese Preussinnen an den totalen Sturz ihrer Monarchie im Jahre eintausendachthundertsechs erinnern konnen, und wie doch Osterreich noch viel respektabler im Jahre eintausendachthundertneun aus dem Kampfe geschieden war. Aber das hatte mir unwurdig geschienen, und so liess ich sie reden. Vielleicht aber hatte ich es rugen sollen, und vielleicht ware mancher solche Ubermut der Fremden gegen uns unterblieben, wenn wir ihnen die Zahne gezeigt hatten, so wie Burger singt: Viel Klagen hor ich stets erheben Vom Hochmut, den der Grosse ubt. Der Grossen Hochmut wird sich geben, Wenn unsre Kriecherei sich gibt. * * * Indessen hatten doch Preussen und Russland dem Beitritt Osterreichs zu ihrem Bunde mit Verlangen entgegengesehen, und nur davon sich Heil und das Gelingen ihrer Plane versprochen. Mein Herz jauchzte auf uber diesen Beitritt, und wie immer auch die Schicksale sich gestalten sollten, es schien mir ehrenvoller, mit dem ganzen deutschen Vaterland zu Grund zu gehen, als allein ruhig stehen zu bleiben, wenn die ubrigen kampften, bluteten - eine Rolle, die Preussen fruher beim Basler Traktat, wenn ich nicht irre, und im Jahre eintausendachthundertfünf nicht verschmaht hatte, zu spielen. Es war ihnen eintausendachthundertsechs schrecklich, heimgekommen und darum nichts mehr davon! Schenkendorf sprach es ja aus: Nicht mehr nun trennt uns Sud und Norden. - Damals galten wir [425] auch fur Deutsche, eine Benennung, die man uns fruher, und auch jetzt wieder in so mancher Beziehung vom Norden und Westen aus nicht immer zugestehen will. Osterreich erhob also den Schild - und wahrlich, es schien mir in diesem Kampfe, in dem zwar jede der drei Machte mit allen ihren Waffen im Felde erschien, als ob Preussen das Schwert, Russland die ferntreffende Lanze und Osterreich der Schild war, der sich vor die ubrigen noch unversehrten Gaue Deutschlands stellte, um die Schrecken des Krieges von ihnen abzuhalten. Alle diese Hoffnungen, Befurchtungen, Erwartungen und Zweifel hatten mein Innerstes lebhaft erregt, und allerlei Entwurfe, das, was mich bewegte, in poetischer Gestaltung auszusprechen, stiegen und sanken wechselweise in mir auf und nieder. Meines Mannes Wunsch entschied endlich fur ein dramatisches Gedicht, und ich erinnere mich nicht mehr bestimmt, welche Veranlassung mich auf einen Punkt der deutschen Geschichte fuhrte, wo ein (zwar deutscher Kaiser, aber von undeutscher Geburt) namlich Friedrich II., der wohl oft das Gluck Deutschlands seinen italienischen Bestrebungen unterordnete, eben (nach der Meinung einiger Geschichtsschreiber) mit seinem Sohne Heinrich in Kampf geriet, weil dieser sich seines Vaters Planen, Italien zu unterjochen, und sich dazu der Krafte Deutschlands zu bedienen, entgegensetzte. Es gibt viele Geschichtsschreiber, die diese Begebenheit anders berichten, und bei denen Heinrichs, des romischen Konigs Unrecht gegen seinen Vater deutlicher hervortritt. Nur muss man nicht vergessen, dass, da seit der Reformation bis ganz nahe an unsere Zeit die Geschichtsschreibung meist in den Handen der Protestanten war, schon der ungluckliche und mit so viel Kraft gefuhrte Kampf gegen die[426] Macht des Papstes, Friedrich II. in den Augen dieser Historiker einen Glanz verlieh, der vor dem unparteiischen Richterstuhl der Wahrheit vielleicht nicht ganz anerkannt werden durfte, indem dieses Monarchen Charakter italienische Schlauheit, Harte, Irreligiositat und Nichtachtung der offentlichen Meinung (wie seine sarazenische Leibwache in jener Zeit des kindlichsten Glaubens bewies), eine Mischung von Elementen zeigt, die ihn, nach meiner Meinung, tief unter seinen edleren und echten deutschen Ahn Barbarossa stellen. War diese meine Ansicht ein Irrtum, so war es doch ein unfreiwilliger, entstanden - wie jede Ansicht pflegt - aus den angebornen Neigungen, aus den Eindrucken meiner Erziehung und der Einwirkung der Zeitumstande. Genug, ich entwarf den Plan zu meinem >> Heinrich von Hohenstauffen<<, in dessen Verschlingungen ich passenden Raum fur vieles, was damals mich und Tausende mit mir bewegte, zu finden dachte. Es war Deutschland, welches von einem kraftigen, aber nicht wohlgesinnten Fursten und Kriegshelden seinen anderweitigen Planen fur Grosse und Ehre aufgeopfert werden soll; es waren deutsche Fursten, die, uneins unter sich, nur ihren eigenen Vorteil, nicht den des gesamten Vaterlandes im Auge hatten; es war endlich Osterreich, welches in der Person seines letzten (Babenbergischen) Herzogs Friedrich und dessen Schwester Margaretha, Gemahlin des unglucklichen Kaisersohnes Heinrich, vermittelnd und schutzend in der gewaltigen Zerwurfnis zwischen Vater und Sohn auftritt. Jetzt sehe ich die grossen Fehler, die auch dieses Stuck an sich hat, vollkommen ein, und bin durch eigene Erfahrung von dem oft gehorten Satze uberzeugt worden, [427] dass Frauenzimmer sich nicht auf den Kothurn wagen sollen. Schon damals hatte ich eine warnende Ahnung davon gehabt, und ich kann nichts zu meiner Rechtfertigung sagen, als dass es meines Mannes deutlich ausgesprochener Wunsch und seine herzliche Freude an diesen meinen Arbeiten war, was mich bestimmte, mich zuweilen auf dieser gefahrlichen Bahn zu versuchen. Unter schweren Sorgen fur das Gelingen des grossen Kampfes um die allgemeine Freiheit des deutschen Vaterlandes, und wie oft unter Tranen arbeitete ich an diesem Heinrich von Hohenstaufen, und das lebendige Gefuhl dieser Sorge sprach sich in den vielen Anspielungen auf die damaligen Zeitumstande aus, wozu der Stoff Veranlassung bot und welche dies Stuck, als es spaterhin aufgefuhrt wurde, fur ein Gelegenheitsstuck, das eigens zu der Feier des achtzehn Oktobers gedichtet worden sei, halten machten. Dem war aber nicht so. Ich arbeitete fast den ganzen Sommer daran, und Gott sah meine und Millionen anderer Sorgen und Tranen an. Er erhorte die brunstigen Bitten, und so konnte ich, als das Stuck aufgefuhrt wurde, wohl mit innigem Dankgefuhl sagen: Die mit Tranen saen, werden mit Frohlocken ernten. Begeisterung fur die Sache des Vaterlandes hatte alle Stande, alle Alter in allen Teilen Deutschlands ergriffen. Freiwillig eilten Junglinge aus jenen Reihen der Staatsburger, die nie zum Kriegsdienste verpflichtet gewesen waren, zu den Waffen. Beamte verliessen ihre Bureaus, um Teil an dem Kampfe zu nehmen, und vor vielen dunkte mich der Entschluss junger Arzte lobenswert, sich dem Dienste der Kranken und Verwundeten in den Feldspitalern zu weihen. Unser Haus besuchten damals [428] zwei solche junge Manner, wovon der eine Dr. Ed. Pohl, aus Sachsen geburtig, seine Studien hier vollendete, und erst kurzlich als geschatzter Arzt und verehrter Familienvater hier gestorben ist. Der andere war ein junger Lief- oder Esthlander, Gust. Ad. Fichtner genannt, der sich durch seltene Bildung und durch feines Betragen vorteilhaft auszeichnete, dessen Herkunft und ubrige Lebensverhaltnisse aber in ein geheimnisvolles Dunkel gehullt waren. Wir nannten ihn auch unter uns im Scherze: das Kind der Ostsee. Diese beiden Junglinge nun entschlossen sich, zur Armee nach Bohmen abzugehen, und Dienst in den Feldspitalern zu nehmen. Fichtner hatte, ebenso wie Korner es in seinen Gedichten getan, in den Gesprachen mit uns seine Todesahnung ausgesprochen. Er hatte mich beim Abschiede gebeten, wenn er - wie er nicht zweifelte - sterben wurde, seine kleine Buchersammlung als Andenken anzunehmen. Ich teilte, wie naturlich, diese seine dustere Ahnung nicht, und so nahm ich, als er, der lebensvolle, bluhende Mann, nebst Dr. Pohl gerade an den denkwurdigen Tagen des fünfundzwanzig und sechsundzwanzig August (an welchen namlich unter unaufhorlichen Regengussen, die auch in Wien herrschten, die Linien bei Dresden gesturmt wurden, der ungluckliche Moreau seinen unpatriotischen Entschluss mit dem Leben busste, die Schlacht an der Katzbach geschlagen worden, und der teure Korner bei Gadebusch gefallen war sich von uns beurlaubte - mit herzlichen Segenswunschen fur beider Wohl und mit der festen Hoffnung, sie beide wieder in Wien zu sehen, von ihnen Abschied. Kurz darnach kamen alle jene Nachrichten an, und ich beeilte mich, Pohl und Fichtner von dem traurigen Verlust des ausgezeichneten Dichters und werten Freundes [429] von beiden auf eine schonende Art zu unterrichten, ehe sie denselben durch Zeitungen erfuhren. Ach! noch reut mich, dass ich es getan; denn diese Nachricht war es, die vielleicht den letzten Ausschlag bei dem fruhen Tode des guten Fichtners gab, so wie eben ein letzter Tropfen das zu volle Glas uberfliessen macht. Mein, Brief war an Dr. Pohl gerichtet, mit dem ich in nahern freundschaftlichen Verhaltnissen als mit Fichtner stand. Indessen teilten sich die jungen Leute gern die Nachrichten mit, die ihnen aus Wien und dem gewohnten Kreise, in dem sie heimisch gewesen waren, zukamen. Damals standen beide bei einem kaiserlichen Spital in Bohmen, und wenn wir den Mut der Kampfer ehren, welche im Schlachtgewuhl ihr Leben aufs Spiel setzen, wo der Larm des Kampfes, der Donner des Geschutzes, die Menge der Mitstreiter und Zeugen, die Tone der Kriegsmusik, endlich die Begeisterung der Sympathie das Gemut erweitert, und dem Tode seine meisten Schrecken nimmt: so muss auf der andern Seite die Aufopferung eines Arztes, der im Spital vielleicht einem ebenso gewissen Tode, nur einsam, unbeachtet, unter entmutigenden Umstanden, und bloss von dem Gedanken seines nutzlichen Wirkens fur andere gestarkt, entgegengeht, nicht minder gepriesen werden. Es hat ein junger Arzt und Dichter, Dr. Friedlander, den ich spater kennen gelernt, uber diese Aufopferung der Arzte in den Feldspitalern, welchem Dienst auch er sich in dieser denkwurdigen Epoche weihte, ein schones Gedicht verfasst: Die Asklepiaden des Heeres, welches mit sehr poetischer Empfindung die Stellung dieser stillen, unbeachteten Helden schildert, und ich bedaure nur, dies Gedicht nicht bei der Hand zu haben, um einige seiner schonen Stellen hier mitteilen zu konnen. [ 430] Fichtner war schon unwohl gewesen, er war aber noch ausser dem Bette, als mein Brief mit der Nachricht von Korners Tode ankam. Pohl, an den er gerichtet war, las ihn ihm vor; diese Nachricht ergriff den ohnedies Kranken heftig; ein starkes Fieber trat ein, er musste sich niederlegen, und - er stand nicht wieder auf. Seine Ahnung hatte ihn ebensowenig als Kornern getauscht, und es ist mir stets seltsam und wehmutig aufgefallen, dass des einen Tod auf gewisse Weise den des andern nach sich gezogen hat. Indessen waren der August und die ersten Tage des Septembers vergangen. Angstlich wurde auf jede Nachricht von der Armee gewartet, die nicht, wie man glaubte, dem Befehl des Erzherzogs Karl, sondern dem des Fursten Schwarzenberg untergeordnet war, und der nun, samt den vereinigten Scharen der Preussen, Russen und sogar der Schweden, der Armee Napoleons gegenuberstand, so dass man taglich einer entscheidenden Schlacht mit der hochsten Spannung entgegensah. Mit welcher freudigen Uberraschung erfullte uns in Wien nun eines Tages die Siegesnachricht von der Schlacht bei Kulm, welche Furst Paar brachte, und mit welchem Jubel umringte das Volk seinen Wagen, auf dem er die erbeuteten Fahnen fuhrte. Nach so viel Angst, nach so viel vereitelten Hoffnungen, nach so viel dustern Vorzeichen nun endlich ein Sieg, und welcher! der ganz Bohmen vor dem Einbruch der Armee des Vandamme rettete, und wo Ostermann mit den vereinigten russischen und osterreichischen Truppen, wie ein Cherub mit dem Flammenschwerte, sich vor das bedrangte Vaterland gestellt hatte! Jetzt, nach mehr als fünfundzwanzig Jahren erinnere ich mich der Zeitfolge der Begebenheiten nicht ganz genau - nur [431] das weiss ich, dass die frohen Nachrichten von der Schlacht an der Katzbach, von der bei Kulm, bei Dennewitz usw. sich bald folgten und die gesunkenen Gemuter machtig aufrichteten, indem jeder Teil der verbundeten Nationen sich mit eben der herzlichen Empfindung der Siege ihrer Alliierten, sowie der eigenen freute, und wirklich Schenkendorfs Worte: Ein Lied, ein Herz, ein Gott, ein Orden, Ein Deutschland hoch und frei! und Korners: Denn Bruder sind wir allzumal!wenigstens bei uns in Wien, in den warmen, arglosen Herzen meiner Landsleute in schone Erfullung gingen. So kam denn unter abwechselnden, aber meist freudigen, erhebenden Nachrichten von den verbundeten Armeen, die alle nur eine gute und gerechte Sache verteidigten, der Oktober heran. Napoleon stand noch immer bei Leipzig und sah, wie es schien, ruhig den Kreis, den die verbundeten Heere um ihn herzogen, immer enger werden, und ganz Deutschland blickte mit unruhiger Erwartung dem Ausgang oder wenigstens einer entscheidenden Krisis des grossen Kampfes entgegen. - Endlich brach der Morgen des achtzehn Oktobers an, dieser fur alle Zeiten merkwurdige Tag, an dem Deutschland seine lange und schmahlich getragenen Ketten zerbrach, die so viele von uns wund gedruckt, so viele erdruckt hatten: Gott hatte uns den Sieg gegeben! Wenige Tage darauf erscholl die frohe Nachricht in Wien. Graf Neipperg brachte sie, und sein Einzug mit dieser alle begluckenden Botschaft war ein Freudenfest fur Wien. Einen Zug der Grosse und erhabenen Vergessens seiner selbst uber dem Wohl des Vaterlandes [432] von unserem angebeteten Erzherzog Karl, den man sich damals erzahlte, will ich hier wiederholen. Als der Kurier des Feldmarschalls Fursten Schwarzenberg vor dem Palast des Erzherzogs vorbeiritt, eilte der Furst in seiner edlen Freude uber die Rettung des Vaterlandes, alle personliche Rucksicht vergessend, die Treppe herab, um den Siegesboten zu begrussen, und sich naheres von ihm berichten zu lassen. Fussnoten eins Viele werden sich noch der goldenen Kreuze mit der Inschrift: >> Dem Retter Germaniens<< erinnern, die man damals trug und die ihre Stiftung einer Furstin von Furstenberg verdankten. Zweiter Band Drittes Buch 1814-1822 [ 1] Drittes Buch1814-1822 [1][3] Neben diesen grossen Ereignissen von weltgeschichtlicher Wichtigkeit gingen denn auch die kleinen Angelegenheiten der einzelnen ihren stillen Gang fort und wirkten, von den grossen bedingt und geleitet, auch auf die einzelnen verschiedentlich ein. Und so verdenke man es mir nicht, wenn ich unmittelbar nach jenen merkwurdigen Auftritten meiner selbst und meines Stuckes, Heinrich von Hohenstaufen, das auf eine gewisse Weise nahe damit zusammenhing, erwahne. Ich hatte es wahrend jener Zeit banger Erwartung vollendet. Es wurde der Theaterdirektion uberreicht, und die Rollen, sowie ich gebeten, ausgeteilt. Nur bei Rudolf von Habsburg, der als Page Friedrichs II. in demselben erscheint, musste ich mit einiger Festigkeit darauf bestehen, dass Herr Wothe, damals ein junger, hoffnungsvoller Schauspieler, diese Rolle spielen solle, und nicht ein Frauenzimmer, wie manche meinten. Ich hatte es hochst unschicklich gefunden, den glorreichen Ahnherrn des Hauses Habsburg durch ein Weib vorstellen zu lassen und Wothe, dessen Gestalt sich sehr wohl zu einem ritterlichen Edelknaben schickte, rechtfertigte durch sein Spiel meine Ansicht. Das Stuck wurde einstudiert, wann es aber gegeben werden wurde, war ungewiss. Jetzt kam die Nachricht von dem Siege bei Leipzig, und nun sollte meinem Stucke und mir selbst eine grosse und wirklich unverdiente Ehre widerfahren. Wenige Tage nach Graf Neippergs Ankunft sollte dieser >> Heinrich von Hohenstaufen<< als Benefizevorstellung [3] fur die in der Leipziger Schlacht Verwundeten mit grosser Feierlichkeit und >> Beleuchtung des aussern Schauplatzes<< vorgestellt werden. Die Direktion liess mich ersuchen, einen Prolog zu dichten, der die Absicht des Festes erklare, und Herr Roose (Manfred in dem Trauerspiel) schlug mir vor, ihn durch Frau von Weissenthurn sprechen zu lassen. Es gab Leute, die nachher meinten, diesen Prolog hatte ein Mann mit mehr Schicklichkeit bei solcher Gelegenheit vorgetragen als eine Frau. Das ist moglich, aber ich hatte Frau von Weissenthurn durch eine solche Weigerung vielleicht beleidigen konnen, und das hatte ich durchaus nicht gewollt, da diese Frau in freundschaftlichen Verhaltnissen zu uns allen stand und wegen vieler ausgezeichneten Eigenschaften Achtung verdient. Die Direktion hatte mir eine Loge geschickt; da ich es aber, bei dem stets ungewissen Schicksal einer ersten Auffuhrung geratener fand, mich verborgen zu halten, so nahm ich dankbar den Antrag des Fursten von Odescalchi an, der durch meinen Schwager Franz von Kurlander mir ein freundlicher Gonner geworden war, mich in der Loge desselben wenigstens wahrend der ersten Akte aufzuhalten, wo man mich nicht vermuten, und weil ich im Fond sass, auch nicht sehen konnte. Die Versammlung war zahlreich und glanzend, der gesamte Hof erschien in den kaiserlichen Logen, und wurde mit allgemeinem Klatschen empfangen, als man ihn zum erstenmal nach jenem denkwurdigen Siege erblickte. Nun rollte der Vorhang auf - das Bild unsers geliebten vaterlichen Monarchen stand vor den Augen der Menge, die Schauspieler reiheten sich zu beiden Seiten, die Volkshymne wurde angestimmt, und ein Sturm des Jubels brach los. O, ich werde dieses [4] und noch manches andern wichtigen Momentes, den jene unvergessliche Zeit von 1805 bis 1815 unter Leiden und Hoffen, Verzagen und machtigem Erheben uns brachte - nicht vergessen! Als der Gesang unter der Teilnahme des ganzen Publikums geendet war, trat Frau von Weissenthurn hervor und sprach den ganz kurzen Prolog, der aber naturlicherweise durch die Hindeutung auf den edlen Zweck der heutigen Vorstellung, die Pflicht der Dankbarkeit gegen jene, die unsere Freiheit und unsern Ruhm mit ihrem Blut bezahlt hatten, grosse Sensation machte. Nun begann das Stuck - und es hatte viel schlechter sein durfen, als es war - denn ungeachtet seiner Mangel, die ich spater sehr wohl erkannte, halte ich es nicht fur schlecht - um an einem solchen Tage eines glanzenden Erfolges nicht zu verfehlen. Gespielt wurde es auch im ganzen trefflich, und bei dem erhohten Gefuhl des Publikums wurde jede Stelle, die sich - und auch oft ohne meine Absicht - auf die Lage Deutschlands und seine Stellung gegen den gewaltigen Eroberer deuten liess, mit lautem Beifall aufgenommen; und diese Stimmung erhielt sich bis zu Ende. Von besonderem Effekt war die Erzahlung des Traumes, die Herr Koberwein (Friedrich II.) vortrefflich gab, und Rudolfs (Wothes) Eintreten, das diese Erzahlung hervorruft. Ebenso wurde die Szene zwischen Vater und Sohn (Koberwein und Korn) und die zwischen diesem (Heinrich von Hohenstaufen) und seiner Gattin, Margarete von Osterreich (Dem. Adamberger, jetzt Frau Arneth), mit Beifall aufgenommen. Am Schlusse des Stuckes wurde heftig applaudiert und die Dichterin gerufen, die aber wohlweislich sich im Hintergrund der Loge verborgen hielt. Es gab Personen, [5] welche meinten, ich hatte mich in der Direktionsloge, bei Furst Lobkowitz, der mir sehr wohl wollte, zeigen sollen, aber ich hatte das unertraglich anmassend gefunden. Uberhaupt war es mir - und ich glaube, ich habe dies schon in diesen Blattern erwahnt - nicht moglich, mich so wie andre Dichter mit ihren Werken zu identifizieren und von den Schicksalen derselben, guten oder widrigen, so lebhaft ergriffen zu werden. Mit grosser Lust und Liebe entwarf ich meine Plane, arbeitete fleissig und mit wahrer Seelenfreude daran; waren sie aber einmal vollendet, so waren sie auch gleichsam aus mir herausgeworfen und mir fremd geworden. Ihr Gelingen freute mich, besonders weil es mir sehr oft Teilnahme, Dank und warmes Wohlwollen von Unbekannten oder in weiter Ferne ein freundschaftliches Band erwarb; gefiel eins oder das andere nicht, so krankte es mich durchaus nicht, und erregte mir hochstens jene unangenehme Empfindung, die man etwa hat, wenn man in einer grossen Gesellschaft mit einer nicht ganz passenden Toilette erscheint. Bei dieser Gesinnung freute mich daher der allgemeine Beifallssturm; aber ich war mir wohl bewusst - was mir hauptsachlich durch die Auffuhrung klar geworden war, denn ich hatte den Proben nie beigewohnt - dass das Stuck in dramatischer Hinsicht viele Fehler hatte, und dass es hauptsachlich der Gelegenheit, bei welcher, und den Umstanden, der Stimmung des ganzen Publikums, unter welchen es aufgefuhrt wurde, zuzuschreiben war, dass ein an sich mittelmassiges Produkt so vielen Applaus erhielt. Am andern Morgen kamen viele meiner Bekannten und Freunde, mir Gluck zu wunschen, die Rezensionen liessen sich gunstig vernehmen; doch sprachen einige [6] deutlich die Ansicht, welcher ich schon fruher erwahnte, aus, dass es namlich ein Gelegenheitsstuck, eigens fur diesen Tag verfertigt, sei. Nur, hatten diese Rezensenten recht gehabt, musste es dann auf jeden Fall schon fruher in Hoffnung des Erfolgs geschrieben sein, weil es doch kaum ins Reich der Moglichkeiten gehort, dass ein funfaktiges Stuck in vier Tagen gemacht und einstudiert werde. Im Gange der Weltbegebenheiten folgte nun Fortschritt auf Fortschritt, Sieg auf Sieg. Bayern, Wurttemberg und andre Rheinbundner fielen von Napoleon ab, wie das Gluck von ihm abgefallen war. Man sagte freilich, sie hatten es nicht wagen konnen, fruher mit ihrer deutschen Gesinnung hervorzutreten. Meines Bedunkens nach war aber dieses Verfahren nicht edel, nicht loyal und der ungluckliche Konig von Sachsen, der treu bei seinem franzosischen Alliierten oder eigentlich indirektem Souverain aushielt, schien mir achtungswerter gehandelt zu haben. Furst Wrede, der lange an unsern Grenzen mit einer bayerischen Armee gestanden hatte, und dem eine osterreichische hatte entgegengestellt werden mussen, um ihn in Schach zu halten, brach nun mit seinen Truppen auf, um das franzosische Heer, das von Leipzig zuruck gegen den Rhein eilte, seinerseits zu verfolgen und die Schlacht bei Hanau wurde geschlagen, von welcher abermals die Siegesnachricht mit grosser Freude in Wien empfangen wurde. - >> Die Lese war, nach Schenkendorfs Gesang, am Rhein gehalten worden<<. Die verbundeten Armeen ruckten in Frankreich ein, und die Schmach, welche wir Deutsche dadurch erfahren, dass die Gallier unsere innersten Provinzen betraten, ward nun glorreich wett gemacht. [ sieben ] Hier in Wien war alles freudig und in begeisterter Stimmung. Man dachte daran, die frohen Ergebnisse auf alle Weise zu feiern, und mir wurde der Antrag gemacht, eine Kantate: >> das befreite Deutschland<< zu dichten, welche Spohr in Musik setzen sollte, was er, nachdem ich meine Aufgabe nach besten Kraften zu losen gesucht hatte, auch wirklich mit grossem Beifall ausfuhrte. Schon fruher hatte ich meine Trauer uber Th. Korners Verlust, der einer fur ganz Deutschland war, und meine Anerkennung seines Verdienstes in einem kleinen Gedichte ausgesprochen, das ich durch Baron Merian den unglucklichen, mir so werten Eltern des Verstorbenen geschickt hatte. In diesem >>befreiten Deutschland<< fand ich es nun der billigen Anerkennung von Theodors Verdienst ums Vaterland, fur dessen Freiheit er einer der ersten das Schwert gezogen, und der Befriedigung meines eignen Gefuhls entsprechend, wenn ich seiner auch gedachte. Und so legte ich einer Person der Kantate, dem Madchen, welches den Tod ihres in der Schlacht gefallenen Liebhabers beklagt, folgendes Akrostichon in den Mund: K-eine Freude kenn ' ich mehr,O-d' ist alles um mich her,R-eizlos, was ich sonst geliebet habe usw. Es war mir eine wehmutige Freude, in den Worten, welche der Jungling selbst im ersten Teil der Kantate spricht, und in der Klage des Madchens um ihn den edlen Gefallenen mit inniger Achtung zu feiern. Uberhaupt war mein Gefuhl und meine Phantasie damals sehr angeregt, und ich dichtete viel. Ich erinnere mich der Veranlassung nicht mehr, welche mich bestimmte, aus dem schonen und damals viel gelesenen Roman der Mad. Cottin >> Mathilde ou les Croisades<< [ 8] eine Oper zu dichten. Ich liess sie zierlich abschreiben und dem Erzherzog Rudolf, der sich mir stets als teilnehmender Gonner gezeigt hatte, uberreichen. Beethoven sah und las sie bei dem Prinzen. Eine stolze Hoffnung fing an, sich in mir zu regen: wenn dieser Genius sich entschlosse, meine Oper zu komponieren! Aber es blieb bei der Hoffnung; doch erfuhr ich viele Jahre spater durch den unvergesslichen C.M. Weber, dass sie zweimal in Deutschland in Musik war gesetzt worden. Leider bekam ich nichts davon zu sehen oder eigentlich zu horen. Hofrat von Mosel wunschte ebenfalls einen Operntext von mir, und zwar uber das Sujet: Rudolf von Habsburg. Nun ist es schon lange mit asthetischen Grunden dargetan worden, dass dieser Gegenstand sich viel mehr zu epischer als dramatischer Behandlung eigne, dass Rudolfs Charakter und Handlungsweise zu ruhig, zu klug, zu weise gewesen war, um jene rasche Bewegung und leidenschaftliche Entwicklung zu gestatten, welche eigentlich das Leben im Drama charakterisiert. Es hat sich auch gezeigt in einem Stucke von einem gewissen Meinrath oder wie jener angenommene Name hiess, welches an der Wien um jene Zeit aufgefuhrt wurde, und worin der damals sehr beliebte Schauspieler Gruner den Rudolf spielte, und selbst in Grillparzers mit so vielen Schonheiten ausgestattetem Trauerspiel: Ottokars Gluck und Ende, dass Rudolf in diesem Konflikte mit dem leidenschaftlichen, kuhnen, durchgreifenden Bohmenkonig nur als zweiter Held des Dramas gelten konne. Auch hatte ihn unser edler Collin auf diese Art zu bearbeiten angefangen, und ein anderer vielgeschatzter vaterlandischer Dichter L. Pyrker hat das Epos wirklich gedichtet. [9] Indessen Hofrat von Mosel wunschte es, und der Sukzess einer Oper hangt ja immer vielmehr von der Musik als dem Texte ab. - Ich ubernahm es also, tat mein Moglichstes, richtete mich (was jeder Dichter, der Ahnliches unternommen, fur eine missliche Aufgabe erkennen wird) nach den Fahigkeiten oder Wunschen der Sanger, welche damals zur Auffuhrung vorhanden waren, schaltete hier eine Arie, dort ein Duett nach Begehren ein, und - sei es nun, dass Mosein die Arbeit missfiel, oder was fur andere Hindernisse dazwischen traten - genug, nachdem ich mich ziemlich mit dieser Oper geplagt hatte, ward sie mir unter einem hoflichen Vorwande, den ich vergessen habe - zuruckgegeben. * * * Uber diesen poetischen Arbeiten war der Winter grosstenteils hingegangen. Die Art dieser Beschaftigung, vielleicht auch die vielen Anregungen des Gefuhls und des Geistes, die jene Zeitepoche fur jedermann mit sich brachte, die aber naturlicherweise noch starker auf eine lebhafte Phantasie wirkten, mochten mein Nervensystem, das stets reizbar war, zu sehr aufgeregt haben. Es fanden sich Migrane und Krampfe, an welchen ich sonst nur selten gelitten, nun sehr oft ein. Dessen ungeachtet fuhr ich fleissig in meinen Arbeiten fort und uberzeugte mich aus eigener Erfahrung, wieviel Fertigkeit und Leichtigkeit eine anhaltende Ubung nicht bloss in mechanischen, sondern auch in geistigen Arbeiten gibt. Das Schreiben in gebundener Rede, ja in Reimen ward mir so gelaufig, dass ich bei prosaischen Aufsatzen, Briefen usw. mich vollig vor Jamben und Reimen in acht nehmen musste, welche [10] sich mir unwillkurlich darboten. Die Ursache dieser Erscheinung und anderer ihr ahnlicher, worin eine Verrichtung unsers geistigen Vermogens wie nach einer mechanischen Regel geschehend sich darstellt, wird von jenen, welche dem Materialismus huldigen, und in jeder Prozedur unserer Seele nur mechanische oder dynamische Krafte und Bewegungen zu sehen meinen, vielleicht in ebensolchen Bewegungen gesucht werden. Ich, wenn ich, wie oft geschah, daruber nachdachte, sah in dieser Erscheinung nichts als eine Bestatigung der alten Erfahrung, dass die Vorsicht uns Sterblichen gar hilfreiche Gefahrten in der Gewohnheit und Ubung auf dem Wege des oft muhsamen Erdenwallens beigegeben hat, die uns treulich begleiten, das anfangs Beschwerliche allmahlich ertraglich, dann leicht und endlich so homogen machen, dass wir dessen Abgang zuletzt empfindlich vermerken. Die Schlachten von La Ferte, von Troyes usw. waren voruber; die verbundeten Heere ruckten auf die Hauptstadt Frankreichs los; und am einunddreißig Marz langte Graf Friedrich von Furstenberg, der Schwager des Feldmarschalls Schwarzenberg, mit der Nachricht von der Eroberung von Paris an. Auch diese Botschaft erregte grossen Jubel; und jeder Wiener fuhlte sich durch den Gedanken befriedigt, dass nun die Franzosen auch erfahren mussten, was sie uns zweimal, und den Berlinern einmal zu fuhlen gegeben hatten, an welches Gefuhl sich unmittelbar die Aussicht auf einen wahren Frieden und endliche Ruhe knupfte. Doch ward meine unbefangene Freude an diesem Ereignisse einigermassen durch die Betrachtung gestort, dass nicht Napoleon, nun in seine gehorigen Schranken, das ehemalige Frankreich, zuruckgewiesen, dies Reich, das er [11] aus den Wirren der Anarchie mit Energie und Klugheit gerissen hatte, kunftig regieren sollte, wie es viele gemeint, sondern dass man ihn zwingen wurde zu abdizieren, dass die Bourbons zuruckkehren und Monsieur mit dem Namen Louis dix-huit auf den Thron gesetzt werden wurde. Diese Bourbons, von denen sich vor, wahrend und nach der Revolution so manche ungunstige Meinungen in ganz Europa verbreitet hatten und von deren sehr vorgeruckten Jahren sich wenigstens die Kraft und der Geist nicht erwarten liessen, welche notig schienen, um ein so durch und durch aufgeregtes und bis in seine untersten Hefen aufgerutteltes Volk zu regieren! Es zeigte sich bald nachher, dass es nicht ganz so ging, wie viele gleich mir gefurchtet hatten, wenn jene Menschen, die, wie das Sprichwort lautete, >>nichts gelernt und nichts vergessen hatten<<, uber eine Nation herrschen sollten, in der vom Kleinsten bis zum Grossten seit dreißig Jahren alles ganz anders geworden war, als es je gewesen. Ludwig XVIII. regierte mit vieler Klugheit, Sanftmut und der notigen Kraft. Leider war er ein Greis, als er den Thron seiner Vater bestieg, und sein Nachfolger verkannte seine Stellung, sein Volk und den Zeitgeist. Doch das gehort nicht ins Jahr 1814, es steht auch nur darum da, um die Befurchtungen derjenigen zu entschuldigen, und auch wohl zu rechtfertigen, welche sich von dieser wiedergekehrten Dynastie kein dauerndes Heil fur Frankreich versprachen. Ubrigens mochten sich wohl auch jene getauscht haben, welche es fur moglich hielten, dass Napoleon aus dem ungeheuern Wirkungskreis, den sein Heldengenie ihm geschaffen, zuruckgedrangt in engere Schranken, obwohl noch stets in einer beneidenswerten Stellung, als [12] Herrscher von Frankreich, sich mit dem innerlichen Glucke seines Volkes beschaftigt und ferneren Eroberungsplanen entsagt haben wurde. Dies, behaupteten viele, ware nicht zu erwarten gestanden, und des Kaisers Feuergeist wurde, sobald der Friede die geschlagenen Wunden geheilt hatte, wieder auf die alte, ihm von der Natur und seinem Genius gleichsam vorgezeichnete Bahn des Helden und Eroberers zuruckgekehrt sein, die ihn einengenden Schranken durchbrochen und noch einmal die Welt mit Krieg, Jammer und Blut erfullt haben. Dies behaupteten viele; da es aber nicht moglich ist, dass ein Ding und folglich auch eine Weltlage zugleich sein und nicht sein konne, so bleibt das, was Napoleon getan oder nicht getan haben wurde, wenn er Kaiser von Frankreich geblieben und die Bourbons nicht mehr auf den Thron gelangt waren, ein Problem, welches jeder nach seinen psychologischen, philosophischen und politischen Grundsatzen und Ansichten losen kann, ohne dass man ihm sein Unrecht apodiktisch beweisen konnte. Das sind politische Traume, in die eine Frau sich am wenigsten einlassen soll. Ich breche daher hier ab und fahre in der Schilderung meiner individuellen hauslichen oder mich zunachst beruhrenden Ereignisse fort. Baron Hormayr hatte mich ein paar Jahre fruher mit einem unsrer vorzuglichsten Kavaliere, dem Grafen Franz von Szecheny bekannt gemacht, dessen schon erwahnt worden. Diesem vaterlandisch gesinnten Manne verdankt Ungarn die Stiftung der Nationalbibliothek und des Museums. Er war mit der alten sowohl als der neuen Literatur vertraut, und sein Haus ein Sammelplatz fur gebildete und wohlgesinnte Menschen. Er lebte mit seiner, ebenfalls sehr geistreichen[13] Frau, im Kreise seiner zahlreichen Familie, zweier verheirateten Tochter und dreier Sohne, von denen zwei ebenfalls Frauen und Kinder hatten. In diesem Hause, in welchem der Geist, der diese Familie belebte, patriarchalische Sitte und Einfachheit mit dem Glanz und der Wurde, der ihrer aussern Stellung in der Welt ziemte, auf eine Weise zu vereinigen wusste, die jeden, der es betrat, mit Ruhe und Wohlbehagen erfullte - in diesem wurdigen und mir unvergesslichem Hause hatte ich viele angenehme Stunden zugebracht. Jetzt als der Fruhling herannahte, lud mich Graf Szecheny sehr gutig ein, ein paar Wochen auf seinem, nur eine Stunde von Odenburg gelegenen Gute >> Zinkendorf<< bei ihm und seiner Familie zuzubringen. Ich und meine Tochter, die mich begleiten sollte, damals ein bluhendes Madchen von etwa 15-16 Jahren, freuten uns sehr auf diese kleine Reise. Pichler konnte seiner Geschafte wegen Wien nicht verlassen, und so blieb er mit meiner Mutter, der ich fur diese wenigen Tage ein Fraulein aus unserer Bekanntschaft zur Gesellschafterin gesucht und gefunden hatte, zuruck, als wir endlich gegen Ende des Mais an einem schonen Morgen uber Laxenburg, Windpassing und neben Eisenstadt hin das erstemal nach dem benachbarten Ungarn reisten. Der Graf hatte es so veranstaltet, dass wir mittelst eines Relais schon zu Mittag in Odenburg in seinem schonen Hause eintrafen. Dort zeigte er uns seine Bibliothek, seine Sammlungen, das ganze hochst zweckmassig und edel eingerichtete Haus. Nach Tische fuhren wir nach dem, nur eine kleine Stunde entfernten Zinkendorf. Die nachste Gegend um das kleine Stadtchen Odenburg ist freundlich, lachende Hugel mit Weinreben besetzt umgeben es, gegen Zinkendorf zu [ 14] wird die Gegend flacher. Mitten in schon gepflanzten Garten liegt das Schloss, und wie wir durch die Avenue hinfuhren, ertonte aus allen Gebuschen der Gesang zahlloser Nachtigallen, die der Graf in dieser Zeit ihrer Liebe und ihres Gesanges mit besonderer Sorgfalt hegen und pflegen liess; sowie er stets fur den Ankauf neuer und die Erhaltung der schon vorhandenen Vogel bemuht war. Wenn die Brutzeit begann, wurden im Schloss und rings um dasselbe alle Katzen eingefangen und indessen nach Odenburg in des Grafen Haus gebracht, wo sie wohlgefuttert und gehalten, und wenn die Brutzeit voruber war, wieder nach Zinkendorf gefuhrt wurden. Wirklich war auch den ganzen Tag ein unaufhorliches Konzert in den Gebuschen, welche das Schloss umgaben, und die ganze Sommernacht durch wirbelte, seufzte und schlug es in denselben seinen tiefaufflotenden Laut und bezauberte Ohr und Herz der Bewohner. Die Familie des Grafen brachte den Sommer in diesem lieblichen Aufenthalte zu, und die verheirateten Kinder besuchten hier zuweilen die Eltern, wie denn die eine Tochter, Grafin Batthiany, sich fur langere Zeit hier befand. Es war ein patriarchalisches, schones, stilles und doch so genussreiches Leben, erhoht und erheitert durch die jungstvergangenen glucklichen politischen Ereignisse und die Aussicht auf die nahe Wiederkehr des geliebten Landesvaters, der nach den verhangnisvollen Begebenheiten des glorreich beendigten Krieges nun mit den Segnungen des Friedens und der Ruhe nach so langen, so verderblichen Sturmen in die Mitte seiner Kinder zuruckkehrte. Unsere Lebensweise war still, aber mir sehr zusagend. Am Morgen fruhstuckte jedes in seinem Zimmer, dann [15] versammelte die tagliche h. Messe alle Bewohner des Schlosses in der Kapelle, worauf wieder jedermann an seine Geschafte oder spazieren ging, bis die Essglocke um eins Uhr in den Speisesaal zu ebener Erde rief, der mit Gartengewachsen geziert war und, soviel ich mich erinnere, wohl im Winter eine Art Glashaus sein mochte. Nach Tische stiegen wir wieder hinauf in den Salon der Grafin, wo bei ungunstigem Wetter die Zeit aufs angenehmste mit Musik oder Lesen verging, indem Grafin Batthiany, meine Tochter oder wer sonst musikalisch war, sich am Piano unterhielt und die ubrigen, mit Handarbeit beschaftigt, zuhorten; wenn es aber schon war, wurde ausgegangen oder in die Umgegend ausgefahren. Um halb 9 oder 9 Uhr rief abermals die Essglocke in den Gartensaal, und nun ging der Zug der Gaste von einer Tur zur andern, um jeden in sein Schlafzimmer zu begleiten, und meistens kehrten die zuerst Hingefuhrten wieder mit um, die letztern zu konvoyieren, und es wurde noch lange geplaudert, gelacht, bis man endlich die Ruhe suchte und nun in die stillgewordenen Gemacher der Gesang von tausend Nachtigallen aus den Buschen des Gartens drang und die Muden in Schlaf lullte. So waren einige Tage vergnugt hingegangen, als eines Morgens Besuch aus dem nahen Odenburg kam. Es war die Familie des Barons (jetzt Grafen) von Zay - und ich verweile mit wehmutiger Lust bei diesem Punkte meines Lebens, der mit so weitreichenden als sanften, erfreulichen Wirkungen in meine kunftigen Tage eingriff. Der Baron war ein heiterer, anspruchsloser Mann zwischen vierzig und fünfzig Jahren; seine Frau eine schlanke, nur etwas zu hagere Gestalt, an der man trotz ihrer Kranklichkeit Spuren ehemaliger Schonheit [16] sah. Sie begleiteten ihr einziger Sohn, damals ein Knabe von 14-15 Jahren, sein Mentor, Fraulein Therese von Artner, mir schon fruher zwar nicht personlich, aber unter ihrem dichterischen Namen Theone aufs vorteilhafteste bekannt, und ihre jungere Schwester Wilhelmine von Artner. Alle diese Personen zeichneten sich durch eine echte Geistesbildung, welche diesen Namen nach meiner Ansicht nur dann verdient, wenn durch sie auch das Gemut, der Charakter gebildet wird, und die einzelnen Kenntnisse, >>in Saft und Blut verwandelt<<, nur ein schones, untrennbares Ganzes ausmachen, sowie durch feinen Ton und jene wohlwollende Hoflichkeit aus, die nicht bloss von guter Erziehung, sondern aus gutem Herzen und naturlicher Bescheidenheit kommt. Mir ward sogleich wohl unter diesen Menschen. Lebhafte und bedeutende Gesprache knupften sich zwischen den Fremden und mir an, wir fuhlten uns einander nahe, obwohl wir uns an diesem Tage zum erstenmal sahen, und ein herzliches Freundschaftsband, das den ganzen Kreis umschloss und wovon einige noch innigere Empfindungen hegten, vereinte uns durch ein nun verflossenes Vierteljahrhundert und bewahrt auch den leider! Vielen, die seit dem schon aus dieser Zahl hinubergegangen sind, uber den Grabern ein lebhaftes, dankbares Andenken. Eines nachmittags wurde eine Spazierfahrt ins Juliental bestimmt. Auf der weiten Flache, die das Schloss rings umgab, konnte ich mir nicht vorstellen, wo denn dies Tal, das doch Berge oder mindestens Hugel voraussetzte, liegen sollte, wenn wir nicht vielleicht bis nach Odenburg fahren wurden. Aber es zeigte sich bald ganz anders. - Nicht sehr lange fuhren wir uber die [17] Ebene hin, als sich plotzlich eine uberraschende Ansicht darbot. Am Ende des Plateaus, wenn ich mich dieses Wortes bedienen darf, auf dem Zinkendorf liegt, senkt sich plotzlich der Grund. Schon begrunte und bebuschte Hugel ziehen sich rechter Hand an der Hohe hinab, ebensolche werden an der linken Seite sichtbar, und unten breitet sich auf einmal eine ungeheure Wasserflache aus. Das war der Neusiedler See, den hier von der Seite, wo wir uns befanden, jene lieblich grunen Hugel umsaumten, die sich auf der linken Seite noch eine Strecke hin am Ufer zogen, wahrend die rechte Seite flach auslief, und gegenuber der weite Wasserspiegel ohne erkennbare Ufer das Bild eines Meeres darbot. Mich uberraschte und ergriff diese scheinbare Unendlichkeit und uberhaupt das ganze, so unerwartete Landschaftsbild, und mit sehr regem Gefuhl fur diese Schonheiten und fur den Umtausch lebendiger Gedanken und Empfindungen stieg ich mit der Gesellschaft, die nun allesamt die Wagen verlassen hatte, auf angenehmem Pfade durch dies Juliental hinab, das der Graf zu einem kleinen englischen Garten hatte umschaffen und nach dem Namen seiner Frau nennen lassen. Auch ein hubscher Pavillon in Tempelform stand auf einer der Anhohen und trug den Namen des Erzherzogs Palatin, der, wenn ich mich recht erinnere, dies Tal einst mit seiner Gegenwart beehrt hatte. Die ubrigen zerstreuten sich hier und dort in den Schattengangen, ich fand mich bald mit Theresen (Theonen) allein, zu welcher mich von dem ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an ein innerer Hang gezogen und mich hier eine gleichgestimmte Seele hatte ahnen lassen. Therese war nicht mehr jung - nur um wenige Jahre junger als ich - sie war nicht schon, eine kaum mittelgrosse, [18] etwas gedrungene Gestalt, mit feinen, aber hochst einfachen Manieren, bei der die talentvolle Dichterin ganz hinter der anspruchslosen hauslichen Frau verborgen, und nur dann sichtbar ward, wenn im vertrauten Gesprache die angeregte Seele jene einfache Hulle durchbrach und sich in ihrer wirklich hohen und klaren Schonheit zeigte. So zeigte sie sich auch mir an jenem unvergesslichen Tage im Juliental, da erkannten sich unsere Geister, da hatten beide, die irdische Hulle durchstrahlend, einander schwesterlich und liebend umfasst, und den Bund treuer Anhanglichkeit und Freundschaft geschlossen, der uber Theresens nun lange schon begruntes Grab hinaus gewiss noch zwischen unsern Seelen in Gott besteht. Auch sie - und noch so viele andere Teure habe ich uberlebt, und wohl kann ich, ohne den meinem Herzen nahestehenden Umgebungen, in deren Besitz ich jetzt mein Gluck finde, zu nahe zu treten, in so mancher Beziehung sagen: Aber meine Welt ist tot! Die Welt, deren Bildung mit der meinigen einerlei Richtung hatte, einerlei Schritt mit mir hielt, die meine Geistesbedurfnisse kannte, nur solche hatte wie ich, die mich verstand, in der meine Gedanken Anklang und Widerhall fanden - diese Welt ist nicht mehr da, und ich fuhle das recht oft und recht wehmutig. * * * Doch ich kehre zu dem Faden meiner Erzahlung zuruck. Therese und ich hatten uns in einem Gesprache uber Poesie und uber das, was in unserer beider Seelen vorging, wenn die Stunde der Weihe uber uns kam, warm, innig, offen ausgesprochen. Da fand jede Empfindung ihr Echo, jede Ausserung ihr Gegenbild im [19] Geiste der Freundin, unsere Seelen, mochte ich sagen, beruhrten sich unmittelbar, und in solchen Augenblicken, deren es freilich im Leben nur wenige gibt, dringt gleichsam durch eine Spalte in unserer dichten Erdenatmosphare ein Strahl des Himmels herein, und wir lernen die Moglichkeit fassen und glauben, wie entkorperte Geister sich einander ohne Worte, durch blosse Anschauung erkennen. Noch einige Tage verweilte dieser angenehme Besuch in Zinkendorf, und da gerade wahrend dieser Anwesenheit die Nachrichten aus Wien einliefen, dass der Kaiser an einem bestimmten und ziemlich nahen Tage in seiner Hauptstadt eintreffen und feierlich einziehen werde, beschloss die gesamte Gesellschaft, wie sie hier beisammen war, uns mit eingeschlossen, nachstens aufzubrechen und nach Wien zu eilen, um jenen schonen Tag mit zu feiern. Die Baronin Zay, welche ebenso wie ihre Jugendfreundin Therese sich mir mit herzlicher Freundlichkeit genahert hatte, lud mich und meine Tochter ein, an dem zu unserer Abreise bestimmten Tage bei ihr in Odenburg, durch welches uns unser Weg fuhrte, das Fruhstuck einzunehmen. Hier lernten wir noch die beiden verheirateten Artnerschen Schwestern, Frau von Witte und von Torkas, kennen, fanden uns in einem Kreise trefflicher, guter, gebildeter Menschen aufs herzlichste aufgenommen und bald so heimisch, als ob wir uns seit langen Jahren gekannt hatten. Nur selten in meinem langen Leben war es mir auf diese Art mit neuen Bekanntschaften so wohl geworden. Ich begreife auch, dass das seiner Natur nach nicht anders sein kann und in spatem Jahren sich immer mehr verliert, wie sich die Empfanglichkeit fur neue Eindrucke und die Moglichkeit, sich unbedingt hinzugeben, [20] mit der nahern Kenntnis der Menschen und manchen unangenehmen Erfahrungen ebenfalls aus unserm Gemute entfernen. Der Aufenthalt in Zinkendorf war zu Ende. Alles eilte nach Wien. Die nahe Ankunft des Kaisers, die Begebenheiten der jungstvergangenen Tage, Napoleons Abdankung, seine Verbannung nach Elba, die Wiedereinsetzung der Bourbons, die Aussichten in die Zukunft, die Erwartung des Kongresses, der in wenigen Monaten in Wien eroffnet werden und eine Menge europaischer hoher Haupter hier versammeln sollte, hielten die ganze Welt in reger Spannung. Alles bereitete sich zum Empfange des Kaisers vor. - Eine Illumination sollte statthaben, Gedichte uberreicht werden usw. Auch die Taubstummen, bei deren Institut der Zug des Monarchen von der Favoritenlinie hereingehen sollte, wollten ihre Gefuhle in einem Gedichte aussprechen, und ich wurde ersucht, es zu machen. Ich tat es, und in Zinkendorf wurde es vollendet, wahrend ich in den Schattengangen des Gartens unter dem Geflote der Nachtigallen herumwandelte. Endlich erschien der Tag der Ankunft, wenn ich nicht irre, so war es der vierzehn Juni. Unser lieber Hausgenosse Karl von Kurlander, der sich auch fur die Abfassung jenes Gedichtes fur die Taubstummen interessiert hatte, war so gefallig gewesen, uns in eben diesem Hause, von dem man den Zug sehr gut sehen konnte, bei Herrn Direktor Mey Platze an einem Fenster zu verschaffen, und so wanderten wir vier, Pichler, Karl, meine Tochter und ich, recht fruh am Morgen auf die Wieden hinuber; denn zu fahren, wenigstens bis dorthin, war an einem solchen Tage nicht moglich. Aber [21] damals war mir solch ein Gang auch nur eine Kleinigkeit. Die Strassen waren mit Menschen bedeckt. - Endlich verkundete fernes Vivatrufen die Annaherung des Hofes. Die gedrangten Massen bewegten sich unruhig; es erschienen in langem Zuge osterreichische und ungarische Grosse zu Pferde in hochster Gala; wobei sich freilich die letztern in ihrer Nationaltracht, welche einen grossen Aufwand von Gold und Silber gestattet, und im ganzen viel kleidender ist als unser Manneranzug, weit besser ausnahmen, obwohl damals noch jene malerische Verschonerungen der ungarischen Tracht, diese Attilas und wie sie sonst heissen, noch nicht ublich waren. Sonderbar, und wenn man die eigentliche Bedeutung dieser Erscheinung nicht wusste, hochst unpassend mussten die Herren von der sogenannten bohmischen Legion auffallen, die in ihren von Sonne, Wetter und Strapazen heruntergebrachten Anzugen, sowie sie im Felde ihren Monarchen begleitet hatten, jetzt mitten unter den von Gold und Silber schimmernden Ungarn und Deutschen erschienen. Wie man aber die Ursache dieses Kontrastes wusste, verschwand das Ungehorige und machte der Achtung fur die Anstrengungen dieser Offiziere Platz; aber es ware nicht unpassend gewesen, wenn man vorher darauf vorbereitet gewesen ware. Unendlich war der Jubel, als jetzt der Kaiser selbst an der Seite seines Bruders, des damaligen Grossherzogs von Florenz, von der Generalitat umgeben, erschien. Ruhrend, freudenvoll und erhebend war dieser Moment durch seine eigentumliche Wichtigkeit und durch die Betrachtung dessen, was zum Gluck und ruhigen Wohlsein der Volker geschehen war und sich fur die Zukunft hoffen liess. Dennoch muss ich gestehen, fur mein Gemut [ 22] war jene unvermutete glanz- und gerauschlose Ruckkehr des geliebten Landesvaters nach dem unglucklichen Kriege von eintausendachthundertneun am siebenundzwanzig November abends viel grossartiger und erhebender gewesen. An dem Tage der feierlichen Ankunft i. J. eintausendachthundertvierzehn war die Stadt samt den Vorstadten beleuchtet, man hatte sich darauf vorbereitet, Transparente, Inschriften, architektonische Feuerlinien machten den Anblick der Strassen glanzend und feierlich und verscheuchten die ohnedies kurze Sommernacht. An jenem nebligen, dustern Winterabende, wo noch alle Herzen gedruckt und beklommen waren, fiel auf einmal wie ein heller Hoffnungsstrahl die Nachricht: der Kaiser ist da! in das Dunkel unserer Seelen. - Hoffnung und Freude, Zuversicht und Ruhe erwachte in den bedrangten Gemutern, die Brust erweiterte sich jedem, das Vaterland, das Vaterhaus schien wieder gesichert, weil nur der Vater wieder unter uns war, und schnell entzundete an diesem innern frohen Gefuhl sich auch der hellglanzende Ausdruck desselben im Ausserlichen. In der kurzen Zeit von ein paar Stunden war die improvisierte Beleuchtung in der Stadt und den Vorstadten bis an die aussersten Linien fertig. Freudenschusse knallten, Poller donnerten, Schwarmer zischten, Vivat und Jubelgeschrei erscholl in den Strassen, und jeder gab seine Freude auf irgendeine Weise kund. Auch am vierzehn Juni eintausendachthundertvierzehn war dieser Jubel gross, aber er war vorzusehen, er war sozusagen unvermeidlich gewesen. Es war auch eine herrliche Nacht. - Wir durchstrichen mit einigen unserer Bekannten die Strassen der Stadt, in denen es hell wie am Mittag war, und scheuten kein Gedrange, keine Verwirrung, um die bedeutendsten Punkte der Illumination zu sehen, an der [23] Universitat, am Rathaus, bei Graf Erdody (jetzt Graf Collowrat) und an vielen andern Platzen, deren ich mich nicht mehr erinnere, und fuhlten uns alle, trotz mancher Rippenstosse, die bei solcher Gelegenheit nicht zu vermeiden sind, und die uns eigentlich nur Lachen erregten, sehr vergnugt. * * * Noch habe ich einige kleine Erinnerungen aus jenem denkwurdigen Jahre eintausendachthundertdreizehn nachzutragen, die ich, um den Faden der Erzahlung nicht zu unterbrechen, ubergangen habe. Schon seit mehr als einem Jahre hatten ich und meine Tochter, welche eine angenehme Stimme besass, und von einem italienischen Meister nicht fur Produktion, sondern zu ihrem eigenen musikalischen Genuss, grundlich war unterrichtet worden, uns bei den Choren des hiesigen Musikvereins, welcher sich damals zu bilden anfing, sie zum Sopran und ich zum Alt einschreiben lassen, und bei den herrlichen Handel'schen Oratorien, Alexandersfest, Jesus Messias, Samson und, wenn ich nicht irre, auch Acis und Galathea mit grossem Vergnugen mitgewirkt. Damals war das ganze Orchester sechshundert Personen stark; man fand das bewundernswert, ungeheuer; jetzt - fünfundzwanzig Jahre spater, werden die Haydn'schen Kompositionen von eintausend Mitwirkenden aufgefuhrt. So hat sich die musikalische Welt oder die Liebhaberei vermehrt! Mir waren jene Musiken, die Proben sowohl als die Produktionen sehr angenehm, die Musik gewahrte mir einen hohen geistigen Genuss, und die Versammlung der Mitglieder, worunter ich sehr viele Bekannte zahlte, war mir eine erwunschte Gelegenheit, manche wohlbekannte ofter, und manche mir fernerstehende interessante Personen [24] doch zuweilen zu sehen. Gleich jenen Vorlesungen der beiden Schlegel und Hofrat Mullers gewahrte auch dies geistigen Genuss mit geselliger Annehmlichkeit verbunden. Bei einer solchen Generalprobe nun im Herbst oder Winter 1813-1814, welche im Reitschulsaale gehalten wurde und wobei der Hof gegenwartig war, erschien in einer Loge General Ostermann Tolstoi, er, der Held, der wie der Cherub mit dem Flammenschwerte vor dem bedrohten Bohmen bei Kulm gestanden und im Vereine mit unsern Truppen den General Vandamme von unserer Grenze zuruckgeschlagen hatte. Dass er bei dieser Gelegenheit den einen Arm verloren, und so die ehrenvolle Beglaubigung seines Heldentums allen sichtbar wurde, erhohte noch das Interesse an dieser Erscheinung, und ein Beifallssturm: Vivat Ostermann! brach von allen Seiten in dem sehr gefullten Saale aus, und diese Akklamationen, so von selbst aus den dankbaren Herzen der Wiener aufsteigend, die Erwagung, was dieser Mann fur unser Vaterland und fur die gute Sache gekampft, gelitten, regten jedes Herz auf und machten gewiss jedem diesen schonen Vormittag unvergesslich. Aber auch ihn, den Helden, schien dieser Ausbruch ehrender Freude zu ruhren, und die Art, wie er sich uberrascht und geruhrt dankend neigte, und sich gleich darauf hinter seine Begleiter zuruckzog, stellte ihn noch hoher in der allgemeinen Achtung. Um diese Zeit hatte ein besonderes Zusammentreffen von Umstanden auch zwischen Frau von Humboldt und mir, - ich kann nicht sagen, Frieden gestiftet; denn ich wenigstens war nie feindlich gegen sie gesinnt, und hatte, weiss Gott, von meiner Seite keine Ursache zu dem frostigen, ja beinahe schnoden Betragen gegeben, welches sie bei ihrem ersten Zusammentreffen mit mir [25] im Hause meiner Freundin von Schlegel und seitdem stets gegen mich beobachtet hatte; aber wir waren einander durch andere genahert worden, und endlich fanden wir uns gegenseitig nicht so ubel, wie wir uns - oder sie sich eigentlich mich - zu erst gedacht haben mochten. Fr. von Humboldt war eine beruhmte Frau, welche in der grossen Welt als Gemahlin des preussischen Gesandten, der selbst ein ausgezeichneter Gelehrter war, als Schwagerin des grossen Alexanders von Humboldt Aufsehen gemacht und als eine geistreiche Person, trotz ihrer ungunstigen Gestalt, welche der hubsche Kopf nach meiner Ansicht nicht ganz ubersehen machen konnte, Leidenschaften, wie man erzahlte, eingeflosst hatte. Es ist so ein eigenes Ding um dies Einflossen von Leidenschaften, um dies Wandeln auf gebrochenen Herzen, wie ich es von einer andern sehr schonen Frau nennen horte - wenn es von einer verheirateten Frau gesagt wird, und scheint mir, nach meinen altfrankischen Begriffen, nicht wohl mit dem vereinbar, was eigentlich weibliche Wurde und eheliche Treue genannt werden soll. Meine Erfahrungen haben mir in einem langen Leben gezeigt, dass so ein Einflossen, so ein Herzbrechen niemals ganz einseitig vorgehen kann. Sei die Frau noch so schon, noch so geistreich, wenn sie wahrhaft tugendhaft ist, wenn sie ihre frauliche Wurde, wie sichs gehort, bei jeder Gelegenheit behauptet, so wird sie es freilich nicht hindern konnen, dass man sie schon oder geistreich oder liebenswurdig findet; weiter aber wird dies nicht gehen, wenn sie nicht selbst Anlass zu ferneren Schritten gibt, wenn sie selbst gleichgultig bleibt und der Anbeter keine Ermunterung von ihrer Seite findet. Dann verglimmt die entstandene Flamme still und bald in sich selbst. Jene Geistesrichtung, [26] als ein Ritter seiner Dame zu Ehren, die ihn vielleicht kaum kannte oder der er sich nicht nahern durfte, Abenteuer bestanden, die Welt durchzogen und im Tod sich noch glucklich gepriesen hatte, wenn er ihn fur sie erleiden konnte - diese schwarmerische Richtung ist mit der Ritterzeit verschwunden, wenn sie je in dieser Strenge und Ausdehnung existiert hat. In unserer Zeit muss dem Anbeter einige Moglichkeit des Gelingens, einige Hoffnung auf Gegenliebe lacheln, wenn eine Zuneigung, entstanden durch den Anblick der Schonheit oder durch den Zauber des Umgangs, bis zur Leidenschaft oder zum >>broken heart << sich steigern soll. Darum erregt in mir eine Beruhmtheit solcher Art immer einiges Misstrauen gegen die eigentlichen Grundsatze einer Frau, der man sie beilegt, und im besten Falle konnte ich sie von einiger Koketterie oder, wenn auch unschuldiger, Gefallsucht nicht freisprechen. Doch ich kehre zu Frau von Humboldt zuruck. Es war eine andere, aber in anderer Richtung beruhmte Frau, Frau von Wolzogen, Schillers Schwagerin und Verfasserin des lieblichen Romanes Agnes von Lilien nach Wien gekommen und wohnte bei Humboldt. Ein gemeinschaftlicher Freund von uns allen Dreien, Hofrat Buel, Mentor des jungen Grafen Browne, fuhrte die beiden Damen Humboldt und Wolzogen zu mir. Eine gelehrte Frau und Schriftstellerin kennen zu lernen, war mir im voraus nicht angenehm, weil diese Wesen alle, besonders die aus Norddeutschland, damals einen ganz besondern Zuschnitt hatten, selten wahre Frauen, und grosstenteils nur >> weibliche Naturen<< waren, wie damals der Modeausdruck sie bezeichnete, die in kein hausliches, in kein burgerliches, in kein Familienverhaltnis passten, und meistenteils den Bann, den die Manner [27] auf weibliche Schriftstellerei legten, nur zu sehr rechtfertigten. Es wird manchem, der dies liest, seltsam auffallen, eine Frau, welche selbst schreibt, so uber ihre Kunstgefahrtinnen reden zu horen; aber es war nun einmal meine individuelle Ansicht, und dass sie sich nicht auf alle erstreckte, denen die Musen ihre Gaben mitgeteilt, lasst sich daraus erkennen, dass Frau von Schlegel, von Weissenthurn, Fraulein Artner und andere schriftstellernde Frauen, die ich spater kennen lernte, mir vom ersten Augenblicke an teuer waren und blieben. Frau von Wolzogen machte meiner Meinung nach ebenfalls eine schatzbare Ausnahme von jener Regel. Sie schien mir einfach, edel, sehr gebildet und ohne Anmassung; und Korners Andenken, der ihr sowohl als Frau von Humboldt sehr wohlbekannt und teuer gewesen, schien vermittelnd unsere Geister zu vereinigen. Frau von Humboldt, in deren Hause er hier viel gewesen, sprach mit Tranen von ihm, die auch die meinigen hervorriefen, und von nun an war alles Storende zwischen uns verschwunden. Wir sahen uns ofters, und ich hatte mich durchaus in nichts mehr uber Frau von Humboldt zu beklagen. Sie ist mir nun auch schon langst vorangegangen, und ich freue mich, ihr hiermit volle Gerechtigkeit widerfahren lassen zu konnen; denn sie war unstreitig eine Frau von vielem Verdienst, hochst gebildetem Geiste, eine gute Mutter und treue Freundin fur die, die sie einmal liebgewonnen. So war sie auch gegen Bedrangte recht hilfreich. Baron Ramdohr, ebenfalls preussischer Gesandter in Neapel oder Rom, war auf seiner Durchreise mit uns bekannt geworden und hatte uns oft besucht. Ich verwahre wirklich noch einige Bucher und Landkarten, die er mir bei seiner [28] Abreise ubergeben und nie wieder hat abholen lassen, da der Tod ihn ubereilte. Er hatte unlangst geheiratet, eine ziemlich junge, hubsche Frau, und mir aus Rom und Neapel ofters freundlich geschrieben. Wie es aber gekommen, dass seine Frau ihre Wochen hier in Wien und zwar bei Frau von Humboldt gehalten, erinnere ich mich nicht mehr. Nur das weiss ich, dass sie sehr gefahrlich krank gewesen, dass seltsame Symptome magnetischer Art ihre Krankheit begleiteten, dass Doktor Koreff sie behandelte, und Frau von Humboldt ihrer mit treuer Freundschaft und grosser Aufopferung gepflegt hat. * * * Der Krieg war geendigt, Napoleon hatte dem Thron entsagt und lebte auf der Insel Elba. Ludwig der Achtzehnte war in den Tuilerien eingezogen, und in unserer Kaiserstadt sollte der Kongress gehalten werden, der nun, nachdem Napoleons Eroberungen von dem eigentlichen Frankreich abgerissen waren, die Anspruche der Fursten, die Schicksale der Volker ausgleichen und bestimmen sollte. Vom September des J. eintausendachthundertvierzehn an kamen beinahe taglich einer oder mehrere grossere oder kleinere Monarchen, Grossfursten, Herzoge usw. an - jene durch Glockengelaut und Kanonendonner dem Volke verkundigt, die ubrigen bloss durch das Gerucht bekannt gegeben. Endlich kam der Tag, an welchem die zwei Machtigsten unter allen, Alexander von Russland, und Friedrich Wilhelm von Preussen, die eigentlichen Alliierten unsers Kaisers, ihren Einzug zu Pferde unter lautem Jubel des Volkes, zu beiden Seiten unsers Monarchen hielten. Zwei edle Gestalten, schlank, hoch, kraftig - doch jede in Ausdruck [29] und Farbe ganz von der andern verschieden, und beide wieder ebenso weit von der Personlichkeit unsers Kaisers entfernt, der wie ein ehrfurchtgebietender und doch wohlwollender Vater zwischen kraftigen Heldensohnen ritt. Nun wimmelte die Stadt von hohen und bedeutenden Fremden, nun wohnten in der Kaiserburg selbst mehrere der hohern Monarchen, und die andern, sowie die Gesandten derjenigen, welche nicht selbst erschienen, ringsherum in der Stadt und den Vorstadten, wo eben anstandige Quartiere nach dem Bedurfnis eines jeden aufzutreiben waren; denn diese Zusammenkunft so hoher Personen und die Wichtigkeit des Zeitpunktes uberhaupt, hatte eine Menge Neugieriger sowohl als bei den bevorstehenden Verhandlungen Beteiligter in Wien versammelt. Die Feste begannen - und eines der schonsten, das Schonste meiner Meinung nach, nicht bloss in diesem merkwurdigen Jahre, sondern fur lange Zeit, das Praterfest, die Jahresfeier der Leipziger Schlacht am 18. Oktober eroffnete die Reihe, und ward von keinem folgenden ubertroffen. Das angenehmste Herbstwetter begunstigte die im Freien veranstaltete Festlichkeit. Am fruhen Morgen war alles in Wien in Bewegung, und wer nur irgend konnte, schloss sich an Offiziere und deren Familien an, um Platz und Gelegenheit zu erhalten, alles zu sehen. So hatten mich meine vieljahrigen Freundinnen, die Gemahlin und Schwagerin des Landwehrobersten Baron von Richler samt meiner Tochter unter ihren Schutz genommen, und wir fuhren zeitig in den Prater hinab, wo rechts von der Allee das Kapellenzelt auf einer eigens dazu errichteten Erderhohung aufgeschlagen war. Ein dichter Nebel lag, wie das im Herbste gewohnlich [30] ist, auf der Gegend. - Die Monarchen - gleichviel von welcher Konfession, denn sie waren ja hier versammelt, um dem allgemeinen Vater, Schopfer und Erhalter zu danken und ihn, der fur alle derselbe ist, im Geist und der Wahrheit anzubeten - also alle diese hier versammelten Grossen der Erde befanden sich auf jener Erhohung, wo die feierliche Messe gehalten wurde. Kanonenschusse donnerten bei den wichtigsten Teilen derselben, und ihre Erschutterungen zerteilten die Nebel und zeigten uns die helle Sonne am klaren Himmel; ein schones Bild des erheiterten Himmels uber Europas Schicksalen, der, auch von Kampf und Kanonendonner gereinigt, uns wieder lichte Hoffnungen und ruhige Klarheit zeigte. Mich hatte schon diese Feierlichkeit sehr erhoben, meine Begleiterinnen teilten mein Gefuhl, wir waren alle so vergnugt! Dass wir mehrere Bekannte fanden, mit ihnen sprachen, ihre Ansichten vernahmen, erhohte das Vergnugen des Tages. Endlich war es Zeit, uns nach dem Lusthaus und der Simmeringer Haide zu begeben. Hier war der Ort der Mahlzeit fur die ganze, damals in Wien anwesende Garnison - eine unabsehbare Menge von Tafeln war im Freien aufgeschlagen, an denen mehrere tausend Krieger, meist solche, die den Freiheitskampf mitgestritten, bewirtet wurden. Im Lusthaus selbst waren die Tafeln fur die Souverane und was zu den respektiven Hofen gehorte. Alles war Leben, alles Frohlichkeit, heiterer Mut und selige Hoffnung einer bessern Zukunft. Die Offiziere speisten meistenteils an demselben Tische mit ihren Gemeinen, und so sah man zunachst dem Lusthaus die Tafeln fur Offiziere und Gemeine des beruhmten Regiments, einst Dampierre, dann 1809 Hohenzollern, 1813 Grossfurst [31] Konstantin - und den Prinzen mitten unter seinen Kurassieren ihr Mahl teilend. Aber dieses Mahl war gar nicht schlecht. Wir hielten uns zu dem Oberst von Richler, der an diesem Tag unser aller Haupt und Schirmer war, und so wurde uns an der Tafel, an der er mit seinen Leuten ass, ein freilich etwas schmaler Platz gemacht, denn wir waren ja Eindringlinge, und uns von den fur alle recht gut, recht schmackhaft und genugend bereiteten Speisen mitgeteilt, so dass wir hinlanglich gesattigt waren. Hier nun, mitten unter gemeinen Kriegern, an einem Tage allgemeiner Freude, bei ungewohnlich guter Speisung, wo Wein und mitgeteilte Lust und das erhebende Gefuhl in jedes Soldaten Brust, auch das Seinige an Muhe, Gefahr und Blut zu dem nun errungenen glanzenden Sieg und begluckenden Frieden beigetragen zu haben, den Mut eines jeden steigerte, wo durch selbst ein larmenderer Ausbruch dieser Gefuhle entschuldigt gewesen ware - hier wurde kein unziemliches Wort laut, kein roher Ausdruck innerer Lust bemerkbar. Einer fuhlte sich in allen geehrt, erhoben - alle bewachten den einzelnen, und so schienen diese Tausende von Geladenen und Zusehern eine eintrachtige, geordnete Familie, die sich um ihren Vater versammelte und ein gemeinschaftliches Fest beging. Es war ein herrlicher, ein unvergesslicher Tag - durch seine Bedeutung, durch seine erhebende Feier - am meisten durch den schlagenden Beweis, den dieses anstandige Benehmen einer zahllosen Menge bei so mancher Anreizung zum Gegenteil von dem Adel gab, der in der menschlichen Natur liegt, dem man nur zu vertrauen, ihn nur vorauszusetzen braucht, um ihn mit Sicherheit hervorzurufen und auf ihn zahlen zu konnen. [ 32] Wenn der Spruch unbezweifelt wahr ist: Nemo perditae dignitati parcit, so ist es auch wahr, dass edles Vertrauen oft, wo nicht immer, ein entsprechendes Betragen in dem andern bewirkt. O, der Mensch ist nicht so schlimm, als man gewohnlich glaubt! Aber es ist leichter zu verdammen, als mit Muhe zu bessern, zu versuchen. Auch schien sich der Himmel unserer Freude zu freuen. Die heiterste Sonne strahlte uber den Glucklichen, und einzelne Ausbruche lauter Anerkennung, gleichsam Episoden in dem schonen Ganzen, wie z.B. der Jubel, mit welchem Furst Alois von Liechtenstein von seinem Regimente empfangen wurde, trugen bei, Vergnugen und Begeisterung unter dem zahlreich anwesenden Volke zu unterhalten. Erst mit dem sinkenden Tage trennte man sich, und eine schone Erinnerung an dies Fest blieb gewiss in aller Herzen. * * * Auch mein Gemut war durch diese Ereignisse in grosse, aber freudige Aufregung gebracht und darin erhalten worden, indem alles, was mich umgab, was ich horte und sah, zu dieser Stimmung beitrug. Ich dichtete fleissig; ich habe schon erwahnt, dass die bestandige Ubung in gebundener Rede, ja in Reimen zu schreiben, mir eine solche Leichtigkeit in dieser Schreibart erworben hatte, dass mir fast willenlos, auch in Briefen oder andern Aufsatzen, skandierte Prosa oder Reime in die Feder kamen. Der schmeichelhafte Erfolg, welchen das Trauerspiel >> Heinrich von Hohenstaufen<< erhalten hatte, und den ich, als grosstenteils bloss in den Umstanden gegrundet, und daher diesen zuzuschreiben, damals noch nicht klar erkannte; mehr noch meines [33] guten Pichlers Freude an meinen dramatischen Arbeiten, hatten mich schon fruher bei der Ankunft des Kaisers bestimmt, ein kleines, nur zweiaktiges Stuck, unter dem Titel: Wiedersehen, zu schreiben, dessen Inhalt aus der Zeitgeschichte genommen war und daher bloss warme Vaterlandsliebe fur Deutschland und Osterreich und Widerwillen gegen Frankreich atmete. Am Schlusse hatte jede der handelnden Personen ein Couplet zu sagen, das nach dem Charakter derselben ihre Empfindungen bei der jetzigen Epoche, bei dieser Erneuerung der Zeit - wie man damals glaubte - aussprach. Unter andern hatte Fraulein Adamberger folgende Strophe zu sagen: Mit fremdem Modeband und fremden Sitten Beschlich uns auch die fremde Sklaverei, Auslandisches war nur zu wohl gelitten Und langst der deutsche Geist schon nicht mehr frei. Das Couplet wurde sehr schon gesprochen und mit grossem Beifall und allgemeinem Klatschen aufgenommen; wie erfolgreich aber diese Anerkennung sei, zeigte sogleich ein Beispiel; denn eine junge Dame aus unserm nahern Freundeskreise, Fraulein Natalie Rothkirch, jetzt Grafin Beckers, die mit uns in der Loge war, horte nebenan ein Frauenzimmer ausrufen: Ah! elle a bien raison! Das Stuck, das denn wirklich nur ein Gelegenheitsstuck war, wurde auch nur ein paarmal gegeben; dagegen erhielt sich >> Heinrich von Hohenstaufen<< einige Zeit auf dem Theater und wurde, nachdem er ganz vergessen schien, nach zehn Jahren ungefahr noch einmal an der Wien gegeben. Noch ein kleines Stuck in drei Akten, dessen Stoff aus einem Roman der Madame Cottin: Amelie Mansfield, [34] genommen war, deren Mathilde ich ebenfalls den Stoff zur gleichnamigen Oper entnommen hatte, arbeitete ich in jener fruchtbaren Zeit aus, und endlich wagte ich mich noch einmal an ein grosseres Stuck, ein Schauspiel: Ferdinand der Zweite, aus unserer vaterlandischen Geschichte. Ich war wohl mit dem >>Anathema<<, mochte ich sagen, bekannt, das seit der Reformationszeit auf diesem historischen Charakter ruht; seit dem namlich, als die uns in mancher Hinsicht vorausgeeilten Protestanten sich der Geschichtsschreibung bemachtigt, und den ihrigen so gut wie uns Katholiken die Begebenheiten und Charaktere jener Epoche in dem Lichte und der Farbung, in denen sie (die Protestanten) dieselben betrachteten, uberliefert haben. Seitdem haben auch wir Katholiken uns gewohnt, Luther, den Papst, Gustav Adolf und Ferdinand II. ganz so zu beurteilen, wie ihn jene beurteilen mussten und noch mussen, wie sie aber gewiss nicht in dem Masse von Hohe und Tiefe wirklich waren. Es ist keinem Menschen ubel zu nehmen, wenn er in seinen Ansichten die Farbe seines Vaterlandes, seines Glaubens, seines politischen Bekenntnisses tragt, ja eine vollige Unparteilichkeit, wenn sie moglich ware, wurde nur einen ganzlichen Mangel an Gemut voraussetzen. Nur das glaube ich, durfte die Billigkeit fordern, dass das Gemalde auch durch jemand von der Gegenpartei, von der entgegengesetzten Seite beleuchtet und so ein Gleichgewicht hergestellt werden mochte. Seit zweihundert Jahren wird Ferdinand II., seine Intoleranz, seine Harte gegen die bohmischen Aufruhrer und gegen seine protestantischen Untertanen, denen er nur zwischen Abfall von ihrem Glaubensbekenntnisse oder Auswanderung die Wahl liess, mit den abschreckendsten Farben [35] geschildert. - Wohl grossenteils mit Recht; aber uber dieselbe Harte und Intoleranz, welche von akatholischen Fursten, sowohl gegen Katholiken als gegen die Anhanger derjenigen unter den beiden neuen Lehren, zu der sich jene Fursten nicht selbst bekannten, geubt wurde, wird grossenteils geschwiegen. So wissen vielleicht nur wenige, dass, wahrend unser Ferdinand II. die Protestanten aus allen seinen Staaten vertrieb und ihnen, nur um ihre Vermogensumstande zu ordnen, in dieselben zuruckzukehren erlaubte, in Schweden alle Katholiken verbannt, und ihnen bei Todesstrafe jede, auch nur zeitweise Ruckkehr in ihr Vaterland verboten war. Erst vor ein paar Jahren hat die >>osterreichische Zeitschrift<< (herausgegeben von Kaltenbaeck) einige Bruchstucke, teils Briefe, teils Berichte aus jener Zeit geliefert, welche zwar Ferdinands II. Benehmen weder rechtfertigen noch entschuldigen, aber zeigen, dass die akatholischen Fursten sich teilweise dasselbe und noch Argeres gegen ihre anders glaubenden Untertanen erlaubt haben. Das horen nun freilich die Protestanten nicht gern, sie sind wohl der Meinung, man sollte so verjahrten Streit lieber ruhen oder alles mit dem Mantel der Liebe bedeckt lassen. Mir aber erscheint dies wie Parteigeist, solange noch Ferdinand II. und uberhaupt die strengkatholischen Fursten jener Zeit und ihre Massregeln allein von den Geschichtsschreibern in das grellste Licht gestellt, und somit alle Gehassigkeit auf sie wie in einem Brennpunkte versammelt wird. Ehe ich indes manche dieser Daten gesammelt, hatte ich mir selbst aus dem, was ich uber jene Zeit gelesen und gedacht, ein Bild von Ferdinands II. Charakter und Handlungsweise zusammengesetzt, das ihn, freilich nicht liebenswurdig, aber doch in vieler Rucksicht [36] achtungswert darstellte. Ich hatte seine Erziehung in dem streng katholischen Bayern, unter der Leitung der Jesuiten, seine Jugendfreundschaft fur Maximilian von Bayern, seine Stellung in der damals heftig bewegten Welt, zwischen Reichsfursten, die mit heissem Eifer entweder fur oder gegen den Glauben kampften, den er bekannte, zwischen missvergnugten Standen, die gern unter dem Vorwande der Religion grossere Macht an sich gerissen hatten, und zwischen aufruhrerischen Untertanen beherzigt und gefunden, dass man jene Zeit uberhaupt, nicht bloss durch ein protestantisches Glas betrachten, dass man besonders einen Fursten des siebzehn Jahrhunderts in Rucksicht seiner Aufklarung nicht nach dem Massstabe des neunzehn beurteilen und dem, der nun einmal mit ganzer Seele glaubt, seine Religion sei die allein selig machende, die Begierde andere, ja alle Menschen dazu zu bekehren, und wenn es notig ware, dazu zu zwingen, nicht als eigentliche Grausamkeit auslegen konne. Schiller selbst, dessen sehr eifriger Protestantismus deutlich aus jedem Blatt seiner Geschichten des dreißig jahrigen Krieges und des Abfalles der Niederlande spricht, lasst dem im Grunde menschlichen und rechtlichen Charakter dieses Fursten Gerechtigkeit widerfahren. Arndt spricht in einer seiner Schriften mit Achtung von ihm, und so entwarf ich denn nach jenen Beobachtungen und diesen Autoritaten den Plan zu einem Stucke, dessen Inhalt mir ebenso patriotisch, als fur Buhneneffekt geeignet schien. Schon in meiner Kindheit hatte ich von meiner Tante, die sehr gern und sehr angenehm erzahlte, die Geschichte von jener, ans Wunderbare streifenden Befreiung Ferdinands II. aus der Hand seiner aufruhrerischen Untertanen im letzten Augenblick der dringendsten [37] Not gehort, wie schon ein grosser Teil der Bewohner Osterreichs und selbst der Residenzstadt bereits der neuen Lehre gehuldigt, wie Graf Matthias Thurn mit dem Heere der bohmischen Aufruhrer vor der Stadt lagerte, und nun, ermutigt durch diese Hilfe, die Haupter der missvergnugten Stande von Osterreich, Steiermark und Karnten in das Zimmer des Kaisers drangen, um ihn zur Unterschrift der Artikel zu bewegen oder - zu zwingen, die der neuen Lehre Duldung, aber auch ihnen grossere Rechte und Freiheiten sichern sollten, wie der kuhne Thonradl von Ebergassing den Kaiser beim Knopfe seines Wamses fasste und ihm zuherrschte: Nun, Ferdinandl, wirst du unterschreiben? - und wie in diesem Augenblick auf dem Burghof die Trompeten des Dampierreschen Regiments erschollen, das von niemand bemerkt, unter Anfuhrung seines Obersten, Grafen von St. Hilaire, den viele und auch meine Tante Santalier nannten, auf der Donau von Krems herabgekommen, durchs Arsenal in die Stadt marschiert war, und gerade im entscheidenden Augenblick zur Rettung des hartbedrangten Monarchen erschien. Dieses merkwurdige Ereignis, verbunden mit der ebenfalls zu jener Zeit noch in vieler Andenken lebenden Legende von dem wundertatigen Kreuzbild, welches dem, in seiner hochsten Bedrangnis vor ihm betenden Kaiser soll gesagt haben: Ferdinande non te deseram - hatte ich nun oft und stets mit frommer Freude uber eine offenbare Gebetserhorung erzahlen gehort, moge nun das Kruzifix wirklich gesprochen, oder nur der im Gebet mit Gott vereinigte Kaiser diese trostende Stimme in seinem Innern gehort haben, wie denn der ebenso gelehrte als fromme Fenelon, sehr oft von dieser Stimme Gottes in uns spricht, die man aber [38] nur hort, wenn die Kreaturen um uns schweigen und wir uns ganz in Gottes Nahe fuhlen. Mancher einzelne Zug in den Umstanden der Begebenheit sowohl als in des Kaisers Charakter erlaubte mir Anspielungen auf unsere damalige Zeit, wo auch Osterreich aus grosser Bedrangnis durch Gottes Fugung war gerettet worden und auf unsern Kaiser Franz, und so entstand denn dies Schauspiel, und ich hoffte, es auffuhren zu sehen. Indessen waren der Kongress hier in Wien, die Feste, die ihn begleiteten und das raschbewegte Leben, das er mit sich brachte, ihren Gang fortgegangen. Es kamen viele und mitunter sehr schatzbare oder merkwurdige Fremde in unser Haus, und unsere Gesellschaftsabende an Dienstagen und Donnerstagen waren sehr besucht. Unter den Bedeutenderen nenne ich vor allen den Grafen Heinrich von Stolberg-Wernigerode, der nicht allein durch seinen Rang, sondern vielmehr noch durch die gediegene Bildung seines Geistes, wie durch ein edles, ebenso anstandsvolles als herzliches Benehmen uns allen ungemein wert geworden war. Dass auch er sich durch Achtung und Wohlwollen an unser Haus gezogen fuhlte, bewies die Treue, mit der er nicht allein keinen der Abende versaumte, an denen meine Mutter und ich Gesellschaft empfingen, sondern sehr oft noch an den Sonntagsabenden, wann sich nur wenige und nur die nahern Freunde versammelten, zu uns kam. Unser alter geschatzter Freund, Hofrat Buel, hatte uns diesen vorzuglichen Mann zugefuhrt, mit dem er schon fruher in Norddeutschland bekannt geworden war und Freundschaft geschlossen hatte. Noch bewahre ich als Andenken vom Grafen ein einfaches, aber geschmackvolles Teeservice von Wedgewood, das ich in einem kleinen Gedicht gefeiert habe, welches unser aller wehmutige [39] Erinnerung an die, mit ihm zugebrachten Abende schilderte und sein Portrat, das er mir viele Jahre darnach aus Marienbad zusandte, und das seine gehorige Stelle unter den Portraten werter Freunde in meinem Besuchzimmer einnimmt. Graf Stolberg gehorte mit Furstenberg, Ysenburg und vielen andern zu jenen Reichsfursten, die durch den Kongress ihre Reichsunmittelbarkeit verlieren, und kunftig unter der Landeshoheit grosserer deutscher Monarchen stehen sollten. Naturlicherweise ertrugen sie das ungern und waren hauptsachlich dieser drohenden Unterordnung wegen beim Kongress anwesend. Alle versammelten sie sich in dem Hause der ebenso achtungswerten als geistreichen Furstin von Furstenberg-Donaueschingen, die sich an ihre Spitze stellte und, wie man sagt, sehr mutig und besonnen das Wort fur sie fuhrte. Auch diese Frau lernte ich naher kennen, wurde von ihr besucht und besuchte sie wieder. Ich zahle noch mehrere dieser Grossen, die damals unser Haus besuchten, nur mit ihren Namen auf, weil sie mir, mancher personlichen Liebenswurdigkeit ungeachtet, sonst eben durch nichts bedeutender wurden: wie den Fursten von Lippe-Schaumburg und seine Schwester, den Grafen und die Grafin Munster, die Baronin Munchhausen, die Furstin Ysenburg und einige andere. Bedeutend in anderer Hinsicht waren mir General La Harpe, der vor nicht langem in der Schweiz starb, Herr Bertuch aus Weimar, Baron Cotta (der Vater), Oberst Hovel, vom Hofe des Fursten von Hohenlohe, Herr von Rengger aus Aarau, Major von Kronenthal, Schwiegersohn des Schriftstellers Herrn Ewald, von dem er mir Briefe brachte, Dr. Weissenbach aus Salzburg usw. [ 40] Es versteht sich, dass es nicht an Festen aller Art fehlte, um den hochsten und hohen Gasten angenehme Zeitkurzung zu bieten, und zugleich ihnen eine glanzende Vorstellung von dem Reichtum und Geschmack des hiesigen Hofes, wie von der Lebensweise der Residenz uberhaupt zu geben. Im Theater gab es allerlei eigens fur diese Zeit gedichtete Stucke, prachtige Ballette, unter denen eines: >> Nina pazza per amore<<, durch das unubertreffliche Spiel der Mad. Bigottini wirklich einen hohen Genuss gewahrte. Die psychologisch richtige Art, mit der diese Kunstlerin den Beginn des Wahnsinns bei Anhorung der Nachricht vom Tode ihres Geliebten, sowie das Erwachen aus diesem Zustande beim Wiedersehen des Totgeglaubten darstellte, wird jedem, der es sah, unvergesslich bleiben. Der Musikverein, bei welchem meine Tochter und ich im Chor mitsangen, studierte das Oratorium >> Samson<< von Handel ein, und die Proben gingen sehr gut, so dass bei der Generalprobe uns lauter Beifall der ziemlich zahlreich anwesenden Zuhorer lohnte. Leider fiel dieser und mit ihm alle Freude und Begeisterung des mehr als sechshundert Personen starken Orchesters bei der Auffuhrung aus dem einzigen Umstande weg, weil eben diese Auffuhrung ein glanzendes Fest sein sollte, gegeben dem Hofe und allen seinen erlauchten Gasten. Man hatte die Teilnehmer des Orchesters ersucht, in Putz zu erscheinen, und zwar die Damen in weissen Kleidern, womoglich von Seide, und wer Schmuck besass, sollte ihn anlegen, die Herren im schwarzen Frack und Claquehuten. So erschienen wir auch im herrlich, weiss mit Silber dekorierten und aufs blendendste erleuchteten Saal der k.k. Reitschule, der uberhaupt in diesem Winter gewohnlich zu den Festen verwendet wurde, wozu [41] er sich seiner Grosse und Architektur wegen wohl schickte, und wenn es notig war, sich mit den Redoutensalen in leichte Verbindung bringen liess. Der Saal war schon ziemlich gefullt, und das Instrumentalorchester bereits an seinem Platz, als das Corps der Sanger und Sangerinnen die Stufen von der Galerie herab in gemessenen Reihen schritt, alle Frauen in weissen, alle Manner in schwarzen, zierlichen Anzugen. Sopran und Alto machten den Anfang. Sie schritten nebeneinander - zwei Damen hoch konnte man sagen - und bei den Banken angelangt, die ihnen angewiesen waren, wandte sich der Sopran rechts, der Alt links und nahm seine Platze ein. Ihnen folgten die schwarzgekleideten Herren und teilten sich ebenso in Tenor und Bass. Es soll, wie man uns spater erzahlte, sehr gut ausgesehen haben. Als alles placiert war, liess der Hof nicht lange warten. Die ganze glanzende Versammlung so vieler regierender Haupter erschien in den, fur sie prachtig dekorierten Logen, das Orchester erhob sich von seinen Sitzen, ein dreimaliger Beifallssturm brach los durch den ganzen, von Menschen gefullten Saal, es war wieder ein recht erhebender Moment, aber er machte das Ungluck unsers armen Oratoriums. Da der Hof mit Klatschen war empfangen worden, durfte dieses Beifallszeichen fur niemand und fur nichts anders mehr gebraucht werden, und so gingen denn die schonsten Tonstucke unbeklatscht, und wie es schien, ungewurdigt voruber. Es verbreitete diese scheinbare Nichtbeachtung eine erkaltende Atmosphare uber die Kunstler. - Lust und Eifer liessen nach, und ich, die als ein Mitglied des Chores freilich auf keinen personlichen Beifall hatte rechnen konnen, fuhlte dennoch mit den ubrigen das Entmutigende, das in dieser ganzlichen [42] Stille und scheinbaren Teilnahmslosigkeit des Publikums lag. Diese Bemerkung machte es mir begreiflich, welchen unendlichen Wert der Beifall des Publikums fur den Schauspieler haben und wie selbst dessen Leistungen dadurch gesteigert werden mussen. Wahr ist es zwar auch, dass der Text und Gegenstand unsers Oratoriums, trotz aller Gediegenheit der Komposition und des tiefen Ausdruckes der einzelnen Tonstucke sich nicht recht fur eine festliche Gelegenheit passte. Es war der Tod Samsons - dieser aufopfernde Tod, der von Vaterlandsliebe und Rachegefuhl herbeigefuhrt, seine Feinde mit sich selbst zugleich zugrunde richten wollte, und der letzte, wunderschone Trauerchor: >> Pflucket Lorbeern, Blumen pfluckt, streut sie auf des Helden Grab<<, konnte nicht anders als einen hochst ernsten, feierlichen Eindruck zurucklassen, und so war es mitunter auch wohl die Wahl dieses Oratoriums selbst, was seinem Zwecke, Freude und Heiterkeit zu verbreiten, hinderlich war. Auch sagte mir Pichler, als wir nach geendigter Musik nach Hause gingen: >> Wenn ihr einmal an einem Karfreitag etwas auffuhren wolltet, so konntet ihr diesen Samson wahlen<<, und ich musste gestehn, dass er nicht unrecht habe. * * * Die glanzendsten Feste schienen mir stets jene, bei welchen das gar so schone Lokal des Reitschulsaales in Anspruch genommen wurde, z.B. jene Bals pares, bei welchen die Raume dieses und der beiden Redoutensale sowie der dazugehorigen Zimmer kaum fur die geladene Menge hinreichte, und der Hof nebst allen seinen hohen und niedern furstlichen Gasten, im grossten Staat, durch die ehrerbietig weichende und ebenfalls glanzend [43] geputzte Versammlung in einer Polonaise daherschritt, der Kaiser von Russland unsre Kaiserin, unser Kaiser die russische Kaiserin fuhrend, dann die Konige von Preussen, Danemark, Wurttemberg, Bayern usw. nebst zahllosen Grossfursten, Herzogen, Prinzen usw. Unstreitig waren Figur, Anstand, Haltung und sogar auch die Jahre viel vorteilhafter bei den beiden machtigsten Monarchen, die unserm Kaiser damals am nachsten zur Seite standen, und auch mit ihm die Hauptpersonen des grossen geschichtlichen Dramas waren, das sich damals vor den Augen der bewundernden Mitwelt entrollte. Dennoch fuhlten nicht bloss wir Osterreicher, sondern auch die Fremden gestanden es zu, dass in der schmachtigem Person, in der einfachem Haltung unsers Kaisers eine Art von furstlicher, ja wahrhaft kaiserlicher Wurde, mit vaterlichem Wohlwollen vereint, sich zeigte, welche ihn in einem geziemendern Licht als seine beiden jungern, wohlgebildeten Gefahrten erscheinen liess, wovon der eine, Kaiser Alexander, zu viel vom modernen Elegant, der andere, Friedrich Wilhelm von Preussen, zu viel von steifer Soldatenhaltung hatte. * * * Da, nachdem die deutsche Freiheit wieder erkampft, das Fremdenjoch gebrochen war, in vielen die Hoffnung lebte, alles oder doch das meiste im Vaterland wieder in die alte Ordnung zuruckkehren zu sehen, und da um jene Zeit die, schon fruher durch die Bemuhungen der Gebruder Schlegel und Tiecks, der Bruder Grimm, Hagens, La Motte Fouques usw. erregte Liebe furs romantische Mittelalter und seine Sitten sehr weit und tief in Deutschland um sich gegriffen hatte: so war es ganz naturlich, dass auch die deutsche Tracht, und [44] eigentlich eine Nationaltracht, die uns von dem gefahrlichen Einfluss der franzosischen Moden losgemacht hatte, zur Sprache kam und fur viele ein Lieblingsgedanke wurde. Im Karneval wurde ein Karussell im Reitschulsaale gehalten, wobei Kavaliere und Damen in prachtigen Kostumen des Mittelalters erschienen und jene Gedanken noch mehr belebten. Die damalige Mannertracht wurde im Vergleich mit den Anzugen der fruhern Jahrhunderte ubel kleidend und vor allem hochst unmalerisch befunden, und der Wunsch, sie nach jenen schonern Mustern, sowie auch die Frauentracht umzubilden, lebte in vielen Gemutern auf und bildete sich auch in dem meinen mit Liebe aus. Ich schrieb einen Aufsatz uber deutsche Frauentracht, dem Herr Bertuch einen Platz in seinem, damals sehr beliebten Modejournal einraumte, und uberdies hatte ich mir vorgenommen, auf einer Redoute, wo alle hohen Herrschaften gegenwartig sein wurden, mit meiner Tochter, in solcher mittelalterlichen Tracht maskiert, zu erscheinen und ein Gedicht auszuteilen, das ich zu diesem Behuf gedichtet und das die Ermahnung unsrer Ahnfrauen sein sollte, welche mit Verwunderung jenes Karussell geschaut, und ihre Enkelinnen aufforderten, sich deutsch zu kleiden. Das Gedicht begann so: Lautlos und ruhig haben wir geschlafen,Dreihundert Jahr in unsrer Ahnen Gruft, Als plotzlich Fackelschein und Glanz der Waffen,Und Zymbelnklang uns aus dem Schlummer ruft. Die Neugier treibt uns an uns aufzuraffen,Uns umzuschauen in der freien Luft. Da sehn wir wundernd, furstliche Gestalten Ein Ritterspiel nach unsrer Weise halten. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - [45] O holde Tracht! Bild guter, frommer Zeiten! Wir grussen dich mit freudigem Gefuhl! Ein schonres Dasein kann sich jetzt bereiten,Wir hoffen schon von deinem Anblick viel. Doch siegreich musst du erst ins Leben schreiten,Nicht dienend bloss zu Mummerei und Spiel. Die Deutsche muss im deutschen Kleide prangen,Nicht mehr vom Ausland das Gesetz empfangen. Das sollen unsre Furstinnen uns geben,Mit hohem Sinn fur deutschen Frauenstand. Sie, die als Vorbild langst schon vor uns schweben,Geliebt, verehrt in dem begluckten Land. Nicht Modetorheit nur ist unser Streben,Mit mancher stillen Tugend ist's verwandt. Es kehrt ein bess'rer Geist und frommre Sitte Vielleicht mit dieser Tracht in unsre Mitte. Das war unser Vorsatz, aber wie es mir denn in jener Zeit ofters erging, den Tag vor der Redoute bekam ich wieder Migrane und Kopfweh, und an den Ball war nicht zu denken. Die Verse aber erschienen in einer Zeitschrift. * * * So waren wir denn alle recht frohlich und guter Dinge, und ich hatte beabsichtigt, einen kleinen Ball zu veranstalten und bereits viele meiner Bekannten dazu geladen, als ein durchaus nicht vorzusehender Fall sich ereignete, von dem ich mit Schiller sagen konnte: Wie wenn auf einmal in die Kreise Der Freude mit Gigantenschritt Geheimnisvoll nach Geisterweise Ein ungeheures Schicksal tritt. Meine Mutter war bisher, trotz ihrer hohen Jahre - sie zahlte fünfundsiebzig - sehr gesund und an Korper und Geist ausserordentlich kraftig gewesen. Nur ihre Augen waren seit langer Zeit schon so schwach, dass sie allem Lesen und Schreiben entsagen und ich fur sie das Amt [46] eines Sekretars und Vorlesers hatte ubernehmen mussen. Dies kostete mich viele Zeit, und wenn ich in fruheren Jahren oft mit Betrubnis daran gedacht hatte, warum mir denn Gott nur ein einziges Kind geschenkt? so konnte ich mich spater damit trosten, dass ich unmoglich die Sorge und Pflege fur mehrere Kinder mit dem, was ich meiner Mutter zu leisten hatte, vereinbaren hatte konnen. Um jene Zeit nun, im Janner 1815, befand sie sich noch sehr wohl und erfreute sich des bewegten Lebens um sie herum, nur ein ganz unbedenklicher Husten, der sie seit einigen Tagen befallen hatte, storte sie bisweilen im Reden und in der Nachtruhe. Wir hatten ein Buch bekommen, das von magnetischen Kuren und Erscheinungen des Somnambulismus handelte. Wunderbare Krankheitsgeschichten waren darin nicht bloss erzahlt, sondern mit Zeugnissen von beruhmten und glaubwurdigen Mannern, Arzten u.a. belegt und bestatigt. Meine Mutter, die uberhaupt sich sehr auf die realistische Seite neigte, verwies das alles, sowie das meiste, was sich nicht den Sinnen klar beweisen lasst, ins Reich der Traume. Mich hatten manche Erfahrungen ebenfalls sehr argwohnisch gegen solche magnetische Wunderkuren und Erscheinungen gemacht, jedoch dunkte es mich, man konnte solche Autoritaten, wie das Buch sie anfuhrte, ohne zu grosse Anmassung nicht als ganz unstatthaft verwerfen; daher las ich meiner Mutter das Buch vor, und wir teilten uns unsre Gedanken und Bemerkungen daruber mit. Je weiter wir lasen, je mehr reizten die wunderbaren und wirklich oft aller ruhigen Beurteilung und Erfahrung spottenden Erscheinungen in diesen Krankheitsgeschichten meiner Mutter uberhaupt nur zu leicht beweglichen Zorn. Sie ereiferte sich [47] sie sprach heftig, und obwohl ich ihr recht gab und durch keinerlei Widerspruch ihren Eifer erhohte, womit sie sich gegen diese Traumereien, wie sie ihr schienen, aussprach, geriet sie doch, eben durch jenes heftige Sprechen, in ein wirklich erschreckendes Husten, so dass ich sie bat, fur jetzt lieber mit ihren, gewiss richtigen Bemerkungen inne zu halten und mich nur ruhig weiter lesen zu lassen. Das geschah denn auch - der Husten stillte sich wieder, und der Tag verging wie jeder andere still und ruhig. Abends - es war ein Dienstag, und daher kamen ziemlich viele Besuche - erwahnte meine Mutter gegen einen jungen Arzt, Dr. Pohl, der in unsrer Nachbarschaft wohnte und unser Haus fast taglich besuchte, des Buchs vom tierischen Magnetismus, das ihr den Morgen so viel Arger verursacht hatte. Auch Dr. Pohl war grossenteils, obgleich nicht so unumschrankt, als sie es vielleicht gewunscht hatte, ihrer Meinung. Der Gegenstand wurde nochmals mit grossem Eifer und mit aller der Heftigkeit erortert, welche, wie ich oft bemerkt habe, gerade diejenigen Menschen in ihre Debatten legen, welche die Sache des kuhlen Verstandes gegen Schwarmerei, Begeisterung, Aberglauben usw. zu fuhren meinen, was ich Intoleranz der Vernunft nennen mochte, die oft unnachsichtiger als der Enthusiasmus selbst ist. Abermals reizte die Heftigkeit des Sprechens den Husten auf, und abermals war meine Mutter gezwungen, das Gesprach abzubrechen. Glucklicherweise trat ein junger Offizier, Baron E., ein, der Sohn meiner verehrten Freundin, den der Frieden und der Kongress ebenfalls nach Wien zuruckgefuhrt hatte, und bot der Gesellschaft einen Gegenstand angenehmer Unterhaltung, indem er sehr hubsche, in zierliche Verse gekleidete [48] Ratsel vorlas, die jeder sich zu erraten bestrebte, aber nur wenige trafen, indes meine Mutter mit ihrem gewohnten Scharfsinn alle leicht loste. Es ist dies an sich ein unwichtiger Umstand, aber ich fuhre ihn nur an, um zu zeigen, wie geistig kraftig meine gute Mutter sich damals befand, und wie fern wir alle davon waren, zu ahnen, was zwei Stunden darnach sich zutragen sollte. Die Gesellschaft verliess uns um die gebrauchliche Zeit. Meine Mutter war noch aufmerksam auf kleine Vorbereitungen zum Nachtmahl, welches Dr. Pohl und mein Schwager Karl Kurlander, der bei uns lebte, gewohnlich mit uns einnahmen. Frohlich setzten wir uns alle um den Tisch; - da liess meine Mutter den Loffel fallen, Pichler befahl seiner Tochter ihn aufzuheben; mit Erstaunen sahen wir, dass meine Mutter, die sonst freundlich fur jede kleine Leistung zu danken pflegte, dies geschehen liess, ohne sich zu regen - allmahlich sank ihr Kopf tiefer - wir blickten sie erschrocken an - es hatte sie der Schlag geruhrt! Wie mir in diesem Augenblicke war, kann ich nicht beschreiben. Es war der erste solche Fall; ich sollte noch einen zweiten erleben, der in vieler Hinsicht noch schmerzlicher, aber weil nicht so unvorbereitet, doch minder erschutternd war. Wir trugen die Mutter auf das nachste Bett. Sie gab kein Lebenszeichen, die rechte Seite war gelahmt, Dr. Pohl ausserte sich sogleich sehr bedenklich. Zwei nahe Arzte, die gerufen wurden - der eine von ihnen Dr. Rust (spater Prasident in Berlin), an den mich unser gewohnlicher Arzt und alter Freund, Baron Turkheim, wenden hiess, da er selbst unwohl war - erklarten dasselbe, was Dr. Pohl angedeutet hatte, dass hier nichts zu hoffen sei. Doch [49] versuchten wir Einreibungen, Ziehpflaster, Arzneien. Das einzige Zeichen wiederkehrenden, obwohl nur dumpfen Bewusstseins, war der Widerwille, mit dem meine Mutter alles von sich stiess, was man ihr geben oder anbringen wollte. Sprechen konnte sie gar nicht, und ihre Sehorgane, welche sonst durch jedes hellere Licht beleidigt worden waren, vertrugen jetzt ohne zu zucken den Schein der Kerzen, die man ihr bei der Hilfeleistung ganz nahe bringen musste. Spaterhin - als der erste Tumult voruber war - legte ich mich in meiner Trauer um sie zu ihr aufs Bett, und sie umschloss mich mit ihrem linken Arm und druckte mich innig an sich. Das war das einzige Zeichen von hellerm Bewusstsein - der Abschied zwischen Mutter und Kind - fur dieses Leben! Dort find ich sie wieder. Die Nacht verging, wie man es denken kann. Am andern Morgen kam Baron Turkheim sogleich, aber sein Ausspruch lautete ebenso trostlos: Hier ist nichts mehr zu tun! Nun wunschten wir, dass ihr die Sterbesakramente mochten gereicht werden konnen. An ein Beichten und Kommunizieren war nicht zu denken, aber die Letzte Olung konnte ihr gegeben werden, und so ging mein guter Pichler eilig zu seinem Bruder, dem Pfarrer auf der Laimgrube, meldete es in unserer Pfarre, dass ein Fremder die geistliche Zeremonie verrichten werde, und wir konnten nur zu sehr aus der ganzlichen Apathie, mit der meine Mutter alles geschehen liess, und gar nicht uber die Anwesenheit meines Schwagers befremdet schien, schliessen, wie vollkommen gelahmt auch ihre Geisteskrafte sein mussten. So vergingen noch zwei angstliche, traurige Tage. Nicht genug danken konnte ich es meinen Freundinnen, die in dieser truben Zeit mir redlich beistanden und [50] einigen jungen Arzten, die damals unser Haus besuchten, und meine sterbende Mutter bei Tag und Nacht nicht verliessen. Am einundzwanzig Janner endlich abends um elf Uhr verliess ihr Geist seine unbrauchbar gewordene Hulle oder schien sie wenigstens verlassen zu haben. In derselben Nacht aber war es mir plotzlich, als lege sich etwas Weiches, Warmes dicht an mich, und drucke sich fest mir an Hals und Brust. Mir war dabei sehr wohl und doch schauerlich zu Mute. Ich erwachte - es war gegen drei Uhr, und mein erster Gedanke rief mir jenen Augenblick zuruck, wo meine Mutter mich vor drei Tagen zum letzten Male an sich gedruckt hatte. Fern davon, etwas behaupten zu wollen, was nur auf Ungewissen Mutmassungen und Moglichkeiten beruht, gibt es mir doch einigen Trost, dass niemand mir beweisen kann, es sei nicht moglich, dass der Geist meiner Mutter, der vielleicht damals, als die Arzte sie fur tot erklarten, ihren Korper noch nicht wirklich verlassen hatte, erst dann entschwebt sei, und der Tochter ein nochmaliges Zeichen ihrer Liebe habe geben wollen. So hatte ich denn beide Eltern sterben gesehen und Gott, der uberhaupt, solange ich denken kann, gutig fur mich gesorgt und mir die Last der auferlegten, dem Menschen unausweichbaren Leiden nie hatte zu schwer werden lassen, hatte es so gefugt, dass ich bei meines Vaters Tode bereits vermahlt, in der Liebe meines Mannes und in meinem Kinde grossen Trost gefunden hatte, und jetzt stand mir diese schon erwachsene Tochter zur Seite, die, rein, liebenswurdig und vielversprechend herangebluht, mir zu grosser Hilfe und Unterstutzung in jener truben Epoche war. Das Leichenbegangnis - das an die Stelle des projektierten Balles getreten war - war endlich auch voruber. [ 51] Ein paar Wochen vergingen, und obwohl ich nicht in Gesellschaften ging, empfing ich doch wieder die Besuche meiner Freunde, aber durch lange Zeit ward in dem geselligen Kreise die Lucke gefuhlt, die die Abwesenheit einer so geistreichen und in jeder Hinsicht verehrungswurdigen Frau in demselben gelassen hatte, und nur langsam fand sich alles wieder in sein altes Geleise, bloss dass meine Gesundheit, die schon lange etwas gelitten hatte, durch die letzten Schrecken noch mehr erschuttert wurde, und es mehrere Monate dauerte, ehe ich mich ganz erholen konnte. Die erste Teilnahme an den Vorgangen ausser dem Hause ward mir hinsichtlich meines Stuckes: >> Ferdinand II. << zugemutet, das schon vor langerer Zeit bei der Direktion des Hofburgtheaters (welche damals Graf Ferdinand Palffy fuhrte) eingereicht war. Die Polizeihofstelle hatte es, nach den damaligen Vorschriften, der Staatskanzlei zur Einsicht ubergeben. Hier fand es an dem bohmischen Patriotismus des Barons von Bretfeld, der die Ahnen seiner Landsleute nicht gerne als Rebellen und Unruhstifter auf dem Theater sehen mochte, ein unubersteigliches Hindernis; obwohl eigentlich gar kein bohmischer Rebell auftrat, Zierotin und Schlick von dieser Nation dem Konige getreu blieben und die Widerspenstigen, welche in dem Stuck erschienen, osterreichische Stande waren, wie denn auch wirklich Ebergassing und Tschernembl den Konig am hartesten bedrangt und ihn zum Unterschreiben zwingen hatten wollen. Man ersuchte mich, selbst zum Staatskanzler Furst Metternich zu gehen und ihn um die Bewilligung zur Auffuhrung des Stuckes zu bitten, das bereits einstudiert und probiert war worden. Ich tat es ungern. Sollizitieren war mir von jeher [52] ein sehr widerndes Geschaft, und wenn es mir selbst galt, am widrigsten. Zudem war ich in tiefster Trauer, und dieselbe Ursache, wel che mir den schwarzen Anzug aufgedrungen, machte mich noch abgeneigter, mich mit ausserhalb liegenden Dingen zu befassen. Indessen, Graf Palffy wunschte es, die Schauspieler, wenigstens jene, die dankbare Rollen hatten, wunschten es auch, und so ging ich denn, schon im voraus mir wenig Erfolg versprechend, denn der Sinn der Bohmen ist unbeugsam und viel fruher hatte einer unserer nahern Freunde, der eben auch dieser Nation angehorige Regierungsrat Ridler, sich gegen mich selbst stark und unverhohlen uber den Inhalt meines Stuckes ausgesprochen, und ich glaube nicht zu irren, wenn ich die erste Motion dagegen ihm zuschreibe. Furst Metternich empfing mich sehr gnadig, aber aus seinen Ausserungen, dass er zwar nachsehen und das Stuck selbst lesen werde, im ubrigen sich aber auf seinen Zensor verlassen musse - eben diesen Baron Bretfeld, einen Gelehrten, aber nach dem allgemeinen Urteil ausserst engen und beschrankten Geistes - verstand ich nur zu deutlich, dass hier nichts zu hoffen sei, und so war es auch. Das Stuck wurde auf dem Hoftheater nie aufgefuhrt, die bohmische Partei war stets dagegen, und nur lange darnach ging es in einer argen Verstummelung als Christian von Danemark, ein- oder hochstens zweimal an der Wien uber die Bretter. In dieser Gestalt, abgestreift von jeder Individualitat, jedem Lokal-, jedem vaterlandischen Interesse war es ein wahres Unding. Ich ging gar nicht hin, es zu sehen, denn ich hatte mich nur geargert. Der Februar eintausendachthundertfünfzehn war vergangen. Mein Haus wurde nach wie vor von meinen hiesigen Bekannten und vielen [53] Fremden besucht, alles schien geordnet, der Friede geschlossen; wir sahen einer ruhigen Zukunft entgegen, als eben wieder so plotzlich wie damals in meinen Familienverhaltnissen nun ein fur das Allgemeine viel uberraschenderer und entmutigender Schlag fiel und alle kaum beschwichtigten Sturme erneuerte. Es war ein Abend, an dem ich Gesellschaft erwartete. Schon waren mehrere Damen und Herrn versammelt, als Graf Stolberg mit einer Miene, die Verstimmung und Missmut aussprach, eintrat, sich an seinen gewohnten Platz neben dem Sofa setzte, und wenig oder keinen Anteil an der Unterhaltung nahm. Wahrend ein lebhafteres Gesprach die ubrige Gesellschaft in Anspruch nahm, flusterte er mir leise zu: >> Wissen Sie schon die Nachricht, die eben gekommen? Napoleon ist von Elba entflohen, und der Krieg beginnt von neuem<<. Noch sprachen wir - ich halb unglaubig und zweifelnd daruber, weil solche Geruchte manchmal doch nur Borsespekulationen oder dergleichen absichtlich Verbreitetes sind. Bald aber trat Major Kronenthal vom badischen Hofe ein, er naherte sich uns, und bestatigte die gefurchtete Kunde, die nun durch noch andere Eintretende erzahlt und der ganzen Gesellschaft zu ihrem nicht geringen Schrecken mitgeteilt wurde. In diesem Augenblicke war ich beinahe froh durch den Gedanken, dass meine arme Mutter, die durch die Wechselfalle der langen Kriege so oft und so tief erschuttert worden war, die Katastrophe, von der sich damals nur Ungluck furchten liess, nicht erlebt hatte. * * * Indessen, das Schlimme, was wir gefurchtet hatten, und mit uns halb Europa, ging nicht in Erfullung. Die [54] verbundeten Armeen sammelten sich aufs neue und ruckten gegen Frankreich vor - die hundert Tage begannen, verliefen - die Schlacht von Waterloo wurde geschlagen, alles kehrte in seine vorige Lage zuruck, und das furchtbare Meteor, das uber Europas Horizont emporgestiegen war, versank in eine einsame Insel des weiten Ozeans, um dort nach einigen Jahren, ohne fernere Einwirkung auf die erschutterte Welt, zu verloschen. Wunderbares Geschick! Fingerzeig der Vorsicht, die sich dieses gewaltigen Werkzeuges bedient hatte, um ihre Plane mit dem Menschengeschlecht auszufuhren! Nun bedurfte sie seiner nicht mehr und liess sein Dasein spurlos enden, das durch mehrere Jahre der Leitstern, der Lebenspuls, das unumschrankte Gesetz Europas gewesen war! * * * Um den Faden der Erzahlung nicht zu unterbrechen, habe ich einige Ereignisse ubergangen, die in dieselbe Zeit fielen, und eigentlich nicht in den Gang der Begebenheiten gehorten, die aber dennoch, besonders das letzte, welches Einfluss auf mein inneres Leben hatte, einen Platz in diesen Erinnerungen verdienen. Eine ganz unerwartete und hochst erfreuliche Erscheinung war mir an einem Vormittag im Beginne des verflossenen Winters von 1814-1815 das plotzliche Eintreten eines lange entbehrten und sehr werten Freundes, des damals im koniglich sachsischen Finanzministerium angestellten Herrn Streckfuss, der, wie sich die Leser dieser Blatter erinnern werden, in den Jahren eintausendachthundertfünf und eintausendachthundertsechs zu den nachsten Freunden unsers Hauses und des kleinen Kreises, in dem wir lebten, gehort hatte. Die Auseinandersetzungen, welche der [55] Frieden in den Finanzen der beteiligten Lander notig gemacht hatte, waren die Veranlassung, welche unsern Freund im Gefolge eines sachsischen Beamten, von Miltitz, wenn ich nicht irre, damals nach Wien fuhrte. Unsere und des ganzen Freundeskreises Freude war sehr gross, nur leider war die Anwesenheit, die seine Geschafte ihm hier gestatteten, viel zu kurz fur unsere und wohl auch fur seine Wunsche. Bald darauf trat er aus den sachsischen in preussische Dienste, erhielt eine Anstellung in Berlin, ebenfalls im Finanzdepartement, stieg mit mehreren Orden geschmuckt dort von Stufe zu Stufe, und lebt nun als Vater von vier wohlgeratenen Kindern und seit kurzem als Grossvater in einer sehr bedeutenden Stellung, die er ganz allein seiner Geschicklichkeit, Redlichkeit und Anstrengung verdankt, und zu der er sich vom unbedeutenden Hofmeister in einem Privathause durch eigene Kraft aufgeschwungen hat. Auch hat er, trotz eines ganz ernsten und nuchternen Berufsfaches, nie seine fruhere Beschaftigung mit den Musen auf die Seite gesetzt, und seine Ubersetzungen der italienischen Klassiker, sowie manche eigenen Arbeiten zeugen von der strengen Benutzung seiner Zeit, sowie von seiner ausgezeichneten Geisteskraft. Sonderbar ist es, dass, vielleicht zufalligerweise, mir so viele Dichter bekannt sind, die im finanziellen oder Kameralfache ihre Berufsarbeit suchten und fanden. So sind nebst unserem verehrten Streckfuss in Berlin hier die beiden unvergesslichen Bruder Collin bei der hiesigen Hofkammer angestellt gewesen; so gehoren jetzt zu dieser Stelle: Grillparzer, Bauernfeld, Baron Schlechta, Baron Nell und der zwar nicht als Dichter, aber als Maler ausgezeichnete Herr von Habermann. [ 56] Dass viele unserer bedeutenden Dichter Arzte sind oder waren, wie Haller, Lenau, Frankl, Hornbostel, Feuchtersleben u.a. kann weniger befremden, da die Arzneikunde mit den Wissenschaften und der gesamten Literatur naher verwandt, und nach der Meinung der Alten dem Schutze desselben Gottes, des Apollo untergeordnet ist. Sehr passend reiht sich an diese Erwahnung aus der Dichterwelt die Erinnerung an den Sanger der Sohne des Tals und der Weihe der Kraft, den schwarmerischen, aber gewiss achtbaren Werner an, der, als ich ihn eintausendachthundertsieben kennen lernte, Kammersekretar in Warschau war. An einem fruhern Orte habe ich auf den passenden Zeitpunkt verwiesen, um von seiner Erscheinung und Wirkung als Priester und Prediger zu sprechen. Dieser Zeitpunkt war nun im Jahr eintausendachthundertvierzehn und eintausendachthundertfünfzehn gekommen. Als Katholik und Geistlicher war er nach einer Abwesenheit von mehreren Jahren wieder nach Wien gekommen, hatte sich auf der Kanzel horen lassen, viel Aufsehen erregt und noch mehr Widerspruch gefunden. Endlich erfuhr ich, dass er (ich glaube es war im Herbste 1814) in einer benachbarten Vorstadtkirche predigen wurde. Ich ging hin, ihn zu horen und fand im Bewunderns- und Tadelnswurdigen alles ganz so, wie verstandige Freunde es mir schon geschildert hatten. Ergreifende Gedanken, erhabene Schilderungen, hochst poetische Anschauungen wechselten auf das Grellste mit ganz nuchternen, fur den Ort gar nicht passenden Bemerkungen, mit fast lacherlichen Details ab. So erwahnte er in eben jener Predigt (in der Kirche im Liechtenthal) der Zerstorung Jerusalems durch den Kaiser Titus - den namlichen Kaiser Titus, fugte er erklarend hinzu, den ihr hier auf dem Theater in der [57] Oper vorstellen seht. Spaterhin, wo von der Unzulanglichkeit einzelner guter Regungen oder verdienstlicher Handlungen als einem Anspruch auf ewige Belohnungen die Rede war, sagte er: >> Das ware ebenso, als wenn der Bettler, der im Evangelio ohne hochzeitliches Kleid erschienen war, seine Lumpen mit kostbaren Spitzenmanschetten, die er angehabt, hatte rechtfertigen wollen. << Viele, viele solcher grellen und durchaus unpassenden Bilder, Gedanken, Bemerkungen enthielten seine Predigten, und besonders liebte er es, die Tagesgeschichte und seine eigene Person mit einzuflechten. Er hatte aber ungeheuren Zulauf, und ich war ebenfalls unter seinen fleissigen Zuhorerinnen, obwohl meine Entfernung von der Stadt mir dies erschwerte. Denn damals war ich zwar nicht jung, aber rustig, kraftvoll und munter, und ein Gang von der Alservorstadt zu den Ursulinerinnen oder den Augustinern, bei denen er ofters predigte, das Warten und Stehen in der Kirche bis die Predigt anfing und wahrend derselben, und dann die Ruckkehr zu Fusse waren mir wenig beschwerlich. Bei den Ursulinerinnen horte ich ihn einst des heil. Augustinus mit vieler begeisterten Warme erwahnen, und des Herzeleids, das dieser nachmals so grosse Mann in seiner Jugend durch ein wustes Leben seiner Mutter gemacht hat. Werner schilderte dies mit lebhaften Farben, und schien tief ergriffen. Da klopfte ein mir unbekannter, aber sehr anstandig gekleideter Mann mich sachte auf die Schulter, und sagte: Das ist seine eigene Geschichte; und ich horte spater, dass dieser Unbekannte mir die Wahrheit gesagt habe. Einer andern Predigt bei den Ursulinerinnen erinnere ich mich auch noch, wo er von den sieben heiligen[58] Sakramenten sprach und sie, nach dem Text des Tagesevangeliums von den funf Broten und zwei Fischen, mit diesen auf hochst sinnreiche Weise verglich. Funf von diesen heiligen Gnadenmitteln namlich, sagte er, sind gleich dem Brote eine Nahrung fur jedermann: die Taufe, Firmung, das Sakrament des Altars, die Busse und die letzte Olung; zwei davon sind, wie die Fische, eine nicht jedem gedeihliche Speise: die Ehe und Priesterweihe. >> Im Orient,<< fing er dann mit gehobener Stimme an, indem er, sich auf die Kanzel mit beiden Armen lehnend, sich den Zuhorern gleichsam zu nahern und ihnen seine Rede recht ans Herz legen zu wollen schien - >> Im Orient gibt es eine Frucht, die der heisse Sonnenstrahl zu solcher Reife und Kostlichkeit auskocht, dass sie den Geschmack und die Vorzuge aller ubrigen Fruchte in sich vereinigt, dies ist die Ananas - und so ist auch eins der Sakramente, welches alle Gnaden der ubrigen in sich schliesst, und dies ist das Sakrament des Altars. << Gar schon verglich er ein anderes Mal am Feste Allerheiligen den Himmel mit einem herrlichen Blumengarten, in welchem die Rosen der Martyrer, von ihrem heiligen Blut gefarbt, prangen; die Lilien der Jungfrauen bluhen; die heiligen Einsiedler wie bescheidene Veilchen sich verbergen, und endlich die Sonnenblumen der Patriarchen sich sehnsuchtig der kommenden Heilssonne zuneigen, noch ehe sie erschienen war. Besonders merkwurdig war mir eine solche Predigt bei den Jesuiten >>am Hofe<<. Ich war mit der Baronin Richler wie schon ofters hingegangen, um Werner zu horen. Es war im Advent uber den Text jenes Evangeliums von den Predigten Johannis, welche Pharisaer und Sadduzaer zu horen gingen, freilich nicht um sich [59] zu erbauen, oder die Ermahnungen zu benutzen. Mit nicht ganz bescheidener Hindeutung, wie mich dunkt, verglich er sich selbst dem heil. Johannes, indem er, unter den Sadduzaern die Weltmenschen verstehend, sagte: sie seien in Johannis Predigten gegangen, um sich zu desennuyieren und die Pharisaer (die Geistlichen namlich) um zu sehen, wie er das Handwerk treibe. Bei dieser Stelle, so wie spater bei einer andern, wo er von dem heil. Franz Xaver sagte, er sei in seiner Zeit der beste Tanzer in Paris gewesen, sah ich mehrere Personen und besonders einige junge Manner, die nicht weit von uns standen, lachen. Ich selbst fuhlte mich nichts weniger als erbaut durch solche Stellen, und bei der von den Sadduzaern stiess ich meine Gefahrtin leise an, indem ich sagte: das gilt uns! Und in derselben Predigt, deren Beginn mir so wenig passend und des Gegenstandes wurdig vorgekommen war, erhob sich derselbe Mann zuletzt in wahrer, begeisterter Andacht, indem er von der gottlichen Langmut sprach, welche den Sunder lange ertragt, und oft an sein Herz klopft, um ihn zur Sinnesanderung, zur Busse einzuladen. >> Wird sie ihn aber immerfort ermahnen? wird sie gar nie aufhoren, an sein Herz zu pochen? - Nein! Nein! rief er endlich mit donnernder Stimme: es kommt ein Tag, wann sie den Sunder verlasst und ihn dem ewigen Verderben preisgibt. << Hierauf schilderte er dies mit furchtbaren Farben; dann erhob er beide Hande gefaltet wie im brunstigen Gebet, und rief: Ich will hoffen, ja ich will zu Gott hoffen, dass dies noch bei keinem der hier Anwesenden der Fall ist usw. - Der plotzliche Schwung, den seine Rede bei dieser Wendung des Ganzen nahm, die Energie, mit der er von jenem: Nein! Nein! angefangen sprach, riss alle [60] Zuhorer unwillkurlich mit sich fort, und ich sah Tranen in den Augen derselben jungen Leute, die im Anfange der Predigt gelacht hatten. * * * Von diesem Geistlichen und ausgezeichneten Manne, und von Erinnerungen religioser Art ist der Ubergang zu einem verwandten Gegenstande, namlich zu der Einwirkung, welche, ungefahr um eben diese Zeit, von einem andern, ebenfalls diesem Stande angehorigen Manne auf mein Inneres und auf die Richtung meines Gemutes geschah, naturlich und passend. Der Leser wird sich erinnern, dass mein Gemut von Kindheit an nicht unfromm gewesen, dass religiose Gedanken und Gefuhle mich gern und oft beschaftigten und dass ich besonders, seit ich mehr von mir selbst abhing, auch die aussern Gebrauche der Kirche, in welcher ich geboren und erzogen worden, gern mitmachte. Es war eine Zeit, da dies so sorgfaltig auch von mir nicht geschah; es war jene Zeit des offentlich zur Schau getragenen Unglaubens, als das Beispiel und die Grundsatze von Personen, die sonst die allgemeine Achtung im hochsten Grade verdienten, so wie eine falsche Scham fur beschrankt oder gar fur bigott zu gelten, mich dann und wann abhielt, die Zeremonien des katholischen Gottesdienstes, insofern sie in meine Willkur gestellt waren (denn die Messe am Sonntag versaumte ich schon des Beispiels fur meine Hausleute wegen niemals), mitzumachen. In meiner Eltern Haus kamen viele Leute, die entweder geradezu gar nichts glaubten, oder die, wenn ein wahrhaft religioses Gefuhl in ihnen wohnte, durchaus alle geoffenbarten Wahrheiten verwarfen und eigentlich reine Deisten waren. Es gab unter diesen [61] aber so manche hochst verehrungswurdige und strengrechtliche Menschen, dass ich sehr naturlich zu der Ansicht gelangen musste, man konne auch ohne positive Religion recht pflichtmassig und wurdig handeln. Hierzu gesellten sich denn so viele Eindrucke, die ich durch Umgang und Lekture erhalten, und die mir das Priestertum, die Hierarchie, den furchtbaren Kampf dieser letztern mit der weltlichen Macht als etwas ansehen machten, das nachteilig auf die Menschheit eingewirkt. Vieles trug dazu der Umstand bei, dass in der Periode des Kaisers Josef selbst die Bucher, aus denen die Jugend ihren Unterricht empfing, grossenteils von Protestanten verfasst waren, welche uberhaupt seit dreihundert Jahren, namlich seit der Reformation, das grosse Wort in Deutschland fuhrten. So lernten wir Geschichte aus Schrockh, Naturgeschichte und Geographie aus Raffs Buchern, und sehr wohl erinnere ich mich noch, dass schon damals meine patriotische Gesinnung sich beleidigt fuhlte, wenn bei Ortschaften in Bohmen oder Sachsen, die durch irgend eine Schlacht zwischen Osterreich und Preussen beruhmt waren, die Siege der Preussen immer mit vollem Munde gepriesen, und die unsrigen nur kurzweg angezeigt wurden. Dies war im Grunde doch auch der Antagonismus der Reformation gegen die katholische Religion; denn Preussentum und Luthertum ist so ziemlich eins, und der Konig von Preussen wird eigentlich von den Protestanten als der Defensor ihres Glaubens, ja als ihr Papst betrachtet! So tief und innig auch mein religioses Gefuhl schon seit meiner Kindheit gewesen: so hatte es doch oft Zeiten gegeben, in denen dies Gefuhl durch wenige aussere Ubungen, wie oben gesagt, unterstutzt und angefacht, durch schadliche Lekture erschuttert, durch Zweifel beunruhigt [ 62] worden war. Mehr als einmal hatte sich dasselbe durch gnadenvolle Einwirkungen gottlicher Langmut wieder zurecht gefunden, und nachdem die politischen und aussern Sturme sich rings um uns zu legen anfingen und ein still geregelter Lebenslauf beginnen konnte, fing auch mein Geist an, sich nach innerer Ruhe und Beschwichtigung in gegrundeter Sicherheit zu sehnen. Sichtbar hatte die Vorsicht die Begebenheiten, die Geister der Menschen, den Sinn der Gewalthaber zu einem grossen, guten Zwecke hingeleitet. Diese Einwirkung war nicht zu verkennen, und der anerkennende Dank dafur offnete das freudige Herz den milden Einflussen der Religion, so wie schon fruher Druck und Ungluck uns gedrangt hatten, uns vom Allzumateriellen zur Idee zu erheben, wie eben unser Dichter Z. Werner gesungen hatte. Es bildete sich in mir ein bestimmtes Sehnen nach den Trostungen und Gnadenmitteln der Religion aus, und schon einige Zeit vor der Periode des allgemeinen Friedens setzte sich der Entschluss in mir fest, mich um einen wurdigen Beichtvater fur meine Tochter und mich umzusehen, weil ich dies fur einen wesentlichen Teil der Seelenfuhrung ansah, und damals, so wie jetzt, uberzeugt bin, dass ein vernunftiger Geistlicher hierin sehr viel tun kann, und dass daher die Wahl des geistlichen Arztes mit eben der Aufmerksamkeit und Gewissenhaftigkeit geschehen sollte als die des leiblichen. Hier aber zeigten sich mir sogleich nicht unbedeutende Schwierigkeiten. Durch die Erziehung, welche ich im Hause meiner Eltern empfangen, durch den steten Umgang mit Menschen von hoher geistiger Ausbildung, durch die Ansichten und Grundsatze, welche ich diese so oft hatte aussern horen, war ich selbst auf[63] einen Punkt der geistigen Ausbildung gefuhrt worden, der es mir hochst wunschenswert machte, in dem Priester, welchen ich zu meinem Beichtvater erwahlen sollte, einen uberlegenen Geist zu finden, der in wissenschaftlicher Tiefe mir voranginge, in moralischer wurdig und rein vor mir stande, und in religioser weder durch krasse Monchsbegriffe meinen Verstand noch durch modernen Rationalismus mein warmes Gefuhl verletze. Wohl fuhlte ich, dass bei dem Kulturstande, der im allgemeinen unter unserer Geistlichkeit herrschte und vermoge dessen sie sich unter die beiden letztgenannten Nuancen teilte, jene Forderungen schwer zu erfullen sein werden. Und dennoch empfand ich bestimmt, dass ich einen solchen Beichtiger finden musste, wenn mein Zweck, die Wirren und Zweifel, welche meinen Verstand beunruhigten, geschlichtet zu sehen und auf einen festen Pfad des Heils zu gelangen, erreicht werden sollte. Oft wandte ich mich deswegen im Gebete an Gott, und er verliess mich nicht, der gutige Menschenvater und Huter, er sandte mir, wessen ich bedurfte, und das kam so von ungefahr, so wie von selbst, dass ich es fur nichts anderes als eine wahre Manifestation der gottlichen Gnade ansehen kann, wodurch mir kund ward, wessen ich damals so sehr bedurfte. Herr von Hammer - damals noch nicht mit allen den Wurden, Orden und irdischen Gutern uberhauft, die ihm seitdem wohl verdient zuteil geworden sind - war doch schon damals (im Jahre eintausendachthundertdreizehn oder 1814) einer unserer ausgezeichnetsten Gelehrten, und das darf ich mir wohl mit frohem Selbstbewusstsein sagen, ein treuer Freund unseres Hauses. Da seine Schriften, wie sein Umgang mich stets einen Mann voll religiosen Gefuhls, wenngleich vielleicht nicht in ganz christlichem Sinne [64] in ihm ahnen liessen, so brachte ich, als ich einmal allein mit ihm sprach, die Rede auf meinen Wunsch, einen verstandigen und wahrhaft frommen Geistlichen zu finden, dem ich meine und meiner Tochter Seelenfuhrung anvertrauen konnte. Hammer nannte mir sogleich einen Pater Marcellian aus dem Franziskanerorden, und bei Nennung dieses Namens standen plotzlich alte Erinnerungen aus der Josefinischen Periode in mir auf; da dieser Geistliche durch seine gelauterten Religionsbegriffe wie durch seine Gelehrsamkeit sich manche Verfolgungen von seinen Ordensbrudern zugezogen hatte, ohne darum wie ein Eulogius Schneider, Ignaz Fessler, oder Reinhold den druckenden Fesseln durch einen verbrecherischen Schritt zu entfliehen, und in noch verletzenderer Gewalttat auch den angestammten Glauben zu verlaugnen. Dies alles erwog ich jetzt bei mir - Hammers Empfehlung, eines so wurdigen und freundlich gesinnten Mannes, die Erinnerung an den Ruf, den sich Pater Marcellian vor mehr als fünfundzwanzig Jahren schon in Wien erworben, selbst die Bestandigkeit und Kraft, womit er unter einem harten Drucke ausgeharrt, indes jene sich ihm widerrechtlich entzogen - alles dies bestimmte meinen Entschluss. Durch des schatzbaren Freundes Vermittlung naherte ich mich dem wurdigen Seelsorger und fand alles in ihm, wessen mein Geist und mein Gefuhl bedurften. Schon lange ist mir der fromme Mann in eine bessere Welt vorangegangen, und ich war und bin ausserstande, ihm alles das zu lohnen, was ich ihm fur mich und mein einziges geliebtes Kind verdanke; denn sein strenger Orden und seine eigene unabhangige Gesinnung machten es mir unmoglich, ihm meinen Dank durch irgend eine kleine Aufmerksamkeit oder Gefalligkeit zu beweisen. [ 65] Aber nachrufen darf ich ihm denselben in das Reich des Lichts, dessen verkannter Burger er damals schon war, und dessen volle Seligkeit er jetzt, in dasselbe aufgenommen, geniesst, aus warmer, tiefer Seele; und seine milden Zuge, die mich von der Wand, meinem Schreibtische gegenuber, mit schmerzlichem Leidenszuge anlacheln, rufen mir alle die trost- und erhebungsvollen Augenblicke, die sanften Ermahnungen, die weisen Lehren, welche ich von ihm horte, ins Gedachtnis zuruck. Wie ein erfahrner und einsichtsvoller leiblicher Arzt schnell die Krankheit und ihre Ursache erkennt, so erkannte auch dieser vielerfahrne und psychologisch-scharfsichtige Mann den Gemutszustand seiner Pflegebefohlenen sogleich, sprach mit Bestimmtheit aus, was in ihren Seelen vorging, und gab ihnen die besten Vorschriften an die Hand, wie sie den offnern oder geheimem Feind in der eigenen Brust bekampfen sollten. Oft habe ich mit Staunen und stiller Beschamung ihn die geheimsten Falten meines Gemuts entwickeln und mir uber das, was in mir vorging, Belehrung geben horen. Auch hatte er in diesem Fache ausserordentliche Praxis, denn nicht allein im Beichtstuhl, sondern auch an Kranken- und Sterbebetten, beim Unterrichte der Jugend und in truben Familienangelegenheiten war P. Marcellian als vielfach gesuchter, geprufter Rat, Troster, Lehrer und milder Freund in ganz Wien bekannt und geehrt. Durch ihn wurde ich mit den Schriften der christlichen Weisen St. Francois de Sales und Fenelon bekannt, die mir nun seit mehr als fünfundzwanzig Jahren eine unerschopfliche Quelle des Trostes, der Belehrung, Erbauung und des Segens geworden sind. Ihnen verdanke ich [66] so viel Gutes, so viele Befestigung auf dem zuerst wankend betretenen Pfade, so viel Kraft und Ergebung, dass ich auch ihnen in die Auen des Friedens meinen Dank nachrufen mochte, wenn ich nicht bedachte, dass sie sowohl als mein guter, vaterlicher Freund P. Marcellian dort besser als wir hier im Dunkeln Tappenden wissen, wie es mit uns steht und was wir von ihnen gelernt oder nicht gelernt haben. Vor und noch mehr nach P. Marcellians Tode, der im Jahre eintausendachthunderteinundzwanzig oder eintausendachthundertzweiundzwanzig erfolgt sein mag, da ich ihn in der letzten Zeit seiner Hinfalligkeit nicht mehr sehen und sprechen konnte, habe ich wieder langere Zeit nach einem Nachfolger desselben gesucht und endlich einen zwar nicht vollkommenen Ersatz fur den Hingegangenen, aber doch nacheinander ein paar wurdige Priester in unserer Nachbarschaft gefunden, die bei vielen guten Eigenschaften dem Verewigten aber an ausgebreiteter Gelehrsamkeit und ehrwurdigem Alter nachstanden. Es ist dies letzte, wenn man es genau betrachtet, wohl eine Nebensache, indessen, da ein hoheres Alter auch langere Erfahrungen und ruhigere Ubersicht des Lebens mit sich bringt, und das Verhaltnis des Beichtigers zum Beichtkinde doch auf eine gewisse Art ein vaterliches sein soll, so gab das weit vorgeruckte, das meinige uberragende Alter des P. Marcellian ihm auch noch diesen Vorzug. Aber freilich muss man, wenn man sich nahe an den siebzig Jahren befindet, darauf verzichten, leicht einen auf diese Weise vaterlichen und noch in seinen Seelsorgerpflichten tatigen Mann zu finden. * * * Es war ungefahr um diese Zeit, als ich durch die Briefe meines Freundes, Baron Merian, die erste Kunde [67] von zwei der merkwurdigsten Erscheinungen in unserer literarischen Welt, namlich von den beiden englischen Dichtern Walter Scott und Byron erhielt. Er schickte mir einige Gedichte des Letztern in Abschrift, und schilderte mir die Arbeiten des erstem auf eine so richtige und anerkennende Weise, dass ich noch viel mehr Verlangen fuhlte, Walter Scotts Dichtungen kennen zu lernen als die des Lords, obgleich die tiefe und dunkle Glut, welche aus diesen spruhte, und der Reichtum von Gefuhlen, Gedanken und Bildern in denselben jeden Leser machtig ergreifen musste. Sobald ich konnte, suchte ich mir die versifizierten Erzahlungen Scotts: den >> Gesang des letzten Minstrels<<, den >> Furst der Inseln<<, die >> Dame vom See<<, zu verschaffen, und kaufte sie mir sogleich. Spater erhielt ich dann, teils durch Herrn von Hammer, dem ich zuerst von diesen beiden Schriftstellern sprach, teils durch andere, den Ivanhoe, Waverley und so nach und nach, wie sie erschienen, wenigstens die meisten seiner Romane, und jeder war ein hoher, tief ergreifender Genuss fur mich. Es war nicht bloss die Treue und Echtheit in der Schilderung vergangener Zeiten und Zustande, welche uns gleichsam mitten in jene langst verschwundene Welt versetzten; es war auch die Natur und tiefe psychologische Wahrheit dieser Charaktere und Seelenstimmungen; es war endlich der Reiz einer spannenden Verwicklung und uberraschenden Auflosung der Begebenheiten, der oft echt dramatische, ja ich mochte sagen, theatralische Effekt mancher Situationen, vor allem aber war es das edle Gemut, das rein menschliche Gefuhl des Autors, welches mich beruhigend, zuversichtsvoll, ermunternd und erhebend aus seinen Dichtungen ansprach. Man fuhlte unwillkurlich, dass nur ein durchaus guter,[68] rechtlicher und wahrhaft einsichtsvoller Mensch so denken, so gerecht, so klar und so mild zugleich die Menschen beurteilen und schildern konne, wie Walter Scott sie in seinen Werken auffasst und darstellt. Da ist kein so verruchter Verbrecher, so lacherlicher, verkehrter Charakter, der nicht durch einen Faden rein menschlichen Gefuhls, durch einen Zug weicher Empfindlichkeit mit der bessern Menschheit zusammenhinge; da ist hinwieder kein noch so edler, erhabener Mensch, der nicht durch irgend eine Schwache oder eine zu wenig gebandigte Leidenschaft der menschlichen Gebrechlichkeit ihren Zoll entrichtete. Im allgemeinen aber muss jedes richtig gebildete Gefuhl sich von Walter Scotts Schilderungen zu seiner Personlichkeit hingezogen fuhlen, und wahrlich alles, was uns Zeitungen, Journale und gediegnere Werke in Schilderungen von Walter Scotts hauslichem und Familienleben erzahlen, was und wie wir es durch seines, selbst hochachtbaren Schwiegersohnes, Herrn Lockharts, Buch erfahren, dient nur dazu, den Eindruck, den Scotts Schriften und seine daraus hervorgehende Personlichkeit auf ein unbefangenes Gemut machen mussen, zu bestarken, zu beleuchten und zu rechtfertigen. Von ganz anderer - und in mancher Hinsicht von ganz entgegengesetzter Art war der Eindruck, den, wenigstens auf mich, Lord Byrons Schriften gemacht haben. Blendend, uberwaltigend, erschutternd wirkten im ersten Augenblick seine Schilderungen, seine leidenschaftlichen Bilder und Ausdrucke auf mich. Sie drangen tief in mein Innerstes, sie regten es auf, sie beschaftigten meine Phantasie. Aber dennoch fuhlte ich ebenso bestimmt ein Grauen vor diesen heimlichen Untaten, [69] verbotenen Gelusten, rastlos wilden Leidenschaften, Meuchelmorden und offenbaren Verbrechen, welche diese Dichtungen schilderten und in denen zu wuhlen, sie den Tatern nachzuempfinden, sie recht deutlich auszumalen, der Verfasser eine Art von damonischer Lust zu finden schien. Diese Bewunderung und dieses Grauen zugleich loste sich, wenn ich langer daruber nachsann, in eine Art von mitleidigem Gefuhl auf, dass so ein hochbegabter Geist, durch widrige Schicksale, vielleicht durch unbandige Leidenschaften, durch einen uber alles sich aufbaumenden Stolz zu dieser innern Zerrissenheit und Menschenverachtung gekommen war, in welchen Stimmungen er gleichsam der Stifter jener unseligen Sekte der Zerrissenen unserer Zeit, das Vorbild der vom Ungluck verfolgten Dichter geworden ist. Traurig ist es nur fur die Horer oder Leser dieser nachgeahmten Klagen, dass wohl die Unzufriedenheit, die ungemessenen Anspruche, der aufbaumende Stolz uberall - aber leider nur selten oder nur in einzelnen Anklangen etwas von dem hohen Genius und dem gottlichen Feuer seiner Dichtkunst bei seinen Jungern und Nachbetern zu finden ist. - Was uns des Lords Freund, Herr Thomas Moore, in seinen >>Notices<< uber den Verewigten sagt, erklart manches im Charakter und rechtfertigt oder entschuldigt manches in den Handlungen des jungen, leidenschaftlichen, hochbegabten und hochgestellten Mannes, der ganz allein in der Welt stand, nicht einmal die Liebe seiner Mutter besass und kein befreundetes Haus hatte, in dem er sich heimisch fuhlen konnte. Aber ich muss gestehen, dass die Liebe und Sorgfalt, mit welcher Moore jeden Lichtpunkt im Charakter seines Freundes hervorzuheben, jeden Schatten zu verbergen oder zu [70] entschuldigen strebt, mir unwillkurlich den Darsteller werter als den Gegenstand seiner Darstellung gemacht hat. Von den Werken Byrons, die ich zuerst las, zog mich der >> Corsair<< sehr an, und es machte mir Vergnugen, mich an die Ubersetzung desselben zu wagen. Da ich mich naturlich sehr mit diesem und den ubrigen Gedichten Byrons beschaftigte, wurde es mir sehr wahrscheinlich, dass Lara eine Fortsetzung des Corsair sei, dass der Fremde, der bei dem Feste, wie er Lara erblickt, 'tis he! ausruft, in ihm den Konrad erkannt habe, und der treue Kaled niemand als die ungluckliche Gulnare sei, welche ihm in Mannerkleidung gefolgt war. Da ich eben zu jener Zeit auch Scotts Werke las und ein paar Kleinigkeiten daraus ubersetzte, drangte sich mir die Bemerkung auf, dass es eigentlich zweierlei Englisch gabe, oder vielmehr, dass nach der Sinnesart und Richtung der Autoren, der eine sich mehr der franzosischen oder lateinischen Bezeichnungen der Dinge, der andere mehr der deutschen bedient, ich mochte sagen: der eine schreibe ein normannisches, der andere ein angelsachsisches Englisch; denn aus diesen zwei Grundstoffen ist diese Sprache zusammengesetzt, wie denn auch sehr viele Worte, besonders die, welche konkrete Gegenstande bezeichnen, zweierlei Ausdrucke haben, z.B. Waterfall und Cataract, Well und Fountain, Earl und Count, House und Mansion usw. usw. Scott bedient sich mehr der angelsachsischen, Byron der normannischen Bezeichnungen. Des Ersten Ausdruck, Ansicht, Sinnesart ist uberhaupt dem Deutschen naher, und so habe ich es viel leichter gefunden, etwas von ihm ins Deutsche zu ubertragen, und manchmal [71] Wort fur Wort und in einzelnen Fallen sogar den Klang der Reime mit heruberschreiben zu konnen. * * * Ich ergreife den Faden der Erzahlung wieder im Fruhling von 1815, als ich mich anschickte, die Baronin Zay, ihrer freundlichen Einladung gemass, in Buchen auf ihrem Schlosse, einige Stunden hinter Pressburg, zu besuchen, wohin sie mich diesen Winter, den sie des Kongresses und seiner Freuden wegen in Wien zugebracht, eingeladen. In ihrem Hause traf ich denn auch mit grossem Vergnugen die beiden Schwestern Therese und Wilhelmine Artner wieder, die ich in Zinkendorf das Jahr vorher kennen gelernt, und Frau von Neumann, die Gemahlin eines Offiziers der kaiserlichen Garde, eine Frau, ebenfalls in mittleren Jahren wie Therese, und eine Jugendfreundin derselben, die mit ihr vereint, die Feldblumen auf Ungarns Fluren, gesammelt von Nina und Theone, herausgegeben hatte. Marianne, so hiess Frau von Neumann, war eine sehr verstandige, gebildete und in jeder Rucksicht achtungswerte Frau, aber jene anspruchslose Gute, jenes offene und doch so bescheiden milde Wesen, welches in Theresens Erscheinung lebhaft und innig ansprach, besass Marianne nicht. Es war eben eine andere Eigentumlichkeit, so wie Marie (die Baronin Zay) und Wilhelmine Artner ebenfalls ganz verschieden von jenen beiden, und doch alle vier in den Grundzugen, namlich in Trefflichkeit der Denkart, hoher Geistesbildung und praktischer Herzensgute ganz uberein kamen. Mir war dieser Kreis den Winter uber sehr wert und nahe befreundet geworden. Ich folgte also willig der freundlichen Aufforderung, besonders da der Verlust meiner [72] teuren Mutter mir in diesem Stuck eine traurige Freiheit gegeben hatte. Die Schlacht von Waterloo war voruber, und die Nachricht davon hatte grossen Jubel hervorgebracht. Mir personlich hatte indes dieser Jubel lacherlicher Weise Schaden getan. Ich war um einen echten Schal mit einer Schalhandlerin im Verkehr. Die Ware war in Einlosungsscheinen zu bezahlen, und an einem bestimmten Tage sollte ich den Schal erhalten und das Geld hergeben. Nun aber kam gerade an diesem Vormittag die Siegesnachricht, der Kurs stieg, die Einlosungsscheine hoben sich bedeutend im Wert und mein Schal kostete nachmittags um 50-60 fl. mehr als er noch morgens gekostet haben wurde. Aber wie gern ertrug man solchen Verlust, und fand ihn eigentlich komisch! Auch erwahne ich seiner nur, um einen Begriff von dem damaligen Schwanken unserer finanziellen und daher auch okonomischen Verhaltnisse zu geben, die in so manchen Familien bedeutenden Verlust oder Entbehrungen verursachten. Ein langjahriger und mir sehr geschatzter Bekannter, der Feldkriegskommissar von Romano, den ich seit meiner fruhesten Jugend kannte, da er der Sohn werter Freunde meiner Eltern und sogar meines Vaters Taufpate war, nach dem er auch Franz von Sales hiess, Wilhelminens von Artner Freund und langst designierter Brautigam, bot sich uns zum Begleiter nach Buchen an, wo er seine Geliebte und kunftige Braut besuchen wollte. Sehr gern ergriffen meine Tochter und ich dieses Anerbieten. Pichler konnte uns, seiner Geschafte wegen, nicht begleiten, aber er versprach, uns in Pressburg abzuholen, und so reisten wir an einem herrlichen Juniusmorgen mit Landkutscherpferden ab, und fuhren gleich [73] hinter der Leopoldstadt uber die Donau, dann durchs Marchfeld bis Schlosshof, wo wir uber Mittag blieben. Der Stabsoffizier, welcher hier befahl, war Romanos Freund, er fuhrte uns in den kaiserlichen Stallungen und endlich im Schlosse umher, das nach dem Geschmack der ersten Halfte des achtzehn Jahrhunderts vom grossen Prinzen Eugen mit Feldherrnblick auf einer weiten Flache, die Umgegend dominierend, erbaut worden ist und das er einst bewohnte. Wir besahen seine Zimmer, die wohl seitdem - es war nahe an hundert Jahre - manche Veranderungen mochten erfahren haben. Aber ein Schrank von altvaterischer Form, der jetzt als Rokokko schon deshalb geschatzt werden wurde, bewahrte noch bestimmter, kostbare Andenken des erhabenen Mannes, dem er einst gedient. Der Schrank war ein sogenannter Aufsatzkasten, der unten Schubladen, dann ein schiefes, herauszulegendes Pult, und loben in dem eigentlichen Aufsatze viele grossere und kleinere Facher und Schubladen hatte, auf denen noch die Etiketten von des Prinzen eigener Hand, auf schmale Papierstreifen geschrieben, angebracht waren. Es ist ein eigenes Gefuhl, nach so langer Zeit ein solches Uberbleibsel der Vergangenheit und solche Spuren einer ehemaligen beruhmten Wirksamkeit zu betrachten, das sorgfaltig bewahrt, geradeso aussah, als ob der Prinz - der Held, dieser Sieger von Zenta und Salankemen, die Hauptstutze der osterreichischen Macht - gestern noch an demselben gesessen hatte. Nachdem wir mit vielem Vergnugen diese Anstalten der Gegenwart und diese Reliquie der Vergangenheit betrachtet hatten, setzten wir unsern Weg gegen die von fern sichtbaren Berge oder vielmehr Hugel fort, an deren jenseitigem Fusse Pressburg liegt. Im Sommer, [74] bei schoner Witterung ist diese Strasse nicht unangenehm zu befahren, obgleich dem Auge auf der weiten Flache des Marchfeldes wohl viele Dorfer und eine gedeihliche Kultur, nirgends aber - eben jenes Schlosshof ausgenommen, und dies auch nur seiner Erinnerungen wegen - irgend ein schoner oder merkwurdiger Punkt sichtbar werden. Im schlechten Wetter ist sie des fruchtbaren, aber weichen Bodens wegen sehr schlecht. So wie man sich der Hugelreihe nahert, die meist mit Wein bepflanzt ist, wird die Gegend hubscher. Es war Abend, als wir hinkamen, alles in freundlichen Schimmer gekleidet, und sonderbar! wir bemerkten sehr viele Distelfinken, die hier in der Nahe des Weges herumhupften und durch ihr buntes Gefieder dem Auge angenehm auffielen. Endlich hatten wir auf dieser Strasse die Hohe des Weingebirges erreicht, und nun lag jenseits eine recht schone Landschaft zu beiden Seiten der Donau verbreitet vor uns, druben die Auen und weiter hin eine unabsehbare Flache, diesseits die freundliche Stadt, am Flusse hin gedehnt, und mit ihren Hausern, aus denen der altertumliche Dom hervorragt, auf den Hugeln hinauf bis zum gespenstischen Schloss steigend, das - seit dem Brand eintausendachthunderteins nicht wieder aufgebaut, ohne Dach, ohne Abteilung der Stockwerke, ohne Fenster und Turme, wo >>des Himmels Wolken hoch hineinschauen<< - mir wie ein grosses schauerliches Totengeripp vorkam, das von seiner Hohe auf die lebenvolle Welt unten hinabblickt. Das alles vom Abendgold verklart, sah sehr einladend aus. Wir ubernachteten in Pressburg in einem reinlichen Wirtshause, in dem Bedienung, Kuche, Sprache usw. uns durch nichts erinnerten, dass wir nicht mehr in Osterreich, sondern in [75] einem Lande von ganz verschiedener Nationalitat waren. Alles war hier auf deutschen Fuss eingerichtet, und freilich liegt diese zweite Hauptstadt des ungarischen Reiches ganz auf der Grenze und kaum ein paar Stunden tiefer im Lande. Am andern Morgen setzten wir unsere Reise fort. Noch war die Gegend um uns angenehm. Die Auen der Donau begleiteten uns bis Lanschitz, und hier fuhrt noch der Weg wie durch einen Park bis zum graflich Esterhazyschen Schlosse, dessen zierlicher Turm aus Baumwipfeln hervorragt. Hinter Lanschitz verlieren sich die freundlichen Baume, wir sahen uns auf einer weiten, unubersehbaren Ebene, nur linker Hand zogen sich die grunenden Hugel, auf welchen St. Georgen, Bibersburg, Modern liegen, in einiger Entfernung hin. Alles ubrige war eine fruchtbare, mit mehreren Ortschaften besetzte, aber ubrigens sehr einformige Flache. Nur spater erquickten das Auge die reichen, bunten Farben der Mohnfelder, die eben in schonster Blute standen und dem Lande das Ansehen eines Gartens gaben, indem sie es zugleich zieren und den Bewohnern ihre so beliebte Speise, den Mohnsamen liefern, der zu allerlei Mehlspeisen und Backereien, meist mit Honig vermischt, verwendet wird. Endlich tauchten eine Menge Kirchturme aus der weiten Flache auf, und zu gleicher Zeit zeigten sich uns rechter Hand liebliche, begrunte Hohen, die letzten Auslaufer der machtigen Karpathen, die sich hier in der Ebene verlieren. Auf diesen Hohen erschien ein niedliches Schloss Freistadtl, dem Grafen Erdody gehorig, und am Fusse desselben stromt, wie unser begleitender Freund uns berichtete, jetzt noch von uns nicht gesehen, der Waagfluss hin, ein bedeutender, aber wilder und regelloser Bergstrom, der oft ungeheure [76] Verwustungen anrichtet und, wie die Ungarn sagen, von seinem irren, ungezugelten Laufe - vagari - den Namen Vagus hat, den die Deutschen mit Waag wiedergeben. Jene vielen Turme zeigten sich bald als die kleine, aber hubsche Stadt Tyrnau, damals noch der Sitz des Domkapitels von Gran, das, als im sechzehn Jahrhundert diese Stadt nebst Ofen und vielen andern Bezirken in die Macht der Turken gefallen war, sich von Gran nach Tyrnau gezogen. Uberhaupt begegnet man in Ungarn vielen geschichtlichen Erinnerungen, aber meist trauriger Art, von innerlichen Kriegen und auswartigen barbarischen Eroberungen, wie denn sogar behauptet wird, dass die Turken einst bis Freistadtl gekommen, und der runde, halbzerfallene Turm, den man daselbst sieht, noch ein turkisches Uberbleibsel sei. Nach drei Viertelstunden erreichten wir den Ort unserer Bestimmung, das Schloss Bucsan, das recht freundlich zwischen den hohen Pappeln und andern Baumen des grossen Gartens in einer Niederung vor uns lag. Dass wir mit grosser Herzlichkeit aufgenommen wurden, und die vierzehn Tage unsers Aufenthalts aufs Angenehmste und nur zu schnell vergingen, war zu erwarten. Ausser Theresen und Minna von Artner trafen wir auch eine verwitwete Schwester derselben, Frau von Witte an, eine der trefflichsten Frauen, die ich gekannt, und Mutter von zwei Sohnen, einem Stiefsohn, der bereits Offizier war, und einem eigenen Jungern, welcher noch studierte. Alle diese Personen gehorten der protestantischen Kirche an, aber kein Wort, keine Bemerkung beruhrte je diese verschiedene Stellung, und Furst Ernst von Schwarzenberg, einer der Graner Domherrn, ein hochst liebenswurdiger Gesellschafter und ebenso schatzbarer Priester, kam sehr [77] oft von Tyrnau heruber, um einige Stunden mit seinen evangelischen Nachbarn und Freunden zuzubringen. Da trug uns denn zuweilen die Abendluft, wenn wir an einem der lieblichen Gartenplatze das Vesperbrot einnahmen, plotzlich die harmonischen Tone von zwei oder drei wohlklingenden Mannerstimmen zu, welche in irgend einem nahen Gebusch ihren Gesang anstimmten, und das waren Furst Ernst und ein paar Herren seines Gefolges, welche die Gesellschaft aufs Angenehmste uberraschten. Uberhaupt wurde in Bucsan viel Musik getrieben. Der einzige Sohn des Hauses, jetzt Graf Karl Zay, spielte sehr gut Klavier, meiner Tochter Spiel und Gesang war ebenfalls nicht unbedeutend, Therese und ich halfen mit, wo es notig war, und es herrschte ein Grad von Bildung und ein gesellschaftlicher Ton in diesem ungarischen Magnatenhause, den man nicht leicht in einer Stadt wiederfinden wurde. Auch war dieses Haus, durch Vermogensumstande, allgemein anerkannte moralische Wurde, Gastfreiheit und Heiterkeit, der Mittelpunkt der ringsum wohnenden Nachbarn. Das hat das ungarische Landleben vor dem in Osterreich und Bohmen voraus, dass nicht ein einziger Herr die ganze, oft sehr grosse Herrschaft sein nennen kann, sondern dass auf demselben Dorfe sich mehrere, wenn auch unbedeutendere Mitbesitzer (compossessores) befinden, die auf anspruchlosen, aber keiner wahren Bequemlichkeit ermangelnden Edelhofen Winter und Sommer leben, und sich auf diese Weise bald aus der Nachbarschaft ein ganz artiger Kreis von gebildeten und selbst mitunter talent- und kenntnisreichen Menschen zusammenfinden kann. Sonderbar mag es verwohnten Grossstadtern dann wohl zuweilen erscheinen, wenn sie in einen solchen [78] Edelhof treten, dessen bescheidenes Rez-de-chaussee in Osterreich hochstens eine Verwalterwohnung ankunden wurde; und nun in geweissten oder einfach gemalten, aber reinlichen Stuben neben einem eisernen oder wohl gar Kachelofen elegante und bequeme Mobel, eine nicht unbedeutende Bibliothek oder naturgeschichtliche Sammlung, und vor allem eine Profusion von Silbergeschirr auf der Toilette der Frau vom Hause oder bei der Tafel finden. Diese Verhaltnisse sind es, welche, wenigstens in dem Teil von Ungarn, der mir bekannt geworden, dem Landleben einen grossen Reiz selbst im Winter geben, und die gesellige Bildung befordern. Die vierzehn Tage, welche zu diesem Landaufenthalt bestimmt waren, flogen nur zu schnell dahin. Romano und wir brachen endlich auf, kehrten nach Pressburg zuruck, fanden hier meinen geliebten Pichler und den Schwager Karl Kurlander, die uns abzuholen gekommen waren, und in deren Begleitung wir ebenfalls uber das Marchfeld nach Wien gelangten. Denselben Herbst wurde noch eine Reise nach Linz, uber Lilienfeld, gemacht. Lilienfeld, in dem romantischen Tale der Traisen gelegen, wurde schon durch seine Umgebung, durch sein Alter - es ward im dreizehnten Jahrhundert vom Herzog Leopold dem Glorreichen aus dem Hause Babenberg begrundet - fur jeden Reisenden interessant sein. Fur uns hatte es noch den Wert, hier einen alten werten Freund, den damaligen Pralaten zu finden, welcher uns stets mit der grossten Freundschaft und Gastfreiheit aufnahm. Bei einem dieser Besuche, die wir fast jahrlich bei ihm machten, traf es sich, dass mir in meinen altern Tagen eine so schmeichelhafte Auszeichnung wurde, wie ich sie in [79] meiner Jugend nicht erfahren. Es regnete eben diesen Tag ganz gewaltig, was denn uberhaupt in diesen Gebirgen oft der Fall ist, und mir zur Veranlassung wurde, recht anhaltend nasse Witterung ein >> Lilienfelder Wetter<< zu benennen, wogegen freilich unser Freund Abt Ladislaus hochlich protestierte. An jenem Tage also stand ein junger Mann - den ich ubrigens nicht kannte und nie gesehen habe - durch mehr als drei Stunden trotz des schlimmen Wetters unter dem Torwege eines Hauses, um die Verfasserin des Agathokles und der Hohenberge voruberfahren zu sehen. Diese Hohenberge gelangten uberhaupt hier in Lilienfeld zu einer grossen und nicht ganz verdienten Zelebritat. Man setzte namlich sehr gutig voraus, dass alles in dem Buche Erzahlte oder wenigstens das meiste geschichtlich sei - man suchte das Fenster, aus dem sich Herrmann gefluchtet, das Haus, worin Mechtild gewohnt; ja einer unserer, freilich minder beruhmten Historiker bezog sich sogar in einem Werke uber die Vorzeit von Steiermark auf diesen Roman, als auf einen geschichtlichen Beleg (worin er aber ganz Unrecht hatte, denn die im Romane vorausgesetzte Teilnahme des Grafen Hohenberg an dem Mord Kaiser Albrechts war reine Fiktion). Ein paar Jahre spater wurde diesem Buch die Ehre, dass die Kaiserin Marie Louise, die nach ihrer Trennung von ihrem Gemahl nach Osterreich zuruckgekehrt war, und nach dem damals herrschenden Geschmack an Gebirgsreisen und den damit verbundenen Altertumern, auch mehrmals nach Lilienfeld kam, das Grabmal des letzten, eines Grafen Friedrich von Hohenberg, das dort im Kreuzgang befindlich ist, fur ihre Mappe selbst abzeichnete. Auf dieser kleinen Reise, und auf der Ruckkehr von Lilienfeld ereignete sich das erstemal jener bose Zufall, [80] der wohl den eigentlichen Grund zu Pichlers folgenden, oft wiederkehrenden korperlichen Leiden legte. Er hatte im Stifte mit den Beamten desselben und denen des Kreisamtes, die ihn begleiteten, sowie mit den Graflich Hoyosschen und mit den Besitzern der Schwemmen usw. mehrere Tage kommissioniert, und solche Auseinandersetzungen, wobei der Privatvorteil mit dem des Staates in sehr begreiflich leichten Konflikt kam, konnten ebenfalls dem hohern Staatsdiener, der hier die Interessen dieses letztern vertrat, leicht Verdruss erregen. Das geschah denn auch, und Pichler kam den Abend vor unserer Abreise so spat in die uns angewiesenen Zimmer zuruck, dass Lotte und ich uns bereits niedergelegt hatten. Er war erhitzt und unmutig im hochsten Grade; erzahlte mir, dass er viel Verdruss gehabt, ausserte sich aber nicht bestimmt mit wem? und woruber? und ging dann auch zur Ruhe. Am andern Tage war es kalt, sturmisch, wir fuhren ab. So lange wir zwischen den Bergen blieben, war die Kalte ertraglich, bei Modling aber auf die freie Ebene gelangt (wir fuhren die Wallfahrtsstrasse, welche ungleich schoner ist als die uber St. Polten) wurde der scharfe Nordostwind sehr empfindlich. War es nun diese Kalte, war es der gestrige Verdruss und die dadurch gereizten Nerven oder beides zusammen; genug, Pichler fuhlte schon im Wagen Schmerz und Krampfe. - Zu Hause angekommen, musste er sich sogleich zu Bette legen und Karl (Kurlander), unser treuer Freund und Hausgenosse, eilte selbst zu einem Doktor aus dem Universalspital, um sogleich Hilfe zu schaffen, weil hier Gefahr auf dem Verzuge war. Sodann wurde, weil unser Ordinarius Baron Turkheim abwesend war, ein anderer, fur geschickt bekannter Arzt gerufen und die notigen Mittel [81] unter Angst und Sorge angewendet. Pichler litt sehr, es dauerte einige Stunden, endlich loste sich durch Gottes Hilfe der furchterliche Krampf, das Ubel war besiegt, und Ruhe und Warme heilten es vollends aus. Wie mir und der Tochter war und wie entzuckt wir Gott dankten, als die Heilung versichert war, brauche ich wohl nicht zu schildern. Aber leider mag sich in diesem Anfall der Grund zu allen nachfolgenden ahnlichen gebildet haben, die denn auch - freilich erst nach mehr als zwanzig Jahren, aber dennoch unwiderleglich die Ursache seines Todes wurden. Noch muss ich eines Ereignisses erwahnen, das, obwohl es ohne alle Folgen blieb, mir und meiner Tochter immer wert und wichtig bleiben wird. Einer unserer ausgezeichnetsten Manner, der als Gelehrter eines mehr als europaischen Rufes geniesst, und als Mensch nicht weniger allen seinen Bekannten und Freunden schatzbar ist, warb um diese Zeit um Lottchens Hand. Der Antrag war ebenso schmeichelhaft als ehrenvoll. Pichler und ich erfreuten uns dessen sehr, und wurden, wenn die Tochter Liebe fur den Freier empfunden hatte, uber den einzigen ungunstigen Umstand einer zu grossen Altersverschiedenheit hinweggesehen haben. Da aber Lottchens Herz, so sehr sie ubrigens den Mann als einen Freund ihrer Eltern ehrte, nicht fur ihn sprach, machten wir uns ein Bedenken, das Madchen, das noch nie geliebt hatte, zu einer Vernunftheirat zu uberreden, furchtend, dass, wenn fruher oder spater diese Gefuhle in ihr erwachen und vielleicht die Richtung auf einen andern jungern Gegenstand nehmen sollten, ihr und ihres Gatten Gluck auf dem Spiele stehen wurde. So enthielten wir uns alles Zuredens und erwarteten bloss, ob und wie Lottchens Herz entscheiden wurde. Es [82] sprach nicht fur den Bewerber, und dieser zog sich mit ebenso viel Wurde und Zartgefuhl, als er sich genahert, wieder zuruck, blieb aber fortan unser und Lottchens treuer Freund. Ungefahr ein Jahr darnach fand er in einem andern, ebenfalls sehr jungen und hochst gebildeten Madchen unserer Bekanntschaft vollen Ersatz, und mehr als dies, indem seiner jetzigen Gemahlin Geschmack und Lebensbegriff, der sich mehr fur die grosse Welt eignet, viel besser zu dem ihres Gatten passten, als der stillere Sinn Lottchens je getan haben wurde. Bald darauf wurden uns noch ein paar Antrage dieser Art gemacht; ebenfalls von alteren, angesehenen Mannern, deren einer Besitzer eines Landgutes und Vater von drei Kindern in dem Alter meiner Tochter war. Hier war kein personlicher Ersatz fur entbehrtes Jugend- und Liebesgluck - blosse Versorgung, und dieserwegen bedurfte, durch Gottes Gnade, unsere Tochter nicht zu heiraten. * * * So ging das Jahr 1815, das mir viel Schmerz, viel Sorgen, aber auch mitunter manches Angenehme gebracht hatte, voruber und wir standen wieder erwartungsvoll vor einer Pforte der Zukunft. Unser geselliges Leben setzte sich auf die Weise, wie es bisher gestaltet gewesen, fort. Es besuchten uns viele Einheimische und beinahe noch mehr Fremde. Durch das Haus Friedrichs von Schlegel, mit dessen Frau ich seit dem Anfange unserer Bekanntschaft einen freundschaftlichen Umgang unterhalten hatte, lernte ich viele, und mitunter bedeutende Auswartige kennen, deren einige denn auch in unser Haus kamen. Einer derselben, der uns sehr wert wurde, war der nun auch verstorbene [83] Herr von Bucholtz, als Schriftsteller und Mensch gleich achtungswurdig. Hofrat Buel, unser mehrjahriger Freund, fuhrte vieler seiner Landsleute, Schweizer, bei uns ein, von denen der eine, ein ungemein achtungswerter Mann, Herr Peter, Kaufmann aus Winterthur, uns bis jetzt seine Freundschaft treu bewahrt, uns, so oft er nach Wien kommt, stets die Freude seines Besuches gonnt, und ofter freundliche Andenken zurucklasst. Ich werde spater Gelegenheit haben, dieses Mannes noch dankbar zu erwahnen. Auch Baron Retzer, damals als Bucherzensor ein wahrer Macenas und schutzender Hort vieler Autoren, der diese Macenatenschaft mit Umsicht benutzte, um sich an den von ihm protegierten Schriftstellern, die er nicht allzustreng zensurierte, ebenso viele Panegyriker und Klienten zu erwerben, die seinen Namen und sein Lob in Dedikacen oder Gedichten in alle Welt trugen - auch Baron Retzer stellte mehrere Fremde bei uns vor. Dies war uberhaupt sein gern geubtes Geschaft, und er teilte dann mit den eingefuhrten Fremden die diesen erwiesenen Artigkeiten, Diners, Einladungen usw., gab sich aber auch sonst mit vieler Gefalligkeit Muhe, den Ankommenden, die sich aus der Ferne schon an ihn wandten, hier Quartier zu bestellen, sie uberall hinzufuhren, wo etwas Merkwurdiges zu sehen war oder wo sie hingebeten waren. Seit langerer Zeit hatten wir immer mit einer unserer ausgezeichnetsten Schauspielerinnen, Fraulein Toni Adamberger in freundschaftlichen Beziehungen gestanden. Schon ihre Eltern (ihre Mutter war fruher eine grosse Zierde der hiesigen Buhne gewesen, und ihr Vater, ein ausgezeichneter Sanger und Mitglied des Opernpersonales sowohl als spater der Hofkapelle, hatte mich im Gesang unterrichtet) waren mit den meinigen [84] wohl bekannt, und oft in unserm Hause gewesen. So setzte sich dieses Verhaltnis auch nach der Eltern Tod, als Fraulein Adamberger mit ihren Geschwistern bei ihrer unverheirateten Tante lebte, fort. Fur sie hauptsachlich war in meinem Heinrich von Hohenstaufen die Margarethe, und im Ferdinand II. die Maria Hofkirchen geschrieben. Wir besuchten uns ofters, und Toni, so wurde sie allgemein nach ihrem Taufnamen genannt, galt in ganz Wien, ja in ganz Deutschland, vor dessen Augen sie nicht bloss ihr schones Talent, sondern noch mehr Korners Liebe und Wahl verklarte, fur ein Muster weiblicher Zucht und Sitte, sowohl unter den Schauspielerinnen als den Madchen uberhaupt. - Un dragon de vertu nannte man sie sogar in den Zeiten des Kongresses, und mit den Zeilen, welche sie als Margarete im Heinrich von Hohenstaufen zu sprechen hatte: Und die so freundlich sich um uns erweisen,Die stets umsonst der Schuldbewusste sucht,Die guten, reinen Engel heissen Geduld und Frommigkeit und Zucht -glaubte ich, der Schauspielerin eigenstes Wesen geschildert zu haben, und ganz Wien teilte meine Uberzeugung. Da mein Ferdinand II. nicht gegeben werden durfte, veranstalteten wir wenigstens zu Hause eine Lesung des Stuckes mit ausgeteilten Rollen; eine Art geselliger Unterhaltung, die damals in Wien und so denn auch in unserm Hause sehr gewohnlich war. Die beiden Mitglieder des Hoftheaters, Fraulein Adamberger und Herr Korn, der so wie seine Gattin, mit der er damals in musterhafter Ehe lebte, ebenfalls zu den nahern Bekannten unseres Hauses gehorten, hatten die ihnen im Theater bestimmten Rollen ubernommen, Korn den [85] St. Hilaire, Toni, Marien von Hofkirchen, Heurteur den Kaiser Ferdinand, Herr von Deinhardstein, jetzt Vizedirektor des Hoftheaters, den Ebergassing, Pichler den Grafen Zierotin - der ubrigen erinnere ich mich nicht mehr, nur das weiss ich, dass, als im dritten oder vierten Akt der Wienerstudent Ulrich Moser auftreten sollte, ein herzliches Gelachter erscholl, indem meine Tochter, aus Mangel eines andern jungen Menschen, diese Rolle ubernommen hatte, und sich nun an einen der Tische setzte, um mitzulesen. Sie las recht gut, die ubrigen auch, viele, worunter Deinhardstein, meisterhaft. Aber es blieb Lotten in unserm Kreise noch eine Weile der Beinamen: Der Student. Baronin Zay, die mit den Artnerschen sich gerade damals in Wien befand, wohnte der Lesung bei, und es setzte sich unsere in Ungarn geschlossene Freundschaft hier fort. Im Hause von Tonis Tante lernten wir jenen Winter von 1815-1816 einen jungen Mann: Otto Ignatius kennen, der sich eigentlich der Malerkunst gewidmet hatte, aber recht im Sinne der alten deutschen Meister mit seiner Kunst auch Musik und Poesie verband, und in allen dreien zwar nichts Grosses, aber recht Dankenswertes leistete. Er wurde bald einheimisch in unserm Hause, malte meiner Tochter Portrat, das ziemlich gelang, aber doch von Kunstkennern als eine Anfangerarbeit, die fur die Zukunft mehr versprach, beurteilt wurde. Ignatius war ein Lieflander, weitlaufig mit Kotzebue verwandt, ein sittlicher, gebildeter, junger Mann, der in Berlin ein Liebesverhaltnis mit der Tochter eines dortigen Kunstlers angeknupft hatte, von hier nach Italien zu reisen, und wenn er sich dort genugsam ausgebildet, nach Russland zuruckzukehren, eine Anstellung zu finden und sein Madchen heimzufuhren [86] gedachte. Durch ihn lernten wir noch andere, eben auch hier befindliche Kunstler kennen, und ein anderer junger Mann, Herr Arneth, im k.k. Munzkabinette angestellt, fuhrte einen jungen Grafen Dietrichstein, bei dem er Mentorstelle versah, nebst andern Junglingen dieses Standes, wie Grafen Walter Stadion, zwei Grafen Lanckoronski, bei uns ein. Spaterhin liessen sich zwei junge Fursten Schwarzenberg bei uns vorstellen. Alle diese waren ausgezeichnete, sehr artige und einige davon sehr gebildete junge Leute, welche unsere fixierten Abendgesellschaften fleissig besuchten, und deren einige, wie Graf Dietrichstein samt seinem Mentor Arneth und Walter Stadion, beinahe taglich zu uns kamen. Ihre Eltern und Verwandten wussten und billigten dies nicht bloss, sie hatten es veranlasst, und mancher Vater, manche Mutter dieser jungen Leute liess mir durch andere Personen dafur danken, dass ich ihren Sohnen erlaubte, unser Haus zu besuchen. So kam ich mir vor wie eine jener romischen Matronen, deren Cicero erwahnt, denen man Junglinge, die sich dem Staatsdienst und der Rednerbuhne widmen wollten, zur Aufsicht und zum Umgang ubergab, damit sie sinceram latinitatem, und wohlanstandige Sitten im Hause solcher Frauen lernen sollten. Die Latinitas war bei mir nicht zu erlernen; aber feine Sitte und gebildeten Umgang fanden sie wohl in unserm Kreise. * * * Eben in diesem Winter machte eine Rauberbande, deren Haupt ein ehemaliger Soldat mit Namen Grasel war, und die ihr Wesen jenseits der Donau trieb, hier viel Aufsehen. Lange stellte die Polizei ihnen und hauptsachlich dem Hauptmann nach, allerlei sonderbare [87] und mitunter poetische Zuge wurden von ihm erzahlt, die von einem wilden, aber nicht gemeinen Charakter zeigten. Der nun langst verstorbene, angesehene Polizeibeamte Regierungsrat la Roze befand sich auf einem Ball zufallig bei demselben Soupertisch mit mir, und gab uns mehrere Anekdoten von Grasel zum besten, die mir Anteil, ja Mitleid mit dem damals schon Gefangenen und zum Tode Verurteilten einflossten. Dies regte meine Phantasie auf, und ich schrieb die Erzahlung >> den schwarzen Fritz<<, der damals vielen Beifall erhielt und in fremde Sprachen ubersetzt wurde. So ging der Winter voruber, im Fruhling hatte jene Lesung des Ferdinand statt, und hierauf trat ich, wie schon erzahlt wurde, meine Reise nach Ungarn mit meiner Tochter zu unserer Freundin Baronin von Zay an, wo wir einige Wochen im Kreise so wertgewordener Freunde zubrachten. Wieder nach Wien zuruckgekehrt, versetzte uns eine Kranklichkeit meines Mannes wohl nicht in augenblickliche Angst, wie das vergangene Jahr, aber in dauernde Besorgnis. Es war keine Krankheit, aber es war ein fortwahrendes Ubelbefinden mit periodischen kleinen Fiebern und Husten, die sich regelmassig jeden Abend zwischen acht und neun Uhr einstellten, und unerklarlicher Mattigkeit, welche ihm den Besuch des Bureaus unmoglich machte und im ganzen drei bis vier Wochen anhielt. Die Arzte erklarten es fur eine Folge zu grosser Anstrengung im Arbeiten, und so kam denn auch eine abermalige Reise in die Berge bei und hinter Lilienfeld sehr gelegen, da die Geschafte hier nicht anstrengend, die Bergluft aber hochst wohltatig befunden wurden. Hofrat Buel, unser alter Freund, der Lilienfeld und Maria-Zell nie gesehen, und als Schweizer von Geburt [88] neugierig war, unsere Berge kennen zu lernen, begleitete uns mit seinem Eleven, dem Grafen Moritz von Browne. Wir fuhren alle zusammen in zwei Wagen ab, diesmal nicht auf der Wallfahrts-, sondern der gewohnlichen, einst sogenannten Reichsstrasse. In dem anmutigen Waldtal, wo Hadersdorf und Weidlingau, eine Besitzung des Fursten Dietrichstein liegt, kamen uns dessen Sohn, Graf Dietrichstein und sein Mentor Arneth freundlich entgegen und bewirteten uns mit einem eleganten Fruhstuck. Dann ging es weiter bis St. Polten, wo mein Mann, von einigen der Kreis- und Forstbeamten begleitet, seinen Weg gegen Ybbs fortsetzte, wir aber, Lotte und ich, Hofrat Buel und sein Zogling, den unsrigen nach Lilienfeld verfolgten. Im Stifte wurden wir wie gewohnt mit grosser Freundlichkeit empfangen. Wir trafen hier einen alten Bekannten, Herrn Haschka an, den des Herrn Pralaten Sinn fur hohere Bildung und langere Bekanntschaft mit demselben ebenfalls zu einem Besuch des Stiftes vermocht hatte. Noch schwebt mir lebhaft unsere Unterhaltung an jenem Abend vor, wie wir alle in meinem Zimmer versammelt, recht heiter und gemutlich mit den sogenannten Kuhlheiten oder Ratseln des Hofrat Lehmann uns unterhielten, die damals in allen geselligen Kreisen zirkulierten, und je platter und komischer sie waren, desto mehr unser Lachen erregten. Haschka, der ehemalige Professor der Asthetik, nahm indes den grossten Skandal daran und bemuhte sich, uns die Geringfugigkeit dieser Witze zu beweisen, an der wir ohnedies nicht zweifelten, die uns aber doch unterhielt, z.B. Fr. Was fur ein Unterschied ist zwischen einer Violine und einem Baum? [89] Antw. Die Violine hat ein G (Saite), der Baum hat Zwei ge. Fr. Was war Konig David fur ein Landsmann? Antw. Ein Hollander, denn er sagt von sich: er sei zu Leiden geboren. Fr. Was trieb der Apostel Paulus fur eine Beschaftigung? Antw. Er war Artillerist, denn er sagt: Unser Wissen ist Stuckwerk usw. usw. Solcher kindischer Ratsel brachte nun Hofrat Buel und wir ubrigen eine Menge vor, zu Haschkas grossem Arger. Beim Eintritt des Pralaten, den fruher Geschafte von uns entfernt gehalten hatten, hoffte der gute alte Herr auf Sukkurs, er eilte dem Probste entgegen, und beschwerte sich uber uns, die ihn schon die ganze Zeit mit elenden Witzen plagten. Aber da kam er vom Regen in die Traufe, denn Pralat Ladislaus, ein genauer Freund von Hofrat Lehmann, brachte nun erst die allerkomischesten und plattesten vor, so dass endlich Haschka selbst mitlachen musste, und dieses Lachen als Professor der Asthetik eigentlich damit rechtfertigte, dass er uns die Theorie des Lacherlichen entwickelte, das nach seinem Ausspruch in einer erregten, aber schmahlich getauschten Erwartung bestand. Am andern Tage, einem herrlichen Septembermorgen, brachen wir - Buel, Graf Browne, Lotte und ich - nach Maria-Zell auf, durch die Felsenschluchten, uber die sonnigen Waldhohen, an klaren, rauschenden Bachen hin, immer tiefer in die Gebirgswelt hinein, wo schon hinter dem Annaberg der majestatische Otscher mit seiner zur Seite, wie eine Nachtmutze geneigten Spitze vor uns stand. Es war mir leid, dass diese Gebirgswelt, die ich unserm Freund hier aufzufuhren mich freute, [90] auf ihn - aus sehr begreiflichen Grunden, eben weil er ein Schweizer war - wohl einen angenehmen, durchaus aber keinen grossartigen Eindruck machte. Doch fuhlte er sich so wie die ubrigen durch die Schonheit der Gegenden, durch die Bequemlichkeit und Reinlichkeit der Herbergen, durch das herrliche Herbstwetter sehr behaglich gestimmt, und wir kehrten vergnugt nach zwei bis drei Tagen ins Stift zuruck, wohin auch bald Pichler kam, uns abzuholen, um nach Wien heimzureisen. Denselben Herbst sprach man viel von der Erwartung eines ersten Produkts eines bisher ganz unbekannten Dichters, Herrn Grillparzers, dessen wahrlich sehr unromantischer Name bei dieser Gelegenheit zum erstenmal genannt wurde, und von dem wenig Jahre darauf Lord Byron, der gewiss juge competent war, mit Recht und prophetischem Geiste sagen konnte: Die Welt und Nachwelt werde diesen etwas seltsamen Namen schon aussprechen lernen. Herr von Schreyvogel, einer unserer ausgezeichnetsten Literaten, ein vieljahriger Bekannter von uns, und damals Vizedirektor des Hoftheaters, welcher Stelle er mit Kenntnis, Geist und Kraft vorstand, besuchte uns zuweilen, und hatte die Gute, mir fast alle seine neuen Produktionen, noch bevor sie gedruckt wurden, mitzuteilen. Eine Sitte, die in unserm Kreise seit undenklichen Zeiten, schon als meine Eltern noch ihr grosses glanzendes Haus hielten, eingefuhrt war, und wo einst Haschka, Alxinger usw., spater Hofrat Collin, Streckfuss, Rothkirch und andere uns ihre Leistungen avant la lettre mitteilten. Jetzt ist das, wie so manches andere aus der Mode gekommen. Schreyvogel gab mir auch die erste Nachricht von dem bisher unbekannten Dichter und dem Trauerspiel: >> Die Ahnfrau<<, das wir[91] zu erwarten hatten, indem er mir einige leichte Umrisse desselben mitteilte: die Schuld der Ahnfrau, die erst mit dem Untergang des ganzen Geschlechts gesuhnt werden sollte, die Stellung Jaromirs zu seiner Schwester usw.; und im Voraus freute sich Wien auf diese neue Erscheinung. Um dieselbe Zeit machte ein Ereignis anderer Art ebenfalls in gewisser Rucksicht Aufsehen. Fraulein Toni Adamberger verliess das Haus, den mutterlichen Schutz und mit demselben die machtige Agyde, die bis jetzt ihren Ruf vor allen Pfeilen der Verleumdung, ihre Person vor jeder unbescheidenen Annaherung geschutzt und sie nicht bloss in Wien, sondern in ganz Deutschland als Korners Braut mit einem Tugendnimbus umgeben hatte. Sie zog in unsere Vorstadt, wo ihre verheiratete Schwester mit vielen Kindern still und eingezogen lebte. Das Zimmer, welches diese der zu ihr Gefluchteten geben konnte, war geraumig und anstandig, aber es war so gelegen, dass man Toni besuchen konnte, ohne die Schwester und andere Hausgenossen zu sehen oder von ihnen gesehen zu werden; schon ein schlimmer Umstand, welcher Toni jedem, auch unwillkommenen Besuch und einer moglichen Nachrede blossstellte. Dass sie uns sogleich besuchte, fortan viel bei uns war und wie sie mit Vergnugen an jeder Unterhaltung in unserm Hause teilnehmen mussen, versteht sich von selbst, so wie sie mich und meine Tochter auch ofter ins Theater oder zu Ballen begleitete, wo ich dann als garde de dame von hubschen Kindern, deren eine eine edle Augenweide fur die ganze Stadt war, gar gern gesehen wurde. Zu Weihnachten war es bei uns seit langem Sitte gewesen, nach Gewohnheit des ubrigen Deutschlands[92] einen Christbaum zu errichten und die jungeren Mitglieder der Gesellschaft durch kleine Geschenke zu erfreuen, die fruher aber meist scherzhafter Art waren, Anspielungen auf Verhaltnisse, Liebhabereien, kleine Vorfalle usw. enthielten und meist von mir mit einigen fluchtigen Versen begleitet und erklart wurden. Toni wurde dann wie naturlich auch beigezogen und sie sowohl als die ubrige jugendliche Gesellschaft - Ignatius, Arneth, Graf Dietrichstein, Graf Stadion, Malchen Schechtern, eine Gespielin meiner Tochter und sehr hubsches Madchen, mein Schwager Karl Kurlander und manche andere, deren ich mich nicht mehr entsinne, bekamen kleine Gaben von oben beschriebener Art. Bei diesem Christbaum war es nun - Gott weiss wie - dass zuerst zwischen Fraulein Adamberger und Herrn Arneth sich ein Verhaltnis entspann, das mit der Zeit zu unsrer aller Verwunderung immer deutlicher hervortrat, bis es sich endlich zuletzt im kommenden Fruhling 1817 zum grossten Erstaunen von ganz Wien und zur Betrubnis aller Theaterfreunde und Bewunderer dieser Schauspielerin mit der ehelichen Einsegnung des Paares und Tonis Abschied von der Buhne endigte. Wohl hatte ich bald, in den ersten Wochen hier eine Annaherung bemerkt, aber bei Tonis entschiedenem Liebreiz und ihres Bewunderers ernstem, schuchternem, ja etwas steifem Wesen und seinem oft und laut erklartem Widerwillen gegen den Schauspielerstand, hielt ich und mit mir die ubrigen das Ganze fur eine, in seinem Herzen einseitig auflodernde Flamme, der kein Erfolg und durchaus keine Erwiderung entsprechen wurde. Ich benutzte indessen das Vertrauen, welches Toni mir oft gezeigt und die freundschaftliche Achtung, [93] die Arneth schon meiner Mutter und dann auch mir bewiesen hatte, um in dem vorliegenden Falle ein mutterlich gemeintes Wort mit den beiden jungen Leuten zu reden, um sie auf die Geruchte aufmerksam zu machen, die sich bereits uber dieses Verhaltnis zu verbreiten anfingen. Aber - ich kam zu spat! Die beiden Leute hatten sich bereits untereinander verstandigt. Fraulein Adamberger war fest entschlossen, die gunstige Gelegenheit nicht entwischen zu lassen, an der Hand eines sehr rechtlichen Mannes das Theater zu verlassen, welches ihrer nicht sehr festen Gesundheit und seit sie die schutzende Agyde der Tante verlassen, auch ihrem Ruf nachteilig zu werden begann und Arneth, der, man kann es dem jungen, verliebten Mann nicht verdenken , fuhlte sich nur zu geschmeichelt, zu glucklich, von einem Madchen geliebt zu sein, dessen Schonheit, Anmut und ausgezeichnetes Talent sie zum Gegenstand der allgemeinen Bewunderung und vieler geheimer Wunsche machten. Als ich mit meiner wohlgemeinten Ermahnung auftrat, horten mich beide recht geduldig an, erwiderten auch manches, aber ich hatte, wie Figaro von jenem Billette, das schon geschrieben war, als er es zu schreiben anriet, sich selbst scheltend, auch sagen sollen:era gia scritto. Von den Klatschereien, lieblosen Nachreden, komischen oder boshaften Ausfallen, die nun uber dies Paar in der Stadt zirkulierten, ist sich kaum ein Begriff zu machen, und ich musste den Brautigam und neuen Ehemann oft gegen die widersinnigsten Angriffe verteidigen, z.B. dass er zu alt fur seine Braut sei, da er doch in Wahrheit um einige Monate junger war als sie, und nur sein gar zu trockenes, ernstes Aussehen ihn alter [94] zu machen schien. Kurz, die ganze Welt war gegen ihn, weil er ihnen die Lieblingsaktrice entfuhrte und auch sie wurde bei dieser Klatscherei nicht geschont. Zu ihrem Abschiede vom Theater gab sie die Jerta in der Schuld, eine ihrer besten Rollen und ich dichtete ihr einen Epilog dazu, den sie sehr schon sprach. Die Hochzeit war nun vorbei. Arneth mit seiner Frau und seinem Zogling, dem jungen Grafen Dietrichstein, ging nach Genf, wo sie ein paar Jahre verweilten, wahrend welchen jene Gesprache und Bemerkungen in Vergessenheit gerieten und kamen mit einem hubschen Knaben wieder nach Wien zuruck. Seitdem leben sie hier, haben zwei wackere Sohne und geniessen die allgemeine Achtung. Frau von Arneth erfreut sich uberdies in hohem Masse des Vertrauens der Kaiserin Mutter Majestat, welche ihr die Leitung ihrer Erziehungshauser fur weibliche Dienstmadchen ubergeben hat. Endlich fuhrte uns Schreyvogel seinen jungen Schutzling, den Verfasser der >> Ahnfrau<< auf, die indessen gegeben worden war, und wodurch die Augen nicht bloss der Stadt, sondern Deutschlands, ja Europas auf denselben gerichtet worden, wie jenes Wort Lord Byrons beweist. Nie werde ich den Abend vergessen, und den allgemein gunstigen Eindruck, den seine Erscheinung hervorbrachte; Grillparzer war nicht hubsch zu nennen, aber eine schlanke Gestalt von mehr als Mittelgrosse, schone blaue Augen, die uber die blassen Zuge den Ausdruck von Geistestiefe und Gute verbreiteten und eine Fulle von dunkelblonden Locken machten ihn zu einer Erscheinung, die man gewiss nicht so leicht vergass, wenn man auch ihren Namen nicht kannte, wenn auch der Reichtum eines hochstgebildeten [95] Geistes und eines edlen Gemuts sich nicht so deutlich in allem, was er tat und sprach, gezeigt hatte. Dieser Eindruck war allgemein in der kleinen Gesellschaft, die sich an jenem Abend in unserm Garten versammelt hatte, und es mochte sich auch der junge Dichter durch das, was er hier gefunden, auf genugende Art angesprochen gefuhlt haben, denn er kam von nun an zuweilen und gegen den Winter zu immer ofter. Noch eine zweite merkwurdige Erscheinung war uns diesen Sommer beschieden, namlich Ohlenschlager, dem ein grosser literarischer Ruf voranging und ihn beinahe neben Goethe stellte. Wir erwarteten ihn eines Abends im Garten, wo ihn uns der danische Gesandtschaftssekretar von Koss aufzufuhren versprochen hatte. Alles war gespannt auf seine Ankunft, da man nicht bloss von Ohlenschlagers poetischem Verdienst, sondern von seiner Personlichkeit viel Lobenswertes gesagt hatte. Aber es wurde spat und immer spater, der Erwartete kam nicht. Eine Freundin meiner Tochter, die Erzieherin in einem grossen Hause und ein sehr gebildetes Madchen war, wollte sich eben, da ihre Stunde zur Ruckkehr schon geschlagen hatte, missmutig uber die verfehlte Hoffnung, entfernen, und stand mit ihrer Eleve am Tor des Hauses, als ein Wagen vorfuhr, und Herr von Koss mit einem Fremden ausstieg, dessen schone Gestalt jenes Madchen ganz verblufft machte, wie sie uns selbst hernach gestand. Es war auch nicht zu leugnen, dass korperliche Schonheit und mannlicher Anstand Ohlenschlagers literarischem Ruhm noch zur Folie dienten, so wie im Gegenteil der Gedanke an sein grosses Talent seine Wohlgestalt noch anziehender erscheinen machte. Dass er allgemein gefiel, war also kein Wunder, erhohte aber in meinen und vieler unparteiischen [96] Augen Grillparzers Personlichkeit noch mehr, der ohne Hilfe eines bestechenden Aussern bloss durch den geistigen Eindruck, den er machte, so viel Wohlmeinung gewonnen hatte. Auch Ohlenschlager schien sich bei uns zu gefallen. Er besuchte uns sehr oft und hielt sich, der ernste Mann, der bereits die vierzig uberschritten hatte, am liebsten in den Kreisen der jungen Madchen und Manner auf, welche meine Tochter in unseren Gesellschaftsabenden umgaben, woruber manche der altern Frauen, die sich lieber selbst an seinem Umgange hatten erfreuen mogen, spottisch die Nase rumpften. Er aber fuhr fort, wenn grossere Gesellschaft da war, sich mit der Jugend zu unterhalten, der ihn sein offenes, zwangloses Benehmen, die Frische seiner Empfindungen und Ansichten gleich stellte; war aber nicht minder liebenswurdig, geistreich und interessant im ernsteren Gesprach, wenn er von seinen Reisen, seinen Dichtungen, seinen Ansichten uber Poesie und Leben sprach, in welchem allen sich ein hoherer moralischer Charakter und ein wurdiger Standpunkt aussprach, der uber die gemeinen und beschrankten Lebensverhaltnisse erhaben, diese in ihrem wahren Lichte betrachtete, und so selbst dem Tode mit echt tragischer Ruhe eine heitere Seite, wie unser verklarter Freund Collin, abzugewinnen wusste. Belege dazu finden sich genug in seinen Schriften, und im Gegensatze mit den damals Mode gewordenen Fluch-, Schauer- und Schicksalsdichtungen schrieb er in das Stammbuch eines meiner Bekannten: Die klare, heit're Sonnenhoh' der Tugend Ist schoner als der Abgrund grauser Schuld; Erhabenheit wohnt in der Tiefe nicht, Und Gott ist doch poet'scher als der Teufel. [ 97] Ich bitte Ohlenschlager um Vergebung, wenn die erste Zeile nicht treu wiedergegeben ist - aber ich schreibe nach so vielen Jahren aus dem Gedachtnis - die ubrigen drei sind genau, und das Ganze charakterisiert den Dichter, wie mich dunkt, vollkommen. Sein Andenken lebt noch wie ein wertes Bild der Vergangenheit unter uns. Wahrend Ohlenschlager noch in Wien war, kam die Zeit unserer gewohnlichen Reise nach Ungarn. Wir fanden alles so lieb, herzlich, freundlich wie sonst im Schlosse und bei allen ubrigen Bekannten in jener Gegend, aber unter dem Landvolk herrschte Not und Elend; denn eine Reihe unfruchtbarer Jahre hatte die alten Vorrate aufgezehrt, und nun trat der Mangel hart heran an diese armen Menschen. Es war ebenso in Osterreich, nur gewahrt der Grossstadter dies nicht so schnell und so sichtlich, wie es sich auf dem Lande zeigt. Und selbst auf dem Lande war noch ein grosser Unterschied zwischen den Bewohnern der fruchtbaren Ebene um Bucsan und Tyrnau herum, und den kargeren Gebirgsgegenden, wo das Stammschloss Ugrocz, die grosse bedeutende Besitzung des Hauses Zay, liegt. Dahin wollte die Baronin in diesem Sommer gehen, und mir das Vergnugen verschaffen, sie zu sehen. Ihr Gemahl konnte sich nicht entschliessen, sie zu begleiten, weil er den Anblick der Not und das Flehen der Hilfsbedurftigen furchtete, denen er vollkommen zu helfen nicht imstande war. Sie ging daher allein mit uns und den Artnerschen uber Pistyan und Trentschin, diese zwei beruhmten ungarischen Badeorte, nach Ugrocz. Das erste liegt in einer unbedeutenden Gegend, am Ufer der Waag, die hier eine starke Krummung macht, und daher oft Uberschwemmungen verursacht. Damals [98] waren noch gar wenig Anstalten fur die Bequemlichkeit der Badegaste getroffen (ein spateres Mal fand ich hier grosse Verbesserungen). Man wohnte in Bauernhutten, die nicht einmal gediehlt waren, und ein grosses Tuch, langs der Wand gespannt, diente zum Schrank fur die Kleider, die hinter demselben an Pflocken aufgehangt waren. Merkwurdig ist die Hitze des Badewassers, dessen Quellen unmittelbar neben der Waag fortlaufen, worin man keinen Finger halten, wohl aber ein Ei sieden lassen konnte. Als in einem folgenden Jahr meine Freundin Therese Artner sich die Bader von Pistyan nach Bucsan, anderthalb Stunden weit, fuhren liess, musste das Wasser, wenn es ankam, noch eine Weile stehen bleiben, bis es zu der fur ein Wannenbad geeigneten Temperatur herabsank. Von Postyan oder Pistyan ging nun unsere Reise ins Waagtal hinein, das in geschichtlicher Hinsicht eine merkwurdige Gegend ist, und wo mehrere noch bestehende oder zerstorte Schlosser, Betzko, Trentschin, so wie fruher schon Cseithe und Temetveny geschichtliche Erinnerungen hervorrufen. Baron Mednyansky, dessen Namen jedermann kennt, der mit Ungarn und seiner Geschichte nur einigermassen bekannt ist, und der damals, in der Nahe von Bucsan auf seinen Besitzungen lebend, sehr oft ein Gast im Zayschen Hause war, hatte die Gute gehabt, mich mit einer von ihm selbst entworfenen Schilderung jener Gegenden und ihrer geschichtlichen Merkwurdigkeiten zu versehen, denen noch dazu kleine Handzeichnungen von einigen Ruinen des Waagtals beigefugt waren. Er hatte diese Notizen aus dem reichen Schatze geschichtlicher Quellen, Dokumente, Autographen usw. geschopft, deren Sammlung seine Lieblingsbeschaftigung war. Die Gegend ist [99] schon, die Berge begrunt, zum Teil bewaldet, dennoch schien es mir, als hatten ihre Formen, so wie das Kolorit ihrer Vegetation einen andern Charakter als bei uns in Osterreich oder Steiermark. Gegen Abend erblickten wir das Trentschiner Schloss auf einem massigen Hugel, an dessen Fusse die Waag tobend und wild, wie es im Charakter eines Waldbaches liegt, dahinstromte. Wir gingen hinauf und besahen uns diese machtigen und noch grossenteils unzerstorten Gebaude, welche von der Macht und Furstengrosse Johann Zapolyas zeugten, der hier mit seiner Gemahlin, einer polnischen Prinzessin, als Gegenkonig Ferdinands I. durch Unterstutzung der Pforte Hof hielt und sich lange behauptete. Von hier fuhren wir tiefer in ein Waldtal hinein, in dem das Bad liegt, das man wohl mit Unrecht das Trentschiner nennt, indem es eigentlich Toplitz wie das bohmische von dem slavischen Worte >>Tepel<< warm heisst. Auf dem Wege dahin hinderte die einbrechende Nacht und ein Gewitter mit Regengussen, uns an dem Anblick des freundlichen Waldtales zwischen massigen, schon begrunten Bergen zu erfreuen, und auch der nachste Morgen, an dem mehrere Bekannte meiner Freundinnen, die wir hier trafen, und die schon den Abend vorher mit uns soupiert hatten, uns uberall herum begleiteten, um uns das Bad, das Schloss usw. zu zeigen, war zu unfreundlich und nebelhaft, um uns einen rechten Genuss der Gegend zu gestatten. Gegen Mittag hellte das Wetter sich auf, und wir gelangten auf nicht gar bequemen und durch Regen verdorbenen Wegen nach Zay-Ugrocz. Auf einer kleinen Anhohe liegt das halb moderne Schloss, denn nur zwei Seiten des Vierecks, welches es bildet, sind von neuerem Bau, etwa aus der Mitte des achtzehn Jahrhunderts, die zwei [100] anderen, viel alteren lagen unbewohnt und unbewohnbar, dem Verfalle nahe. Gegenuber dem Schlosse zieht sich eine Hugelreihe hin, deren obere Teile mit Wald gekront sind, wahrend unten der Lehmboden ziemlich nackt zu sehen ist, aber das Ganze sich doch freundlich ausnimmt. Diese Beschaffenheit der Berge, dass namlich das harte Gestein, aus dem sie bestehen, nicht bis ganz hinab ins Tal reicht, sondern diese Taler bis auf eine gewisse Hohe mit Lehm, Sand usw. gleichsam aufgeschwemmt sind, ist wohl auch die Ursache, dass sie alle beinahe muldenformig erscheinen, und man ausserst selten auf Quellen stosst. Es war daher notwendig, bei den vielen und oft weiten Spaziergangen in die anmutigen Berge ringsum, uns immer Wasser nachtragen zu lassen, das freilich matt und warm geworden war, wenn wir nach einem angenehmen Gang von ein paar Stunden uns auf einer Waldwiese oder einer Berghohe lagerten, die einen hubschen Ausblick in die Gegend gestattete, dann Feuer gemacht, der Kaffee gekocht und von der Gesellschaft unter Scherzen und Lachen verzehrt wurde. O, das waren schone Abende, wenn ich an Theresens Seite sitzend, mich an ihrer Freundschaft fur mich, an ihrem edlen Gemute, an ihrem gebildeten Verstand und der Einfachheit, mit der sie alles betrachtete, erquickte, und oft die zwei >>Grasgrunen<<, wie wir von den andern scherzhaft genannt wurden, fast die altesten und zugleich die heitersten des Kreises waren. Jene Benennung von der grunen Farbe hatte aber ihren Ursprung in einem Scherze, indem wir namlich die Gemutsstimmungen der Menschen um uns nach Farben zu bezeichnen anfingen, trube Menschen grau oder dunkelbraun, jugendlich heitere Gemuter rosenfarb, heftige gelb oder feuerfarb, sanfte blau usw. gedacht [101] wurden, und in diesem Sinn auch uns beiden, als stets heitern, Gutes hoffenden, vertrauenden Seelen, die grasgrune Farbe zugeteilt wurde. O, meine Therese! von welchem Stern blickst du vielleicht jetzt nieder und denkst der Freundin, die so lange nach dir noch auf dieser, ihr stets fremder werdenden Erde weilt? Der Baron hatte in Rucksicht des hier herrschenden Elends richtig gesehen. Taglich erschienen in der Vorhalle des altertumlichen Schlosses, vor den Zimmern der Baronin, abgezehrte Jammergestalten, deren manche, wie man spater erfuhr, mit Gras in Ermanglung jeder andern Nahrung ihren schreienden Hunger hatten stillen mussen. Die gutige Herrin half so vielen und so viel sie vermochte, sie unterstutzte sie mit Nahrungsmitteln, mit Geld, sie gab ihnen Arzneien, denn viele waren krank, und so war ihr Erscheinen auf dem Bergschlosse wirklich das eines hilfreichen Engels. Unter den Spaziergangen, welche wir von hier in die Umgegend machten, war einer der fernsten, aber auch der schonsten, der Besuch der alten Bergfeste Zay-Ugrocz, die im Anfange des vorigen Jahrhunderts wahrend der Religionskriege noch bewohnt gewesen war, und einmal einer grossen Anzahl Fluchtiger zur Zufluchtsstatte vor den Graueln des Krieges gedient hatte. Dieses Schloss liegt wie ein rechter Adlerhorst auf der Spitze eines, aus der ubrigen Reihe tretenden Felsens, ruckwarts und an den Seiten von andern Felsenwanden umgeben und nur vorne, uber den bewaldeten Rucken des Berges herab, weit uber die Ebene schauend, die ihr damals ringsumher unterworfen war. Sie ist noch ziemlich wohl erhalten. Eine Zisterne mit kostlichem Wasser, eine Kuche mit Herd und Schornstein, eine Kapelle, viele Turen und Fenster sind noch in gutem [102] Stande, und konnten mit nicht zu grossen Anstalten fur ein Mittagsmahl oder auch ein Nachtlager, einer nicht unbedeutend grossen Gesellschaft wohnlich gemacht werden. Auch wir speisten oben, und es stand Theresen und mir frei, uns recht in die mittelalterliche Sitte, von der wir rings umgeben waren, hineinzutraumen. - Seitdem ist diese Ruine von dem jetzigen Besitzer sehr viel verbessert und zum Gebrauch hergerichtet worden, so wie das halb neue Schloss, die eigentliche Wohnung der Familie, ebenfalls ganz umgestaltet wurde. Zuruck nach Wien gekommen, trafen wir Ohlenschlager noch, was uns sehr freute, und genossen noch mehrete Male seines anziehenden Umganges. Denselben Sommer begleiteten wir noch Pichler auf einer Geschaftsreise, die ihn nach Brunn fuhrte. Ich hatte gehofft, die drei oder vier Tage, wahrend Pichler sich anhaltend mit der Untersuchung der Strafanstalten zu beschaftigen hatte, nach Raitz zu Graf Salm zu gehen, zu diesem ebenso durch seinen wurdigen Charakter als seine Geistesbildung allgemein geschatzten Kavalier, mit dem ich, so wie mit seiner ihm ganz gleichen Gemahlin, einem gebornen Fraulein Mac-Affry, seit langem bekannt war, und bei welchem sich Hormayr, der damals noch nicht nach Wien durfte, seit seiner Freilassung aufhielt. Hormayr hatte das eingeleitet, aber ein Zufall vereitelte den Plan, und so blieben meine Tochter und ich in der uns ganz fremden Stadt, wo ich nur einmal in meiner fruhern Jugend mit meinen Eltern ein paar (herzlich langweilige) Tage zugebracht hatte, uns ganz allein uberlassen, denn der Vater und Gemahl war zu beschaftigt, um uns Gesellschaft zu leisten. Alle diese Umstande, so wie die Erinnerungen [103] machten mir diesen Sejour unangenehm, und uberdies kam mir noch die Feste des Spielbergs, die die ganze Stadt uberragt und in alle Gassen hineinschaut, wie eine Personifikation der Inquisition oder geheimen Polizei vor, die ebenfalls uberall in alle hauslichen Geheimnisse oder freundschaftlichen Verhaltnisse blicken will. Hier war ja Hormayr langere Zeit gefangen gehalten worden, und als wir hinaufstiegen, das Aussere des Baues zu besehen, uns die Gefangenen entgegen kamen, welche Wasser holten, und wir hier und dort die, wie vergitterte Brunnen oder hohe Drahtkafige aus der Erde heraufragenden Maschinen sahen, die wahrscheinlich unterirdischen Gefangnissen zu Soupirails dienten, da uberfiel uns Bangigkeit und Grauen, und wir waren froh, als wir wieder hinabstiegen und uns die Strassen und Hauser der Stadt umgaben. An einem Nachmittag spazierten wir, weil wir gar nichts zu tun wussten, auf ein nahe gelegenes Dorf Kumrowitz, wenn ich nicht irre, wo Kirchtag sein sollte. Wohl begegneten wir mehreren Personen, die sich in gleicher Richtung mit uns bewegten, aber von der heitern Frohlichkeit, der lauten Freude, welche in Osterreich einen solchen Tag charakterisiert, war hier keine Spur, und Lotte sagte: Sieh nur einmal, die Leute sehen alle aus, als ob man sie zum Kirchtag geprugelt hatte. Pichlers Geschafte waren bald geendet, und wir kehrten nach Wien zuruck, aber nur um sogleich eine zweite Reise nach Linz zu machen, und zwar in derselben Absicht, namlich, damit mein Mann auch hier die Strafanstalten besehen konne, weil er sich mit der Einrichtung und Verbesserung des Strafhauses in Wien, wahrend ihm das Referat uber mehrere Stiftungen und Anstalten, namlich uber das Waisen-, Kranken-, Findel-, [104] Straf- und Arbeitshaus aufgetragen war, sehr ernstlich beschaftigte, und daher sich uberall von dem Stande, den Einrichtungen, Wirkungen solcher Anstalten uberzeugen wollte. Vieles und Nutzliches hat er in diesem Kreise geleistet, die Einrichtung des hiesigen Strafhauses ist sein Werk, er hat die Arbeitszimmer gestiftet, in denen die Straflinge unter strenger Aufsicht und bei ganzlichem Stillschweigen, je nach ihrem Geschlecht, Alter, Kraften und Geschicklichkeit zu verschiedenen Arbeiten, deren Ertrag grossenteils den Straflingen zugute kommt, angehalten werden. Diese Arbeiten bestehen meist in den Bedurfnissen der Anstalt selbst oder anderer milden Stiftungen. Hier werden also Leinwanden gewebt, Kotzen verfertigt, Schuhe, Anzuge fur die Straflinge usw. gemacht. Verstand der Strafling schon eine Arbeit, so wurde er dazu verwendet, war er zu keiner geschickt, so musste er die eine oder andere hier lernen. Dadurch geschah es, dass mancher, besonders jungere Leute, hier erst in der Strafanstalt in den Stand gesetzt wurden, sich kunftig ihr Brot ehrlich zu erwerben. Auch wurde ihnen beim Austritt aus der Anstalt das Geld, was ihnen nach Abzug ihrer Verpflegungskosten von dem Erwerb ihrer Arbeit ubrig geblieben, eingehandigt, so dass sie etwas besassen, wann sie entlassen wurden, und nicht gezwungen waren, sich sogleich einem nichtswurdigen Leben hinzugeben, sondern sich ruhig um einen rechtlichen Erwerb umsehen konnten. Uberdies war durch einen Geistlichen, der die Straflinge in der Religion unterrichtete und durch Sonntagsschulen auch fur ihre geistige Ausbildung gesorgt. Diese Plane und ihre Ausfuhrung beschaftigten Pichler sehr, und auf jenen Reisen suchte er durch Besuch dieser Korrektions- sowohl als anderer [105] Anstalten, sowie durch Lesung alles dessen, was uber diesen Gegenstand geschrieben wurde, seine Ansichten immer mehr auszubilden und zu berichtigen. Wahrend dieser Reise nach Oberosterreich, welche unmittelbar auf jene nach Brunn folgte, konnten wir recht den Unterschied des Nationalcharakters in Gestalt, Aussehen und Benehmen der deutschen und slavischen Nation bemerken. Wenn uns in Brunn, sowie viele Jahre spater in Prag, ein ernster, beinahe dusterer Ausdruck des ganzen Volkes entgegentrat, wenn weder Mienen noch Geberden, noch Gesang oder Musik auf den Strassen (selbst nicht im >>klangreichen Bohmerland<<) eine frohliche Stimmung verkundeten, und die mehr den mongolischen Charakter tragenden Zuge nicht freundlich erschienen, so begegneten uns in der Nahe von Linz muntere Landleute mit frohlichen Gesichtern. Bluhend hubsche Bauernmadchen, ihre bunten Tucher nicht ohne Schonheitssinn um den Kopf gebunden, sassen auf Wagen mit Grummet, und alle sahen heiter aus, obgleich auch dieses Land, so wie die ubrigen, den Druck der Zeit durch mehrjahrige schlechte Ernten fuhlte. In dieser Rucksicht trug man sich mit allerlei Sagen und Prophezeiungen, wie namlich der Turmer von St. Stephan in einer, ich weiss nicht welcher Nacht, ein Gesicht gesehen habe, das ihm fur das kommende Jahr 1818 die Pest mit Hungersnot und Leichen in allen Strassen der Stadt gezeigt hatte usw. Mir war dieses Jahr ziemlich angenehm vergangen, nur ein langwieriges Augenubel, das eigentlich in einem fur das Licht allzu empfindlichen Nervenreiz bestand, notigte mich oft, mich eines Schirms zu bedienen, ja manchmal die Augen ganz zu schliessen, weil jeder hellere Strahl sie verletzte. Nicht ein weisses Kleid [106] durfte ich tragen, weil es mir die Augen fast schmerzlich reizte. Dieser Zustand war mir oft sehr peinlich, denn er machte mir Lesen, besonders musikalischer Blatter, beschwerlich und jede Handarbeit, ausser dem Stricken, fast unmoglich. Eine grosse Erleichterung war es fur mich, dass mich das Augenubel nicht am Schreiben hinderte, und ich daher meinen Fleiss in dieser Hinsicht nicht einzustellen brauchte. Wirklich hatte ich jetzt eine grossere Arbeit angefangen, einen Roman: >> Frauenwurde<<, welcher den zweiten Vers des Schillerschen Spruches : >> Das Leben ist der Guter hochstes nicht, der Ubel grosstes aber ist die Schuld<<, ebenso durch Leben und Beispiel zeigen sollte, wie im >> Agathokles<< den ersten auszufuhren meine Absicht gewesen. Es sollte aus diesem Romane hervorgehen, dass auch die glanzendsten Eigenschaf ten, Talente, Geistesschwung und Herzensgute nicht hinreichend sind, ein dauerhaftes Gluck zu begrunden, sobald sie nicht von Achtung fur die Pflicht und strenger Befolgung derselben begleitet sind. Rosalie Sarewsky, eine junge, reiche, schone, talent- und gemutvolle Frau, erreicht nicht allein das Ziel ihres Strebens nicht, sich ein dauerndes Gluck zu grunden, sie fuhlt sich vielmehr in jeder Lage ihres Lebens unglucklich, sie klagt bestandig uber ihr hartes Geschick, das sie verfolgt, und ahnt nicht, dass es ihr pflichtwidriges Benehmen ist, zu dem sie sich durch Phantasie und Leidenschaft hatte hinreissen lassen, was ihren Frieden und ihr Gluck zerstort. Diese Romangestalt war nicht ein blosses Ideal. Viele, ja die meisten Zuge, welche namlich nicht der aussern Stellung in der Welt, sondern dem moralischen Innern gelten, waren von jener schonen und interessanten [107] Frau v. K. entlehnt, die lange ein Mitglied unsers engen Kreises gewesen, deren Herz, unbefriedigt in ihrer Ehe, stets nach Aussen um sich griff und nacheinander, bloss, so weit ich sie beobachten konnte, drei- bis viermal Leidenschaften eingeflosst und geteilt hatte. Nun war sie seit ein paar Jahren tot - aber nicht so wie ich Rosalien, und ich glaube, nicht ohne gehorige Konsequenz geschildert, durch Selbstmord, sondern an einer langen, unheilbaren Brustkrankheit gestorben, und ich konnte meine Schilderung ziemlich getreu machen. Auch bei Frau von K. waren, wie bei Rosalien, herrliche Geistesanlagen gar nicht oder zweckwidrig entwickelt worden, auch bei ihr fuhrten Phantasie und Gefuhl den Oberbefehl uber die gesamten Geisteskrafte, und eine schone Gestalt, die Leichtigkeit, womit sie alles, was sie zu lernen oder zu uben wunschte, in Musik, Zeichnung, ja auch in der Poesie auf einen bedeutenden Grad brachte, wurden sie, bei zusagenden hauslichen Verhaltnissen und Umgebungen vielleicht zu einer beruhmten Frau wie die Sarewsky gemacht haben. Ubrigens hatte ich die glanzende Periode des Freiheitskrieges in Deutschland zum Hintergrund des Gemaldes gewahlt, und dadurch sowohl, als durch die mancherlei politischen und sozialen Ideen, welche damals die Gemuter erfullten und bewegten, demselben einen lebhafteren Reiz zu verleihen gestrebt. Hierbei fallt mir eine Bemerkung ein, welche ich spater aus dem Munde eines sehr gebildeten und geistvollen Mannes vernahm, und die mich auf eine Betrachtung leitete, welche ich seitdem bei meinen eigenen sowohl als fremden Arbeiten anzustellen nur zu oft Gelegenheit hatte. Wie es namlich Schriftstellern, vorzuglich Dichtern, ofters ergeht, dass die Leser in ihren Schriften etwas suchen und finden, [108] und wirklich mit statthaften Grunden dessen Absichtlichkeit beweisen, woran der Dichter nicht gedacht hatte, als er jene Stellen schrieb oder diesen Charakter schilderte; so war es auch bei diesem Roman. Jener sehr geistreiche und gebildete Mann behauptete, dass ich in Fahrnau und Lothar die zwei Haupttendenzen jener Zeit, Aristokratismus und Liberalismus dargestellt hatte. Mich uberraschte diese Bemerkung, da ich durchaus beim Entwerfen meines Planes nicht daran gedacht hatte. Ich hatte nur eines Charakters wie Lothar bedurft, um Rosalien in jene Lagen zu versetzen, wie sie notwendig bei ihr die beabsichtigte Katastrophe hervorbringen mussten. Oder vielmehr, da dies Verfahren fur die Art, wie ich zu arbeiten pflegte, viel zu planmassig und uberlegt zu nennen ware, ich sah mit den Augen des Geistes, der Phantasie diese Personen. - Ich erschuf sie nicht, sie waren da, und sie handelten und wirkten vor meinen geistigen Augen nach ihrer Natur, wie sie eben wirken konnten. An jenen Gegensatz der damals sehr oft besprochenen Ideen von Aristokratismus und Liberalismus hatte ich nicht gedacht, musste aber, wie mir die Bemerkung gemacht wurde, selbst gestehen, dass es so aussah, als hatte ich geflissentlich jene zwei Systeme in Handlung und Konflikt miteinander zu stellen beabsichtigt. Eine sehr achtungswurdige Frau hatte es getadelt, dass ich auf Leonorens Charakter den Schatten einer leichten Neigung zu einem andern Mann, ihrem edlen Freunde Tengenbach, hatte fallen lassen. Auch hieruber glaube ich mich mit der Ansicht rechtfertigen zu konnen, dass es mir bei meinen Begriffen von dem richtigen und allein begluckenden Verhaltnis zwischen Weib und Mann in der Ehe notwendig erschien, Fahrnau neben Eleonoren [109] nicht gar zu tief sinken zu lassen. Er soll und muss im innern Menschenwerte hoher als sie stehen, wenn sie an seiner Seite sich glucklich fuhlen soll. Darum muss er durch seine Teilnahme am Kampfe fur die Freiheit des Vaterlands, durch seinen Mut, durch die Gefahr und Leiden, denen er sich blossstellt, sich im allgemeinen schon uber sie erheben, aber er muss auch eben in jenem Punkt, in welchem seine grosste Schwache liegt, die ihn dem Tadel billig aussetzt, nicht zu tief sinken. - Es muss aus ihrem, wie aus seinem Betragen hervorgehen, dass das menschliche Herz oft und vielfaltig schwach ist, und nur wenige sind, die mit Recht den ersten Stein aufheben durften, um es zu strafen. Auch Fahrnau hat zu verzeihen, wenn gleich nicht so viel und so Entschiedenes. - Leonore hat sich des Eindrucks, den der ungluckliche, edle, aufopfernde Freund, der Mann, dem sie einst hatte angehoren sollen, und den ein Zufall ihr nach langer Zeit entgegenfuhrte, auf ihr Herz gemacht, nicht ganz erwehren, sie hat ihn nicht mit vollig ruhigem Gemut betrachten konnen. Sie hat gefehlt; aber sie hat ihren Fehler erkannt, bereut und gebusst - und wer wird in der Lage, in der sich die vom Gemahl Vernachlassigte, Verlassene, tief Gekrankte befand, sie wohl streng zu richten wagen? Fahrnau erkennt dies wohl, er fuhlt sein Unrecht gegen sie, sie das ihrige gegen ihn, und so kommen sich Herzen und Geister nach schweren Prufungen gelautert, liebend und treu entgegen. Das war meine Vorstellung von Leonorens Verhaltnis zu ihrem Mann und zu Tengenbach. Unser Freund Hofrat Buel verliess uns diesen Sommer, um, nachdem er die Erziehung des jungen Grafen Moritz Browne beendet hatte, und dieser an Geist und [110] Kraft wunderbar herabgekommene Jungling ins Militar getreten war, uber Oberitalien in sein Vaterland, nach Zurich zuruckzukehren. Diese Abreise war ein grosser Verlust fur mich, insbesondere aber auch fur unseren ganzen geselligen Kreis. Buel war ein Mann von gediegenem Charakter, grundlichen Kenntnissen, christlichem Sinn und herzlicher, beinahe kindlicher Wahrheit und Gute. Ihm konnte ich vertrauen, ihm vertraute ich auch von Herzen, ihm konnte ich recht ernst uber manche Vorgange in meinem Innern, uber meine Fehler und Irrtumer sprechen, und oft sagte ich im Scherz (er war reformierter Prediger in der Schweiz und mit einer liebenswurdigen Frau verheiratet gewesen, nach deren Tod er seine Stelle aufgab, sein Vaterland verliess, in Deutschland herumreiste, und ich weiss nicht mehr wie, die Hofmeisterstelle bei Graf Browne ubernahm), oft also sagte ich ihm im Scherz: fur mich als Katholikin sei sein Priestertum ein Charakter indelebilis, und als solchen betrachtete ich ihn wie meinen Beichtvater. Und wirklich hat der erfahrene Freund, der Welt und Menschen genau kannte, und mir herzlich wohl wollte, mir manchen weisen Rat gegeben, manchen Trost erteilt, und mehr als einmal eben wie mein guter Pater Marcellian mir das rechte Verstandnis meines Innern eroffnet. Mit ihm verliessen auch die beiden jungen Maler Ignatius und Pezzold Wien, um wenigstens einen Teil ihrer Romerreise mit dem vaterlichen Freund zu machen. Wir gaben Ignatius noch eine hubsche Uhr meiner Mutter und andere kleine Andenken mit; wir hofften, ihn wieder zu sehen. - Es kam anders. Er kehrte uber Munchen nach Petersburg zuruck, wo er nach einiger Zeit eine genugende Versorgung als Hofmaler [111] in Zarskoje-Selo fand, dann sein Madchen (Fraulein Schadow) aus Berlin abholte, und nur zu kurze Zeit mit ihr glucklich lebte. Sie starb bald, und er folgte ihr in Kurzem. Friede seinem Andenken! Er war ein vorzuglicher junger Mann und ein freundlicher Briefverkehr verband uns bis zu seinem Tode. Noch besitze ich radierte Blatter, die er mir als Andenken geschickt, meist religiose Sujets; ein anderes Kahier ebenfalls von seiner Hand, Ansichten von Petersburg, die uns besonders zur Zeit, als die grosse Uberschwemmung der Newa aller Blicke auf diese hart mitgenommene Stadt zog, von grossem Interesse waren, habe ich spater einer Freundin, die selbst Kunstlerin ist, der Frau Pauline von Schmerling verehrt. Wohl glaubte meine Tochter in einer Stelle eines Briefes, den Ignatius aus Rom an eine gewisse Frau von Krause geschrieben, die wir spater kennen lernten, und die uns, wie Lotte sich erinnert, diesen Brief selbst mitteilte, einen bittern Anstoss zu finden. Er hatte namlich an Frau von Krause geschrieben: Ein Wort von Ihnen ist mir lieber als ein Brief der Pichler. - Ich habe die Stelle auch gelesen, sie hat mich nicht erfreut, aber Frau von Krause war jung und ziemlich hubsch, Ignatius hatte sich sonst in jedem Stucke als rechtlicher Freund gegen uns bewiesen, so nahm ich ihm denn jene Ausserung nicht so ubel, und blieb ihm nach wie vor herzlich gut. Diese Freunde waren also fort und nur der alteste von ihnen, Buel, kam nach ein paar Jahren wieder, uns und seine ubrigen Bekannten zu besuchen. Dies war das letztemal. Schon damals zeigte sich eine grosse Abnahme seiner Krafte; spater ruhrte ihn eine Art Schlagfluss. - Wir setzten unsere Korrespondenz fleissig fort, aber auch sogar seine Briefe trugen die Spur seiner zunehmenden [112] Schwache. Ein paar Jahre spater fuhrte sich der damals neu angekommene schweizerische Gesandte, Baron von Effinger Wildegg, ein ausgezeichneter, gebildeter Mann, durch einen Brief von Buel bei uns ein. Ohne im geringsten Anspruch auf aussere Wohlgestalt zu machen, sprach sich in des jungen Mannes ganzem Wesen eine hohere Bildung, ein feinerer Sinn und richtiger Takt aus. Ich werde Gelegenheit haben, bei einer meiner spateren Arbeiten ihn, so wie jenes jungen Malers Pezzold zu erwahnen. Noch einige Jahre dauerte meine Korrespondenz mit Buel, die haufig jetzt durch Baron Effingers Vermittlung gefuhrt wurde, fort. Oftere, sehr ernste Kranklichkeiten, die Schlaganfallen nur zu ahnlich waren, unterbrachen manchmal lange unseren brieflichen Verkehr. Endlich kam einmal - ich denke es war im Jahre eintausendachthundertdreißig - ein Brief mit so unsicherer Hand und in Ausdrucken geschrieben, die sehr deutlich auf einen ganzlichen Verfall der Krafte und auch darauf hindeuteten, dass der verstandige, fromme Freund seinen Zustand ziemlich klar erkannte. Mir tat das unendlich weh - denn, wenn gleich getrennt, hatte ich doch das mir so trostliche Bewusstsein, dass, so lange Buel lebte, dort fern in den schweizerischen Bergen ein Herz schlug, das an allem, was mir und den meinigen begegnete, lebhaften, treuen Anteil nahm. Effinger, dem ich den Brief zeigte, urteilte ebenso: das ist ein Abschiedsbrief, sagte er mit wehmutigem Ausdruck und wirklich kam, vielleicht kein Jahr nach diesem Blatte, die Nachricht von Buels Tode mir durch einen andern bewahrten Freund in der Schweiz, in Winterthur, Herrn Peter, den Buel vor vielen Jahren als einen jungen, bluhenden Mann bei uns eingefuhrt hatte und der nun schon lange als angesehener [113] Kaufmann und Familienvater in Winterthur lebte, von wo er fast alljahrlich eine Reise nach Wien macht und zu unserer Freude nie vergisst, uns zu besuchen. Von ihm erhielt ich auch spater Buels wohlgetroffenes Portrat. Nach dieser Abschweifung, die ich mir erlaubt, um das Verhaltnis, in welchem Buel zu uns stand, ganz bis zu seinem Tode zu schildern, wozu in den spatern geeigneten Jahren, zwischen lebhafter bewegten Szenen vielleicht sich keine passende Gelegenheit geboten hatte, kehre ich zu dem Sommer von 1817 zuruck. Der Herbst nahte sich mit seinen geselligem Abenden, wir blieben jede Woche, so wie fruher zu Lebzeiten meiner Mutter, ich denke jeden Dienstag und Donnerstag abends, zu Hause, um die Besuche unserer Freunde und auch Fremder zu empfangen. Ausser diesen gingen wir aber auch an Sonntagen abends fast niemals aus, weil mir der Zusammenfluss so vieler Menschen, wie er an Feiertagen stattzufinden pflegt, unangenehm war. Des Sonntags aber kamen nur unsere naheren Freunde und Bekannten, die Baronin Rothkirch, Richler, Br. Bretton usw. zu uns. Grillparzer, den unser Haus und der Ton, der darin herrschte, so wie der Kreis, der uns umgab, im Anfange angesprochen zu haben schienen, war an Dienstagen und Donnerstagen abends oft bei uns, und nicht selten an Sonntagen unser Gast zu Mittag, dann blieb er auch manchmal den Nachmittag und Abend bei uns, und machte mit mir und meiner Tochter Musik, denn er spielt sehr fertig Fortepiano, und phantasiert auf demselben mit ebenso viel Talent als Geschmack. Sein reich geschmuckter Geist, noch mehr aber die Einfachheit und Herzlichkeit seines Benehmens, gewannen ihm [114] unser aller Achtung und Zuneigung, und auch er schien sich mit gleichen Gesinnungen an uns anzuschliessen. Er benahm sich offen und herzlich; er erzahlte von seiner Jugend, von seinen Eigenheiten, teilte uns seine poetischen Plane mit (damals arbeitete er an der Sappho) und manches kleine Gedicht, von denen einige ihren Ursprung seinem Umgang mit unserm Hause dankten. So z.B.: Das Gesprach in der Bildergallerie, ein anderes bei der Zuruckgabe eines Exemplars des Thomas a Kempis, den ihm meine Tochter geliehen hatte, und das schone Fruhlingsgesprach, das, wie ich glaube, bald darauf in der Aglaja erschien. Wir waren namlich an einem schonen Fruhlingsnachmittag, wo die aussergewohnliche Warme die Bluten im Garten vor der Zeit erschlossen hatte, hinabgegangen, und standen vor einem Mandelbaume, der in den ersten Tagen des Aprils oder gar noch in den letzten des Marzes mit tausend halbrotlichen Bluten prangte, und sprachen daruber. Ausser meiner Tochter und Grillparzer war noch Graf v. Stadion, der als Kadett in der nahen Kaserne wohnte, und uns oft besuchte, gegenwartig, und ich stand bei dem Dichter in dem Verdachte, im Leben und auch in den Erzeugnissen der Poesie, das Ernste, das Moralische, welches den Menschen erhebt und bessert, dem rein Phantastischen, der poetischen Poesie vorzuziehen. Wenige Tage darauf brachte nun Grillparzer das folgende Gedicht, welches den Vorgang und die teilnehmenden Personen vortrefflich charakterisierte. Mutter (ich) : Wie die Knospen schwellend blitzen! Jede scheint ein schoner Stern; Er kann bluhen, er kann nutzen,Blut' und Frucht, so hab ich's gern. [115] Jungling (der Dichter): Glucklich bin ich wie ein Konig! Mir gefallt der wackre Strauch. Schlaft acht Mond ', bluht dann ein wenig, Ja, bei Gott! so mach ich's auch. Madchen (meine Tochter): Weiss der Unschuld, Rot der Freude,Und der Hoffnung frommes GrunStehn auf ihrem Blutenkleide, Und zum Himmel sehn sie hin. Soldat (Graf Walter v. Stadion) : Weiss und rot, mit Grun umwachsen,Recht gut kaiserlich, furwahr! Hat man Lust sich rum zu boxen, Beut er seine Gerten dar.1 Der Gartner, nachdem jene Personen sich entfernt haben: Ei! mit Hoffen, Wunschen, Freuen! Mit Erwartung, Blut und Frucht!' Heut nacht kommts, denk ich, zum Schneien, Dann kommt morgen her, und sucht! Und wirklich, um den Spruch des alten Romers wahr zu machen, dass die Dichter Seher sind: - ast sacri vates et divum cura vocamur - kam bald darauf Kalte und Reif, und der Mandelbaum, der die Veranlassung zu dem sonnigen Gedichte gewesen, brachte auch nicht eine Frucht. Ein paar Jahre darnach ging er ganz zugrunde, es war ein sehr alter Baum, und mit ihm die letzte sichtbare Erinnerung an jene schone Zeit, wo wir uns an Grillparzers Umgang erfreuten, und er sich in unserer Freundschaft zu gefallen schien. Die Sappho war nun vollendet und sollte gegeben werden. Ein Zug, der Grillparzers Gemutsstimmung treu abspiegelt, war ein Traum, den er uns damals erzahlte. [116] Er traumte namlich, er befande sich bei der ersten Auffuhrung der Sappho im Theater; das Stuck missfiel ganzlich, und er sah, wie ich und meine Tochter in einer Loge durch Lachen und spottische Mienen in das allgemeine Urteil einstimmten, und uns uber das Stuck lustig machten. Dieses Traumbild war nichts anderes, als der Unfrieden, wie er ihn selbst in einem spatern Gedichte nennt; dies tuckische Gespenst, das aus seinen Werken, so wie sie vollendet sind, hamisch herausblickt, und ihm sagt, dass sie nichts taugen; es war die Stimme des Hypochonders in ihm, welche ihm im voraus schon jede Freude verleidet. Bei der Auffuhrung ging es ganz anders, als der missmutige Dichter geglaubt hatte, die Sappho fand ungeheuren Beifall, und wir erfreuten uns bei der ersten Vorstellung von ganzem Herzen des Triumphs, den der Dichter feierte. Bald nachher aber wurde seine Stimmung immer truber und truber, er kam selten und immer seltner zu uns, und da wir gar keine Veranlassung zu dieser Veranderung kannten oder ersinnen konnten, mussten wir sie, so leid es uns tat, ertragen, ohne etwas dagegen tun zu konnen. Ich habe bei den Beziehungen unseres Hauses zu dem Verfasser der Sappho, so wie fruher bei denen zu Buel, um des Zusammenhanges willen, der Zeit vorgegriffen, denn die Sappho wurde erst 1818 aufgefuhrt. Dieses Jahr liess sich in Beziehung der Witterung viel besser an, als mehrere vorhergegangene. Man versprach sich eine gesegnete Ernte, und die dustere Prophezeiung von dem Gesicht, welches der Turmer von St. Stephan gesehen haben sollte, ging nicht in Erfullung. Aber niemand sprach daruber und so sind die [117] Gotter gerettet, und die Orakel blieben bei Ehren. Trifft eine solche Vorhersehung ein, halt ein Lostag Wort, und bringt das Wetter, das er nach dem Sprichwort bringen sollte (und diese sind nicht bloss aus der Luft gegriffen, sondern auf vieljahrige Erfahrung der Landleute, Jager usw. gegrundet), so wird es mit Vergnugen bemerkt; fehlt die Voraussagung, so denkt niemand daran; sie wird nicht Lugen gestraft, sondern man baut das nachste Jahr darauf mit eben der Zuversicht als auf etwas Unfehlbares. * * * Im Anfange des Sommers gingen wir wieder nach Lilienfeld, wo Pichler oft Geschafte in den weitlaufigen Waldungen des Stiftes sowohl, als den angrenzenden Graflich Hoyosschen Besitzungen hatte. Wir freuten uns auch, den wurdigen Herrn Pralaten wieder zu sehen, der uns stets freundschaftlich behandelte, und so zahlten wir auf einige recht genussreiche Tage in der herrlichen Gebirgsgegend. Und noch eine kleine Hoffnung gesellte sich dazu. Der Pralat namlich als vorzuglicher Dichter und Verfasser der Tunisias und Rudolphiade hatte in Wien Grillparzers Bekanntschaft gemacht, den jungen Mann liebgewonnen und eingeladen, ihn in Lilienfeld zu besuchen. Wir hatten nicht ohne Grund vermuten konnen, er wurde vielleicht wahrend unserer Anwesenheit daselbst eintreffen. Es geschah nicht und diese getauschte Erwartung schmalerte in etwas den sonst so grossen Genuss dieses Aufenthalts in den schonen Gebirgen. War es diesen Sommer oder den darauffolgenden, ich erinnere mich dessen nicht genau, und es ist auch[118] gleichgultig, genug, der Herr Pralat lud uns ein, die Klosteralpe zu besteigen, die sich gleich hinter dem Stifte in die Lufte erhebt, und wir nahmen den Vorschlag mit Freuden an. Sehr fruhmorgens brachen wir in zahlreicher Gesellschaft auf, an der leider mein Mann, den seine Geschafte abhielten, nicht teilnehmen konnte, und stiegen munter bergan, bei dem schonen Wasserfall vorbei, ungefahr anderthalb Stunden, bis auf den sogenannten Kulm, wo sich eine Meierei des Stiftes befand. Von diesen Anhohen sahen wir, wenn wir uns ruckwarts wandten, die Abtei mit allen ihren weitlaufigen Gebauden, den ganzen Ort Lilienfeld, das dazu gehorige Marktl oder Dorfel, wie es heisst, wo die Gewehrfabrik ist, wie aus der Vogelperspektive, tief unter uns liegen. Es ist eine eigentumliche Empfindung auf einmal so hoch, so fern auf die Gegenstande herab zu blicken, die uns sonst nahe umgaben, zwischen denen wir wandelten, lebten, unsere Geschafte trieben. Wie so ganz anders stellen sie sich nun unsern Augen dar! Wie klar sahen wir ihre Lage gegeneinander, ihren Zusammenhang, ihre ganze Ortlichkeit ein, deren Beziehungen uns fruher, als sie uns noch dicht umgaben, ganz entgangen waren! Ist es im Leben nicht auch so? Gehort nicht ein langerer Verlauf der Zeit, eine Fernstellung durch Zeit oder Raum dazu - oft lange Jahre - bis wir uber eine Periode unsers eigenen Lebens oder auch der Geschichte ein klares, richtiges Urteil, sine ira nec studio, wie Tacitus sagt, zu fallen imstande sind? Auf dem Kulm wurde ein landliches Fruhstuck eingenommen, und nach einigem Ausruhen der Weg auf die Alpe fortgesetzt. Hier wurde das Gehen oft beschwerlich. Es ging uber steinichte Stellen, wo man[119] klettern musste, oder uber ziemlich gah aufsteigende Alpenwiesen; und da die Sonne schon hoch am Himmel stand, wirkte auch die Warme druckend auf uns, obwohl die reine Luft und der Duft der wurzigen Krauter dem Steigen viel von seiner Beschwerlichkeit benahmen. Die letzte steile Anhohe am Saum eines Waldes hin kam mir, nachdem wir bereits mehr als drei Stunden immerfort bergan gestiegen waren, sehr ermudend vor. Freundlich unterstutzten mich unsere Begleiter und so gelangte ich endlich auf den Gipfel und zur Sennhutte. Hinter oder vielmehr vor derselben fuhrte man uns nun durch ein kleines Gebusch auf einen freien Rasenplatz, und hier lagerte sich die ganze Gesellschaft ins kurze, balsamduftende Alpengras, und ruhte eine Weile aus. Ich hatte mich nach dem Rate, den man mir gab, der Lange nach hingestreckt, und - wunderbare Kraft der reinen Bergluft und der Alpennatur! - meine ganze Ermudung und Erschopfung verlor sich, und nach wenigen Minuten fuhlte ich mich so gestarkt und erheitert, dass ich aufsprang und mir vorkam, als ware ich wieder jung geworden. Doch konnte ich mich nicht mit Antaus vergleichen, denn sicherlich war es nicht die blosse Einwirkung der mutterlichen Erde, welche mit verjungender Kraft auf mich eindrang, sondern das Ganze der mich umgebenden Natur. Jetzt traten wir alle an den Rand der Wiese, auf welche wir uns gelagert hatten, und welche Aussicht bot sich uns dar! Von St. Polten, ja von Melk an, bis gegen Wien lag das ganze Waldviertel wie eine ausgebreitete Landkarte unter uns. Wir konnten den Lauf der Donau durch diese ganze Strecke verfolgen, und jenseits des Stroms noch einen grossen Teil des hugelichten, grosstenteils mit [120] Wald bedeckten Viertels Obermannhartsberg. Durch ein gutes Fernrohr entdeckten sich dem bewaffneten Auge noch entferntere Punkte, und der Herr Pralat glaubte mit Zuversicht, bei besonders reiner Luft einmal, als er sich mit dem Erzherzoge Johann eben auf diesem Punkt seiner Berge befand, den Stephansturm unterschieden zu haben. Sicher ist es, dass ein paar Jahre spater, da ich eben auch in Gesellschaft des Herrn Pralaten und einiger seiner Begleiter den Stephansturm bestieg, wir in der Gegend, in der Lilienfeld liegt, durchs Fernrohr Berge gewahrten, deren Umrisse ziemlich mit denen des Mukenkogels (so heisst die Stiftsalpe) und der sie umgebenden Bergspitzen ubereinstimmten. Wenn man nun vom Stephansturm aus jene Berge sehen kann, so kann man ja wohl auch bei recht heiterer Luft von diesen aus den Turm erkennen. Wunderschon war der Ausblick uber diesen weiten Landstrich hin; es war von oberhalb Melks abwarts, uber Pochlarn, Mautern usw. der Weg, den die Burgunden des >> Nibelungen-Liedes << gezogen waren, und es bestarkte sich in uns die Meinung, welche mehrere Schriftsteller geaussert, dass diese genaue Kenntnis und Schilderung des Reiseweges, sowie mehrere andere Umstande darauf hindeuten, dass der Sanger des beruhmten Heldenliedes ein geborner Osterreicher oder sehr bekannt mit diesem Lande gewesen sein musste. Das war die Fernsicht, welche sich auf dieser Seite darbot; sie war prachtig, erhebend; mir aber gefiel die andere, welche sich uns zeigte, als wir uns umwandten und ruckwarts in die kolossale Bergwelt blickten, noch viel besser. Hier turmten sich die gigantischen Berge hintereinander und ubereinander empor; einige mit Waldern bedeckt, andere kahl und schroff. Da erhob [121] sich der Otscher, hinter ihm blickte in weiter Ferne der Hochschwab hervor, und geheimnisvoll senkten sich in allen Richtungen zwischen diesen aufstrebenden Massen die Taler hinab, Wohnungen der Menschen, einzelne Gehofte, ganze Dorfer, hier und dort wohl auch kleine Stadte in ihrem tiefen unsichtbaren Grund verbergend; fur mich war dieser Anblick anziehender als der des weit sich hinbreitenden Flachlandes. Nachdem wir uns an diesen beiden Naturgemalden erquickt und gesattigt hatten, kehrten wir in sehr frohlicher Stimmung zur Alpenhutte zuruck, wo noch mancher Scherz getrieben und jene (wie es hiess nach einem alten Brauch), welche zum erstenmal auf eine Alpe kamen, getauft wurden. Die Herren (und ihrer waren mehrere) bekamen hubsche Ladungen aus dem Quellbrunnen der Sennerin, der immerfort von sich selbst quillt und treffliches Wasser spendet; aber auch meine Tochter und ich wurden bespritzt, und der Grafen von Hohenberg wegen, die sich in diesen Gegenden einer grossen Popularitat erfreuten, Mechtild und Agnes getauft. Ein einfaches, aber sehr wohlschmeckendes Mahl, aus landlichen Speisen bestehend, ward unter heitern Gesprachen und Scherzen verzehrt, und der Ruckweg gegen Abend auf einem andern, aber nicht minder schonen Pfade angetreten. So verging der angenehme Tag, dessen Bild mir nach so vielen Jahren erfreulich wiederkehrt, und ein kleines Gedicht, das ich nach meiner Heimkunft dem Herrn Pralaten mit einem Exemplar der Nibelungenlieder ubersandte, sollte ihm meinen Dank fur jenen frohen Tag aussprechen, und ihn an die herrliche Aussicht und die Gesprache mahnen, die wir auf jenen heitern Hohen gefuhrt hatten. [ 122] Im Herbst, wann die meisten Familien vom Lande oder von Badeortern wieder in die Hauptstadt zuruckkehren, begann auch das angenehme gesellige Leben, wie es damals gestaltet war, sich zu entfalten. Mit ihm kamen seine Zerstreuungen, seine Vergnugungen, aber auch seine Enttauschungen und mancherlei bittere Augenblicke, welche die unausweichliche Folge einer beziehungsreichen Stellung zu mehreren, ja zu vielen Menschen von verschiedener Denk- und Empfindungsweise sind, in deren Mitte wir uns befinden. Eines der Hauser, mit welchen wir in nahern freundschaftlichen Beziehungen standen, war das des damaligen Obersten Barons von Rothkirch, dessen diese Blatter schon oft erwahnten. Er sowohl als seine in jeder Rucksicht verehrungswurdige Gemahlin hatten sich seit einer langen Reihe von Jahren als wahre, verlassliche Freunde gegen uns erwiesen. Die Nahe unserer Wohnungen, der - damals beinahe gleiche Fuss, auf dem wir trotz des grossen Unterschieds der Geburt lebten; ein gleicher Sinn fur Literatur und Bildung hatten diese Bande fester gezogen, und die Abende, an welchen sich unsere nachsten Umgebungen entweder bei uns oder bei ihnen versammelten, waren durch die geselligen Annehmlichkeiten der Frauen und die hohere Bildung der Manner, sehr genussreich. Hier trafen wir mehrere Offiziere des Generalstabes, zu dem auch Baron Rothkirch gehorte, die gehaltvollen Dichter Pannasch und Weingarten, die uns ofters durch Vorlesen ihrer meist dramatischen Arbeiten erfreuten, so wie auch der Herr vom Hause bereits mehrere Trauerspiele geschrieben und sich als militarischer Schriftsteller, ebenso wie jene beiden und die damaligen Hauptleute (jetzt Generale) von Schonhals und Martini, [123] ausgezeichnet hatte, so dass einer von diesen den Generalstab nicht mit Unrecht >>den Geist der Armee<< genannt hat. Hierher kam sehr oft Baron Hormayr, der wurttembergische Gesandte Graf Mandelslohe, sein hochst geistvoller Sekretar Baron von Trott, Graf Bombelles und mehrere andere. Unter ihnen zeichnete sich vorteilhaft der Stiefsohn des fruher ofters genannten Professors Schneller, von Prokesch, aus, der seiner hubschen Gestalt wegen vorzugsweise der schone Fahnrich genannt wurde, dem Generalstab zugeteilt und ebenfalls Mitarbeiter an der militarischen Zeitschrift war, in welcher unlangst ein Aufsatz von ihm: Uber die Schlacht von Waterloo erschienen war, der ungemein viel Aufsehen gemacht, und die allgemeine Aufmerksamkeit auf den noch sehr jungen Verfasser gelenkt hatte. Alle diese Personen zusammen bildeten einen hochst angenehmen Kreis der Geselligkeit, und manche derselben besuchten auch unser Haus, so wie wir sie ebenfalls in dem Hause der Baronin Pereira wieder fanden, wo ahnliche Unterhaltungen und uberhaupt ein ahnlicher Geist herrschten. Hier durfte man auch darauf zahlen, bedeutende fremde Notabilitaten kennen zu lernen, welche selten versaumten, sich bei der Baronin Pereira und ihrer Tante, der Baronin von Eskeles, vorstellen zu lassen. Der Besuch dieser beiden Hauser, die damals vor vielen ihresgleichen glanzend hervorragten, war auch mir sehr angenehm, besonders bei Pereira, wo ein ungezwungener Ton herrschte, viele Jugend sich versammelte, und Musik, Tanz, Vorlesen eine lebhafte Abwechslung der Unterhaltung boten. Ich und meine Tochter kamen oft hin, denn schon zwischen den Eltern der Baronin Pereira und den meinigen hatte ein freundliches Verhaltnis gewaltet, [124] und zufallige Ereignisse hatten es zwischen uns fester gezogen. Im Jahre eintausendachthundertzehn entstand bei mancher dringenden, durch die Ungunst der Zeitumstande erzeugten Not unter den Bewohnern Wiens der Verein adelicher Frauen zur Beforderung des Guten und Nutzlichen, und die allgemein geachtete Furstin Karoline von Lobkowitz wurde zur Vorsteherin gewahlt. Zwolf Damen bildeten den Ausschuss. Jeder von ihnen war ein Bezirk der Stadt oder der Vorstadte als Wirkungskreis angewiesen, und wohldenkende Frauen des Mittel- und Burgerstandes waren zu wirkenden Mitgliedern ernannt, welchen die Pflicht oblag, sich um die nahern Umstande der empfohlenen Armen zu erkundigen; den in Kost gegebenen Findelkindern nachzusehen; arme, verheiratete Wochnerinnen zu besuchen, fur sie zu sorgen usw. Ohne mich zu befragen, hatte die Furstin, in ehrenvollem Vertrauen auf meinen guten Willen, wie sie mich immer mit Auszeichnung behandelt hatte, mich unter die Zahl der wirkenden Mitglieder aufgeschrieben, und ich habe mit Freuden unter ihr sowohl, als unter ihrer unmittelbaren Nachfolgerin, der mir unvergesslichen Grafin Dietrichstein, Regentin des Damenstiftes, die Pflichten eines wirkenden Mitgliedes unserer Gesellschaft geubt. Das Arnsteinische Haus, die beiden Familien Eskeles und Ephraim mit einbegriffen, war wegen seiner Mildtatigkeit gegen Arme und Hilfsbedurftige jedes Glaubens schon lange in Wien geschatzt und beruhmt. Jahrlich gaben B. Arnstein und seine Tochter bedeutende Summen fur solche Zwecke aus, und die ubrigen Zweige der Familie blieben nach dem Verhaltnis ihres Vermogens nicht zuruck. Man hat freilich oft, wenn von [125] reichen Wohltatigen die Rede war, eingewendet, dass sie eben, weil sie reich sind, dies leicht tun konnen; da es aber eben so viele Reiche gibt, die es unterlassen, so ist, wie ich glaube, diese Eigenschaft, wo sie sich mit dem Reichtum zusammenfindet, immer achtend anzuerkennen, und ich kann, da ich ausser jenen Familien noch so manche bemittelte Wohltatige kennen gelernt habe, nicht ganz der Meinung sein, die der Verfasser des trefflichen Stuckes: >>der Adept<< aufgestellt zu haben scheint: als musste notwendigerweise der Besitz von Reichtumern die Menschen verschlechtern. Die B. Pereira wurde zu einer der zwolf Ausschussdamen gewahlt, ihrer Obsorge war besonders das Marienspital in Baden, auch eine Privatstiftung wohltatiger Frauen, ubergeben. Hier waren ihr nun, wahrend unseres gemeinschaftlichen Aufenthaltes in Baden, meines Mannes einsichtsvoller Rat, seine freundliche Teilnahme und Unterstutzung sehr willkommen; ja, er wurde spater von der Frauengesellschaft zu einer Art von Konsulenten nach Graf Pergens Tode ernannt, und wohnte in dieser Eigenschaft ihren Sitzungen regelmassig bei. Sein edles, menschenfreundliches Herz freute sich jeder Gelegenheit, wo er Gutes wirken, Arme unterstutzen, Leidenden helfen konnte. In diesem Sinne war er die Hauptveranlassung, dass eine Quelle des Badner Heilwassers, welche bis dahin unbenutzt abgeflossen war, gefasst und zu einem Bade, das Franzensbad nach dem Namen des Kaisers genannt, fur Arme eingerichtet wurde. In eben diesem Sinne war es abermals mein edler Pichler, der die erste Anregung zu dem Wohltatigkeitshause in eben dem Baden wurde, der die Fonds dazu aufsuchte und ermittelte, so dass man wohl sagen kann, dass es ihm seine Entstehung und mehrere hundert [126] Kranke oder Durftige darin jahrlich ihre Heilung oder zeitweise Verpflegung danken. Alles dies brachte uns in nahere Beziehung mit Frau von Pereira und ihren Verwandten. Wir brachten oft Abende dort zu; im Fasching war jeden Mittwoch the dansant daselbst, der bis 11, halb zwölf Uhr wahrte, und bei welchen ich mit meiner Tochter und ihrer Gespielin, Fraulein Amalie Schechtern, beide hubsche Madchen und flinke Tanzerinnen, stets eine willkommene Erscheinung war. An anderen stillen Abenden, wenn nur ein kleiner Kreis sich versammelte, wurde entweder Musik gemacht oder vorgelesen oder auch bloss geplaudert, indem wir Frauen mit unsern Handarbeiten um den runden Tisch herum sassen, die Herren zwischen oder hinter uns Platz fanden, und die Gesellschaft ein Ganzes ausmachte, dessen Seele die Frau vom Hause vorstellte, und jeder, so gut er es vermochte, zu der allgemeinen Unterhaltung beitrug. Die neuere Gewohnheit, dass die Frauen ebensowenig wie die Herren eine Arbeit zwischen den Fingern haben, und also wie diese nur auf das Gesprach, und nicht auf ein allgemeines, sondern auf das von einer oder zwei Personen angewiesen sind, die der Zufall neben sie gefuhrt - diese neue Gewohnheit scheint mir der hohern Geselligkeit gar nicht gunstig zu sein. Gewiss ist es, dass der leichte Austausch der Gedanken, zwischen mehreren Personen von ungleichen Ansichten, verschiedener Empfindungs- und Denkungsart, die sich in einem lebhaften allgemeinen Gesprach beruhren, gleichsam Geistesfunken aus jedem der Teilnehmer lockt, die dann einer am andern schnell fortzunden, und in rascher Wechselwirkung eine Menge von Behauptungen, Ansichten, Witzspielen usw. zutage fordern, die jeden angenehm aufregen, und [127] ihm das Bewusstsein geben, ebenfalls seinen Anteil zum allgemeinen Vergnugen beigetragen zu haben. Freilich kommt hier das meiste auf die Frau vom Hause an, die es verstehen muss, dies allgemeine Gesprach in Gang zu erhalten, indem sie allgemein ansprechende Gegenstande herbeifuhrt, was nicht immer leicht ist, weil die Gesellschaft ofters aus heterogenen Teilen besteht. Indessen es geht, wenn nur die Frau vom Hause Lust und Geschick dazu hat, und es nicht vorzieht, ihre Gaste sich den Stoff zum Gesprach muhselig und unbefriedigend genug aus, auf den Tisch gelegten Zeitungen und Kupferwerken suchen zu lassen. So wie es hier geschildert ist, waren die Abendgesellschaften in fruherer Zeit bei den Familien, mit denen wir in freundschaftlichen Verhaltnissen standen, beschaffen, unter welchen mir die des konigl. preussischen Legationsrats von Piquot, und des hiesigen Staatskanzleirates von Hoppe vorzuglich wert waren. Bei Piquots waren eine Tochter und ein Sohn; Hoppe hatte keine Kinder. In beiden Hausern herrschte ein Ton und eine Geistesrichtung, die mit der unsrigen sehr ubereinstimmte. - Bekanntschaft mit den bessern Erscheinungen der neuen Literatur; lebhaftes Interesse daran; zuweilen eine kleine Vorlesung oder ein geistreiches Gesellschaftsspiel erhohten den Reiz dieser Gesellschaften, denen eine ehrenvolle Gesinnung und wahrhaft freundschaftliches Wohlwollen noch hohern Wert gaben. Bei Piquot hatte Marie, die Tochter, ein Madchen in Lottens Alter, von seltner Geistesbildung und trefflichem Charakter sich warm an diese angeschlossen und der Sohn, ein geistig gebildeter, aber sonst nicht sehr bedeutender junger Mann, schien nicht gleichgultig gegen sie. Bei Hoppe waren die Frau und ihre Schwester, [128] Fraulein Justine von Krufft, zierliche Dichterinnen, und so wie ihr Bruder Nikolas, ausgezeichnet durch seine Klavierkompositionen und sein meisterliches Spiel, Jugendbekannte von mir und durch lange Jahre mir lieb und wert geworden. - Nun sind sie alle tot! Bei Piquot starben die Kinder noch vor den Eltern, diese folgten ihnen in einigen Jahren, dann beide Geschwister der Mutter; bei Hoppe sind er und sie, ihre drei Geschwister, ein Neffe usw. gestorben, kurz, beide Familien so werter Freunde sind im eigentlichsten Sinne verschwunden. Wie vielmal habe ich dies schon erleben mussen, und wie schmerzlich ist es! Es wird mir wohl als ein angenehmes, mutterliches Bewusstsein verziehen werden, wenn ich darauf hinwies, dass meine Tochter, ohne eine Schonheit zu sein, ohne schimmernde Talente zu besitzen, schon ofters von hochstbedeutenden Mannern war ausgezeichnet, worden, auch von solchen, die keinerlei Absicht auf eine Verbindung mit ihr hatten oder haben konnten und die also nicht die Hoffnung auf ihr einst zu ererbendes Vermogen anlocken konnte. Eben die Einfachheit ihres Wesens, die Wahrheit und tiefe Weiblichkeit ihres Charakters, verbunden mit einer nicht alltaglichen Geistesbildung und einem wohl nicht glanzenden, aber tiefempfundenen Talent fur Gesang und Klavierspiel mochte es sein, was eben geistreiche Manner an die, in der Welt immer seltner werdende Erscheinung einfacher Natur und wahrer Gefuhle zog. Auch kann der Leser sich aus dem Gange der Erzahlung selbst beantworten, ob meine mutterliche Eitelkeit mich bei dieser Bemerkung getauscht hat. * * * [ 129] Wahrend dieser angenehm bewegten Zeit verlor sich aber leider einer der bedeutendsten Teilnehmer unseres geselligen Kreises, Grillparzer, immer mehr aus demselben. Die heitere Stimmung, die ihn eine Zeit hindurch beseelt und seinen naturlichen Trubsinn verscheucht zu haben schien, verschwand allmahlich und machte dusteren Ansichten Platz. Er kam selten, meist nur, wenn er ausdrucklich gebeten wurde und selbst dann lag trotz der Feinheit seines Benehmens und des naturlichen Wohlwollens, das ihn stets belebte, etwas in seiner Art sich zu betragen, das uns zweifelhaft liess, ob die Einladung ihm willkommen gewesen, ob sie ihn nicht geniert haben mochte. So machte er es bei Piquot, bei Hoppe, bei Pereira und bald wurde es eine Seltenheit, wenn er wieder einmal sich in einem dieser Hauser sehen liess. Wir pflegten alle Jahre eine kleine Weinachtsfeier bei uns zu halten. Ein Baum wurde mit Lichtern, Bandern usw. geschmuckt, und der nahere Kreis der Freundinnen und Bekannten meiner Tochter mit kleinen Gaben beschenkt, welche meistens in Kindereien, in Anspielungen auf vorwaltende Verhaltnisse bestanden, von erklarenden Versen begleitet, und so ein harmloser Scherz waren. Im vergangenen Jahr 1817, wo wir unsere Bescherung statt zu Weihnachten nach der alten osterreichischen Sitte am Nikolaustag hielten, war er ebenfalls gebeten. Viele ernste und komische Verse und Spruche kamen vor, ihm wurde eine Leier mit einem Lorbeerzweige uberreicht, welchen die folgenden Verse begleiteten: Nimm dies Saitenspiel aus meiner Hand,Mit dem wohlverdienten Reis umwunden, Die Gefahrtin deiner schonsten Stunden[130] Und der besten Himmelsgabe Pfand. Machtig kannst du zu den Herzen sprechen, Sie nach Willkur unter Martern brechen Oder zaubern in die hochste Lust. Lass dich einen Himmelsburger2 warnen, Von den dunkeln Machten nicht umgarnen3, Folg der Spur in deiner eignen Brust. Auf der Tugend steilen Felsenwegen Fuhr die Herzen jenem Ziel entgegen, Das dir selber strahlt aus lichten Hohn. Dann mag unter donnernden GewitternJede Hoffnung, jede Lust zersplittern,Mag das Leben untergehn, Ewig wird ihr wahres Gluck bestehn. In diesem Winter (1818), in dem Grillparzer sowie im vorhergehenden, als einer der wertesten jungern Bekannten, ebenfalls beschenkt wurde, hatte ich fur ihn, der eben mit frischem Lebensmute an seiner Medea arbeitete, einen Kupferstich, der den Theseus im Kampf mit dem Minotaurus vorstellte, gewahlt, und er wurde von folgenden Versen begleitet: Mit der Argo kuhnen HeldenWagt' einst Theseus auch den Zug,Und die alten Sagen melden Uns von Kampf und Fahrlichkeit genug. Klippen waren zu umschiffen, Oftmals hemmte trager Sand,Oftmals zwischen Felsenriffen Schien das Fahrzeug festgebannt. Doch die Gotter lacheln Gnade,Und der Lauf beginnt aufs neu, Alle feindlichen Gestade Segelt Argo kuhn vorbei. Bringt das goldne Vliess zurucke An der Heimat teuren Strand: Und noch sind der Nachwelt Blicke Ruhmend auf die Tat gewandt. [ 131] Dein Beginnen wird wie jenes enden,Gluck und Ruhm sind dir gewiss,Und zum zweitenmal aus deinen HandenNehmen wir das goldne Vliess. So wohl und herzlich gemeint diese Worte waren, schienen sie den Dichter doch eher trub als froh zu stimmen, und es ging mit dieser kleinen Gabe, sowie mit manchem andern Versuch in dieser Zeit, der bestimmt war zur Aufheiterung, zur Herstellung des alten zwanglosen Verhaltnisses wie es fruher zwischen uns geherrscht hatte, beizutragen; es missgluckte und schien gerade das Gegenteil, Missmut und Entfremdung hervorzubringen; ja, es war als beruhre ihn schon jetzt die Vorahnung eines unseligen Ereignisses, das bald darauf eintrat. Grillparzer liebte seine Mutter aufs innigste, und wurde ebenso von ihr geliebt. Ihm Freude zu machen, entschloss sie sich, ihr lange beiseite gesetztes Klavierspiel wieder hervorzusuchen, um mit ihm die vierhandigen Stucke aus Beethovenschen oder Mozartschen Sinfonien, Sonaten usw. oder die Ouverturen der neuesten Opern zu spielen, die er mich und meine Tochter oft spielen horte, und einst ausserte er sich gegen diese in Rucksicht seiner Mutter: dass, wenn sie sterben sollte, man ihn nur gleich mit ihr begraben mochte, weil er sonst niemand auf der Welt habe! Und diese Mutter starb! eben in diesem Winter, eben wahrend er an seiner Trilogie: der Gastfreund, das goldene Vliess und Medea arbeitete; und so wie man erzahlte, war diese Katastrophe von sehr erschutternden Umstanden begleitet. Ich war damals der Meinung, dass diese uber alle Massen storende Unterbrechung der Fortsetzung seiner Arbeit an jener [132] Trilogie nicht gunstig sein konne und sagte es ihm, als ich ihn - sehr unvermutet bald darauf wieder sah, er aber war hierin anderer Meinung und setzte seine Arbeit fort. Er war jetzt ziemlich lange nicht bei uns gewesen. Wenige Tage nach diesem traurigen Vorfall besuchte er meinen Mann im Bureau, was sonst ausserst selten geschah, und sagte ihm, dass er mit seinem Schmerze zu ihm komme, weil er glaube, dass nach seiner Mutter Tod niemand warmer an ihm teilnehme als unser Haus. Befremdend war diese Ausserung seiner Anhanglichkeit wohl in einer Periode, wo er sich seit mehr als einem halben Jahre ganz von uns zuruckgezogen, und auffallend kalt gegen uns benommen hatte. Dennoch empfingen ihn Pichler, und als er bald darauf zu uns kam, auch wir mit grosser Herzlichkeit, obwohl ich nicht bergen kann, dass in der Tiefe unsrer Herzen etwas Gespanntes zuruckblieb, erzeugt durch das Bewusstsein seines kalten Benehmens. Nach und nach glich sich das wieder aus, die alte Freundschaft trat wieder in ihre Rechte ein, aber das allererste Verhaltnis ganz rucksichtsloser Annaherung, wie es im Anfang unserer Bekanntschaft und bis nach der Auffuhrung der Sappho bestanden, stellte sich nicht wieder her. In diesem namlichen Winter von 1818/19 lernten wir den Stiefsohn einer unsrer alten Bekannten, des Herrn Professor Schneller (damals in Gratz) kennen, Herrn von Prokesch, oder vielmehr wir erneuerten seine Bekanntschaft wieder, die wir schon im Winter eintausendachthundertsechzehn gemacht, wo Ignatius, der junge livlandische Maler, der in unserem Hause wohlbekannt und gerne gesehen war, diesen seinen Freund, einen sehr geistreichen, feingebildeten jungen Mann auffuhrte. Die Stellung, [133] welche dieser Mann seitdem in der Welt eingenommen hat, seine Kenntnisse, seine Talente, die Bahn, welche er durchlaufen, der Platz, den er jetzt behauptet, werden es begreiflich machen, dass seine Erscheinung in unserem Kreise nicht unbemerkt bleiben konnte und dass er bald unter der damaligen Bezeichnung >>der schone Fahnrich<< ein bedeutendes Mitglied desselben wurde. Im folgenden Fruhling machte unser Hof eine Reise nach Italien. Grillparzers dichterischer Ruhm, sowie seine einnehmende Personlichkeit hatten ihm viele Freunde und Teilnehmer an seinem Wohl erworben, und so fand er Gelegenheit, sich Personen des Hofes anzuschliessen und die Reise im kaiserlichen Gefolge mitzumachen, wozu ihm jedermann, der ihn kannte, Gluck wunschte, weil man sich eine gunstige Einwirkung auf sein Gemut wie auf seine Gesundheit versprach. Sein vaterlicher Freund und Ratgeber, Schreyvogel, interessierte sich sehr dafur und freute sich dieses glucklichen Zufalls fur seinen Gunstling, und dieser in jugendlich frischem Mute, wie ihn ihm die Hoffnung, das Hesperische Land zu sehn, einflosste, rezitierte uns ein Gedicht, welches er auf die bevorstehende Reise gedichtet und wovon ich eine Strophe behalten habe, die ungefahr so lautete: Dann komm ich zuruck mit frischem Sinn,Und schaff' in stolzer Ruh, Was jung soll sein, wie ich es bin, Und alt soll werden wie du (namlich das ewige Rom). Wie wenig entsprach der Erfolg diesen frohlichen Erwartungen! Ebensowenig als die glanzende Aufnahme der Sappho, von der sich seine Freunde so viel Gutes fur des Dichters Erheiterung versprochen. Es[134] war und ist wohl in dieses Sangers Innerm ein Zug, der ihm nicht erlaubt, sich irgendeines Gelingens recht zu erfreuen, wie er es auch in dem >>Bann<< und dem >> Unfrieden<< geschildert hat, und das ihm nach Iphigenias Worten: >>die nachste Freude von den Lippen wegzehrt. << Bald brachte uns Schreyvogel seinen ersten Brief aus Venedig. Die ganze Trunkenheit jugendlicher Lust sprach aus diesem Blatt. Der Anblick der Meerstadt, die Neuheit des Schauspieles, die italienische Luft - alles schien bezaubernd auf den empfanglichen, mit aller Kenntnis des Altertums und der Neuzeit geschmuckten Geist gewirkt zu haben. Herzlich erfreuten wir uns dieses Briefes und der milden Freude seines vaterlichen Freundes, der einigen Wert auf unseren warmen Anteil an seinem Gunstling zu legen schien. Der zweite Brief, aus Rom, trug schon ein ganz anderes Geprage. Hier sprach ihn alles weniger an, vieles widerte ihm, die Fasten (es war die Karwoche), die er, als zur Suite des Hofes gehorig, beobachtete, die italienische Kuche schadete seiner Gesundheit, und aus diesen und ahnlichen Einwirkungen erklare ich mir die so hochst gereizte, so befremdende Stimmung, welche ihn antrieb, auf den Ruinen des Kolosseums ein Gedicht zu verfassen, das zwar nichts Schlimmeres enthielt, als Schiller uns in den Gottern Griechenlands sagte, das aber einem Katholiken weniger zu verzeihen war und das noch daruber eine Bitterkeit der antichristlichen Stimmung zeigte, wie sie nur ein zweimal abtrunniger Gibbon gegen das Christentum aussprudeln konnte. Damals wussten wir von dem Gedichte noch nichts, und es ware zu wunschen gewesen, dass nie jemand davon erfahren hatte. Dass es [135] bald darauf, ehe er noch hier war, in der Aglaja erschien, war gewiss ein Missgriff seines sonst wohlgesinnten Freundes Schreyvogel, der dem Dichter viel Schaden getan, indem er aufs strengste von der Zensur gerugt wurde und sogar die Bogen der Aglaja umgedruckt werden mussten. Er selbst war indes bei dem schwer erkrankten Grafen Wurmbrand, der ihn liebgewonnen, in Neapel zuruckgeblieben. Geschrieben hatte er uns nicht mehr, und die ganze freundlichere Stimmung, welche nach dem Tode seiner Mutter sich gezeigt, war wie ein freundlicher Sonnenstrahl an einem halbtruben Tage hinter den Wolken verschwunden, ohne dass wir erraten konnten, warum. Nur Schreyvogel kam noch ofters, solange wir hier blieben, und brachte uns Nachricht von dem Entfernten. In der Mitte dieses Sommers kam denn auch fur uns abermals die Zeit, uns zur Reise nach Ungarn zu dem Wiedersehen so werter Freunde zu rusten. Dieses Jahr wartete unser noch eine besondere Feierlichkeit. Unser vieljahriger Freund, der Feldkriegskommissar von Romano, derselbe, der uns vier Jahre fruher das erstemal nach Bucsan begleitet hatte, sah sich nun, durch die Umstande begunstigt, am Ziele seiner lange genahrten Wunsche und war auf dem Punkte, der lange und treu geliebten Freundin Wilhelmine von Artner seine Hand bieten zu konnen. Die Hochzeit sollte auf dem Gute des Barons von Zay im Gebirge, welches von jeher der Lieblingsaufenthalt der Baronin und der Artnerschen Schwestern gewesen war, gefeiert werden. Wir versahen uns daher schon hier mit >>hochzeitlichen Kleidern<< und freuten uns uberdies sehr, dass noch vor unserer Abreise der Baron auf ein paar Tage nach Wien kam und sein Absteigquartier bei uns nahm. Wahrend [136] dieser kurzen Frist fiel eine so ausserordentliche Hitze ein, dass - es war eben um die Erntezeit - einige Personen auf den umliegenden Feldern vor Hitze krank wurden oder, wie man sagte, sogar starben. Ein paar Tage darauf erschien ein kleiner, aber mit freiem Auge sichtbarer Komet am nordwestlichen Himmel, der aber nicht lange uber unserm Horizont verweilte. Nach wenig Tagen brach sich auch die allzugrosse Hitze durch ein heftiges Gewitter und die Luft wurde wieder gemassigt. Ich glaube wahrend meines langen Lebens bemerkt zu haben, dass jene Sommer, in welchen Kometen erschienen, besonders heiss waren, so der von meinem Geburtsjahre 1769, wie ich im Anfange dieser Blatter berichtet, so im Jahre eintausendachthundertelf und eintausendachthundertneunzehn Nach den, freilich viel richtigern Beobachtungen, welche die Kalender des Herrn von Littrow enthalten, trifft dies sich nur zufallig; aber meine Erinnerungen sind eben jener Beobachtung gunstig gewesen. Von Grillparzer horten wir, ehe wir Wien verliessen, dass er auf der Ruckreise aus Italien nach Gastein gegangen sei, wo er auch spater ofters mit dem damaligen Pralaten von Lilienfeld, seinem Freund, zusammentraf oder die Reise mit ihm machte. Dass wir sonst gar nichts vernahmen, wunderte uns bei der Kenntnis von diesem dustern Charakter nicht, der so oft, trotz seiner tiefen Gefuhle fur alles Schone und Gute, selbst die Beruhrung einer treuen Freundeshand nicht vertragen konnte. Wir waren also nach Bucsan gekommen und sollten von dort in sehr zahlreicher Gesellschaft nach dem alten Stammschloss Zay-Ugrocz abgehen; namlich mit allen Schwestern der Braut, Mariannen von Neumann, der [137] Jugendfreundin derselben, mit ihrem Gemahle und einem Offizier, dem Rittmeister vom Regimente Kronprinz-Kurassier, Hrn. Topke, dessen sonderbares Schicksal hier mit ein paar Worten erzahlt werden mag. In seinem Vaterlande Hannover zum ausubenden Arzte bestimmt, bereitete er sich in seinem zwanzigsten Jahre eben vor, die rigorosen Prufungen zu machen und dann seinen Beruf anzutreten, als ihn das Los, Soldat zu werden, unter der Regierung Konigs Jerome von Westfalen traf, und er ohne weiteres in ein Regiment enrolliert wurde. Dies Regiment war eines von den beiden, mit welchen in der Schlacht von Leipzig der damalige Befehlshaber derselben, Baron von Hammerstein, zu den Osterreichern uberging. So warf ein unberechenbarer Zufall den jungen Mann aus seiner gewahlten Bahn zuerst in eine ganz verschiedene, die er wahrscheinlich freiwillig nie betreten haben wurde, und so brachte die zweite Begebenheit den jungen hannoverischen Arzt nach Osterreich und in den Dienst eines Staates, den er kurz vorher als eine feindliche Macht hatte betrachten mussen. Seltsames Spiel scheinbarer Zufalligkeiten - und doch gewiss eine weise und zweckmassige Leitung der Vorsicht. Topke ist nun langst Stabsoffizier, und wenn ich nicht irre, in dem beruhmten Regiment Savoyendragoner, das noch immer den Namen des Helden Eugen tragt. Er ist verheiratet, lebt angesehen und vergnugt, wie ich hore und wie es sein rechtlicher Charakter, sein gebildeter Geist verdient hat. Damals war er ein junger, ziemlich hubscher Offizier, der der ganzen Gesellschaft durch seine Personlichkeit sowohl als durch sein treffliches Talent zum Vorlesen willkommen war. Nebst ihm war noch ein Herr [138] von Maillard aus Tyrnau in der Gesellschaft, vielleicht noch ein paar Personen, deren ich mich nicht erinnere, und dann die Hausgenossenschaft der Zayschen Familie. Diese ganze ziemlich zahlreiche Versammlung, die sich in Bucsan zusammengefunden hatte, war bestimmt, von dort nach Ugrocz abzugehen, und diese Reise machte mir durch die begleitenden Umstande ein besonderes Vergnugen. Sie begann namlich in der Nacht vor Tagesanbruch. Und dies war notwendig, um bei der schlechten Beschaffenheit der Strassen zum Mittagsessen noch Ugrocz, das acht bis zehn Stunden entfernt im Gebirge und vor dem kein Ort zum Einkehren lag, zu erreichen. Alles ging daher den Abend vor dem Aufbruch zeitlich zur Ruhe, und um zwei Uhr nach Mitternacht, wo es selbst im Anfange des Juli noch Nacht ist, wurde die ganze Gesellschaft geweckt. Jeder suchte sich bald fertig zu machen, man fruhstuckte, trug sein kleines Gepack zusammen - die Wagen mit den Koffern waren schon den Tag zuvor abgegangen - und allmahlich sammelte sich die Gesellschaft im Schlosshof, wo die bereits angespannten zahlreichen Chaisen standen, und die Laternen und Fackeln der einpackenden Dienerschaft die Finsternis einigermassen erhellten. Noch aber erkannte und fand man sich eigentlich nur an den Stimmen zusammen, und endlich zwischen drei und vier Uhr war alles in Ordnung, und die Gesellschaft in die Wagen verteilt. Kaum zeigte sich, wie wir hinaus ins Freie kamen, in Ost ein hellerer Streifen am Horizont. Das heilige Licht, wie alles Gute und Wahre in der Welt wurde langsam, aber unwiderstehlich starker, die Schatten wichen allmahlich, wir fingen an, uns selbst, die Wagen, die Gegend um uns zu erkennen. Jetzt war es Tag geworden, jetzt lag die freundliche [139] Landschaft und die Hugelkette, von welcher das Schloss Freistadtl aus seinen Garten herabblickt, vor uns. Aber noch war die Sonne, die Konigin des Tages, nicht erschienen. Der Wagenzug klimmte den Gabor, einen massigen Berg, hinan, und bei jedem Schritt vorwarts erweiterte sich der Gesichtskreis und traten uns mehrere Ortschaften und Fluren vor die Augen. Nun war der Gipfel erreicht, und in diesem Augenblick (die Marschroute war auf diesen Effekt berechnet) stieg die Sonne empor, und jetzt erst schien der Gegend Licht und Leben erteilt. Es war ein schoner Moment, der gar wohl zu frommen Gefuhlen stimmen konnte. Alle hatten die Wagen verlassen und weideten sich an dem schonen Schauspiel, denn alle oder doch die meisten in diesem ziemlich zahlreichen Kreise hatten tiefen Sinn und warmes Gefuhl dafur. Die wieder angetretene Fahrt brachte uns nun durch minder pittoreske, aber fruchtbare Gegenden um Mittag an unser Ziel, das Schloss Zay-Ugrocz, wo unser in landlicher Stille, aber zusagender Geselligkeit von werten Hochzeitsgasten angenehme Tage warteten. Schade nur, dass eine kuhle, regnerische Witterung uns in der ersten Zeit manche Spazierfahrt und noch mehrere Spaziergange verdarb. An einem recht regnerischen Abend aber kam, trotz der unfreundlichen Atmosphare, ein gar lieber und uberraschender Besuch; Baron von Jetzer, ein alter, treuer Freund des Hauses, damals Hauptmann im Generalstab, jetzt lange schon General, trat mit Grillparzer ein, dessen Ankunft uns ebenso erfreulich als unvermutet war, denn niemand von uns allen hatte seit langem von ihm etwas mehr gewusst, als dass er auf der Ruckreise von Italien nach Gastein gegangen war. [ 140] Herzlich freuten sich alle, besonders die treffliche Frau vom Hause uber diesen Besuch, der ihrem Hause so schmeichelhaft war, und er versprach auch, mehrere Tage bis nach den Hochzeitsfeierlichkeiten zu bleiben. Er erzahlte uns von Italien, von Gastein, er teilte unsere Spaziergange und zeigte sich als ein rustiger Fussganger beim Erklettern der Berge. Aber statt des jugendfrischen, mutigen Gedichtes, das er zu machen gesonnen gewesen, und von dem ich eine Strophe angefuhrt habe, rezitierte er uns den wunderschonen, aber in ganz anderer Stimmung gedichteten >>Abschied von Gastein<<, der seine ganze trube, mit sich und der Welt zerfallene Stimmung ausspricht und wie eine fruhe Dammerung den kurzen Tag seiner Heiterkeit verschlungen hatte. Mein gluckliches Gedachtnis liess mich vieles, ja den grossten Teil des freilich nicht langen Gedichtes behalten, besonders da ich es ihn spater noch einmal sagen horte. In mein Zimmer gekommen, schrieb ich mir sogleich auf, was ich behalten hatte; aber mir fehlte mancher halbe und sogar mancher ganze Vers, und zuweilen hatte ich ein entfallenes Wort durch eines von ahnlicher Bedeutung ersetzt. Als ich Grillparzern, als er einmal in unser Zimmer kam, meinen Diebstahl gestand, schien er nicht angenehm davon beruhrt; ob wegen meiner Kuhnheit ihm sein Gedicht aus dem Munde zu stehlen oder wegen der schlechten Ersatzworter - das weiss ich nicht. Er las, schuttelte den Kopf, ergriff die Feder und fullte die Lucken aus, die ich aus Mangel an Erinnerung hatte stehen lassen und berichtigte die Ersatzworter, und so besitze ich das herrliche Gedicht, halb von seiner Hand geschrieben, und hebe es sorgfaltig auf. Die trube Stimmung verliess ihn auch nicht mehr wahrend seines Aufenthaltes [141] unter uns; aber sie tat der Liebenswurdigkeit und Feinheit seines Betragens keinen Eintrag. Nur weiss ich noch jetzt nach mehr als zwanzig Jahren die eigentliche Veranlassung seines Kommens mit Baron Jetzer und seiner so auffallenden Verstimmung nicht zu erklaren, wenn ich nicht ein Motiv, das in seinem Herzen seinen Grund hatte und ein darauffolgendes Missverstandnis voraussetze, das, dem Publikum, wenn auch nach so langer Zeit mitzuteilen, das Zartgefuhl verbietet, obwohl jene beiden Voraussetzungen weder ihm noch sonst jemand nachteilig sein konnten, da ja verliebte Regungen der Jugend naturlich sind. Endlich, nachdem das Regenwetter fast vierzehn Tage angehalten hatte, klarte sich mit dem Mondeswechsel der Himmel wieder auf, und an einem schonen Sonntagsmorgen im August wurde die Trauung Wilhelminens mit dem werten Freunde Romano in der katholischen Kirche des Ortes - denn die Protestanten machen die Mehrzahl der Bewohner aus, und auch die Herrschaft ist evangelisch - recht feierlich und an standig vollzogen. Nur eine Kleinigkeit, die mit unterlief, machte uns alle, wahrend der Messe, beinahe lachen, der Schulmeister namlich spielte unter der Wandlung, wo der Kirchengesang wie gewohnlich schweigt, die Musik des Liedes: >> Ein Madchen oder Weibchen wunscht Papageno sich<<, aus der Zauberflote, und meinte gewiss bei der Hochzeitsfeier etwas sehr Sinnreiches getan zu haben. Nach dem reichlichen Mittagsmahl wurde getanzt, wobei sich ungarische Tanzer in ihren nationalen Tanzen sehen liessen, und so der Tag froh beschlossen. Wir waren unser vier Dichterinnen auf Schloss Ugrocz gewesen: die Hausfrau selbst, Therese von Artner, [142] Marianne von Neumann und ich. Im Scherze nannten wir uns: die Sanger auf der Wartburg, fuhlten aber keinen Beruf in uns, unsere Musenkunste vor dem gewaltigen Sanger der Ahnfrau und Sappho, der uns hier wie Klingsor auf der Wartburg erschien, sehen zu lassen, sondern teilten uns Hochzeitsgedichte, die wir fur dieses Fest gedichtet hatten, nur in der Stille mit. Bald darauf verliessen uns Jetzer und Grillparzer; mich erfreute bald darauf meines lieben Pichlers Ankunft, und mit ihm kehrten wir im nachsten Septembermonat nach Wien zuruck. * * * Es ware unnutz und darum beinahe lacherlich, die Ereignisse, welche nun in unserem Familienleben folgten und auf dasselbe einen grossen und sehr schmerzlichen Einfluss hatten, in diesen Blattern mit Stillschweigen ubergehen zu wollen, gleichsam als konnte das, was damals mit unserm Wissen und Willen bekannt war worden, nun aus dem Gedachtnis der Welt verloscht werden. Drum stehe denn auch jene Katastrophe, so tief sie unser Haus verwundete, mit kurzen, aber durchaus wahren Worten hier und ich denke, der Mann, welcher jetzt sehr glanzend und einflussreich vor den Augen der Diplomatie und Literatur sich erhebt, wird, wenigstens in seinem Innern, bekennen mussen, wenn ihm einst nach meinem Tode diese Blatter in die Hande kommen, dass ich durchaus mindestens von meinem Standpunkte aus Wahrheit und nichts als Wahrheit geschrieben habe. Im folgenden Winter von eintausendachthundertneunzehn auf eintausendachthundertzwanzig begann eine neue, aber wahrlich nicht gluckliche Epoche fur[143] uns alle, besonders aber fur meine Tochter. Ein junger Offizier (Herr von Prokesch), der seit einem Jahre ungefahr ein immer fleissigerer Besucher unsers Hauses geworden war, fing jetzt an, sich meiner Tochter sehr bestimmt zu nahern, und nicht bloss wir, sondern alle unsere Bekannten bemerkten es, und nahmen freundlichen Anteil an dem hubschen und durch manchen Vorzug ausgezeichneten Paare. Pichler und ich hatten uns zwar einen Schwiegersohn gewunscht, der nicht einem so beweglichen Stande, als das Militar ist, angehort hatte, konnten aber billigerweise keine Einwendung machen, denn gegen den Charakter des jungen Mannes und seine Personlichkeit war nichts zu sagen, und seine ausgezeichneten Geistesgaben sicherten ihm eine glanzende Laufbahn, wie es sich auch in der Folge bewahrt hat. So sahen wir der Zukunft unsers einzigen Kindes ziemlich ruhig entgegen, als plotzlich Dienstverhaltnisse den jungen Mann nach Prag riefen. Es war eine bittere Trennung, aber wir hofften Gutes von diesem Rufe fur des talentvollen Offiziers kunftige Laufbahn. Aus Prag warb er schriftlich um meine Tochter. Wir gaben die Antwort, uber welche wir, Pichler und ich, fruher schon ubereingekommen waren. Des Bewerbers erste Anwort war voll Jubel und Liebe. Bald darauf zeigten sich Hindernisse, die sich seiner Ruckkehr zu seiner Braut in den Weg legten. Er musste seinen hohen Vorgesetzten, zu dem er gerufen wurde, nach L begleiten und wurde von ihm und seiner Familie mit grosser Auszeichnung behandelt, wodurch wohl seine Hoffnungen, seine Erwartungen erweitert und ein bescheidenes Los, wie es ihm die Verbindung mit Lotten bieten konnte, ihm zu beschrankt erschienen sein mogen. Seine Briefe trugen ein seltsames Geprage, [144] er konnte sich nicht entschliessen zuruckzukehren, bis sein Chef aus den Toren derselben Stadt, in welche er vor sieben bis acht Jahren als Sieger eingezogen war, als Leiche hinausgetragen wurde. Am Tage seiner Ankunft war sein erster Weg nicht zu seiner Braut, sondern in das Haus seines verblichenen Chefs, das ihm wie sein Vaterhaus geworden zu sein und ihn dem eigentlich burgerlich hauslichen Leben entfremdet zu haben schien. Dieser Winter war durch die Anwesenheit eines hochberuhmten Kunstlers, des Danen Thorvaldsen, merkwurdig. Wohl wurden ihm damals vor mehr als zwanzig Jahren die Ehrenbezeigungen nicht erwiesen, welche jetzt Mode geworden und der zufolge die Reisen, die Ankunft, der Abschied von beruhmten Personen zu einer Angelegenheit des allgemeinen Interesses und durch die Zeitungsschreiber, welche ihre Spalten gern fullen, zu europaischen Bedeutenheiten gemacht werden, die aber eben dadurch, und weil sie in demselben Masse und Ubermasse einer Tanzerin, einem Virtuosen usw. zuteil werden, viel an ihrem Werte verlieren und bald durch etwas anderes werden ersetzt werden mussen. Dennoch war Thorvaldsens Erscheinung in Wien auch damals ein Gegenstand ungeheuchelter, wahrer, tiefgefuhlter Verehrung fur alle, welche sich einen Begriff von seinen Leistungen zu machen imstande waren. Seine Personlichkeit, diese hohe Gestalt von kraftigem Wuchse, die stark ausgesprochenen Zuge, der ernste und doch so milde Ausdruck derselben, das blonde Haar und die lichtblauen Augen gaben ganz das Bild eines Skandinaviers oder eines alten Deutschen, wie sie Tacitus schilderte. Diese Augen waren aber auch von einer Klarheit, Helligkeit [145] und Farbe, wie ich sie nie gesehen, und schienen ungeachtet eines sehr freundlichen, wohlwollenden Ausdrucks, wahrend er sprach, tief in des Zuhorers Seele einzudringen und sie zu durchforschen. Ubrigens war sein Benehmen hochst einfach, anspruchslos und bei viel naturlicher Hoflichkeit doch gerade so weit vom Weltton entfernt, wie man es bei einem so grossen Kunstler voraussetzen kann. Ich lernte ihn bei B. Pereira kennen, wo ich mit ihm speiste, und dann brachte er einen Abend bei uns zu, an welchem auch Madame Stich, jetzt Crelinger, bei uns war, welche unser Publikum damals durch ihr herrliches Spiel auf der Buhne entzuckte. Nie werde ich vergessen, wie sie die Julie in >>Romeo und Julie<< spielte, besonders die Szene, in der sie den Schlaftrunk nehmen soll, und wo die innerste Natur sich vor dem Gedanken des Giftes und Todes entsetzt - und noch erklingt in meinem Ohr der Ton des: tausend gute Nacht! - das sie vom Balkon dem scheidenden Geliebten nachrief. Uberhaupt war unser Haus damals von Einheimischen und Fremden viel besucht, und die Literatoren fanden es nicht so beschwerlich und widrig wie jetzt in einen Salon oder gar in die Vorstadt zu gehen. Aber freilich fuhrt das Wort >> Salon<<, das jetzt uberall gang und gabe ist, eben durch die jetzt eingefuhrte Sitte einen unangenehmen Nebenbegriff von Zwang und Langweile mit sich, den unsere ehemaligen Abendgesellschaften, Soireen oder wie immer wir sie damals nannten und wie sie in diesen Blattern geschildert sind, nicht erweckten. * * * Ich habe gesagt, dass der Verlobte meiner Tochter naturlicherweise, weil sie ihm von uns zugesagt worden, [146] und wir als Menschen, denen ihr Wort, das sie nicht ohne Uberlegung gegeben, heilig war, dieses kein Hehl vor der Welt hatten. Im ubrigen aber war sein Benehmen so sonderbar, dass sich uns immer mehr und mehr Zweifel uber den Bestand und ein erwunschtes Ende dieses Verhaltnisses aufdrangten. Am wichtigsten schien es mir, dass ich, wie oft ich auch in ihn drang, sich uber seine Zukunft bestimmt auszusprechen, ob und wann er sich entschliessen werde, aus dem Generalstab (in welchem zu heiraten damals den Offizieren nicht gestattet war) in ein Regiment uberzutreten oder eine andere militarische Anstellung zu suchen? - nie eine klare, bestimmte Antwort erhielt. Zudem waren so manche Ansichten, die er aussprach, von der Art, dass ein Mann, der sie wirklich und mit Uberzeugung hegen und sein Leben darnach gestalten wurde, kein Madchen, das Sinn fur stilles, hausliches Gluck gehabt hatte, und also auch Lotten nicht glucklich gemacht haben wurde, so dass selbst die leidenschaftlichen Ausserungen seiner Liebe weder meine Tochter noch mich beruhigen, sondern nur dazu dienen konnten, uns zwischen Besorgnis und Hoffnung qualend hinzuhalten. In den Fruhling dieses Jahres fiel die Feier unserer silbernen Hochzeit. Sie wurde mit lebhaftem Dank gegen Gott, der uns vor 25 Jahren vereinigt und zwischen guten und bosen Tagen in Liebe und Zufriedenheit bis hierher gefuhrt hatte, in einem Kreise treuer, bewahrter Freunde gefeiert, die herzlichen Teil an uns nahmen, uns mit freundlichen Gaben beschenkten, und wobei wir und Lotte besonders, die das ganze kleine Fest anordnete, nur mit Schmerz ihren Verlobten vermissten, der bereits auf seine Mappierungsstation in der fernen Zips abgereist war. [ 147] Unsere Freunde in Ungarn empfingen uns wie immer mit der gewohnten Herzlichkeit, und bei den mancherlei Sorgen und Befurchtungen, welche das seltsame Benehmen des Brautigams meiner Tochter uns einflosste, war uns die liebevolle Teilnahme derselben ein wahrer Trost. Die Baronin sprach damals ein sehr treffendes Urteil aus, indem sie, eine Stelle aus Schillers >> Wallenstein<< auf Lottens Verhaltnis anwendend, sagte: sie furchte, diese mochte wie Wallensteins Gattin mit ihm an ein feurig Rad geflochten sein. Dies Jahr gingen wir wie gewohnlich mit der Baronin und dem ganzen Hause wieder nach Ugrocz, und dorthin kam denn auch Pichler, um einige Wochen der Landluft zu geniessen und uns abzuholen, was jedes Jahr geschah. Diesmal aber wurde ein, an sich unbedeutender Vorfall zur Veranlassung einer bedeutenden Veranderung in unserer Lebensweise, und vieles gestaltete sich demgemass jetzt auf andere Weise. Wir waren wie gewohnlich nachmittags spazieren gegangen, Pichler begleitete uns diesmal nicht, was ihn abhielt, weiss ich nicht mehr, aber wie es anfing zu dammern, wollte er uns nach dem kleinen Garten, Strebrnizza genannt, den der Baron zwischen den nachsten Hugeln hatte anlegen lassen (denn beim Schlosse selbst war nur ein altmodischer Obstgarten) und wo wir oft das Vesperbrot einnahmen, entgegen gehen. Der Weg uber den Hugel, auf dem das Schloss steht, bis herab war ungleich, holperig, wie die meisten Wege in dieser Gegend; Pichlers kurzes Gesicht hinderte ihn, genau zu sehn, wo er hintrat und ich, die deshalb bei Abendspaziergangen an seiner Seite blieb, war diesmal nicht bei ihm. Er tat einen Fehltritt, glitt aus und fiel und verstauchte sich den Fuss, so dass er nur muhsam ins [148] Schloss zuruckkehren konnte. Der judische, nicht ungeschickte Arzt in Bannowetz, den die Baronin sogleich im Wagen holen liess, erklarte die Verletzung fur nicht bedeutend und verordnete bloss Ruhe und Eisumschlage. Wirklich besserte sich das Ubel zusehends, und nach Verlauf einiger Tage, wahrend welcher die Baronin so gutig war, abends mit ihrer Gesellschaft in unser Zimmer zu kommen, damit Pichler des Umganges derselben geniessen konne, war er imstande, mit der ganzen Gesellschaft nach Bucsan und kurz darnach mit uns allein nach Wien zuruckzukehren. * * * So verging dieser Sommer unter mancherlei Besorgnissen wechselnd mit einigen frohern Tagen. Im Herbste wurde die Oper: der Freischutz, in Wien gegeben, deren Gegenstand ich als sehr hubsches Marchen von Kind bei Piquot in einem kleinen Kreise hatte vorlesen horen, und das allen sehr wohlgefallen. Mich entzuckte diese Oper, als ich sie bei der zweiten Vorstellung horte, um so mehr, als die enthusiastischen Bewunderer der italienischen Musik schon im voraus eine ungunstige Meinung dagegen ins Publikum zu bringen gesucht hatten. Aber das echt Schone und Gute gewann wie naturlich den Sieg. Alles war hier aus einem Gusse, das Libretto, die Lebens- und Denkweise der handelnden Personen. Selbst das Geisterhafte, welches dem Ganzen ein ernstes, echt nordisches Geprage aufdruckte, ergriff die Seele mit unabweisbarer Gewalt. Bald darauf ward mir die Freude, den Kompositor Herrn C.M. von Weber selbst kennen zu lernen, der mir einen freundlichen Gruss von dem beruhmten Hofrat Tieck brachte und mir das angenehme Gefuhl [149] erregte, von diesem ausgezeichneten Geiste, der meiner seit seiner Anwesenheit in Wien i. J. eintausendachthundertacht ofters gedacht, und manche bedeutende Personen an mich adressiert hatte, nicht vergessen zu sein. Webers Ausseres war von dem Thorvaldsens vollig verschieden. Von kaum mittlerer Grosse, schmachtig, ja selbst schwachlich gebaut, mit scharfgezeichneten Gesichtszugen, einer verhaltnismassig zu grossen Nase, und einem lahmen Fuss, war diese Erscheinung nicht geeignet, einen vorteilhaften Eindruck zu machen. Und dennoch bedurfte es nur kurze Zeit im Gesprache mit diesem ausgezeichneten Mann zuzubringen, um in ihm den durchaus gebildeten Geist, und die ganze hohere Natur, mochte ich sagen, dieses Kunstlers zu erkennen; eine seltene Erscheinung uberhaupt, am seltensten bei Tonkunstlern, selbst bei den ersten derselben. Feine Lebensart, hohe Geistesbildung, vor allem ein wohlwollendes, edles Gemut sprach sich in allem aus, was Weber tat oder sagte, und sein Andenken - obwohl ich ihn nicht oft sah, und durchaus keinen nahern Umgang mit ihm hatte, - wird mir unvergesslich bleiben. Er ist mir nun schon lange vorausgegangen in jene Auen des Friedens, wo alle Dissonanzen unsers Lebens sich in Harmonien auflosen werden und wo auch er, dem Kranklichkeit und mancher Kummer viel solcher Misstone hiernieden erzeugten, sich nun im Anschaun Gottes und im Erkennen seiner Werke des reinsten Wohllautes erfreut. Ich habe ihn auch ein paarmal seine eignen Kompositionen auf dem Fortepiano vortragen horen. Er spielte mit vieler Fertigkeit und naturlicherweise auch mit Geschmack und gehorigem Ausdruck, doch war kein Vergleich zu ziehn zwischen diesem Spiel und dem [150] eines Thalberg oder Liszt. Es war eben wie einst bei Mozart und Beethoven, welche ich oft gehort, der tiefempfundene und mit Fertigkeit ausgefuhrte Vortrag eines ausgezeichneten Tonstuckes von eigener Komposition. Aber es war keine Produktion, kein in Erstaunen setzendes Spiel fingerfertiger Geschicklichkeit und einer an Zauber grenzenden Behandlung des Fortepianos, welche dies zu einem dem Ohre der Zuhorer fast fremden Instrumente macht und ihnen das Gestandnis abdringt, dass sie nie geglaubt hatten, ein Fortepiano konne auf diese Art behandelt und von solchem Effekte werden. * * * Der Krieg in Italien gegen das revolutionierte Neapel hatte begonnen. Zu unserer grossen Beruhigung traf Lottes Brautigam nicht das Los, mit unsern Truppen auszuziehen, denn nicht ohne Grund musste man befurchten, dass dieser Krieg ein morderischer sein und viel Blut kosten wurde, wenn erst die Bewohner der Abruzzen sich in aller ihrer Kraft und Wildheit erheben und wie die Vendee oder Tirol sich verteidigen wurden. - Es gestaltete sich wider Vermuten alles ganz anders. Es war kein Krieg zu nennen, und im Verlauf von drei Tagen war die Revolution unterdruckt, Ruhe und Ordnung hergestellt; ein deutlicher Beweis, dass es nicht die Gesinnung, das Bedurfnis der Nation gewesen war, was hier zum Ausbruche kam, sondern bloss die Unzufriedenheit eines einzelnen Standes, des Militars. In unserm hauslichen Leben war diesen Winter eine lange dauernde Storung eingetreten. Im Markte Stockerau waren zwischen der Burgerschaft (oder eigentlich [151] einigen unruhigen Kopfen) und dem Magistrate Zwistigkeiten entstanden. Es bildeten sich Parteien, welche sich die Weissen und die Schwarzen nannten und so ein parodierendes Bild der im Mittelalter nicht seltenen burgerlichen Kampfe darstellten, als noch die Stadte, besonders in Italien ganz oder grossenteils unabhangige Republiken waren, die sich selbst Gesetze gaben, sich selbst verteidigten und oft die treuesten Stutzen der Fursten gegen einen ubermachtigen und ubermutigen Adel bildeten. Von diesen grossartigen Zugen allen hatte nun wohl der Zank in Stockerau sehr wenig an sich, aber er wurde doch mit heftiger Erbitterung gefuhrt, und es kam endlich dahin, dass die Sache von der Landesregierung aus untersucht und beigelegt werden sollte. Pichler wurde als landesfurstlicher Kommissar nach Stockerau beordert, um diese Streitigkeiten, welche sehr ernsthaft zu werden drohten, an Ort und Stelle zu untersuchen, die Klagen und Beschwerden jeder Partei zu vernehmen und daruber zu berichten. Dies Geschaft, das seiner Natur nach sehr unangenehm war, dauerte mehrere Monate, wahrend welcher Pichler mit zwei ihm zugegebenen Beamten in Stockerau wohnte und nur alle vierzehn Tage Sonntags nach Wien in sein Haus und Bureau kam. Jeden zweiten Sonntag besuchten wir ihn, meist in Begleitung irgendeines unserer Freunde, speisten bei ihm und brachten, weil die kurzen Tage die Ruckkehr am Abend schwer machten (die Eisenbahn existierte noch nicht), auch die Nacht dort zu. Das waren sehr angenehme Tage, wo die Freude, den geliebten Vater und Gemahl nach langerer Entfernung wieder zu sehn, noch durch freundschaftliche Mitteilungen erhoht wurde. Fraulein Jeanette [152] Maillard, ein hubsches und sehr verstandiges Madchen, die mit meiner Tochter in Bucsan im Hause der Baronin v. Zay Freundschaft geschlossen, und schon ein paarmal, namentlich auch den Winter von 1821-1822 einige Wochen bei uns zugebracht hatte, unser hochverehrter Freund Vierthaler und noch andere Bekannte begleiteten uns abwechselnd. Ubrigens war auch der Winter sehr mild, wir gingen, wenn wir den Vater besuchten, jedesmal in der angenehmen Au bei Stockerau spazieren, und pfluckten uns bis zum Janner noch immer frische Blumen. Endlich war die Kommission und unsere Trennung zu unserer grossen Freude zu Ende. Pichler kehrte in den Schoss seiner Familie zuruck; aber der Kampf der Weissen und Schwarzen war damals noch nicht geschlichtet, und ich weiss nicht, ob und wie er es spater wurde, denn ich horte nichts mehr davon und die eignen Angelegenheiten beschaftigten mich zu sehr, um nach so Entferntem zu fragen. Hatten wir doch den Vater, den besten Freund und Schirmer wieder bei uns. Ihm wurde die Verletzung am Fusse, die sich von dem Fall in Ugrocz herschrieb, in Wien, wo er taglich zweimal ins Bureau zu gehen hatte, sehr lastig, denn sie machte ihm jeden weitern Gang (in Stockerau hatte er von seiner Wohnung bis ins Rathaus, wo die Sitzungen gehalten wurden, nur wenige Schritte) sehr beschwerlich. Er musste oft fahren, und der Mangel an gewohnter Bewegung, welcher nun schon seit dem Herbste dauerte, wirkte nachteilig auf seine Gesundheit. Es stellten sich rheumatische Ubel ein, gegen welche Baron Turkheim Bader mit Schwefelleber verordnete. Das Betragen des Brautigams meiner Tochter, das uns schon seit anderthalb Jahren ratselhaft und peinlich [153] war, blieb sich gleich, ja das Wechselvolle zwischen Leidenschaft und Kalte trat immer ofter und greller hervor. Uns hielt das Wort, das wir gegeben, ab, die Verlobung rasch aufzuheben. Lotte selbst aber fasste den Mut, ihm zu sagen, dass sie ihre Verbindung mit ihm fur aufgelost und ihn nicht mehr fur gebunden ansehe. Dies schien ihn weder abzuschrecken noch zu kranken, er kam ebenso fleissig wie sonst und benahm sich ebenso ungleich wie sonst. Da glaubte ich endlich einer Lage, welche meiner Tochter nur schmerzlich sein und an kein Ziel fuhren konnte, ein Ende machen und ein Bundnis aufheben zu mussen, das meinem Kinde kein Gluck versprach und den jungen Mann zu drucken schien. An einem Abend im Sommer von 1822, wo ich eben wieder vergeblich eine genugende Erklarung in Rucksicht seiner Entschliessungen fur die Zukunft von ihm gefordert und nicht erhalten hatte, sprach ich liebreich, aber ernst das Wort der Trennung aus unter tausend Tranen von Lottens Seite, unter sehr schmerzlichen Gefuhlen in der eignen Brust und einer so starken Erschutterung von Prokesch Seite, die ich doch nicht ganz fur Rolle halten konnte. Eine der seltsamen Launen des Zufalls wollte es, zu unser aller Qual, dass gerade an diesem Abend, wo Lottens Verlobter unser Haus fur immer verlassen hatte, Karl Kurlander, der treue Freund und zwanzigjahrige Hausgenosse, den wir wie einen Sohn, die Tochter wie einen Bruder betrachtete, wie sie sich denn auch von der fruhesten Jugend an dutzten, uns eroffnete, dass er im Begriffe stehe, eine Gespielin meiner Tochter, Fraulein Amalie Schechtern, deren schon ofters Meldung gemacht worden, ein sehr hubsches, wohlerzogenes, aber armes Madchen zu heiraten. Wir [154] hatten schon lange gemerkt, dass zwischen Karl und Malchen etwas vorgehe, wir vermuteten auch eine Art von Verstandnis, durchaus aber kein ernstes, weil wir wussten, dass Karl auf eine gewisse Art bereits gebunden war. Zugleich bat Karl Pichlern, sein Beistand bei der Vermahlung zu sein, die ganz in geheim und sobald als moglich gefeiert werden sollte, und zu der er nicht einmal mich und Lotten, die ihm doch, wie gesagt, als Mutter und Schwester galten, einlud. Es hatte mit diesem Geheimhalten der Trauung, sowie mit der ganzen Heirat, die bis jetzt selbst fur uns verborgen gehalten worden war, eine eigne Bewandtnis gehabt. - Karl hatte schon lange ein, wie es schien, festes Verhaltnis mit der Witwe einer seiner verstorbenen Freunde gehabt, und eben dieses Verhaltnis war die Ursache der Verheimlichung. Die Witwe sollte nichts davon erfahren, bis die Trauung mit einer andern voruber war, und so geschah es auch. - Aber es war nicht gut, dass es so geschah. Die Witwe starb bald darauf, wahrscheinlich an gebrochenem Herzen, Karls Ehe blieb kinderlos, und er selbst fand in der Folge kein Gluck darin. Sehr naturlich drangt sich hier die Bemerkung auf, wie gleichgultig, ja wie gewissenlos Manner, welche sonst in allen Stucken achtungswert sind, die sich im Lebensverkehr und in Geschaften keine Ungerechtigkeit erlauben wurden, ihre Verhaltnisse zum weiblichen Geschlechte nehmen. Zwei Beispiele dieser Art liegen hier vor und Karl, dieser sonst liebens- und achtungswurdige Mann hatte schon ein fruheres Mal ein ahnliches Unrecht an einem Madchen - der jungsten Schwester der Baronin Richler - begangen, das er, [155] nachdem seine Verbindung mit demselben langere Zeit gewahrt und wahrscheinlich Hoffnungen erregt hatte, um die schone Frau von Kempelen, deren diese Blatter ofters erwahnten, verliess. Ist das recht? Konnen diese Manner und alle, die ihnen gleichen, ein solches Betragen verantworten? Frau von Stael sagt in einem ihrer Bucher ungefahr so: wenn jemand einen Mord begeht, so wird er am Leben gestraft, was geschieht aber demjenigen, der ein Herz bricht oder ein ganzes Lebensgluck zerstort? Recht als sollte Trubes und Ungluckliches von allen Seiten uber uns kommen, erkrankte Pichlers altester Bruder, der Pfarrer auf der >> Laimgrube<<, ein sehr wurdiger Geistlicher, der uns getraut und meiner Mutter die Sterbesakramente gereicht hatte, sehr schwer, und Pichler sah dessen, fur ihn sehr schmerzlichen Verlust nahe entgegen. Dennoch schien der Zeitpunkt, in dem dies Ereignis eintreten konnte, nicht so nahe, dass nicht Karls Trauung noch eher hatte statthaben konnen. Diese in Wien abzuwarten, ware fur Lotten zu traurig gewesen. Der Vater gab uns also die Erlaubnis zu unserer Reise nach Ungarn, wo wir bei treuen Freunden Teilnahme und Erheiterung fanden. Indessen war der Schwager in Wien gestorben, Pichler kam wie sonst, um uns abzuholen, aber der Verlust seines Bruders, der Kummer, den der Tochter Leiden dem Vaterherzen verursachten, und der vorhin schon erwahnte Mangel an hinreichender Bewegung, an die er fruher so gewohnt war, vereinigten sich, um seine Gesundheit zu erschuttern, und mir sowohl als Lotten die lebhaftesten Besorgnisse einzuflossen. Ich fand es daher notig, als wir aus Ungarn zuruckkamen, mit Baron Turkheim deswegen zu sprechen.[156] Er riet abermals zu Schwefelbadern, meinte aber, da die Natur diese Mischungen besser zu machen verstehe, als wir Menschen, dass die Badner Bader hier sehr nutzlich sein werden. Mir kam dieser Rat sehr erwunscht, denn ich hoffte auf Zerstreuung und Erheiterung fur meine Tochter durch neue Umgebungen und eine veranderte Lebensweise, aber es kostete Muhe, Pichlern dazu zu uberreden. Er hegte die sehr begreifliche Meinung von einem Badeorte, dass man sich viel unter ganz fremden Menschen umtreiben musse, und sich nur wenig selbst angehoren konne. Ich hatte aber fruher schon Erkundigungen bei Bekannten eingezogen, welche ebenfalls ein stilleres Leben liebten und fuhrten, und erfahren, dass, und wie man sich in Baden einrichten konne, um sich mehr selbst anzugehoren. Endlich willigte Pichler ein, aber nur fur vierzehn Tage, die er in Baden zubringen wollte. Wir nahmen daher weder Kochin noch Kuchengerate mit, und Frau von Arneth, die damals in Baden wohnte, war so gefallig, uns eine kleine, nette Wohnung - in Guttenbrunn - mit der schonen Aussicht auf das Waldgebirge zu besorgen. Es war eine ganz angenehme Witterung, einige tuchtige Regengusse hatten den Staub abgewaschen, die Hitze des Sommers gemassigt und Wald und Wiesen neu erfrischt. So zogen wir denn also zum erstenmal nach Baden, und ich hoffte viel fur Pichlers und Lottens Gesundheit und Erheiterung, denn auch sie sollte baden, und tat es auch in Gesellschaft des damals so schon bluhenden, jungsten Frauleins von Henikstein, Marianne, die wenige Jahre darauf als Baronin Erggelet bei der Geburt ihres ersten Kindes starb. Wahrend dieser ganzen truben und angstlich gespannten Zeit hatte ich wohl einige Erzahlungen geschrieben. [157] Wahre Liebe, welche durch das traurige Schicksal der Parganioten unter Ali Pascha, und das Kloster auf Capri, welches durch ein Gemalde von Catel, das die Baronin Pereira besass, veranlasst worden war. Auch ein langerer Roman: Die Nebenbuhler, entstand in dieser Periode. In allen diesen Werken waren Hindeutungen, welche sich auf Lottens Stellung zu Pr. und sein Betragen gegen sie bezogen. Sei es aber nun, dass meine Aufmerksamkeit zu sehr zwischen dem Roman, den ich schrieb, und jenem, der vor mir gespielt wurde, sich teilte; - sei es, dass mein Gemut zu sehr durch die Sorge fur meiner Tochter Gluck gedruckt war; - diese Arbeiten fielen alle sehr matt aus, und bilden mit vielleicht noch einigen den schwachsten Teil meiner Schriften. Besser gelang mir ein anderes Unternehmen, ein Gebetbuch, das ich zuerst fur meinen eigenen Gebrauch geschrieben und erst spater mich entschloss, es drucken zu lassen, das dann sehr gute und unerwartete Aufnahme fand. In den vielen Sorgen und truben Ahnungen, welche damals meinen Geist niederdruckten, nahm dieser am leichtesten und liebsten seinen Aufschwung zum Himmel, wo er bei dem Allmachtigen und allgutigen Vater aller Menschen Trost und wo moglich Hilfe suchte. In Baden wurden wir von den Familien Pereira, Ephraim, Elkan und Henikstein, mit welchen fruher wohl ich und meine Tochter viel, Pichler aber wenig Umgang gepflogen hatte, mit grosser Freundlichkeit und Zuvorkommnung empfangen und umgeben, so dass wir bald nur einen Gesellschaftskreis ausmachten, der sich in den schon langern Septemberabenden stets in einem dieser Hauser, am oftesten bei B. Arnstein oder eigentlich Baronin Pereira, versammelte, denn der [158] Patriarch des Hauses brachte seine Abende meist ganz oder teilweise im Theater zu. Dort fanden sich ofters bedeutende Fremde, Gelehrte, Kunstler ein, welche diese ausgezeichnete Familie auch hier in Baden aufsuchten. Hier lernte ich auch mehrere Jahre spater Felix Mendelssohn, der dieser Familie durch Bande der Verwandtschaft angehorte, zu meinem grossen Vergnugen kennen und fand in dem, damals noch sehr jungen Mann ein ausserordentliches Talent fur Komposition, eine bewundernswerte Fertigkeit des Vortrags und eine ebenso bewundernswerte Einfachheit und Anspruchslosigkeit des Benehmens. Wenn er uns altern Mitgliedern der Gesellschaft die Freude gemacht hatte, Phantasien uber Themen, die wir selbst wahlen durften, und wo denn meist altere Musik von Mozart, Gluck, Handel vorgeschlagen wurde, mit weicher Einwirkungskraft und brillantem Vortrag vorzuspielen, liess er sich ebenso gern von seiner Kousine Flora, jetzt Grafin Fries, damals ein blutjunges Madchen, bestimmen, Walzer u. dgl. zu spielen, damit der jungere Teil der Gesellschaft tanzen konnte. Mein Mann gefiel, was ich kaum gehofft hatte, sich so wohl in diesen Umgebungen, wo er sich geachtet, gesucht, und als ratender Freund der Damengesellschaft gefeiert sah, dass er selbst unsern auf vierzehn Tage berechneten Aufenthalt bis uber drei Wochen verlangerte, besonders weil ihm auch die Bader sehr wohl anschlugen und die Schwache in seinem Fusse, eine Folge des vorjahrigen Falls, hier ganz und dauernd verschwand. Wir machten hubsche Spaziergange, am oftesten allein, aber auch nicht selten mit einigen aus unserer Gesellschaft, und zuweilen eine zahlreiche Partie mit allen zusammen nach den schonen Umgebungen [159] von Baden: Merkenstein, Heiligenkreuz, Krainerhutten usw., kurz, unser Aufenthalt gestaltete sich sehr angenehm, und da die Wirkungen des Wassers fur Pichlers Gesundheit nicht bloss in Hinsicht des Fusses, sondern im allgemeinen sehr erwunscht ausfielen, so wurde beschlossen, dass er, statt auf ein paar Wochen nach Ungarn zu gehen, kunftig seine ganzen Ferien in Baden zubringen wolle. Wohl wusste ich, dass das fur das Zaysche Haus eine unangenehme Entschliessung sein werde, aber meines Mannes Gesundheit musste allem vorgehen, und zu zwei Reisen und Landsejours reichten die Einkunfte nicht; denn da sich weder mit der einen noch der andern eine Geschaftsreise verbinden liess, so konnte hier nicht von Diaten fur Pichler oder einem freien Wagen die Rede sein, wie bei jenen Ausflugen nach Oberosterreich oder Steiermark, und so musste denn die eine der beiden Reisen unterbleiben, und durch neunzehn Jahre wurden die Monate August und September in Baden zugebracht. Noch einer bedeutenden Erscheinung in diesem geselligen Kreise muss ich erwahnen, des Frl. Adelheid Reinbold, Erzieherin der damals ganz jungen Flora Pereira, und spater als Schriftstellerin unter dem Namen Franz Berthold bekannt. Sehr blond, uppig und doch schlank gebaut, mit blendendweissem Teint, blauen Augen und frischer Jugendblute, erinnerte sie, - nicht an ein altdeutsches Gemalde auf Goldgrund, sondern an eine der vollen, reizenden Gestalten aus der Rubensschen Schule, und selbst ihre Art sich zu kleiden, obwohl in Form und Farbe wie die der andern Madchen, hatte etwas Eignes, ich mochte sagen, Lockendes an sich. Ubrigens war ihr Betragen anstandig, ihre Unterhaltung geistvoll, ihre Ansichten ganz die von der Partei [160] des Fortschrittes, und sie eine eifrige Verehrerin Napoleons. Mir sagte ihre Art zu denken nicht sehr zu, obwohl wir auf recht gutem Fusse standen, aber an meine Tochter schloss sie sich sehr an, und es schien ihrem mannlich entschlossenen Geiste, das echt Weibliche in der Gefuhlsweise Lottens bei einem klaren und doch gebildeten Verstande zu gefallen. Meine Tochter fand Vergnugen an Adelheids geistreichem Umgang, ihre Ansichten harmonierten aber zu wenig, um eine wahre Annaherung zu gestatten. Bald darauf verliess Adelheid auch das Haus der B. Pereira, ging nach Dresden, wurde mit Tieck bekannt, war viel um ihn und die Seinigen, und fing an, ihr Talent als Schriftstellerin unter dem Namen Franz Berthold zu versuchen. Mehrere Erzahlungen erschienen unter diesem Namen, und endlich ein grosserer Roman, dessen Inhalt die Rettung und der endliche Untergang des Konigs Sebastian von Portugal war, den Tieck bevorwortete und nach ihrem, von ihm sehr bedauerten fruhen Tode herausgab. Ohne die Besitznahme von Algier durch die Franzosen hatten wir vielleicht diesen Roman nicht bekommen. Jetzt wusste der Dichterin lebhafter Geist die Lokal- und Sittenschilderungen aus den franzosischen Berichten mit Einsicht, Kraft und Geschmack zu benutzen und so ein recht lebendiges und treffendes Gemalde jener Gegenden und Nationalsitten darzustellen. Die beiden Helden aber, der echte und der unechte Sebastian, der erste besonders, sind erbarmliche Charaktere, an Schwache und Unzuverlassigkeit noch tief unter den Helden der Frau von Stael. Es ist und war mir stets unbegreiflich, wie ein Weib, das doch weiblich fuhlen, und also das mannliche Geschlecht in seiner wahren Stellung und in seinem Verhaltnis zu uns erkennen [161] sollte, sich darin gefallen kann, das Weib hoher als den Mann zu stellen, diesen zur willenlosen Puppe zu erniedrigen, die Leben und Impuls von der Frau empfangt und doch von ihr - unbegreiflicherweise, leidenschaftlich geliebt wird. Es ist eine wunderbare, aber wie mich dunkt, traurige Bemerkung, dass, je mehr sich die Manner im geselligen Leben von den Frauen entfernen, den Umgang derselben verschmahen, bei Tabakrauchen und Mannergelagen sich am wohlsten fuhlen und, wie man vermuten konnte, kraftiger, gleich den Mannern der Vorzeit den ins Gynekaum verbannten Frauen gegenuber stehen sollten, je weniger Spur von kraftiger Mannlichkeit, von Ausdauer, von Mut in Gefahr oder fester Entschliessung bei dem jetzigen Geschlecht gefunden wird. Sein hochstes Bestreben scheint Lebensgenuss, und die raffinierteste Bequemlichkeit zu sein, zu deren Befriedigung die Entdeckungen der Wissenschaft, die Erfindungen der Industrie verwendet werden, und im struppigten Bart, in nachlassiger Haltung, Achtlosigkeit im Betragen gegen andere, besonders gegen Frauen, besteht die ganze Heldenkraft unserer Zeitgenossen. Und solche Manner dienen auch zu Idealen in den Romanen dieser Zeit. Doch genug davon! Zu den mancherlei dustern, bald wichtigern, bald unwichtigern Vorfallen dieses Jahres gesellte sich im Herbst noch eine schmerzliche Trennung von der, uns durch langjahrige Freundschaft verbundenen Familie des Barons (spater Grafen) von Rothkirch. Er wurde als General nach Klagenfurt befordert, und ich sah mit Betrubnis diese Freunde aus unserer Nahe scheiden, wohin sie nie mehr in diesem Sinne zuruckkehrten. Rothkirch hatte den Grafentitel nachgesucht und erhalten, [162] was einem Abkommling des Hauses, das schon im dreizehnten Jahrhundert die Mongolenschlacht mitgefochten, und alle seine streitbaren Manner auf dem Wahlplatz gelassen hatte, vollkommen gebuhrte. Aber eben dadurch wurde die Veranderung in unserer Stellung gegeneinander bedingt. Als Graf Rothkirch zehn oder elf Jahre darnach mit seiner Familie als provisorischer Chef des Generalstabes wieder nach Wien versetzt wurde, schlossen sie sich an die Hautevolee an, besuchten den Hof, die Gesellschaften des hohen Adels, und gehorten auf keine Weise mehr dem Mittelstande an. Obwohl ich nun als alte Freundin und Patin einer der Tochter des Hauses noch ofters hinkam und zu Familienfesten gezogen wurde, konnte sich das alte Verhaltnis nicht wieder herstellen, zu dem eine gleiche oder doch ahnliche Lebensweise, Einrichtung des Hauses, Wahl des Umganges usw. durchaus notwendig sind. Noch spater in diesem Herbst, schon gegen den Winter hin, reihte sich noch eine trube Begebenheit den fruheren dieses Jahres an. Luise Brachmann, die talentvolle Dichterin, die sich schon seit mehreren Jahren eines entschiedenen Rufes in Deutschland erfreute, war ein paar Jahre fruher in Wien gewesen, hatte mich aufgesucht, und wir gewannen uns gegenseitig lieb. Sie war bald einheimisch in dem ganzen Kreise unserer Bekannten geworden und brachte daher die meiste Zeit ihres Aufenthaltes in Wien in der Alservorstadt bei Richler, Arneth und uns zu, wo sie uberall die freundlichste Aufnahme fand und durch ihr Talent sowohl als ihre grosse Gutmutigkeit, ja selbst durch den, bei einer mehr als dreissigjahrigen Person auffallenden Mangel an Welterfahrung und Gewandtheit die herzlichste Teilnahme erregte. Ich habe meine Bekanntschaft [163] mit ihr und ihr trauriges Geschick in einem kleinen Aufsatze geschildert, den ich an die Baronin von Perin, ebenfalls eine geistreiche Schriftstellerin und meine vieljahrige werte Bekannte, gerichtet habe, weil eben Frau von Perin einst zugegen war, als bald nach Luisens Tode ein schonungsloser Aufsatz uber sie in einem norddeutschen Journal erschien, und wir uber sie sprachen. Mein Aufsatz ist in den Zerstreuten Blattern abgedruckt. Bald nach ihrer Ruckkehr von Wien nach Weissenfels, wo sie damals lebte, erhielt ich ein paar melancholische Briefe von ihr, in welchen sie sich unter andern sehr uber die Behandlung beklagte, welche sich Mullner, der Verfasser der Schuld, gegen sie und ihre Arbeiten in seinen Journalen erlaubte und ganz davon gedruckt schien. Nicht lange hernach kam die Nachricht, dass sie ihrem Leben ein Ende gemacht und sich in die Saale gesturzt habe. So kettete damals ein unfreundliches Ereignis sich dicht an die Fersen des andern und ich war gewissermassen froh, dass dies ungluckbringende Jahr bald zu Ende ging. Fussnoten Viertes Buch eintausendachthundertdreiundzwanzig minus eintausendachthundertdreiundvierzig [ 164] Viertes Buch1823-1843 [ 165][167] Noch ehe das vorige Jahr, das sehr heiss und trocken war, und auch uns im Innern unsers Hauses viel heisse Leidenstage gebracht hatte, ganz zu Ende war, fragte mich mein alterer Schwager, Franz von Kurlander, der uns von jeher ein lieber und treuer Freund gewesen war, ob er uns nicht einen seiner Amtsgenossen, den Landrat von Pelzeln, auffuhren durfe? Der Name dieser Familie war mir lange ehrenvoll bekannt gewesen. Des Landrats Vater, ein treuer Freund des beruhmten Vizeprasidenten von Sonnenfels und des grossen Tonsetzers Chevalier Gluck, war als Beamter und Schriftsteller sehr geachtet; dessen (des Hofrats) Bruder aber hatte als Geschichtsschreiber Bohmens sich in der gelehrten Welt einen bedeutenden Ruf erworben und wurde uberall mit grossem Ruhm, sowie uberhaupt die Familie mit Achtung genannt. Wir willigten daher sehr gern ein, die Bekanntschaft dieses Herrn Landrats zu machen, der so beruhmte Verwandte hatte und selbst, wie Kurlander und jedermann sagte, ein sehr achtungswurdiger Mann war. Ich vermutete eine literarische Neugierde in dem Abkommling zweier Schriftsteller und dachte an nichts weiters, als Kurlander uns eines Nachmittags den jungen Herrn Landrat vorstellte, der, ohne im geringsten schon zu sein, durch Gesichtszuge, welche Geist und feines Gefuhl verrieten und durch einen gefalligen Anstand Wohlwollen einflosste. Nicht ohne, einiges Erstaunen ward ich aber gewahr, dass der neue Bekannte, statt, wie ich glaubte, sich um literarische Gegenstande zu bekummern, ein Gesprach [167] uber Grillparzers Sappho und Melitta mit meiner Tochter begonnen und sich recht darin vertieft hatte. Er kam von nun an ofters, und war uns stets ein willkommener Besuch, indem wir nach und nach in ihm einen sehr rechtlichen und zugleich mit der altern und neuern Literatur bekannten Mann und hochgebildeten Geist erkannten. Gegen das neue Jahr zu trat nach lange milder Witterung scharfe Kalte ein, und es fiel eine ungeheure Menge Schnee, welche gegen sechs Wochen liegen blieb. Wir lebten etwas einsamer in dieser Zeit, weil Besuche in der Vorstadt nicht ohne Beschwerlichkeit waren; aber der neue Bekannte fand den Weg nicht zu muhsam und erschien gegen meine Erwartung ofters an stillen Abenden bei uns, wo wir uns ganz allein oder nur in Gesellschaft unsers verehrten Freundes Vierthaler befanden. Ich konnte nicht umhin zu bemerken, dass Pelzeln meiner Tochter viele Aufmerksamkeit beweise; ich sprach mit Pichler daruber, wir zogen Erkundigungen ein. Sie fielen alle zum Vorteil des besprochenen Mannes aus, der jetzt schon eine bedeutende Stelle bekleidete, bei seinen Talenten und dem Rufe, dessen er genoss, wahrscheinlich eine glanzende und schnelle Laufbahn machen konnte, und dessen Charakter, soviel es uns zu beurteilen moglich war, wie jedermann, der ihn genauer kannte, bestatigte, unsers einzigen Kindes Lebensgluck an seiner Seite zu sichern schien. Ruhig sahen wir daher zu, wie die Gemuter sich einander naherten, und der Gedanke, von einem so wurdigen Manne geliebt zu werden, zuerst wieder einige Freudigkeit und Selbstzuversicht in meiner Tochter Herzen weckte. Denn die Art, wie Pr. sich in den letzten anderthalb [168] Jahren gegen sie betragen und sie zur Aussprechung ihrer Trennung gezwungen, hatte die dustere Uberzeugung in ihr erregt, dass sie nicht imstande sei, einem bedeutenden Manne bleibende und begluckende Neigung einzuflossen. Wohl hatte sie von jeher, seit sie in der Welt aufgetreten, viele Verehrer und einige bedeutende Freier gehabt, jene aber hatten grossenteils, vermoge ihrer Stellung in der Welt keinen Anspruch auf die Hand eines Madchens, wie Lotte war, machen konnen, und fur diese hatte ihr Herz zu wenig gesprochen. Um so mehr Eindruck machte also bei ihr die Bewerbung eines Mannes, der mit einem ausgezeichneten Charakter eine angenehme Gestalt und eine jetzt schon bedeutende Stellung in der Welt verband. Die Sache ging ihren Weg. Pelzeln warb formlich bei uns um sie, und auf den Fruhling war die Hochzeit festgesetzt. So sehr diese gluckliche Wendung der Dinge, die oft der Gegenstand meines innigsten Gebetes zu Gott und zur heiligen Jungfrau gewesen war, von deren Muttergefuhl ich verstanden zu werden und wo moglich durch ihre Furbitte Hilfe zu erhalten gewunscht und gehofft hatte, mein Herz beruhigte und uns betagten Eltern die trostende Versicherung gab, unser einziges geliebtes Kind nach unserm, vielleicht nahen Hinscheiden unter dem Schutze eines edeln und liebenden Gemahls versorgt zu wissen, - so konnte ich damals - und kann noch jetzt nicht umhin, mich uber die sonderbare Erscheinung in dem Herzen meiner Tochter zu wundern, wie es namlich diesem Herzen moglich war, nachdem es unlangst einen Jungling wie Pr. geliebt und allem Anscheine nach leidenschaftlich geliebt hatte, nun in nicht langer Zeit darnach mit warmem Gefuhl einen [169] andern zu umfassen, der in allen Stucken und nach jeder Seite hin das Widerspiel des vorigen war. Nur die einzige Erklarung bot sich mir bei naherer Betrachtung dar, dass jene Neigung mehr durch die blendenden Eigenschaften, jugendliche Wohlgestalt und eine ubergross gezeigte Leidenschaft entstanden, folglich mehr auf Phantasie als auf den wirklich erkannten Charakter des glanzenden jungen Mannes gegrundet, und eben durch dessen ungleiches, ratselhaftes Betragen in gleicher Warme erhalten worden war. Sowie Zeit und bittere Erfahrungen das Madchen uber die wahre Sinnesart des Geliebten enttauscht, und er aufgehort hatte, der Halbgott zu sein, den sie fruher in ihm gesehen, wandte sich ihr ganzes Wesen heftig von ihm und von allem ab, was ihm glich, und kehrte sich gerade dem Entgegengesetzten zu. So allein kann ich mir diesen ganzlichen Absprung der Empfindung in einem, ubrigens ganz reinen und wahren Madchenherzen erklaren. Nun begann eine frohe, aber sehr geschaftige Zeit fur mich. Die Ausstattung der Tochter, die Einkaufe, die Besprechungen mit Handwerkern und Arbeiterinnen, Besuche und Gegenbesuche erhielten mich in reger Spannung, und endlich kam die Zeit der Vermahlung heran. Pelzeln lebte mit seiner Mutter, der Witwe des Hofrats, einer sehr verstandigen, erfahrnen Frau, die ihren Sohn ausserordentlich, wie er es verdiente, liebte, und ebenso warm von ihm geliebt wurde. Es war also von vornherein ausgemacht, dass meine Tochter nebst der Schwiegermutter bei ihrem Manne leben, und sogleich nach der Hochzeit zu ihnen ziehen sollte, weil vorderhand die Wohnung gross genug war und fur den Herbst eine andere gesucht werden sollte. Demgemass wurden die Anstalten getroffen, und Pelzeln entschloss [170] sich, wofur wir Eltern ihm herzlich dankbar waren, in unserm Hause das zweite Stockwerk fur nachsten Winter zu beziehen. Das war mehr Freude, als ich erwartet hatte, denn ich hatte mich bereits ganz darauf eingerichtet, mein Kind nun oft einen oder mehrere Tage nicht zu sehen, wegen der Entfernung von der Stadt. Unsere Freunde Zay hatten, vermoge ihrer wahren Anhanglichkeit an uns, beschlossen, bei der Hochzeit unsers lieben Kindes gegenwartig zu sein, und so machten sie denn zu diesem Ende die Reise von Bucsan hierher, und die Vermahlung wurde am zwanzig April, an dem Tage, an welchem mehr als funfzig Jahre fruher meine teuern Eltern getraut worden waren, gefeiert. Die Gesellschaft war nicht sehr zahlreich; ausser des Brautigams Mutter, der verwitweten Hofratin, und den guten Zay, noch meines Mannes Bruder, der Buchhandler samt seiner Frau, meine beiden Schwager Kurlander samt des jungern Frau, der ehemaligen Fraulein Schechtern, die er drei Vierteljahre vorher geheiratet hatte, und die Beistande - auf Pelzelns Seite zwei seiner Jugendfreunde, Hofrat von Burgermeister und Appellationsrat von Schmerling; fur Lotten ihr Oheim Pichler und unser hochverehrter Freund Regierungsrat Vierthaler. Franz Kurlander war Brautfuhrer, als der einzige unverheiratete mannliche Verwandte, und Fraulein Jeanette von Maillard ubernahm das Amt der Kranzjungfer. Es war ein schoner, ein unvergesslicher Tag, an dem ein paar gute, rechtliche, sich warm liebende Menschen vor Gottes Thron durch Priesters Segen fur ihr ganzes Leben vereinigt wurden. - Ach, leider dachte wohl Niemand der Anwesenden daran, dass diese Verbindung [171] nur wenige Jahre wahren sollte! So begann diese Ehe unter glucklichen Auspizien. - Lotte war damals ihrem Brautigam von ganzem Herzen zugetan und achtete ihn ausserordentlich; - leidenschaftlich verliebt aber schien sie mir nicht, und gerade diese ruhigere Neigung war ihrer Gemutslage und den kaum verwischten fruheren Eindrucken gemass. Spaterhin wuchs sie im Zusammenleben mit dem edlen, geistvollen und treuen Lebensgefahrten bis zu einer Hohe der Leidenschaftlichkeit, uber welche wir Eltern, wenn wir alle Verhaltnisse und Umstande erwogen, uns nicht genug wundern konnten, aber freuen mussten. Pelzelns Mutter, eine krankliche und an ein ausserst stilles, einsames Leben gewohnte Frau, hatte sich bei der Trauung in der Kirche - es war den Tag vorher ein starkes Gewitter gewesen und die Luft sehr abgekuhlt - erkaltet. Sie zog gleich nach der Hochzeit in ihre Landwohnung nach Modling, wo sie jeden Sommer allein zubrachte, und ihr Sohn sie nur jeden Samstag abends besuchte und bis Montag fruh bei ihr verweilte. Dort wurde sie ziemlich ernstlich krank, was den Sohn und somit auch Lotten mit grosser Besorgnis erfullte. Sie erholte sich indes bald, und so dauerte die angenehme Stille in unserer Familie bis zum Juli, wo plotzlich der jungste und letzte Bruder meines Mannes, eben der, welcher Zeuge bei meiner Tochter Trauung gewesen, gefahrlich erkrankte und in wenig Tagen starb. Mein Mann hatte ihn sehr geliebt; er hatte, aus Liebe zu ihm, grosse Opfer gebracht, deren fur uns nachteilige Folgen sich noch bis nach dreissig Jahren erstreckten. Er war also viel mehr durch diesen Verlust gebeugt, als fruher durch den des alteren geistlichen Bruders. [ 172] Zum ersten Male reiste ich nun allein nach Ungarn zu meinen Freunden, traf dort noch einmal mit der teuern Therese zusammen, die jetzt ihre Zeit zwischen ihrer Schwester Minna, welche in Agram lebte, und ihrer Freundin Zay teilen und sich wechselweis bald bei dieser, bald bei jener aufhalten wollte und erfreute mich das letztemal an ihrem so liebenswurdigen, so begluckenden Umgange. Auch hier dachte ich nicht, dass dies Band so bald reissen werde; aber gerade diese vielfachen Reisen, diese Fatiguen, denen die Krafte der alternden Freundin nicht mehr gewachsen waren, mochten viel zu ihrem bald darauf erfolgten Tode beigetragen haben. Damals also, i. J. 1823, waren wir noch recht froh beisammen, und ich genoss den durch die Umstande ziemlich verkurzten Aufenthalt recht vergnugt in diesen freundlichen Umgebungen. Nach Wien zuruckgekehrt, wurden Anstalten zum Sejour in Baden gemacht, der meinem Manne das vorige Jahr so sehr zugesagt hatte, und wo er seine Ferien heuer zuzubringen beschloss. Meine Tochter wohnte wahrend dieser Zeit auch nicht fern von uns, in Modling, mit ihrem Manne, der ebenfalls seinen Urlaub bei seiner Mutter zubrachte, und wir sahen und genossen uns wahrend dieser Zeit viel ofter, als geschehen ware, wenn Pelzeln in Wien geblieben ware. Schon vor langerer Zeit, schon wahrend des Befreiungskrieges, hatte ich von der, in ganz Deutschland und wohl auch in Frankreich bekannten und beruhmten Frau Helmina von Chezy einige Briefe erhalten und beantwortet. Sie war damals in den Rheingegenden bei den preussischen Spitalern beschaftigt gewesen und hatte sich durch gutgemeinten, aber wenig uberlegten [173] Eifer viele Verdriesslichkeiten zugezogen. Jetzt war sie nach Wien und von da nach Baden gekommen, wo sie, begleitet von ihren zwei Sohnen, mich freundlich aufsuchte. Ich hatte sie mir anders vorgestellt und fand eine kleine, untersetzte Frau mit sprechenden Augen und freundlichen Zugen, die in fruhern Jahren hubsch gewesen sein mochten, denen man aber jetzt nicht bloss die Spuren vorgeruckten Alters (sie mochte zwischen 40-50 Jahre alt sein), sondern einer nicht sorgenfreien, nicht bequemen Existenz ansah. Auch antwortete sie mir, als ich fragte, wo ihr gewohnlicher Aufenthalt sei (denn damals war sie von Dresden gekommen): ich habe keine Heimat! Ich kann nicht sagen, wie wehmutig mich dies Wort ergriff! Keine Heimat! Eine Frau von Geburt (eine Baronesse Klencke), von ausgezeichnetem Talent und mit zwei herangewachsenen Sohnen, die erzogen und versorgt werden sollten! Das war es auch vermutlich, was sich mir sogleich in ihrer ersten Erscheinung zeigte, diese Entfremdung von aller geregelten Hauslichkeit und Stetigkeit des Lebens; dieser ihrer Herkunft und Stellung fast widersprechende Anzug, - ihr, wenn ich so sagen darf, weather-beaten shape, wie man von Soldaten oder Seeleuten sagt: weather-beaten features! Ubrigens musste die geistige Bildung, die sich in ihrem Gesprache zeigte, sowie eine ausserordentliche Gutmutigkeit, welche sie so oft bewog, bei Notleidenden oder solchen, die sie unterdruckt glaubte, als Helferin und Retterin aufzutreten, fur sie gewinnen. Von da an blieb Frau v. Chezy einige Jahre in Wien, nachdem sie vorher in Berlin, Paris, Dresden usw. gelebt hatte, und spater wieder sich in Oberosterreich, Paris, Munchen, Stuttgart usw. abwechselnd aufhielt. Sie schien [174] sich in Wien wohlzugefallen. Vorzuglich schloss sie sich an die Familie Schlegel an, die sie noch aus Paris kannte und dort einige Zeit mit ihnen gelebt hatte, und auch in dem Kreise der Frauen von Pereira und Ephraim ward sie bald heimisch, und so sahen wir uns denn ofters, teils in diesen Hausern, teils bei mir. Da mein Geist von der druckenden Spannung, in welcher ihn das peinliche Verhaltnis meiner Tochter zu Pr. durch ein paar Jahre gehalten hatte, nunmehr frei geworden war, indem ich dieses einzige, geliebte Kind an der Seite eines trefflichen Gemahls versorgt und glucklich sah, erwachte auch wieder die Lust, etwas zu schaffen, und da der historische Roman durch Walter Scott jetzt solchen Anklang gefunden hatte, wollte auch ich mich in diesem Fache versuchen und wahlte einen vaterlandischen Stoff: >> Die Belagerung Wiens (1683)<<. Dazu suchte ich mir nun die Daten aus Geschichts- und Chronikbuchern zusammen, las fleissig und bewarb mich auch um Auskunft uber die Lokalitaten; denn ich bin uberzeugt, dass ohne Autopsie, ohne genaue Kenntnis des Schauplatzes, auf welchem man eine Geschichte vorgehen lasst, nie eine naturgetreue, lebendige Schilderung zu erreichen ist. So begab ich mich denn mit Lust und Liebe an meine neue Arbeit, und so entstand dieser Roman, in welchem ich einzelne Zuge von mir bekannten Charakteren und einzelne Ereignisse, die ich erlebt, aufgenommen habe. Madame de Montolieu, die schon meinen >> Agathokles<< ins Franzosische - mit Haut und Haar ubersetzt, das heisst, verfranzosiert hatte, wofur ich ihr nicht viel Dank wusste, hat auch den Siege de Vienne ins Franzosische ubertragen, aber doch bei weitem treuer und naturgemasser. Beim Agathokles liess sie alles, was von Reflexion uber Religion, [175] uber damalige Lebensverhaltnisse, Begebenheiten usw. vorkommt, ohne weiters aus, und gab nur die Fabel des Buches, indem sie mich in einem, ubrigens recht freundlichen, ja mutterlichen Briefe - denn wir standen damals im J. 1814-15 ungefahr in unserm Alter so zueinander - versicherte, dass sie diese Auslassungen und Veranderungen habe vornehmen mussen, um den Roman nach dem Geschmack ihrer Landsleute einzurichten, womit sie diesen, wie ich glaube, kein Kompliment gemacht hat. Nach dieser verstummelten Ubertragung hat ihn dann auch Herr Rasori ins Italienische ubersetzt, dies aber nicht bekannt, sondern vermuten lassen, dass es ein Originalwerk von ihm selbst sei. Im kommenden Herbst zog meine geliebte Tochter mit ihrem Manne und ihrer Schwiegermutter in unser Haus. Sie durfte damals schon auf Mutterfreuden hoffen, und wir waren sehr froh uber alle diese gunstigen Wendungen unserer hauslichen Verhaltnisse. Auch hatte ich auf ein oftmaliges Zusammensein nicht bloss mit meiner Tochter, sondern auch mit Pelzeln und seiner Mutter gehofft. Aber diese Erwartung schlug fehl. Die Mutter war kranklich, ging wenig aus, und kam also auch nur selten zu uns herab. Lotte war oft bei uns, ging damals auch noch zuweilen mit uns zu ihren fruhern Bekannten; aber dies horte bald auf, denn ihr Mann sah es nicht gern, und es schien eine Art von System bei ihm zu sein, sie ihrem vorigen Kreise ganz zu entfremden und sie dafur in dem seinigen einheimisch zu machen. Dass mir das nicht ganz lieb war, lasst sich begreifen. Da aber des Schwiegersohnes ubrige Eigenschaften so schatzbar waren, und meine Tochter sich an seiner Seite je langer, je glucklicher[176 ] fuhlte, gingen wir uber jene Verschiedenheit der Meinungen hinaus. * * * Das neue Jahr begann unter truben Auspizien, und es bewahrte sich auch als ein fatales in seinem Verlaufe. Meine Tochter, bereits im funften Monate ihrer Schwangerschaft, erkrankte schwer an einer Verkaltung, die eine Unterleibsentzundung nach sich zog, in welcher ihr zweimal Egel gesetzt werden mussten. Diese Krankheit, verbunden mit dem Zustand, in welchem sie sich seit funf Monaten befand, flosste uns allen unnennbare Angst ein. Die geschickte und teilnahmsvolle Behandlung unsers Arztes und alten Freundes, des Barons von Turkheim, rettete sie diesmal, wie er sie schon mehrmal in der Ruhr und im Scharlachfieber gerettet hatte. Sie genas, konnte am neunten Tage schon auf eine Stunde aufstehen und besserte sich nun schnell. Aber die Frucht, welche sie in sich trug, fuhlte doch die Ruckwirkung des Sturmes, der den Korper der Mutter erschuttert hatte. Sehr leicht und glucklich wurde diese - nach unser aller Rechnung vielleicht um vierzehn Tage zu fruh - von einem zwar gesunden, aber sehr kleinen und schwachlichen Knaben entbunden, der in der Taufe den Namen Theodor erhielt. Die Mutter war nicht imstande, ihn zu stillen, wohl der eigenen, zuruckgebliebenen Schwache willen. Er bekam eine Amme und versprach ein schoner Knabe zu werden, denn seine Zuge waren angenehm. Noch war er aber nicht drei Monate auf der Welt, als sich ein Sturm anderer Art uber uns erhob. Mein Schwiegersohn, durch amtliche Verhaltnisse bestimmt, war[177] am Ratstische durch eine vielleicht unuberlegte, aber sehr verletzende Rede seines damaligen Chefs beleidigt worden. Er konnte sich nicht entschliessen, langer in diesem Collegio zu dienen und suchte hohern Orts um eine Versetzung in ein anderes Kollegium an, die zugleich eine Beforderung ware. - Sein Wunsch ward ihm gewahrt, denn seine Verdienste waren bekannt, aber nicht so, wie wir und vielleicht auch er gewunscht hatten. Er wurde zum Appellationsrat ernannt - in Prag, und sollte im Herbste Wien verlassen und sich auf seinen neuen Posten verfugen. Ich finde, im eigentlichen Sinn, keine Worte, um zu bezeichnen, wie diese Nachricht, welche mein Mann eines Mittags nach Hause brachte, auf mich wirkte. Ich war nicht - wie man ofters sagt - vom Donner geruhrt, ich war im eigentlichen Sinn vernichtet. Mein einziges, mein mir so teures und mit Recht geliebtes Kind, die Mutter eines holden Enkels, samt diesem zu verlieren, sie aus meiner Nahe fur lange, vielleicht fur immer scheiden zu sehen, ohne andere verlassliche Aussicht, als hier und dort in einem oder andern Jahre einen kurzen Besuch - und das jetzt, wo ich mich erst wieder recht an sie gewohnt, und in die susse Gewissheit, unter einem Dache mit ihr zu wohnen, hineingelebt hatte! Meinem argsten Feinde mochte ich die Gefuhle nicht wunschen, welche die folgenden Tage und Nachte mein zerruttetes Gemut besturmten. Schlaflos, unter peinlichen Traumen, verschlichen die Nachte; am Tage mahnte jeder Gegenstand, jeder Blick auf meine Tochter mich an den nahe drohenden Verlust. Dass ich meine Zuflucht im Gebete zu Gott nahm, dass ich ihn um Ergebung in seine Fugungen, um Erleuchtung auf meinem nachtlich gewordenen Pfad anflehte, war wohl [178] naturlich. Am dritten Tage endlich ward mir in diesem Sinne Erhorung, und ich erkannte abermals, wie schon oft, die Kraft und den Nutzen des Gebetes. Es war, als riefe eine leise, aber vernehmliche Stimme in meinem Innern mir zu: Du hast deine Tochter zu sehr geliebt, hast zu sehr dein Gluck auf sie gebaut, und das solltest du nicht, denn des Menschen Herz soll nie am Irdischen so fest hangen, darum entzieht dir sie Gott auf eine Weile oder auf lange. Jetzt ward es mit einem Male Licht in meiner Seele, und die schmerzlichen Dissonanzen: warum denn diese Trennung statthaben und ich mein Kind verlieren sollte, nachdem es ohne jenes Streben ihres Mannes nach einer andern Anstellung so wohl hatte in meiner Nahe bleiben konnen? - losten sich in eine ruhige, klare Schlusskadenz auf, dass das zum Besten meiner Seele sei - und wenn gleich mein Schmerz derselbige blieb, so wurde er von diesem Augenblick an ruhig und ergeben. Wie wahr empfand ich die Worte Fenelons: Tant qu'on veut le mal qu'on souffre il n'est point mal. Pourquoi en faire un vrai mal, en cessant de le vouloir. So ergab ich mich denn in den Willen Gottes, und sah mit tiefem, aber ruhigem Schmerz die Vorbereitungen zur Abreise meiner Kinder, welche im September statthaben sollte, und die Schwiegermutter ging, wie naturlich, mit ihrem Sohn ebenfalls nach Prag. Uns riefen die Badner Bader, deren mein Mann jetzt im eigentlichen Sinn jedes Jahr bedurfte, von Wien ab, noch ehe Pelzelns Abreise erfolgen sollte. Das tat unserer armen Lotte zu weh, sich jetzt schon von den Eltern, deren alles und Liebstes sie war, trennen, und jene sobald allein zu lassen. Sie entschloss sich daher zu [179] einem grossen Opfer; sie liess ihren Mann samt seiner Mutter und ihrem Kinde abreisen, das unter dieser Aufsicht wohl geborgen war, und kam zu uns nach Baden, um noch ein paar Wochen mit uns zuzubringen. Wir hatten dies durchaus nicht von ihr verlangt, ja wir weigerten uns beide ernstlich, dies Opfer anzunehmen, weil sich nicht ohne Grund voraussehen liess, dass es ihr von einigen Personen werde ubel gedeutet werden; aber ihre kindliche Pietat uberwand diese Rucksichten, und so blieb sie denn ein paar Wochen bei uns, die wir mit wehmutiger Freude genossen. Sie empfand schon damals, dass sie abermals werde Mutter werden, und die Unpasslichkeiten, welche ihr der Anfang jeder Schwangerschaft verursachte, trubten ebenfalls unsere letzten Freuden. Ein paar Bekanntschaften machten wir wahrend dieses Aufenthaltes in Baden, die sich dann auch in Wien dauerhaft an uns anschlossen und uns manche angenehme Stunden verschafften. Es waren ein Herr v. Graffen, aus Hamburg geburtig, der hier Resident seiner Vaterstadt war, und ein Herr Hulsemann aus Hannover. Beide sehr gebildete und artige junge Manner. Graffen, bei weitem der Bedeutendere unter ihnen, hatte wahrend des Freiheitskrieges in der hanseatischen Legion gedient, weshalb wir ihn unter uns den Hanseaten nannten, sowie er von einer Eigenheit seines Geistes, jedem Dinge aufs genaueste nachzuforschen, besonders im wissenschaftlichen Sinne, den Beinamen: Herr von Grundlich erhielt. Wir kehrten hierauf noch mit Lotten nach Wien zuruck, und es war uns eine grosse Beruhigung, dass zwei Schwestern ihrer Tante Pichler, der Witwe des Buchhandlers, samt dem Sohn derselben, dem Kousin [180] Lottens, gerade damals nach Prag reisten und meine Tochter mitnahmen. So war sie doch unter Freunden und Bekannten nach ihrer ersten Trennung von uns. Wie weh mir war, als ich mich endlich allein im Hause fand - brauch ich nicht zu schildern. Aber ein grosser Trost wurde mir durch den glucklichen Zufall, dass meine teure Freundin Schlegel, als sie vernahm, dass die Wohnung in unserm Hause leer geworden, sich entschloss, dieselbe zu beziehen. Ihre Nahe, ihr Umgang, die mannigfachen Ressourcen, welche ein gebildeter Mensch in diesem Hause finden konnte, das von so vielen bedeutenden einheimischen Personen und von den meisten interessanten Fremden besucht wurde, und vor allem die Freundschaft, die herzliche Teilnahme und der fromme Sinn Dorotheens taten meinem wunden Herzen unendlich wohl, und ich konnte ihren Entschluss, zu uns zu ziehen, nur als eine, zu meinem Troste gelenkte Fugung Gottes betrachten. * * * Unser Leben war von nun an stiller als zuvor. Schon im Jahre eintausendachthundertdreiundzwanzig hatten wir, weil Karl Kurlander und meine Tochter geheiratet und das Haus verlassen hatten, uns enger zusammengezogen und einen Teil der Wohnung an einen alten Bekannten und Freund vermietet. Nun war ich oft in dieser engern Umgebung den ganzen Tag allein, denn Pichler ging zeitlich ins Bureau, kam nur zur Essensstunde nach Hause, und verliess dies wieder nach dem Essen, um spat, oft gegen neun Uhr erst, wiederzukehren. Obgleich ich von Kindheit an stets gern allein war, und sogar ein Bedurfnis fuhlte, taglich einige Stunden vollig einsam zuzubringen, so war es mir doch eine Erholung und Freude, [181] jetzt recht oft - beinahe taglich - meine liebe Hausgenossin, Frau von Schlegel, zu besuchen. Am oftesten geschah dies abends, wo ich denn meistens angenehme Gesellschaft fand, wie Herrn von Klinkowstrom (den Vorsteher einer musterhaften Erziehungsanstalt in unserer Nahe), dessen Schwagerinnen Fraulein von Mengershausen, sehr angenehme Frauenzimmer; Herrn v. Bucholtz, einen sehr gebildeten, ja gelehrten und uberaus achtungswerten jungen Mann, der mit seinem Freunde Hulsemann oft kam; Frau von Dore, ehemals Fraulein Caspers; Herrn Fendi, den geistreichen Maler, und sonst noch mehrere, teils hiesige, teils durchreisende Gelehrte, und ausgezeichnete Menschen. Sehr oft erschien auch die Grafin L..a, die aber, wenn sie kam, stets eher den Herrn vom Hause in seinem Schreibezimmer besuchte, was wir meist dadurch erfuhren, dass der Bediente ihre Arbeit brachte und indessen bei der guten Schlegel niederlegte, die denn, klug und taktvoll wie sie war, dies dem Anschein nach ganz gleichgultig geschehen liess, und der Dame, wenn sie endlich zu uns heruber kam, freundlich begegnete. Diese Andeutungen mogen dazu dienen, die Stellen von Schlegels treuer und ausschliessender Liebe zu seiner Frau zu beleuchten, welche sich in dem etwas exzentrischen Aufsatze >>Friedrich und Dorothea von Schlegel<< finden, der bald nach dem Tode dieser unvergesslichen Freundin in der Allgemeinen Zeitung stand. In diesem Kreise fand ich die befriedigendste Unterhaltung, sowie ich in der edlen Schlegel herzlichen Neigung zu mir, in ihrem frommen Sinn und ihrer Achtung fur Hauslichkeit und stilles Walten, Nahrung fur mein Herz fand. Dorothea wusste ebenso richtig[182] uber ein neu erschienenes literarisches Produkt, wie uber die Zurichtung einer Speise, uber irgendeine hausliche Arbeit zu urteilen, und bei ihr tat weder die Hausfrau der Schriftstellerin (denn sie hatte fruher, aber nicht unter ihrem Namen, den Roman Florentin und manches andere erscheinen lassen) noch diese jener in ihrer prosaischen, aber nutzlichen, ja notwendigen Wirksamkeit Eintrag. Und alle diese schonen Eigenschaften waren durch eine warme Frommigkeit und stille Heiterkeit eines klaren, selbstbewussten Geistes verklart. Wohl konnte es mir nicht einfallen, das Ubermass von Frommigkeit, in das sich Frau von Schlegel hineinverloren hatte, und das sie den Ansichten der Ligorianer, uberhaupt dem Ultramontanismus so geneigt machte, zu billigen oder wohl gar zu verteidigen; ebensowenig als manche falsche Eingebung ihres jugendlichen Herzens, die sie zu vielem Tadelnswerten verleitete. Fur mich existierte Dorothea nur, seit ich sie kennen gelernt, seit 1808, und da waren jene Verirrungen voruber, zum Teil vergessen, zum Teil vergutet durch ein musterhaftes Betragen. Doch kann ich nicht umhin, zu erwahnen, dass manchmal ihr ein Wort, eine Andeutung entschlupfte, die man wohl dafur auslegen konnte, dass ihr Gewissen ihr uber jene Begebenheiten noch zuweilen Vorwurfe mache und ihre zu weit getriebene Frommigkeit, ihr Versinken im Hyperkatholizismus von diesem beunruhigten Gewissen herruhre, das darin Bussung, Trost, Ruhe gesucht. Noch eine andere freundschaftlich gesellige Erheiterung ward mir damals dadurch, dass meine alteste Jugendfreundin, Fraulein von Ravenet, die im Hause der Grafin Esterhazy in Pressburg als Erzieherin gelebt, gerade ein Jahr, nachdem meine Tochter geheiratet, [183] also im Mai 1824, nachdem sie die Erziehung ihrer Eleve vollendet und diese an den Altar begleitet hatte, nun selbst ihre Hand einem Manne reichte, den sie lange gekannt und geschatzt hatte, und der ihr durch fünfundzwanzig Jahre eine unverbruchliche Treue hielt. Es war Herr Schodelberger, der als Schulmann, als Kunstler und als Mensch sehr achtungswert, einer unserer bedeutendsten Landschaftsmaler, und im Umgang, trotz einiger Trockenheit, geistvoll und unterrichtet war. Diese werte Freundin besuchte uns ofters des Abends, wo denn mein Mann uns die neuesten Erscheinungen der schonen Literatur vorlas, bis Schodelberger kam, seine Frau abzuholen und wir mit ihm noch ein Stundchen verplauderten. So gestaltete sich mein Leben ausserlich recht freundlich, und ich konnte diese angenehmen geselligen Verhaltnisse nur mit innigem Dank gegen die Vorsicht, welche mir diese Trostung und Erheiterung zugesendet, anerkennen. Aber dennoch blieb die tiefe Wunde, welche mir die Trennung von meinem einzigen Kinde geschlagen, offen und blutete fort, und ein Mollakkord tonte aus der Tiefe meines Herzens durch alle diese Zerstreuungen und Annehmlichkeiten durch. Ich mochte dieses Durchtonen mit der Wirkung eines Chores in Handels Oratorium Acis und Galathea vergleichen, das ich in meiner Jugend auffuhren horte, als Baron van Swieten im Verein mit Furst Dietrichstein und Schwarzenberg mehrere Kompositionen dieses grossen Meisters unter Mozarts Direktion, der die Blasinstrumente zu diesen, so hochst einfachen Kompositionen hinzugefugt hatte, dem Publikum zu geniessen gab. In jenem Chor nun, den die Hirten anstimmen, um Galathea uber Acis Tod zu trosten, tont [184] das Wort tot durch alle andern Melodien und Worte, die der Chor noch spricht und singt, wie ein erschutternder Grundton hindurch und macht einen unglaublichen Effekt. Unsere Weihnachtsbescherung war, da meine Tochter nicht mehr dabei sein konnte, abgestellt worden, aber am heil. Dreikonigstag veranstaltete ich einen andern Scherz. - Es wurden zwei Torten gebacken, in jeder derselben eine Bohne verborgen, und nun die Stucke unter die Gesellschaft - von der einen den Frauen, von der andern den Herren - ausgeteilt, damit Konig und Konigin zugleich gewahlt wurden. Sehr belustigend fur alle war es, dass dies Los Herrn Friedrich von Schlegel und Frau von Arneth (ehemals Adamberger) traf, und nun beide ihre Rollen mit gutmutiger Laune zur Freude der Gesellschaft ausfuhrten. In der folgenden Fasten wurde Grillparzers Ottokar aufgefuhrt, als Benefize der Regisseurs. Wir nahmen mit Karl Kurlander gemeinschaftlich eine Loge, und wohnten der Auffuhrung mit lebhaftem Anteil bei. Sehr spannend und ergreifend waren die ersten zwei Akte, wo Siege und Glucksfalle sich zu uberbieten scheinen, um Ottokars Macht und Ruhm zu vergrossern. Der dritte Akt, wo der Auftritt mit dem Zelte vorgeht, dessen Zeltschnure der boshafte Zawisch abschneidet, liess schon etwas kalter. Im vierten Akt beruhrte, mich wenigstens, der Anblick des von seiner stolzen Hohe herabgeschleuderten Konigs, der da unmutig, fast verzweifelnd, vor dem Tore seines Schlosses in Prag liegt, hochst unangenehm, besonders da noch seine Frau und ihr Buhle (jener Zawisch) auftreten und ihn gleichsam fur das, was er getan, ausschelten. Es scheint mir dies Ausschelten des Helden [185] eines Stuckes - mag er es ubrigens verdient haben oder nicht - immer etwas, was dem Interesse, das man bisher an ihm genommen und daher auch dem Stucke Eintrag tut. Die Strafpredigt, welche Medea in dem Trauerspiele Grillparzers dem, ebenfalls am Boden liegenden Jason halt - wirkt ebenso, und in einem freilich geringeren Masse auch die Ermahnung, welche Theramenes in der Sappho dem Phaon halt. Dahin gehort, meinem Gefuhle nach, auch die Szene im Trauerspiele meines unvergesslichen Freundes Collin: Maon, wo Maon vor seinem Oheim Odenat am Boden liegt, und dieser ihm in Zenobias Gegenwart, die der junge Held heimlich liebt, den Fuss auf den Nacken setzt. Bei mir, wenn ich an Zenobias Stelle gewesen ware, hatte eine sehr robuste Liebe dazu gehort, um bei solch einem Anblick noch auszuhalten und den schimpflich Gedemutigten noch ferner zu lieben. Doch wir kehren zum Ottokar zuruck, dessen Interesse im vierten und auch im funften Akt merklich abnahm. Dazu dauerte auch das Stuck ungewohnlich lange, und da doch fast jedermann noch den Epilog und das Erscheinen der Regisseurs erwarten wollte, wurde es elf Uhr, bis alles zu Ende war. Das Stuck wurde indes doch sehr beklatscht, der Verfasser gerufen, der, wie naturlich, nicht erschien, und alles sehr beifallig aufgenommen. In Prag erklarte man sich sehr gegen das Stuck. Die untergeordnete Rolle, welche der wilde, gewaltsame Ottokar, den sein Ehrgeiz und ein boses Weib rucksichtslos forttreiben, neben dem wurdigen, ruhigen, weisen Rudolf spielt, das Licht, in welchem er seiner Frau und ihrem Buhlen gegenuber erscheint, endlich manche Roheiten und geringschatzige Reden, die er[186] sich selbst gegen seine Bohmen erlaubt, wenn er ihnen ihren Mangel an Kultur im Vergleich mit den Deutschen vorwirft - alles dies reizte und verletzte den Nationalstolz der Bohmen. Und wenn ich schon sagen muss, dass dies die Nationaleitelkeit gegenuber einem trefflichen Werke, das noch dazu ziemlich der geschichtlichen Wahrheit getreu ist, zu weit treiben heisst, wenn ich gleich selbst uber diese Verletzbarkeit des bohmischen Nationalgefuhls zu klagen habe - denn dies Gefuhl, und nur dies war schuld, dass im Jahre 1816 mein Kaiser Ferdinand nicht aufgefuhrt wurde, weil die Bohmen darin als Rebellen erscheinen - so muss ich doch diesen Zug an einer Nation ehren, und von Herzen wunschen, dass meine guten Landsleute, die Osterreicher, etwas von dieser Verletzbarkeit fuhlten, und nicht allein geduldig, sondern sogar beifallig die Spottereien und geringschatzigen Urteile Fremder uber sich furder nicht mehr anhoren mochten. * * * Meine arme Tochter war mittlerweile in eben diesem Prag in einer sehr betrubenden Lage. Ihr kleiner Knabe Theodor krankelte, und auch ihrer Schwiegermutter schien das rauhere Klima nicht zu bekommen. Auch sie fuhlte sich nicht wohl, und es reifte in ihr und ihrem Sohn der Entschluss, sich lieber zu trennen. So wurde beschlossen, dass die Hofratin nach Wien zuruckkehren sollte, so wehe ihr die Trennung von ihrem Sohn tat, und dieser sie hierher geleiten werde. Der Entschluss wurde ausgefuhrt, freilich zu einer Zeit, die fur meine arme Tochter nicht gunstig war; denn ihr Kind, ihr damals einziges, war bedenklich krank, sie selbst hoch schwanger, und ihr Mann reiste in eben diesen Tagen [187] mit seiner Mutter fort. Ein grosses Gluck war es, dass derjenige Freund Pelzelns, der, selbst in Prag etabliert, ihm den Herbst zuvor die Wohnung auf der Kleinseite gemietet, zufalligerweise das Haus einer meiner Jugendfreundinnen, der Baronin Hennet, gewahlt hatte. Diese Frau war eine geborne Baronesse v. Born, Nichte des beruhmten Mineralogen und Kousine eines andern, mir ebenfalls werten Frauleins v. Born, des Gelehrten Tochter, die nun schon langst mir in das verhullte Jenseits vorangegangen ist. Josefine nahm meine Tochter, wie sie mit ihrem Manne in ihr Haus zog, mit mutterlicher Zuneigung auf, und in ihrer Tochter Marie (jetzt Frau von Muller) fand Lotte eine Schwester. In dieser Fugung sah ich wieder die vaterliche Waltung der Vorsicht zu unserm wahren Besten, denn in der traurigen Zeit der Trennung von ihrem Mann, am Bette des kranken Kindes, leisteten die beiden Freundinnen der Vereinsamten, was sie nur von einer Mutter und Schwester erwarten konnte. Pelzeln war also nach Wien gekommen; er wohnte, wie sich das von selbst versteht, diese wenigen Tage bei uns, und seine Mutter, bis sich eine Wohnung fur sie fand, bei einer Freundin. Kaum aber waren sie einige Tage hier, so erhielt ich einen Brief von meiner armen Tochter, die mir den bald darnach erfolgten Tod ihres Kindes meldete. In dieser dustern Zeit, so allein neben dem Bette des verstorbenen einzigen Kindes, konnte nur die Hoffnung auf den nahen Ersatz - der aber nie ein vollstandiger ist - ihr einigen Trost geben. Es ist auch eben kein Ersatz, denn eine Mutter hat nie zu viel Kinder, und keines bietet jemals alle die Charaktereigenschaften dar, die das Verstorbene hatte. Doch kann dieser Unterschied [188] bei einem zehn Monat alten Kinde zum Gluck nicht bemerkt werden. Pelzeln wunschte, dass ich zur Entbindung seiner Frau nach Prag kommen mochte, weil sie nun auch des Beistandes seiner Mutter beraubt war. Wohl verliess ich Pichlern ungern auf so lange Zeit; denn da ich, um nichts zu versaumen, doch einige Zeit vor der Entbindung dort sein musste, konnten leicht zwei Monate vergehen, ehe ich wieder nach Wien zuruckzukehren vermochte. Indessen lag mir selbst sehr viel daran, meine Tochter in einer solchen Periode nicht zu verlassen, Pichler willigte ebenfalls ein, und so rustete ich mich denn, um gegen den zwanzig April in Prag einzutreffen. Von jeher war das Reisen, die Unordnung, die es mit sich bringt, der Aufenthalt in den Gasthofen, die Voranstalten, die es notig macht - besonders wenn die Hausmutter sich entfernen, und in den Fallen, wo niemand da ist, der ihre Pflichten ubernahme, alles den Dienstleuten uberlassen, folglich fur jeden moglichen Fall Vorsicht treffen soll - mir sehr widerwartig. An dem Tage vor meiner Abreise besuchte mich noch meine werte Schlegel - da lagen die Pakete, da standen die Koffer usw., und ich klagte ihr, wie ungern ich reise, wie fatal mir diese Anstalten seien. Ach! sagte sie, wie gern wurde ich Ihnen das Materielle der Reiseanstalten abnehmen, wenn ich statt Ihrer fortfahren konnte! So sind die Menschen verschieden! Was den einen qualt, erfreut den andern, und solche Bemerkungen mussen uns Toleranz fur die Eigenheiten anderer einflossen, die recht brav, recht klug, recht liebenswurdig und doch von uns sehr verschieden sein konnen! Frau von Schlegel war in ihrem Leben viel gereist, in Paris, in Rom, fast in ganz Deutschland gewesen; [ 189] sie reiste aus Lust und sie war bei allem dem eine emsige treffliche Hausfrau. Ich machte mich also in einem Separateilwagen mit meinem Stubenmadchen und einem Bedienten auf den Weg nach Prag und kann diese Art zu reisen nur hochlich loben. In zwei und einem halben Tage war ich in Prag und hatte jede Nacht, einmal in Budwitz und einmal in Czaslau, bequem geschlafen. Die Punktlichkeit, mit der man in den Posthausern bedient wird, die Willkur, die dem Reisenden doch bleibt im Vergleich mit dem Drangen und Treiben auf dem allgemeinen Eilwagen, obwohl man die Stunden der Ankunft sehr berucksichtigen muss, machen diese Reiseart sehr angenehm. Die Witterung war nicht gunstig, und obwohl in der zweiten Halfte des April, fand ich Schnee durch ganz Mahren und am andern Tage auch in Czaslau. Das Land in Bohmen gefiel mir nicht sonderlich. Es ist meist flach, doch sehr wohlgebaut, indessen sind die Gasthofe grosstenteils unter der Mittelmassigkeit und das Trinkwasser sehr schlecht, was fur Reisende, die weder Bier noch Wein trinken, hochst unangenehm ist. Am dritten Tage, nachdem ich in Czaslau ziemlich gut ubernachtet hatte, naherte ich mich dem Ziele meiner Reise, und bald, nachdem ich die letzte Post Biechowitz hinter mir hatte, erschienen mir von weitem die Zinnen von Prag. Diese Stadt nimmt sich wirklich, von dieser Seite erblickt, sehr vorteilhaft aus; ich mochte sie eine gekronte Stadt nennen, denn uber dem Berg, der sich aus der Hausermasse der Alt-und Neustadt sowie der Kleinseite erhebt, steigen noch die Palaste des Hradschin empor und uber diesen die St.-Veitskirche. Das Ganze bildet einen imposanten Anblick, [190] man erkennt, dass man sich einer Hauptstadt, einer Konigstadt nahert, und selbst das altertumliche Aussehen so vieler Gebaude vermehrt noch das Erhebende des Eindrucks. Wunderbar ragt in Prag die alte Zeit noch uberall in die neue hinein. So manches wohlerhaltene Gebaude aus den vorigen Jahrhunderten, der Pulverturm, die beiden Bruckenturme, die Teinkirche, das Altstadter Rathaus usw. erregen die Erwartung in uns, irgendeinen gewappneten Ritter oder einen ehrsamen Burger mit gefaltetem Kragen und Barett daraus hervortreten zu sehen, und so manches Haus, manches Denkmal erzahlt uns eine Episode der Geschichte Bohmens, so dass eine geistreiche Frau, die Grafin von Engl, Prag eine versteinerte Geschichte genannt hat. Meine Kinder empfingen mich mit herzlicher Liebe, und ich fand zu meiner grossen Beruhigung Lotten viel gesunder und starker als ich geglaubt. Auch meine Jugendfreundin Hennet wieder zu sehen, machte mir viele Freude, und so vergingen ein paar Tage in stillem Genuss auf dem einsamen Pfarrplatze, wo das Haus lag, in dem die Tochter wohnte. Einer Wienerin musste es seltsam vorkommen, wenn sich manchmal wohl durch eine halbe Viertelstunde kein Vorubergehender zeigte, so dass die Schildwachen am Hause des Oberstburggrafen und gegenuber am Landschaftsgebaude die einzigen lebenden Wesen waren, die man erblickte, einige Haus- und Perlhuhner ausgenommen, welche zwischen den Pflastersteinen verstreute Kornchen suchten. Ungewohnt waren mir die Stille und Einsamkeit, aber sie missfielen mir nicht. Ein paar Tage darauf dachte ich daran, meine Empfehlungsschreiben an die Frau Oberstburggrafin von[191] Kolowrat und die Furstin von Kinsky abzugeben, die mir eben jene Grafin Engl, eine nahe Verwandte und Freundin dieser beiden Damen, mitgegeben. Mit grosser Gute und freundlicher Zuvorkommenheit wurde ich in diesen beiden Hausern aufgenommen und genoss in beiden sehr angenehme Tage. Ich hatte den Vorteil, nicht allein die Glieder dieser Familien als Menschen, welche, abgesehen von Geburt und Rang, durch die schatzbarsten personlichen Eigenschaften ausgezeichnet waren, kennen zu lernen, sondern in ihrem Kreise auch noch die Bekanntschaft mancher andern, durch personlichen oder literarischen Ruhm merkwurdigen Menschen zu machen. So die der beiden Grafen Kaspar und Franz von Sternberg, des Grafen Buquoy mit seiner Gemahlin, des Abbe Dobrowsky, dessen fruher in Wien gemachte Bekanntschaft ich hier erneuerte, des Professor Kapp, Erziehers im furstlich Kinskyschen Hause, eines altern Bekannten meines verstorbenen Freundes Buel, und vor allen die der so liebens- als achtungswurdigen Grafin Karoline Latour, Prager Stiftsdame, die mir ein herzliches Wohlwollen schenkte, und mit deren Wesen ich das meinige tief zusammenklingend fuhlte. Auch waren unsere Prager Bekannten so freundlich, uns beide fleissig zusammenzubringen, und wenn die eine zu einem Diner oder einer Soiree gebeten war, wurde gewohnlich auch die andere eingeladen. So gestaltete sich mein geselliges Leben sehr angenehm, und die Freude, bei meinen Kindern zu sein, wurde mir dadurch und durch das Besehen aller Merkwurdigkeiten der Stadt, sowie durch vielseitig gebildeten Umgang erhoht. Die schonen Geister von Prag, unser alter Freund Professor Gerle, der schon[192] fruher meine Kinder ofters besucht hatte, Herr von Rittersberg, der echte Dichter Ebert (spater Sanger der >>Wlasta<<), der Geschichtsforscher Palacky, Hauptmann Marsano usw. kamen ebenfalls zu Pelzeln, und ihr Prager Arzt, Professor von Bischoff, ein Mann, der als Mensch, Arzt und Schriftsteller ausgezeichnet ist, erfreute uns oft mit seinen Besuchen, die er als Arzt begann und als Freund fortsetzte. Am zehn Mai endlich meldeten sich die Vorlaufer der Niederkunft bei meiner Tochter, und abends um halb neun Uhr kam glucklich ein munteres, hubsches Knabchen auf die Welt, das am folgenden Tage den Namen August in der heiligen Taufe empfing. Wir waren alle ganz glucklich und vergnugt, dass der Himmel uns den jungsthin erlittenen Verlust nun mit Vorteil ersetzt hatte, denn das gegenwartige Kind sah viel starker und kraftiger aus, als Theodor bei seiner Geburt, und durch Gottes Gnade hat sich seine korperliche und geistige Natur auch demgemass in der Folge bewahrt. Gern hatte meine Tochter dieses Kind selbst gestillt, ihr Mann und ich wunschten es sehnlich, weil ich in diesem Selbststillen den Grund kunftiger Gesundheit fur Mutter und Kind sah; aber die Hebamme behauptete, es sei keine Milch vorhanden, vermutlich, weil sie sich nicht die Muhe geben wollte, oftere Versuche zu machen, was freilich Zeit und Aufmerksamkeit kostet. Indessen hatte diese nicht vorhandene Milch spater in einem Krankheitsanfall, den eine Unachtsamkeit eben dieser weisen Frau herbeigefuhrt hatte, bei meiner Tochter ein Depot auf den Fuss gemacht. Uberhaupt fehlte es damals in Prag an gar manchen Bequemlichkeiten und Einrichtungen, an die wir in Wien langst gewohnt waren, und auf die ich bei anderm Anlass [193] spater zuruckkommen werde. Unter diesen fuhre ich nur an, dass die Hebammen keine sogenannten Helferinnen bei sich haben, wie es in Wien Brauch ist, und dass ein glucklicher Zufall wollte, dass meine, damals aus Wien mitgebrachte Stubenmagd eine von ihrem Mann geschiedene Frau war, die meiner Tochter bei dieser Gelegenheit sehr nutzliche Dienste leistete. Wahrend der neun Tage las ich meiner Tochter aus einem Buche vor, das dem Titel nach wohl nicht zur Unterhaltungslekture geeignet schien, und dennoch der hochst anziehenden Darstellung und trefflichen Schreibart wegen uns sehr interessierte, namlich aus Professor von Bischoffs >>Lehre von den Fiebern<<. Es unterhielt Lotten sehr, die uberhaupt aus allzu sorgender Zartlichkeit fur die Gesundheit der Ihrigen sich gern aus medizinischen Buchern unterrichtete. - Eine Ansicht, die mir fur Gemutsruhe und ungehindertes Handeln im hauslichen Leben nicht passend scheint, und die ich und verstandige Manner ofters, aber immer vergeblich, zu bekampfen suchten. Das beruhmte Fest Johannis von Nepomuk fiel in diese neun Tage, und da die Wochnerin sich vollkommen wohl befand, konnte ich mir erlauben, dieser Feier auf dem Hradschin beizuwohnen, wohin Grafin Karoline Latour mich zum Fruhstuck gebeten hatte, mich dann in die hochgeschmuckte Veitskirche, ein schones, aber leider nur fragmentarisches Monument des Mittelalters, zum Hochamt fuhrte, und dann in Begleitung mehrerer Personen und ihres Bruders, des Feldmarschalleutnants Grafen Latour, der uns freundlich zum Fuhrer diente, uns das ganze konigliche Schloss, den Thronsaal und die ubrigen Denkwurdigkeiten einer grauen Vorzeit zeigte. Auf dem Platz vor der Kirche, [194] vor dem Schloss bis in die Sperrgasse und noch weiter hinab, war uberall reges Volksleben; Tische waren aufgeschlagen, auf denen man speiste, Buden eroffnet, wo allerlei, besonders Esswaren, zu kaufen waren. Unter diesen spielen in Prag gedorrte und weichgesottene Pflaumen und Stucke von gebackenem Fisch nebst Wuchteln, eine Art Germ-(Hefen-)Kuchen, eine Hauptrolle und werden auf allen Strassen das ganze Jahr hindurch verkauft. Am Abend dieses Tages, sowie an dem Vorabend der Feier war auf der Moldaubrucke ein grosses Gedrange von Menschen um die Johanniskapelle, denn auf dieser Brucke hatte der gefeierte Heilige eine, wie es scheint, bei den Bohmen beliebte Todesart, die des Hinabsturzens, erlitten, und eine grosse sittliche Wurde verklarte seinen Tod; denn er litt aus Ehrfurcht fur seine Pflicht (das Geheimnis der Beicht, das er nicht zu verletzen sich entschliessen wollte). Auch in der ganzen Stadt, wo eine Statue oder ein Bild des Heiligen sich befand, war er bekranzt und erleuchtet, und die Menge sang fromme Gesange davor. Das war aber das einzige Mal, dass ich Musik auf den Gassen von Prag horte, und auch diese Melodien hatten etwas Melancholisches. Meine Tochter hatte sich von einer Verkuhlung, welche ihr eine Unvorsichtigkeit der Hebamme, wie ich oben gesagt, zugezogen, so ziemlich, aber nicht vollig erholt. Doch war sie imstande, ihr Hauswesen zu besorgen, und ich erhielt dadurch mehr Musse, mich in Prag umzusehen und alle architektonischen und historischen Denkwurdigkeiten zu betrachten. Doch will ich meine Leser mit der Beschreibung derselben, die sie viel besser und weitlaufiger in meines alten Freundes Gerle Schilderung von Prag finden, nicht aufhalten. [195] Nur eines Besuches in der Wenceslaikapelle erlaube ich mir zu erwahnen, weil die dort befindlichen Merkwurdigkeiten nur selten und nicht allgemein zu sehen sind. Der Oberstburggraf Graf Kolowrat, in dessen Hause ich so gutig aufgenommen worden war und so viele schone Stunden genossen hatte, lud uns einmal, wie wir zu Tische bei ihm waren, die Grafin Buquoy und ihren Gemahl, Grafin Karoline Latour, einige Herren und auch mich ein, am nachsten Morgen uns in der Wenceslaikapelle in der Domkirche einzufinden, um die bohmischen Reichskleinodien zu sehen, die nur bei solcher Gelegenheit, wenn z.B. der Oberstburggraf, unter dessen Obhut sie sich, mit Gegensperre eines der ersten Landstande und eines Domherrn von St. Veit, befinden, Prag auf einige Zeit verlassen und sie dann zu revidieren und wieder an ihrem Platz zu verwahren hatte, zur Schau kamen. Grafin Kolowrat, meine sehr gutige Gonnerin, nahm mich mit sich auf den Hradschin, wo sich in der benannten Kapelle bereits mehrere Bohmen und Fremde eingefunden hatten, um diese Schatze und auch die Kapelle zu betrachten. Auf einem Tische stand die echte Krone Karls IV. von reinem Gold und mit vielen, aber ganz in naturlichem Zustand, ohne Schliff und gehorige Fassung befindlichen, grossen und kleinen Edelsteinen geziert, wie sie eben im vierzehn Jahrhundert die Goldschmiedskunst zu behandeln verstand. Ferner der Zepter, Reichsapfel, viele Reliquien, teils von einheimischen, teils auswartigen Heiligen, welche der fromme Kaiser auf seinen Reisen gesammelt und in Prag aufbewahrt hatte. Auch die Wande der Kapelle liess er auf goldenem Grund mit Edelsteinen auslegen, und man erzahlte mir, dass dies ebenso in der Kapelle zu Karlstein, seinem Lieblingsaufenthalte, [196] der Fall sei. Nachdem die ganze Gesellschaft, unter der sich nebst andern Fremden auch russische Damen befanden, die Kleinodien besehen, bot man uns Einheimischen an, auch den Ort zu beschauen, wo die Reichskrone gewohnlich aufbewahrt wurde. Die Fremden mussten zuruckbleiben, weil jener Ort und sein Geheimnis etwas Heiliges war, das nur die Landeskinder oder osterreichische Untertanen wissen durften. Wir wurden also uber eine ausserst schmale und wie es mich dunkte, in der Dicke eines Pfeilers oder einer Hauptmauer angebrachte Wendeltreppe von nicht grosser Hohe gefuhrt und befanden uns, oben angelangt, in einem kleinen, geweissten, ganz ungeschmuckten Gemach, wo in einer der Wande ein Schrank oder vielmehr eine Hohlung in der Mauer mit einer Ture von hartem, mit eingelegter Arbeit verziertem Holz angebracht war, auf die Art, wie man deren noch in vielen Sakristeien oder in alten Schlossern findet. Dieser Schrank, 3-4 Schuhe uber dem Fussboden erhoben, war von innen mit purpurfarbenem Samt (wenn ich nicht irre) ausgeschlagen, stand aber jetzt offen, weil sich die Krone nicht darin befand. Diese verborgene, nicht leicht zu findende Treppe, dies Gemach, dessen Fenster, soviel ich mich besinne, auf lauter Dacher hinabsehen, gab mir bei dem Roman >> Elisabeth von Guttenstein<< die Idee zu der geheimen Treppe und dem Gemache, in welchem Franziska von Teuffenbach mit ihrem Geliebten heimliche Zusammenkunfte hat. Sehr merkwurdig ist noch in Prag der alte Judenkirchhof nebst der alten - der altesten - Synagoge. Ich besuchte ihn in Gesellschaft der Grafin von Buquoy, welche, wie das oft geschieht, erst durch die [197] Fremde auf diese Merkwurdigkeit ihres Wohnortes aufmerksam gemacht, sich an uns und den Abbe Dobrowsky anschloss, dessen historische Gelehrsamkeit uns bei diesem Besuch sehr zu statten kam, der aber mit dem Rabbiner, der uns gleichfalls begleitete, in einen sehr heftigen und uns ubrigen fast komischen Streit geriet, indem Dobrowsky dem Rabbi mehrere seinsollende geschichtliche Nachweisungen, z.B. das Grabmal einer alten Konigin, nicht gelten lassen wollte, und dies alles fur Fabeln oder hochstens Sagen erklarte. Auch das Prager Theater bot mir eine sehr angenehme Zerstreuung. Unter der Leitung eines gewissen Herrn Stiepanek (wenn ich diesen Namen aus dem Gedachtnisse recht schreibe) gewahrte es mit Mitgliedern wie den Herren Bayer, Polawsky, Ernst, Feistmantel, Frau van der Klogen, Fraulein Pistor und ihrem Vater, viele vorzugliche Darstellungen, die meine Kinder und ich, so oft, als es die Umstande erlaubten, besuchten. Das Theater selbst, der Saal, ist gross und geraumig, trug aber (wenigstens damals) den allgemeinen Charakter der Stadt Prag samt ihren Bewohnern, eine Art von Dusterheit, wozu wohl der Anblick so mancher verfallender Palaste und Kirchen, welche melancholisch auf eine glanzendere Vergangenheit hinweisen, und die Einsamkeit so mancher Strassen und Platze besonders fur jemand, der aus dem lebensfrohen Wien kommt, viel beitragt. Hier war es einst prachtig und belebt - wir waren eine selbstandige Nation, jetzt ist es anders - das scheinen uns die altertumlichen und nun haufig verlassenen und verfallenden Gebaude, das scheint uns der ernste Volkscharakter zu sagen, der sich nie in Musik oder frohlichem Genuss auf offentlicher Strasse [198] oder an Spazierorten aussert, wie in Wien, wo im Sommer die Leute, im Freien sitzend, essen und trinken, frohlich sind und Musik fast uberall erschallt. Sparsam waren damals die wenigen Spaziergange in Prag besucht, und auch dort war nicht viel fur den Genuss oder die Bequemlichkeit der Gaste gesorgt. Bier und >> Gugelhupf<<, leider mit Muskatblute gewurzt, war das einzige, was man an solchen Orten zum Essen oder Trinken erhalten konnte, und von Kaffeehausern oder Zuckerbackerladen, in denen man Eis, Kaffee oder Konfituren finden und sie, im Freien sitzend, geniessen konnte, keine Rede. Kaum dass man in den wenigen Zuckerbackerladen leidliches Zuckerwerk fur die Tafeln fand. Ebenso fehlte es damals (1825) an manch andern hauslichen Einrichtungen, z.B. an einem anstandigen Badehause, mit den Bequemlichkeiten versehen, welche die Wieneranstalten dieser Art schon seit vielen Jahren bieten, und aus welchen man sich ein Bad konnte holen lassen. Wer zu Hause baden und das Bad nicht selbst wollte hitzen lassen, war gezwungen, das heisse Wasser aus dem nachsten Brauhause, deren zum Gluck viele in Prag sind, holen, und zu Hause giessen zu lassen, wozu es jederzeit, des Hin- und Hergehens wegen, dreiviertel oder auch eine Stunde bedurfte. Ebenso hatte man, wenigstens so weit meine Erfahrung reichte, keine Idee von einer sogenannten Warmeschachtel oder Trommel, welche in Wien selbst beschrankte Familien besitzen und die bei Wochnerinnen, Kranken oder Badenden beinahe unentbehrlich scheint. Uberhaupt bildete sich in mir bei diesem dreimonatlichen Aufenthalt in Prag sehr lebhaft die Vorstellung aus, dass der Geist sich vortrefflich in Prag befinde, aber der Korper nicht ebensowohl, denn diesem mangelte [199] es an vielen Genussen und Bequemlichkeiten, an die man sich in Wien so leicht gewohnt. Was nun die geistigen Bedurfnisse betrifft, so war durch das Museum auf dem Hradschin, das grossenteils dem Grafen Kaspar von Sternberg sein Entstehen verdankt, und eine Bibliothek, ein Naturalienkabinett und eine Gemaldegalerie in sich begreift, durch Privat- und offentliche Sammlungen dieser Art, durch das Zusammenwirken geistreicher und gelehrter Manner und durch ihren Umgang hinreichend gesorgt, und ich kann sagen, dass ich in dieser Hinsicht in Prag volle Befriedigung fand. Bedenkt man ferner, dass alles, was hier fur Wissenschaft, Kunst, Theater usw. geschieht, von den Bewohnern selbst, grosstenteils von einem sehr aufgeklarten, humanen und vermoglichen Adel ausgeht, dass dieser Adel sich durch hohe Geistesbildung, durch Humanitat und Feinheit des Betragens vorteilhaft vor manchen andern dieser Kaste auszeichnet, so wird man begreifen, dass Prag unstreitig grosse Vorzuge hat. Dennoch dunkte es mich, als wurde ich mich nicht haben entschliessen konnen, meine heitere, lebensvolle, freundliche Vaterstadt mit Prag zu vertauschen, das im ganzen, wie gesagt, einen dustern Eindruck macht und in der Seele hinterlasst. Die Gegend um die Stadt herum ist freundlich, aber von keinem bedeutenden landschaftlichen Reiz, desto malerischer und imposanter sind die Ansichten, welche die Stadt selbst in ihrem Umkreis bietet. Majestatisch und uberraschend ist der Ausblick vom Hradschin herab auf das Hausermeer, welches sich am Fusse desselben zu beiden Seiten des schonen und breiten Moldaustromes ausdehnt, der die Kleinseite und den Hradschin von der Alt- und Neustadt am jenseitigen Ufer [200] scheidet. Aus diesem Hausermeere ragen hier und da gotische Kirchen, Basiliken in italienischem Geschmacke, uralte Gebaude, die an das dreizehn Jahrhundert erinnern, das sie entstehen gesehen, und uber die mit zahllosen Statuen besetzte kolossale Brucke zwischen den zwei altertumlichen Turmen am Anfang und Ende derselben wogt eine Menge Fussganger, fahren zahlreiche Equipagen, die ganz im Geschmack des neunzehn Jahrhunderts, einen seltsamen Kontrast mit dem Zeitalter Karls IV. machen, das die Brucke und die Turme entstehen sah. Diese Brucke, von soliden Quadern erbaut, widerstand der Macht des Geschutzes, als im Siebenjahrigen Krieg der kommandierende General der Osterreicher, um die Kleinseite und den Hradschin zu schutzen und zu verteidigen, indes sich die Preussen bereits der Alt- und Neustadt bemachtigt hatten, die Brucke durch Kanonen zerstoren lassen wollte. - Ringsherum ausser der Stadt ziehen sich angenehme, begrunte Hugel hin, von fern, jenseits der Moldau, sieht man das Schloss Troja, von dem man eigentlich nicht weiss, woher es seinen, ans Altertum erinnernden Namen hat, und gerade gegenuber dem Hradschin erhebt sich der sogenannte Ziskaberg, von dem aus dieser Hussitenfeldherr einst die Stadt beangstigte und auch eroberte. Man geniesst dieser sehr schonen Ansicht uber die Stadt und ihre Umgebung von mehreren Punkten des Hradschin, gewiss aber angenehmer und malerischer aus dem Garten des Fursten Lobkowitz auf dem Lorenzberge, auf dessen Spitze das Pramonstratenserkloster Strahov steht, in einem schattigen Kastanienwaldchen, das dem weiten, hellen Gemalde gleichsam zum dunkeln Vorgrund dient, oder von der Gloriette im Graf Schonbornschen Garten gleich daneben, wo ich einen [201] sehr schonen Abend bei der Furstin von Kinsky in gewahltem kleinen Kreise mit Grafin Karoline v. Latour, deren Bruder, Schwagerin und noch einigen Personen sehr vergnugt zubrachte. Eine ebenso schone Ansicht bietet Prag von der gegenuber liegenden Seite, wenn man es vom Vissehrad am jenseitigen Moldauufer betrachtet. Dann erhebt sich der Hradschin mit seinen Palasten und dem altertumlichen Dom, der in seiner Bauart und dem freistehenden Bogen sehr an den Dom von Koln erinnert, uns gegenuber, die Kleinseite steigt an dem Hugel empor, und zu beiden Seiten des klaren, breiten Stromes dehnen sich die Hauser der Alt- und Neustadt, das Stift Emaus, die Maltheserkirche und viele andere merkwurdige Gebaude aus. Hier soll Libussa gehaust haben, jetzt steht eine Kirche auf dem Hugel, aber am Fusse desselben weist man noch ein kleines zerstortes Gemach, welches das Badezimmer der koniglichen Zauberin genannt wird. Schone Ansichten bieten sich auch von den Hugeln der Umgegend dar, zwischen denen einige Landhauser liegen, welche den Bewohnern der Stadt zum Sommeraufenthalt dienen, die aber - wenigstens damals - nur in geringem Masse besucht wurden, denn die Prager schienen im ganzen freie Luft und Spazierengehen nicht zu ihren Bedurfnissen zu zahlen, wie es denn damals wenig Spazierorte, und an denselben wenig Menschen gab. Eines dieser Landhauser, die Bertronka genannt, das ziemlich anmutig zwischen grunen Hugeln lag, wurde in jenem Sommer von der Familie des Professors Bischoff, seiner jungen, sehr hubschen und sehr gebildeten Frau mit ihren beiden Tochtern - damals Kindern von 6-8 Jahren - bewohnt. Ein Spaziergang [202] auf einem, die Bertronka umgebenden Hugel fuhrte zu einem Punkte, auf dem sich fast dieselbe Aussicht auf das nahgelegene Prag mit seinen drei Stadten, dem Hradschin und dem Moldaustrom darbot, wie vom Hradschin herab, und noch mehr uberraschte, weil man diese Fernsicht hier nicht erwartete. An einem schonen Abend, den ich dort zubrachte, machte ich die Bekanntschaft zweier merkwurdiger Frauen, der Frau Karoline von Woltmann, deren Ruf als Schriftstellerin mir schon fruher bekannt war, und der Frau des Professors Mikan, die ihrem Manne nach Brasilien gefolgt war, ihn auf seinen Wanderungen begleitet und in allen seinen naturhistorischen Arbeiten und Studien unterstutzt hatte. Es war etwas Ungewohnliches und doch Einfaches in dem Betragen dieser Frau, die, obwohl uber die Jahre der Jugend hinaus, noch Spuren ehemaliger Reize zeigte, und in den feinen, aber tiefen Zugen, in den grossen, dunkeln Augen an sudlandische Gestalten erinnerte. Wir sprachen, wie naturlich, von ihrer Reise nach Rio Janeiro und ihren naturhistorischen Streifereien ins Binnenland in Begleitung ihres Gemahles. Ich ausserte zuletzt: eine solche Reise gemacht zu haben, sei allerdings wunschenswert, aber sie zu machen, doch mit vielen Beschwerlichkeiten verbunden. Gewiss, antwortete die interessante Frau, aber es war weder meine erste noch meine beschwerlichste Reise. Ich sah sie erstaunt an, mein Blick mochte sie gefragt haben. Ich war mit meinem ersten Manne (einem russischen Offizier), erwiderte sie, auf dem Ural. Ich gestehe, diese Antwort uberraschte mich, aber sie vermehrte meine Achtung fur diese Frau, welche Liebe und treue Pflicht zu solchen Opfern vermocht hatten, und stellte sie weit uber alle die genialischen Frauen, [203] die es mit ihren Mannern nicht aushalten konnen, fast jede geschieden leben, oder vollends dem Manne, dem sie am Altare Treue geschworen haben, mit einem andern entlaufen. Uberhaupt haben mir, mit wenigen Ausnahmen, diese norddeutschen weiblichen Naturen stets missfallen, wie es einst Mode war sie zu nennen, um schon im voraus alle Anforderungen der Pflichten, die mit den Namen von Gattin, Mutter, Hausfrau verbunden sind, zu beseitigen. Da meine Tochter sich ziemlich von ihrem Unwohlsein erholt hatte, dachte ich nunmehr daran, einen langst entworfenen Plan auszufuhren, uber Teplitz und Karlsbad, das mir ganz neu war, nach Dresden zu gehen, wo mir sehr werte Freunde, Herr Generalkonsul von Krause mit seiner Familie lebten, mit welchen uns schon in Wien eine recht herzliche Freundschaft verbunden hatte, und die mich wiederholt aufgefordert, sie in Dresden oder auf ihrem schonen Landsitz Weisstropp zu besuchen. Sehr freute ich mich auf diese kleine Reise, auf Dresden, seine Kunstschatze, seine Elbegegenden und auf meine Freunde. Ich schrieb deswegen an diese, bekam sehr freundliche Antwort, es wurden Zimmer fur mich bereitet, der Wagen bestellt, und alles eingerichtet, um in wenigen Tagen abzureisen. Vorher noch wollte ich, einer Einladung der Grafin Max Althann, geborenen Grafin Thurheim, zufolge, auf ihr nahe bei Prag gelegenes Gut Swoyschitz einen kleinen Abstecher machen, und ich sah mich dort von Herr und Frau vom Hause mit so viel Gute und Freundlichkeit behandelt, dass ich diese dritthalb Tage wohl mit zu den angenehmsten der ganzen bohmischen Reise zahlen darf. Grafin Althann zeichnete sich in ihren fruhern Jahren, wie sie noch in Linz lebte und ich sie [204] ofters bei unserer gemeinschaftlichen Freundin, Frau von Sorgenthal, und bei uns sah, ebensowohl durch hohere Geistesbildung als Schonheit aus. Einer unserer Bekannten wandte das Wort Schillers: die Anmutstrahlende aus der Erwartung, auf sie an, und mit Recht. Damals in Swoyschitz, wo zwei ihrer Sohne erwachsene junge Leute waren, war wohl die Schonheit nicht mehr bedeutend, aber die Anmut und der gebildete Geist waren geblieben. Am dritten Tag abends kehrte ich recht vergnugt nach Prag zuruck und dachte nun schon an meine Reise nach Dresden. Aber was sind unsere Vorsatze und Hoffnungen? Bei Pelzeln angekommen, eilte mir der gute Schwiegersohn auf der Treppe entgegen - und meine Tochter nicht. - Schon das befremdete mich - bald aber sollte ich Truberes horen. Sie lag zu Bette und war bedeutend krank. - Das lange verhaltene Ubel, eine Folge jener Unvorsichtigkeit der Hebamme, deren ich schon fruher erwahnt, und das, wie sich spater klar auswies, nichts als eine Versetzung der Milch war, welche nach der Hebamme Meinung nicht vorhanden gewesen sein sollte, brach nun als ernsthafte Krankheit aus. Von einem Fortreisen nach Dresden konnte keine Rede mehr sein, ich schrieb sogleich an Krause und war froh, wenigstens nicht bereits abgereist zu sein. Ein schlimmer Umstand war es wohl, dass der Arzt und Freund meiner Kinder, Doktor Bischoff, gerade zu dieser Zeit nach Breslau zu seiner Schwagerin Westenholz war gerufen worden, die dort schwer krank lag. Indessen konnten wir mit Bischoffs Stellvertreter und Freund, dem Doktor Baer, sehr wohl zufrieden sein, der die Kranke vortrefflich behandelte. Die Krankheit war schmerzhaft und langdauernd.[205] - Welche bangen Tage, welche noch bangeren Nachte brachte sie uns! Wie spahte ich nach jedem Ton, nach jeder Ausserung der Kranken oder des Arztes! Wer ein einziges geliebtes Kind in Gefahr sieht, wird mich ohne weitere Auseinandersetzung verstehen. Es war fruher schon verabredet gewesen, dass Pichler in der Halfte des Juli, wo ich von Dresden zuruckgekehrt zu sein dachte, nach Prag kommen, sich eine Weile dort aufhalten und dann mit mir zuruckkehren wollte. Dem Vater - der sein Kind zartlich liebte und den in der Entfernung der Gedanke, sie bedeutend krank zu wissen, aufs Schrecklichste geangstigt haben wurde, musste - so waren Pelzeln, Lotte und ich ubereingekommenn - die Gefahr verborgen, und der Tochter Krankheit als etwas leicht Vorubergehendes geschildert werden. Aber der Vater war gewohnt, von ihr und mir oft und ausfuhrliche Briefe zu erhalten. Ich konnte wohl schreiben und unsere Lage, so gut sich's tun liess, bemanteln, aber er musste doch die Handschrift seiner Tochter wenigstens in einigen Zeilen sehen, um glauben zu konnen, dass sie nicht bedeutend krank sei. Das kostete nun der Tochter bei ihrem leidenvollen Zustande eine unsagliche Anstrengung, um mit zitternder Hand einige beruhigende Zeilen zu schreiben. Aber die kindliche Liebe half ihr, die Leiden uberwinden; die Briefe sahen somit ziemlich unverdachtig aus, und der Zweck dieser Aufopferung, die Beruhigung und Zufriedenheit des geliebten Vaters, war erreicht. Indessen hatte die Krankheit ein Depot auf den Fuss gemacht, und ein Vesikator, um die Kniekehle gelegt, zog - freilich unter unsaglichen Schmerzen - eine Menge Feuchtigkeit heraus, worauf sich alle Umstande [206] besserten, die Krankheit gehoben war und nur Schwache und Zusammenziehung im Fusse ubrig blieb. Die Jugendkraft wirkte machtig mit, und Doktor Baer wunschte und hoffte mit uns allen sehr, die Tochter wenigstens in so weit herzustellen, dass sie dem ankommenden Vater ziemlich gerade entgegengehen konnte. Das gelang denn auch, obwohl nicht so ganz, wie wir gewunscht, aber sie war hergestellt, sie sah wieder wohl aus, und der Vater erfuhr nie, wie ubel sie gewesen, und wie wir ihn getauscht; denn wir wollten uns fur einen moglichen kunftigen Fall nicht um den Kredit bringen. Doktor Baer hatte sich ganz zuletzt einiger homoopathischer Pulverchen bedient, denn damals war diese Heilart, obwohl in Prag sehr beliebt (so dass im schwarzen Ross eine eigene homoopathische Kuche bestellt war, wo die diese Kurart Gebrauchenden zweckmassige Speisen erhielten), dennoch im ganzen noch verpont, und mit ungunstigen Augen, zumal von den Behorden, angesehen. Baer fand es also fur notig, seine Pulverchen geheim zu halfen. - Sie wirkten zweckmassig, obwohl nicht so bewundernswurdig, als er sich vielleicht versprochen hatte, und das alles vergrossernde Gerucht und der Parteigeist so manche Kuren dieser Art verkundet hat. Pichler war hocherfreut, seine Tochter hergestellt und einen gesunden Enkel zu finden. Auch ihn interessierte Prag mit seinen Eigentumlichkeiten. Die ersten Tage fuhrte ich ihn uberall herum, und als er erst Weg und Stege so ziemlich kannte, unterhielt es ihn sehr, auf Entdeckungsreisen, wie er es nannte, auszugehen und sich willkurlich in irgendeinem Teil dieser grossen Stadt oder vielmehr dieser vier Stadte: Alt-und Neustadt, [207] Kleinseite und Judenstadt, umzusehen. Ganz uberrascht und verwundert kam er aber eines Tages nach Hause, an dem seine Wanderungen ihn in die Judenstadt gefuhrt und er diese alten, halbverfallenen Hauser, diese winkeligen Strassen und den Trodelmarkt, von allen erdenklichen Gattungen von Lumpen, zerbrochenem Gerate, alten Kleidungsstucken usw. auf den, mit allerlei Schmutz bedeckten Gassen aufgestellt sah. Lachend losten wir zu Hause ihm das Ratsel, als er uns den Weg beschrieb, den er genommen, und er erfuhr nun, dass der Ort, der ihm so abscheulich und unheimlich vorgekommen, die Judenstadt war. Viel reputierlicher, aber nicht weniger eigentumlich und komisch ist in Prag der gewohnliche Trodelmarkt der Juden, welcher in der Altstadt bei der St. Galli-Kirche unter einer der Lauben oder Bogengange gehalten wird, wie sie an vielen Hausern, besonders an alteren, hinlaufen, den Fussgangern zu grosser Bequemlichkeit, aber eben nicht zum Vorteil der, dadurch stets finstern Buden und Laden, deren Fenster und Turen sich unter diesen Arkaden befinden. Auf diesem nur uneigentlich so genannten Trodelmarkt werden aber meist neue Sachen, Leinwand, Stoffe usw., auch Bucher, jedoch von diesen nur alte, verkauft. Wie man diese Hallen betritt, vernimmt man auf allen Seiten ein vielstimmiges Geschrei, indem jeder Handelsmann seine Waren anpreist und den Kaufern ein ganzes Verzeichnis hersagt, von allem, was bei ihm, und nirgends so gut, so fein, so auserlesen als bei ihm zu finden ist, auch wohl die Waren vorzeigt und nicht selten den Kaufer gewaltsam beim Arm fasst, um ihn in seine Bude hineinzuzerren. Mit Muhe kann man sich dieser Zudringlichkeiten erwehren; wenn man aber auch nichts zu [208] kaufen gesonnen ist, was auch meist ratlich sein mochte, da Ubervorteilung bei dieser Menschenklasse sehr gewohnlich ist, so gibt man sich doch eine Weile dem Spasse hin und unterhalt sich an dem komischen Geschrei und an dem noch komischeren Eifer, womit ein Verkaufer dem andern seine Kunden abzufischen bemuht ist. Ob das alles sich noch so verhalt, wie es vor 17 Jahren war, weiss ich freilich nicht. Diese Zudringlichkeit, dieses ungestume Wesen habe ich an dieser Nation auch bei einer andern Gelegenheit halb mit Lachen, halb mit Unwillen bemerkt. Es war bei der Besichtigung des alten Judenfriedhofes und der uralten Synagoge. Sowie wir uns anschickten, in diese hineinzugehen, umringte uns ein ganzer Schwarm von Mannern und hauptsachlich von Weibern, welche uns anbettelten, aber nicht mit mundlichen Bitten zufrieden, uns bald hier, bald dort zupften, bei den Kleidern, bei den Handen fassten und sich durchaus nicht abwehren liessen. Grafin Buquoy, die ihre Kinder mit sich hatte, sah nicht ohne Besorgnis, wie diese meist schmutzigen Weiber die Kleinen umdrangten, sie beruhren, sie liebkosen wollten, und der Bediente und Jager mussten die Kinder in ihren Schutz nehmen und wegfuhren. Mir erschienen in diesem Betragen des unberufenen Schwarms, der uns umdrangte, zwei auffallende Eigenheiten in dem Charakter dieser oft verkannten, oft misshandelten, aber auch oft mit Recht getadelten Nation: die Gier nach Geld - und die Lust, sich zuzudrangen, sich uberall einzumischen und neugierig auszuforschen. Jene Gewinnsucht, die bei dem rohen Teil des Volkes sich als schmutzige Begierde nach Gold durch Bettel oder Verkauf zeigt, treibt die gebildete Klasse desselben zum Handel und Verkehr im [209] grossen und macht sie - wie sie einst, wenigstens in Osterreich, Kammerknechte der Herzoge hiessen, jetzt zu Kammerknechten aller europaischen Potentaten und gibt ihnen in diesen Verhaltnissen Mittel und Macht in die Hand, um in den politischen Angelegenheiten ein so gewichtiges Wort mitzusprechen, wie es Knechten doch nimmer geziemt. Nicht minder unangenehm ist jener, an so manchen Individuen dieses Volkes bemerkbare Eifer, sich in die Angelegenheiten des Nachsten zu mischen, sich um dessen Geschafte, Neigungen, Verhaltnisse usw. aufs genaueste zu erkundigen und gelegentlich mit Rat und Tat einzugreifen. Ich erinnere mich vor vielen Jahren von Klemens Brentano eine ahnliche Bemerkung gehort zu haben, die er noch dazu mit diesen Worten ausdruckte: Sie greifen einem mit dem Finger bis mitten ins Herz. Dass es viele und sehr ehrenvolle Ausnahmen von dieser allgemein ausgesprochenen Bemerkung gibt, dass ich selbst viele hochst schatzbare Personen aus dieser Nation habe kennen und in vieljahrigem, freundschaftlichem Umgange aufs Innigste wurdigen gelernt, davon enthalten selbst diese Blatter manche Beweise. Im ganzen aber wird man mir nicht unrecht geben, wenn ich jene Eigenschaften als Merkmale des judischen Charakters im allgemeinen bezeichne, von denen freilich hohere Geistesbildung, Umgang mit feinen Menschen, eigenes Nachdenken und die Erkenntnis des Bessern die einzelnen oft und sicher befreit. Es ist die Frage uber die Judenemanzipation in unserer Zeit vielfach zur Sprache gekommen. Immer scheint es mir misslich, diesen Punkt zu erortern: der grossen Vorliebe unserer Zeit, jede Schranke aufzuheben, jede Fessel zu losen, zu sehr nachzugeben und einer [210] zahllosen Menschenklasse, die sich bisher unter einem harten Drucke befand und unter diesem man ches Schadliche verubte, plotzlich alle Rechte und Freiheiten ihrer ubrigen Mitburger einzuraumen. Noch ist es ja durch allen Scharfsinn der Gelehrten nicht entschieden, ob die schlimmen Eigenschaften, welche uns an dieser Nation missfallen, ein ihnen angebornes oder durch den harten Druck, der viele Jahrhunderte lang auf ihnen lastete, erzeugtes Ubel sei; und dieser Streit gleicht dem, ob das Ei oder die Henne fruher existierte. Sicher ist es, dass manche unangenehmen Zuge, die die Juden an sich tragen, schon von den romischen Schriftstellern gerugt wurden; sicher ist es, dass sich in dem Evangelium Spuren davon nachweisen lassen; sicher ist es, dass ihre Religionsvorschriften, so wie sie ihnen Moses gab, um sie von der Gemeinschaft mit den, sie umwohnenden Heiden abzusondern und den Dienst eines einzigen Gottes bei ihnen zu erhalten, ihnen Feindseligkeit gegen andersdenkende Volker, und wenn es not tat, auch deren Ausrottung zur Pflicht machte. Wie manches davon mag sich in ihnen durch Tradition erhalten haben. Wie vieles ist noch durch den Druck und die Grausamkeiten, die man sich gegen diese Unglucklichen erlaubt hat, dazu gekommen und hat die Annaherung derselben zu den Christen, wenn sie sich hier und dort im Laufe der Zeit und durch deren ausgleichende Macht erzeugt, entwickeln wollte, wieder gewaltsam zerstort. Immer noch kommen sie den, sie umgebenden Volkern, Christen oder Mohamedanern, nicht freundlich, nicht bruderlich entgegen, immer noch sind diese beiden Religionsparteien geneigt, alles Uble von den Juden zu glauben und zu furchten, und sich daher gegen diese Wehrlosen, wie die neuesten Vorfalle [211] in Damaskus beweisen, alle Harten zu erlauben. Wenn sie in Europa und unter den, durch Europaer zivilisierten Landern der andern Weltteile grossere Milde und eine billige Anerkennung geniessen, so ist dies nur eine Wirkung der allgemeinen Gesittung und durchaus kein durch Anordnungen oder Gesetze ausgesprochener Schutz. Es ist eine Art von Waffenstillstand, der im nachsten Augenblick durch irgendeine Aufregung, eine boswillige Laune, einen Missverstand gebrochen werden und in einen offenbaren oder versteckten Krieg ausarten kann, wie uns vor nicht sehr langen Jahren die Hepp! Hepp-Geschichten in Frankfurt und wenn ich nicht irre auch in Berlin bewiesen haben. Selbst die zivilisierten und oft sehr hochgebildeten Juden stehen noch immer in einem ahnlichen Verhaltnis, wenn auch ein Verdacht wie der zu Damaskus nicht auf sie fallen kann; aber dennoch wird sich ein gewisses Misstrauen, eine gewisse Abneigung, solange sie uns so gegenuberstehen wie jetzt, nie ganz aus unsern Seelen verlieren; so wie auch der Jude seinen geheimen Unwillen gegen den bevorzugten Christen nie ablegen wird. Es ware also meiner Meinung oder vielmehr meinem Gefuhle nach allerdings wunschenswert, dass die christlichen Regierungen in und auch ausser Europa sich ernstlich und gutmutig mit der Verbesserung des Loses der Juden beschaftigten, dass sie daran dachten, einen gesetzlichen Zustand fur sie festzustellen, der ihnen die notigen Rechte sicherte, zugleich aber auch dies mit jener Bedachtlichkeit und Umsicht taten, dass die Rechte der ubrigen Einwohner durch die Emanzipation einer Nation, in deren Religion es Vorschrift ist, die Andersglaubenden zu vertilgen oder wenigstens [212] zu hassen und zu ubervorteilen, nicht zu sehr gekrankt wurden. Bis diese Gesetze aber einmal in Europa gegeben und allgemein anerkannt werden, wollen wir hoffen, dass eben durch die alles ausgleichende Zeit und die durch sie bewirkte Gesittung dieser Periode, durch Milderung der Gesinnungen auf beiden Seiten, durch Verschmelzung und Annaherung, soweit es ohne Wechselheiraten moglich ist, vorgearbeitet werde, damit jene Emanzipation, wenn sie einmal ausgesprochen sein wird, den Juden ohne seinen volkerrechtswidrigen Hass, den Christen ohne Intoleranz und Vorurteil finden moge! * * * Meine Reise nach Dresden hatte, wie schon gesagt worden, unterbleiben mussen, und unterdes war auch die Zeit gekommen, dass ich an Pichlers Seite wieder nach Wien zuruckkehren sollte. Wir schickten uns also an, die teuren Kinder, die geschatzten Freunde und die alte Hauptstadt Bohmens zu verlassen; doch war Pichler bedacht, mir die Ruckreise angenehmer zu machen, indem wir einen andern Weg einschlugen, als den wir beide hergekommen, und so nach Schwarzenau zu unserer guten Freundin Pereira kamen, die uns eingeladen hatte, ein paar Tage bei ihr zuzubringen. Wir fuhren also nach einem schmerzlichen Abschied durch das Vissehrader Tor auf der alten Prager Strasse zuruck, kamen nach dem, in der Hussitengeschichte so beruhmten Stadtchen Tabor, und sodann uber Sudomirsits, Sobieslav, durch ziemlich angenehme, waldreiche Gegenden nach Wittingau, wo wir ubernachteten. - Hier ist der Boden sandig, die Vegetation nicht reich, aber das Stadtchen ziemlich hubsch. Am [213] andern Tag setzten wir unsern Weg nach Schwarzenau fort, kamen bei Schwarzach uber die bohmische Grenze und durch hugeliges, ziemlich starkbewaldetes Land nach Schrems. Hier sieht der Boden sehr unfruchtbar aus. Grosse, schwarze, runde Steine liegen uberall oder schauen vielmehr zwischen ziemlich dunnen, magern Kornhalmen aus dem Boden hervor und geben ein unangenehmes Bild der Unfruchtbarkeit. Hinter Schrems, gegen Schwarzenau zu, erscheint der Boden ergiebiger, die schwarzen Steine verlieren sich und endlich steigt, wie man von einer kleinen Anhohe herabfahrt, das stattliche Schloss mit seinen Turmen empor. Auch dies, sowie manches andere in Osterreich, das ich gesehen, mag einmal fest gewesen und verteidigt worden sein; auch hier ist wie bei vielen andern Schlossern der breite Wassergraben, der es einst umgeben und beschutzt hatte, ausgetrocknet und ein recht artiger Garten an dessen Stelle angelegt worden. Wir wurden mit grosser Freundlichkeit empfangen, trafen die Tante der Baronin, Frau v. Ephraim mit ihrer Tochter, den hamburgischen Ministerresidenten, Herrn v. Graffen, und noch einige Gaste, und brachten einige recht angenehme Tage dort zu. Eine hochst ergreifende Mordgeschichte beschaftigte in dieser Zeit die Umgegend. In Langenlois, einem bedeutenden Marktflecken unweit Schwarzenau, hatten sich, wie ein paar Jahre fruher in Stockerau, Parteien unter den Burgern gebildet. Es war, als rege sich der stadtische Geist des Mittelalters in diesen Gemeinden und treibe sie zu eigenmachtigem Verfahren, ja zur Selbsthilfe, wenn ihnen keine Unterstutzung von den Behorden wurde. Der Syndikus in Langenlois war seit mehrerer Zeit, so wie damals in Stockerau der Magistrat, ein Gegenstand [214] des Hasses fur viele, die eine eigene Partei in diesem Duodezstaate bildeten. - Hin und her wurde gestritten, verklagt, verschwarzt, gestraft usw. Eines Tages, als der Syndikus in seinem Keller, der, wie das bei uns auf dem Lande haufig ist, ausserhalb des Fleckens lag, gegangen war, dort nachgesehen, seinen Diener, der ihn begleitet, vielleicht mit dem Wein, den er abgezogen, voran nach Hause geschickt, und sich auf eine Bank unter den Baumen, welche den Keller beschatteten, gesetzt hatte, - fiel hinter einem Zaun ein Schuss, von dem der Syndikus in den Rucken getroffen und getotet wurde. So fand man ihn - und keine Spur war zu finden, die auf den Tater hatte leiten konnen. Scharfe Untersuchungen wurden angestellt, mehrere verhaftet, auf denen der Verdacht feindseliger Gesinnungen gegen den Ermordeten am meisten ruhte. Die Untersuchung wahrte lange - einer der Verhafteten hatte sich, wenn mich mein Gedachtnis nicht trugt, wahrend derselben das Leben genommen. - Bekannt aber wurde, soviel mir bewusst ist, der wahre Stand der Dinge und der Grad der Schuld der Beteiligten nicht. Doch ich kehre nach Schwarzenau zuruck. Die Gegend ist meines Erachtens nach nicht schon. Hugeliges Land, meist mit dunkeln Kieferwaldern und Gebuschen bedeckt, ohne bestimmte oder bedeutende Formen, ein Ansehen von Trockenheit und Unfruchtbarkeit, ein rauhes Klima, so dass die Zwetschgen nur selten, ja manchmal sogar die Haferernten nicht reif werden - gibt dem Ganzen einen dustern Charakter. Ganz in diesem Charakter fand ich auch den Anblick der Ruinen von Krumau, einem alten Schlosse, auf einem von den dunkeln, ich mochte sagen stygischen Fluten des Kamp [215] umflossenen Felsen. Hier soll die ungluckliche Konigin Margarethe, die Schwester Friedrich des Streitbaren, gelebt haben, nachdem sie fruh schon Witwe des romischen Konigs Heinrich von Hohenstaufen gewesen, mit dem sie seine Gefangenschaft in S. Felice geteilt, dann gezwungen, den viel jungern Bohmenkonig Ottokar zu heiraten, und von ihm verstossen, sich wieder auf dies Schloss zuruckgezogen hatte. Zum mindesten stimmt die Wahl dieser melancholischen Gegend recht gut zu der Stimmung, in welcher sich diese ungluckliche Frau befunden haben mag. Nebst dieser Ruine sind noch andere verfallene Schlosser in der Nachbarschaft, und selbst das bewohnbare und bewohnte, sehr schon eingerichtete Allentsteig tragt einen altertumlichen Charakter. Nach Wien zuruckgelangt, war auch fur uns bald der Zeitpunkt des Badeaufenthalts gekommen. Wir bezogen eine schon bekannte Wohnung in Guttenbrunn, denn es lag uns daran, so landlich zu wohnen, als sich nur immer mit dem Gebrauche der Bader vertrug, die fur Pichler der Hauptzweck dieser Reisen waren. Ich genoss nur die frische, gesunde Luft und befand mich damals stets wohl dabei. Im September besuchte uns unsere Tochter zu unserer Freude und Beruhigung auf einige Tage und bewies durch ihre Reise auf dem Eilwagen und ihr bluhendes Aussehen, dass sie wieder ganz hergestellt sei, wofur wir Gott nicht genug danken konnten. Sie blieb nur wenige Tage und beeilte sich, zu ihrem Mann und Kind zuruckzukehren. Aber so kurz auch dieser Besuch war, gewahrte er uns Freude und Trost. Im folgenden Winter fasste ich die Idee, einen historischen Roman zu schreiben, dessen Stoff aus der bohmischen [216] Geschichte und dessen Schauplatz Prag, das ich nun ziemlich kannte, sein sollte. Es war nicht leicht, einen solchen zu finden, obwohl die bohmische Geschichte sehr reich an bedeutenden Zugen und eigentumlicher Nationalentfaltung ist. Aber diese Zuge und diese Charakterentfaltung sind haufig, ja meistens sehr widerhaariger Art - oft in Opposition mit den Regenten Bohmens, von welcher Dynastie sie sein mochten, und fast immer in feindseliger Richtung gegen die deutsche Nation. Es musste also ein Zeitpunkt ausgefunden werden, der an sich pragnant, fur die Nation ruhmlich und nicht in gerader Opposition mit dem deutschen oder osterreichischen Interesse war, und da zeigte sich kein anderer als der, den mir Baron Hormayr, den ich bei meinen historischen Arbeiten stets um Rat fragte, schon fruher bei ahnlichem Zweifel gegeben, namlich das Ende des Dreissigjahrigen Krieges, als die Schweden sich durch nachtlichen Uberfall des Hradschins und der Kleinseite in Prag bemachtigt hatten und diese Platze auch bis zum Friedensschluss eintausendsechshundertachtundvierzig inne behielten. Hier war nun die Bevolkerung von Prag ganz im Einverstandnis mit den Ansichten des kaiserlichen Hofes. Die Schweden hatten langst aufgehort, selbst bei den Protestanten, noch mehr aber bei der katholischen Partei in Deutschland als Retter und Befreier zu gelten, und alle waren froh, dass sie sich wieder uber die Ostsee zuruckziehen sollten. In diesem Sinn konnte ich also meinen Plan vorlaufig zu den Schweden in Prag entwerfen. Die nahern Bestimmungen, die Lokalitatsverhaltnisse hatte ich mir wohl eingepragt, und die Herren Literatoren von Prag, besonders Professor Gerle, dann die Herren von Rittersberg, Ebert, damals ein junger Mann, der kaum [217] fünfundzwanzig Jahre zahlte, waren mir mit grosser Freundlichkeit behilflich, Notizen zu sammeln, die auf jene Zeit Bezug hatten. Herr von Rittersberg war so gutig, mir eine lateinische Ubersetzung eines bohmischen Manuskripts oder einer gedruckten Nachricht uber die Verteidigung der Alt- und Neustadt durch die Studenten unter ihrem tapfern, geistreichen Anfuhrer P. Plachy zu verschaffen, die einen dieser Studenten selbst zum Verfasser hatte, und die mir bei der Schilderung des Kampfes am Neutor sehr zu statten kam. * * * Im Laufe des Winters eintausendachthundertfünfundzwanzig minus sechsundzwanzig kamen nach und nach mehrere werte Bekannte, die wir in Prag kennen gelernt und sehr ungern verlassen hatten, durch Ubersiedlung hierher nach Wien. Der erste war der wurdige Professor und k.k. Rat Doktor v. Bischoff, mit seiner ebenso schatzbaren als liebenswurdigen Frau. Nicht lange darnach rief eine kaiserliche Entschliessung den Oberstburggrafen, Grafen von Kolowrat, als Staatsminister hierher, und wieder bald nach dieser Versetzung wurde dessen Frau Schwagerin, die Furstin Kinsky, zur Obersthofmeisterin der Erzherzogin Sophie ernannt. So waren denn alle diese, von mir verehrten Personen jetzt in Wien einheimisch. Aber diese Nahe erwies sich nicht so befriedigend fur uns, als man es auf den ersten Anblick hatte denken sollen. In Prag, in der Provinz hatten die burgerlichen Bekannten freieren Zutritt zu ihren hochgestellten Gonnern, und obwohl ich nicht die geringste Ursache hatte noch habe, mich in den funfzehn Jahren, seit jene Familien in Wien leben, uber irgendeine Hintansetzung oder Kalte oder Hochmut in ihrem Benehmen gegen mich zu beklagen, [218] obgleich ich versichert bin, bei den seltenen Besuchen, die ich in jenen Hausern mache, stets als eine werte Bekannte mit Achtung und mit Freundlichkeit aufgenommen zu werden: so brachte es doch die Stellung dieser Personen und ihr Verhaltnis zum Kaiserhofe mit sich, dass der ungezwungenere Umgang, wie er in Prag stattgefunden, hier nicht fortgesetzt werden konnte. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, in dieser sowie in Rucksicht meiner Stellung in der literarischen Welt gegen Schriftsteller und Rezensenten zu erwahnen, wie wenig ich mich uber meine Aufnahme von Seiten hochgestellter Personen wie von seite meiner Kunstgenossen zu beklagen Ursache hatte und noch habe. Im Hause des Fursten von Lobkowitz, im Hause des verehrten Grafen Franz von Szecheny, sowie im Hause meiner langjahrigen, innig geachteten Freundin Grafin von Zay wurde ich nicht bloss von den Mitgliedern dieser Familien, sondern auch von den fremden Besuchern, die oft zum hochsten Adel gehorten, nicht allein mit Achtung, sondern mit Auszeichnung behandelt. Bei Furst Lobkowitz, wo ein sehr angenehmer Ton herrschte und man stets versichert war, geistreiche Gesellschaft zu finden, wie ich denn ofters den Marquis de Chasteler, den Baron von Steigentesch und andere dort getroffen, befand ich mich mehr als einmal bei Soireen, wo entweder Musik gemacht oder Opern gegeben wurden, im Salon der Furstin mitten unter den Damen vom hochsten Range, und in der Nahe der kaiserlichen Prinzen, die diese Gesellschaften mit ihrer Gegenwart beehrten. Nie, ich kann es mit Wahrheit bezeugen, erfuhr ich die geringste Zurucksetzung oder wohl gar eine Demutigung, wie man sich von andern Frauen des Mittelstandes erzahlte. Das [219] allein beobachtete ich stets genau, mich nie vorzudrangen, stets zu warten, bis ich aufgesucht oder aufgefordert wurde, einen Platz einzunehmen, den ich aber auch dann unbestritten und ungekrankt behauptete. Ebenso bin ich mir keines Unfriedens mit andern Schriftstellern und, einige Ausfalle in obskuren und schon vergessenen Journalen von unbedeutenden Rezensenten ausgenommen, auch mit keinem Kritiker bewusst. Stets bin ich mit Hoflichkeit, oft mit Achtung, manchmal mit Lobpreisungen, die mir selbst zu hoch schienen, behandelt worden, und mit vielen von unsern osterreichischen Autoren bin ich personlich wohlbekannt, mit einigen in freundschaftlichem Verhaltnisse - mit keinem in Fehde. Aber ich habe auch nie in meinem Leben eine Rezension geschrieben oder drucken lassen, ich habe meine Urteile uber fremde Werke so schonend und mit so viel Nachsicht wie moglich ausgesprochen, nie Zwischentragereien Gehor gegeben, nie auf eine schmahende Rezension geantwortet, und wenn in fruherer Zeit einige meiner literarischen und personlichen Freunde den Fehdehandschuh fur mich aufnehmen und dem schmahen den Rezensenten antworten wollten, suchte ich dies auf alle Art zu hindern und habe mich bei dieser Verfahrungsart seit mehr als 40 Jahren stets wohl befunden und viele Beweise aufrichtiger Achtung, Teilnahme und Dankbarkeit von Personen jeden Ranges erhalten, welche mir die Versicherung gaben, in meinen Schriften Trost und Beruhigung gesucht und gefunden zu haben. * * * Der Winter von 1825-26 verging ziemlich gleichformig und ziemlich angenehm, wenn ich bei der Trennung [220] von meinem einzigen Kinde dieses Wort von meiner Lage eigentlich brauchen kann. Viel trug die Nachbarschaft der trefflichen Schlegel zu meiner Aufheiterung bei. Es war nun eine Nichte ihres Mannes, Baronin Buttlar, Tochter von Schlegels Schwester, aus Dresden hierher gekommen und wohnte bei ihren Verwandten. Diese, eine junge, geistvolle, unterrichtete Frau und sinnreiche Malerin, vermehrte auf sehr angenehme Art den gewahlten Kreis ihrer Tante und war besonders glucklich im Erfinden und Ausfuhren ansprechender kleiner Familienfeste, womit wir ihrer Tante oder ihres Oheims Festtage feierten. So kam der Fruhling heran und mit ihm die begluckende Hoffnung, dass Pelzeln, zwar ohne Avancement - aber schon die Transferierung war Gewinn - nach Wien werde ubersetzt werden. Die Sache blieb eine Weile unentschieden, wir schwankten zwischen Furcht und Erwartung. - Endlich trat eines Morgens zu ungewohnlich fruher Stunde Pelzelns Mutter, die verwitwete Hofratin, ein und kundigte uns die Freudenbotschaft an, dass unsere Kinder wieder nach Wien ubersiedeln werden. Nun waren wir alle begluckt und selig, und ich machte mirs zur Pflicht, mich bald darauf von einer alten Jugendbekannten, der Baronin Ott, die ich ofters an einem dritten Ort traf, und auch, wiewohl selten, besuchte, bei ihrem Schwager, dem Appellationsprasidenten v. Gartner vorstellen zu lassen, bei welchem sie seit ihrem Witwenstande wohnte, um ihm fur diese grosse Gunst zu danken. Man sagte namlich, er sei es eigentlich gewesen, der diese Ubersetzung dadurch, bewirkte, dass er dem Kaiser vorgestellt habe, wie sehr er eines so geschickten und redlichen Arbeiters, wie Pelzeln war, bedurfe. Der Kaiser [221] bewilligte dies Gesuch, und infolgedessen durften seine Mutter und wir hoffen, unsere Kinder wieder bei uns zu haben. Aber vorher kam noch viel Ungunstiges. Pelzeln, dem so wie seiner Mutter und auch Lotten die Luft und Lebensweise in Prag nicht gut anschlug, wurde bedeutend krank, und infolgedessen suchte er, als er hergestellt war, Prag so bald als moglich zu verlassen. Die Anstalten zur Ubersiedlung waren aber noch nicht vollendet, und so kam Pelzeln zuerst allein nach Wien, um seinen neuen Posten anzutreten. Lotte, die bereits wieder seit einigen Monaten guter Hoffnung, und dadurch mehr als die beiden ersten Male inkommodiert war, blieb zuruck, um jene Vorbereitungen zu treffen, und da eben das Packen und Raumen meiner Tochter in ihrer damaligen korperlichen Lage nicht zutraglich war, so ersuchte Pelzeln, als er nach Wien kam, mich, zu ihr nach Prag zu reisen, ihr, wo es notig war, Beistand zu leisten und sie nebst ihrem Knaben, der bereits 14 Monate zahlte, wohlbehalten nach Wien zuruckzufuhren. Ich reiste also im Julius abermals nach Bohmen, war mit dem Separateilwagen wieder am dritten Vormittag bei meiner Tochter und freute mich sehr, Lotten und den Knaben, der fruher krank gewesen war, in ziemlicher Gesundheit anzutreffen. Von meinen Prager Bekannten, bei denen ich im vergangenen Jahre so freundlich war aufgenommen worden, fand ich die meisten nicht mehr, indem einige davon ubersiedelt waren, andere sich auf dem Lande befanden. Nur meine literarischen Bekannten fand ich zu Hause und empfing abermals, besonders von Professor Gerle, viele Beweise gutiger Gesinnung. Auch im Hause meiner Jugend [222] freundin Baronin Hennet fand ich eine grosse Veranderung. Ihre Tochter, eine treue Freundin der meinigen, war Braut geworden, und zwar die eines ihr an Jahren weituberlegenen Mannes, des Herrn Kreiskommissars Muller, der schon erwachsene Kinder hatte; und gerade am Tage meiner Ankunft war Hochzeit. Josefa, so heisst B. Hennet, war mit ihrer Toilette beschaftigt und drang sehr freundlich in mich, sie zu der Feierlichkeit zu begleiten. Ich hatte aber im strengsten Sinne kein hochzeitliches Kleid anzuziehen, denn mein Koffer sollte erst am nachsten Tage mit dem Brankardwagen kommen, und so musste ich diesem Vergnugen entsagen, wie ich denn uberhaupt die vierzehn Tage meines diesmaligen Aufenthaltes still mit Lotten und mit meiner Freundin Hennet zubrachte. Endlich war alles gepackt, die Frachtwagen gingen ab, und wir machten uns auf den Weg. Aber nach dem Ermessen des Arztes und nach Pelzelns Vorschriften, der mir und seiner Frau die hochste Aufmerksamkeit und Schonung zur Pflicht machte, reisten wir mit einem Landkutscher, den wir schon vom vorigen Jahr als sehr verlasslich kannten, und waren demnach vier volle Tage unterwegs, wahrend welcher das kleine Bubchen von vierzehn Monaten uns Erheiterung und Spass machte. Es war wirklich zum Verwundern, wieviel dies ganz kleine und noch der Sprache nicht machtige Wesen von ausserlichen Eindrucken und Erscheinungen aufzufassen und auf eine ziemlich verstandliche Art mitzuteilen vermochte. Sowie wir nach mehreren Jahren, als einmal die Rede auf einen Prager Spazierort kam, mit Erstaunen aus seiner Beschreibung erkannten, dass er, der damals 14 Monate zahlte, als wir zuletzt mit ihm in jenem Garten gewesen, sich dessen noch wohl erinnerte. [ 223] In Stockerau kamen uns Pichler und Pelzeln zu unserer grossten Freude entgegen, und so hatte uns denn Gottes Gute und Barmherzigkeit wieder vereinigt! Die Tochter mit ihrem Kinde wohnte einstweilen bei uns und zog auch mit uns nach Baden, um der reinen Landluft zu geniessen, wahrend ihr Mann, der sich in seiner Vaterstadt wieder erholt hatte, jede Woche ein paar Tage bei seiner Mutter in ihrer Landwohnung zu Modling zubrachte, wo wir uns dann gegenseitig besuchten. * * * Die Familie des Prasidenten Baron Gartner brachte diesen Herbst auch einige Wochen in Baden zu, weil die altere Tochter, ein sehr schatzbares Frauenzimmer, eines Ubels am Fusse wegen diese Bader brauchen musste, und ihr Vater, der das Ungluck hatte, eben als er zu Besuch bei ihr war, in Baden umgeworfen und am Arm beschadigt zu werden, ebenfalls an diese Heilquelle war gewiesen worden. Wir besuchten uns gegenseitig, und von dieser Zeit an knupften sich freundschaftliche Bande zwischen uns, besonders zwischen meiner Tochter und Luisen, dem alteren Fraulein v. Gartner, und diese bestehen noch fortan. Im Herbst bezogen meine Kinder eine ziemlich angenehme Wohnung >>am Hof<<. Bei Lotten naherte sich allmahlich ihre Niederkunft. Die Reise hatte ihr nicht geschadet, aber dennoch waren nicht alle Storungen beseitigt, und als sie im Dezember eines Madchens genas, war dies ein sehr kleines, schwachliches Kind. Es erhielt in der Taufe den Namen Franziska von seiner Patin, der vaterlichen Grossmutter, und durch die unermudliche und treue Sorgfalt der Mutter, welche [224] es selbst stillte und dadurch vielleicht einer Wiederholung der Krankheit entging, die sie bei Augusts Geburt erlitten, gedieh das uberaus zarte Kind doch zum Verwundern. * * * Meine Schweden in Prag, zu denen ich in Prag und hier viele Vorstudien gemacht, waren erschienen, fanden eine gunstige Aufnahme, und ganz unvermutet auch einen gewandten und gewissenhaften Ubersetzer. Schon im Jahre 1824, als meine Tochter noch in meinem Hause lebte, war ich mit einem Legationssekretar der franzosischen Gesandtschaft, Herrn v. Cramayel, bekannt geworden, der uns zuweilen, aber selten besuchte. Als er im nachsten Fruhling von hier nach Hannover versetzt wurde, erbat er sich die Erlaubnis, mir seinen Nachfolger im Dienste, den Grafen De la Grange auffuhren zu konnen. Ich lernte also diesen jungen Franzosen, einen sehr gebildeten, schonen und doch sehr bescheidenen Mann kennen, und es fand sich, dass er ebenfalls bei Schlegel bekannt und geachtet war. So kam er nun von dieser Zeit an fleissig in unser Haus, in dem zwei ihm befreundete Familien lebten. De la Grange sprach ziemlich fertig deutsch, und dieser Umstand naherte ihn Pichlern, der sonst an dem Fremden, dem Diplomaten, dem Kavalier kein grosses Behagen wurde gefunden haben. So aber ward ihm moglich, sich mit demselben zu verstandigen, und Graf De la Grange konnte bei naherer Bekanntschaft nur gewinnen. Er kam von da an sehr oft zu uns, er kannte die ganze neue Literatur seines und unsers Vaterlandes, war selbst Schriftsteller, und so gefallig, uns immer mit den neuesten Erscheinungen in beiden Literaturen zu versorgen [225] und vorzuglich meinem Manne die bedeutendsten im politischen Fache zu verschaffen, an welchen mit des Grafen Erlaubnis auch unser bewahrter Freund Regierungsrat Vierthaler Anteil nahm. Nicht lange darnach, obgleich nicht in diesem Jahre, ward mir auf ganz sonderbare Art die Bekanntschaft eines zweiten jungen und sehr ausgezeichneten Diplomaten, des Freiherrn von Maltitz, von der russischen Gesandtschaft. Ich stand schon langere Zeit mit unserm gefeierten Sanger der Undine, dem Freiherrn von Fouque in brieflichem Verkehr, welcher sich, wenn ich nicht irre, bei Gelegenheit eines Geschafts mit der Buchhandlung meiner Schwagerin durch meine nachgesuchte Vermittelung angesponnen hatte. Spater hatte mir Baron Fouque seine Gunlaugurssaga sehr ehrenvoll gewidmet, und so kam es, dass ich einige Jahre hindurch mit ihm und auch einmal mit seiner Gemahlin, der Dichterin, Briefe wechselte. Fast gleichzeitig erhielt ich auch einen sehr schmeichelhaften Brief des innig und langst von mir verehrten Matthisson - und beide, Fouque und Matthisson, machten mich auf jenen Baron A. Maltitz aufmerksam, der damals in Wien lebte, den ich aber, wie das in einer grossen Stadt leicht geschieht, nie gesehen, ja nie von ihm hatte sprechen horen. Ja, Baron Fouque schloss sogar einem Brief an mich einen an diesen Baron Maltitz bei, den ich ihm durch irgendeinen gemeinschaftlichen Bekannten zukommen lassen, und der unsere Annaherung einleiten sollte. Sonderbar dunkte mich dies Verfahren, dass ich dem Kennenzulernenden selbst den Empfehlungsbrief zusenden sollte. Indes es war eine Dichterlaune, und somit gab ich ihr nach, bat eine Freundin, in deren Haus viele Diplomaten kamen, meinen Brief [226] von Fouque an den Baron von Maltitz gelangen zu machen, und hatte bald darauf das Vergnugen, die Bekanntschaft dieses sehr gebildeten und mit dem klassischen Altertum, mehr als sonst bei unsern jungen Dichtern der Fall ist, vertrauten jungen Mannes bei eben jener Freundin zu machen, den eine edle, wiewohl dustere und ernste Haltung auf den ersten Blick auszeichnete, und der bei naherer Bekanntschaft einen ebenso dustern, ernsten Geist, verbunden mit wurdevoller, menschenfreundlicher Gesinnung, bewahrte. Zu diesen beiden diplomatischen Bekannten gesellte sich ein dritter, den mir ebenfalls ein entfernter, treuer Freund, Hofrat Buel, aus Zurich zusandte. Es war der schweizerische Gesandte Baron Effinger-Wildegg, ein junger Mann, durch Geistesbildung, Kenntnisse, ein feines und doch dabei gemutliches Benehmen ausgezeichnet. Diese drei jungen Manner besuchten unser Haus ofter, und fehlten selten, wenn ich abends eine kleine Gesellschaft bei mir sah, was zwar jetzt, seit meine Tochter mein Haus verlassen, viel seltener geschah. Am oftesten kam der Graf De la Grange, und ich kann wohl sagen, dass sein Verhaltnis zu meinem Manne und mir nicht bloss ein salonmassiges, dass es beinahe ein freundschaftliches war. Aber ich sollte hier wieder, wie schon oft in meinem Leben, Freundschaftsbande, in denen mir wohl geworden, durch Zeit und Umstande zerrissen sehen. Gegen den Fruhling eintausendachthundertsiebenundzwanzig kundigte uns Graf De la Grange an, dass er eine Kurierreise nach Stuttgart oder Karlsruhe, ich weiss das nicht mehr genau, vorhabe. Mir tat es leid, denn ich war gewohnt, mich oft seines geistreichen und herzlichen Umganges zu erfreuen, doch hoffte ich, er wurde nicht lange wegbleiben und sagte ihm das. Da vernahm ich aber [227] gar anderes: De la Grange dachte nicht daran, wiederzukommen, er war im Begriff zu heiraten, und zwar ein Frauenzimmer, das er schon seit seiner Jugend geliebt, die aber, warum? sagte er nicht, einen Grafen von Clermont Laudoeuvre geheiratet habe, dann Witwe geworden, und nun zu ihrer ersten Liebe zuruckgekehrt sei. Sie war eine Caumont, aus einem sehr alten Hause, und stammte von dem, dem Blutbade der Bartholomausnacht wunderbar entronnenen Pagen Caumont, nachher Duc de la Force ab, dessen ein Vers in der >> Henriade<< erwahnt: Et du jeune Caumont l'etonnante histoire Auf jeden Fall scheint diese Heirat eine sehr vorteilhafte fur den Grafen De la Grange gewesen zu sein - was ich spater aus mancher Ausserung, die dem Neide glich, entnahm, wenn die Rede darauf kam - und der Konig von Frankreich selbst unterzeichnete den Heiratskontrakt. Das war alles gut und wunschenswert fur den Grafen, aber wir verloren ungern den ausgezeichneten und wohlwollenden Freund. Zum Abschied gab ich ihm meine >>Schweden in Prag<< mit, und er versprach, mir oft zu schreiben, was er auch treu gehalten.

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