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TERRE DES FEMMES - Menschenrechte für die Frau e.V. - Neu in unserer Bibliothek

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queer positivity

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aufklärung

Hauptthemen des neuen Artikels:    

Frauen

Zusammenfassung:    

Isaaks Schwestern Die auf wahren Begebenheiten basierende Erzahlung des Gynakologen Jurgen Wacker begleitet die Familie der jungen Fatimata (Fanta) in Burkina Faso, um dann uber ein deutsches Paar den Bogen nach Deutschland zu schlagen. Mal schlicht im Tonfall, manchmal sogar lapidar, dann wieder verschmitzt, an anderer Stelle alarmiert, aber stets voller Witz und Warme: Lola Shoneyin schafft es, in ihrem Debutroman die Tragik hinter dieser oft komodiantisch agierenden Grossfamilie aufzudecken. Die Frage, wie Betroffenen geholfen werden kann, geht Herz so an, dass sie zuerst exemplarisch die vor Ort agierende NGO AFESIP (Agir pour les femmes en situations precaire) vorstellt um dann Empfehlungen zur Arbeit gegen die sexuelle Ausbeutung folgen zu lassen.

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TERRE DES FEMMES - Menschenrechte für die Frau e.V. - Neu in unserer Bibliothek
Bildquelle: https://www.bossy.it/beyondstereotypes/wp-content/uploads/2016/07/tumblr_o59uueVHmq1qd4rf5o1_500.jpg    

Wie Frauen und Manner weltweit Kriege beenden und die Umwelt retten. Bei dem Buch,,Gute Nachrichten! Wie Frauen und Manner weltweit Kriege beenden und die Umwelt retten" geht es den Herausgeberinnen, der Heinrich-Boll-Stiftung und der Autorin Ute Scheub, weder um das Schonreden noch um das Wegschauen oder gar um das Verweigern internationaler Verantwortung. Mit dreiunddreißig Reportagen aus der ganzen Welt wollen sie sich der Logik der,,bad news" widersetzen und exemplarisch zeigen, dass Veranderungen auch zum Positiven moglich sind. So portraitiert das Buch Akteurinnen und Akteure, die fest entschlossen sind, Missstande wie Gewalt, Missachtung von Menschenrechten, Ungleichheit von Frauen und Mannern, Mangel an Demokratie, Armut oder Umweltzerstorung zu beenden. Es sind Menschen, die den Mut aufbringen, fur ihre Visionen zu kampfen und Veranderungen anzustossen. Es ist kein Zufall, dass die meisten Geschichten von Frauen handeln. Ahnlich wie,,bad news" dominieren die Gesichter von Mannern unsere Nachrichten. Das Engagement von Frauen bleibt im Verborgenen und damit auch ihr enormes friedenspolitisches Potenzial. Auch bekommen wir wenig von jenen Mannern mit, denen weder an der Aufrechterhaltung ihrer Machtposition noch an der verbissenen Verteidigung traditioneller Rollenbilder liegt. Das Buch " Gute Nachrichten! " bietet viele Beispiele dafur, wie eine Veranderung von Geschlechter- und Machtverhaltnissen positive Auswirkungen hat und Frieden dauerhaft sichern kann. Die Friedensnobelspreistragerin beschrankt sich in ihrer Autobiographie - das lasst uns schon der Titel ahnen - nicht auf ihre eigene Lebensgeschichte. Gbowee erzahlt die Geschichte einer Frauenbewegung, die einem im Burgerkrieg erstarrten Land zur entscheidenden Wende hin zum Frieden verhilft. zweitausenddrei - Liberia wurde bereits vierzehn Jahre von der Willkur und dem Schrecken des Burgerkrieges zwischen Diktator James Taylor und rivalisierenden Warlords zerrieben. In diesem Jahr rief das,,Women in Peacebuilding Network" (WIPNET), dem Gbowee vorstand, Frauen auf, sich fur ein Ende des Krieges einzusetzen: In weissen T-Shirts versammelten sich muslimische und christliche Frauen, um fur den Frieden zu beten, mit Sitzstreiks zu demonstrieren. Um ihre Forderungen zu unterstreichen, gewahrten die Frauen ihren Mannern keinen Sex. Tausende von Frauen schlossen sich ihnen an. Auch die Bevolkerung begegnete ihren Aktionen mit Zustimmung und Achtung. Das beharrliche und unerschrockene Auftreten der Frauen bewegte Taylor schliesslich zu einer Audienz, bei der er zusicherte, die Friedensverhandlungen aufzunehmen. Um sich uber den Fortschritt der Verhandlungen zu versichern, begleitet eine Frauendelegation die in Accra statt findenden Tagungen. Diese zogen sich uber Monate hinweg. Der Friedenswille der Parteien verlor an Glaubwurdigkeit. Und wieder waren es die Frauen, die Manner mit ihren ganz eigenen Mitteln zwangen, den Burgerkrieg endlich zu beenden. Gbowees couragiertem und mitreissendem Einsatz in der Friedensarbeit gehen aber Jahre leidvoller Erfahrungen voraus. 1989, sechs Monate nach ihrem Highschoolabschluss, bricht der Burgerkrieg los und macht ihre Zukunftsplane zunichte:,,Wir waren jetzt in einer anderen Welt, wir hatten eine Grenze uberschritten. " Der Krieg, das Leben auf der Flucht, eine Beziehung mit einem gewalttatigen Mann, mit dem sie vier Kinder hat, die Verachtung ihrer Familie, bei der sie nach der Flucht unterschlupfen konnte, zerren am Selbstbewusstsein der jungen Praktikum im Bereich Traumaheilung und Traumaversohnung markiert eintausendneunhundertachtundneunzig schliesslich den Beginn ihrer Arbeit als Friedensstifterin und eine Wende in ihrem Leben. In der Folgezeit kummert sie sich um behinderte Kindersoldaten, ehemalige,,Taylor Boys", denen der Krieg scheinbar jegliche menschliche Warme ausgetrieben hat. Sie halt Workshops mit vergewaltigten und traumatisierten Frauen und erfahrt, wie wichtig es fur diese ist, ihre Geschichten mit anderen Betroffenen zu teilen und so ein Last ab zu werfen. In ihrem Buch werden wir ZeugInnen, welche blindwutige Zerstorungskraft menschliches Handeln im Krieg freisetzen kann. Vor allem aber lernen wir, Frauen, dass wir fahig sein konnen, dieser Kraft die Stirn zu bieten und dass wir ihr unseren Friedenswillen entgegen setzen konnen. Wenn wir uns einig sind. zweitausendsechs grundete Gbowee das,,Women in Peace and Security Network Africa". 2011 erhielt sie gemeinsam mit Ellen Johnson Sirleaf, der ersten Prasidentin Liberias und der Jemenitin Tawakkul Karman, den Friedensnobelpreis. Die Arbeit von Leymah R. Gbowee und der ihrer Mitsteiterin wurde zweitausendsechs auch in einem Film dokumentiert:,, Pray the Devil Back to Hell " Ruth HalloDie Trostfrauen China, 1938: Meian lebt mit ihrer Familie in einem kleinem Dorf im Suden des Landes. Als sie in diesem Jahr auf Wunsch ihrer Eltern ein vermeintlich herkommliches Stellenangebot in Shanghai annimmt, hort ihre Kindheit schlagartig auf. Wie sehr sie betrogen wurde, erkennt sie erst, als es schon zu spat ist. Meian wird Gefangene einer,,Trostfrauenstation", einem Bordell fur japanische Soldaten. Sie ist 13, als sie erfahren muss, dass es fur menschliche Grausamkeiten keine Grenzen gibt. Die Geschichte Meians bleibt nicht die einzige, welche die LeserInnen in diesem Buch kennen lernen. Die Autorin verknupft anschaulich die Biographien verschiedener weiblicher Hauptfiguren, die mit dem Thema "Trostfrauen" in unterschiedlicher Weise in Beruhrung gekommen sind. In einem japanischen Gericht treffen sie zusammen, um fur die Anerkennung der gegen sie und alle anderen betroffenen Frauen verubten Verbrechen und das damit verbundene Recht auf Entschadigung zu kampfen. Anhand der Schilderung ihrer Leiden wird in dem Buch auf das Schicksal hunderttausender Frauen aufmerksam gemacht, welche dem unmenschlichen System der so genannten Trostfrauenstationen zwischen1937-1945 zum Opfer fielen. Nicht nur die Zeit wahrend ihrer Gefangenschaft, sondern auch die gravierenden physischen und psychischen Folgen der Tag taglichen Gewalt und Vergewaltigungen, die Jahrzehnte lang anhaltenden Demutigungen, Beschimpfungen, den Ausschluss aus der Familie und Gesellschaft sowie den Umgang der chinesischen und japanischen Regierungen mit dieser Thematik verdeutlicht die Autorin mit klaren, schonungslosen Worten. Das Buch schildert, den Kampf der Frauen, einen sooft verleugneten Teil der japanischen und chinesischen Geschichte ans Licht zu bringen und ein Stuck weit Gerechtigkeit und die gesellschaftliche Rehabilitation der Frauen zu erlangen. Ein bedeutender Roman zur geschichtlichen Aufarbeitung, der das Schicksal der,,Trostfrauen" nicht in Vergessenheit geraten lassen will! LangenMuller, Munchen 2012, zweihundertneunundsiebzig Seiten, 19,99 EUR Sayime ErbenGewalt und EhreEhrbezogene Gewalt aus Taterperspektive Erben mochte mit ihrer Studie konservative Vorstellungen turkischer Manner uber das Verhaltnis der Geschlechter, uber die Rollenteilung zwischen Mann und Frau, uber innerfamiliare Gewalt und uber Geschlechterehre rekonstruieren. Fur ihre Untersuchung hat sie funf Tater aus bildungsfernen Familien, die aus dem landlich gepragten Teil der Turkei stammen, befragt. Der Ehrbegriff, so ein Kernergebnis ihrer Interviews, hat Auswirkungen auf unterschiedliche Lebensbereiche und muss umgekehrt stets in deren Kontext gesetzt werden. Fur die Befragten war die "Ehre" stets mit der weiblichen Sexualitat verbunden, die, vor allem von mannlichen Familienmitgliedern, geschutzt werden muss. Eine Frau, die von patriarchalischen Normen abweicht, macht sich eines Verbrechens schuldig. In der Folge wird aber eine "Beschmutzung der Ehre" dem Mann zur Last gelegt. Eine wichtige Rolle spielen zudem die traditionellen Rollenvorstellungen von Frauen und Mannern sowie uberholte religiose Brauche. Die freie Marktwirtschaft erscheint uns heute haufig mehr als undurchsichtig, unkalkulierbar und rucksichtslos. Nicht nur, dass die Auswirkungen von politisch-wirtschaftlichen Entscheidungen und Vorgehensweisen (internationaler) Unternehmen nicht mehr ohne weiteres nachvollzogen werden konnen, selbst unser eigener, eigentlich uberschaubarer Konsum verunsichert uns heute zunehmend. Mit unserer Kaufkraft bewirken wir Vorgange, die wir nicht beabsichtigen, von denen wir manchmal nicht mal etwas wissen. Vorgange, die sich aber dennoch gravierend auf die Lebenssituation anderer auswirken. Und selbst dann, wenn die Auseinandersetzung mit den negativen Auswirkungen der wirtschaftlichen Vernetzung der Welt und unserer daraus folgenden Verantwortung fur unseren Konsum erfolgt ist, scheitern wir doch haufig daran, unsere Erkenntnisse in konkretes Handeln umzusetzen. Dies mag wohl verschiedene Grunde haben. Einem dieser moglichen Grunde haben sich die AutorInnen dieses Buches angenommen: Unsicherheit. Denn sowohl in den Regalen von grossen Discountern als auch von Einzelhandelsladen wirkt das Fairtrade-Sortiment mittlerweile wie ein riesiges Wirrwarr aus Fairtrade-Siegeln und Gutezeichen, welche ihre inhaltlichen und qualitativen Unterschiede nicht offensichtlich zu erkennen geben. Auch die Einhaltung und Glaubwurdigkeit von Unternehmenskodizes ist fur die KonsumentInnen haufig schwer zu uberprufen. Wie konnen wir also sicher gehen, dass unsere Vorstellung beim Kauf eines Produktes uber dessen Herstellung wirklich der Realitat entspricht? Wie konnen wir in diesem, durchaus auch gewollten Durcheinander zwischen ernstzunehmenden Produkten und deren Trittbrettfahrern unterscheiden? Was mussen wir wissen, wenn wir das nachste Mal in ein Supermarktregal greifen? Mit vielen Tipps und zahlreichen Hintergrundinformationen tragt dieser herausragende Ratgeber dazu bei, dass fairness-bewusste, okosozial orientierte VerbraucherInnen beim nachsten Einkauf, den Wagen mit Herz, Verstand und gutem Gewissen fullen zu konnen. Die AutorInnen beschranken sich in ihrer Publikation aber nicht auf den normalen Wocheneinkauf, auch ein interessanter Uberblick uber weitere Themen, beispielsweise faire Kleidung, Reisen oder Geldanlagen, wird gegeben. Es ist ein aufschlussreiches, gut verstandliches und anschauliches Buch, welches eine realistische Moglichkeit von Konsumalternativen darlegt; welches nicht suggeriert, der Faire Handel ware die Losung all unserer globalen Probleme, die aus der freien Weltwirtschaft resultieren. Die VerbraucherInnen werden die lang bestehenden, politisch gewollten und ungerechten Handelsstrukturen nicht von heute auf morgen durch den Kauf eines Fairtrade-Kaffees beseitigen konnten. Aber es wird anschaulich, was wir dazu beitragen konnen, dass diese Bewegung, die den Produzierenden einen gewissen Schutz im System des freien Welthandels bietet, sich weiter ausbreiten und etablieren kann. Ungemein lesenswert, weil wir nicht darauf warten konnen, dass die Politik ihre Pflichten erfullt. Die Geburt eines Kindes. Krankheiten. Das Alter. Eine damit verbundene Pflegebedurftigkeit. Die Diskrepanzen zwischen Schulzeiten des Kindes und den elterlichen Arbeitszeiten. Die heutzutage geforderte Flexibilitat von Arbeitsort und -zeitraum. Kurzungen in kommunalen Einrichtungen und in den Sozialleistungen. Jeder kennt die Herausforderungen, welche sich aus den diametralen Dynamiken der heutigen Arbeitswelt und der Versorgung bedurftiger Familienmitglieder ergeben. Daneben bleiben die fortwahrenden Anforderungen des Haushalts. Die meisten Menschen kennen den Moment, an dem die verschiedenen alltaglichen Aufgaben nicht mehr alleine getragen werden konnen. Doch wer fangt in diesen Momenten den Stress auf? Wer ist da, wenn zwei Lebensbereiche unvereinbar auseinander klaffen? Haufig sind es Frauen. Oftmals Migrantinnen aus den unterschiedlichsten Landern. Ihre Motive, ihre Heimat zu verlassen, sind genauso unterschiedlich, wie ihre personlichen Hintergrunde, ihre Lebensgeschichten, die mit dem Fortgang verbundenen Verluste, die zu bewaltigenden Herausforderungen und Komplikationen. Gemeinsam sind ihnen zugesprochene Stereotypen und die Vorurteile, die mit diesen einhergehen. Gemeinsam ist ihnen der Zugang in eine tabuisierte Privatsphare und eine oftmals verschwiegene Existenz, um die Idealbilder der perfekten Familie und Karriere, des funktionierenden Sozial- und Wohlfahrtsstaates sowie der tadellosen Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Die fehlende Anerkennung, bzw. auch die Verleugnung des Werts ihrer Arbeit, eine haufig unubersichtliche rechtliche Lage und fehlende Arbeitsstandards schaffen die Basis fur eine menschenunwurdige Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, die in nicht wenigen Fallen im Menschenhandel und der Sklaverei endet. Sibylle Hamann schildert beeindruckend die Lebenswelt vieler Frauen, die mitten unter uns leben und dennoch haufig nicht wahrgenommen werden. In klaren Worten beschreibt sie nicht nur die vorhandenen Missstande, sondern kommt auch zu einer sinnvollen Einschatzung dessen, was getan werden muss. Ihr Buch ist ein Pladoyer, die Arbeit dieser Frauen auf der gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Ebene zu wurdigen und ihnen den langst verdienten Platz in unserer Mitte einzuraumen. Claudia HaarmannMutter sind auch Menschen Was Tochter und Mutter voneinander wissen sollten Jede Mutter-Tochter-Beziehung ist eine besondere. So war es auch nicht verwunderlich, dass das bevorstehende Buchprojekt uber Mutter und Tochter unweigerlich die unterschiedlichsten Reaktionen von Freundinnen und Bekannten entlockte. Eines aber ist - so die Hauptthese der Verfasserin - all diesen Beziehungen gemeinsam: Jede Mutter will ihrem Kind nur das Beste geben, aber das Leben funkt stets dazwischen. Die Psychotherapeutin Claudia Haarmann rollt in ihrem Buch die Dynamiken auf, die zwischen Muttern und Tochtern in verschiedensten Lebenssituationen entstehen. , ,Liebe",,,Bindung",,,Schuld" und,,Verantwortung" sind die immer wiederkehrenden Schlagworte. Neueste Erkenntnisse aus Hirnforschung und Traumatherapie heranziehend, erklart die Autorin, wie die erlebten Traumata fruherer Generationen - Kriege, Gewalterfahrungen, Verluste, Schweigen - in das Verhaltnis zwischen Mutter und Tochtern eingreifen konnen. Haarmann konsultiert Trauma- oder Psychotherapeutinnen und lasst Mutter und Tochter zu Wort kommen. Durch die immer wieder zitierten Berichte der befragten Frauen wirkt das Buch sehr warm, herzlich und offen. Schnell finden wir eine Passage, in der wir uns wieder erkennen. So liest sich,,Mutter sind auch Menschen" nicht wie ein Lehrbuch fur Beziehungstherapie. Nach der Lekture meinen wir eher, uns den Rat einer erfahrenen Freundin geholt zu haben. Diese Neuauflage enthalt zusatzlich ein Kapitel, das den Hintergrunden der Konflikte bei Kontaktabbruch zwischen Mutter und Tochter nachgeht. Ein weiteres Kapitel beleuchtet fruhkindliche Bindungserfahrungen und deren Auswirkungen auf das Sexualleben Erwachsener. Orlanda Verlag, Berlin, uberarbeitete Neuauflage 2012,19,50 EUR Ursula KrebsSophies BrautpreisEine afrikanische Frau erzahlt Nach ihren Romanen,,Mireille Makampe - Der Wille meines Vaters geschehe. " und,, Rosalinde Massado: Komm, zunde meine Lampe an. " lasst Ursula Krebs erneut eine Frau aus Kamerun ihre Lebens- und Leidens- und - schliesslich - Erfolgsgeschichte erzahlen. Sophie darf als eines der ersten Madchen ihres Dorfes zur Schule gehen. Nach der Grundschule wird das lernbegierige Kind erkennen, dass sie als Madchen weniger Chancen auf Bildung als die Jungen hat: Die weiterfuhrende Schule in ihrer Nahe ist nur Jungen vorbehalten. Als glaubige Christin mochte sie keine polygame Beziehung, wie dies in Kamerun oft noch ublich ist, eingehen. Doch die Familie besteht auf einer Heirat, gesteht Sophie aber zu, ihren Ehemann selbst zu wahlen. Sie geht eine Ehe mit dem mittellosen Matthias ein. Da er den Brautpreis nicht aufbringen kann, arbeitet auch Sophie dafur, das von ihrer Familie verlangte Geld aufzubringen. Der Nachwuchs bleibt aus. Die traditionellen Heiler verordnen innere und aussere Reinigungen, Opfergaben an die Verstorbenen, wahrend die,,Medizin der Weissen" durch Operationen und Medikamente das Problem zu beheben versucht. Beide Methoden bleiben ohne Erfolg. Matthias holt sich eine,,gebarfahige" Zweitfrau ins Haus, um seine Mannlichkeit nach aussen hin,,beweisen" zu konnen. Sophie kann ihre neue Situation nur unter grossen emotionalen Gewissensbissen ertragen. Als die Zweitfrau sich aber von jeder Hausarbeit fernhalt, mit der Ausrede, als gebarfahige Frau mehr,,wert" zu sein als Sophie, scheitert die Ehe und Sophie zieht aus. Um wirkliche Freiheit, Wurde und Selbstachtung zu erlangen, will sie ihrem Mann den Brautpreis zuruckzahlen, eine bis dahin einmalige Unternehmung in der Tradition des Dorfes. Sophie muss Klugheit beweisen und viel Arbeit und Angst auf sich nehmen, um das Geld zu erwirtschaften. Sophie erzahlt stellvertretend fur viele afrikanische Frauen authentisch und beruhrend von Polygamie, Chancenungleichheit und der Abhangigkeit vom Mann. Aber ihre Geschichte lehrt uns, dass individueller Mut starre Traditionen aufzubrechen vermag und so dazu beitragen kann, die Gesellschaft (nicht nur fur Frauen) lebenswerter zu machen. Ursula Krebs, geb. 1941, lebte als Sozialarbeiterin selbst fast zwanzig Jahre lang in Kamerun. Ihre Erfahrungen machten Sophies Bericht authentisch und glaubhaft. Lamuv Verlag, Gottingen 2008, zweihundertfünfzig Seiten, 12,- EUR Jurgen WackerIsaaks Schwestern Die auf wahren Begebenheiten basierende Erzahlung des Gynakologen Jurgen Wacker begleitet die Familie der jungen Fatimata (Fanta) in Burkina Faso, um dann uber ein deutsches Paar den Bogen nach Deutschland zu schlagen. Im Alter von sechs Jahren wird Fanta von ihrer Grossmutter einer Genitalverstummelung Mutter, eine angehende Hebamme, selber beschnitten, konnte ihre alteste Tochter nicht vor dem Eingriff schutzten. In ihrer Abwesenheit handelte Fantas Grossmutter entgegen ihrem ausdrucklichen Wunsch, um das im Namen der Tradition Notwendige zu unternehmen. Fantas Wunde entzundet sich, sie wird ins Krankenhaus von Dori eingewiesen. Hier wird sie von Jo Lingen, einem deutschen Arzt behandelt. Die Konfrontation mit traditionsbedingten Krankheiten, bietet Anlass fur Gesprache, zuweilen heftigen Diskussionen, in denen die Hintergrunde der uber Generationen gepflegten Praktiken erortert werden. Lebhaft werden auch die unterschiedlichen Einstellungen zu Schwangerschaft, Entbindung und Kindern in afrikanischen Landern und in Europa besprochen. Als Jo Lingens Lebensgefahrtin Eva Dammert, eine Fehlgeburt erleidet und sich nur schwer von ihr erholen kann, beschliesst das Paar nach Heidelberg zuruck zu kehren. Um Djamila, Fantas verwaiste Cousine, vor Genitalverstummelung zu bewahren, nehmen sie diese mit und adoptieren sie. In Deutschland macht die aufgeschlossene und eifrige Schulerin ganz andere Erfahrungen: Sie wird mit rassistischen Spruchen belastigt und keine/r ihrer MitschulerInnen steht ihr bei. In ihrer neuen Schule nutzt der Lehrer seine Stellung aus, um SchulerInnen sexuell zu missbrauchen. Djamila fluchtet mit ihrer Freundin. Ein Buch, das von den Erfahrungen ihres engagierten Verfassers profitiert. Der Gynakologe Jurgen Wacker war von eintausendneunhundertsechsundachtzig - eintausendneunhundertachtundachtzig fur den DED in Burkina Faso tatig, und leitet seit eintausendneunhundertachtundachtzig regelmassig Workshops gegen Genitalverstummelungen in Burkina Faso. 2008 grundete Jurgen Wacker den Verein,,Menschen fur Frauen e. V./ Deutsch-Afrikanische Freundschaftsgesellschaft in der Gynakologie". Westkreuz Verlag, Berlin 2011, zweihundertvierzehn Seiten, 19,90EUR Ali SchirasiDie Wuste glimmt In seinem neuen Roman zeichnet Ali Schirasi ein Bild des Iran auf seinem Weg in die Revolution, die zum Sturz des Schah und zum Aufstieg der Mullahs fuhren sollte. In den Mittelpunkt stellt er die Geschichte der,,verruckten" Pari und des Sonderlings Gondik; zwei Menschen, die von ihrer Aussenwelt als,,minderbemittelt" wahrgenommen werden. Die beiden Hauptfiguren ziehen zunachst, einander noch nicht kennend, von einem Dorf zum nachsten, bis sich ihre Lebenswege schliesslich kreuzen und sie diese fortan gemeinsam durchlaufen. Die Dorfgemeinde, gepragt durch Gemeinschaft, Tradition und tiefem Glauben nimmt sich bald ihrer an und fuhrt sie durchs Leben; organisiert gar ihre Hochzeit, - einschliesslich der Brautwerbung. Gebannt vom Leben des Paares und der DorfbewohnerInnen gelangt man nahezu beilaufig und unbemerkt in die Wirren der iranischen Revolution, die das Leben der Dorfgesellschaft durcheinander wirbeln und die gesellschaftliche Ordnung des Iran vollstandig und nachhaltig umkrempeln sollte. Dank Schirasi konnen wir die Konsequenzen dieser einschneidenden Umwalzungen aus der Sicht der Menschen einer Dorfgesellschaft miterleben.,,Die Wuste glimmt" ist ein Roman, den Authentizitat, Anschaulichkeit und Lebendigkeit auszeichnen. Agenda Verlag, Munster 2011, dreihundertachtundsiebzig Seiten, 19,80EUR Schlangenbrut. Zeitschrift fur feministisch und religios interessierte Frauen Schwerpunkt : Neue Medien Sie brachten uns Schnelligkeit, die allgegenwartige Verfugbarkeit und die globale Auffindbarkeit von allem und jedem. Die neuen Medien haben unseren Alltag verandert. Nicht nur zum Guten. Aber ohne Internet ware es aufgrund eines unbedachten Satzes, der einem Polizeibeamten entglitten war, wohl kaum so schnell zu einer internationalen Protestbewegung gekommen, wie mit den Slutwalks geschehen. Fotografien zum,,Schlampenmarsch" bebildern denn auch erfrischend die Marz-Ausgabe der Schlangenbrut. Welche Bedeutung hat das Mitmach-Netz fur die Geschlechterfreiheit? - dieser Frage geht Caroline Roth-Ebner in ihrem Artikel nach.,,Sind Computerkurse speziell fur Frauen uberhaupt noch notwendig? " erortert Vanessa Gortz im Gesprach mit Ines Holthaus, der Mitbegrunderin des Vereins,,Frauen und neue Medien ". Aber die Beitrage zum Schwerpunkthema kreisen nicht nur um das Internet. Maren Haartje z.B. wurdigt die oft ubersehene Friedensabeit von Frauen. Sie zeigt, wie diese als couragierte Vermitt-lerinnen, als Medium tatig sind. Einen Blick von aussen auf die Schlangenbrut werfen die beiden Doktorandinnen Anna-Lin Karl und Edina Kiss. Eine Bibliografie von Vanessa Gortz gibt weiterfuhrende Lese- und Surftipps zu Internet & Co. Marianne Neuwohner,,Die Frau ist frei geboren und bleibt dem Manne gleich an Rechten"Frauenrechte und der Auftrag fur die Soziale Arbeit eintausendsiebenhunderteinundneunzig formulierte Olympe de Gouges ihre legendare,,Erklarung der Rechte der Frau und der Burgerin". Welchen Prozess haben die Frauenrechte seither durchlaufen? Wie sieht die aktuelle Situation der Frauen in Deutschland aus? Marianne Neuwohner geht in ihrer fachkundigen Diplomarbeit diesen Fragen nach und deckt Handlungsbedarf auf. Ein besonderes Augenmerk widmet sie der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession und entwickelt Ansatze fur die sozialarbeiterische Praxis im Bereich der Frauenrechte. Vor de Gouges berucksichtigten Menschenrechtserklarungen nur die Rechte des Mannes. Konsequenter Weise beginnt die Autorin ihren Ruckblick auf die Geschichte der Frauenrechte mit der franzosischen Revolutionarin, fahrt mit Mary Wollstonechrafts Verteidigung der Frauenrechte von 1792 fort und beschliesst mit den Suffragetten in England, um sich dann den wichtigsten Meilensteinen der deutschen Frauenbewegung und ihrer Errungenschaften hin zu wenden. In der deutschen Gegenwart angekommen klopft sie Bereiche wie Bildung, Beruf, Ehe und Scheidung ab, analysiert die Formen von Gewalt, denen Frauen auch heute noch ausgesetzt sind. Gleichberechtigung sieht sie lediglich fur den Bereich der Bildung realisiert. Die Benachteiligungen, die Frauen in Deutschland erfahren, gelten ganz besonders fur Migrantinnen, die oft zusatzlich - bedingt z.B. durch die patriarchalen Strukturen ihrer Herkunftslander - weitere Hurden nehmen mussen. Unter Bezug auf das von der UNO herausgegebene Manual,,Menschenrechte und Soziale Arbeit" fordert die Autorin nicht nur Angehorige der Sozialen Berufe zum Handel auf. Marianne Neuwohner mochte mit ihrem Buch,,Menschen einen Impuls geben, sich mit den Rechten von Frauen zu beschaftigen und dafur einzusetzen. " Sie wird das nicht nur bei Lehrenden, Lernenden und Praktizierenden der Sozialen Arbeit erreichen. Iana Matei wurde eintausendneunhundertsechsundneunzig von den ChefredakteurInnen der europaischen Ausgaben von Reader's Digest zur Europaerin des Jahres gewahlt. Elf Jahre davor hatte sie die erste Zufluchtstatte fur Frauen in Rumanien eingerichtet, die von international operierenden Schlepperbanden ausgebeutet wurden. So zeichnet sie mit ihrer Autobiographie auch gleichzeitig ihr Engagement fur zwangsprostituierte Madchen nach und liefert Einblicke in eine im Verborgenen operierenden Sexmafia. Bereits im ersten Kapitel lasst sie uns an der wagemutigen Befreiungsaktion der 15-jahrigen Ionela aus der Gewalt ihrer Zuhalter teilhaben. Die Geschichte dieses Madchens, das durch halb Europa gezerrt wurde, um Mannern dienstbar zu sein, deckt die Mechanismen des Menschenhandels auf und fuhrt die Ausweglosigkeit ihrer Opfer vor Augen. Ionela ist eines der zahlreichen Madchen, denen Matei in ihrem Frauenhaus einen Unterschlupf und die Moglichkeit eines neuen Lebensbeginns bietet. Ein Kapitel widmet die Autorin dem,,Lagebild Menschenhandel" in Europa. Sie fuhrt vor, wie sich die Gesetzgebung der einzelnen Lander auf das Rotlichtmilieu niederschlagt. eintausendneunhundertneunundachtzig floh Matei vor der Polizei nach Jugoslawien und emigrierte danach nach Australien, wo sie ein Psychologiestudium abschloss und sich um obdachlose Menschen kummerte. Zuruck in Rumanien grundete sie ein Projekt fur Strassenkinder. Als ihr von der Polizei drei minderjahrige Zwangsprostituierte anvertraut wurden, suchte sie nach einer geeigneten Unterkunft und mietete eine Wohnung, in die sie mit den Madchen einzog. Damit war der Keim fur,,Reaching out", ihr Frauenhausprojekt fur,,zerbrochene Puppen" gesetzt. Das Buch ist ein Augenoffner: Es enthullt den Menschenhandel als moderne Sklaverei, es enthullt die Leiden der Betroffenen, die selbst nach einer,,Befreiung" lange mit Krankheiten und Traumata leben mussen. Manche uberleben nicht. Bastei Lubbe TB, Koln 2011, zweihundertsechsundachtzig Seiten, 8,99 EUR Ulrike KarnerRegenbogenlicht Nach ihrem Debutroman Allah und der Regenbogen fuhrt die Psychologin Ulrike Karner in ihrem zweiten Roman die Geschichte uber das Leben der jungen Turkin Ebru weiter, die nach ihrem Outing als Lesbe ihr selbstbestimmtes Leben in Wien geniesst. Vor dem Hintergrund von Konflikten, die die turkische Migrantin in Bezug auf religiose Traditionen ihrer Familie erlebt, entspinnen sich die Erzahlungen uber ihre Suche nach der grossen Liebe, die Entdeckung ihrer Sexualitat und ihre Freundschaft zu Lena, die in Ebrus Bruder Tarik verliebt ist. Dieser soll jedoch mit einer Cousine aus der Turkei verheiratet werden, um die von seiner Schwester beschmutzte Familienehre wieder herzustellen. Der Autorin gelingt es, Themen wie Migration und Integration in Osterreich, Zwangsheiraten und Homosexualitat miteinander zu verbinden und den LeserInnen durch die Erlebnisse der jugendlichen Charaktere feinfuhlig und authentisch naher zu bringen. Wie bereits in Allah und der Regenbogen ist die romanhafte Erzahlweise durchbrochen von Kurztexten in Form von E-Mails, Chats oder SMS, was eine Unmittelbarkeit der Ereignisse suggeriert, sodass man wahrend des Lesens das Gefuhl hat, die Wirren des Gefuhlslebens von Ebru, Lena & Co direkt nachzuvollziehen. Auch spricht die Autorin auf diese Weise gezielt Jugendliche an, die auf der Suche nach sich selbst, nach Werten, Freundschaft und Solidaritat sind. (Besprechung: Sarah Breitenbach) Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach 2011, zweihundertneunzig Seiten, 19,95 EUR Barbara NaziriGruner Himmel uber schwarzen TulpenEin west-ostlicher Blick hinter den Schleier des Irans In ihrem Roman erzahlt die Autorin in poetischer Sprache von ihren west-ostlichen Einsichten in die Welt zweier unterschiedlicher Kulturkreise und erganzt durch ihre eigenen Erfahrungen das von den Medien einseitig gepragte Bild des Irans. Die Autobiographie stellt so zu einer Mischung aus Reisebericht, Geschichtsbuch und gesellschaftlichem Protestzeugnis dar, in der die politischen Verwerfungen der jungeren iranischen Geschichte durch die Empathie der Autorin fur das Land ihrer Vorfahren auf gefuhlvolle Weise an den Leser herangefuhrt werden. Barbara Naziri, deren Mutter deutsch-danische und deren Vater iranische Wurzeln hat, ist durch ihr Umfeld fruh fur die Bereicherungen aber auch das Konfliktpotential interkultureller Begegnungen sensibilisiert worden. Aufgewachsen in Hamburg bereist sie nach der Geburt ihrer Kinder uber zwanzig Jahre lang den Iran mit dem Ziel, ihr Leben einmal dort zu verbringen: Ein Traum, der sich angesichts systematischer Menschenrechtsverletzungen und politischer Repressalien, fundamentalistischer Mullahs und dem herrschenden Gesetz der Scharia, das vor allem die Freiheitsrechte der Frauen betrifft, schwierig zu gestalten scheint. Naziri nimmt den Leser einerseits mit in die abwechslungsreiche Natur und Landschaft des Iran, deren Beschreibungen eine stark bildhafte Sprache anhaftet. Andererseits berichtet sie von den alten persischen Kulturstatten wie den Feuertempeln Zarathustras oder den grossartigen Moscheen und Grabstatten beruhmter Dichter. Auch die Anfange und Auswirkungen der Islamischen Revolution auf die Zivilbevolkerung, die in der Mehrheit nach Frieden, Reformen und politischer Partizipation strebt, stehen im Zentrum der Handlung und formen durch ihre Eindrucklichkeit aber auch durch den humorvollen Erzahlton ein neues Bild der sozialen und gesellschaftlichen Lebensumstande moderner Iranerinnen und Iraner. Dies konkretisiert sich zum Beispiel in den anschaulichen Beschreibungen der Grunen Demokratiebewegung und den Demonstrationen von 2009, in deren Verlauf vor allem die Starke der Frauen sichtbar wird. Barbara Naziri ist in ihrem autobiographischen Roman eine personliche Auseinandersetzung mit den Starken und Schwachen, den Hoffnungen und Frustrationen gelungen, mit denen die Einwohner aber auch die Exilanten dieses Vielvolkerstaates zu kampfen haben. Uber die individuelle Ebene hinaus spricht sie relevante zeitgenossische Umwalzungen in sozialen und politischen Bereichen an, die die Kultur des Iran formen und zeichnet so ein differenziertes Bild der iranischen Gesellschaft. In dieser Hinsicht leistet die Autorin einen Beitrag zur interkulturellen Verstandigung zwischen dem Westen und dem Osten, zwischen Deutschland und dem Iran. (Besprechung: Sarah Breitenbach) Christel Gottert Verlag, 2011, vierhundertzweiundzwanzig Seiten, 19,80 EUR Sengul ObingerLowinnenherzWie ich mir meine Freiheit erkampfte und dabei fast das Leben verlor Sengul Obinger musste afgrund eines schweren Nierenleidens ihre ersten funf Lebensjahre fast ausschliesslich im Krankenhaus verbringen. Funf schmerzhafte Jahre, die dennoch einen Vorteil hatten: Von einer Krankenschwester, die sich hingebungsvoll um sie kummerte, lernte sie deutsch. So war sie spater in der Lage, fur ihre aus der Turkei stammenden Eltern zu dolmetschen. Ihren zu Gewalt neigenden Vater, vertrat sie sogar vor Gericht. Wahrend einer Gerichtsverhandlung wird sie vom Anblick einer souveran auftretenden Anwaltin in Bann gezogen. Diese Frau wird fur die junge Sengul zum Vorbild. Ihr Bild wird ihr helfen, in scheinbar ausweglosen Situationen, den Mut und den Willen aufzubringen fur ihre selbst gesteckten Ziele zu kampfen. Sengul ist ein bildungshungriges Kind. Aber ihre Familie macht ihr in aller Deutlichkeit klar, dass Schulausbildung fur Madchen,,fur die Katz" ist. Sie werden ohnehin heiraten und dann ihre Aufgaben im Haushalt erfullen. Ihr Alltag ist von Kontrolle und Sanktionen gepragt. Im Pubertatsalter erlebt sie ihre Mutter gar als,,Terrorbeauftragte zur Uberwachung" des Hymens. Mit achtzehn wird sie schliesslich in der Turkei gegen ihren Willen mit einem Cousin verheiratet. Jetzt ist sie und bald auch ihre Tochter, die kurz nach der Heirat zur Welt kommt, der Willkur und Brutalitat ihres Ehemannes ausgeliefert. Nach funf Jahren reicht sie schliesslich die Scheidung ein. Die Schusse, die er auf sie abfeuert, verfehlen sie wie durch ein Wunder. Ihr Mann richtet sich selbst. Nach der langen Leidenszeit hat die junge Frau jetzt nicht nur die Rache der Familie ihres Mannes zu furchten, sie muss auch mit der Achtung ihrer eigenen Familie leben, die ihr die Schuld fur die missratene Ehe zuweist. vierzehn Jahre nach der Tat schreibt Sengul Obinger ihre Autobiografie. Sie hat eine Ausbildung zur Personalfachfrau absolviert und strebt ein Jurastudium an. Sie ist glucklich verheiratet und hat eine zweite Tochter. Sengul Obingers Biografie ist das Zeugnis einer Frau, die sich nicht brechen liess und alles dran setzte ein selbstbestimmtes Leben zu fuhren. Ihr Buch wird vielen Frauen in ahnlichen Situationen Mut machen. Fur uns alle ist es ein wertvoller und herausragender Beitrag im vielstimmig - und zuweilen eintonig - klingenden Chor zum Thema Integration. Die Folgen von Straf- und insbesondere von Gewalttaten sind fur die betroffen Menschen oft sehr gravierend und beeinflussen ihr Leben nachhaltig. Es bedarf professioneller Hilfe um die verletzenden Erfahrungen zu uberwinden und Folgeschaden vorzubeugen. Kompetente Opferhilfe ist also zwangslaufig ein vielschichtiges und interdisziplinares Handlungsfeld. Der Band, entstanden anlasslich 20-jahrigen Bestehens des,,Arbeitskreises der Opferhilfe in Deutschland" (ado), vereint Beitrage von AutorInnen die aus Wissenschaft und Praxis kommen. So entstand ein Buch, das einen systematischen Zugang zum Praxisfeld der Opferhilfe aus wissenschaftlicher, rechtlicher, psycho-sozialer, praxisreflektierender sowie qualifizierender Perspektive bietet. Wichtige Entwicklungen und Erkenntnisse sowie Verfahren und Herausforderungen der Opferhilfe werden dargelegt und Einblicke in die Opferhilfe als ein professionalisiertes Handlungsfeld Sozialer Arbeit vermittelt. Der Band wendet sich an Lehrende und Studierende der Sozialwissenschaften sowie an SozialarbeiterInnen, PsychologInnen, JuristInnen und Akteure verwandter Disziplinen in der Praxis der Opferhilfe. Hedwig KolonkoZwei Gesichter des Isan Das Leben in einer thailandischen Grossfamilie Jake und Tine, zwei Deutsche in Thailand sind die Hauptfiguren in Kolonkos Roman. Im Norden Thailands (Isan) versuchen sie gemeinsam mit ihren thailandischen LebensgefahrtInnen und deren Familien ein Leben aufzubauen. Selbst schlechte Erfahrungen konnen ihre Liebe zu Land und Leuten nicht schmalern. Diese Verbundenheit spurt man in den intensiven Beschreibungen der Autorin. Einer Dokumentation gleich illustriert sie mit lebhaften und farbenfrohen Bildern den Alltag der thailandischen Bevolkerung. Die LeserIn erfahrt beispielsweise vom engen Familienzusammenhalt, den Ess- und Kochgewohnheiten oder der Schulbildung. Kolonko gewahrt auch kritische Blicke hinter die zweifellos wunderbare touristische Fassade: Sie beschreibt die Not der Landbevolkerung, die durch Auslandsarbeit zerrissenen Familien, die Trostlosigkeit der vielen Kinder, die nach dem Tsunami zweitausendvier elternlos zuruckgeblieben sind. Sie gibt den mittellosen,,Thaimadchen", die versuchen, sich durch eine Ehe mit einem Farrang, einem Weissen, den Lebensunterhalt und den ihrer Familien zu sichern, ein Gesicht. Mit ihrem kritischen Blick auf das Elend dieser Frauen und Madchen relativiert sie die von Klischees verbrahmten Wahrnehmungen vieler deutscher Sex- und Heiratstouristen. Der Roman, dem farbige Fotos beigegeben sind, will den Blick fur eine arme Region scharfen, in der sich Kolonko fur die Waisenkinder einsetzt. Das Buch mochte zur Finanzierung eines Kinderdorfes beitragen und Sponsoren uber das Projekt informieren. Die in Deutschland geborene Autorin lebt selbst mit ihrem Sohn seit zweitausendeins im Nordosten Thailands. Aus dieser Erfahrung heraus ergibt sich eine authentische und lebhafte Schilderung. Araki Verlag Leipzig, 2010, einhundertfünfundsechzig Seiten, 12,50 EUR Sabatina JamesNur die Wahrheit macht uns freiMein Leben zwischen Islam und Christentum Sabatina James, eintausendneunhundertzweiundachtzig in Pakistan geboren, emigrierte mit ihrer Familie im Alter von zehn Jahren nach Osterreich. Mit siebzehn entkam sie einer Zwangsverheiratung und fluchtete nach Deutschland., wo sie zum Christentum konvertierte. Seither muss sie mit den Morddrohungen ihrer Eltern leben. Sabatina James gab nicht klein bei, sondern grundete den Verein Sabatina e.V., um anderen Madchen und Frauen beizustehen, die sich in ahnlichen Situationen befinden. Durch ihren Verein lernte sie viele Frauen aus ihrer Heimat Pakistan, aber auch aus Osterreich und Deutschland kennen, die sich wegen erlittener physischer, psychischer und sexueller Gewalt an sie wandten. Frauenschicksale, die sich fur sie in der Rechtsordnung der Scharia begrunden. Die Autorin positioniert sich klar gegen die Unterdruckung von Frauen sowohl im privaten als auch im offentlichen Raum. Es ist ihr besonderes Anliegen, die Offentlichkeit fur die Themen Zwangsverheiratung sowie hausliche Gewalt in muslimischen Familien zu sensibilisieren und die Politik und Gesellschaft in diesem Bereich zum Positiven zu verandern. Sabatina James' Autobiographie ist die Geschichte einer Rebellin, die nicht aufgibt und doch ehrlich ihre Verzweiflung angesichts der Hoffnungslosigkeit einzelner Frauenschicksale zum Ausdruck bringt. Durch diese Authentizitat fesselt sie die LeserInnen und vermittelt ihnen Einsichten in religiose Welten, die nicht unbedingt nur im fernen Pakistan, sondern mitten in Deutschland existieren. Pattloch Verlag, Munchen, 2011, zweihundertdreiundachtzig Seiten, 16,99 EUR Babette ColePrinzessin Pfiffigunde Alle Welt erwartet, dass eine Marchenprinzessin den Marchenprinzen heiratet. Doch Prinzessin Pfiffigunde hat ubrehaupt keine Lust zum Heiraten. Um sich der Bewerber um ihre Hand zu erwehren, greift sie zu einem bewahrten Mittel: Sie stellt knifflige die allerkniffligste Aufgabe muss sie schliesslich selbst losen Carlsen Verlag Hamburg, 2005, 14,90 EUR Neuanschaffungen zweitausendvierzehn Louise ErdrichDas Haus des WindesRomanAus dem Englischen von Gesine Schroder Erdrich siedelt das Geschehen ihres Romans in einem fiktiven Reservat der Indigenen in North Dakota, im Jahr eintausendneunhundertachtundachtzig an. Zwei indigene Frauen werden brutal uberfallen. Eine von ihnen bleibt vermisst. Die andere Frau, Geraldine, uberlebt - vergewaltigt - knapp. Geraldine betreut das Stammesburo und verfugt als Einzige uber den Kode des Safes, in dem sie die verastelten Stammesregister und Zeugnisse geheimer Familiendramen hutet. Sie ist die Mutter des 13-jahrigen Joe. Dieser berichtet, nun Erwachsener und Jurist, uber den Gewaltakt, dessen Folgen seine Familie fast zerruttet hatten und ihn, den Jungen, zu folgenschwerem Handeln veranlassen sollte. Tatablauf und Tatort bleiben im Dunkeln, da Geraldine kaum mehr ansprechbar ist und sich traumatisiert in ihrem Schlafzimmer einigelt, bald nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Joes Vater, ein Stammesrichter, kann nichts Junge entscheidet, der Sache selbst nachzugehen und begibt sich gemeinsam mit seinen drei engsten Freunden auf abenteuerliche Fahrtensuche. Als die Mutter sich uberwindet und die sie verstorenden Ereignisse nach und nach wiedergibt, wird klar, dass der Tater rechtlich nicht belangt werden kann. Am Tatort, ein ehemaliges indianisches Kulthaus, treffen sich Stammesland, staatliches Land und Privateigentum. eintausendneunhundertachtundachtzig verfugten noch alle Reservate in den USA uber ein eigenes Rechtssystem, das aber nicht auf amerikanische Staatsburger angewandt werden konnte. Somit auch nicht fur dort von ihnen begangene Verbrechen belangt werden konnten. Und genau hier macht die Autorin mit ihrem Roman auf ein grosses, skandaloses Problem aufmerksam: jede dritte im Reservat lebende, indigene Frau wird in ihrem Leben Opfer von Vergewaltigung. Dabei sind sechsundachtzig Prozent der Tater Nichtindigene. Die vorherrschende Gewalt gegen indigene Frauen bezeichnete Prasident Obama als Anschlag auf das,,nationale Gewissen". Erst im Februar 2013 unterzeichnete er ein Gesetz das, drei Indianernationen gestattet, rechtlich gegen Nichtindigene vorzugehen, weitere Indianernationen konnen sich anschliessen. Aus der Perspektive des aufgeweckten, genau beobachtenden 13-jahrigen erzahlt, erhalt das Buch Frische, Humor und Authentizitat. Aufbau Verlag, Berlin 2014, dreihundertvierundachtzig Seiten, 19,99 EUR Lola ShoneyinDie geheimen Leben der Frauen des Baba SegiRomanAus dem Englischen von Susann Urban Bolanle ist einundzwanzig Jahre alt, hat eine akademische Ausbildung und heiratet im nigerianischen Abadan den Warnungen ihrer entrusteten Mutter zum Trotz den Patriarchen Baba Segi. Neben dessen kaum gebildeten Frauen Iya Segi, Iya Tope und Iya Femi, die dieser nach ihren Erstgeborenen benannt hat, wird Bolanle die vierte Frau. Sie hat sich den alteren Mann bewusst ausgesucht. Anders als junge Manner wurde ihn ihr Schweigen nicht verstoren. Sein Heim wurde ihr die Moglichkeit bieten, in der,,Anonymitat zu gesunden", denn sie fuhlt sich,,beschmutzt": als junge Frau wurde sie entfuhrt und vergewaltigt. Erzahlt hat sie das noch niemandem. Der Empfang in ihrer neuen Familie ist alles andere als freundlich. Ihr Leben ist gepragt durch das Konkurrenzverhalten und die Hinterhaltigkeit der Frauen, die ein gemeinsames Geheimnis huten. Als Bolanle auch nach zwei Jahren kinderlos bleibt, wird sie von Baba Sagi, der sich blamiert fuhlt, zur arztlichen Untersuchung gebracht, um ihre (vermeintliche) Unfruchtbarkeit zu heilen. Das Geheimnis der anderen Frauen ist bedroht und lasst sie zu bizarren Mitteln greifen. Die Ereignisse nehmen ihren Lauf Das Zusammenleben in der polygamen Gemeinschaft scheint sich festgeschriebenen Regeln zu fugen, denen selbst das Gerangel um die Gunst des Patriarchen folgt. Die Autorin lasst jedem Familienmitglied gleichermassen Raum, lasst jedes zu Wort kommen, indem sie wechselnd eine der vier Frauen und Baba Segi erzahlen lasst. Mal schlicht im Tonfall, manchmal sogar lapidar, dann wieder verschmitzt, an anderer Stelle alarmiert, aber stets voller Witz und Warme: Lola Shoneyin schafft es, in ihrem Debutroman die Tragik hinter dieser oft komodiantisch agierenden Grossfamilie aufzudecken. Guner Yasemin BalciAliyahs die gefahrliche Reise in ein neues Leben Auch in ihrem dritten Roman thematisiert Balci den Drang junger Migrantinnen nach Freiheit und Selbstbestimmung. Aliyah ist Kurdin, ihr Freund Dimi Grieche. Treffen konnen sie sich nur heimlich. Nachdem ihre Mutter von der Beziehung erfahrt, soll Aliyah die Beziehung zu Dimi beenden und ihre Jungfraulichkeit uberpruft werden, denn eine,benutzte' Frau gilt in ihrem Umkreis seit Generationen als ehrlos. Doch Aliyah wehrt sich. Sowohl gegen den Besuch beim Frauenarzt als auch gegen eine aufgezwungene Ehe. Sie trifft eine gleichermassen mutige wie auch unendlich schwere Entscheidung: Sie verlasst ihre Familie, flieht und kommt in einem Frauenhaus viele Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt unter, immer in der Angst, ihre Familie konnte sie aufspuren. Aus Sicherheitsgrunden darf sie mit fast niemandem Kontakt haben, monatelang auch mit Dimi nicht. Sie werden auf der Flucht bleiben mussen, immer wieder Orte verlassen, die ihnen fur eine Zeit lang Schutz gegeben haben, um an einem neuen Ort wieder von vorne zu beginnen Aliyah und Dimi erhalten in dieser Zeit unschatzbare Unterstutzung von Frauen wie Balci, unterschiedlichen Organisationen, aber auch von Menschen, die einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und erstaunliche Verantwortung fur eine ihnen unbekannte Frau ubernommen haben. Balci beschreibt Aliyahs Angste genauso eindrucklich wie ihre Entschlossenheit und den Willen eine freie Frau zu werden, gemeinsam mit dem Menschen, den sie liebt. Sie greift Geschichten aus Aliyahs Umkreis auf, die die unterschiedlichsten Konflikte zwischen Traditionen und westlicher Kultur thematisieren. zweitausendneun hat Melanie Mreme Kyando in Tansania die Selbsthilferuppe Lusubilo fur von AIDS/HIV+ Betroffene gegrundet. Sie hatte sich selbst bei ihrem Mann infiziert. Die Gruppe klart seither bei offentlichen Veranstaltungen und Kirchentreffen uber diese,,verrufene" Krankheit auf. 2011, Lusubilo zahlte schon uber 45 Mitglieder, fiel der Beschluss, ihre Geschichten gemeinsam aufzuschreiben, um anderen Menschen zu zeigen, dass man trotz HIV+ ein beinahe normales Leben fuhren kann. Nicholas Calvin hat sich mit den Betroffenen zusammengesetzt und die Interviews gefuhrt, in denen sie aus ihrem Leben erzahlen. Ein Leben gegen die Last der Stigmatisierung, oft genug von Verzweiflung gepragt. Ein Leben, in dem die Solidaritat und Akzeptanz in der Gesellschaft eine grosse Rolle den Lusubilo-Mitgliedern kommen u.a. eine Arztin und die Leiterin der Abteilung fur Waisenkinder und Witwen der Herrnhuter Brudergemeinde in Tansania zu Wort. Eine Analyse zur derzeitigen Situation von HIV/AIDS bietet wichtige Hintergundinfos. Die Einsichten, die wir durch die Offenheit der Betroffenen erhalt, beschaftigen uns nachhaltig. Die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation und die fruhen Erfahrungen mit dem Tod gehen uns in Claudia Zeisings Buch geht es nicht darum, Mitleid zu erwecken, sondern viel eher darum, Bewunderung, Achtung und Respekt fur die Menschen zu empfinden, die trotz dieser Krankheit weiterhin oder wieder im Leben nach vorne blicken und sich nicht selbst aufgegeben haben. Die lebendigen Fotos des Bandes stammen von der Fotografin Regina Mariola Sagan. Sie hat die Lusubilo-Gruppe zwei Monate lang begleitet und ihr Vertrauen gewonnen. Ihren Fotos aus dem Alltag der Menschen ist das anzusehen. 5 EUR je Buch kommen direkt der Lusubilo Selbsthilfegruppe zu leben ist nicht im Handel erhaltlich und kann entweder uber den Sara Forderverein in Lubeck oder direkt uber Claudia Zeising bestellt werden. Claudia Zeising Copyright, Rosdorf, zweitausendvierzehn zweihundertdreiundfünfzig Seiten, 19,90 EUR Julia KorbikStand up Feminismus fur Anfanger und Fortgeschrittene Den Wermutstropfen vorneweg: Dass schon im Titel eines Buches, das offensichtlich Feminismus aufbereitet, auf geschlechtergerechte Sprache verzichtet wird, befremdet. Schlagt man dann aber Julia Korbiks Buch auf, so mochte man es so bald nicht mehr aus der Hand legen: Mit viel Sinn fur gestalterische Details werden hier ubersichtlich gehaltene Artikel zu Aspekten, die den Feminismus beschaftigen, um Infografiken, Interviews und Zitate erganzt. Zitate, die wohl die eine oder andere Pinnwand schmucken werden. Gewitzte (Kleinst-)Analysen bereiten Ach-Ja-Erlebnisse. So unterscheidet Korbik unter der Rubrik,,Sexismus-Typologie" einen,,Offensiven Sexismus",,,Sexismus mit Kavalierscharakter",,,Sexismus-gibt-es-nicht-Sexismus" und,,versteckter Sexismus ". Diese illustriert sie jeweils durch einen,,typischen" Satz (,,Eine Frau wie Sie sollte nicht arbeiten mussen, sondern auf Rosen gebettet werden. <<) und verleiht ihnen nicht ohne Ironie Punkte auf einer Sexismus-Skala. Und ja, es gab und gibt sie noch die FeministInnen. Davon zeugen die zahlreich eingestreuten Kurzbiografien. In acht Kapiteln fuhrt das Handbuch die - junge - Generation durch die Geschichte und Gegenwart des Feminismus. Themen wie Korperbilder, Sexismus, Gewalt gegen Frauen, Frauen in der Politik und in der Pop-Kultur werden erortert und zeigen, dass die Beschaftigung mit Gleichberechtigung noch nicht obsolet ist. Querverweise, weiterfuhrende Links, Musik- und Filmtipps runden dieses ideenreiche und vielschichtige Handbuch ab. Ein buntes Aufklarungsbuch, welches das,,alte" Thema,,Feminsmus" mit frischen Augen betrachtet. Verlag Rogner & Bernhard, Berlin, 2014, vierhundertsechzehn Seiten, 22,95 EUR Annick CojeanNiemand hort mein SchreienGefangen im Palast Gaddafis Eine Woche nach dem Sturz Gaddafis reist Annik Cojean, Sonderkorrespondentin fur Le Monde, nach Libyen, um dort uber die Rolle der Frauen wahrend der Aufstande zu recherchieren. Dabei lernt sie die 22-jahrige Soraya kennen, die den Mut aufbringt, ihr ihre unerhorte Lebensgeschichte anzuvertrauen und der Journalistin ein weiteres von Gaddafi begangenes Verbrechen zu offenbaren. Als Funfzehnjahrige wurde Soraya auf Gaddafis Geheiss entfuhrt und uber Jahre hinweg in dessen Residenz gefangen gehalten und sexuell ausgebeutet. Sie war nicht die einzige,,Sexsklavin" Gaddafis. Hunderte Madchen und Frauen hatten ihm zu Diensten zu sein. Hunderte Madchen und Frauen, denen jede achtbare Zukunft in der libyschen Gesellschaft verbaut wurde. Denn diese unsaglichen Verbrechen werden dort den Missbrauchten selbst angelastet. Als,,Entehrte" stigmatisiert, bringen die vergewaltigten Madchen und Frauen Schande uber ihre Familie. Oft mussen sie sogar um ihr Leben furchten. So schildert Soraya:,,Ein verlorenes Madchen, seufzen meine Eltern. Ein Madchen, das man toten muss, denken meine Bruder, deren Ehre auf dem Spiel steht. () Mich umzubringen wurde aus ihnen geachtete Manner machen. " Soraya mochte das ihr Widerfahrene publik machen. Sie will sich nicht damit abfinden, dass solche Gewalttaten von der libyschen Gesellschaft totgeschwiegen werden. Soraya will trotzdem in Libyen leben. Die Erzahlung ihrer Lebensgeschichte im ersten Teil des Buches, soll ihr Gehor zweite Teil widmet sich den Hintergrunden. So werden weitere erschreckende Fakten und erschutternde Schilderungen von ZeugInnen zusammengetragen, das Umfeld und die Hintermanner Gaddafis genauer durchleuchtet und die gesellschaftlichen Zusammenhange geklart. Annick Cojean erhielt im Jahr 2012 fur ihr Buch den Albert Londres Preis, die hochste journalistische Auszeichnung Frankreichs. Aufbau Verlag Berlin, 2014, zweihundertsechsundneunzig Seiten, 19,99 EUR Sheila JeffreysDie industrialisierte Vagina. Die politische Okonomie des globalen Sexhandels Dass heute zunehmend von Sexindustrie statt von Prostitution gesprochen wird, ist fur die Autorin Beweis fur eine Entwicklung, die dank der,,Bundelung verschiedener Krafte" im spaten zwanzig Jahrhundert eingesetzt habe. Vor allem eine neue, liberale Wirtschafts- und Marktideologie fuhrte, aus Sicht der Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin, zu einer (Neu-) Definition von Prostitution als,,seriose" Arbeit und schaffte damit die Grundlage fur nationale und internationale Sexindustrien, mit global boomenden Profiten. In ihrem Buch analysiert Jeffreys diese Entwicklung. Dabei wendet die langjahrige Aktivistin ein radikalfeministisches Rahmenkonzept an, in dem,,Prostitution als schadliche kulturelle Praktik verstanden wird, die eine Form von Gewalt gegen Frauen ist und deren Grundlage die Unterdruckung der Frau ist. " Folgerichtig bezieht sie Kinder- und Zwangsehe, Pornografie, Militarprostitution, Sextourismus und Frauenhandel in ihre Untersuchung ein und widmet ihnen eingehende Kapitel mit aufschlussreichen Einsichten in die komplexen Zusammenhange, die diesen Phanomenen zugrunde liegen und sie bedingen. So schlagt sie im Kapitel zum Thema Militarprostitution den Bogen von den zwangsprostituierten,,Trostfrauen", die der japanischen Armee zu Diensten sein mussten, uber die Bordelle im Kosovo, in denen sich Soldaten der Friedenstruppen mit gehandelten Frauen vergnugten, bis hin zu den Vergewaltigungslagern in Bosnien. Michael JurgsSklavenmarkt Europa Das Milliardengeschaft mit der Ware Mensch Der heutige Menschenhandel ist nur eine neue Form von Sklavenhandel. Der wesentliche Unterschied liegt nur darin, dass heutzutage der Handel mit Menschen illegal ist und sich in der Unterwelt abspielt, wahrend der Handel mit Sklaven bis zum neunzehn Jahrhundert international in der Regel moralisch legitimiert war und wirtschaftlich eine grosse Bedeutung fur die Gesellschaft darstellte. Den anschaulichen Beweis liefert der Journalist Michael Jurgs mit seinem neuen Buch. Von Verschleppung, Verkauf, Versteigerung, Ausbeutung und Entrechtung sind europaweit ca. achthundertachtzig null Menschen betroffen. Allein Zwangsprostitution macht dabei 60% des Marktes aus. Frauen und Madchen werden zum grossen Teil aus osteuropaischen Landern rekrutiert und fur dreitausend - viertausend EUR an ZuhalterInnen versteigert.,,Die Frauen sind rechtslos, schutzlos, hoffnungslos ihren Besitzern ausgeliefert. Ihre Ausbeutung ist ein sicheres Investment. " Jurgs zeigt auf, welchen Wert die,,Ware Mensch" fur die organisierte Kriminalitat hat und welche Milliardengeschafte dahinter stecken. Der Menschenhandel erbringt nach dem Drogenhandel den grossten Umsatz. Jurgs verschafft schockierende Einblicke und beschreibt detailliert in welcher Komplexitat der Menschenhandel vor sich geht. Zwangsprostitution, Zwangsarbeit, Organisierte Bettelei oder der Handel mit Organen sind nur ein paar der Themenfelder, die er absteckt. Dabei bedient er sich oftmals einer drastischen und sarkastischen Schreibweise. Fur seine Recherchearbeit fuhrte er Interviews mit der Bundespolizei, Scotland Yard, nahm an Razzien teil und fuhrte Gesprache mit Nichtregierungsorganisationen, VertreterInnen der UNO und Frontex. Leider kommen in seinen Interviews Betroffene nicht zu Wort. Dabei ware es fur seine umfangreiche Darstellung gerade wichtig, diese Perspektive miteinzubringen. Trotzdem ist es Jurgs gelungen durch seine akribische Recherche und die vielseitigen Beispiele, eine faktenreiche Einsicht in die Abgrunde zu gewahren, die sich durch den Menschenhandel auftun. C. Bertelsmann Verlag, Munchen, 2014, dreihundertzweiundfünfzig Seiten, 19,99EUR Elif ShafakEhreRoman Sechs Madchen hat die kurdische Familie bereits als die Zwillingsschwestern Pembe und Jamila eintausendneunhundertfünfundvierzig zur Welt kommen. Die Trauer daruber, auch dieses Mal keinen Sohn entbunden zu haben, lasst die Mutter fur Tage verstummen. Die Schwestern werden ihre Kindheit in dem kargen, abgelegenen Dorf im Sudosten der Turkei verbringen. Pembe wird einen Mann aus Istanbul heiraten und mit ihm nach London auswandern. Jamila wird nie heiraten konnen, denn sie wurde als Jugendliche entfuhrt und hat womoglich ihre Keuschheit verloren, das unabdingbare Gut einer ehrbaren Frau auf dem Heiratsmarkt in ihrer Kultur. Aber auch Pembe wird in London das ersehnte Gluck nicht finden: Ihr Mann verfallt der Spielsucht. Fur eine Tanzerin verlasst er seine Frau und die drei Kinder. Iskender, der Alteste, gerade sechzehn Jahre alt, wird zum Oberhaupt der Familie. Als die Mutter sich in den weltoffenen Koch Elias verliebt, sieht sich der Sohn gezwungen zu handeln. Shafak erzahlt die Familientragodie aus den unterschiedlichsten Perspektiven, baut Spannung durch Zeitspunge auf. Der Roman beginnt in der Gegenwart - Esma, Pembes Tochter schickt sich an, ihren Bruder aus dem Gefangnis abzuholen, springt im nachsten Kapitel zu der Geburt der Zwillinge in Anatolien, schlagt dann die Brucke nach London, wo wir Pembes Mann in eine Spielholle begleiten. Iskenders Aufzeichnungen aus dem Gefangnis geben Einblick in die Gedankenwelt eines Jungen, der seine Mutter erstochen hat. In ihrem Sittengemalde deckt die Autorin die Dynamik (vermeintlicher) gesellschaftlicher Zwange auf, ohne die Beteiligten bloss zu stellen. Eine beruhrend lebendige Familiensaga. Bitte lesen. Das Buch bietet eine interdisziplinare Perspektive auf das oft kontrovers diskutierten Thema. So behandeln die einzelnen Kapitel,,Ehren"-Morde etwa aus kriminologischer, geschichtlicher, juristischer oder psychologischer Sicht. Die AutorInnen gehen auf die Situation in Grossbritannien, Kanada, Indien und in den skandinavischen Landern ein, vergleichen die unterschiedlichen Losungsansatze in Deutschland und in Grossbritannien. Analysiert werden die Zusammenhange zwischen geschlechtsbedingter Diskriminierung und Gewalt und dem kulturellem Verstandnis von,,Ehre", die zur Ermordung von Frauen fuhren (konnen).,,Ehren"-Morde werden nicht als isolierte Vorfalle betrachtet, sondern als ein letzter Gewaltakt am Ende einer Reihe geschlechtsbedingter Diskriminierung und Gewalt. Das Buch richtet sich sowohl an Universitatslehrende und Studierende, an Angestellte der Polizei, RechtsanwaltInnen, SozialarbeiterInnen als auch an AktivistInnen, die sich gegen geschlechterbedingte Gewalt einsetzen. Johannes Heibel (Hrsg.)Der Pfarrer und die DetektiveEinblicke in innerkirchliche Ablaufe bei sexuellem Missbrauch durch Kleriker In dem Tatsachenbericht verfolgt Johannes Heibel drei Missbrauchfalle der vergangen zwanzig Jahre. Es werden Berichte und Briefe von Opfern, Eltern der Betroffenen und Zeugen eingebracht sowie die Berichterstattung der Presse. Daruber hinaus werden geheime Unterlagen verwendet, die Vertuschungs- und Einschuchterungsversuche der Kirche enthullen. Insbesondere durch die Darstellung der verschiedenen Opferperspektiven gibt das Buch tiefe und ergreifende Einblicke. Die Ohnmacht der Betroffenen, die Ignoranz der Kirche und ihre schutzende Haltung gegenuber den Tatern, bringt die Enttauschung des Autors und seine personliche Konsequenz nahe: Er gibt am Ende des Buches seinen Kirchenaustritt bekannt. Heibel bleibt allerdings bei der Kritik der Kirche nicht stehen. Sie richtet sich auch auf den gesamtgesellschaftlichen Umgang mit sexuellem Missbrauch.,,Diese strukturelle Gewalt ist es, die wir unbedingt verandern mussen, da ansonsten jegliche Praventionsbemuhungen scheitern werden. Das Klima muss sich verandern. Betroffene mussen spuren und erleben, dass dem Opferschutz Prioritat eingeraumt wird und nicht dem Taterschutz. Nur so werden sie ermutigt, ihr Schweigen zu brechen. " Wie der Opferschutz genauer aussehen sollte, erklart Heibel in den abschliessenden Seiten des Buches. So stellt er die Forderung nach einem unabhangigen Amt fur Opferschutz, Aufklarung und Pravention, das ahnlich wie das Jugendamt funktionieren soll. Von der Kirche erwartet er u.a. eine klare Regelung im Umgang mit Verdachtsfallen, mehr Transparenz und Konsequenz, Praventionsarbeit sowie eine offentliche Entschuldigung und Wiedergutmachung. Johannes Heibel ist Vorsitzender der,,Initiative gegen Gewalt und Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V.", in dessen Rahmen er dieses Buch herausgegeben hat. Horlemann Verlag, Berlin 2014, dreihundertachtundzwanzig Seiten, 16,99 EUR Matthias Franz (Hrsg.)Die Beschneidung von JungenEin trauriges VermachtnisIm Mai zweitausendzwölf fallt das Landgericht Koln ein Urteil, das einen Sturm auslost: Es entscheidet, dass die religiose Beschneidung von Jungen eine Korperverletzung und somit strafbar, zwei Jahre spater, heben die Befurworter des Urteils die oft emotional gefuhrte Diskussion mit dem Sammelband auf eine sachliche Ebene. ExpertInnen jeder Profession analysieren in Fachaufsatzen die Tradition der Jungenbeschneidung und stellen ihr die Auffassungen von Korperlichkeit und Selbstbestimmung in einer sakularen Demokratie klaren JuristInnen auf, dass dort, wo BefurworterInnen der Beschneidung einen Eingriff in das Grundrecht der Religionsfreiheit sehen, vergessen wird, dass auch das Kind ein Recht auf eben diese hat. Differenziert wird dargestellt, dass daruber hinaus auch das Recht des Kindes auf korperliche Unversehrtheit sowie Selbstbestimmung und der Gleichheitsgrundsatz missachtet einem Uberblick uber Geburts- und Initiationsriten wird auch der kulturgeschichtliche und medizinhistorische Hintergrund beleuchtet. Beitrage aus medizinischer Perspektive raumen mit Mythen auf, die sich um angebliche Vorteile der Beschneidung, insbesondere im westlichen Raum, ranken. Eingehend wird auch auf die psychologischen und psychoanalytischen Folgen der Beschneidung in Form von Traumata kommen auch ReligionswissenschaftlerInnen zu Wort. So wird etwa eine Analyse des Diskurses innerhalb der judischen Gemeinde Schewe-Gerigk, die als Vorstandsfrau von TERRE DES FEMMES die Haltung des Vereins bezuglich der Jungenbeschneidung massgeblich pragte, bedauert in ihrem Beitrag, dass die Verabschiedung eines kinderfeindlichen Gesetzesentwurfs im Schnellverfahren nur einer unzulanglichen politischen Diskussion Raum lassen konnte. Fur Schewe-Gerigk birgt das Festhalten an dieser Praxis das Risiko eines zivilisatorischen Ruckfalls, der die Rechte aller Kinder gefahrdet, da eine religiose Uberzeugung als Rechtfertigung fur eine Korperverletzung gebilligt von Betroffenen komplettieren das Bild. Das Buch informiert umfassend und auf einem sachlich hohen Niveau. Dies qualifiziert es als Fachliteratur, fur die zwar kein Vorwissen notig ist, jedoch die Bereitschaft, sich auf die komplexen wissenschaftlichen und rechtlichen Grundlagen der sich sonst eher emotional erschliessenden Thematik einzulassen. Vandenhoeck & Ruprecht, Gottingen zweitausendvierzehn vierhundertachtundvierzig Seiten, 29,99 EUR Arzu TokerKein Schritt zuruck Der Band enthalt das uberarbeitete und erweiterte Radiofeature " Die Balkonmadchen oder Habe die Ehre, Madame! " und den Prosatext " Verschenkte Freiheit ". In "Verschenkte Freiheit" lasst Arzu Toker eine Mutter Briefe an ihre vermisste Tochter schreiben. In ihnen gibt sie ihrem Leid, ihrer Wut und ihrer Ohnmacht Ausdruck, denn sie hat ihre Tochter an eine konservative islamische Sekte verloren. " Die Balkonmadchen" sind den Klageliedern der Frauen, die schon in vorislamischen Kulturen nach schmerzvollen Ereignissen ihre Gesange anstimmten, nach empfunden. Aber die Klagen haben sich bei Toker zu Anklagen gewandelt. Anklagen gegen eine von patriarchalischen Wertevorstellungen beherrschten Gesellschaft, die mit "Ehren"-Morden an Frauen ihr System auch in der Fremde aufrecht erhalten will. Wir lassen die Anklagen fur sich sprechen: Meine Kindheit verbrachte ich im Osten der Turkei./ Die Ehre konnte dort das Leben kosten./ Meine Jugend lebte ich in Istanbul,/ die Ehre war kein Thema./ Seit eintausendneunhundertvierundsiebzig lebe ich mitten in Europa,/ klammheimlich kam die Ehre nach./ Sen benim namusumsun./ Du bist meine Ehre. Kultur ist kein Naturgesetz./ Ich muss sie nicht behalten./ Ich will die Kultur nicht haben,/ die das Feuer in Krefeld entfachte,/ das Feuer eines Mannes, der/ seine Frau, seine Tochter verbrannte. Ich will die Kultur nicht, welche/die Kugel des Bruders in Hannover steuerte,/ der um der Ehre willen/ seine Schwester erschoss,/ weil sie sich mit einem Deutschen verlobte. In Europa, in Deutschland/ habe ich die Freiheit gerochen/ wie frisch gebackenes Brot,/ die Freiheit genossen wie die Liebe!/ Ich bin und bleibe/ eine Frau./ Ich gebe nichts ab,/ ich gehe keinen Schritt zuruck/ vom Leben in Freiheit/ ohne Nation,/ohne Religion. Alibri, Aschaffenburg, zweitausendvierzehn einhundertsiebenundfünfzig Seiten, zwölf EUR Luise F. PuschGerecht und Geschlecht - Neue sprachkritische Glossen Luise Pusch - die Frau mit der Walkwoman - streift als feministische Sprachwissenschaftlerin und -akrobatin erneut durch den Malestream (Helke Sanders) des deutschen Sprachdschungels. Und deckt dabei mit gewohnt frecher und scharfzungiger Rafinesse mal wieder allerhand Kurioses und Skurriles auf. Warum es bezuglich weiblicher Weltenerschafferinnen besser doch Schopferin statt,,Herrin" heissen soll, erschliesst sich LeserInnen mit fehlenden feministisch gepragten Theologieschulungen vielleicht nicht unmittelbar. Doch Luise Pusch klart auf: Auch wenn ihre Diskursgefahrtin beharrt, ihre Kinder ja schliesslich auch nicht zu,,schopfen" sondern zu gebaren, sei Schopferin dennoch die vorzuglichste Bezeichnung fur hohere weibliche Wesensarten. Immerhin leite sich SchopferIn vom alten,,Schaff" (Schaffen) ab. Und da klingt Schopferin doch allemal besser als,,Erschafferin". Oder nicht? Eben. Was aber tun mit der Hausherrin, der Bauherrin? Die plumpe Pseudo-Feminisierung des generischen Maskulinums durch das blosse Anhangsel,,-in" ist ihre Sache nicht. Die Hausfrau-isierung der Hausherrin kommt jedoch auch nicht in Frage, ist die semantische Logik dahinter doch eine andere. Aber Luise Pusch ware nicht Luise Pusch wenn ihr nicht auch hierzu noch eine spritzigwitzige Wortneuschopfung einfiele. Wo wir schon bei der Gottin waren - warum nicht die Haushera?! Und die Bauhera.. und so weiter. Im bekannten und geschatzten Schreibstil wird in rund fünfzig kurzweiligen Anekdoten und Glossen das sprachintellektuelle Kuriosum der Luise Pusch aus Alltagsbeobachtungen weiter ausgebreitet. Zu den unterschiedlichsten Themen, mal antik, mal modern - der iPod aber das iPad? - und sogar postmodern (,,Brauchen wir den Unterstrich? "), darf gedacht, gelacht und reflektiert werden. Ein unbedingt lesenswertes Sammelsurium an Tiefsinnigem wie Abgrundigem der deutschen Sprache, aber auch ihren mehr oder weniger gelungenen Versuchen, dieser durch,,irgendwelche Wurmfortsatzbildungen" beizukommen. Neutral ist/ware gerecht. Fazit: Macht suchtig und lockert das Zwerchfell. Wallstein Verlag, Gottingen zweitausendvierzehn einhundertvierzig Seiten, 9,90 EUR Sabine AdatepeKein Fruhling fur BaharMehr als eine Hamburger Migrationsgeschichte Die junge Deutschturkin Bahar kommt unter ungeklarten Umstanden in Hamburgs "Problemviertel" Wilhelmsburg ums Leben. Rasch verbreitet sich das Gerucht: "Ehren"-Mord ! Ihr jungerer Bruder wird festgenommen. Die Sozialberaterin Ina begibt sich auf Spurensuche in Wilhelmsburg. Im Wechsel mit Bahars Grossvater im nordturkischen Heimatdorf der Familie erzahlt sie eine Geschichte von Migration und Emanzipation. Dabei loten die beiden auch personliche Abgrunde aus, sehen sich mit eigenen Vorurteilen konfrontiert und gleichzeitig gezwungen, althergebrachte Denkweisen zu hinterfragen. Fur frischen Wind und einige Uberraschungen sorgt dabei die junge Generation mit oder ohne Migrationshintergrund. Die Autorin, Turkologin und Iranistin, hat einige Jahre in Istanbul verbracht. Sie vermag uns, nicht nur aufgrund der eingestreuten turkischen Redewendungen und Kosenamen, das Gefuhl geben, den Unterhaltungen beizuwohnen, die Atmosphare mit zu erleben, ja Teil einer turkischen Grossfamilie zu werden. Ein Jugendbuch. Acabus, Hamburg, zweitausenddreizehn zweihundertvierunddreißig Seiten, 11,90 EUR Dorothea CzarneckiProstitution von Kindern in GuatemalaMadchen zwischen Arbeit und kommerzieller sexueller Ausbeutung Bei der Dissertation handelt es sich um eine empirische Forschungsarbeit, die im Wesentlichen auf der Methode der problemzentrierten Interviewfuhrung mit (ehemals) Betroffenen beruht und durch ExpertInneninterviews erganzt wird. Im Rahmen ihrer Studie hat Czarnecki neun Madchen im Alter zwischen fünfzehn und zwanzig Jahren, welche als 8- bis 16-jahrige in der Sexindustrie Guatemalas auf verschiedene Weisen in kommerzieller sexueller Ausbeutung,,involviert waren, uber einen Zeitraum von 6-12 Monaten begleitet und befragt. Sie waren als Prostituierte oder Bedienungen in entsprechenden landestypischen Bars und Bordellen eingesetzt und/ oder als Anwerberinnen tatig gewesen. Das Erkenntnisinteresse ist dabei auf die subjektive Perspektive der bereits seit ihrer Kindheit Ausgebeuteten gerichtet: Wie wurden die eigenen Erfahrungen wahrgenommen und subjektiv erlebt, wie wurden sie verarbeitet - und wie werden sie jetzt beurteilt? Bereits im Vorfeld der Untersuchung wird der Autorin in der Auseinandersetzung mit den Betroffenen vor Ort klar, dass diese sich selbst nicht ausschliesslich in der Opferrolle sehen, sondern mitunter ihre Beschaftigung im,,Sexgeschaft" als,,selbstgewahlte Tatigkeit" verstanden. Um sich diesen Widerspruchen verstehend anzunahern, fokussiert die Fragestellung der Untersuchung - auf Basis eines feministischen Grundverstandnisses von strukturellen Geschlechterhierarchien und Gewaltverhaltnissen - auf die subjektiven Bewaltigungsstrategien der Frauen. Die Forschungserkenntnisse werden zunachst in zwei umfangreichen Kapiteln theoretisch sehr differenziert eingefuhrt und gut verstandlich dargestellt. Die Interview-Auszuge gewahren einen sehr intimen Einblick in die letztlich doch fremdbestimmte und stigmatisierte Lebensrealitat der Betroffenen. Die von ihr typisierten Uberlebensstrategien aus der Praxis der Betroffenen gleicht die Forscherin mit den lebensweltlichen Hintergrunden (u.a. der Familiensituation) und gesellschaftlichen Strukturen ab, und entwickelt hieraus ein Modell unterschiedlicher,,Risikopfade in das Sexgewerbe". So gibt das Buch Aufschluss zur Frage, was die pull- und push-Faktoren sind, die die Betroffenen in die sexuelle Ausbeutung sowohl strukturell drangen als auch in diese,,hineinziehen". Aufschlussreich durfte diese Arbeit daher vor allem fur jene professionell interessierten LeserInnenkreise (SozialarbeiterInnen, Beschaftigte in Menschen-/Kinderrechtsorganisationen und der Entwicklungszusammenarbeit) sein, die zu strategisch-praventiven Wegen aus der kommerziellen sexuellen Ausbeutung von Minderjahrigen arbeiten. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden zweitausenddreizehn dreihundertsechs Seiten, 44,- EUR Waris DirieSAFA - Die Rettung der kleinen Wustenblume Sehr personlich, emotional beruhrend und eindringlich schildert Waris Dirie zu Beginn des Buches noch einmal ihre eigene schmerzhafte Erfahrung mit weiblicher Genitalverstummelung, Motiv ihres jahrelangen, zehrenden Kampf gegen diese gewaltvolle Praxis bis zur Grundung ihrer eigenen Stiftung gegen diese Tradition - der Desert Flower Foundation. Als Waris Dirie zweitausenddreizehn einen Brief von der jungen Safa erhalt, die die fünf Jahre alte kleine Waris im Film,,Wustenblume" (OT: Desert Flower) verkorperte, inklusive der schrecklichen Beschneidungsszene, ist sie zutiefst beruhrt. Aber auch erschuttert ob der Ausgrenzung des Madchens aus seinem armen und traditionell gepragten Umfeld als,,unreines", weil nicht-beschnittenes Madchen. Die Autorin und ihr Filmteam hatten vor Beginn der Dreharbeiten einen Vertrag mit der Familie geschlossen, in dem die vertraglich zugesicherte Unversehrtheit des kleinen Madchens der Familie im Gegenzug ein materiell besseres Leben bescherte. Als einzige in einem Slum der Hauptstadt Dschibuti verfugte Safas Familie nun uber regelmassige Versorgung mit Reis und anderen Lebensmitteln, Wasser und Elektrizitat; Safa darf als eines der wenigen Kinder aus ihrer Gegend, als Madchen noch dazu, zur Schule gehen. Waris Dirie erzahlt von ihrem ubersturzten Aufbruch nach Dschibuti, als sie erfahrt, dass Safas Eltern, insbesondere die Mutter, laut und offentlich Uberlegungen anstellt, die Unversehrtheit der Tochter doch noch dem traditionellen Ansehen zu opfern. Wild entschlossen macht sie sich auf den Weg das kleine Madchen vor der Verstummelung zu schutzen - und ihre Familie langfristig in ein Engagement gegen FGM zu integrieren. Insbesondere Safas Vater kommt dabei, nach langem Ringen, eine Schlusselrolle zu, die Anlass zu Hoffnung gibt. Die sehr nah und intim erzahlte wahre Geschichte uber die Rettung des Madchens durch den unerschutterlichen Einsatz der Autorin und Anti-FGM*-Aktivistin ist zugleich ein authentisches und eindringliches Pladoyer, im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen im Namen von Tradition, Ehre und Religion nichts unversucht zu lassen. * Female Genital Mutilation Droemer Knaur Verlag, Munchen zweitausenddreizehn dreihundert Seiten, 19,99 EUR Anna PalinskiMein Leben gehort mir. Geschichte einer Befreiung Mit neunzehn zieht Anne eintausendneunhundertsiebenundachtzig von Gustrow nach Ostberlin und lernt dort Pieter,,,das Lacheln" kennen und lieben. An der Volksbuhne findet sie eine lukrative Stelle, mit der sie zufrieden ist. Nicht so Pieter: In jedem Schauspieler macht er einen potentiellen Verfuhrer aus und drangt Anne sogar aus dem Job. Seine Eifersucht und sein Kontrollzwang bestimmen die Beziehung immer mehr, konnen diese aber nicht gefahrden. Wahrend eines Besuchs bei Annes Eltern verkundet Pieter ihre Heirat - und uberrumpelt sie. Seine zukunftige Frau hatte er zuvor nicht gefragt. Wahrend einer Reise begegnen sie zufallig Thomas und Anouk aus Hamburg. Die erwachsende Freundschaft ruft den Staatssicherheitsdienst auf den Plan, deren Beamte werden zu ihren treuen Begleitern. Schliesslich beschliessen sie die DDR zu verlassen. Am Grenzubergang werden sie angehalten, verhaftet und zermurbenden Verhoren unterzogen. Als Anne das Angebot ablehnt fur die Stasi zu arbeiten, landet sie im Frauenzuchthaus, aus dem sie nach sieben Monaten entlassen und mit ihrem Ehemann in den Westen abgeschoben wird. Dort werden sie von Thomas und Anouk mit offenen Armen empfangen. Anne und Pieter richten sich schnell in Hamburg ein. Anne kommt in einer grossen Blumenhandlung unter, wird bald Abteilungsleiterin und grundet nebenher eine eigene kleine Firma. Ein gegluckter Neuanfang nach gemeinsam uberstandener Flucht und Haftzeit: Ein Paar mit Fortune konnte man meinen. Aber Pieter verleiht seinem Besitzanspruch immer vehementer Ausdruck. Nach einer Feier greift er zum Messer. Anne wird lernen, sich Pieter endgultig zu entziehen und die Tur hinter sich zu schliessen. Anna Palinski zeichnet mit ihrem Buch den Weg einer lebensbejahenden, tatkraftigen Frau nach, die sich weder durch den Staatsicherheitsdienst noch durch die Gewalttatigkeit ihres Partners brechen lasst. Aber ihre beeindruckende Biographie begnugt sich nicht mit der Beschreibung einer zusehend eskalierenden Gewaltbeziehung und undurchsichtiger Regimeschergen. Wir lernen auch den warmherzigen Kosmos ihrer Familie im landlichen Gustrow kennen, begleiten sie auf ihre Feste mit grosszugigen Freundinnen und Freunden, durfen ihr sogar beim Zusammenbauen einer Sitzgruppe zusehen. Der thematische Fokus dieses Sammelbandes liegt auf den scheinbaren Abweichungen von der Norm, der diskursiven Vermittlung "schoner" Korper durch Bild und Text sowie auf den Methoden der Korperinszenierung und -optimierung. Neue Aspekte hinsichtlich dominanter heteronormativer Korpernormen und alltagliche Schonheitspraktiken werden in den Artikeln und in kunstlerischen Auseinandersetzungen beleuchtet. Gesellschaftliche Normanspruche reichen in ihrer Wirkungsmacht weit hinein in die private Sphare. " Schonheit" ist in unserer Gesellschaft ein fest verankertes Motiv, das uber privaten als auch beruflichen Erfolg mitentscheiden kann. Dick, dunn, behaart, unbehaart, jung, alt, mannlich, weiblich oder irgendwie dazwischen: Das Aussere wird normiert, reguliert und manipuliert. Viele Menschen unterziehen sich- scheinbar selbstbestimmt - freiwillig chirurgischen Eingriffen zur eigenen ausserlichen Optimierung, in vielen Fallen werden aber intergeschlechtliche Menschen zu einer korpernormalisierenden Operation gezwungen. Dieser Band will fur die Widerspruchlichkeit neoliberaler Anrufungen sensibilisieren und Reflexionsprozesse anregen, um widerstandige feministische Positionen zu schaffen. Centaurus Verlag Freiburg, zweitausendzwölf zweihundertachtzig Seiten, 24,80 EUR Neuanschaffungen zweitausendelf Gunter Geiger (Hrsg.)Die Halfte der Gerechtigkeit? Das Ringen um universelle Anerkennung von Menschenrechten fur Frauen Die internationalen Frauenkonferenzen der UNO seit den 1970er Jahren und die verabschiedeten frauenrechtlichen Dokumente sind Meilensteine der internationalen Entwicklungs-zusammenarbeit. Aber auch dreißig Jahre nach Einfuhrung von CEDAW sind Frauen weltweit immer noch von der universellen Anerkennung der Menschenrechte ausgeschlossen. Die Diskriminierung von Frauen und die mangelnde Gleichstellung spielt weltweit immer noch eine grosse Rolle, auch wenn die Arten und Formen der Diskriminierung nicht uberall gleich aussehen. Fehlendes Bewusstsein, fehlender politischer Wille aber auch das Festhalten an geschlechtsspezifischen Rollenverteilungen und Widerstande aus vermeintlich religiosen oder kulturellen Ansichten werden als Grunde aufgefuhrt. Geiger lasst in seinem Werk verschiedene Expertinnen zu Wort kommen, die den Stand der Frauenrechte in asiatischen Landern diskutieren. Anhand der Themenkomplexe menschenwurdiges Wohnen in den Metropolen Asiens oder den Rechten von Frauen im Kontext von Kirche und Gesellschaft in Asien generell aber auch landerspezifische Einblicke wie zu den Arbeits- und Frauenrechten von Wanderarbeiterinnen oder der konfuzianischen Moralerziehung in China sowie der Menschenrechtslage in Afghanistan, Irak, Indonesien und Indien wird verdeutlicht, wie und warum Frauen und Kinder vor dem Hintergrund der Missachtung ihrer Rechte besonders von Armut und Ungleichheit betroffen sind. Das Werk, das aus einer Vortragsreihe zum Thema Menschenrechte heraus entstanden ist, stellt Frauenrechte in den Mittelpunkt. Deutlich wird, wie wichtig eine intensive Menschenrechtsbildung fur den Abbau sozialer Ungleichheiten weltweit weiterhin ist. Hirschfeld- Eddy-StiftungYogykarta PlusMenschenrechte fur Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle in der internationalen Praxis Was tun gegen Menschenrechtsverletzungen gegenuber Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und Intersexuellen (LSBTI)? Schutz und Gewahrleistung der Menschenrechte sollten das Fundament eines jeden demokratischen Staates sein, doch haben in zu vielen Landern LSBTI unter starken Menschenrechtsverletzungen zu leiden. Das Handbuch der Hirschfeld-Eddy-Stiftung sensibilisiert fur dieses Thema und informiert umfassend uber die Yogykarta-Prinzipien. Diese leiten sich aus bestehenden Menschenrechtsvertragen ab und sind zum globalen Standard fur die Verwirklichung der Menschenrechte von LSBTI geworden. Das Handbuch erklart ausfuhrlich, was die Yogykarta- Prinzipien sind, warum es sie gibt und wie sie angewandt werden. Die Autoren gehen im Detail darauf ein, im welchen rechtlichen Kontext die Yogykarta- Prinzipien zu sehen sind und an wen sie sich richten. 16 Fallstudien verdeutlichen die Anwendungsmoglichkeiten der Yogykarta-Prinzipien und zeigen ihren Erfolg auf der ganzen Welt. Hatun Surucu wurde am sieben Februar zweitausendfünf von ihrem Bruder erschossen auf offener Strasse erschossen. Matthias Deiss und Jo Goll sind den Hintergrunden ihrer Ermordung nachgegangen und haben das Ergebnis ihrer Recherche in einem Buch und in einem vom WDR gesendeten Film festgehalten. Die beiden Journalisten haben den Morder, den jungsten von drei Brudern, in den vergangenen zwei Jahren in der Charlottenburger Justizvollzugsanstalt in Berlin besucht. Es ist ihnen sogar gelungen, den Aufenthalt der anderen beiden Bruder ausfindig zu machen. Mit einer Flucht in die Turkei konnten diese sich einer weiteren Verfolgung durch die deutsche Justiz entziehen. Deiss und Goll haben mit ihnen in Ostanatolien und Istanbul Gesprache gefuhrt. Auch sechs Jahre nach dem Tod ihrer Schwester zeigt keiner der Bruder Reue. Umso bewegender die Begegnung mit Hatuns Freundin Melek. Vor Gericht trat sie als Kronzeugin auf und muss seither im Schutz einer neuen Identitat leben. Hoffmann und Campe, Hamburg 2011, zweihundertfünfundfünfzig Seiten. 18,99 EUR Die ARD-Dokumentation,,Verlorene Ehre - Der Irrweg der Familie Surucu" wurde am siebenundzwanzig Juli zweitausendelf gesendet und kann auf You Tube angeschaut werden. Redaktion: Gabriele Conrad (RBB), Mathias Werth (WDR) Marijke LoomanAm Rande der MachtFrauen in Deutschland in Politik und Wirtschaft In ihrer Dissertation entwirft Marijke Looman eine genderkritische Bestandsaufnahme zum Frauenanteil in Politik und Wirtschaft. Auch wenn es bereits einige Spitzenpositionen fur Frauen in Wissenschaft, in Politik, im Rechtssystem und in der Kirche gibt, haben Frauen bisher,,nicht den Marsch durch die von Mannern dominierten Institutionen angetreten. " Zu Beginn stellt die Autorin anhand der Uberlegungen bedeutender SoziologInnen die Entstehung der Geschlechterkonstruktion und eine Analyse des Prozesses, in dem diese sich fortpflanzt, dar. Geschlechtszugehorigkeit wird als Ergebnis einer sozialen Praxis verstanden, die die Darstellung und Zuschreibung von Geschlecht umfasst. Ein Blick in die politische Philosophie verdeutlicht, wie es gelingen konnte, Frauen uber lange Zeit hinweg vom Gleichheitspostulat der Aufklarung auszuschliessen. Das Kapitel schliesst mit einem historischen Abriss zur Entwicklung der rechtlichen und materiellen Gleichstellung von Frauen in Deutschland. Im zweiten Kapitel folgt ihre empirische Untersuchung zur Partizipation von Frauen in Deutschland im Bereich der Wirtschaft und der Politik. Dafur wertet sie Daten der Forschungseinrichtung IAB der Bundesagentur aus und betrachtet den Frauenanteil in den Parteipositionen auf Lander- und Bundesebene sowie an legislativen und exekutiven Amtern und Mandaten auf Bundes- und Landerebene. Die Frage, inwieweit Frauen im gleichen Mass wie Manner Zugang zum Erwerbsarbeitsmarkt und zu Fuhrungspositionen der Wirtschaft erlangen oder daran behindert werden, leitet sie dabei. Im Ergebnis halt sie fest, dass trotz steigender Frauenanteile Manner- und Frauenberufe generell weiterhin existierten. So gibt es in der Politik auch uberwiegend mannliche und weibliche Ressorts. Im abschliessenden Kapitel werden Konzepte zur Starkung geschlechtergerechter Partizipation wie Gendermainstreaming oder Quotierungsregelungen vorgestellt und bewertet. Loomans Meinung nach stellten diese bisher eher Mittel symbolischer Macht dar und seien Teil einer im Sinne von Gleichstellung politisch korrekten PR-Arbeit, aber (noch) keine operativen Instrumente und Strategien zur Herstellung tatsachlicher Geschlechtergerechtigkeit. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Autorin in ihrer Studie solide recherchierte Daten, Fakten und empirisch belegte Argumente um Ideologie und Realitat der Geschlechtergerechtigkeit zur Diskussion stellt und mit teils hoffnungsfrohen, teils aber auch ernuchternden Zahlen den Standort der deutschen Gegenwartsgesellschaft auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie aufzeigt. Melanie FeuerbachAlternative Ubergangsrituale Untersuchung zu Praktiken der weiblichen Genitalverstummelung im subsaharischen Afrika und deren Transformationen im Entwicklungsprozess. Jahrlich werden bis zu drei Millionen Madchen an ihren Genitalien verstummelt. Als Begrundung dient meistens der Hinweis auf fest verankerte Traditionen und Rituale. Doch Kulturen und ihre Rituale sind keine monolithischen Gebilde und dementsprechend veranderbar. Das zeigt die Entwicklungspolitologin Feuerbach in ihrer Dissertation. Die Autorin ist mit der Thematik sehr vertraut. Ihre Informationen fur ihre Untersuchung basieren vor allem auf teilnehmenden Beobachtungen. Zudem fuhrte sie zahlreiche Interviews mit Akteur_innen und Adressat_innen der Ubergangsrituale sowie mit Mitarbeiter_innen von internationalen Organisationen. Den Rahmen ihrer Untersuchung steckt sie einleitend anhand der theoretischen Konzepte und Ansatze vor allem aus den Sozialwissenschaften, der Ethnologie und Entwicklungspolitologie zu den Annahmen von Kultur, Ritual und Entwicklung ab. Vor diesem Hintergrund untersucht sie Alternativen zu den herkommlichen Ritualen anhand dreier Projekte gegen weibliche Genitalverstummelung in Kenya. Mit der Entwicklung von alternativen Ubergangsritualen wird das Ziel verfolgt, die Praktik der weiblichen Genitalverstummelung zu uberwinden, ohne den kulturellen Kontext der Initiation aufzuheben. Dementsprechend markiert das neue Ritual den Ubergang junger Madchen in eine andere Lebensphase. Kenya als Beispiel ihrer Untersuchungen bietet sich deshalb an, da das landesweite Netzwerk fur lokale Frauengruppen Maendeleo ya Wanawake Organization hier eintausendneunhundertsechsundneunzig ein Alternativritual initiierte, das als vorbildlich fur weitere Projekte in anderen Landern des Kontinents gilt. Die beiden Projekte der Mbuyuni Women Group sowie der internationalen Organisation World Vision folgten in den Jahren zweitausendzwei und zweitausenddrei In ihrer Gegenuberstellung der drei Projekte fragt die Autorin insbesondere nach finanziellen und institutionellen Voraussetzungen sowie der Berucksichtigung von komplexen Auswirkungen der Armut (z.B. im Gesundheits- oder Bildungsbereich) fur eine erfolgreiche und nachhaltige Projektarbeit, mit der die Praktik der genitalen Verstummelung fur Madchen uberwunden werden kann. Feuerbachs Werk ist die erste wissenschaftliche Studie zur Entwicklung von alternativen Ritualen auf dem afrikanischen Kontinent. Sie bietet einen wichtigen Orientierungsrahmen fur alle, die daran interessiert sind, die gewalttatige Praxis der Genitalverstummelung mittels kultursensibler Entwicklungsarbeit zu uberwinden. Das Buch der feministischen Bloggerin widmet sich der,,Enthaltsamkeits-Bewegung" in den USA. Ein um sich greifendes Phanomen, das von den Medien propagiert, in den Social Networks debattiert wird; die Jungfraulichkeit ist der Trend in der Pop-Kultur schlechthin. Schulen verbreiten die Lehre von der Enthaltsamkeit, gefordert vom Staat, der hohe Geldsummen beisteuert. Valenti entlarvt diese Bewegung als eine, die Frauen die korperliche Selbstbestimmung abspricht, ihren Wert an ihr sexuelles Verhalten koppelt. Sie nimmt sich der Fragen von Enthaltsamkeit bis hin zur Pornografie an und fuhrt vor, wie Frauen, die es wagen, ein eigenstandiges Sexualleben zu fuhren, mit rechtlichen und sozialen Sanktionen rechnen mussen. Valentis Buch fordert aber auch auf, das Bild von der mannlichen Sexualitat zu uberdenken und umzuformulieren. Die in der US-Gesellschaft oftmals kultivierten Geschlechterstereotypen - der Mann als Sklave seiner Genitalien, die Frau als gefuhliges Schmusewesen, der Sex nichts zu bedeuten hat - forderten eine sexistische Haltung und fuhrten im spateren Leben zu einer Vielzahl von Problemen. Ein gut recherchiertes und lebendig geschriebenes Buch, das jeder (jungen) Frau - und (jungem) Mann empfohlen sei. Seal Press, Kalifornien 2009, zweihundertdreiundsechzig S., $ 24,95 Sibel TurkerJungfernhaut In ihrem Debutroman Jungfernhaut beschreibt die turkische Autorin Sibel Turker das Leben verschiedener Frauen in der heutigen Turkei zwischen herkommlichen Konventionen und Emanzipation. Ersin tragt einen Mannernamen, sie ist unangepasst, studiert Jura, liebt Musik, Zigaretten und Poesie. Ihre altere Schwester Yesim hat sich dagegen dem Heiraten verschrieben und muss sich regelmassig Operationen zur Wiederherstellung ihrer Jungfraulichkeit unterziehen. An der Universitat begegnet Ersin ihrer Mitstudentin Elif, die ihr Haar unter einer Perucke verbirgt, da es verboten ist, die Hochschule mit Kopftuch zu betreten. Die beiden jungen Frauen freunden sich an und Ersin wird mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontiert - Elif ist ihr namlich viel ahnlicher als sie zunachst wahrhaben will. Als Ersin sich dann auch noch in den glaubigen Jurastudenten Samim verliebt, wundert sich ihr Freundeskreis uber ihren Umgang mit >>den Islamisten<<. In der Zwischenzeit lauft die Eheanbahnung von ihrer Mutter und Schwester auf Hochtouren und Ersins schlimmste Befurchtungen bestatigen sich. Vor diesem Hintergrund entwirft Sibel Turker in ihrem Roman >> Jungfernhaut<< Charaktere, die hochst unterschiedlich mit gesellschaftlichen Normen und den vorhandenen Moglichkeiten umgehen, sich von diesen zu losen. Die Autorin Sibel Turker wurde eintausendneunhundertachtundsechzig in Ankara geboren und studierte an der dortigen Universitat Jura. 2005 erhielt sie den Yunus-Nadi-Preis, den altesten noch vergebenen Literaturpreis in der Turkei, fur ihre literarischen Leistungen. Orlanda Frauenverlag, Berlin, 2009, zweihundertzwanzig Seiten. 14,90 EUR Ayfer YazganMorde ohne EhreDer Ehrenmord in der Turkei. Erklarungsansatze und Gegenstrategien Mit dem Konzept der,,Ehre" in der turkischen Kultur wurde die in der Turkei geborene und auch heute noch der dortigen Gesellschaft verbundene Autorin haufig konfrontiert. So entstand das Interesse am Thema und fuhrte sie zu der zentralen Fragestellung ihrer Dissertation:,,Wie sind die Ehrenmorde nach dem heutigen Forschungsstand und vor allem am Fallbeispiel des Untersuchungslandes Turkei zu charakterisieren? " Wahrend ihrer Beschaftigung mit der westlichen Literatur zu,,Ehrenmorden" fand die Wissenschaftlerin - wohl auch bedingt durch mangelnde Sprachkenntnisse - turkische Studien in den westlichen Forschungen und Theorien kaum berucksichtigt. Folgerichtig hat Yazgan fur ihre Arbeit neben internationalen Studien auch turkische Fachliteratur miteinbezogen. Zudem fuhrte sie Interviews mit zahlreichen turkischen Wissenschaftler_innen, mit beruflich mit dem Thema Beschaftigen und befragte Mitarbeiter_innen von Frauenorganisationen. Als Teil ihrer Untersuchung hatte die Autorin auch die Auswertung von Unterlagen der turkischen Polizei geplant. Da ihr jedoch eine Akteneinsicht verweigert wurde, beschloss sie, auf Zeitungsberichte auszuweichen. Ein Glucksfall: Die Artikel erwiesen sich als,,soziologischer Bodensatz" und wertvolle Datenquelle. Yazgans materialreiche Analyse bietet somit eine interdisziplinare Sichtweise zur vielschichtigen Charakterisierung von,,Ehrenmorden" mit dem Fokus auf die Turkei. Ihr Augenmerk gilt auch der Stellung der Frau in der Turkei oder einer moglichen Legitimierung von Ehrenmorden durch den Islam. Bestarkt durch in der Turkei durchgefuhrte Studien, die mit Expert_innen gefuhrten Interviews und durch ihre Betrachtungen von Einzelfallen, kommt die Autorin zu dem Fazit, dass,,neben psychologischen Faktoren, insbesondere den schlechten soziookonomischen Rahmenbedingungen, unter denen die meisten Tater aufgewachsen sind und leben" eine wichtige Rolle" zukommt. Die Tolerierung von,,Ehrenmorden" und die patriarchalischen Strukturen, die die Unterdruckung der Frauen in sich bergen, werden unter anderem als weitere Ursachen genannt. Praventions- und Losungsmassnahmen bieten Perspektiven in die Zukunft. Transcript Verlag, Bielefeld, 2010, dreihundertachtundvierzig Seiten, 29,80 EUR Schlangenbrut e.V. Schlangenbrut Zeitschrift fur feministische und religios interessierte Frauen Die Marz-Ausgabe der Schlangebrut widmete sich dem Thema,,Frauen & Fussball ". ,,Immer auch eine Spur religiose Sehnsucht" entdecken die Macherinnen der Zeitschrift in den gemeinschaftsstiftenden Zeremonien und Ritualen der Fussballfans. Spuren, erahnbar auch in den Texten der Schlangenbrut-Autorinnen. Welchen Platz und welche Rolle kommt weiblichen Fans im Mannerfussball zu? Diesen Fragen geht Nicole Selmer nach. Sie sieht in der Auseinandersetzung mit den Vorurteilen und den Ausgrenzungen sogar gute Chancen fur Frauen, sich in der Mannerdomane nach und nach Freiraume zu schaffen und,,im besten Fall sogar subversiv fur allmahliche Veranderung zu sorgen. " Sophia Gerschel, Mitarbeiterin im Fanprojekt Karlsruher SC hat beobachtet, wie Frauen in den Fankurven aufgenommen werden, welche Kleider- und Benimmkodices sie einhalten mussen, um von den mannlichen Fans akzeptiert oder sogar in ihren Kreisen aufgenommen zu werden. Claudia Kugelmann und Marianne Meier untersuchen in ihrem Artikel Geschlechternormen, die im Fussball und anderen Sportarten geschaffen werden. Eine tragende Rolle ubernehmen Frauen auch in der Fussballartikelproduktion. Ihre schlechten Arbeitsbedingen werden von der "Kampagne fur Saubere Kleidung" schon seit Jahren angeprangert. Kirsten Clodius schildert uns die Situation der Naherinnen. Schliesslich rucken die Autorinnen im Jahr der Frauen-WM in Deutschland auch den Frauenfussball in den Blick: So wird Nationalspielerin Annike Krahn interviewt oder anhand des Werdeganges von Lira Bajramaj die Moglichkeiten fur Spielerinnen mit Migrationshintergrund im deutschen Fussball ausgelotet. Kamalari bedeutet,,hart arbeitende Frau ". Aber damit sind nicht Frauen, sondern Madchen in Nepal gemeint, die zwischen sechs und achtzehn Jahren alt sind und als billige Haushaltssklavinnen verkauft werden. Urmila Chaudhary war selbst eine Kamalari und erzahlt in dem Buch ihre Geschichte. Als Sechsjahrige verkaufte sie ihr Bruder aus der Not heraus fur umgerechnet vierzig EUR an eine reiche Familie in Kathmandu. Elf Jahre lang schuftete sie weit weg von ihrer Familie und ihrem Heimatdorf von fruh morgens bis spat abends, wusch Wasche und spulte Geschirr in eiskaltem Wasser und kummerte sich um die Kinder ihrer Herrin. Sie brachte sie zur Schule und musste vor der Tur warten, durfte aber selbst nicht hinein. Zu essen bekam sie nur die Reste, sie schlief auf dem Boden und wenn sie etwas nicht zur Zufriedenheit ihrer Herrin machte, wurde sie beschimpft und geschlagen. Obwohl Sklaverei und das Kamalari-System heutzutage in Nepal verboten sind, gibt es noch tausende Madchen, die ihrer Kindheit beraubt werden und unter schlimmen Umstanden arbeiten mussen. Fur diese Madchen setzt sich Chaudhary nun ein. Mit mehreren hundert Kamalari organisierte sie einen Protestmarsch zu dem Regierungssitz, wo sie Lohn fur die jahrelange Ausbeutung forderte. Urmila will ihren Kampf fortsetzen, bis jede Kamalari befreit ist. Das Vorwort zu dem Buch schrieb Senat Berger, die auch Schirmfrau der Plan-Kampagne,,Because I am a Girl" mit Urmila Chaudhary Knaur Verlag, Munchen, 2011, dreihundertneunzehn Seiten, EUR 16,99 Esma Cakir-Ceylan Gewalt im Namen der EhreEine Untersuchung uber Gewalttaten in Deutschland und in der TurkeiUnter besonderer Betrachtung der Rechtsentwicklung in der Turkei ,,Das Wissen um kulturelle Normen und Werte ist unumganglich, um Gewalt im Namen der Ehre wahrend der Ermittlungstatigkeiten aus der richtigen Perspektive zu sehen, in der Rechtsprechung dogmatisch richtig vorzugehen und schliesslich kriminalpravalente Massnahmen zu ergreifen". Die Erforschung und Vermittlung dieses Wissens hat sich Esma Cakir-Ceylan in ihrer strafrechtwissenschaftlichen Dissertation vorgenommen. Das Wissen um die Hintergrunde des Phanomes,,Gewalt im Namen der Ehre" soll helfen, potentielle Tater oder Opfer als solche zu erkennen, soll helfen die Ermittlungen voranzutreiben und zur richtigen Einordnung von,,Ehrenmorden" beitragen. Cakir-Ceylan eroffnet ihre Studie mit der Begriffsklarung des Wortes,,Ehre", der fur den Tatbestand von "Gewalt im Namen der Ehre" entscheidend ist. Die turkische Sprache kennt je nach Lebenssituationen unterschiedliche Bezeichnungen. Von grosster Bedeutung ist der Begriff,,Namus": Er wird als Geschlechtsehre verstanden, die zwar von der Frau durch sexuelle Zuruckhaltung bewahrt wird, aber sich nicht nur auf sie, sondern auch auf ihren Ehemann und ihre Familie bezieht.,,Namus" kann nicht gezielt erworben werden, wohl aber durch falsches Handeln verloren werden. Die Konsequenzen reichen von schlechtem Ruf, konnen aber im Extremfall zu Suizid oder Mord fuhren. Soziologische, sozialwissenschaftliche, historische, geographische und theologische Hintergrunde von,,Ehrenmorden" stehen im Vordergrund des zweiten Kapitels. Vor der Strafrechtsreform der Turkei zweitausendfünf war Ehre ein gelaufiger Ausdruck im Strafgesetzbuch, obwohl es keine Definition fur juristische Falle gab. Die gesellschaftlichen Normen, die im Gesetzbuch vorkamen, liessen den Korper der Frau zum "Symbol der Ehre" werden und konnte als Strafmilderungsgrund herangezogen werden. Der dritte Teil der Arbeit wendet sich wieder Deutschland zu. Der Begriff der Ehre in Deutschland wird erortert, indem Cakir-Ceylan Bundesgerichtshof Urteile analysiert, um zu verstehen, wie Wertvorstellungen fremder Kulturen rechtlich eingeordnet wurden. In ihrer Abhandlung des islamischen Rechts bezieht sie auch den Umgang mit "Ehrenmorden" in Landern wie Jordanien, Iran, Agypten oder Pakistan mit ein und ermoglicht so eine erweiterte Einordnung des Phanomens. Das Ergebnis ist ein detailreiches und sorgsam recherchiertes Buch, das uns mit wichtigen Informationen versorgt, aber auch unseren Blick fur Zusammenhange scharft. Nicht nur fur Jurist_innen lesenswert. Die mexikanische Journalistin Lydia Cacho legt in ihrem neuen Buch die Mechanismen frei, die Kinder und Frauen auf der ganzen Welt in die Sklaverei der Sexindustrie fuhren. Das Buch beruht auf ihrer jahrelangen Recherchearbeit, bei der sie sich selbst in Gefahr begab, um direkt mit Menschenhandler_innen, Polizist_innen und Prostituierten zu sprechen und so an Informationen aus erster Hand zu gelangen. Der Menschenhandel mit ca. 1,4 Millionen Kindern und Frauen jahrlich ist ein Milliardengeschaft, in dem unter anderem Mafiosi, Unternehmer_innen, Militars, religiose Fuhrer, Polizeibeamte_innen, Richter_innen und Kleinkriminelle in internationalen Netzwerken zusammenarbeiten. Cacho unterteilt das Buch in zwei thematische Abschnitte. Im ersten Abschnitt liefert sie detaillierte Innenansichten der lokalen Netzwerke und der unterschiedlichen Akteure in der Turkei, in Israel und Palastina, Japan, Kambodscha, Birma, Argentinien und Mexiko; sie fuhrt die Bedingungen auf, die Menschenhandel und Sklaverei in den jeweiligen Landern florieren lassen. Aus jedem Land stellt sie eine oder mehrere Personen vor, die auf unterschiedliche Weise in dem Gefuge von Menschenhandel und Zwangsprostitution involviert sind. Zum Beispiel erfahrt man von Charm Tong aus Birma, die an der Aufdeckung von Vergewaltigungen und Ermordungen durch die Birmanische Armee arbeitet, und nachweist, dass Madchen und Frauen ethnischer Minderheiten von der Armee wie Arbeits- und Sexsklaven gehalten werden. Im zweiten Abschnitt des Buches befasst sie sich systematisch mit den Klienten. Fur Cacho ist der stetig wachsende Markt sexueller Dienstleistungen eindeutig auf die zunehmende Nachfrage zuruck zu fuhren. Cacho zeichnet nach, wie die Arme mafioser Gruppierungen bis in die Justiz hineinreichen und z. B. in Japan Verurteilungen von Frauenhandler_innen fast unmoglich machen und dass oft Polizei und Armee im Menschenhandel verstrickt sind:,,Untersuchungen zur Prostitution und dem Handel mit Frauen und Madchen ergeben, dass es vor allem die vermeintlichen Ordnungshuter, also Angehorige der Polizei und der Armee sind, die Menschenhandler schutzen und in den Bordellen mindestens ebenso gute Kunden sind wie Touristen. " Die Legalisierung von Prostitution kann nicht zur Losung der Probleme fuhren, sie verhilft vielmehr illegalen Machenschaften sich hinter dem Deckmantel legaler Kauflichkeit zu verstecken. ,,Gewalt ist nicht gut, denn sie tut weh, und ich muss weinen. " Dieses Zitat einer 10-jahrigen Uberlebenden des Sklavenhandels stellt die Autorin ihrem Buch voran. Mit ihrem mutigen Buch zollt Cacho auch den Betroffenen Tribut. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2010, dreihunderteinundfünfzig Seiten , 19,95 EUR Veronika HerzTraffickingDie sozialen Folgen des Frauenhandels in Kambodscha Ein Beitrag aus Sicht der Sozialen Arbeit. Kambodscha gehort schon langst zu den beliebten Zielen des Prostitutionstourismus. Im Hinblick auf geschichtliche, politische, religiose, wirtschaftliche, psychologische und soziale Aspekte verdeutlicht Veronika Herz die Entstehung der kriminellen Netzwerke und die Folgen dieser Geschafte fur das Land. Dabei geht sie auf die Verstrickung des Militars und der Polizei in den Prostitutionstourismus ein und zeigt auf, dass Einheimische so wie Auslander Freier sind. Sie beschreibt wie Frauen und Madchen direkt ins Prostitutionsgewerbe verkauft werden, aber auch wie z. B. Hausangestellten, die in einem legalen Arbeitsverhaltnis sind, sexuelle Gewalt angetan wird. Die Frage, wie Betroffenen geholfen werden kann, geht Herz so an, dass sie zuerst exemplarisch die vor Ort agierende NGO AFESIP (Agir pour les femmes en situations precaire) vorstellt um dann Empfehlungen zur Arbeit gegen die sexuelle Ausbeutung folgen zu lassen. Das Buch ist sehr verstandlich geschrieben und bietet einen fundierten Uber- und Einblick in die Problematik des Menschenhandels in Kambodscha. Veronika JaschkeJunge Turkinnen und Zwangsheirat Welche Rolle spielt,Hausliche Gewalt'?Zwangsverheiratungen und Gewalt in turkischen Familien werden oft stereotyp und vorurteilsbehaftet, gar als Normalfall wahrgenommen. Der Autorin, die wahrend eines Praxissemesters in einem Frauen- und Kinderschutzhaus die Hintergrunde der Betroffenen erfahren konnte, ist es ein Anliegen, mit ihrer Diplomarbeit zu einer differenzierteren Sichtweise beizutragen. Einem Abriss der Geschichte turkischer Migration in Deutschland folgen Kapitel, in denen sie auf die Situation der Madchen eingeht: So zeigt sie die Auswirkungen des Kulturkonfliktes auf und beschaftigt sich mit den Folgen von Gewalterfahrung auf die Sozialisation der Jugendlichen. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Phanomen,,Zwangsverheiratung" - wobei sie eine Unterscheidung von arrangierter Ehe und Zwangsehe vornimmt - fokussiert sie schliesslich das Thema,,hausliche Gewalt" im Zusammenhang mit Zwangsverheiratungen. Zum Schluss beschreibt sie Praventions- und Interventionsangebote, wobei sie auch auf Rechtsgrundlagen eingeht und eigene Ideen fur Hilfsmassnahmen entwickelt. Frauenfussball in Agypten, der Turkei, Palastina und BerlinMit Fotos und Texten von Claudia Wiens und einem Vorwort von Susan Kamel Der Bildband portraitiert Madchen und Frauen aus Agypten, Palastina, der Turkei und Deutschland beim Fussballspielen. Nicht nur die Bilder zeigen Frauen aus verschiedenen Landern und Kulturen, auch alle Texte im Buch sind auf Deutsch, Englisch, Turkisch und Arabisch. Eindrucksvoll zeigen die aus unkonventionellen Perspektiven aufgenommenen Bilder, dass die Faszination Fussball nicht nur Manner, sondern auch Frauen aus verschiedenen Kulturen packen kann. Die Fotojournalistin Claudia Wiens, zustandig fur Fotos und Text, ist, ist davon uberzeugt, dass,,gerade der Fussball, kulturelle, soziale, religiose und andere Geschlechterschranken sprengen und weltweit zur Integration und Emanzipation von Frauen beitragen kann. " Spatestens nach dem Durchblattern des Bandes stimmen wir ihr zu. Die Beitrage des Bandes konnen vom 15. Juni bis zum 27. August in einer Ausstellung im Kreuzberg-Museum Berlin betrachtet werden. Dietz Verlag J. H. W. Nachf. , Bonn, 2011, einhundertzweiunddreißig Seiten, 22,- EUR Rainer Hennies/Daniel MeurenFrauenfussball . Der lange Weg zur Anerkennung Als,,Standardwerk des Frauenfussballs" wird es bereits bezeichnet, und in der Tat haben Rainer Hennies und Daniel Meuren auf fast 400 Seiten mit viel Liebe zum Detail eine Fulle von Informationen zum Thema Frauenfussball zusammengetragen. Kapitel zu verschiedenen Epochen des Frauenfussballs wechseln sich ab mit Interviews, zahlreichen Fotos sowie Spielerinnen- und Vereinsportrats. Auch das heikle Thema Homosexualitat auf dem Fussballplatz erhalt Raum, wird jedoch etwas flapsig behandelt. Schwerpunkt der Darstellung ist die Entwicklung des deutschen Frauenfussballs. Ein (etwas kurz geratenes) Kapitel setzt sich mit den DDR-Kickerinnen auseinander, ebenso wird der internationale Frauenfussball in den Blick genommen. Kurioses und Anekdoten runden das grosstenteils unterhaltsam-ironisch, selten mit dezent chauvinistischen Anklangen, geschriebene Werk ab. Ein Werk, auf das die (Frauen-)Fussballwelt schon lange gewartet haben durfte. Zum Studieren, Schmokern und Schmunzeln. (Besprechung Anne Novotny) Verlag Die Werkstatt, Gottingen, 2009, dreihundertzweiundachtzig Seiten, 24,90 EUR Lira BajramajMein Tor ins Leben - Vom Fluchtling zur Weltmeisterin Mit funf Jahren fluchtet die heutige Profi-Fussballspielerin mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Deutschland. Ohne alles beginnt ein neues Leben fur sie in einer neuen Welt, in der sie spater als Meisterin gefeiert werden soll. Dahin ist es jedoch ein langer Weg mit einigen Hindernissen. Lira Bajramaj beschreibt mitreissend ihre eigene Geschichte: die eines Madchens, das lange fur ihren Traum, Fussball spielen zu durfen, kampfen musste. Sie erfindet Ausreden und falscht Unterschriften, um zu verheimlichen, dass sie im Verein trainiert.,,Ich bitte Sie, Madchen spielen keinen Fussball, und schon gar nicht meine Tochter", antwortet Liras Vater der engagierten Lehrerin, die sich fur sie einsetzt. Sie ist seine Prinzessin. Mit seinen traditionellen Vorstellungen kann er eine Lira, die Fussball spielt, nicht vereinbaren. Eines Tages sieht er zufallig einem Wettkampf-Spiel zu, bei dem seine Tochter als Spielerin teilnimmt. Er erkennt erst nach einiger Zeit, dass,,der gute Fussballspieler" auf dem Feld ein Madchen ist - sein Madchen! Von da an unterstutzt er Lira bei ihrer Leidenschaft furs runde Leder. Sie spielt offiziell im Frauenfussballverein und startet eine rasante Karriere als professionelle Spielerin. Im Jahr 2007 wird sie mit der Frauen-Nationalmannschaft sogar Weltmeisterin. Beruhrend erzahlt Lira Bajramaj mit welchen Schwierigkeiten und Gefuhlen sie zu kampfen hat. Wie sie ihre Religion und die Liebe zu ihren Eltern mit dem mannlich dominierten Leistungssport verbindet. Sie gewahrt tiefe Einblicke in den Integrationsprozess als Migrantin, der nicht zuletzt durch den Fussball zustande kam. Und noch etwas betont sie immer wieder. Auch als Profi-Fussballerin kann frau auch,,typische Frau" sein. Sie liebt Glitzer und ihr Traum ist es, irgendwann einmal einen Kosmetiksalon aufzumachen. Da kann sich ihr Vater glucklich schatzen: Seine Tochter ist eine Fussball-Prinzessin! (Besprechnung: Anne Petersen) Sudwest Verlag, Munchen, 2011, einhundertsiebenundfünfzig Seiten, 9,95 EUR Christa Kleindienst-Cachay Madchen und Frauen mit Migrationshintergrund im organisierten Sport Immer haufiger horen wir in den Medien von herausragenden Sportlerinnen mit Migrationshintergrund. Trotzdem verbinden wir Sport in der Regel nicht mit Migrantinnen. Schnell wird insbesondere uber muslimische Frauen pauschal geurteilt und ihnen keine sportliche Aktivitat zugetraut. Mit ihrer Studie zum organisierten Sport von Migrantinnen raumt Christa Kleindienst-Cachay mit einseitigen Stereotypen auf. Die Studie macht auf die Vielfalt innerhalb der Gruppe aufmerksam und weist auf die fur Madchen ungewohnlichen Praferenzen hin. Vor allem im Leistungssport bevorzugen Migrantinnen typisch mannliche Sportarten wie Taekwondo, Karate, Boxen und Fussball. Die wissenschaftliche Studie thematisiert vor allem die Bedeutung von Sport im Integrationsprozess. Im ersten Teil werden Informationen uber das Sportengagement von Migrantinnen gegeben. Ausgewertete Interviews gewahren daruber hinaus Einblick in den Zusammenhang von Sozialisation und Sport. Im zweiten Teil werden Sportforderprojekte von Sportvereinen und -verbanden zur Integration von Migrantinnen in den organisierten Sport vorgestellt. Die Ergebnisse der Auswertung fuhren zu Teil drei. Hier werden abschliessend Empfehlungen an den organisierten Sport gegeben, die als praktische Massnahmen zur Verbesserung der Integration beitragen konnen. Zusammenfassend betont die Studie: Eine Berucksichtigung der heterogenen Gegebenheiten und Bedurfnisse ist notwendig sowie die daraus resultierende Schaffung individueller Bedingungen und Raume. Sport fordert die Integration und diese ist wiederum ein Gewinn fur alle Beteiligten. (Besprechung: Anne Petersen) Hoffmann, Eduard/Nendza, JurgenVerlacht, verboten und gefeiert. Zur Geschichte des Frauenfussballs in Deutschland2007 tourte die von der Volkshochschule Aachen in Auftrag gegebene Wanderausstellung,,Verlacht, verboten und gefeiert" durch ganz Deutschland - und traf wohl einen Nerv, der Erfolg uberraschte selbst die Veranstalter. Auch zweitausendelf hat die Ausstellung nichts von ihrer Aktualitat verloren. Grund genug, auf das Begleitwerk zur Ausstellung aufmerksam zu machen. Ein,,informatives, vielseitiges, zeittypisches und durchaus amusantes Kaleidoskop" des Frauenfussballs wollten Eduard Hoffmann und Jurgen Nendza zustammenstellen - das ist den Autoren gelungen. Mit pragnanten Texten, zahlreichen Originalfotos, Karikaturen, Abbildungen von Ausstellungsstucken und Zeitungsartikeln zur Geschichte des Frauenfussballs gibt der schmale Band einen schnellen historischen Uberblick und ladt daruber hinaus zum Blattern und Schmokern ein. (Besprechung: Anne Novotny) Landpresse, Weilerswist 2006, zweiundachtzig S., zehn EUR Isabelle Muller Phonixtochter Die Hoffnung war mein Weg Mit ihrer Autobiographie,,Phonixtochter" beschreitet Isabelle Muller erneut den steinigen Weg aus der Enge ihrer Kindheit in zur erfolgreichen Unternehmerin in Deutschland. Sie wachst in den 60er Jahren als funftes Kinder einer Vietnamesin und eines Franzosen in einem kleinen Dorf in Frankreich auf. Ihre Mutter und ihre Geschwister stossen bei der Nachbarschaft und der Familie des Vaters auf Vorbehalte, Verachtung. Sie werden ausgegrenzt. Harte Arbeit und Entbehrungen pragen Ihren Alltag. Zuflucht findet sie in der Natur und in der Schule. Der unbeherrschte Vater neigt zu Gewalt und verprugelt die Kinder regelmassig, Isabelle missbraucht er jahrelang. Ihre Mutter, der es gelingt ein vietnamesisches Restaurant zu eroffnen, hingegen ist ihr grosses Vorbild. Sie ist stark und hat einen unglaublichen Uberlebenswillen, der ihr verhilft sich in allen schwierigen Lebenslagen durchzusetzen. Isabelle Muller unternimmt zwei Selbstmordversuche, lauft mit siebzehn von zuhause weg und schafft es sich aus der schlimmen Situation zu befreien. Heute ist sie Ubersetzerin, Dolmetscherin und Kunsthandlerin. Sie ist verheiratet und hat zwei Tochter. Kruger Verlag, Frankfurt am Main, 2009, zweihunderteinundachtzig Seiten, 17,95 EUR Gaby Temme, Christine Kunzel (Hrsg.)Hat Strafrecht ein Geschlecht? Zur Deutung und Bedeutung der Kategorie Geschlecht in strafrechtlichen Diskursen vom achtzehn Jahrhundert bis heute Insbesondere im juristischen Bereich spielt Objektivitat und Neutralitat in der Auslegung und Anwendung von (Rechts)Normen eine zentrale Rolle. Das Bewusstsein dafur, dass rechtliche Normen durchaus nicht geschlechtsneutral angewendet werden, hat sich, u. a. im Zuge der legal gender studies erst recht spat in der rechtswissenschaftlichen Theorie entwickelt. Der vorliegende Band fasst den Bereich Strafrecht ins Auge und versucht mit interdisziplinarem Blick historische und aktuelle Entwicklungen und Tendenzen zu verfolgen und darzustellen. Dabei stehen neben aktuellen Erkenntnissen aus der kriminologischen Forschung etliche weitere, interessante Themenfelder mit strafrechtlichem Bezug, die aus historischem und juristischem wie auch aus soziologischem und kulturwissenschaftlichem Blickwinkel betrachtet werden. Das klassisch weibliche Delikt des Kindsmordes, eng verknupft mit der Abtreibung, wird anhand des literarischen Diskurses zur Zeit der Aufklarung wie auch als mediales Phanomen im Ostdeutschland der 1990er Jahre untersucht. Reformen innerhalb des Sexualstrafrechts und die bundesdeutsche Rechtsprechung hinsichtlich des heutigen Vergewaltigungstatbestands, Aspekte eines spezifisch weiblichen Strafvollzugs und die Urteilspraxis der NS-Gerichte zwischen 1933 und 1945 stellen weitere Themenbereiche dar. Beitrage zur Intersektionalitat, zu moglichen Lesarten amtlicher Kriminalstatistiken und zur gesellschaftlichen Relevanz strafrechtlicher Wirkweisen vor dem Hintergrund jugendlicher Prostitution zur Zeit der Weimarer Republik vervollstandigen die komplexe Darstellung des Diskurses zur Relevanz des Geschlechts im Strafrecht.(Besprechung: Kathrin Burbulla) Transcript, Bielefeld, 2010, zweihundertfünfundsiebzig Seiten, 27,80 EUR ManuEla RitzDie Farbe meiner Haut Die Antirassismustrainerin erzahlt ManuEla Ritz beschreibt in ihrem Buch,,Die Farbe meiner Haut" ihre Erfahrungen mit Rassismus. Sie befasst sich mit der Struktur des Rassismus im Alltag und geht dabei auf verschiedene Arten und Auswuchse ein. Rassismus fangt schon im Kleinen an. Kinderbucher wie,,Zehn kleine Negerlein" und das Spiel,,Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? " sind Beispiele dafur, wie schon von Kindheit an rassistische Vorstellungen an Menschen herangetragen werden. Diese sind fur ManuEla Ritz ebenso schlimm, wenn auch nicht so offensichtlich, wie ihre Erfahrungen mit Neo-Nazis oder der Apartheid, die sie im Auslandsstudium in Sudafrika erlebt. Fur Menschen, die die,,kleinen " Anzeichen von Rassismus nicht als solchen erkennen, halt ManuEla Ritz Anti-Rassismus-Workshops. Doch ihr Buch ist mehr als nur eine Auflistung uber verschiedene Formen des Rassismus. Es gibt einen Einblick in die Dualitat mit der sich schwarze Menschen oft auseinandersetzen mussen. Sie sind Deutsche, denen von aussen der Stempel des Andersseins aufgedruckt wird. Das Problem der eindeutigen Identifikation mit einem Land, dem Ursprungsland der Eltern oder dem Land in dem man selbst aufgewachsen ist, spielt dabei eine grosse Rolle. Diese Situation spiegelt sich auch in der Teilung von ManuElas Namen wieder, fur die sie sich selbst entschieden hat. Die Verknupfung von privaten Erlebnissen mit allgemein gultigen Problemen macht,,Die Farbe meiner Haut" zu einem eindrucksvollem Bericht uber die Lage Deutschlands im Umgang mit Rassismus. (Besprechung: Vanessa Vogt) In islamischen Gesellschaften bestimmen,,Zina"-Gesetze die Sanktionen fur unerlaubten Geschlechtsverkehr ausserhalb des Eheverbundes. Fur Frauen und Manner, die mit ihrem Verhalten gesellschaftlich vorgeschriebene sexuelle Normen,,verletzt" haben, sehen diese Gesetzte oft brutale Strafen vor. Zina kann aber auch als Vorwand fur Eingriffe in andere gesellschaftliche Bereiche herhalten. So konnen sozio-okonomische Missverhaltnisse oder die Behandlung von Witwen und unverheirateten Frauen legitimiert werden. Oft sind sie verknupft mit anderen Gesetzen und Brauchen, die z.B. Heirat und Scheidung oder Vormundschaft betreffen. Das Buch untersucht die Anwendung der Zina-Gesetze in Indonesien, Nigeria, Pakistan, Iran und in der Turkei. Meistens sind die Zina-Gesetze nicht in der Rechtsprechung des jeweiligen Landes enthalten, existieren aber oft parallel zu dieser und berufen sich auf geltende kulturelle Werte und schon lange wahrende Brauche.,,Control and Sexuality" ist nicht nur eine vergleichende Studie, sondern auch eine feministische Analyse, die dazu beitragen mochte, der durch,,Kultur" begrundeten Gewalt an Frauen ein Ende zu setzen. Die Autorinnen mochten Aktivist_innen, Entscheidungstrager_innen, und anderen Akteur_innen der Zivilgesellschaft vor Augen fuhren, wie Kultur und Religion herangezogen werden, um Gesetze zu rechtfertigen, welche die weibliche Sexualitat kriminalisieren und sie grausamen, unmenschlichen und entwurdigenden Bestrafungsformen unterwerfen. Herausgegeben wurde die Publikation von der Kampagne,,Violence is Not Our Culture" und dem Netzwerk,,Women Living Under Muslim Laws". Adeline ist achtzehn Jahre alt als sie mit ihrem neuen Freund Dave ihre ungeliebte Familie in der Schweiz verlasst und auf Daves karibische Heimatinsel zieht. Ihre Hoffnung endlich liebevoll in eine Familie aufgenommen zu werden, zerbrockelt nach und nach: Daves Geschwister und seine Mutter behandeln die weisse Festlanderin abschatzig und mit Distanz. Ihr Alltag in ihrem neuen Zuhause ist eintonig. Dave lasst sie viel alleine um sich mit Freunden zu treffen, zu trinken und zu spielen und Adeline schlagt sich die Zeit mit dem Putzen des Hauses um die Ohren. Irgendwann fangen Daves,,Korrekturen" an. Mit seiner rohen Gewalt will Dave das an Adeline,,korrigieren", was nicht seinen Vorstellungen entspricht. Mehr und mehr vereinsamt das Madchen. Dave verbietet ihr jeglichen Kontakt mit der Aussenwelt und die zusatzliche Sprachbarriere halten Adeline in einer Starre gefangen, aus der heraus sie sich keine Hilfe zu suchen vermag. Sie zieht sich in sich selbst zuruck, weg von dem Mann deren Gewaltausbruchen sie ausgeliefert ist. Erst viel spater, als diese Gewaltausbruche sich auf den kleinen Sohn der beiden auszuweiten drohen, zieht Adeline die Reissleine und flieht in ein Frauenhaus. Die Autorin beschreibt die Gewalt auf distanzierte Art. Das Buch ist in einer verstandlichen Sprache geschrieben, doch der Inhalt ist schwer auszuhalten. Edition Isele, Eggingen 2009, zweihundertelf Seiten, 16,- EUR Neuanschaffungen zweitausendfünfzehn Soname YangchenKlang der WolkenMein Weg von Tibet zu mir selbst Vielen wird die Autorin schon bekannt sein, denn ihr erstes Buch,,Wolkenkind" war ein Bestseller, andere bewundern die Sangerin in ihr. Yangchen wurde im tibetischen Yarlungtal geboren. In einer lebensgefahrlichen Flucht uber den Himalaya entkam sie der chinesischen Gewaltherrschaft nach Indien, von wo aus sie nach sechs Jahren weiter nach England zog. Dort wurde schliesslich ihr Gesangstalent entdeckt. In ihrem zweiten Buch reflektiert Yangchen ihr Leben von der Warte einer Frau aus, deren Leben nach harten, entbehrungsreichen Phasen, eine unerwartet gluckliche Wendung genommen hat. Als Sangerin ist sie rund um die Welt mit renommierten Menschen aufgetreten, hat funf CDs veroffentlicht. Ihre Autobiographie hat sie auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen konnen. Mit ihrem Mentor bereist sie Deutschland, um ihr Buch vorzustellen. Als ein besonderes Gut in diesem neuen Lebensabschnitt erlebt die Autorin die gewonnene Freiheit: Beim 25-jahrigen Jubilaum des Mauerfalls in Berlin war sie dabei und zieht fur sich Parallelen:,,Wissen Sie, in meinem heutigen Leben ist jeder Tag ein Mauerfall. " Immer wieder schweift die Autorin zuruck in ihre Heimat. Sie erinnert sich gemeinsam mit ihrem Bruder an die schwerkranke Mutter, an den scheinbar unnahbaren Vater, der ihnen in der Ruckschau haltgebende Lebensmaximen mitgegeben hat. Eingehend schildert sie die strapaziose zwei-jahrige burokratische Odyssee, die sie uberwinden musste, um ihre Tochter, die sie in Indien zuruck lassen musste, erst nach 16 Jahren zu sich, nach Grossbritannien holen konnte. Ihr Weg zu sich selbst ist vor allem ein spiritueller. So widmet sie einen wesentlichen Teil ihres Buches ihrer Hinwendung zum Buddhismus. Wir lernen eine den Menschen und allem Lebendigen stets zugewandte Frau kennen, die allem Kreaturlichen mit Offenheit und Respekt begegnet. Jeder Tag wird mit Dankbarkeit und Freude bedacht. ,,Geniess den Moment, egal in welcher Situation du bist, er kommt nie wieder," war einer der Kernsatze, die ihr Vater ihr mit auf den Weg gegeben hatte. Integral Verlag Munchen, zweitausendfünfzehn zweihundertacht Seiten, 16,99 EUR Lena HildebrandDie Bekampfung der Zwangsheirat in DeutschlandEine juristische Betrachtung der gesetzgeberischen Massnahmen im Lichte des Operschutzes Die Publikation beleuchtet das,,nicht zu unterschatzende gesellschaftliche Problem" der Zwangsheirat in Deutschland und inwiefern der Staat durch Gesetze zur Bekampfung selbiger beitragen kann, ohne gleichzeitig ausreichenden Opferschutz zu vernachlassigen. Die Autorin widmet sich den staatlichen Massnahmen in der Bundesrepublik aus einem juristischen Blickwinkel, um deren Bedeutung in der Erfullung der staatlichen Schutzpflicht zu prufen. Einleitend wirft Hildebrand auf, dass das Thema Zwangsheirat vor allem durch die Arbeit von Betroffenen und Frauenrechtsorganisationen an die Offentlichkeit gelangt ist und so der Druck erhoht wurde, von staatlicher Seite Unterstutzung zu bieten. Das Zwangsheiratsbekampfungsgesetz und die Novellierung des Zuwanderungsgesetzes, genannt auch Richtlinienumsetzungsgesetz, waren erste Versuche von staatlicher Seite, rechtliche Bestimmungen zu setzen. Wahrend die Einfuhrung grundsatzlich begrusst wird, werden einzelne Massnahmen von verschiedenen Seiten aber kontrovers nimmt die Autorin zum Anlass, die einzelnen Bestimmungen der beiden Gesetze zu untersuchen und mit Hinblick auf Opferschutz zu bewerten. Sie stellt die Frage, ob diese dazu beitragen, der Schutzpflicht des Staates nachzukommen, und ob die getroffenen Regelungen auch in der Praxis und bei verschiedensten individuellen Problemlagen wirksam sein konnen. Dazu stellt sie zuerst den Begriff der Zwangsheirat vor, insbesondere in Abgrenzung zum Begriff der arrangierten Ehe. Im Anschluss daran werden bestehende Erkenntnisse zu sozialen und situativen Kontexten dargelegt. Einige anonymisierte Biographien von betroffenen Madchen werden vorgestellt, um die Situationen, in denen diese sich befinden, nachvollziehbarer zu machen. Den Grossteil des Buches nimmt dann die Untersuchung der strafrechtlichen Massnahmen ein, die einzeln sehr ausfuhrlich bewertet werden. Auch auf Massnahmen zu Pravention und Intervention wirft die Autorin einen kritischen Blick. Hildebrand gelingt es, die vielfaltigen Massnahmen ausfuhrlich zu untersuchen. Vor allem ihr Blick auf die Rechte und den Umgang mit Betroffenen tragt dazu bei, dass ihre Bewertung der gesetzlichen Regelungen kritisch ausfallt. Gerade das kann ein wichtiger Beitrag sein, um neue Forderungen an die staatliche Seite zu stellen, Gesetze zu verandern, sodass Betroffene ausreichend beschutzt werden konnen. Somit stellt die Publikation ein wichtiges Handwerkszeug dar, mit dem die vielfaltigen Massnahmen analysiert werden konnen. Zudem ist das Buch gut lesbar und kein nur fur JuristInnen verstandliches Werk, dabei aber trotzdem anspruchsvoll und : Mara Linden Dieser Sammelband beleuchtet Friedensaktivismus als ein zentrales Element der Frauenbewegung seit dem neunzehn Jahrhundert. Die Autorinnen zeigen, wie sehr das Bemuhen fur Frauenrechte mit dem fur Frieden einherging, verzichten aber bewusst darauf, sich auf biologistische Klischees, wie das der naturgemass "friedfertigen" Frau, einzulassen. Auf diese Weise ruckt die enorme Energie, mit der sich Frauen seit uber einem Jahrhundert uberall auf der Welt fur Frieden einsetzen, umso mehr in den Vordergrund. Oft ist dieser durch unermudliche Arbeit an Brennpunkten gekennzeichnet, die lange keine internationale Wurdigung erfuhren. Erst als weibliches Engagement an der Basis auch als Friedensarbeit anerkannt wurde, ruckte ihr Wirken zunehmend in den offentlichen Blick, was sich auch in der steigenden Zahl nominierter Frauen fur den Friedensnobelpreis aussert. Dabei fehlt es auch der Frauenfriedensbewegung nicht an schillernden Personlichkeiten - das Buch gibt Einblick in das Schaffen historischer Akteurinnen, deren sich wandelnde Haltung und Auseinandersetzung mit dem Thema Pazifismus. Es waren Frauen wie Bertha von Suttner, die einen modernen pazifistischen Diskurs mitbegrundeten. Der Vergleich zwischen Aktivistinnen wie Clara Zetkin, Klara Marie Fassbinder oder Paolina Schiff zeigt, dass die Ansatze keineswegs immer gleich waren. Es macht auch deutlich, wie sehr ihr Streben durch historische Ereignisse wie die des 1. Weltkrieg zuruckgeworfen wurde, wo jedes Friedensengagement mit Verrat gleichgesetzt wurde, aber auch die Ideale vom Pazifismus an der Realitat des Krieges scheiterten. Auch heutige Initiativen werden vorgestellt. Das Buch beinhaltet u.a. einen Beitrag uber die Arbeit von TERRE DES FEMMES, der klar macht, dass Gewalt nicht allein ein Phanomen vergangener und ferner Kriege ist, sondern sich ebenso zerstorerisch im partnerschaftlichen Zusammenleben manifestieren kann. Ein anderer wendet sich dem Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) in Kassel zu. Dieses bewahrt auch Nachlasse und Materialien der Frauenfriedensbewegung und bietet u.a. interessante Einblicke in weniger untersuchte Zeitraume wie die Jahre zwischen eintausendneunhundertdreiunddreißig und 1968: Ein grosser Teil Frauengeschichte wartet noch auf seine Erforschung. Ein aufschlussreiches, lesenswerter : Sermin Guven Verlag Barbara Budrich, Opladen zweitausendfünfzehn einhundertachtundneunzig Seiten, 24,90 EUR Evelyne LeandroAusgesetztoderDer Kampf mit einer langst vergessenen KrankheitEin Tagebuch aus dem heutigen Berlin in ihrem dritten Jahr in Deutschland wurde sie, die Brasilianerin, endlich richtig Fuss fassen, hatte ihr Mann ihr vorausgesagt. Und Evelyn beginnt es auch voller Erwartungen. Glucklich feiert sie ihren dreißig Geburtstag in engem Freundeskreis. Die neue Arbeitsstelle ist vielversprechend. Die vor einigen Monaten aufgetreten Flecken an Arm, Knie und Wade sind nach einer Behandlung verschwunden und so grosser der Schrecken als diese nach einigen Monaten wieder auftauchen, grosser werden und schmerzen. Bange Tage spater fallt die Diagnose: Lepra.,,Aussatz" wurde sie in Deutschland ursprunglich genannt . Leandros Titel,,Ausgesetzt" greift denn auch diese alte Bezeichnung auf und gibt so ihrer eigenen Erfahrung Ausdruck: Auch heute erleben Leprakranke - Dank uberkommener Vorurteile - in Deutschland Ausgrenzung. Erst recht Leprakranke mit Migrationshintergrund. Ausgesetzt war sie aber auch einer unberechenbaren Krankheit, die ihr Leben weit uber ein Jahr hinweg zur,,Achterbahn" werden liess. Ihr Heilungsprozess wird regelmassig durch Ruckfalle gestoppt: Der verabreichte Medikamentencocktail ruft Immunreaktionen hervor. Immer wieder tauchen Flecken in Begleitung peinigender Schmerzen auf, die nur durch eine uberhohte Kortisondosis ertragbar sind. Das unverzichtbare Medikament Thalidomid (fruher auch Contergan genannt) ruft Depressionen, Stimmungswechsel, Angstzustande hervor. Die Autorin verarbeitet ihre Krankheit in dem sie Tagebuch schreibt. Dieses hat sie um E-Mail-Wechsel mit der Familie, mit FreundInnen und mit ArztInnen erganzt. Zwischen den einzelnen Eintragen finden sich Erinnerungen an ihre Kindheit und ihre Jugend in Brasilien, an die ersten Jahre mit ihrem Mann. Wir lernen sie als willens- und entscheidungsstarke Frau kennen, die ihr Leben gerne selbst in die Hand nimmt. Nicht zuletzt diese Eigenschaften - getragen von der Unterstutzung ihres Mannes und ihres Freundeskreises - helfen ihr, die regelmassig wiederkehrenden Talsohlen zu durchschreiten und ihre Krankheit nicht nur zu besiegen, sondern deren bleibenden Begleiterscheinungen als Teil ihrer Biographie anzunehmen: ,,Meine Haut erzahlt eine Geschichte. Mir wurde klar, dass ich meine fleckige Haut mit Stolz betrachten kann und sollte. Sie markiert das, was ich durchlebt habe. " Selbstverlag, Berlin zweitausendvierzehn zweihundertvierundzwanzig Seiten, 14,95 EUR Lepra ist eine Armutskrankheit, die nachwievor in Schwellenlandern wie Indien, Nepal oder Sudan auftritt. Fur Frauen haben solche Armutskrankheiten oftmals noch schlimmere Folgen als fur Manner, weil sie von der Zustimmung ihrer Ehemanner abhangig sind, um sich medizinisch behandeln lassen zu konnen. Aufgrund der haufig erst spaten Behandlung sind die Folgen und Beeintrachtigungen so gross, dass sich die Frauen nicht mehr um den Haushalt und ihre Kinder kummern konnen. Kommen sie diesen von der Gesellschaft auferlegten Pflichten nicht nach, werden sie oft verstossen, ohne jegliche Anrechte auf Unterhalt, Besitz, Kinder oder ein Erbe. Germaine TillionDie gestohlene UnschuldEin Leben zwischen Resistance und Ethnologie In diesem Jahr wurde Germaine Tillion (1907-2008) mit einer symbolischen Uberfuhrung in den Pariser Pantheon offentlich geehrt. Eine Ehrung, die ihre Stellung als eine der herausragendsten Franzosinnen des letzten Jahrhunderts unterstreicht. Der ebenfalls in diesem Jahr erschienene Band versammelt Texte aus verschiedenen Lebensabschnitten Tillions, gibt einen einzigartigen Einblick in das Denken der franzosischen Widerstandskampferin und Ethnologin. Germaine Tillion studierte in Paris im Kreise des beruhmten Ethnologen Marcel Mauss und verbrachte ihre Jugendjahre in den Bergen Algeriens, wo sie die Ethnie der Chaoui erforschte. Eine entscheidende Wendung erfuhr ihr Leben durch den Sieg Nazi-Deutschlands uber Frankreich, woraufhin sie sich der Resistance anschloss. Im Jahr 1942 wurde sie von den Nazis gefasst und zusammen mit ihrer Mutter im Frauenkonzentrationslager Ravensbruck interniert, wo ihre Mutter spater ermordet wurde. Trotz des ihr zugeteilten Status,,verfugbar", dem niedrigsten innerhalb de KZ-Systems, uberlebte sie die Grauel des Lagers. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie in ihrer Operette mit dem Titel Le Verfugbar aux Enfers (Der,,Verfugbar" in der Unterwelt). 20 Jahre spater prangerte sie die Ereignisse im Algerienkrieg an, wo sie erlebte, wie die franzosische Armee wieder Menschen in Lager steckte. Dem Buch gelingt es, dieses,,Jahrhundertleben" (Gilzmer) durch die Originalzeugnisse Tillions eindrucklich abzubilden. Es verbindet ethnologische Forschungen, personliche Erlebnisse und politisches Engagement einer bedeutenden Frau. Leider werden interessante Aspekte ihrer Forschungsarbeit kaum berucksichtigt: Ende der 50er unternahm Tillion eine breit angelegte und durchaus kritische Untersuchung uber die Stellung der Frau in der Mittelmeer-Region, welche 1966 unter dem Titel Le Harem et les Cousins (Der Harem und die Cousins) erschien, aber bedauerlicherweise bisher nicht ins Deutsche ubersetzt wurde. Bis zuletzt machte sich Tillion fur Menschenrechte stark und setzte sich z.B. gegen Folter im Irak : Sermin Guven Der Sammelband, herausgegeben im Anschluss an eine interdisziplinare Ringvorlesung an der Philipps-Universitat Marburg, widmet sich, wie schon der Titel vorausahnen lasst, dem Thema Sexualitat und Geschlecht. In vielen und vor allem feministischen Zusammenhangen wird Sexualitat wenig thematisiert, obwohl immer mit gesellschaftlichen Vorgangen und Verhaltnissen in Beziehung; fast schon scheint es ein Tabuthema zu sein, obwohl in Bezug auf Sexualitat und Geschlecht kein Abbau von Herrschaft stattfindet, sondern die bestehenden Verhaltnisse umgearbeitet und abgesichert werden, so die Herausgeberinnen. Die Texte im Band widmen sich verschiedenen Aspekten von Sexualitat und Verstandnissen derselben in Wissenschaft und Theorie. Alle Texte haben jedoch das Anliegen, (1) Sexualitat analytisch zu fassen und unterschiedliche Konzeptionen von Sexualitat transparent zu machen, (2) Verwobenheit von gesellschaftlichen Strukturkategorien sichtbar zu machen, und (3) Sexualitat als Punkt gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhaltnisse zu identifizieren. Der Band bietet zuerst mit zwei Texten einen Uberblick uber feministische Annaherungsweisen an das Thema. Daran anschliessend, formulieren zwei Artikel Kritik an Foucaults,,Geschichte der Sexualitat" - einem grundlegenden Werk in der Theorie um Sexualitat - aus postkolonialer Perspektive und erweitern Foucaults These uber den klassischen weissen Blickwinkel hinaus. Drei Beitrage widmen sich Sexualitat und Geschlecht konkret zu verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und Forschungsfeldern: ein Text zum Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, einer zum Verhaltnis von Religion und Sexualitat und einer zu Sexualitat und Prostitution mit Blick auf kapitalistische Marktstrukturen. Den Abschluss bilden zwei Texte mit literatur- bzw. filmwissenschaftlicher Herangehensweise an erotische und pornografische Aspekte der Sexualitat. Der Band offnet das Panorama auf ein tatsachlich zu oft tabuisiertes Thema und beleuchtet mit der Vielfalt der Texte unterschiedliche Aspekte. Die Texte, weil interdisziplinar zusammengestellt, bieten daruber hinaus Aufschluss uber verschiedene theoretische Auspragungen feministischer Verstandnisse von Sexualitat und ermoglichen so einen Blick,,uber den Tellerrand" der eigenen Disziplin oder des eigenen Verstandnisses von : Mara Linden Band fünf der Reihe,,Geschlecht zwischen Vergangenheit und Zukunft" des Zentrums fur Gender Studies und Feministische Zukunftsforschung der Philipps-Universitat Marburg. Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus, zweitausendvierzehn 200 Seiten, 19,95 EUR. Das Buch ist sowohl ein Selbsthilferatgeber, aber auch an ExpertInnen gerichtet, die Ubungen und Inhalte aus dem Buch in Therapie, Frauenhausern u.a. ubernehmen konnen. Die AutorInnen (ebenso wie die Ubersetzerinnen) sind PsychologInnen, TherapeutInnen und BeraterInnen, spezialisiert auf Klinische Psychologie bzw. Traumatherapie. Die Inhalte des Buches sind also Teile erprobter Therapien, insbesondere der Kognitiven Traumatherapie, und sollen Betroffenen dabei helfen, Folgen erlittener hauslicher Gewalt zu uberwinden. Es werden klar und verstandlich Folgen und Symptome Posttraumatischer Belastungsstorung beschrieben, und andere Einschrankungen, unter denen von hauslicher Gewalt betroffene Frauen leiden konnen. Daruber hinaus bietet das Buch Ubungen, um mit Schuldgefuhlen, Arger und selbstzerstorerische Uberzeugungen umzugehen und diese Schritt fur Schritt zu uberwinden. Ausserdem sollen die Ubungen dazu beitragen, einer erneuten Viktimisierung entgegenzutreten und neues Selbstbewusstsein zu schaffen. Die kleinschrittigen Anleitungen und genauen Beschreibungen erleichtern das Verstehen. Sie konnen ausserdem dazu beitragen, das Erlebte fur Aussenstehende ansatzweise nachvollziehbar zu machen und Betroffenen beizustehen und zu : Mara Linden Hogrefe Verlag, Gottingen, 2015. 233 Seiten, 24,95 EUR. Ulrike Lembke (Hrsg.)Menschenrechte und GeschlechtSammelband zu Geschlecht in Menschenrechtsvertragen und -diskursen Seit dem Beginn der Diskussion um Menschenrechte ging es dabei auch immer um Geschlechter: Der Begriff des,,Menschen" hat Frauen nicht selbstverstandlich eingeschlossen. Frauen wurden beispielsweise eintausendsiebenhundertneunundachtzig in Frankreich in der Menschen- und Burgerrechtserklarung nicht berucksichtigt, sondern ubergangen. Auch heute noch ist die Debatte um Frauen- und Menschenrechte aktuell und teils umstritten. CEDAW (die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau) ist zwar von einhundertachtundachtzig Staaten ratifiziert, aber seit Einfuhrung mit Anderungswunschen von verschiedenen Seiten uberhauft worden. Es scheint, dass noch lange kein Ende des Streits um Geschlecht in Menschenrechten abzusehen ist. Der Sammelband bietet vor diesem Hintergrund einen guten Einblick in die theoretische Debatte um rechtliche Umsetzungen von Geschlechtergerechtigkeit uber das binare Verstandnis von Mann/Frau hinaus. Das Buch beinhaltet neben einem Einstiegsbeitrag mit einem kurzen geschichtlichen Abriss zu Menschenrecht und Geschlecht einen Text, der einen genaueren Blick auf CEDAW und die Bekampfung von Geschlechter(rollen)stereotypen wirft. Einige der beteiligten AutorInnen schreiben zu frauenspezifischen Menschenrechtsproblemen, so z.B. bezuglich Schutz und Rechten von Fluchtlingen, (Frauen-) Menschenrechten in Konflikten, geschlechtsbezogener Gewalt oder auch zu Menschenrecht im Zusammenhang mit religiosen Geschlechter- und Sexualnormen. Daruber hinaus sind Beitrage zum Umgang mit Menschenrechte in Bezug auf Intersektionalitatskonzepte enthalten, einer davon zur UN-Behindertenrechtskonvention, einer zu Kinderrechten, und einer zu Diskriminierungen, denen die LSBTI*-Community ausgesetzt ist. Der Band schliesst mit einem Text zu der Frage, wie gendergerechte Menschenrechtskonzeptionen tatsachlich umgesetzt werden konnen. Die verschiedenen und thematisch ganz unterschiedlichen Beitrage sind anschaulich und gut lesbar. Durch den Uberblick am Anfang ist der Band auch als Einstieg in das Thema denkbar. Rezension: Mara Linden Marina WiesenhoferZwangsheirat - Schule als Praventionseinrichtung im Schweizer KontextSchule als Ort praventiver Aktionen zum Thema Zwangsheirat Zum Abschluss ihres Studiums der Sozialen Arbeit hat sich die Autorin mit dem Thema Zwangsheirat auseinandergesetzt. Dabei folgt sie in ihrer Masterarbeit zwei zentralen Fragen: Welche Schlusselfunktion kann die Lebenswelt Schule ubernehmen, um Betroffene und Schulpersonal adaquat bei der Sensibilisierungsarbeit und Pravention zu unterstutzen? Und konnen LehrerInnen und Fachkrafte angesichts der Komplexitat der Problematik auch uber die entsprechenden Kompetenzen verfugen, um Betroffenen wirksam helfen zu konnen? Zuerst macht die Autorin deutlich, dass Zwangsheiraten ein weltweites Phanomen sind und sich nicht einem speziellen Kulturraum oder Religionskontext zuordnen lassen. Sie stellt dann heraus, dass auch in der Schweiz Zwangsheiraten ein gesellschaftliches Problem darstellen, dem durch staatliche, aber auch nichtstaatliche Institutionen Grenzen gesetzt werden sollten. Sie untersucht in der Arbeit im Schweizer Kontext ergriffene Massnahmen, welche die Bekampfung von Zwangsverheiratungen unterstutzen sollen. Dabei geht es vor allem um Sensibilisierungsmethoden und praventive Moglichkeiten im Schulumfeld, aber auch um die adaquate Ausbildung der lehrenden Fachkrafte. Abschliessend stellt die Autorin fest, dass dem Umfeld Schule tatsachlich eine grosse Bedeutung in der Praventionsarbeit zukommt. Lehrkrafte konnen dabei die wichtige Rolle einnehmen, SchulerInnen ein anderes Weltbild zu prasentieren, im Kontrast zu einem moglicherweise stark patriarchal gepragten Bild aus dem familiaren Umfeld. Die Publikation bietet einen einfuhrenden Blick auf die Rolle von Schule in Bezug auf Pravention, aber auch Bildung von Achtsamkeit gegenuber Fallen von Zwangsverheiratung. AV AkademikerVerlag, Saarbrucken, zweitausendvierzehn einhundertvierundzwanzig Seiten, 39,90 EUR Rachel MoranWas vom Menschen ubrig bleibt Die Wahrheit uber Prostitution Dieser Bericht widmet sich der,,Tabuzone" Sexindustrie, um Prostitution zu entlarven als das, was es wirklich ist. Rachel Moran verbindet sehr gut recherchierte Fakten mit eigenen Erlebnissen aus der Welt der Prostitution: sie selbst war sieben Jahre lang als Jugendliche und junge Frau als Prostituierte tatig und konnte sich schliesslich mit zweiundzwanzig Jahren daraus befreien. Sie studierte Journalistik und ist nun Bloggerin, Referentin und Autorin. Daruber hinaus ist sie fur SPACE (Survivors of Prostitution-Abuse Calling for Enlightenment) aktiv und engagiert sich gegen eine Verharmlosung und Legalisierung der Prostitution. In ihrem Buch beschreibt Moran, wie sie, aus einer komplizierten Familiensituation stammend, in die Prostitution geriet, und berichtet von dem Sog, der Verlassenheit und der gesellschaftlichen Abgrenzung, die es Opfern erschwert, sich daraus zu befreien. Ihre Erlebnisse aus der,,Parallelwelt" unterfuttert sie mit Erlebnisberichten anderer ehemaliger Prostituierter und mit hervorragend reflektierten Erkenntnissen. Sie deckt weit verbreitete Mythen auf, darunter den von der Edelprostituierten, von Kontrolle, den die Prostituierte hat, und vom sexuellen Vergnugen der Arbeitenden. Sie beschreibt das Phanomen der Dissoziation sehr eindrucklich und zahlt Uberlebensstrategien betroffener Frauen auf. Zentraler Inhalt des Buches ist, bewusst zu machen, dass selbst eine Prostituierte, die nicht in die Kategorie Zwangsprostituierte fallt oder Opfer von Frauenhandel geworden ist, keineswegs freiwillig ihren Korper verkauft. Missbrauch, Gewalt und Abhangigkeit formen den Alltag vieler Prostituierter und machen es ihnen schier unmoglich, die Kraft zu nehmen, sich daraus zu befreien. Morans Buch ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Kraft einer jungen Frau, die sich aus den Abhangigkeiten und Beziehungen gelost hat. Es ist ein fesselndes Buch, das kaum aus der Hand zu legen und dabei sehr informativ ist. Rezension: Mara Linden Seit der Verkundung der Allgemeinen Erklarung der Menschenrechte durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen sind uber fünfundsechzig Jahre vergangen. Diese Erklarung war eine direkte Reaktion auf die Graueltaten des Zweiten Weltkrieges und wurde bewusst mit dem Anspruch verfasst, Menschenrechte zu universalisieren. Dieser Anspruch wurde aber auch in Frage gestellt; vor allem im Zuge der zunehmenden Globalisierung seit den 90er Jahren und durch die Angste vor dem Verlust kultureller Identitat. Immer wieder wurde auf einen verdeckten Machtanspruch des Westens verwiesen, der in dieser Forderung nach einer Durchsetzung universeller Menschenrechte mitschwinge. Dagegen diskutiert der Philosoph Thomas Kugler in seinem Beitrag, im ersten Kapitel des Buches, die Frage nach den Machtanspruchen und Traditionen, mit welchen "Genitalverstummelung, Todesstrafe, die Einschrankung von Freiheitsrechten fur Frauen und religioser Fundamentalismus protegiert werden". Die AutorInnen des Sammelbandes versuchen, den Blick auf die kulturelle Dimension von Menschenrechten zu lenken und das Verhaltnis von Menschenrechten und Kultur aus einer Vielzahl von Perspektiven zu betrachten: Das Buch behandelt ein weites Spektrum von Themen wie Ehre, Kunst oder Bildung in ihrem Bezug auf diesen Begriff. Es ist dabei auch ein besonderes Anliegen des Buches, Kultur und Menschenrechte nicht als unvereinbare Gegensatze darzustellen. Die Erarbeitung moglichst allgemein anerkannter Menschenrechte wird eher als ein "im standigen Werden begriffenes Projekt" verstanden. Um den Zugang in die Thematik zu erleichtern, enthalt der Band die Allgemeine Erklarung der Menschenrechte im Originalwortlaut. Rezension: Sermin Guven Band drei der Reihe,,Perspektive Aussenkulturpolitik" einer Kooperation des Goete-Institut und des Institut fur Auslandsbeziehungen (Ifa). Steidl Verlag, Gottingen zweitausendvierzehn 197 Seiten, 16,80 EUR. Diana Kuring, die sich schon in mehreren Publikationen mit weiblicher Genitalverstummelung (FGM) in Eritrea auseinandergesetzt hat, befasst sich in diesem Buch mit der Praktik vor dem Hintergrund von FGM als Menschenrechtsverletzung. Die Frage nach Selbstbestimmung als Menschenrecht behandelt die Autorin, indem sie sich verschiedene Akteursebenen und Interventionsmassnahmen in Eritrea ansieht. Sie fragt nach Grunden, Positionen und Motivationen von relevanten AkteurInnen auf gemeinschaftlicher, nationaler und internationaler Ebene. Es werden Strategien zur Bekampfung von FGM diskutiert, indem die Autorin diese in bestimmten Zeitabschnitten der Entwicklung Eritreas (Unabhangigkeitskrieg, Grundung des neues Staates, Grenzkrieg mit Athiopien) nachzeichnet. Daruber hinaus widmet sie ein Kapitel der Beschreibung der Praktik FGM und ein weiteres der Untersuchung nationaler Interventionsansatze. Schliesslich versucht sie, aus den Ergebnissen Thesen fur die Diskussion um FGM in nationalem sowie internationalem Kontext abzuleiten. Die Publikation fusst auf einer breiten Informationsbasis: So hat die Autorin selber nicht nur mehrere Forschungsreisen und Feldbesuche in Eritrea unternommen, sondern zahlreiche Interviews mit verschiedenen AkteurInnen gefuhrt. Sie interviewte unter anderem Askalu Menkerios, (zum Zeitpunkt des Interviews) eritreische Ministerin fur Arbeit und Soziales und ausserdem ehemalige Prasidentin der Frauenunion und Freiheitskampferin, Luul Gebreag, aktuelle Prasidentin der eritreischen Frauenunion (NUEW) und ebenfalls Freiheitskampferin, und Dr. Hanna Beate Schopp-Schilling, damalige Vize-Prasidentin des UN-Ausschusses zur Frauenkonvention (CEDAW). Die Publikation schliesst eine Lucke im Forschungsstand bezuglich FGM in Eritrea ebenso wie in der Untersuchung von FGM im Hinblick auf Menschenrecht. Die Autorin teilt ihr grosses Wissen und bietet ein Werk, das sehr gut recherchiert und belegt ist. Es ist ein vielseitiges und faktenreiches Buch, das aber eher fur ein wissenschaftliches Publikum geschrieben ist. LeserInnen ohne Vorwissen mag die Lekture nicht ganz so einfach fallen, am Thema Interessierte sollten jedoch einen Blick (oder mehr) hineinwerfen. Rezension: Mara Linden Themen wie weibliche Genitalverstummelung (FGM), Steinigung, Zwangsheirat oder "Ehren"-Mord stehen im Zentrum des kunstlerischen Schaffens von Dorothea Walter. Themen, die sich einer kunstlerischen Umsetzung eher zu widersetzen zu scheinen. Aber Walter sieht gerade in der Kunst die Moglichkeit,,,die todlich-grausame Wirklichkeit vieler Madchen und Frauen so auszudrucken, dass es das Herz erreicht und nicht nur Entsetzen im Kopf auslost. " Dass sie mit ihren Arbeiten die Herzen fur diese in der Kunst sonst ausgeklammerten Sujets tatsachlich erreichen kann, bezeugt der vorliegende Band, in welchem sie ihr Schaffen uber ein Jahrzehnt hinweg die Titel ihrer,,Installationen" vereinnahmen durch ihre poetische Bildkraft: Sie heissen,,Liebe die Rose. Uber die Verstummelung der weiblichen Genitalien " oder,,Die Handschuhe der Gottin. Schopfung bis Steinigung" oder,,Es ist Mord! In allen Ehren! ". In sorgfaltig komponierten Beitragen wandert sie mit uns in ihrem Buch von Performance zu Performance. So ertastet sie sich - und uns - z.B. das Thema weibliche Genitalverstummelung durch lyrische Texte, mit Beitragen von Waris Dirie, Auszugen aus Eve Enslers Vagina Monologen, aber auch Statistiken zu in Deutschland lebenden FGM-Betroffenen und Gefahrdeten. Die genau choreographierten Fotos und die einfuhlsamem Besprechungen der von ihr geschatzten Journalistin Ute Hallaschka gewahren uns Einblicke und Einsichten in das Darbietungsvermogen der Kunstlerin Dorothea Walter. Die Intensivitat und Beharrlichkeit, mit der sie fur ihr Anliegen einsteht, bringt besonders eindrucklich ihre Performance,,cada minuto I/jede minute/every minute" von zweitausendsechs zum Ausdruck: Auf den heissen Lavafeldern von Lanzarote alleine an einem Tisch sitzend, kundete Dorothea Walter unbeirrt Minute um Minute in Spanisch, Deutsch und Englisch uber die an Frauen begangene Gewalt. Die Kunstlerin weiss aber auch um Macht der Hoffnung:Ein Jahr bevor Eve Ensler,,One billion rising" ins Leben rief, liess Walter in,,In Erwartung der Zartlichkeit" die Frauen in ihre Freiheit aufbrechen. In dieser Performance hiess es:,,Die Erde bebt unter den Schritten von Millionen Frauen ". Vier AutorInnen bieten uns in diesem schmalen, aber aufschlussreichen Band eine Annahrung aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven zum Thema Gewalt im Namen der Ehre. Moni Libisch untersucht in ihrem Beitrag das,,Konzept der Ehre in traditionellen Familien in der Turkei und sein Wandel in der Diaspora". Fur den Begriff,,Ehre" werden im Turkischen drei verschiedene Aspekte unterschieden: Namus, Seref und Saygi. Sie regeln das gesellschaftliche Handeln und den Status der Geschlechter in familiaren macht deutlich, dass die,,Ehre" nicht einer einzelnen Person zusteht, sondern der gesamten Familie anhaftet. So wird die Ehre einer Familie gemessen am sexuellen Verhalten deren weiblichen Mitglieder. Veranschaulicht wird diese Sichtweise in Ercan Nik Nafs Artikel, der aus seiner Tatigkeit als Jugendarbeiter berichtet. Er weist hier vor allem auch auf die Tabuisierung von Sexualitat - insbesondere bei den Madchen - hin. Sexuelle Handlungen weiblicher, unverheirateter Familienmitglieder, werden als Ehrverlust der ganzen Familie betrachtet. Um diese Familienehre wieder herzustellen wird das Madchen im schlimmsten Fall von ihren Verwandten getotet. Die Herausgeberin Nina Scholz liefert einen uberabeiteten Redebeitrag, den sie auf einer Konferenz der Frauenrechtsorganisation,,Women Without Borders" gehalten hatte. Sie beleuchtet die Bedeutung der Jungfraulichkeit im Ehrverstandnis traditioneller muslimischer Familien und deren Folgen fur die betroffenen jungen Frauen. Dem unerlasslichen Kapitel,,Ursachen und Praventionsansatze" widmet sich Ahmad Mansour, der fur sein Engagement bei dem Verein,,HEROES - Gegen Unterdruckung im Namen der Ehre und fur Gleichberechtigung" mit dem Moses-Mendelssohn-Preis bedacht wurde. Die Beitrage ermoglichen einen differenzierten Einblick in das komplexe Thema und sind hervorragend geeignet, um sich damit vertraut zu machen. Bangladesch ist nach China der zweitgrosste Textilexporteur der Welt. 80% der Exporterlose des Landes werden von der Textilindustrie erwirtschaftet. Fast alle bekannten Unternehmen der Bekleidungsbranche lassen hier produzieren, denn hier konnen sie billig produzieren lassen: Die Lohnkosten sind die niedrigsten der Welt, auch die Umweltstandards sind niedrig. Zehn Arbeitsstunden die Regel. Gewerkschafter leben gefahrlich. Am vierundzwanzig April zweitausenddreizehn erschutterte der Einsturz der Rana-Plaza-Textilfabrik bei dem eintausendeinhundertvierunddreißig Menschen starben die Welt. zweitausendvierhundertachtunddreißig konnten gerettet worden, davon waren eintausendachthundert verletzt. achtundneunzig Menschen blieben vermisst. Das neunstockige Gebaude war zweitausendsieben mit sechs Stockwerken auf Sumpfgebiet errichtet worden. Die drei weiteren Etagen folgten in Etappen. Solche Katastrophen lenken die mediale Berichterstattung auf die verheerenden Arbeitsbedingungen, veranlassen die ModefabrikantInnen zu vollmundigen Statements und wir, die TragerInnen der dort gefertigten Kleidung werden nachdenklich, haben beim Kauf bei H&M oder C&A kurzzeitig ein schlechtes diese und andere BilligstanbieterInnen ihre allzu erschwingliche Mode nur Dank unwurdigster Arbeitssbedingungen anbieten konnen, hat sich ja rumgesprochen. Wie sieht es aber mit der Mode von teuren Labels wie Hugo Boss aus? Gisela Burckhardt bat die Research Initiative for Social Equity (RISE) in Bangladesch nach Fabriken zu suchen, in denen sowohl Luxusmarken wie auch BilliganbieterInnen produzieren liessen. Zweimal ist sie selbst nach Bangladesch gereist und hat sich dort mit Beschaftigten der Fabriken, Gewerkschafterinnen, aber auch mit einem Fabrikkontrolleur und mehreren Fabrikbesitzern unterhalten. Die Lekture ihres Buches offnet die Augen: Es bietet eine umfassende Darstellung des wichtigsten Wirtschaftszweigs in Bangladesch, beschreibt die alltagliche Korruption und die Massnahmen, die nach der Rana-Plaza-Tragodie auf Einkaufer- wie auch auf Regierungsseite ergriffen Autorin schildert uns eindrucklich die Situation der Frauen im Land, lasst Uberlebende des Fabrikeinsturzes zu Wort kommen, verleiht ihnen so ein Gesicht. Die Vorstandsvorsitzende von FEMNET hat das Buch bewusst nicht fur ein Fachpublikum geschrieben, denn vor allem auch wir, die KonsumentInnen konnen mit unserem Einkaufsverhalten Einfluss auf die Industrie ausuben. Nachlesbar im letzten Kapitel,,Lieber klug konsumiert als fur dumm verkauft ". Maria von WelserWo Frauen nichts wert sind Vom weltweiten Terror gegen Madchen und FrauenIhre erste Begegnung mit geplanter Gewalt gegen Frauen machte Maria von Welser eintausendneunhundertzweiundneunzig Damals thematisierte sie fur das ZDF-Frauenjournal "ML Mona Lisa" die Massen- vergewaltigungen in Bosnien. Fur ihr neues Buch bereiste sie Afghanistan, Indien und den Ost-Kongo, um sich einen eigenen Einblick zu verschaffen. Die Vereinten Nationen zahlen diese Lander zu den gefahrlichsten der Welt fur Frauen und Madchen. Jedem dieser Lander widmet von Welser ein eigenes ausfuhrliches Kapitel, liefert uns die notigen Hintergrundkenntnisse, spurt patriarchalen und religiosen Normen nach. In Afghanistan sterben weltweit die meisten Sauglinge bei ihrer Geburt, uberleben die wenigsten Mutter die Entbindung. Madchen werden in jungen Jahren zwangsverheiratet, sind ans Haus gebunden, oft durfen sie keine Schule besuchen. In ihrer Ausweglosigkeit ziehen viele Frauen den Freitod vor und zunden sich mit Kerosin an. Indien, die grosste Demokratie der Erde, machte im letzten Jahr durch Massenvergewaltigungen international Schlagzeilen. Indien ist ein Land mit Manneruberschuss, da jedes Jahr eine Million weibliche Foten abgetrieben, tausende neugeborene Madchen getotet werden, um der Familie spater den - offiziell verbotenen - Brautpreis zu Menschen im durch jahrelange Kriege zerstorten Ost-Kongo sind nachwievor marodierenden Milizen ausgeliefert, die das an Bodenschatzen reiche Land raubend und mordend durchstreifen. Frauen sind Freiwild: Noch immer werden jeden Tag rund 1000 Frauen vergewaltigt. Wahrend ihrer Recherchen hat die Journalistin die erste Frauenbank Indiens besucht, sich Krankenhauser zeigen lassen; sie hat sich MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen angeschlossen, das Gesprach mit AktivistInnen gesucht. Sie hat Madchen und Frauen vor Ort befragt und fuhrt uns anhand von Einzelschicksalen deren desolate Situation vor. So stellt sie uns die 17-jahrige Mamy vor, die funf Monate lang einem Kommandanten im Dschungel im Ost-Kongo,,gehorte". Sie wurde beim Einkaufen uberfallen, von funf Soldaten vergewaltigt und verschleppt. Schliesslich konnte sie Unterschlupf in einem Freiwilligendienst finden. Den,,weltweiten Terror gegen Madchen und Frauen" belegen auch die Kapitel, in denen sich von Welser mit dem Thema,,Weibliche Genitalverstummelung" auseinandersetzt und die vergewaltigten Frauen aus Bosnien in den Fokus ruckt. Aber von Welser lasst auch,,Starke Stimmen" zu Wort kommen. So die afghanische Studentin, die ihren Master-Abschluss zum Thema,,Sozialer Wandel und Friedensbildung" macht und die Einbindung der Frauen im Friedensprozess fordert. ,,Wo Frauen nichts wert sind" ist ein Buch, das die Augen offnet, uns beruhrt, uns zornig macht und: Hoffnung.,,Die Zukunft? Es gibt sie die mutigen Frauen, die aufbegehren und Hoffnung haben. Denn sie machen Mut. Mut zum Aufbegehren, Mut zur Veranderung". Neuanschaffungen zweitausendsechzehn Guner Yasemin BalciDas Madchen und der Gotteskrieger Nimet ist sechzehn Jahre alt, Gymnasiastin in Berlin. Seit ihre Eltern sich scheiden liessen, lebt sie mit Schwester und Mutter in einer kleinen, stets abgedunkelten Wohnung. In ihrer Freizeit zieht sie mit ihrer Freundin Cayenne los, Jungs zu provozieren, im KaDeWe Schminke zu testen. Mit dem Glauben hat sie es nicht so. Bis die dominante Nour in ihr Leben tritt, die fruher Jacqeline hiess. Die Konvertitin arbeitet in einem Schleiermodenladen, der verheissungsvoll,,Einladung ins Paradies" heisst und neben Niqabs auch salafistische Weltsichten feilbietet. Hier beginnt fur Nimet eine Lehre, der sie sich immer weniger entziehen kann. Denn Nour hat auch Saed ins Spiel gebracht: Uber WhatsApp manovriert sich der geheimnisvolle Mann, der sich in der Turkei,,um Fluchtlingscamps kummert", in den Verstand und das Herz des Madchens. Wahrend Nimet in den Hinterhofen von Moscheen mit anderen Frauen schweinefleischfreies Essen fur Fluchtlinge kocht, lernt sie nachts uber WhatApps von Saed beten, erhalt einen Fernkurs uber die richtigen Werte. Nimets knappe Hose wird bald ein T-Shirt uberdecken, fast schon trotzig greift sie wenig spater zum Kopftuch (Soll sich ihre Mutter nur argern). Nour und die strengglaubigen Frauen der Gemeinde werden an die Stelle ihrer Familie treten, ihre Freundin Cayenne ersetzen. Und naturlich Saed, der zu locken weiss:,,du musst nur bei mir sein, dein Herzschlag in meiner Nahe und ich ware der glucklichste Mann auf Erden". Als er ihr eine Adresse fur einen Schnellkurs in Krankenpflege schickt, bricht sie ganz selbstverstandlich die Schule ab. Nour wird ihr das Flugticket in die Turkei besorgen. In Syrien wird ihr Prinz verschwunden sein. Die Medien berichten immer wieder uber Madchen, die sich auf den Weg nach Syrien gemacht haben. Die Journalistin Guner Balci zeigt mit ihrem Buch, wie geschickt und clever die dschihadistischen Drahtzieher die Schwachen und Phantasien junger Frauen ausnutzen, um ihnen ihre Doktrin schmackhaft zu machen. Die Reportage, fur die die Autorin auch im islamistischen Milieu recherchiert hat, lasst uns die Entwicklung der jungen Protagonistin so glaubhaft miterleben, dass wir ihr auf ihrer Reise nicht mehr von der Seite weichen wollen. Allzu gerne wussten wir sie wieder in Freiheit. Als Deutschland im Spatsommer zweitausendsechzehn uber ein mogliches Verbot der Vollverschleierung muslimischer Frauen durch Niqab oder Burka diskutierte, war diese Debatte weder neu noch ein rein deutsches Thema. In vielen europaischen Landern ist die Verschleierung muslimischer Frauen in der Offentlichkeit schon seit vielen Jahren ein Streitpunkt, an dem weit mehr verhandelt wird als die religiose Bedeutung von Kopftuch & Co. Nach Ansicht der beiden Sozialwissenschaftlerinnen Anna Korteweg und Gokce Yurdakul werden in diesen Debatten vor allem Fragen nationaler Zugehorigkeit und Ausgrenzung diskutiert. Wenn zum Beispiel einer Frau die franzosische Staatsburgerschaft verweigert wird, weil die Burka, die sie tragt, nicht mit franzosischen Werten vereinbar sei oder wenn auf einer Plakatkampagne Frauen mit Kopftuch als,,Echt Nederlands" betitelt werden, wird diese Verknupfung besonders gut erkennbar. Diese und viele weitere Beispiele untersuchen Korteweg und Yurdakul in ihrem Buch,,Kopftuchdebatten in Europa" fur die Lander Deutschland, Turkei, Niederlande und Frankreich. Sie arbeiten heraus, wie Kopftuchtragerinnen sich,,nationale Narrative" aneignen, um ihre Zugehorigkeit deutlich zu machen und wie NichttragerInnen das Kopftuch als,,Symbol des Andersseins" zur Abgrenzung nutzen. Dabei wollen die Autorinnen herausfinden, wie diese Diskussionen in den letzten Jahren das Verstandnis von Nation, Gemeinschaft und offentlicher Religion in den vier Landern verandert hat. Korteweg und Yurdakul wollen die Kopftuchdebatten in einen grosseren gesellschaftlichen Rahmen stellen und nationale Unterschiede wie Gemeinsamkeiten erkennbar machen. Das Buch hilft so dabei, den Blickwinkel auf dieses vielschichtige und oft emotionale Thema zu erweitern. ,,Prostitution bedeutet, dass zwei Personen Sex haben, von denen die eine das will und die andere nicht. " Davon ist die Journalistin Kajsa Ekis Ekman fest ihrem Buch,,Ware Frau" macht sie sich daher gegen die Legalisierung der Prostitution stark. Anders als versprochen habe diese die tagliche Arbeit der Frauen und Madchen weder sicherer noch gerechter gemacht. Noch immer sei die Gefahr fur sie enorm gross, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden; noch immer werde mit Menschenhandel viel Geld verdient; und nach wie vor wunsche sich ein Grossteil der Prostituierten nicht die Organisation in einer Gewerkschaft, sondern den Ausstieg aus dem Geschaft. Doch uber diese Dinge werde offentlich nicht mehr gesprochen, prangert die Autorin an. Ausfuhrlich legt sie dar, wie fehlgeleitet die wissenschaftliche und offentliche Diskussion um Prostitution heute aus ihrer Sicht ist. Mit gravierenden Folgen fur die Betroffenen: Wenn Prostitution als Arbeit wie jede andere dargestellt und wertfrei von Sexarbeiterinnen und Sexkaufern gesprochen wird, verschwinden die Frauen selbst mit ihren Angsten, Noten und Hoffnungen aus der offentlichen Diskussion. Gleiches beobachtet sie fur die Debatte um Leihmutterschaft, die sie als,,erweitere Form der Prostitution" versteht. Ekmans Kritik an dieser moralischen Reinwaschung von Prostitution und Leihmutterschaft verbunden mit ihrer Aufforderung, mit den betroffenen Frauen in Dialog zu treten und ihre Lebensrealitaten ernst zu nehmen, setzt daher erhellende Schlaglichter innerhalb dieser Kontroverse. Orlanda Frauenverlag, Berlin, zweitausendsechzehn zweihunderteinundvierzig Seiten. 17,90 EUR. Francesca SannaDie Flucht Bei ihrem Besuch in einem italienischen Fluchtlingszentrum traf Francesca Sanna zweitausendvierzehn viele Personen aus ganz unterschiedlichen Teilen der Erde, die alle eins gemeinsam hatten: sie waren geflohen. Die junge Illustratorin war tief beeindruckt von der Starke und der Entschlossenheit, die sie alle auf ihrem Weg nach Europa bewiesen hatten. Sie beschloss, diesen mutigen Menschen ein Kinderbuch zu widmen. Unter dem Titel,,Die Flucht" ist dieses Buch nun seit Juli in deutschen Buchladen erhaltlich. Sanna erzahlt darin die Geschichte einer Familie, die in ihrem Heimatland vom Krieg uberrascht wird. Der Vater stirbt und die Mutter beschliesst, sich mit ihren beiden Kindern auf den Weg in eine neue, sichere Heimat zu machen. Die beiden Geschwister kennen das Ziel nicht, sie wissen nur, dass sie dort viele Berge und fremde Stadte erwarten. Vor allem aber hoffen sie, dort keine Angst mehr haben zu mussen. Auf ihrer Reise muss die Familie viele Grenzen uberqueren - mal zu Fuss, mal im Laderaum eines Transporters und einmal sogar in einem kleinen Boot mit sehr vielen anderen Menschen. Die Autorin hat im Vorfeld mit vielen Gefluchteten gesprochen und die verschiedenen Geschichten schliesslich in ihrem Buch verarbeitet. Ihre liebevoll gestalteten Illustrationen und die kurzen, eingangigen Textpassagen bieten einen neuen, spannenden Blick auf das Thema. Sie zeigen, wie Kinder solche Ausnahmesituationen wahrnehmen und verarbeiten konnen. So erscheint der Krieg nicht etwa in Form von Soldaten, sondern als Dunkelheit, die nach allem greift, was bunt, friedlich und glucklich ist. Die Grenzwachter werden in den Geschichten der Kinder zu angsteinflossenden Riesen, das Meer zur Heimat von Ungeheuern, die ihr Boot zum Kentern bringen wollen und ihr Ziel zum Land von Feen, mit deren Hilfe sie den Krieg wegzaubern werden. Das Bilderbuch, fur das Francesca Sanna mit der Gold-Medaille der Society of Illustrators New York ausgezeichnet wurde, gibt uns einen Einblick in den Alltag der Gefluchteten auf ihrer beschwerlichen Odyssee nach Europa. Vor allem macht es deutlich, wie wichtig es ist, diesen Menschen respektvoll und einfuhlsam zu begegnen. NordSud Verlag, Zurich 2016, achtundvierzig Seiten , 17.99EUR. Maria von WelserKein Schutz - nirgendsFrauen und Kinder auf der Flucht Mindestens die Halfte der Menschen, die sich weltweit auf der Flucht befinden, sind Madchen und Frauen. Aber auf den in den Medien verbreiteten Bildern waren bis Anfang dieses Jahres fast nur Manner zu sehen. Die Frauen und Madchen schaffen es meistens nur uber die Grenze ihrer Heimat ins Nachbarland. Um mehr uber das Los dieser Frauen zu erfahren, begibt sich die Journalistin Maria von Welser auf die Reise zu den Fluchtlingscamps in der Turkei, im Libanon und in sind die Frauen und Kinder in der Uberzahl. Ihre Manner sind entweder an der Kriegsfront oder im Kampf gefallen. Oder eben auf dem Weg nach Europa. In den Zeltstadten im Osten der Turkei, nahe Diyarbarkir, lernt sie Jesidinnen kennen, die zusammen mit ihren Kindern vor der Graueltaten der Islamischen Miliz geflohen sind. Nur widerstrebend erzahlen sie von Tochtern, die von den IS-Schergen verschleppt und vergewaltigt wurden, zur Heirat gezwungen. Oft wurden die Madchen verkauft an arabische oder kurdische Handler, die sie wieder ihren eigenen jesidischen Familien Kurdinnen, die seit einem Jahr in ihrem Provisorium in der Turkei ausharren, mochten sobald wie moglich zuruck nach Kobane, in die Heimat. Manche sind fest entschlossen, mit einer Frauenarmee gegen den islamistischen Terror anzutreten. Im kleinen Libanon trifft sie die Frauen in sogenannten ITS, Informal Tented Settlements: Hutten aus Plastikplanen, ausgemusterten Materialen, Holzbrettern. Uber eintausendzweihundert solcher menschenunwurdigen Siedlungen verstreuen sich uber das fruchtbare Bekaa-Tal. Fur ihre medizinische Betreuung sorgt lediglich die kostenlose mobile Klinik, die alle zwei Wochen mit einem Arzt, zwei Krankenschwestern und einer Hebamme vorfahrt. Nur 20% der Gefluchteten kommen in Jordanien in einem Fluchtlingslager unter. Der Rest muss in Ruinen oder uberteuerten winzigen Wohnungen hier sind es uberwiegend Frauen, die sich unter widrigsten Bedingungen durchschlagen mussen, z.B. Asma. Sie wohnt mit funf Kindern in einer feuchten Einzimmerwohnung fur einhundertfünfundzwanzig EUR, ihr altester Sohn verdient illegal fünfzig EUR. Seit 2015 stehen den Gefluchteten nur noch 50 Cent pro Tag vom Welternahrungsprogramm WFP zu. In der Offentlichkeit werden Asma und ihre vier Tochter von Mannern den Schutz ihrer mannlichen Familienmitglieder sind vor allem die alleinstehenden Frauen der Willkur von Polizisten, Soldaten, Vermietern und Schlepper ausgeliefert. Von Welser skizziert immer wieder biografische Stationen der Frauen, mit denen sie sich unterhalt. Der Syrerin Myriam hat sie gleich zwei Kapitel gewidmet. Sie gehort zu den Frauen, die sich mit ihren funf Kindern bis nach Hamburg durchgeschlagen hat. Als ihre Tochter von einer der unberechenbaren Fassbomben, die Assad uber der eigenen Bevolkerung abwerfen lasst, verletzt wird, fallt die Entscheidung zum Aufbruch. Fur die Flucht wird Hab und Gut verkauft. Auf ihrer Odyssee voller Unwagbarkeiten konnen wir Myriam begleiten. Wir holpern Halt suchend mit ihr und ihren Kindern im vollgedrangten Pick-up durch die libysche Wuste Richtung Mittelmeer, verbringen mit ihnen zwei Nachte und drei Tage auf dem Meer, wo sie mit anderen 300 Menschen in Seenot geraten, um schliesslich gerettet zu werden. Die Lekture des Buches lehrt uns das Ausmass der Tragodie, die hinter jeder einzelnen Flucht steckt, zu erahnen. Kaum jemand, schon kaum eine Frau, begibt sich leichtfertig in die Heimatlosigkeit. Wir sollten ihnen mit Achtung begegnen. Ferrero gehort weltweit zu den erfolgreichsten Susswarenherstellern. Im August zweitausendfünfzehn meldete das Unternehmen ein Jahresumsatz von 9,5 Milliarden Euro. Anfang der 2000er Jahre kamen erste Meldungen auf, die uber ungewohnliche Beschaftigungsverhaltnisse in Ferreros deutschem Hauptwerk berichteten. Die Fabrik hat ihren Sitz in Stadtallendorf, Hessen. Fur sechs Monate im Jahr sind dort Sardinnen angestellt. Nach dem halben Jahr geht es fur sie wieder zuruck in ihre Heimat. Pendeln und Arbeitsmigration sind an sich nichts Ungewohnliches. Doch dieser Fall macht stutzig. Das italienisch-deutsche Forscherteam sichtete Zeitungsartikel und erste wissenschaftliche Arbeiten, die den Fall behandelten und fuhrte schliesslich eigene Recherchen und Interviews durch. Der Sammelband enthalt Beitrage von funf AutorInnen, die je verschiedene Aspekte des Falls beleuchten. Die Geschichte Stadtallendorfs ist ebenso ein Thema wie die Saisonarbeit als eine Form der Arbeitsmigration oder die Bildungschancen der Pendlerinnen. Der langste Beitrag des Bandes nimmt eine Genderperspektive ein. Schon die Anwerbung der Frauen ist ungewohnlich. Sie verlauft informell, uber Flusterpropaganda. Was die Frauen fur Qualifikationen mitbringen mussen, ist weitgehend intransparent. Sie sollen jung und ledig sein, so viel ist gewiss. Unter Vertrag genommene Frauen werden in Ferreros eigenem,,Pralinen-Charter" eingeflogen. Hat sich eine Arbeiterin bewahrt, kann ihre Anstellung uber die Familie quasi,vererbt' werden. Zum Teil arbeiten bei Ferrero heute die Enkelinnen derjenigen Frauen, die in den 1960er Jahren dort angestellt waren. In Deutschland werden die Frauen von Ferrero weitgehend isoliert. Sie leben in der Villa Piera, zu der eine eigene Hausordnung gehort. Z.B. mussen die Frauen bis Mitternacht wieder zuruck im Haus sein. Dass sie wahrend ihrer Zeit in Deutschland dort unterkommen und verpflegt werden, ist Teil ihres Arbeitsvertrags. Ein Verstoss gegen die Hausordnung der Villa Piera wirkt sich auf das Arbeitsverhaltnis aus. Selbst die Anfahrt zur Arbeit innerhalb Stadtallendorfs wird von Ferrero organisiert. Manche Frauen beschreiben die Arbeit als hart und monoton. Nicht alle kommen nachste Saison wieder. Andere betonen, dass es auf Sardinien keine vergleichbare Chance auf Arbeit gibt. Sie sind fur ihre Anstellung dankbar. Das Buch bietet einen vielschichtigen Blick auf ein besonderes Phanomen. Allerdings lasst sich die Verwendung des durchaus naheliegenden Schlagworts,,Ausbeutung" gerademal an einer Hand abzahlen. Angesichts der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frauen hatte man den AutorInnen einen scharferen und kritischeren Ton durchaus verziehen. Ferrero handelt rechtlich korrekt. Ob das Unternehmen auch ethisch richtig handelt, mussen LeserInnen selbst entscheiden. Besprechung: Fabian Schmid Waxmann, Munster & New York, zweitausendvierzehn zweihundertsechsundfünfzig Seiten. 34,90 EUR Deborah FeldmanUnorthodoxEine autobiografische Erzahlung Deborah Feldman, eintausendneunhundertsechsundachtzig geboren, wuchs in einer ultraorthodoxen judischen Gemeinde in New York auf. Ihre Autobiografie erzahlt die Geschichte ihrer schrittweisen Befreiung von diesem Umfeld. Ihr Vater ist geistig beeintrachtigt, ihm wird die Erziehung Deborahs nicht zugemutet. Ihre Mutter verlasst ihre Familie und Gemeinde bereits sehr fruh. Deborah wachst deshalb bei ihren Grosseltern auf. In den Augen der ultraorthodoxen Gemeinde ist der plotzliche Weggang Deborahs Mutter ein Skandal. Deborah versteht nicht, warum ihre Mutter verschwand. Man erzahlt ihr, dass ihre Mutter verruckt geworden sei. Die Gemeinde ist extrem patriarchalisch. Es gehort zwar zu ihrer Kultur, dass alle einander beobachten und zurechtweisen, solche Verhaltenskontrollen betreffen aber ganz uberwiegend Frauen und Madchen. Eheschliessungen werden von den Mannern der Familien ausgehandelt. Von Frauen wird erwartet, Kinder zu gebaren und sich um den Haushalt zu kummern. Verhutung ist verboten. Es gibt auch Verbote hinsichtlich Bildung - und es sind eben diese, die Deborah schon fruh und regelmassig bricht. Es darf nur Jiddisch gesprochen werden, obwohl die Gemeinde in New York ansassig ist. Englische Bucher sind verboten, Deborah liest sie dennoch. Auch Bibliotheken aufzusuchen, ist nicht erlaubt. Sie schleicht sich trotzdem heimlich dorthin.,,Bucher", von denen ihr Grossvater behauptet,,,sie seien heimtuckische Schlangen, sind meine besten Freunde geworden", sagt sie. Neugier, Belesenheit und Mut gehoren zu ihren grossten Starken. Deborah beginnt Autoritaten in Frage zu stellen. Sie wird aufmupfig, rebellisch. Ihr ist bewusst, dass ihr Weg als Frau in sehr engen Bahnen verlaufen wird, sollte sie in der Gemeinde bleiben. Sie beginnt, ihren Ausbruch zu planen. Es ist allerdings selten eine offene, laute Rebellion. Man kann Deborah oft dabei beobachten, wie sie ihrem Umfeld bloss in Gedanken widerspricht. Ihre Fluchtplane niemandem zu offenbaren, halt sie fur ausserst wichtig. Es sind Deborahs innere Kampfe, die das Buch spannend machen. Bei all ihrer Wut und all ihrem Frust sind auch Respekt und Pflichtgefuhl gegenuber der Gemeinde spurbar. Auch gibt es Momente, in denen sie in Denkmuster zuruckfallt, die der Welt entsprechen, von der sie sich doch loszulosen versucht. Deborah Feldmans Autobiografie bietet einen faszinierenden Einblick in eine extrem religiose, in sich abgeschlossene Welt, in der Frauen systematisch unterdruckt werden. Dabei ist das Buch aber nicht in einer trockenen, rein beschreibenden Sprache verfasst. Im Gegenteil, es liest sich wie ein Roman. Beim Ausbruch aus der Unterdruckung wird Deborah auch auf die Wahrheit uber ihre Mutter stossen. Diesen Weg mitzuverfolgen, ist ausserst fesselnd. Evi HartmannWie viele Sklaven halten Sie? Uber Globalisierung und Moral Wir kaufen Rosen im Dezember, tauschen regelmassig unser noch funktionstuchtiges Smartphone gegen eine neue Version aus, fullen unsere Schranke mit modischer Kleidung oder gonnen uns Obst, das per Schiff oder Flugzeug zu uns gelangt ist. Dank Globalisierung. Dank Sklavenarbeit. ,,Blood Minerals" werden die Edelmetalle genannt, die wesentliche Bestandteile unserer Handys sind. Denn die Minenarbeiter werden meistens mit roher Gewalt zum Abtragen der Metalle gezwungen. So zum Beispiel im Ost-Kongo, wo die Minen Rebellengruppen gehoren. Diese uberfallen die Dorfer, um die Bewohner zur Arbeit zu dingen, die Manner werden verstummelt, die Frauen gruppenvergewaltigt. Vom Minenerlos kaufen die Rebellen ihre und andere Beispiele fuhrt Evi Hartmann an, um uns den wahren Preis unserer Konsumwelt bewusst zu machen. Sie meint den Titel ihres Buches nicht metaphorisch. Die BWL-Professorin rechnet uns vor, dass fur unseren Lebensstil etwa sechzig SklavInnen arbeiten nimmt in ihrem Buch das Raderwerk auseinander, das das System der Globalisierung am Laufen halt, zahlt uns seine Spielregeln auf. Zeigt: Auch wir sind SklavInnen dieses Spiels. Die Schlagzeilen uber einsturzende oder brennende Textilfabriken in Bangladesch oder Indien, in denen unsere billig erworbene Bekleidung hergestellt wird, haben uns nicht unberuhrt tragt die Schuld? Die Manager, die ihre Zulieferer unter Druck setzen, deren Preise oft bis zur Geschaftsaufgabe drucken? Und wir, die Konsumierenden? Haben wir Konsequenzen gezogen? Unser Kaufverhalten geandert? Im Zeitalter des Internets konnten wir uns uber die Herkunft unserer Einkaufe informieren. Hartmann sieht uns in der Holschuld, wir haben eine Selbst-Informationspflicht. Was bewegt uns dazu, den billigen Honig zu kaufen und nicht den fair gehandelten? Warum kaufen wir das smarte Handy und nicht das ohne Fron produzierte? Wir beugen uns dem Konformitatsdruck unserer MitlauferInnen, im Statuswettkampf geben wir unsere freie Entscheidungsfahigkeit auf. Wir entscheiden uns gegen die Moral: Bei jedem Einkauf haben wir,,erneut die ultimative und unbegrenzte Freiheit der absolut autonomen Entscheidung. " Im Gegensatz zum Minenarbeiter:,,Das Perverse an der Globalisierung ist, dass derjenige, der im Kongo das Coltan fur das Handy schurft, zumeist keine Wahl hat. Er wird mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen. " Hartmann setzt sich nicht nur minutios mit den Befindlichkeiten unserer Gesellschaft auseinander, sie erarbeitet auch Losungsmoglichkeiten hin zu einer moralischeren Welt. Sie fuhrt vor, dass in unserem von Fremdbestimmung gepragten Alltag, eine bewusste Entscheidung fur ein fair hergestelltes Produkt, uns auch die Moglichkeit eroffnet,,,selbstbestimmt und nur uns selbst Rechenschaft schuldend" handeln zu konnen. Moral lohnt sich. Evi Hartmann ist Mitglied im Netzwerk Generation CEO fur Frauen in Fuhrungspositionen. Sie schreibt den Blog,,Weltbewegend". Campus Verlag, Frankfurt am Main, zweitausendsechzehn zweihundertvierundzwanzig Seiten. 17,95 EUR Beatrice BourcierMein Sommer mit den FluchtlingenDer bewegende Bericht einer freiwilligen Fluchtlingshelferin Sommer 2015: Die,,Fluchtlingswelle" ist auch in Deutschland angekommen. Turnhallen werden zu Fluchtlingsheimen umfunktioniert. Viele Deutsche mochten den in der Fremde Angekommenen beistehen. Helferkreise werden gebildet. So auch in einer kleinen Dorfgemeinde in Oberbayern. Auch Beatrice Bourcier war sofort klar:,Ich mochte helfen!'. Mit grossen Enthusiasmus und Neugierde meldete sie sich sofort beim Helferkreis in ihrer Gemeinde an. Probleme bei der Zuordnung ihrer Aufgaben und Unstimmigkeiten unter den Beteiligten bremsten ihren Elan zunachst aus. Dank ihrer Willenskraft und durch die Unterstutzung ihrer Mutter und ihrer beiden Tochter gelang es ihr schliesslich sich doch als Helferin in einer Erstaufnahmeeinrichtung einzubringen. Sie unterrichtete SyrerInnen in deutscher Sprache und gewann nach und nach das Vertrauen ihrer SchulerInnen. Diese berichteten Bourcier von ihren riskanten und tragischen Odysseen, teilten ihre Geschichten mit ihr. Nicht selten baten sie darum, ihre Erlebnisse und ihre grosse Dankbarkeit gegenuber Deutschland weiter zu erzahlen. Mit diesem Buch kommt die Autorin diesen Bitten nach. Das Buch ist gepragt von Humor und Sympathie und getragen von der Achtung der Autorin gegenuber denjenigen, deren Berichte sie uns auf den Seiten unterbreitet. Wir werden ZeugInnen von einzelnen Schicksalen. Menschen werden sichtbar, die,,Fluchtlingswelle" verblasst. Afrikanische Aktivistinnen pragten in den 1980ern den Begriff,,Female Genital Mutilation" (FGM, weibliche Genitalverstummelung), um auf die schwerwiegenden Folgen dieser Praktik aufmerksam zu machen. Er setzte sich auch im Sprachgebrauch des IAC und der UN durch. Westliche FrauenrechtlerInnen bedienen sich noch seiner. Isabelle Ihring hat sich fur den Begriff Genitalbeschneidung entschieden: Betroffene Frauen identifizierten sich eher mit dem neutralen Begriff, als,,Verstummelte" bezeichnet, fuhlten sie sich stigmatisiert. Im Gegensatz zu Ihring distanziert sich TERRE DES FEMMES vom Begriff,,Beschneidung" und spricht bewusst uber,,weibliche Genitalverstummelung". Damit soll der Aspekt der Menschenrechtsverletzung in den Vordergrund gestellt werden und einer Verwechslung mit der mannlichen Beschneidung vorgebeugt werden. Lediglich fur die Besprechung dieses Buches schliessen wir uns der Begrifflichkeit der Autorin an. Bereits in ihrer Diplomarbeit hatte sich die Autorin mit den bestehenden Beratungsangeboten fur betroffene Frauen beschaftigt. Ihre Befragungen hatten ergeben, dass die bestehenden Angebote kaum den Bedurfnissen der Frauen entsprachen und so von ihnen kaum wahrgenommen wurden. Wie also muss die Arbeit gegen weibliche Genitalbeschneidung gestaltet werden, damit bedrohte Madchen nachhaltig geschutzt und betroffene Frauen in ihren Bedurfnissen erreicht werden? Und: Welche Strategien entwickeln die Frauen, um mit den durch die Migration bedingten Veranderungen umgehen zu konnen? Um diesen Fragestellungen gerecht zu werden, hat die Autorin fur ihre Dissertation nicht nur die Sicht von Fachkraften von Beratungsstellen und anderen Einrichtungen einbezogen, sondern auch Interviews mit betroffenen Frauen und mit Mannern aus ihren Communities gefuhrt. Dabei hat sich Ihring auf Frauen und Manner konzentriert, die aus Somalia nach Italien, Deutschland, Osterreich und in die Schweiz migriert sind. Aufgrund des Burgerkrieges gehoren die Somalis weltweit zu der grossten Gruppe der Gefluchteten. Sie hangen dem gleichen Glauben an, sprechen die gleiche Sprache, nahezu alle Frauen sind nach der schwersten Form, der Infibulation, beschnitten. Schliesslich hat die Autorin selbst einen somalischen Hintergrund. Dem empirischen Teil, in dessen Zentrum die Interviews stehen, stellt Ihring einen ausfuhrlichen theoretischen Teil voran, in dem sie u.a. das Phanomen der weiblichen Beschneidung aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, die Situation der Frauen in Somalia und die Migrationspolitik in Deutschland, Italien, Osterreich und der Schweiz darstellt. Wesentlich fur die Analyse ihrer Interviews ist ihr die Auseinandersetzung mit der kritischen Weissseinforschung, auf die sie ausfuhrlich eingeht. Knapp die Halfte der Untersuchung gehort den Interviews mit den betroffenen somalischen Frauen und Mannern und deren Analysen. So unterschiedlich die Personlichkeiten und Biographien der GesprachspartnerInnen, so vielfaltig sind deren Aussagen. Dennoch wird klar: Nachwievor sind Hebammen und GynakologInnen zu wenig uber weibliche Genitalbeschneidung informiert und verhalten sich Betroffenen gegenuber all zu oft unangemessen, ja herablassend. Aber eine massgebende Voraussetzung fur die Akzeptanz von Aufklarungsbemuhungen ist ein offener, wertschatzender Kontakt auf Augenhohe. Shirin mit Alexandra Cavelius und Jan KizilhanIch bleibe eine Tochter des LichtsMeine Flucht aus den Fangen der IS-Terroristen Shirin war sechzehn Jahre alt und wollte gerade ihr Abitur abschliessen als die IS-Miliz nachts ihr Dorf im Sindschar-Gebirge, im Norden Iraks uberfielen und in Schutt und Asche IS-Terroristen hatten es auf die jesidische Bevolkerung abgesehen. Junge, unverheiratete Madchen und Frauen wurden verschleppt und zur Ehe mit IS-Kampfern gezwungen. Shirin war eines dieser wurde mehrfach zwangsverheiratet, wurde von ihren eigenen,,Ehemannern" misshandelt. Der Willkur dieser fremden Manner ausgesetzt versuchte sie sich in ihrer Ausweglosigkeit selbst zu strangulieren. Sie wurde,,gerettet" und in die Bewusstlosigkeit geprugelt. In ihrem Glauben und in der Liebe zu ihrer Mutter fand sie den Ruckhalt, den Zumutungen der Gefangenschaft zu trotzen und weiter zu leben. Von ihrem funften,,Mann" wurde sie schwanger. Mit einem Stein fuhrte sie heimlich und allein unter unertraglichen Schmerzen eine Abtreibung durch. Schliesslich konnte sie mithilfe ihres neunten und letzten Mannes, einem Sunniten, entkommen und sich in ein Fluchtlingslager retten. Dort traf sie zum ersten Mal auf den Psychologen Jan Kizilhan, der sie nach Deutschland brachte. Hier erzahlte sie der Autorin Alexandra Cavelius ihre Geschichte. Nach einem mehrtagigen Interview bringt diese in Zusammenarbeit mit Kizilhan die Erlebnisse der jungen Jesidin zu lasst Shirin aus der,,Ich"-Perspektive erzahlen und lasst uns so unmittelbar an deren Odyssee teilhaben. Jan Kizilhan erganzt Shirins Geschichte um Erlebnisse von weiteren Uberlebenden, die er aus der Sicht des Traumatologen und Psychologen spiegelt. Mit zusatzlichen Kommentaren zum IS-Terror aber auch zur Religionsgemeinschaft der Jesiden bietet er den sachlichen Hintergrund zu Shirins emotionalen international anerkannte Experte koordinierte von Februar 2015 bis Januar 2016 ein Programm, in dessen Rahmen etwa 1100 jesidische Frauen und Kinder, die dem Grauen des IS entkommen konnten, eine Zuflucht in Baden-Wurttemberg gewahrt wird. Auch Shirin lebt heute an einem Ort im Suden Deutschlands. Mit ihren traumatischen Erlebnissen hat sie noch immer zu kampfen. Europa Verlag, Berlin, Munchen, zweitausendsechzehn dreihundertachtundsechzig Seiten. 18,99EUR Nizaqete Bislimi mit Beate RygiertDurch die Wand Von der Asylbewerberin zur Rechtsanwaltin Als der Kosovo-Krieg und die zunehmende Diskriminierung von Minderheiten die Menschen zur Flucht zwingt, entschliesst sich eintausendneunhundertdreiundneunzig auch die Familie Bislimi ihre Heimat zu verlassen. Da der Vater als Reservist dem Militardienst verpflichtet ist, mussen die 14-jahrige Nizaqete, ihre Geschwister und ihre Mutter zunachst ohne ihn die Reise ins Ungewisse aufnehmen. Bislimis Mutter ist Romni, der Vater Hashkali, Volksgruppen, die unter der herabwurdigenden Fremdbezeichnung,,Zigeuner" bekannt sind. Aus Angst vor Repressalien verschweigen sie auf ihrer Flucht ihre Herkunft. Nizaqete wird noch lange mit ihren Wurzeln hadern. Erst 1999 wird ihr bewusst, wie stolz sie auf diese sein kann und beginnt sich mit ihrer eigenen Identitat auseinanderzusetzen. Im fremden Deutschland werden die Bislimis uber vierzehn Jahre als "Geduldete" ausharren. Nizaqete wird dennoch 1999 als eine der drei Jahrgangsbesten das Abitur absolvieren und allen Widrigkeiten zum Trotz Jura studieren. Sie wird an der Ruhr Universitat Bochum angenommen, da hier ihr Aufenthaltsstatus als Geduldete zweitrangig ist. Da ihr aber eine Unterstutzung durch das BafoG verwehrt bleibt, halt sie sich mit drei Nebenjobs uber Wasser. Fur ihre Stelle als Kellnerin in einem italienischen Cafe lernt sie eigens italienisch. Taglich muss sie zwischen dem Aufenthaltsort der Familie und der Uni pendeln, denn ihr Status als,,Geduldete" gebietet ihr Residenzpflicht. Nizaqete halt aber durch. Der Wille das Recht, des Staates zu studieren, der sich gegen die Aufnahme ihrer Familie so sehr sperrt, beflugelt sie. Endlich, nach ihrem ersten Staatsexamen, wird ihr eine Aufenthaltsgenehmigung aus humanitaren Grunden bewilligt. Heute ist Nizaqete Bislimi deutsche Staatsburgerin. Sie ist Anwaltin in der Essener Rechtsanwaltskanzlei, die einst ihre Familie vertreten hatte und ist Erste Vorsitzende des,,Bundes Roma Verbands e.V.". Als Vorbild mochte die nicht gesehen werden. Jedoch mochte sie mit ihrem Beispiel die Unsicherheit, die Unsichtbarkeit und das fehlende Selbstbewusstsein ihrer Volksgruppe abbauen. Roma und Sinti sollen sich nicht durch Diskriminierungen in Opferrollen drangen lassen. Mit ihrer Biographie gelingt es der Autorin das vorurteilsbehaftete Bild der Roma und Sinti in der Bevolkerung zurecht zu rucken. Patu; Antje SchruppKleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext Fur ihren Streifzug durch den Feminismus hat das Autorinnen-Duo eine eher ungewohnliche, aber anschauliche und pointierte Darstellungsform ausgesucht: die Graphic Novel. Mit Eva und Adam steigen sie ein, setzen mit der Antike fort, um am Ende ihrer Reise schliesslich beim,,Third Wave Feminism" in der Gegenwart anzukommen. Dabei portratieren sie mehr oder weniger bekannte Frauen, Protagonistinnen, die unbeirrt ihre Sache verfochten haben. Ob Philosophin, Kunstlerin, Wissenschaftlerin, Ordensfrau oder Aktivistin: Sie alle hatten gegen eine mannlich dominierte Gedanken- und Wertewelt anzukampfen, manche bezahlten fur das Einstehen fur ihre Vorstellungen mit ihrem Leben: So wurde im vier Jahrhundert die Mathematikerin Hypathia von christlichen Fanatikern in Alexandria ermordet. Die franzosische Frauenrechtlerin Marie Gouze, uns bekannter unter dem Kunstlernamen Olympe de Gouges, starb fur ihre Ideen unter der Guillotine. Mit der Lehrerin und Philosophin Mary Wollstonecraft treffen wir auf die erste Feministin, die herausstellte, dass die Unterschiede zwischen Frauen und Mannern von der Gesellschaft hervorgebracht werden und nicht auf,,naturliche" Ursachen zuruckfuhrbar sind. Und naturlich durfen wir Simone de Beauvoir zuhoren, wahrend sie uber das,,andere" Geschlecht nachdenkt, oder Angela Davis, der Verfasserin von "Women, Race and Class". Schon ist, dass auch weniger prominente Personlichkeiten wie die Wanderpredigerin und ehemalige Sklavin Sojourner Truth (1798-1883) zu Wort kommen. In ihren Reden thematisierte sie die positive Diskriminierung von Frauen und den Rassismus in burgerlichen Geschlechterrollen. Mit den vorgestellten Frauen kommt auch die Vielfalt ihrer - sich oft auch widersprechenden - Sichtweisen, ihrer Forderungen zutage, werden die Umrisse wichtiger feministischer Debatten sichtbar, eingebettet im jeweiligen historischen stritten die deutschen Frauenrechtlerinnen um 1900 uber die Stellung der Frau und die Einfuhrung des Frauenwahlrechts. Dennoch konnen diese gezielt gesetzten Schlaglichter auf achtundachtzig Seiten nicht alle Verastelungen der frauenbewegten Geschichte einfangen. Aber in einer zweiten - vorgesehenen - Auflage sollen diese Leerstellen behoben werden. Diese Graphic Novel weiss nicht nur durch die Wahl der Portratierten zu uberzeugen, sondern kann, erganzt durch die klugen, konzentrierten Kommentare, als,,Herstory" fur Eilige empfohlen werden. Mit den sogenannten Mohammed-Karikaturen, den Fallen von Ehren-"Mord",Zwangsheirat oder weiblicher Genitalverstummelung werden immer wieder Sachverhalte vor Gericht verhandelt, denen eine eindeutige kulturelle und religiose Dimension anhaftet. Diese Dimension kann sich aber durchaus auf juristische Urteile auswirken. Prinzipiell konnen Glaubens- und Gewissensgrunde im Strafrecht Berucksichtigung finden und unter Umstanden strafmildernd wirken: Religions- und Gewissensfreiheit stehen durch das Grundgesetz unter besonderem Schutz. Werden hierdurch aber nicht andere zentrale Prinzipien wie die Neutralitatspflicht des Rechtsstaates ausser Kraft gesetzt? Und gibt es weiteren gesetzlichen Handlungsbedarf? Die vorliegende Dissertation beleuchtet diesen Konflikt ausfuhrlich anhand von Fallkonstellationen und diskutiert das Thema im Hinblick auf bisherige Urteile sowie strafrechtsdogmatische und rechtspolitische Gesichtspunkte. Im Eingangskapitel werden zunachst zentrale Begriffe wie Kultur und Religion den anfangs genannten Fallen, handelt Steffen in je eigenen Kapiteln auch Themen ab, wie die,,Totalverweigerung" von Wehr- und Zivildienst oder die Ablehnung von lebensnotwendigen Bluttransfusionen aus Glaubens- und einzelnen Kapitel beginnt die Autorin mit generellen Uberlegungen zur juristischen Praxis und den abzuwagenden Rechtsgutern, woraufhin sie sich den konkreten Fallgestaltungen widmet. Abschliessend beschaftigt sich die Autorin mit prozessualen Besonderheiten. Sie macht deutlich, wie die Berucksichtigung besonderer kultureller und religioser Hintergrunde dem ungehinderten Ablauf des Verfahrens dienlich sein "Ehren"-Morden z.B. wurde das gesamte Verfahren haufig an den Zeugenaussagen hangen. Diese wurden sich aber aufgrund einer ausgepragten Ehrkultur eher mit dem Tater solidarisieren und sogar eine Falschaussage in Kauf nehmen. In solchen Fallen kann der Verzicht auf eine offentliche Befragung der Zeugen bei der Wahrheitsfindung ausschlaggebend sein. Steffen analysiert die diffizilen Sachverhalte differenziert und gleichzeitig nachvollziehbar. Sie verzichtet dabei aber nicht darauf, sie gegeneinander abzuwagen und zu einem eignen Standpunkt zu gelangen. Sie macht unmissverstandlich deutlich, dass es Mindeststandards fur friedliches Zusammenleben geben muss, und dass eine Berucksichtigung religioser und kultureller Anschauungen die Ausnahme bleiben sollte. Das macht dieses Buch zu einem besonderen Wegweiser fur die Arbeit im Bereich der Menschenrechte. Steffens Dissertation ist gerade im Hinblick auf die Themen Zwangsheirat,,,Ehren-"Mord und Genitalverstummelung ein unerlassliches Fachbuch im Engagement fur : Sermin Guven Neuanschaffungen zweitausendsiebzehn Jodi BieberReal BeautyBildband ( Deutsch/Englisch) Die Modeindustrie sowie die Medien verbreiten seit Jahrzehnten ein weibliches Schonheitsideal, das der Realitat ferner nicht sein konnte: schlank und makellos. Auf einer Reise von London nach Paris begegnet Jodi Bieber einem jungen Fotomodel. Sie erzahlt Jodi wie exzessiv Photoshop eingesetzt wird, um Aufnahmen zu,,korrigieren", das Ergebnis hat danach nur noch wenig mit der Realitat gemein. Die Modeindustrie gibt ein Ideal vor, das ohne Retusche schlichtweg nicht erreichbar ist. Das beeinflusst die Korperwahrnehmung von Madchen und Frauen. In einem BBC-Radiobeitrag den Jodi Bieber horte, wurde berichtet, dass in Sudafrika die Zahl magersuchtiger schwarzer Frauen zugenommen hat. Nicht mehr fulligere Frauenkorper sind dort en vogue, sondern dunne Korper, nach westlichem Vorbild. Dieser Radiobeitrag ist es schliesslich, der die Kunstlerin dazu bewegt das Fotoprojekt,,Real Beauty" umzusetzen. Damit mochte sie einen Kontrapunkt setzen zu dem, was Medien als,,schon" deklarieren. Deshalb wurde auch ausdrucklich kein Bild durch Photoshop verandert. Der Bildband zeigt Frauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten Sudafrikas so wie sie sind, mit mehr oder weniger Kilos, jungere und altere Korper, mit viel oder wenig Cellulite. Abgelichtet werden die Frauen in ihren eigenen Wohnungen. Ihre Pose konnen alle frei wahlen, dadurch will die Fotografin die Personlichkeit und die Fantasie der Frauen in das Bild projizieren. Schonheit ist vielfaltig und wird in den verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich interpretiert: das ist die Botschaft, die Jodie Bieber transportieren will. Weg von stilisierten, puppenhaften Bildern hin zu echten, ehrlichen Darstellungen, dahin soll die gesellschaftliche Entwicklung gehen und dieser Bildband ist ein Anstoss dazu. Jodi Biebers Arbeit tragt damit zum bewussten Wahrnehmen eines realen Korperempfindens bei, welches viele Madchen und Frauen im Zuge des vorherrschenden unechten Schonheitsideals verloren haben. Besprechung: Sophie Schuster Pagina Verlag, Goch zweitausendvierzehn einhundertsieben Seiten. 34,90 EUR

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