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„Zukunft Europas": Was normale Menschen für wichtig halte

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10 Minutes, 48 Seconds

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Dein Artikel ist in deutscher Sprache geschrieben

Haupt Schlagwort (Thema des Artikels):    

Umwelt,politik

Neben Schlagwort (Nuance des Textes):    

Umwelt,politik

Hauptthemen des einzigartigen Inhaltes:    

Bürger ✓ Zukunft ✓ Themen ✓ Plenum ✓ innen ✓ Gruppe ✓ Land ✓ Schließlich ✓ Sprachwirrwarr ✓ Umwelt ✓ Straßburg ✓ Nationen ✓ Gesundheit ✓ Parlament ✓ Personen

Zusammenfassung:    

Auf die Frage ins Plenum, wem es genauso ging, schnellen fast alle Arme hoch: Dass ihnen telefonisch angeboten wurde, ihr Land in der EU zu repräsentieren, hielt anfangs kaum eine:r für glaubwürdig. Der Wunsch der Moderatorin Magdalena aus Warschau, „jedes Problem in einen konkreten, knappen Satz zu fassen, damit wir Bürger:innen eine klare Botschaft an die Politik senden können, gelingt unserer Gruppe ebenso wenig wie den anderen. Tatsächlich habe ich im Bürgerforum ein tiefes Verständnis dafür entwickelt, wie schwierig es ist, unterschiedliche Meinungen und Lebenserfahrungen aufzunehmen, zu diskutieren und zu einem Konsens zu kommen – insbesondere weil sich nicht jedes Detail gleichwertig in 24 Sprachen übersetzen lässt, sondern immer geringfügig anders empfunden wird.

Artikel Inhalt:    

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Unsere Autorin gehört zu den zufälligen Ausgewählten. Sie berichtet von der „Konferenz zur Zukunft Europas“. Vom kleinen Malta über das durchschnittlich große Rumänien bis hin zum großen Deutschland anteilig jeweils mindestens eine Frau und ein Mann ihr Land im „Bürgerforum Europa“. „Als ich einen angeblichen Anruf von der EU bekam, hielt mich das für einen Scherz“, erzählt Jess aus Spanien. Nach dem Zufallsprinzip wurden Handy- und Festnetznummern angerufen. Schließlich wurden 800 Bürgerinnen und Bürger ausgewählt, vier Gruppen zu je 200 Personen, ausgewogen nach Land, Geschlecht, Bildungsgrad und Alter – darunter ein Drittel aus der Altersgruppe 16 bis 25, denn es geht ja um die Zukunft Europas. Während der Sitzungen des Europäischen Parlaments übersetzte Irgendwo in Europa etwa 100 Dolmetscher online. Dabei sprachen jedes im Plenum oder in den Arbeitsgruppen Deutsch nach Portugiesisch oder Estnisch nach Griechisch. In den nächsten zwei Tagen zieht sich eine englischsprachige Gruppe durch das Parlament. Kleinere Sprachgruppen werden dabei via Englisch zwei Mal übersetzt. Die ausgewählten 800 Personen teilen sich in vier Gruppen zu 200 Personen auf, in denen jeweils einer von vier Themenbereichen zugewiesen wurde: Wirtschaft/Soziales/Kultur, Demokratie/Recht/Sicherheit, Umwelt/Gesundheit und Welt/Migration. In gebührendem Corona-Abstand zu mir sitzen im Straßburger Parlament eine etwa 30-jährige dänische Landwirtin und eine gerade pensionierte Übersetzerin aus Luxemburg. Beide nickten zustimmen, als die Italienerin Antonella sagte: „Ich bin so glücklich, hier zu sein! Es ist mir wichtig, dass meine Stimme zählt“. Eigentlich jede Person, die ich danach frage, wie wichtig die EU sei – ob sie aus reicheren oder ärmeren, zentralen oder randständigen EU-Staaten kommen. Zwischen vielen Erläuterungen und emotionalen Absichtserklärungen plätschert die Veranstaltung vor sich hin. Abends bringen wir Ausflugsboote im Sonnenuntergang über den Fluss Ill zu einem gemeinsamen Essen in der wunderschönen Straßburger Altstadt. Javier, unser spanischer Gruppenleiter, begrüßt drei Landsleute sowie Italiener, Dänen und Deutsche. In einem kleinen Plenarsaal bilden wir mit Podium und ersten Sitzreihen eine Art Tischrunde, denn jedem muss ja Zugang zu Kopfhörer und Mikrofon haben – doch die riesigen Pulte und Abstände verhindern eine persönliche Gesprächsatmosphäre. Gemeinsamkeit, Umweltschutz und Rechtssicherheit machen uns weltweit stark. Europa muss mit seinen Unterschieden funktionieren, betont die Däne Troels und warnt vor weiteren Exits. Griechenland, Litauen und Rumänien haben sich vehement für das Thema Umwelt und Gesundheit ausgesprochen. Im Plenum halten sieben Wissenschaftler Impulsvorträge zum Thema. Einige EU-Parlamentarier kritisierten den Kurzstreckenflug einer Warschauerin von Frankfurt nach Basel: 300 Kilometer gen Süden, dann 150 Kilometer per Bus zurück ins nördliche Straßburg. Der Prozess Vier Bürgerforen mit jeweils 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern kommt zwischen September 2021 und Januar 2022 mehrfach zusammen, um über die Zukunft Europas zu diskutieren und Empfehlungen für die Politik zu entwickeln. Die insgesamt 800 Personen wurden per Zufalls-Generator ausgewählt. Für jedes Land sind mindestens eine Frau und ein Mann dabei. Die Bürgerforen werden mit einer mehrsprachigen digitalen Plattform und Veranstaltungen auf nationaler oder europäischer Ebene begleitet. Saalbedienstete in Frack, Fliege und überdimensionierter Kette vor dem Bauch in die Säle für die jeweilige Arbeitsgruppe. Sie verleihen dem Parlament ein würdevolles Ambiente und wirken dennoch unter den vielen jungen Menschen etwas aus der Zeit gefallen. In einer an die Wand geworfenen Tabelle sammeln wir Vorschläge – automatisch von einem Programm übersetzt in der Sprache unserer Gruppe. Dabei kommt es zu Missverständnissen und Verwirrungen. So wird etwa aus dem spanischen Gesundheitssystem „sistema sanitario“ über das englische „sanitary system“ im Deutschen die „Toilettenanlage“ gesprochen. Solche Sprachholperer erschweren die Diskussion; in den Übersetzungen gehen Feinheiten der Formulierung ebenso verloren wie hör- und sichtbare Emotionen der Sprecher:innen. Dabei kommen für meinen Eindruck komplexere Themen, wie etwa die Digitalisierung im Gesundheitswesen, zu kurz – nicht zuletzt, weil wir alle keine Fachleute sind. In anderen Gruppen gab es heftige Diskussionen und Einzelne, die Themen und Redezeiten für sich besetzt. Die jungen GruppenleiterInnen aus der ganzen EU werten in einer Nachtschicht die ausgewählten Schwerpunktthemen aus und führen sie zusammen. Um drei Uhr am Sonntagmorgen steht schließlich eine Übersichtsfassung an Themen zu Gesundheit und Umwelt, die uns am nächsten Sitzungswochenende beschäftigen werden. Im Abschlussplenum wird das weitere Vorgehen besprochen. Ein kompliziertes Gremium aus EU-Parlament, Rat, Kommission, Vertretung der Länder sowie des Bürgerrats. Freiwillige für die zeitaufwendigen weiteren fünf Wochenenden finden wir immerhin. Immerhin müssen sie dafür zumindest den Freitag freinehmen. Aber zu meinem Erstaunen melden sich mehr Interessierte als nötig, sodass gelost werden muss. Androulla aus Zypern strahlte: „Ich habe in meinem Alter nicht mehr damit gerechnet, so viele Europäer kennenzulernen und für die Zukunft unserer Kinder zu arbeiten“. Maria von der Plenarversammlung berichtete auf ihrem nächsten Treffen: "Ich hatte mir zu viel versprochen, hatte mich wichtig gefühlt – aber wir waren eher Fremdkörper, viele Abgeordnete haben sich keine Zeit genommen und sind nicht auf unseren Alltag eingegangen". Die zweite Sitzung unseres Bürgerforums findet online statt. Etwa ein Drittel der Forumsmitglieder hatte in Straßburg angegeben, mit Web-Kommunikation keine Erfahrung zu haben. Sie steht ein Team zur Seite, und einige Wochen vorab werden Netzzugang, Audio und Video aller Teilnehmenden überprüft. Neben der Technik muss auch die Verdolmetschung funktionieren – eine wahre Herkulesaufgabe. Unsere Neunergruppe aus Estland, Schweden und Deutschland beschäftigte sich von den 75 im Oktober in Straßburg auf den Gebieten „gesunde natürliche Umgebung“ und „grundwasserschutz“, nachhaltige Wohnumgebung und Energieversorgung. Es kann immer nur eine:r reden und muss dann übersetzen. Magdalena aus Warschau hat beim dritten Expertise-Treffen angekündigt, jedes Problem in einem konkreten, knappen Satz zu fassen, damit wir Bürgerinnen und Bürger:innen eine klare Botschaft an die Politik senden können. Dabei trägt auch die Sprachverwirrung bei. 87 Prozent der Bürger sind zufrieden mit dem Wochenende, das wir vor den Bildschirmen verbracht haben. Aber fast alle betonen wie die junge Marieta aus Spanien: „Hoffentlich können wir, wie geplant, beim dritten Treffen im Januar in Warschau wieder von Angesicht zu Angesacht diskutieren“. Claudine Nierth für Bürgerräte kämpft Ludvig: "Das, was wir hier machen, ist sehr demokratisch, wir lernen viel über Politik". Das Bürgerforum hat ein Verständnis dafür entwickelt, wie schwierig es ist, unterschiedliche Meinungen und Lebenserfahrungen aufzunehmen, zu diskutieren und zu einem Konsens zu kommen. Artur aus Schweden erhofft sich von unserer finalen Sitzung im Januar „spezifische Vorschläge und ein Feedback der Entscheidungsträger“. Die Moderatorin versicherte, dass die Empfehlungen des Bürgerforums in der Plenarkonferenz getragen werden. Die Französin Maeva hofft, die EU und die Welt ein bisschen verändern zu können.
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https://www.fr.de/zukunft/storys/demokratie/eu-buergerforum-wie-normale-menschen-politik-machen-91154417.html

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